Part 8
Die Züge des Versteinerten belebten sich. Den Lippen entfuhr ein Zischlaut, wie ihn ungeduldige Lokomotiven knapp vor der Abfahrt hören lassen. Dann bildete der Sprechapparat Worte, tonlos, mechanisch, wie einem Uhrwerk gehorchend und ohne seelische Beteiligung:
„Mutter +dafür+ bin ich ausgewandert, +dafür+ hab’ ich +Latein+ gelernt und die punischen Kriege und habe Kegelschnitte berechnet, damit mir ...“
„Geh’, Alter!“ Die Mutter legte ihm den Arm um den Hals. „Wenn er sie doch +gar+ so gern hat!“
Aber Anton Brömmelmann dachte in diesem Augenblick nicht an den Sohn. Er sah mit seines Geistes Augen den Vater, +seinen+ Vater voll Stolz ein Zeitungsblatt auseinander falten. Eine ganzseitige Annonce im Tageblatt: „Urteile von Hygienikern, Professoren, Künstlern über Anton Brömmelmanns weltberühmte ...“
„Wir wollen ihm telegraphieren,“ mahnte die Mutter.
„Ja, ja.“
Anton Brömmelmann ermannte sich.
„Ich will einen -- Glückwunsch aufsetzen. Gib mir ein Stückchen Porzellan -- wollt’ ich sagen: ein Stück Papier.“
Und Anton Brömmelmann sandte an die Adresse seines alten Geschäftes dem beinah studierten Sohne seinen väterlichen Segen.
Christian Fürchtegott Gellert hat eine sehr schöne Geschichte von einen grünen Esel zu erzählen gewußt. Ich maße mir durchaus nicht an, mit Christian Fürchtegott Gellert in der Kunst zu fabulieren, konkurrieren zu können. Aber eine Geschichte von einem Esel kann ich auch erzählen.
Gewöhnliche Esel sind, wenn ich mich nicht täusche, alle grau. Christian Fürchtegott Gellerts Esel ist grün. Mein Esel aber ist rot. Das mag einem Skeptiker -- und wer ist in unserer Zeit nicht Skeptiker? -- ein bißchen unwahrscheinlich vorkommen, und Brehms Tierleben gibt seinem Zweifel in der kleinen wie in der großen Ausgabe scheinbar recht. Trotzdem ist, wie ich nachdrücklich bemerke, ein ungläubiges Lächeln meiner Angabe gegenüber äußerst frivol und tadelnswert, denn ich spreche nicht von einem wirklichen, lebendigen Esel, sondern meine Geschichte handelt von einem Gummiesel. Und wer kann der Phantasie eines Gummispielzeugfabrikanten Vorschriften machen? Warum, frage ich, soll sich ein erfinderischer Kopf nicht nach Analogie eines +grauen+ Esels auch einen +roten+ Esel denken können?
Ja, wenn ich mir die Sache recht überlege, muß ich sagen, ein roter Esel hat ebensogut seine Existenzberechtigung wie ein grauer Esel, und es erscheint mir unter gewissen Gesichtspunkten als ein Loch im Schöpfungsplan, daß diese liebreiche und gern zu Vergleichen herangezogene Tierklasse nicht auch eine rote Spielart aufwies, als sie im Paradiesgarten erschien. Doch lassen wir die theologischen Spitzfindigkeiten, die uns das Vergnügen an meiner kleinen Geschichte verderben könnten, ehe sie begonnen.
Es gibt also einen roten Gummiesel, eine kleine und zierliche Miniaturausgabe des ergötzlichen Haustiers. Dieser kleine rote Gummiesel ist vor nicht allzulanger Zeit in den Besitz meiner einzigen Erbin übergegangen, die ihre Bewunderer noch jeden Morgen empfangen darf, wenn sie selbst in der -- Badbütte sitzt und sich damit unterhält, ihre Umgebung so naß zu machen, als es sich in zehn Minuten heißen Bemühens durch heftige Bewegungen zweier runder Beinchen und zweier ebensolcher Ärmchen irgend bewerkstelligen läßt. Meine Erbin ist nämlich noch kein Jahr alt. Und das nimmt der Historie jeden unmoralischen Beigeschmack.
Der rote Gummiesel ist ein sinniges Weihnachtsgeschenk, das meiner Tochter von ihrem leiblichen Vater gemacht wurde.
