Vor Sonnenaufgang: Soziales Drama
Part 5
Helene. Ich will's mir merken. -- Nun aber -- Schwager! hörst Du? Frag' mich nicht -- wie ich nach Deinen Reden über Herrn Loth noch von _Dir_ denke. -- Hörst Du?
Hoffmann (cynisch kalt). Denkst Du denn wirklich, daß mir so ganz besonders viel daran liegt das zu wissen? (Er drückt den Klingelknopf.) Uebrigens höre ich ihn da eben hereinkommen.
Loth tritt ein.
Hoffmann. Nun --? gut geschlafen, alter Freund?
Loth. Gut, aber nicht lange. Sag' doch mal: ich sah da vorhin Jemand aus dem Haus kommen, einen Herrn.
Hoffmann. Vermuthlich der Doktor, der soeben hier war. Ich erzählte Dir ja ... dieser eigenthümliche Mischmasch von Härte und Sentimentalität.
Helene verhandelt mit Eduard, der eben eingetreten ist. Er geht ab und servirt kurz darauf Thee und Kaffee.
Loth. Dieser Mischmasch, wie Du Dich ausdrückst, sah nämlich einem alten Universitätsfreunde von mir furchtbar ähnlich -- ich hätte schwören können, daß er es sei -- einem gewissen Schimmelpfennig.
Hoffmann (sich am Frühstückstisch niederlassend). Nu ja, ganz recht: Schimmelpfennig!
Loth. Ganz recht? Was?
Hoffmann. Er heißt in der That Schimmelpfennig.
Loth. Wer? Der Doktor hier?
Hoffmann. Du sagtest es doch eben. Ja, der Doktor.
Loth. Dann .... das ist aber auch wirklich wunderlich! Unbedingt ist er's dann.
Hoffmann. Siehst Du wohl, schöne Seelen finden sich zu Wasser und zu Lande. Du nimmst mir's nicht übel, wenn ich anfange; wir wollten uns nämlich gerade zum Frühstück setzen. Bitte, nimm Platz! Du hast doch wohl nicht schon irgendwo gefrühstückt?
Loth. Nein!
Hoffmann. Nun dann, also. (Er rückt, selbst sitzend, Loth einen Stuhl zurecht. Hierauf zu Eduard, der mit Thee und Kaffee kommt.) Ae! wird .. e .. meine Frau Schwiegermama nicht kommen?
Eduard. Die gnädige Frau und Frau Spiller werden auf ihrem Zimmer frühstücken.
Hoffmann. Das ist aber doch noch nie ....
Helene (das Service zurechtrückend). Laß nur! Es hat seinen Grund.
Hoffmann. Ach so .. Loth! lang' zu .... ein Ei? Thee?
Loth. Könnte ich vielleicht lieber ein Glas Milch bekommen?
Hoffmann. Mit dem größten Vergnügen.
Helene. Eduard! Miele soll frisch einmelken.
Hoffmann (schält ein Ei ab). Milch -- brrr! mich schüttelt's. (Salz und Pfeffer nehmend.) Sag' mal, Loth, was führt Dich eigentlich in unsre Gegend? Ich hab' bisher ganz vergessen, Dich danach zu fragen.
Loth (bestreicht eine Semmel mit Butter). Ich möchte die hiesigen Verhältnisse studiren.
Hoffmann (mit einem Aufblick). Bitte ...? ... was für Verhältnisse?
Loth. Präcise gesprochen: ich will die Lage der hiesigen Bergleute studiren.
Hoffmann. Ach, die ist im Allgemeinen doch eine sehr gute.
Loth. Glaubst Du? -- Das wäre ja übrigens recht schön .... Doch eh ich's vergesse: Du mußt mir dabei einen Dienst leisten. Du kannst Dich um die Volkswirthschaft sehr verdient machen, wenn ....
Hoffmann. Ich? I! wieso ich?
Loth. Nun, Du hast doch den Verschleiß der hiesigen Gruben?
Hoffmann. Ja! und was dann?
Loth. Dann wird es Dir auch ein Leichtes sein, mir die Erlaubniß zur Besichtigung der Gruben auszuwirken. Das heißt: ich will mindestens vier Wochen lang täglich einfahren, damit ich den Betrieb einigermaßen kennen lerne.
Hoffmann (leichthin). Was Du da unten zu sehen bekommst, willst Du dann wohl schildern?
Loth. Ja. Meine Arbeit soll vorzugsweise eine descriptive werden.
