Part 9
Man erspart sich vieles und -- den andern, das war das Ende seiner philosophischen Betrachtungen in dieser Richtung. Und der Name? Pah, die Mädels hätten ihn doch abgestreift wie ’nen alten Handschuh, umgetauscht ohne zu muxen. Oder in einem Damenstift erlöschen lassen. Und die Jungens -- weiß der Himmel, ob die verdammten Bengels das Wappen noch blank gehalten hätten. Er hatte neulich mal eine Statistik gelesen über den Prozentsatz der Adligen in der Sozialdemokratie. Und wenn alle die Adligen Kellner und Schuhputzer europäischer Abkunft, von denen die demokratischen Zeitungen alle paar Wochen hohnlächelnd berichteten, wirklich da drüben auf dem üblen Proleten-Kontinent existierten, dann war es schlechterdings unmöglich, sich zwischen Neufundland und Kalifornien die Stiefel auch nur ein +einziges+ Mal von einem Bürgerlichen wichsen zu lassen.
Das fehlte gerade noch, daß der letzte Enkel jenes Klaus Bitterolf von Birkowitz, der bei Malplaquet, durch die rechte Hand geschossen, die Zügel mit den Zähnen nahm und am Prinzen Eugen vorbei als erster in die Franzosen ritt, irgend so einem dickwanstigen Bierbrauer von St. Louis für ein schäbiges Trinkgeld die Unterhosenbändel in die Zugstiefel stopfte! ...
Manchmal kam ihm ja auch der schüchterne Gedanke, diese Söhne seines Blutes, zu deren Lieferung sich seine Gattin Ethel in langer, chancenreicher Ehe nicht entschließen konnte, wären bedeutende Menschen geworden, Kriegshelden, wie jener Klaus Bitterolf von dem Malborough -- sogar auf englisch! -- nach der Schlacht gesagt haben sollte: „Wie geht es Ihnen, mein Braver?“ Oder -- hier war seine Phantasie schon unsicherer -- große, verdienstvolle Gelehrte, wie jener allerdings einer Nebenlinie entsprossene Hans Christoph von Birkowitz, der laut verläßlicher Chronik zu Marburg dabei stand, als Dionys Papin den nützlichen Papinschen Topf erfand. Bei welcher Gelegenheit dem helfenden Schüler allerdings ein splitternder Teil des den Topfdeckel verschließenden Bügels ins Auge gesprungen sein soll, so daß er auf dem einzig erhaltenen Kupferstich mit einer unschönen Binde über dem rechten Auge dargestellt erscheint. Und wenn Klaus Bitterolf von Birkowitz sich des entstellten Gesichtes dieses ruhmreichen Ahnherrn entsann, so war er dem Himmel wieder dankbar, der es seinen Söhnen verwehrt hatte in die Erscheinung zu treten und aus ererbter unstillbarer Wißbegier gefährlichen Experimenten sehr berühmter aber auch sehr herzloser Gelehrter persönlich beizuwohnen.
Wenn er jemals Ethel gegenüber etwas merken ließ von jenen so stillen wie unerfüllten Wünschen nach Kindern, gleichviel welchen Geschlechts und welcher Veranlagung, so pflegte die Gattin an ihrem Halse zu fühlen, ob die Brosche noch saß, die Ringe an der sorgfältig gepflegten Hand spielen zu lassen und mit schelmischem Lächeln zu trösten:
„Aber geh, schau, du hast doch den Tobby!“
Und das war richtig, er +hatte+ den Tobby.
Und es war auch keinerlei Gefahr, daß er den Tobby eines Tages +nicht+ mehr haben könnte. Denn Tobby war einfach unsterblich. Unsterblich im Sinne der Königin von Frankreich. „~Le roi est mort -- vive le roi!~“
Tobby war ursprünglich ein Wachtelhündchen gewesen, das Klaus Bitterolf von Birkowitz seiner Braut Alice Sternheim -- die sich aus nie recht aufgeklärten Ursachen vom Tage ihrer Verlobung mit dem hübschen, schlanken Kürassierleutnant „Ethel“ nennen ließ -- als Brautgeschenk verehrt hatte. Ein mehr gut gemeintes als nützliches Präsent, da Tobby, der in minder vornehmer Umgebung, nämlich im Stall eines Droschkenkutschers aufgewachsen war, die Perserteppiche der Wohnung des Bankiers Sternheim mit Vorliebe zur Erledigung von unerfreulichen Geschäften benutzte, deren Besorgung in einem Pferdestall weniger peinlich auffällt.