Ich hatte vier Wochen vor Weihnachten angefangen, für das damals sieben Monate alte Baby ein passendes Präsent auszuwählen. Spielzeug von Holz, Stein, Wolle und Papier hatte ich schon in fünf Läden prüfend durcheinander geworfen, ohne mich für ein bestimmtes entscheiden zu können. Mein zärtliches Vatergemüt litt nämlich unsägliche Qualen unter der fixen Idee, daß diese Spielzeuge alle +abfärben+ müßten, wenn das Kind sie nach Kinderart in den Mund steckte. Daß diese Farben furchtbare Giftstoffe enthielten, war für meine Phantasie eine ausgemachte Sache; und daß ich mein Baby durch mein Weihnachtsgeschenk in Lebensgefahr bringen könnte, war ein Gedanke, der mir fortgesetzt den Hirnkasten umstülpte und den kalten Schauder über den Rücken laufen ließ.
Einmal träumte ich sogar, ich sei des verbrecherischen Versuches angeklagt, meinem Kind einen ausgestopften Vogel, an dem Arsenik klebte, in den Mund gesteckt zu haben, um das Vermögen des Onkels Ignaz allein verprassen zu können. Nun hat Onkel Ignaz zwar kein Vermögen, aber drei Kinder, die es erben würden, +wenn+ er’s hätte. Mein Traum war also so dumm als möglich. Aber, wenn schon ich am nächsten Morgen meiner Frau gegenüber mein Gestöhn in der Nacht ins Lächerliche zu ziehen suchte, gab ich doch Befehl, daß die beiden ausgestopften Möwen von dem Schrank im Eßzimmer unverzüglich entfernt und auf den Boden geschafft würden.
Meine Frau sprach zwar schüchtern die Vermutung aus, das in der nächsten Zeit unser Baby noch kaum auf den Schrank klettern werde, um an den Möwen zu lutschen, aber ich blieb fest. Die beiden Möwen kamen auf den Speicher; und ich bin erst vor einigen Tagen maßlos über die dummen Vögel erschrocken, als ich die Dachfenster schließen wollte und plötzlich die weißen, gespensterhaften Tiere unbeweglich in einer Ecke sitzen sah.
Weihnachten rückte immer näher.
Es roch schon verdächtig nach verbranntem Lebkuchen, und meine Frau duftete immer nach Zitronat, wenn ich sie küßte. Aber ein Geschenk für mein Baby hatte ich noch immer nicht. Für die Bekleidung und den Putz sorgten sicherlich die beiden Großelternpaare. Der unvermeidliche silberne Löffel war ihm auch sicher.
+Mein+ Geschenk aber sollte das Kind erfreuen, wahrhaft beglücken. Das tut doch ein silberner Löffel nicht! Es mußte etwas ganz Außergewöhnliches sein.
Ich lief sehr aufgeregt mit heißem Kopf und kalten Füßen durch die verschneiten Straßen und sann dem „Außergewöhnlichen“ nach.
Eine Peitsche -- eine Puppe -- ein Pferdelos -- ein Glasschränkchen -- eine Taschenuhr -- eine Gartenschippe -- eine Stehlampe -- ein Freßkorb -- ein Kanarienvogel -- eine Niobe -- ein Tintenfaß -- ein Album -- ein Kistchen Zigarren -- das ging doch alles nicht! Gott, was für herrliche Präsente fielen mir ein für Nichtraucher und Raucher, für alte Jungfern und hypochondrische Junggesellen, für Primaner und höhere Töchter, für Kavallerieleutnants und Urgroßmütter! Nur für mein siebenmonatiges Töchterchen fiel mir um die Welt nichts ein; und ich stand auf dem Punkte, mir selbst einige auserlesene Grobheiten zu widmen.
Da plötzlich geschah „das Wunderbare“, wie Ibsens Nora sagen würde. Das Wunderbare, um das ich mich nun seit Wochen unter ernster Gefährdung meiner Gesundheit bemühte. Mit großen, lichtvollen Buchstaben stand plötzlich über dem Chaos in meinem Gehirn der erlösende Satz: Ich schenke ihr einen roten Esel, einen roten Gummiesel!
Wie diese Erleuchtung mir so plötzlich kam? Dafür gibt es eine übernatürliche Erklärung und eine natürliche. Die übernatürliche Erklärung lautet: „Wahre Erleuchtungen kommen immer plötzlich und von oben,“ die natürliche aber besagt: „Ich hatte den roten Esel eben gesehen.“
Ja, er stand in ganzer Wildheit und Schönheit zwischen Püppchen mit kurzen Röcken, Hampelmännern, Klistierspritzen und anderem, teils erfreulichem, teils nützlichem Hausgerät im Erker eines Gummigeschäfts. Wie Romeo seine Julia liebte vom ersten Augenblick süßen Schauens an, so wußte ich vom ersten Blick, der dieses Abbild bescheidener Sanftmut gefunden: Dieser rote Esel ist das einzige wahrhaft würdige Geschenk, das ein Vater seiner einzigen und darum auch ältesten Tochter machen kann!