Hoffmann. Das thut mir nun wirklich leid, mit der Sache habe ich gar nichts zu thun. -- Du willst bloß über die Bergleute schreiben, wie?
Loth. Aus dieser Frage hört man, daß Du kein Volkswirthschaftler bist.
Hoffmann (in seinem Dünkel gekränkt). Bitte _sehr_ um Entschuldigung! Du wirst mir wohl zutrauen ..... Warum? Ich sehe nicht ein, wieso man diese Frage nicht thun kann? -- und schließlich: es wäre kein Wunder .... Alles kann man nicht wissen.
Loth. Na, beruhige Dich nur, die Sache ist einfach die: wenn ich die Lage der hiesigen Bergarbeiter studiren will, so ist es unumgänglich, auch alle die Verhältnisse, welche diese Lage bedingen, zu berühren.
Hoffmann. In solchen Schriften wird mitunter schauderhaft übertrieben.
Loth. Von diesem Fehler gedenke ich mich frei zu halten.
Hoffmann. Das wird sehr löblich sein. (Er hat bereits mehrmals und jetzt wiederum mit einem kurzen und prüfenden Blick Helenen gestreift, die mit naiver Andacht an Loth's Lippen hängt, und fährt nun fort.) Doch .... es ist urkomisch, wie einem so was ganz urplötzlich in den Sinn kommt. Wie so was im Gehirn nur vor sich gehen mag?
Loth. Was ist Dir denn auf einmal in den Sinn gekommen?
Hoffmann. Es betrifft Dich. -- Ich dachte an Deine Ver..... nein, es ist am Ende tactlos, in Gegenwart von einer jungen Dame von Deinen Herzensgeheimnissen zu reden.
Helene. Ja, dann will ich doch lieber ....
Loth. Bitte sehr, Fräulein! .. _bleiben_ Sie ruhig, meinetwegen wenigstens -- ich merke längst, worauf er hinaus will. Ist auch durchaus nichts Gefährliches. (Zu Hoffmann.) Meine Verlobung, nicht wahr?
Hoffmann. Wenn Du selbst darauf kommst, ja! -- Ich dachte in der That an Deine Verlobung mit Anna Faber.
Loth. Die ging auseinander -- naturgemäß -- als ich damals in's Gefängniß mußte.
Hoffmann. Das war aber nicht hübsch von Deiner .....
Loth. Es war jedenfalls ehrlich von ihr! Ihr Absagebrief enthielt ihr wahres Gesicht; hätte sie mir dies Gesicht früher gezeigt, dann hätte sie sich selbst und auch mir manches ersparen können.
Hoffmann. Und seither hat Dein Herz nicht irgendwo festgehakt?
Loth. Nein.
Hoffmann. Natürlich! Nun: Büchse in's Korn geworfen -- heirathen verschworen! verschworen wie den Alkohol! Was? Uebrigens _chacun à son goût_.
Loth. Mein Geschmack ist es eben nicht, aber vielleicht mein Schicksal. Auch habe ich Dir, soviel ich weiß, bereits einmal gesagt, daß ich in Bezug auf das Heirathen nichts verschworen habe; was ich fürchte, ist: daß es keine Frau geben wird, die sich für mich eignet.
Hoffmann. Ein großes Wort, Lothchen!
Loth. Im Ernst! -- Mag sein, daß man mit den Jahren zu kritisch wird und zu wenig gesunden Instinkt besitzt. Ich halte den Instinkt für die beste Garantie einer geeigneten Wahl.
Hoffmann (frivol). Der wird sich schon noch mal wiederfinden -- (lachend) -- der Instinkt nämlich.
Loth. -- Schließlich, was kann ich einer Frau bieten? Ich werde immer mehr zweifelhaft, ob ich einer Frau zumuthen darf, mit dem kleinen Theile meiner Persönlichkeit vorlieb zu nehmen, der nicht meiner Lebensarbeit gehört -- dann fürchte ich mich auch vor der Sorge um die Familie.
Hoffmann. Wa... was? -- vor der Sorge um die Familie? Kerl! hast Du denn nicht Kopf, Arme, he?
Loth. Wie Du siehst. Aber ich sagte Dir ja schon, meine Arbeitskraft gehört zum größten Theil meiner Lebensaufgabe und wird ihr immer zum größten Theil gehören: sie ist also nicht mehr mein. Ich hätte außerdem mit ganz besonderen Schwierigkeiten ....
