Vor Sonnenaufgang: Soziales Drama
Part 2
Hoffmann. Ach was, immer gleich müde -- sie macht mich unglücklich! Ein und eine halbe Stunde ... sie soll doch um Gottes Willen thun, was der Arzt sagt. Zu was hat man denn den Arzt, wenn ...
Helene. Dann greife Du ein, schaff' die Spillern fort! Was soll ich gegen so 'n altes Weib machen, die ihr immer nach dem Munde geht!
Hoffmann. Was denn? ... ich als Mann ... was soll ich als Mann? ... und außerdem, Du kennst doch die Schwiegermama.
Helene (bitter). Allerdings.
Hoffmann. Wo ist sie denn jetzt?
Helene. Die Spillern stutzt sie heraus, seit Herr Loth hier ist; sie wird wahrscheinlich zum Abendbrod wieder ihr Rad schlagen.
Hoffmann (schon wieder in eigenen Gedanken, macht einen Gang durch's Zimmer; heftig). Es ist das letzte Mal, auf Ehre!, daß ich so etwas hier in diesem Hause abwarte. Auf Ehre!
Helene. Ja, Du hast es eben gut, Du kannst gehen, wohin Du willst.
Hoffmann. Bei mir zu Hause wäre der unglückliche Rückfall in dies schauderhafte Laster auch _sicher nicht_ vorgekommen.
Helene. _Mich_ mache dafür nicht verantwortlich! Von _mir_ hat sie den Branntwein nicht bekommen. Schaff' Du nur die Spillern fort. Ich sollte bloß 'n Mann sein.
Hoffmann (seufzend). Ach, wenn es nur erst wieder vorüber wär'! -- (In der Thür rechts.) Also Schwägerin, Du thust mir den Gefallen: einen recht appetitlichen Abendtisch! Ich erledige schnell noch eine Kleinigkeit.
Helene (drückt auf den Klingelknopf, Miele kommt). Miele, decken Sie den Tisch! Eduard soll Sekt kalt stellen und vier Dutzend Austern öffnen.
Miele (unterdrückt, batzig). Sie kinn'n 's 'm salber sagen, a nimmt nischt oa vu mir, a meent immer: a wär ok beim Inschinnär gemit't.
Helene. Dann schick ihn wenigstens rein.
Miele ab. Helene tritt vor den Spiegel, ordnet dies und das an ihrer Toilette; währenddeß tritt Eduard ein.
Helene (immer noch vor dem Spiegel). Eduard, stellen Sie Sekt kalt und öffnen Sie Austern! Herr Hoffmann hat es befohlen.
Eduard. Sehr wohl, Fräulein. (Eduard ab. Gleich darauf klopft es an die Mittelthür.)
Helene (fährt zusammen). Großer Gott! -- (Zaghaft.) Herein! -- (lauter und fester) -- herein!
Loth (tritt ein ohne Verbeugung). Ach, um Verzeihung! -- ich wollte nicht stören, -- mein Name ist Loth.
Helene (verbeugt sich tanzstundenmäßig).
Stimme Hoffmann's (durch die geschlossene Zimmerthür): Kinder! keine Umstände! -- Ich komme gleich heraus. Loth! es ist meine Schwägerin Helene Krause! Und Schwägerin! es ist mein Freund Alfred Loth! Betrachtet Euch als vorgestellt.
Helene. Nein, über Dich aber auch!
Loth. Ich nehme es ihm nicht übel, Fräulein! Bin selbst, wie man mir sehr oft gesagt hat, in Sachen des guten Tons ein halber Barbar. -- Aber wenn ich Sie gestört habe, so ...
Helene. Bitte, -- Sie haben mich gar nicht gestört, -- durchaus nicht. (Befangenheitspause, hierauf:) Es ist ... es ist schön von Ihnen, daß -- Sie meinen Schwager aufgesucht haben. Er beklagt sich immer von ... er bedauert immer, von seinen Jugendfreunden so ganz vergessen zu sein.
Loth. Ja, es hat sich zufällig so getroffen. -- Ich war immer in Berlin und daherum -- wußte eigentlich nicht, wo Hoffmann steckte. Seit meiner Breslauer Studienzeit war ich nicht mehr in Schlesien.
Helene. Also nur so zufällig sind Sie auf ihn gestoßen?
Loth. Nur ganz zufällig -- und zwar gerade an dem Ort, wo ich meine Studien zu machen habe.