Während Klaus Bitterolf von Birkowitz mit Ethel auf der Hochzeitsreise war und ihr mit leise vom Gähnen zitternden Nasenflügeln aus einem gewissenhaften Katalog die Schätze der Uffizien vorlesend erläuterte: Filippo Lippi, Sandro Boticelli, Fra Angelico, Fra Bartolomeo und von einer thronenden Madonna zur anderen ging, wurde Tobby bei einem Oberförster a. D. ernsthaft zur Stubenreinheit erzogen. Als die Jungvermählten wiederkamen, die Köpfe voller Namen von Pallazi, Meisterwerken und Nationalgerichten, und in den Kleidern den Weihrauch sämtlicher Kirchen von Florenz, Bologna, Ferrara und Venedig, empfing sie Tobby auf den Hinterfüßen zwischen zwei kostbaren Blumenarrangements im Salon sitzend, ein Seidenband um den Hals, ein vom Schwiegervater selbst -- bezahltes Gedicht im Maul und im einzelnen und ganzen das erfreuliche Bild der angenehmsten Wohlanständigkeit.
Tobby blieb Hausgenosse in der jungen Ehe, bis er -- im neunten Jahre seiner Zugehörigkeit zum Haushalt -- Spuren lästigen Alters zu zeigen begann. Ethel aber hielt das Alter bei Menschen und Tieren für etwas unanständiges, dessen Anblick sich das in Jugendfröhlichkeit genießende Geschlecht durchaus fernhalten müsse. Und als es selbst Klaus Bitterolf von Birkowitz nicht mehr leugnen konnte, daß Tobby, dessen Gesicht nachließ, den Besuchern, deren es viele gab, wider die Beine lief und zu Zeiten, besonders bei Regenwetter, einen recht üblen Geruch verbreitete, willigte er schweren Herzens in seine Entfernung.
Er wurde einem Nähfräulein geschenkt, die selbst über die Blüte der Jahre hinaus war, an Tobbys lauten Träumen und starkem Tierparfüm keinen Anstoß nahm und sich durch eine rührige in den Gesindestuben betriebene Agitation gegen die Vivisektion als zuverlässige Pflegerin des Alternden empfahl.
Am selben Tage aber, da Tobby I, ahnungslos und durch ein Schinkenbrod listig bestochen, dem alten Fräulein in die Droschke folgte, zog Tobby II bei Birkowitzens ein. In Gestalt eines afrikanischen Windhundes, der gar keine Haare auf der schwarzen Haut hatte, und immer, selbst im Hochsommer, mit eingekniffenem Schwanz, hängenden Ohren und zitternden Beinchen den Anschein erweckte, als sei er eben dabei zu erfrieren. Tobby II wurde nach sieben Jahren schon -- aus ähnlichen Gründen, wie Tobby I -- dem Zoologischen Garten geschenkt, der ihn im geheizten Raubtierhaus einer jungen Löwin zum Gespiel gab, die ihn zunächst innigst liebte und zwei Monate später das Spiel mißverstand und bloß so aus Spaß auffraß.
Tobby III war ein Köter unbestimmbarer Rasse, der angeblich aus Island stammte, aber eigentlich nur durch zwei Merkwürdigkeiten auffiel: durch seine phänomenale Dummheit und seine Vorliebe für rohes Obst.