Hoffmann. Pst! klingelt da nicht Jemand?
Loth. Du hältst das für Phrasengebimmel?
Hoffmann. Ehrlich gesprochen, es klingt etwas hohl! Unser einer ist schließlich auch kein Buschmann, trotzdem man verheirathet ist. Gewisse Menschen geberden sich immer, als ob sie ein Privilegium auf alle in der Welt zu vollbringenden guten Thaten hätten.
Loth (heftig). Gar nicht! -- denk ich gar nicht d'ran! -- Wenn Du von Deiner Lebensaufgabe nicht abgekommen wärst, so würde das an Deiner glücklichen materiellen Lebenslage mitliegen.
Hoffmann (mit Ironie). Dann wäre das wohl auch eine Deiner Forderungen.
Loth. Wie? Forderungen? was?
Hoffmann. Ich meine: Du würdest bei einer Heirath auf Geld sehen.
Loth. Unbedingt.
Hoffmann. Und dann giebt es -- wie ich Dich kenne -- noch eine lange Zaspel anderer Forderungen.
Loth. Sind vorhanden! Leibliche und geistige Gesundheit der Braut zum Beispiel ist _conditio sine qua non_.
Hoffmann (lachend). Vorzüglich! Dann wird ja wohl vorher eine ärztliche Untersuchung der Braut nothwendig werden. -- Göttlicher Hecht!
Loth (immer ernst). Ich stelle aber auch an mich Forderungen, mußt Du nehmen.
Hoffmann (immer heiterer). Ich weiß, weiß! ... wie Du mal die Literatur über Liebe durchgingst, um auf das Gewissenhafteste festzustellen ob das, was Du damals für irgend eine Dame empfandest, auch wirklich Liebe sei. Also sag' doch mal noch einige Deiner Forderungen.
Loth. Meine Frau müßte zum Beispiel entsagen können.
Helene. -- Wenn ... wenn .... Ach! ich will lieber nicht reden ... ich wollte nur sagen: die Frau ist doch im Allgemeinen an's Entsagen gewöhnt.
Loth. Um's Himmels willen! Sie verstehen mich durchaus falsch. So ist das Entsagen nicht gemeint. Nur in sofern verlange ich Entsagung, oder besser, nur auf den Theil meines Wesens, der meiner Lebensaufgabe gehört, müßte sie freiwillig und mit Freuden verzichten. Nein, nein! im Übrigen soll meine Frau fordern und immer fordern -- alles was ihr Geschlecht im Laufe der Jahrtausende eingebüßt hat.
Hoffmann. Au! au! au! ... Frauenemancipation! -- wirklich Deine Schwenkung war bewunderungswürdig -- nun bist Du im rechten Fahrwasser. Fritz Loth, oder der Agitator in der Westentasche! ... Wie würdest Du denn hierin Deine Forderungen formuliren, oder besser: wie weit müßte Deine Frau emancipirt sein? -- Es amüsirt mich wirklich Dich anzuhören -- Cigarren rauchen? Hosen tragen?
Loth. Das nun weniger -- aber -- sie müßte allerdings über gewisse gesellschaftliche Vorurtheile hinaus sein. Sie müßte zum Beispiel nicht davor zurückschrecken zuerst -- falls sie nämlich wirklich Liebe zu mir empfände -- das bewußte Bekenntniß abzulegen.
Hoffmann (ist mit frühstücken zu Ende. Springt auf, in halb ernster, halb komischer Entrüstung.) Weißt Du? das ... das ist ... eine geradezu _unverschämte_ Forderung! mit der Du allerdings auch -- wie ich Dir hiermit prophezeihe -- wenn Du nicht etwa vorziehst sie fallen zu lassen, bis an Dein Lebensende herumlaufen wirst.
Helene (mit schwer bewältigter, innerer Erregung). Ich bitte die Herren mich jetzt zu entschuldigen -- die Wirthschaft ... Du weißt, Schwager: Mama ist in der Stube und da ...
Hoffmann. Laß Dich nicht abhalten.
Helene verbeugt sich; ab.