Helene. Ach, Spaß! -- Witzdorf und Studien machen, nicht möglich! in diesem armseligen Neste?!
Loth. Armselig nennen Sie es? -- Aber es liegt doch hier ein ganz außergewöhnlicher Reichthum.
Helene. Ja doch! in der Hinsicht ...
Loth. Ich habe nur immer gestaunt. Ich kann Sie versichern, solche Bauernhöfe giebt es nirgendwo anders; da guckt ja der Ueberfluß wirklich aus Thüren und Fenstern.
Helene. Da haben Sie recht. In mehr als einem Stalle hier fressen Kühe und Pferde aus marmornen Krippen und neusilbernen Raufen! Das hat die Kohle gemacht, die unter unseren Feldern gemuthet worden ist, die hat die armen Bauern im Handumdrehen steinreich gemacht. (Sie weist auf das Bild an der Hinterwand.) Sehen Sie da -- mein Großvater war Frachtfuhrmann. Das Gütchen gehörte ihm, aber der geringe Boden ernährte ihn nicht, da mußte er Fuhren machen. -- Das dort ist er selbst in der blauen Blouse -- man trug damals noch solche blaue Blousen. -- Auch mein Vater als junger Mensch ist darin gegangen. -- Nein! -- so meinte ich es nicht -- mit dem »armselig«; nur ist es so öde hier. So ... gar nichts für den Geist giebt es. Zum Sterben langweilig ist es.
Miele und Eduard ab- und zugehend decken den Tisch rechts im Hintergrunde.
Loth. Giebt es denn nicht zuweilen Bälle oder Kränzchen?
Helene. Nicht mal das giebt es. Die Bauern _spielen_, _jagen_, _trinken_ ... was sieht man den ganzen Tag? (Sie ist vor das Fenster getreten und weist mit der Hand hinaus.) Hauptsächlich solche Gestalten.
Loth. Hm! Bergleute.
Helene. _Welche_ gehen zur Grube, _welche_ kommen von der Grube: das hört nicht auf. -- Wenigstens ich sehe _immer_ Bergleute. Denken Sie, daß ich alleine auf die Straße mag? Höchstens auf die Felder, durch das Hinterthor. Es ist ein _zu_ rohes Pack! -- Und wie sie einen immer anglotzen, so schrecklich finster -- als ob man geradezu was verbrochen hätte.
Im Winter, wenn wir so manchmal Schlitten gefahren sind und sie kommen dann in der Dunkelei in großen Trupps über die Berge, im Schneegestöber und sie sollen ausweichen, da gehen sie vor den Pferden her und weichen nicht aus. Da nehmen die Bauern manchmal den Peitschenstiel, anders kommen sie nicht durch. Ach, und dann schimpfen sie hinterher. Hu! ich habe mich manchmal so entsetzlich geängstigt.
Loth. Und nun denken Sie an: gerade um dieser Menschen willen -- vor denen Sie sich so sehr fürchten, bin ich hierher gekommen.
Helene. Nein aber ...
Loth. Ganz im Ernst, sie interessiren mich hier mehr als alles Andere.
Helene. Niemand ausgenommen?
Loth. Nein.
Helene. Auch mein Schwager nicht ausgenommen?
Loth. Nein! -- Das Interesse für diese Menschen ist ein ganz anderes, -- höheres ... verzeihen Sie, Fräulein! Sie können das am Ende doch wohl nicht verstehen.
Helene. Wieso nicht? Ich verstehe Sie sehr gut, Sie ... (Sie läßt einen Brief aus der Tasche gleiten, Loth bückt sich darnach.) Ach, lassen Sie ... es ist nicht wichtig, nur eine gleichgültige Pensionskorrespondenz.
Loth. Sie sind in Pension gewesen?
Helene. Ja, in Herrnhut. Sie müssen nicht denken, daß ich ... nein, nein, ich verstehe Sie schon.
Loth. Ich meine, die Arbeiter interessieren mich um ihrer selbst willen.
Helene. Ja, freilich, -- es ist ja sehr interessant ... so ein Bergmann ... wenn man's so nehmen will ... Es giebt ja Gegenden, wo man gar keine findet, aber wenn man sie so täglich ...
Loth. Auch wenn man sie täglich sieht, Fräulein ... Man muß sie sogar täglich sehen, um das Interessante an ihnen herauszufinden.