Als er am Kern einer gemausten Aprikose erstickt war, wurde er durch Tobby IV ersetzt, einen Skye Terrier, der sehr häßlich und sehr teuer war, da er angeblich wundervoll für die Otterjagd dressiert war; eine Kunstfertigkeit, die er leider in den Birkowitzschen Salons nicht verwerten konnte. Ein Lyriker, der zu jener Zeit viel im Hause verkehrte und für Ethel geradezu wahnsinnige „Kostümträume“ (wie er das nannte) entwarf, verfocht die Ansicht, daß Tobby in einer instinktiven Einsicht seinen Beruf verfehlt zu haben Selbstmord beging, als er -- wie andere behaupten, aus blinder Gefräßigkeit -- unter den schweren Wagen einer renommierten Delikateßhandlung kam und vom Hinterrad erledigt wurde.
So löste ein Tobby den anderen ab. Immer ein junger Tobby kam für den Alternden. Und die Gefahr einer Konkurrenz durch eine plötzliche Bevölkerung der Kinderstube schwand immer mehr. Denn, so wenig das Ethel für sich und den Gatten zugeben wollte, auch die Birkowitzens wurden alt.
Im dritten Jahre ihrer Ehe hatte Klaus Bitterolf beim Begräbnis seines Schwiegervaters böses Pech gehabt. Während er als Leidtragender hinter dem Sarge in Paradeuniform durch die Gräberreihen schreitend überlegte, ob der alte Herr wirklich, wie man sagte, in letzter Zeit eine Million an chilenischen Gruben verloren hatte, verwickelte er sich mit einem seiner Sporen in die riesige Atlasschleife eines am Boden liegenden Kranzes, auf der „Ruhe sanft -- auf Wiedersehen!“ gedruckt stand. Er fiel hin und brach sich den rechten Fußknöchel.
Als der Gipsverband acht Wochen später gelöst wurde, erwies es sich, daß das rechte Bein ein wenig kürzer und außerdem eine Schwäche zurückgeblieben war, die Klaus Bitterolf zwang, sich beim Gehen eines derben Stockes zu bedienen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als den Abschied zu nehmen. Ein paar Monate behielt er noch seine Reitpferde und dachte daran, sich sportlich zu betätigen. Als aber Schwäche und Schmerz im Knöchel beim Reiten sich mehrten, schrieb er seufzend mit seinen geraden, riesigen Buchstaben auf einen wappengeschmückten Bogen die Worte: „Drei vortrefflich zugerittene Offizierspferde, arabische Stute, Fuchswallach und tadellos schönes Halbblut sofort preiswürdig abzugeben ...“ Dann trat er in den Verein für heraldische Forschung, den Exlibrisverein und die Gesellschaft für Familiengeschichte ein und beschloß, sich ganz den Studien auf diesem Gebiete und der damit zusammenhängenden Sammellust zu widmen.
Wenn er an seinem Erkerfenster in der Kaiserallee saß, alte Schutzbriefe und Diplome aus dem Familienarchiv behutsam entfaltete und unter die Lupe nahm oder in älteren Jahrgängen des Gothaschen Kalenders einem verschollenen Vetter nachspürte, so schmerzte ihn der Knöchel nicht. Und die Gesellschaft Tobbys, der zu einem warmen, zuckenden Klümpchen gerollt auf dem alten Plüschkissen im Lehnstuhl gegenüber lag, genügte ihm vollkommen. Ja, sie war ihm, ehrlich gesagt, lieber als die Gesellschaft seiner Frau, die ihn mit dem endlosen Programm ihrer täglichen Vergnügungen und gesellschaftlichen Verpflichtungen aufregte ...
Als Ethel noch Alice hieß, hatte sie den in der weiblichen Linie des mit Glücksgütern reich gesegneten Hauses Sternheim nicht seltenen Traum geträumt: ein Leutnant. Sie lernte französisch plappern, las erst Racine später Alphonso Daudet und dachte an einen Leutnant.
Sie langweilte sich bei Goethes Tasso und übte Klavier und dachte an einen Leutnant.