Hoffmann (mit dem Streichholzetui nach dem Cigarrenkistchen, das auf dem Buffet steht, zuschreitend). Das muß wahr sein ... Du bringst einen in Hitze, ... ordentlich unheimlich. (Nimmt eine Cigarre aus der Kiste und läßt sich dann auf das Sopha links vorn nieder. Er schneidet die Spitze der Cigarre ab und hält während des Folgenden die Cigarre in der linken, das abgetrennte Spitzchen zwischen den Fingern der rechten Hand.) Bei alledem ... es amüsirt doch. Und dann: Du glaubst nicht, wie wohl es thut, so'n paar Tage auf dem Lande, abseit von den Geschäften, zuzubringen. Wenn nur nicht heute dies verwünschte ... wie spät ist es denn eigentlich? Ich muß nämlich leider Gottes heute zu einem Essen nach der Stadt. -- Es war unumgänglich: dies Diner mußte ich geben. Was soll man machen als Geschäftsmann? -- Eine Hand wäscht die andere. Die Bergbeamten sind nun mal d'ran gewöhnt. -- Na! eine Cigarre kann man noch rauchen -- in aller Gemüthsruhe. (Er trägt das Spitzchen nach dem Spucknapf, läßt sich dann abermals auf das Sopha nieder und setzt seine Cigarre in Brand.)
Loth (am Tisch; blättert stehend in einem Prachtwerk). Die Abenteuer des Grafen Sandor.
Hoffmann. Diesen Unsinn findest Du hier bei den meisten Bauern aufliegen.
Loth (unter dem Blättern). Wie alt ist eigentlich Deine Schwägerin?
Hoffmann. Im August einundzwanzig gewesen.
Loth. Ist sie leidend?
Hoffmann. Weiß nicht. - Glaube übrigens nicht -- macht sie Dir den Eindruck? --
Loth. Sie sieht allerdings mehr verhärmt als krank aus.
Hoffmann. Na ja! die Scheerereien mit der Stiefmutter ...
Loth. Auch ziemlich reizbar scheint sie zu sein!?
Hoffmann. Unter solchen Verhältnissen ...... Ich möchte den sehen, der unter solchen Verhältnissen nicht reizbar werden würde ...
Loth. Viel Energie scheint sie zu besitzen.
Hoffmann. Eigensinn!
Loth. Auch Gemüth, nicht?
Hoffmann. Zu viel mitunter .......
Loth. Wenn die Verhältnisse hier so mißlich für sie sind -- warum lebt Deine Schwägerin dann nicht in _Deiner_ Familie?
Hoffmann. Frag' sie, warum! -- Oft genug hab ich ihr's angeboten. Frauenzimmer haben eben ihre Schrullen. (Die Cigarre im Munde, zieht Hoffmann ein Notizbuch und summirt einige Posten.) Du nimmst es mir doch wohl nicht übel, wenn ich ... wenn ich Dich dann allein lassen muß?
Loth. Nein, gar nicht.
Hoffmann. Wie lange gedenkst Du denn noch ...?
Loth. Ich werde mir bald nachher eine Wohnung suchen. Wo wohnt denn eigentlich Schimmelpfennig? Am besten, ich gehe zu ihm. Der wird mir gewiß etwas vermitteln können. Hoffentlich findet sich bald etwas Geeignetes, sonst würde ich die nächste Nacht im Gasthaus nebenan zubringen.
Hoffmann. Wieso denn? Natürlich bleibst Du dann bis morgen bei uns. Freilich, ich bin selbst nur Gast in diesem Hause -- sonst würde ich Dich natürlich auffordern ... Du begreifst ...!
Loth. Vollkommen! ...
Hoffmann. Aber sag' doch mal -- sollte das wirklich Dein Ernst gewesen sein ....?
Loth. Daß ich die nächste Nacht im Gast....?
Hoffmann. Unsinn! ... Bewahre! Was Du vorhin sagtest, meine ich. Die Geschichte da -- mit Deiner vertrackten descriptiven Arbeit?
Loth. Weshalb nicht?
Hoffmann. Ich muß Dir gestehen, ich hielt es für Scherz. (Er erhebt sich, vertraulich, halb und halb im Scherz.) Wie? Du solltest wirklich fähig sein, hier ... gerade hier, wo ein Freund von Dir glücklich festen Fuß gefaßt hat, den Boden zu unterwühlen?
Loth. Mein Ehrenwort, Hoffmann! Ich hatte keine Ahnung davon, daß Du Dich hier befändest. Hätte ich das gewußt ....