Helene. Nun, wenn es _so schwer_ herauszufinden ... was ist es denn dann? das Interessante mein ich.
Loth. Es ist zum Beispiel interessant, daß diese Menschen, wie Sie sagen, immer so gehässig oder finster blicken.
Helene. Wieso meinen Sie, daß das besonders interessant ist?
Loth. Weil es nicht das Gewöhnliche ist. Wir anderen pflegen doch nur zeitweilig und keineswegs immer so zu blicken.
Helene. Ja, weshalb _blicken_ sie denn nur immer so ... so gehässig, so mürrisch? Es muß doch einen Grund haben.
Loth. Ganz recht! und _den_ möchte ich gern herausfinden.
Helene. Ach _Sie_ sind! Sie lügen mir was vor. Was hätten Sie denn davon, wenn Sie das auch wüßten?
Loth. Man könnte vielleicht Mittel finden, den Grund, warum diese Leute immer so freudlos und gehässig sein müssen, wegzuräumen; -- man könnte sie vielleicht glücklicher machen.
Helene (ein wenig verwirrt). Ich muß Ihnen ehrlich sagen, daß ... aber gerade jetzt verstehe ich Sie doch vielleicht ein ganz klein wenig. -- Es ist mir nur ... nur so ganz _neu_, _so -- ganz_ -- neu!
Hoffmann (durch die Thüre rechts eintretend. Er hat eine Anzahl Briefe in der Hand). So! da bin ich wieder. -- Eduard! daß die Briefe noch vor 8 auf der Post sind. (Er händigt dem Diener die Briefe ein, der Diener ab.)
So, Kinder! jetzt können wir speisen. -- Unerlaubte Hitze hier! September und solche Hitze! (Er hebt den Champagner aus dem Eiskübel.) Veuve Cliquot: Eduard kennt meine stille Liebe. (Zu Loth gewendet.) Habt ja furchtbar eifrig disputirt. (Tritt an den fertig gedeckten, mit Delicatessen überladenen Abendtisch, reibt sich die Hände.) Na! das sieht ja recht gut aus! (Mit einem verschmitzten Blick zu Loth hinüber.) Meinst Du nicht auch? -- Uebrigens, Schwägerin! wir bekommen Besuch: Kahl-Wilhelm. Er war auf dem Hof.
Helene (macht eine ungezogene Geberde).
Hoffmann. Aber Beste! Du thust fast, als ob ich ihn ... was kann denn ich dafür? Hab ich ihn etwa _gerufen_? (Man hört schwere Schritte draußen im Hausflur.) Ach! das Unheil schreitet schnelle.
Kahl tritt ein, ohne vorher angeklopft zu haben. Er ist ein vierundzwanzigjähriger, plumper Bauernbursch, dem man es ansieht, daß er, so weit möglich, gern den feinen, noch mehr aber den reichen Mann herausstecken möchte. Seine Gesichtszüge sind grob, der Gesichtsausdruck vorwiegend dumm-pfiffig. Er ist bekleidet mit einem grünen Jaquet, bunter Sammtweste, dunklen Beinkleidern und Glanzlack-Schaftstiefeln. Als Kopfbedeckung dient ihm ein grüner Jägerhut mit Spielhahnfeder. Das Jaquet hat Hirschhornknöpfe, an der Uhrkette Hirschzähne etc. Stottert.
Kahl. Gun'n Abend mi'nander! (Er erblickt Loth, wird sehr verlegen und macht stillstehend eine ziemlich klägliche Figur.)
Hoffmann (tritt zu ihm und reicht ihm die Hand aufmunternd). Guten Abend, Herr Kahl!
Helene (unfreundlich). Guten Abend.
Kahl (geht mit schweren Schritten quer durch das ganze Zimmer auf Helene zu und giebt ihr die Hand). 'n Abend och, Lene.
Hoffmann (zu Loth). Ich stelle Dir hiermit Herrn Kahl vor, unseren Nachbarssohn.
Kahl (grinst und dreht den Hut. Verlegenheitsstille.)
Hoffmann. Zu Tisch Kinder! Fehlt noch Jemand? Ach, die Schwiegermama. Miele! bitten Sie Frau Krause zu Tische.
Miele ab durch die Mittelthür.
Miele (draußen im Hausflur schreiend): Frau!! -- Frau!! Assa kumma! Sie sill'n assa kumma!
Helene und Hoffmann blicken einander an und lachen verständnißinnig, dann blicken sie vereint auf Loth.