Er hatte noch kein bekanntes Gesicht und eigentlich auch noch keine bestimmte Uniform. Nur Sporen klirrten deutlich durch ihre Träume. Infanterie war gewöhnlich. Fast schon Schutzmänner, kam ihr vor. Fuchsjagden in roten Röcken, Morgenpromenaden auf dampfenden Schimmeln im Park, Besuche im eleganten Coupé, abends Gäste mit wunderschönen Namen, aufgeführte Dramatiker, Exzellenzen, verbotene Romanziers, preisgekrönte Bildhauer, vergötterte Tenöre, fette Finanzkönige -- und zwischen tief, tief ausgeschnittenen Frauen, die sie alle beneideten, das silberne Klingeln der Tanzsporen. Der eleganteste -- +er+.
Nicht daß sie sich ihm lieberöchelnd an den hohen gelben oder roten oder goldgestickten Kragen werfen wollte! Behüte, sie war kühl und anständig. Und bei all ihren Träumen hätte „Mademoiselle“ ganz gut dabei sein können und ihren Tauchnitz lesen. „Er“ war nur Mittelpunkt der Dekoration für sie, war -- sie wußte das -- der notwendige Faktor zu all den anderen. „Er“ hatte die huldvoll erteilte Erlaubnis, sehr erfreut zu sein, daß sie so schön war; daß sie solche Zauberfeste arrangieren konnte, daß so viele berühmte Männer sich über ihre kleine, weiße Hand beugten, um ihre Schnurrbarthaare respektvoll auf die rosigen, blühenden Nägel zu drücken. Und zwischen einem feschen Wiener Walzer und einer schmelzenden Arie, der unbezahlbaren Soundso oder zwischen einem herrlichen Violonsolo des weltberühmten Dingskirch und einem ausgelassenen Kontertanz durfte „er“ -- sporenklingelnd -- auf sie zukommen, ihr leicht die erhitzte Wange klopfen und fragen: „Bist du glücklich, Kind? Amüsierst du dich?“ ...
Denn glücklich sein und sich amüsieren waren für ihr törichtes Herzchen Begriffe, die restlos ineinander aufgingen.
Und dann +kam+ „er“.
Natürlich waren vorher schon andere gekommen. Schlaue, Treuherzige, Verliebte, die wußten, daß sie des Bankiers Sternheim einzige Tochter war, daß sie Walzer tanzen konnte -- auch links herum -- eine feine, zierliche Taille und feste, runde, weiße Arme hatte und in der Konversation schließlich nicht mehr Dummheiten sagte, als ihre magere, sommersprossige Cousine. Und diese, der Stolz und Abgott der Sternheimschen Familie, war voriges Jahr Baronin geworden; und ihren tadellos gekleideten Gatten traf man bei allen Gesellschaften nach zwölf Uhr mit offenem Munde schlafend im Rauchzimmer.
Aber alle die anderen hatte des Bankiers Sternheim einzige Tochter dankend abgelehnt. Des einen Katholizismus war ihr zu neu und unbegründet. Des anderen weiterer Familienkreis schreckte sie durch Zahl und schlechte Manieren. Eines dritten Persönlichkeit konnte sie sich absolut nicht auf dem hohen Bock eines Kutschierwagens oder im roten Frack auf herbstlichem Felde denken. Endlich kam „er“ mit dem hohen Wuchs, den schlanken Händen und der leichten, ungezwungenen Galanterie des geborenen Aristokraten. „Meine Tante die Reichsgräfin ...“ „mein Onkel Exzellenz“. Das kam so natürlich heraus, wie wenn andere sagten: „Mein Vetter in der Schillerstraße“, „mein Schwager in Ratzeburg“.
Dann hatte er eine nachlässige Art, mit den langen, gesunden Zähnen Kakes zu knabbern, und lachte so wunderhübsch ehrlich, wenn von Dingen die Rede war, die er nicht verstand. Und das kam oft vor. Und dann natürlich das leise, silberne Sporenklingeln ...