Hoffmann (springt auf, hocherfreut). Schon gut! schon gut! Wenn die Sachen _so_ liegen .... siehst Du, das freut mich _aufrichtig_, daß ich mich nicht in Dir getäuscht habe. Also, Du weißt es nun, und selbstredend erhältst Du die Kosten der Reise und alles, was drum und dran baumelt, von mir vergütet. Ziere Dich nicht! Es ist einfach meine Freundespflicht .... Daran erkenne ich meinen alten, biederen Loth! Denke mal an: ich hatte Dich wirklich eine Zeit lang ernstlich im Verdacht .... Aber nun muß ich Dir auch ehrlich sagen, so schlecht, wie ich mich zuweilen hinstelle, bin ich keineswegs. Ich habe Dich immer hochgeschätzt, Dich und Dein ehrliches, consequentes Streben. Ich bin der letzte, der gewisse, -- leider, leider mehr als berechtigte Ansprüche der ausgebeuteten, unterdrückten Massen nicht gelten läßt. -- Ja, lächle nur, ich gehe sogar so weit zu bekennen, daß es im Reichstag nur _eine_ Partei giebt, die Ideale hat: und das ist dieselbe, der Du angehörst! .... Nur -- wie gesagt -- langsam! langsam! -- nichts überstürzen. Es kommt alles, kommt alles, wie es kommen soll. Nur Geduld! Geduld ....
Loth. Geduld muß man allerdings haben. Deshalb ist man aber noch nicht berechtigt, die Hände in den Schooß zu legen!
Hoffmann. Ganz meine Ansicht! -- Ich hab' Dir überhaupt in Gedanken weit öfter zugestimmt als mit Worten. Es ist 'ne Unsitte, ich geb's zu. Ich hab' mir's angewöhnt, im Verkehr mit Leuten, die ich nicht gern in meine Karten sehen lasse .... Auch in der Frauenfrage .... Du hast manches sehr treffend geäußert. (Er ist inzwischen an's Telephon getreten, weckt und spricht theils in's Telephon, theils zu Loth.) Die kleine Schwägerin war übrigens ganz Ohr ... (In's Telephon.) Franz! In zehn Minuten muß angespannt sein ... (Zu Loth.) Es hat ihr Eindruck gemacht ... (In's Telephon.) Was? -- ach was, Unsinn! -- Na, da hört doch aber ..... Dann schirren Sie schleunigst die Rappen an ..... (Zu Loth.) Warum sollte es ihr keinen Eindruck machen? ... (In's Telephon.) Gerechter Strohsack, zur Putzmacherin sagen Sie? Die gnädige Frau .... die gnä... Ja -- na ja! aber sofort -- na ja! -- ja! -- schön! Schluß! (Nachdem er darauf den Knopf der Hausklingel gedrückt, zu Loth.) Wart' nur ab, Du! Laß mich nur erst den entsprechenden Monetenberg aufgeschichtet haben, vielleicht geschieht dann etwas ... (Eduard ist eingetreten.) Eduard! Meine Gamaschen, meinen Gehrock! (Eduard ab.) Vielleicht geschieht dann etwas, was Ihr mir alle jetzt nicht zutraut .... Wenn Du in zwei oder drei Tagen -- bis dahin wohnst Du unbedingt bei uns -- ich müßte es sonst als eine grobe Beleidigung ansehen -- (er legt den Schlafrock ab) -- in zwei bis drei Tagen also, wenn Du abzureisen gedenkst, bringe ich Dich mit meiner Kutsche zur Bahn.
Eduard mit Gehrock und Gamaschen tritt ein.
Hoffmann (indem er sich den Rock überziehen läßt). So! (Auf einen Stuhl niedersitzend.) Nun die Stiefel! (Nachdem er einen derselben angezogen.) Das wäre einer!
Loth. Du hast mich doch wohl nicht ganz verstanden.
Hoffmann. Ach ja! das ist leicht möglich. Man ist so raus aus all den Sachen. Nur immer lederne Geschäftsangelegenheiten. Eduard! ist denn noch keine Post gekommen? Warten Sie mal! -- Gehen Sie doch mal in mein Zimmer! Auf dem Pult links liegt ein Schriftstück mit blauem Deckel, bringen Sie's raus in die Wagentasche. (Eduard ab in die Thür rechts, dann zurück und ab durch die Mittelthür.)
Loth. Ich meine ja nur: Du hast mich in _einer Beziehung_ nicht verstanden.
Hoffmann (sich immer noch mit dem zweiten Schuh herumquälend). Upsa! .... So! (Er steht auf und tritt die Schuhe ein.) Da wären wir. Nichts ist unangenehmer als enge Schuhe ..... Was meintest Du eben?