Hoffmann (zu Loth). Ländlich, sittlich!
Frau Krause erscheint, furchtbar aufgedonnert. Seide und kostbarer Schmuck. Haltung und Kleidung verrathen Hoffahrt, Dummstolz, unsinnige Eitelkeit.
Hoffmann. Ah! da ist Mama! -- Du gestattest, daß ich Dir meinen Freund Dr. Loth vorstelle.
Frau Krause (macht einen undefinirbaren Knix). Ich bin so frei! (Nach einer kleinen Pause.) Nein, aber auch, Herr Doktor, nahmen Sie mir's ock bei Leibe nicht ibel! Ich muß mich zuerscht muß ich mich vor Ihn'n vertefentiren, -- (sie spricht je länger, um so schneller) -- vertefentiren wegen meiner vorhinigten Benehmigung. Wissen Se, verstihn Se, es komm' ein der Drehe bei uns eine so ane grußmächtige Menge Stremer .... Se kinn's ni gleba, ma hoot mit dan Battelvulke seine liebe Noth. A su enner, dar maust akrat wie a Ilster. Uf da Pfennig kimmt's ins ne ernt oa, ne ock ne, ma braucht a ni dreimol rimzudrehn, an ken'n Thoaler nich, ebb ma'n ausgibbt. De Krausa-Ludwig'n, _die_ iis geizig, schlimmer wie a Homster egelganz, di ginnt ke'm Luder nischt. Ihrer is gesturba aus Arjer, weil a lumpigte zwetausend ei Brassel verloern hoot. Ne, ne! a su sein mir dorchaus nicht. Sahn Se, doas Buffett kust't mich zwehundert Thoaler, a Transpurt ni gerechnet; na, d'r Beron Klinkow keans au ne andersch honn.
_Frau Spiller_ ist kurz nach Frau Krause ebenfalls eingetreten. Sie ist klein, schief und mit den zurückgelegten Sachen der Frau Krause herausgestutzt. Während Frau Krause spricht, hält sie mit einer gewissen Andacht die Augen zu ihr aufgeschlagen. Sie ist etwa fünfundfünfzig Jahre alt; ihr Ausathmen geschieht jedesmal mit einem leisen Stöhnen, welches auch, wenn sie redet, regelmäßig wie--m--hörbar wird.
Frau Spiller (mit unterwürfigem, wehmüthig geziertem _moll_-Ton, sehr leise). Der Baron Klinkow haben genau dasselbe Buffet--m--.
Helene (zu Frau Krause). Mama! wollen wir uns nicht erst setzen, dann .....
Frau Krause (wendet sich blitzschnell und trifft Helene mit einem vernichtenden Blick; kurz und herrisch). _Schickt sich doas?_ (Frau Krause, im Begriff sich zu setzen, erinnert sich, daß das Tischgebet noch nicht gesprochen ist und faltet mechanisch, doch ohne ihrer Bosheit im Uebrigen Herr zu sein, die Hände.)
Frau Spiller (spricht das Tischgebet).
Komm, Herr Jesu, sei unser Gast. Segne, was du uns bescheeret hast. Amen.
Alle setzen sich mit Geräusch. Mit dem Zulangen und Zureichen, welches einige Zeit in Anspruch nimmt, kommt man über die peinliche Situation hinweg.
Hoffmann (zu Loth). Lieber Freund, Du bedienst Dich wohl?! Austern?
Loth. Nun, will probiren. Es sind die ersten Austern, die ich esse.
Frau Krause (hat soeben eine Auster geschlürft. Mit vollem Mund.) In dar Seisong, mein'n Se woll?
Loth. Ich meine _überhaupt_.
Frau Krause und Frau Spiller wechseln Blicke.
Hoffmann (zu Kahl, der eine Citrone mit den Zähnen auspreßt). Zwei Tage nicht gesehen, Herr Kahl! Tüchtig Mäuse gejagt in der Zeit?
Kahl. N... n.. ne!
Hoffmann (zu Loth). Herr Kahl ist nämlich ein leidenschaftlicher Jäger.
Kahl. D.. d. die M.. mm.. maus, das ist 'n in... in.. infamtes Am.. am.. amf ff.. fibium.
Helene (platzt heraus). Zu lächerlich ist das, alles schießt er todt, Zahmes und Wildes.