Dann war der Tag gekommen, an dem er zuerst mit Papa sprach, später mit ihr. Korrekt und mit einem leisen Unterton von Gefühl. Eine Stunde später schickte er einen wunderhübschen Strauß Marschalnielrosen. Sie ließ die Friseuse kommen, probierte eine neue, etwas würdigere Frisur, beschloß sich von heute an „Ethel“ nennen zu lassen und entwarf Tischordnungen für das Verlobungsessen. Wobei sie immer wieder leise vor sich hin sagte: „Meine Tante, die Reichsgräfin ...“ „mein Onkel Exzellenz“. Und sie lächelte dazu das bräutliche Lächeln dieser Kreise, denen sie nun angehörte. Dann überlegte sie, an welcher Ecke der Tafel man den unbequemen Onkel Oskar verstecken könnte, der so unwahrscheinlich große Brillantknöpfe im Vorhemd trug und immer die dumme Geschichte erzählte, wie er als jüngster Kommis im Bankhaus Seligsohn den alten Fürsten Lichtenstein, der ihn zu duzen wagte, +wieder+ geduzt hatte.
Klaus Joachim war ein guter anständiger Kerl. Er war froh, als die Verlobungszeit, die seiner Familie mancherlei heftige Vertraulichkeiten von Seiten der neuen Verwandten eingetragen hatte, vorüber war. Über das Glück hatte er niemals intensiv nachgedacht. Einmal, als er sich -- es war kurz vor seinem Sturz über die Ruhesanftschleife -- bei einem amerikanischen Zahnarzt, der für vieles Geld sehr wenig Deutsch sprach, einen Vorderzahn mit Gold plombieren lassen wollte und im Wartezimmer mit anhören mußte, wie eine alte Dame im Operationszimmer nebenan wehklagend die Stunde ihrer Geburt verfluchte, blätterte er, um sich auf angenehmere Gedanken zu bringen, in einem abgegriffenen Sentenzenbüchlein. Und er fand darin neben minder verständlichen Sprüchen das gute Wort: „Das Glück liegt im Geschmack, nicht in der Sache.“
Das ging ihm nicht mehr aus dem Kopf; und sein eigenes Leben an dieser Sentenz messend, fand er, daß er im Besitze einer so hübschen und lebenslustigen Frau gewiß nicht unglücklich zu nennen sei. Als es dann +nach+ dem Unfall mit Sport und anstrengenden Festlichkeiten für ihn Essig war; als er sich mehr auf eine einsame Pflege seiner künstlich gezüchteten Liebhabereien zurückzog und Tobbys nicht aufregende Gesellschaft einem Saale, mit Menschen gefüllt, die krampfhaft Amüsement heuchelten, vorzuziehen begann, da erschien ihm sein von anderen viel und laut beneidetes „Glück“ etwas dünn. Manchmal lästig.
Ethel hatte die Leidenschaft, gestützt auf ihren klingenden Namen, ihre hübsche, biegsame Erscheinung und die erfreulichen Zinsen des vom Vater für die nie erschienenen Enkel festgelegten Kapitales, ein Haus zu machen. „Herr und Frau von Birkowitz geben sich die Ehre ...“ -- kleine und große gedruckte Karten, die also begannen, steckten an unzähligen Spiegeln flotter Kavaliere. Der Träger eines alten Namens oder der kecke Eroberer eines neuen Namens konnte solcher Einladung auf die Dauer nicht entgehen. Irgendwo traf ihn „die schöne Frau von Birkowitz“. Irgendwo machte sie ihm, gütige Blicke unter langen, ein wenig getuschten Wimpern sendend, sanfte Vorwürfe, daß er noch nicht bei ihr Besuch gemacht. Irgendwie wußte sie eine sinnreiche, verpflichtbare Beziehung aufzustöbern zwischen seinem Hause und der Familie derer von Birkowitz. Irgendwann erschien der also Eingefangene dann, bekam ein Miniaturtäßchen aromatischen Tees, ein köstliches Löffelchen russischen Kaviars und hatte die Freude, mindestens einen kurzsichtigen Modeprofessor, einen schweigsamen Modemaler, eine sehr laute Exzellenz und -- wenn er Glück hatte -- einen urlangweiligen Kammerherrn oder gar einen lebendigen Prinzen aus einer um viele Ecken gegangenen Nebenlinie zu treffen.