Loth. Du sprachst von meiner Abreise .....
Hoffmann. Nun?
Loth. Ich habe Dir doch bereits gesagt, daß ich um eines ganz bestimmten Zweckes willen hier am Ort bleiben muß.
Hoffmann (auf's Äußerste verblüfft und entrüstet zugleich). Hör' mal ....! Das ist aber beinahe _nichts_würdig! -- Weißt Du denn nicht, was Du mir als Freund schuldest?
Loth. Doch wohl nicht den Verrath meiner Sache!?
Hoffmann (außer sich). Nun, dann ... dann habe ich auch nicht die kleinste Veranlassung, Dir gegenüber als Freund zu verfahren. Ich sage Dir also: daß ich Dein Auftreten hier -- gelinde gesprochen -- für _fabelhaft_ dreist halte.
Loth (sehr ruhig). Vielleicht erklärst Du mir, was Dich berechtigt, mich mit dergleichen Epitheta .....
Hoffmann. Das soll ich Dir auch noch erklären? Da hört eben _verschiedenes_ auf! Um so was nicht zu fühlen, muß man Rhinoceroshaut auf dem Leibe haben! Du kommst hierher, genieß'st meine Gastfreundschaft, drisch'st mir ein paar Schock Deiner abgegriffnen Phrasen vor, verdrehst meiner Schwägerin den Kopf, schwatzest von alter Freundschaft und so was gut's und dann erzählst Du ganz naiv: Du wolltest eine descriptive Arbeit über hiesige Verhältnisse verfertigen. Ja, für was _hältst_ Du mich denn eigentlich? Meinst Du vielleicht, ich wüßte nicht, daß solche sogenannte Arbeiten nichts als schamlose Pamphlete sind? ... Solch eine Schmähschrift willst Du schreiben und zwar über unseren Kohlendistrict. Solltest Du denn wirklich nicht begreifen, wen diese Schmähschrift am allerschärfsten schädigen müßte? Doch nur _mich_! -- Ich sage: man sollte Euch das Handwerk noch gründlicher legen, als es bisher geschehen ist, Volksverführer! die Ihr seid! Was thut Ihr? Ihr macht den Bergmann unzufrieden, anspruchsvoll, reizt ihn auf, erbittert ihn, macht ihn aufsässig, ungehorsam, unglücklich, spiegelt ihm goldene Berge vor und grapscht ihm unter der Hand seine _paar_ Hungerpfennige aus der Tasche.
Loth. Erachtest Du Dich nun als demaskirt?
Hoffmann (roh). Ach was! Du lächerlicher, gespreizter Tugendmeier! Was mir das wohl ausmacht, vor Dir demaskirt zu sein! -- Arbeite lieber! Laß Deine albernen Faseleien! -- Thu was! Komm zu was! Ich brauche Niemand um zweihundert Mark anzupumpen. (Schnell ab durch die Mittelthür.)
Loth sieht ihm einige Augenblicke ruhig nach, dann greift er, nicht minder ruhig, in seine Brusttasche, zieht ein Portefeuille und entnimmt ihm ein Stück Papier (den Chec Hoffmann's), das er mehrmals durchreißt, um die Schnitzel dann langsam in den Kohlenkasten fallen zu lassen. Hierauf nimmt er Hut und Stock und wendet sich zum Gehen. Jetzt erscheint _Helene_ auf der Schwelle des Wintergartens.
Helene (leise). Herr Loth!
Loth (zuckt zusammen, wendet sich). Ah! Sie sind es. -- Nun -- dann -- kann ich _Ihnen_ doch wenigstens ein Lebewohl sagen.
Helene (unwillkürlich). War Ihnen das Bedürfniß?
Loth. Ja! -- es war mir Bedürfniß --! Vermuthlich -- wenn Sie da drin gewesen sind -- haben Sie den Auftritt hier mit angehört -- und dann .....
Helene. Ich habe alles mit angehört.
Loth. Nun -- dann -- wird es Sie nicht in Erstaunen setzen, wenn ich dieses Haus so ohne Sang und Klang verlasse.
Helene. N -- nein! -- ich begreife --! ..... Vielleicht kann's Sie milder gegen ihn stimmen ... mein Schwager bereut immer sehr schnell. Ich hab's oft ...