Kahl. N.. nächten hab ich d.. d.. die alte Szss.. sau vu ins t.. todt g.. g.. geschossen.
Loth. Da ist wohl schießen Ihre Hauptbeschäftigung?
Frau Krause. Herr Kahl thut's ock bloßig zum Prifatvergnigen.
Frau Spiller. Wald, Wild, Weib pflegten Seine Exellenz der Herr Minister von Schadendorf oftmals zu sagen.
Kahl. I.. i.. iberm.. m.. murne hab'n mer T.. t.. tau.. t.. taubenschießen.
Loth. Was ist denn das: Taubenschießen?
Helene. Ach, ich kann so was nicht leiden; es ist doch nichts als eine recht unbarmherzige Spielerei. Ungezogene Jungens, die mit Steinen nach Fensterscheiben zielen, thun etwas Besseres.
Hoffmann. Du gehst zu weit, Helene.
Helene. Ich weiß nicht --, meinem Gefühl nach hat es weit mehr Sinn, Fenster einzuschmeißen, als Tauben an einem Pfahl festzubinden und dann mit Kugeln nach ihnen zu schießen.
Hoffmann. Na, Helene, -- man muß doch aber bedenken ....
Loth (irgend etwas mit Messer und Gabel schneidend). Es ist ein schandhafter Unfug.
Kahl. Um die p. poar Tauba ....!
Frau Spiller (zu Loth). Der Herr Kahl -- m --, müssen Sie wissen, haben zweihundert Stück im Schlage.
Loth. Die ganze Jagd ist ein Unfug.
Hoffmann. Aber ein unausrottbarer. Da werden zum Beispiel eben jetzt wieder fünfhundert lebende Füchse gesucht; alle Förster hier herum und auch sonst in Deutschland verlegen sich aufs Fuchsgraben.
Loth. Was macht man denn mit den vielen Füchsen?
Hoffmann. Sie kommen nach England, wo sie die Ehre haben, von Lord und Ladys gleich vom Käfig weg zu Tode gehetzt zu werden.
Loth. Muhamedaner oder Christ, Bestie bleibt Bestie.
Hoffmann. Darf ich Dir Hummer reichen, Mama?
Frau Krause. Meinswegen, ei dieser Seisong sind se sehr gutt!
Frau Spiller. Gnädige Frau haben eine so feine Zunge -- m --!
Frau Krause (zu Loth). Hummer ha'n Sie woll auch noch nich gegassen. Herr Dukter?
Loth. Ja, Hummer habe ich schon hin und wieder gegessen --, an der See oben, in Warnemünde, wo ich geboren bin.
Frau Krause (zu Kahl). Gell, Wilhelm, ma weeß wirklich'n Gott manchmal nich mee, was ma assen sull?
Kahl. J.. j.. ja, w.. w.. weeß ... weeß G.. Gott, Muhme.
Eduard (will Loth Champagner eingießen). Champagner.
Loth (hält sein Glas zu). Nein! ... danke!
Hoffmann. -- Mach' keinen Unsinn.
Helene. Wie, Sie trinken nicht?
Loth. Nein, Fräulein.
Hoffmann. Na, _hör'_ mal an: das ist aber doch ... das ist _lang_weilig.
Loth. Wenn ich tränke, würde ich noch langweiliger werden.
Helene. Das ist interessant, Herr Doktor.
Loth (ohne Tact). Daß ich langweiliger werde, wenn ich Wein trinke?
Helene (etwas betreten). Nein, ach nein, daß .... daß Sie nicht trinken ...., daß Sie überhaupt nicht trinken, meine ich.
Loth. Warum soll das interessant sein?
Helene (sehr roth werdend). Es ist .... ist nicht das Gewöhnliche. (Wird noch röther und sehr verlegen.)
Loth (tollpatschig). Da haben Sie recht, leider.
Frau Krause (zu Loth). De Flasche kust uns fufza Mark, Sie kinn' a dreiste trink'n. Direct vu Rheims iis a, mir satz'n Ihn gewiß nischt Schlechtes vier, mir mieja salber nischt Schlechtes.
Frau Spiller. Ach, glauben Sie mich, -- m --, Herr Doktor, wenn Seine Exellenz der Herr Minister von Schadendorf -- m -- so eine Tafel geführt hätten ....
Kahl. Ohne men'n Wein kennt ich nich laben.
Helene (zu Loth). Sagen Sie uns doch, warum Sie nicht trinken!