Zwischen allen diesen ausgesucht distinguierten Besuchern schwebte in einem zwar erlernten aber kleidsamen Tanzschritt die schlanke Hausfrau umher. Der Ausschnitt tiefer vorgerückt, als die Tageszeit. Sie führte eine Konversation, die an tausend Dingen nippte, vom Spiritismus bis zum neuesten amerikanischen Tanz, von der Säuglingswohlfahrt bis zu den dressierten Eisbären, von der letzten kleinen Eheirrung in guten Kreisen bis zum Bazar für die Wärmehallen. Sie verstand im Grunde von allem dem gleich viel, heißt das gleich wenig, aber sie hatte eine wundervolle Spürnase für alles, was Stoff zu flüchtiger Unterhaltung oder Vorwand für ein Wohltätigkeitsfest hergab. Und zuweilen traf man norddeutsche Pastoren, italienische Monsignori, seltener sogar österreichische Rabbiner bei ihr, die alle in gleicher Weise von ihrer Nächstenliebe entzückt waren.
An solchen Tagen trug sie ein geschlossenes Kleid, sehr wenig Schmuck und einen Zug unendlich schlichter Güte um den hübschen Mund. Es gab dann weniger Kaviar und mehr erbauliche Gespräche; und sie hatte eine interessierte Art den langweiligsten statistischen Angaben zu lauschen, die einen Apostel selber entzückt hätte.
Kurz ehe der Anstand den Gästen gebot, sich zu empfehlen, erschien dann der Gatte, Klaus Joachim, auf einen Ebenholzstab mit schlichter Silberkrücke gestützt und von dem gerade in Gunst stehenden Tobby begleitet.
Ethel stellte ihm, ihren runden Arm mit graziöser Zärtlichkeit in den seinen legend, die ihm noch unbekannten Gäste vor, über deren Anwesenheit er sich unendlich erfreut zeigte, und deren Namen er sofort wieder vergaß.
Sie schmierte ihm selbst ein Brödchen -- halb Kaviar halb Anchovis -- wie er es angeblich für sein Leben gern aß, obschon er selbst niemals eine diesbezügliche Mitteilung gemacht hatte; teilte ihm die nächsten Pläne für Feste, lebende Bilder, musikalische Abende oder Bazare mit und versicherte den Anwesenden, daß ihr lieber Klaus Joachim, wie +sie+ ihn kenne, von dieser Stunde an seine ganze freie Zeit der Ausgestaltung des wunderherrlichen Programms widmen werde. Sie erzählte dabei in charmanter Neckerei allerlei originelle kleine Züge, die des Gatten glühendes Interesse an all diesen Dingern hübsch illustrierten. Der also Gelobte aber saß mit verlegenem Lächeln dabei, streichelte Tobbys Fell und war immer wieder tief erstaunt über die unheimliche Leichtigkeit, mit der diese niedliche, lebhafte kleine Frau die kecksten und dreistesten Lügen aus der frischen Luft griff.
Dabei war Ethel durchaus anständig. Die erschreckendsten Klatschbasen, für die der gute Ruf anderer kaum den bescheidendsten Respecktswert hatte, wußten ihr nichts nachzusagen. Sie bevorzugte zuweilen einen Kavalier wenn er gut im Frack aussah, neue Kunststücke mit Talern und Apfelsinen verrichten konnte, eine fünfzackige oder gar eine geschlossene Krone auf der silbernen Zigarettendose trug und von einer Reise um die Welt mit so kühler Ruhe sprach, wie andere von einem Ausflug nach Helgoland oder Rügen. Auch ein Dichter oder Künstler, mit dessen Namen die Zeitungen gerade Fangball spielten, konnte aus der Art wie sie ihm Rum in den Tee goß und vom Ruhm als „der Güter höchstem“ ein gefühlvolles Wort sprach, vielleicht annehmen, daß er in begnadeter Stunde ihrem Herzen näher sein werde als andere. Aber solche „begnadeten Stunden“ kamen schließlich für keinen. Es war immer ein +dritter+ dabei, irgend eine störende Null mit einem klangvollen Titel, einer interessanten Vergangenheit oder einer Zukunft; eine Exzellenz, ein Sportsmann oder ein Komödiant. Und später kamen Klaus Joachim und Tobby.