Loth. Ganz möglich --! Vielleicht gerade deshalb aber ist das, was er über mich sagte, seine wahre Meinung von mir. -- Es ist sogar unbedingt seine wahre Meinung.
Helene. Glauben Sie das im Ernst?
Loth. Ja! -- im Ernst! Also .... (Er geht auf sie zu und giebt ihr die Hand.) Leben Sie recht glücklich! (Er wendet sich und steht sogleich wieder still.) Ich weiß nicht ....! oder besser: -- (Helenen klar und ruhig ins Gesicht blickend) -- ich weiß, weiß erst seit ... seit diesem Augenblick, daß es mir nicht ganz leicht ist, von hier fortzugehen .... und .... ja ... und ... na ja!
Helene. Wenn ich Sie aber -- recht schön bäte .... recht sehr ... noch weiter hier zu bleiben --?
Loth. Sie theilen also nicht die Meinung Ihres Schwagers?
Helene. Nein! -- und das -- wollte ich Ihnen unbedingt ... unbedingt noch sagen, bevor ... bevor -- Sie -- gingen.
Loth (ergreift abermals ihre Hand). Das thut mir _wirklich_ wohl.
Helene (mit sich kämpfend. In einer sich schnell bis zur Bewußtlosigkeit steigernden Erregung. Mühsam hervorstammelnd.) Auch noch mehr w--ollte ich Ihnen ... Ihnen sagen, nämlich ... näm--lich, daß -- ich Sie sehr hoch--achte und -- verehre -- wie ich bis jetzt .... bis jetzt noch -- keinen Mann ...., daß ich Ihnen -- vertraue, -- daß ich be--reit bin, das ..... das zu beweisen -- daß ich -- etwas für -- Dich, Sie fühle ... (Sinkt ohnmächtig in seine Arme.)
Loth. Helene!
Vorhang fällt schnell.
Vierter Akt.
Wie im zweiten Akt: der Gutshof. Zeit: eine Viertelstunde nach Helenens Liebeserklärung.
_Marie_ und _Golisch_, der Kuhjunge, schleppen sich mit einer hölzernen Lade die Bodentreppe herunter. Loth kommt reisefertig aus dem Hause und geht langsam und nachdenklich quer über den Hof. Bevor er in den Wirthshaussteg einbiegt, stößt er auf _Hoffmann_, der mit ziemlicher Eile durch den Hofeingang ihm entgegenkommt.
Hoffmann, (Cylinder, Glacéhandschuhe). Sei mir nicht böse. (Er verstellt Loth den Weg und faßt seine beiden Hände.) Ich nehme hiermit alles zurück! ... Nenne mir eine Genugthuung! ... Ich bin zu jeder Genugthuung bereit! .... Ich bereue, bereue alles aufrichtig.
Loth. Das hilft Dir und mir wenig.
Hoffmann. Ach! -- wenn Du doch ... sieh mal ....! Mehr kann man doch eigentlich nicht thun. Ich sage Dir: mein Gewissen hat mir keine Ruhe gelassen! Dicht vor Jauer bin ich umgekehrt, .... daran solltest Du doch schon erkennen, daß es mir Ernst ist. -- Wo wolltest Du hin ....?
Loth. In's Wirthshaus -- einstweilen.
Hoffmann. Ach, das darfst Du mir nicht anthun ...! Das thu mir nur nicht an! Ich glaube ja, daß es Dich tief kränken mußte. 'S ist ja auch vielleicht nicht so -- mit ein paar Worten wieder gut zu machen. Nur nimm mir nicht jede Gelegenheit .... jede Möglichkeit, Dir zu beweisen .... hörst Du? Kehr um! .... Bleib wenigstens bis ... bis morgen. Oder bis ... bis ich zurückkomme. Ich muß mich noch einmal in Muße mit Dir aussprechen darüber; -- das kannst Du mir nicht abschlagen.
Loth. Wenn Dir daran besonders viel gelegen ist ....
Hoffmann. Alles! ... auf Ehre! -- ist mir daran gelegen, alles! .... Also komm! ... komm!! Kneif ja nicht aus! -- komm! (Er führt Loth, der sich nun nicht mehr sträubt, in das Haus zurück. Beide ab.)
Die entlassene Magd und der Kuhjunge haben inzwischen die Lade auf den Schubkarren gesetzt, Golisch hat die Traggurte umgenommen.
Marie, (während sie Golisch etwas in die Hand drückt). Doo! Gooschla! hust a woas!