Loth. Das kann gerne geschehen, ich ....
Hoffmann. Ae, was! alter Freund! (Er nimmt dem Diener die Flasche ab, um nun seinerseits Loth zu bedrängen.) Denk' dran, wie manche hochfidele Stunde wir früher mit einander ...
Loth. Nein, bitte bemühe Dich nicht, es ...
Hoffmann. Trink _heut_ mal!
Loth. Es ist alles vergebens.
Hoffmann. Mir zu Liebe!
Hoffmann will eingießen, Loth wehrt ab; es entsteht ein kleines Handgemenge.
Loth. Nein! ... nein, wie gesagt ... nein! ... nein, danke.
Hoffmann. Aber _nimm_ mir's nicht übel ... das ist eine Marotte.
Kahl (zu Fr. Spiller). Wer nich will, dar hat schunn.
Frau Spiller (nickt ergeben).
Hoffmann. Uebrigens, des Menschen Wille ... und so weiter. So viel sage ich nur: ohne ein Glas Wein bei Tisch ...
Loth. Ein Glas Bier zum Frühstück ...
Hoffmann. Nun ja, warum nicht? Ein Glas Bier ist was sehr gesundes.
Loth. Ein Cognac hie und da ...
Hoffmann. Na, wenn man das nicht mal haben sollte ... zum Asceten machst Du mich nun und nimmer. Das heißt ja dem Leben allen Reiz nehmen.
Loth. Das kann ich nicht sagen. Ich bin mit den _normalen_ Reizen, die mein Nervensystem treffen, durchaus zufrieden.
Hoffmann. Eine Gesellschaft, die trockenen Gaumens beisammen hockt, ist und bleibt eine verzweifelt öde und langweilige --, für die ich mich im Allgemeinen bedanke.
Frau Krause. Bei a Adlijen wird doch auch a so viel getrunk'n.
Frau Spiller (durch eine Verbeugung des Oberkörpers ergebenst bestätigend). Es ist Schentelmen leicht viel Wein zu trinken.
Loth (zu Hoffmann). Mir geht es umgekehrt; mich _langweilt_ im Allgemeinen eine Tafel, an der _viel_ getrunken wird.
Hoffmann. Es muß natürlich mäßig geschehen.
Loth. Was nennst Du mäßig?
Hoffmann. Nun, ... daß man noch immer bei Besinnung bleibt.
Loth. Aaah! ... also Du giebst zu: die Besinnung ist im Allgemeinen durch den Alkohol-Genuß sehr gefährdet. -- Siehst Du! deshalb sind mir Kneiptafeln -- langweilig.
Hoffmann. Fürchtest Du denn, so leicht Deine Besinnung zu verlieren?
Kahl. Iiii..... i.. ich habe n. n. neulich ene Flasche Rrr... r... rü.. rüd.. desheimer, ene Flasche Sssssekt get.. t.. trunken. Oben drauf d.. d.. d.. dann nnoch eine Flasche B.. b... bordeaux, aber besuffen woar ich no n.. nich.
Loth (zu Hoffmann). Ach nein, Du weißt ja wohl, daß ich es war, der Euch nach Hause brachte, wenn Ihr Euch übernommen hattet. Ich hab immer noch die alte Bärennatur: nein, _deshalb_ bin ich nicht so ängstlich.
Hoffmann. Weshalb denn sonst?
Helene. Ja, warum trinken Sie denn eigentlich nicht? Bitte, sagen Sie es doch.
Loth (zu Hoffmann). Damit Du doch beruhigt bist: ich trinke heut schon deshalb nicht, weil ich mich ehrenwörtlich verpflichtet habe, geistige Getränke zu meiden.
Hoffmann. Mit anderen Worten, Du bist glücklich bis zum Mäßigkeitsvereinshelden herabgesunken.
Loth. Ich bin völliger Abstinent.
Hoffmann. Und auf wie lange, wenn man fragen darf, machst Du diese ....
Loth. Auf Lebenszeit.
Hoffmann (wirft Gabel und Messer weg und fährt halb vom Stuhle auf). Pf! gerechter Strohsack!! (Er setzt sich wieder.) Offen gesagt, für so kindisch ... verzeih das harte Wort.
Loth. Du kannst es gerne so benennen.
Hoffmann. Wie in aller Welt bist Du nur _darauf gekommen_?
Helene. Für so etwas müssen Sie einen sehr gewichtigen Grund haben -- denke ich mir wenigstens.