So gingen die Jahre für Ethel hin als eine Reihe von Festen, nur durch einige ärgerliche Kinderkrankheiten unterbrochen, die sie in der Jugend durchzumachen verabsäumt hatte, und die ihr nun Gelegenheit gaben sehr neckische Negligés zu tragen, dankbar an vielen von Freunden gesandten Blumengrüßen zu riechen, und als blasse Rekonvaleszentin mit melancholischem Lächeln, das ihr gut stand, von ihren Todesgedanken zu plaudern und von verschiedenen sentimentalen Bestimmungen, die sie den beiden Schwestern vom roten Kreuz -- sobald sie sich unwohl fühlte, ließ sie zwei Schwestern kommen -- in einer entsetzlichen angstvollen Nacht diktiert haben wollte.
Aber selbst an ihre zu Festen und Lebensgenuß prädestinierte Natur machten die Jahre ihre Rechte geltend. Und je mehr sie fühlte, daß ihr die Jugend sacht entglitt, um so krampfhafter klammerte sie sich an die äußeren Zeichen und Enbleme der tückisch Fliehenden. Das Rot der Wangen war längst nicht mehr ganz echt, die Haare wurden öfters diskret gefärbt und die Korsetts hatten mehr Mühe, die vorhandenen Formen auf das richtige Maß einzuschnüren und elegant zu verteilen.
Die verspätete Kindlichkeit, die der jungen Frau einen entzückenden Schimmer von Naivität gegeben, und die nun noch immer nicht von der Zurechtgemachten und Gemalten weichen wollte, mischte in ihr Wesen eine reichliche Portion Albernheit. Sie fühlte selbst, daß jetzt manchmal ihre Gäste nicht mehr +mit+ ihr sondern +über+ sie lachten. In krampfhafter Angst, etwas von dem geräuschvollen Drum und Dran ihres ganz auf Äußerlichkeiten gestellten Lebens zu verlieren, verstärkte sie jetzt die Genüsse, die der opulente Haushalt zu bieten vermochte. In dem Maße, als ihre Jugend sich minderte, ihre Schönheit verblich, ihre Anmut kokette Maske wurde, verfeinerten sich jetzt die Tafelfreuden, die musikalischen und theatralischen Aufführungen in ihrem Hause. Man trank bei den Proben schon französischen Sekt. Man aß bei den kleinsten Diners nicht unter fünf Gängen. Man erfreute sich der teueren Delikatessen der Saison nirgends früher, als an der Tafel, der Klaus Joachim, längst mit einem chronischen Magenübel kämpfend mit ledergelbem, wenig vergnügtem Gesicht präsidierte.
Klaus Joachim sah täglich unzählige Leckerbissen vorbeitragen, die ihm aufs strengste verboten waren. Er sah junge Leute in schönen Uniformen und ältere Herren mit Halsorden an seinem Tische, ohne sich ihre Namen merken, für ihre Geschichten interessieren zu können. Er sah lebende Bilder gestellt von blühenden Menschen, deren Geburtsanzeige er -- so kam’s ihm vor -- doch neulich erst gelesen. Er sah zappelige Virtuosen und dicke Sänger an seinem Flügel, die er innigst nach Pernambuco wünschte. Und abends spät, wenn er -- den silbernen Leuchter schon in der etwas zittrigen Hand -- nach vererbter Familiensitte seiner Frau galant die Hand küßte und prüfend in das abgespannte Gesicht mit den mühsam weggeschminkten Fältchen um die müden Augen blickte, sah er auch, daß die Lebensgefährtin trotz verzweifelter Gegenwehr wurde, was kein Tobby in seinem Hause werden durfte: +alt+.