Loth. Der existirt allerdings. Sie, Fräulein! -- und Du, Hoffmann! weißt wahrscheinlich nicht, welche furchtbare Rolle der Alkohol in unserem modernen Leben spielt ... Lies _Bunge_, wenn Du Dir einen Begriff davon machen willst. -- Mir ist noch gerade in Erinnerung, was ein gewisser Everett über die Bedeutung des Alkohols für die Vereinigten Staaten gesagt hat. -- Notabene, es bezieht sich auf einen Zeitraum von zehn Jahren. Er meint also: der Alkohol hat direct eine Summe von 3 Milliarden und indirect von 600 Millionen Dollars verschlungen. Er hat 300000 Menschen getödtet, 100000 Kinder in die Armenhäuser geschickt, weitere Tausende in die Gefängnisse und Arbeitshäuser getrieben, er hat mindestens 2000 Selbstmorde verursacht. Er hat den Verlust von mindestens 10 Millionen Dollars durch Brand und gewaltsame Zerstörung verursacht, er hat 20000 Wittwen und schließlich nicht weniger als 1 Million Waisen geschaffen. Die Wirkung des Alkohols, das ist das Schlimmste, äußert sich so zu sagen bis in's dritte und vierte Glied. -- Hätte ich nun das ehrenwörtliche Versprechen abgelegt, nicht zu heirathen, dann könnte ich schon eher trinken, so aber ... meine Vorfahren sind alle gesunde, kernige und wie ich weiß, äußerst mäßige Menschen gewesen. Jede Bewegung, die ich mache, jede Strapaze, die ich überstehe, jeder Athemzug gleichsam führt mir zu Gemüth, was ich ihnen verdanke. Und dies, siehst Du, ist der Punkt: _ich bin absolut fest entschlossen die Erbschaft, die ich gemacht habe, ganz ungeschmälert auf meine Nachkommen zu bringen_.
Frau Krause. Du! -- Schwiegersuhn! -- inse Bargleute saufen woarhaftig zu viel: doas muuß woar sein.
Kahl. Die saufen wie d' Schweine.
Helene. Ach, so was vererbt sich?
Loth. Es giebt Familien, die daran zu Grunde gehen, Trinkerfamilien.
Kahl (halb zu Frau Krause, halb zu Helene). Euer Aaler, dar treibt's au a wing zu tull.
Helene (weiß wie ein Tuch im Gesicht, heftig). Ach, schwatzen Sie keinen Unsinn!
Frau Krause. Ne, doch hier enner a su ein patziges Froovulk oa; a su ne Prinzessen. Hängst de wieder a mol die Gnädige raus, wie? -- A su fährt se a Zukinftigen oa. (Zu Loth, auf Kahl deutend.) 's is nämlich d'r Zukinftige, missen Sie nahmen, Herr Dukter, 's is alles eim Renen.
Helene (aufspringend). Hör auf! oder ... _hör auf_, Mutter! oder ...
Frau Krause. Do hiert doch aber werklich ... na, do sprecha Se, Herr Dukter, iis das wull Bildung, hä? Weeß Gott, ich hal' se wie mei egnes Kind, aber die treib's reen zu tull.
Hoffmann (beschwichtigend). Ach, Mama! thu mir doch den Gefallen ....
Frau Krause. Neee! _groade_ -- iich sah doas nich ein -- a su ane Goans wie die iis ... do hiert olle Gerechtigkeit uff ... su ane Titte!
Hoffmann. Mama, ich muß Dich aber wirklich doch jetzt bitten, Dich ...
Frau Krause (immer wüthender). Stats doaß doas Froovulk ei der Wertschoft woas oagreft ... bewoare ne! Doa zeucht se an Flunsch biis hinger beede Leffel. -- Oaber da Schillerich, oaber a Gethemoan, a sune tummn Scheißkarle, die de nischt kinn'n als lieja: vu dan'e läßt sie sich a Kupp verdrehn. Urnar zum Kränke krieja iis doas. (Schweigt bebend vor Wuth.)
Hoffmann (begütigend). Nun -- sie wird ja nun wieder .... es war ja vielleicht -- nicht ganz recht ... es ... (Giebt Helenen, die in Erregung abseits getreten ist, einen Wink, auf den hin sich das Mädchen, die Thränen gewaltsam zurückhaltend, wieder auf seinen Platz begiebt.)