Als ich in dem Laden stand, erwies sich’s, daß dem liebenswürdigen Verkäufer das Hervorkramen des roten Freundes aus dem Erker viele Mühe und wenig Freude bereiten mußte. Er empfahl mir darum einen gelben Ziegenbock mit vieler Wärme, ja, er war sogar geneigt, mir zwei Gummistöpsel drein zu geben, wenn ich mein Gelüste nach dem roten Esel bezwingen und mich für den Ankauf des gelben Ziegenbocks entscheiden könnte.
Aber wer kennt die Gefühle eines Vaters, der für sein Kind den Freund gewählt hat! Ich +hatte+ gewählt und ließ mich selbst durch die glänzende Offerte dieses koulanten Geschäftsmannes, der elastisch war wie sein Gummi und beständig lächelte, wie ein Äginet, nicht umstimmen.
„Ich bitte um den roten Esel,“ sagte ich fest.
Der Jünger Merkurs kroch nun seufzend in den geräumigen Erker.
Sehr zur Belustigung der draußen versammelten Jugend fielen ihm zunächst einige bunte Kopfbälle auf den Schädel und ergingen sich dann in scherzhaften Sprüngen über den Boden. Dann trat er in eine Bettpfanne, aus der sich der Fuß nicht ohne Schwierigkeit befreien ließ, und stieß einige Rollen Linoleum gegen die Scheiben, was ihm von draußen geräuschvolle Ovationen eintrug, die er mit verächtlichen Worten ablehnte.
Ziemlich ergrimmt, mit derangierter Frisur und sehr staubigen Händen, aber noch immer lächelnd, entstieg er schließlich dem Schaukasten und brachte meinen roten Esel richtig mit.
Es stellte sich zu meinem namenlosen Entzücken heraus, daß das seltene Gummitier, dank einer sinnreichen Mechanik, wenn man ihm den Bauch einquetschte, sogar einen kurzen, pfeifenden +Ton+ von sich geben konnte, der zwar jeder Lieblichkeit entbehrte, auch den Eseln sonst nicht eigentümlich ist, aber trotzdem meinen Stolz auf dieses merkwürdige Geschenk ins Ungemessene steigerte.
Ein Siegerlächeln auf den Lippen, kam ich, meinen Schatz behutsam in ein verschwenderisch großes Stück Papier gehüllt, nach Hause.
Die Suppe schmeckte seltsamerweise heute nach Zitronat, was bei Suppen kein sympathischer Geschmack ist.
„Aber, Eduard, denke doch, vor Weihnachten!“ sagte meine Frau vorwurfsvoll, da sie mein wohl nicht allzu entzücktes Gesicht gesehen.
„Natürlich! Vor Weihnachten!“ gab ich vergnügt zurück, dachte an meinen köstlichen Gummiesel und löffelte die Suppe, die immer noch nach Zitronat schmeckte, bedächtig aus.
Weihnachten kam.
Ich hatte goldene Finger vom Nüssevergolden und ging den ganzen Tag sehr wichtig und sehr zwecklos mit dem Christbaumanzünder im Arm mit feierlichen Schritten umher, mich immer auf meine schwierige Aufgabe vorbereitend.
Eine Menge Verwandter aller Jahrgänge lief in den Zimmern eilfertig und geräuschvoll durcheinander. Sie waren alle erschienen, um zu sehen, „was Baby für Augen machen wird“. Ich sah ihnen aber an ihren Augen an, daß jedes von ihnen überzeugt war, +sein+ Geschenk werde Baby am meisten zusagen.
Ich lächelte hochmütig. Stand doch schon der rote Gummiesel bereit, und der -- das wußte ich, als ob’s im Katechismus stände -- war einfach nicht zu übertreffen, einmal durch seine ureigene Schönheit, durch die Reize von Figur und Farbe, und zum zweiten als Geschenk des leiblichen Vaters!
Die Sache kam leider anders!
Baby in langem Spitzenkleidchen auf dem Arm der Mutter ins Festzimmer eingeführt, betrachtete eine Weile mit sichtlichem Erstaunen den hohen, lichtergeschmückten Baum -- was beide Großmütter, die in atemloser Spannung, mir den Platz versperrend, dabeistanden, als ein untrügliches Zeichen unerhörter geistiger Befähigung begrüßten. Dann aber griff es seiner Mutter meuchlings in die Haare -- was sofort als Betätigung einer in so zartem Alter bewunderungswürdigen Energie gedeutet wurde. Und schließlich gewahrte es +mich+ und -- +lachte+.
Ich war natürlich sehr stolz, bahnte mir einen Weg zu dem lieben Blondköpfchen und begann ihm mit großer Beredsamkeit in zuvorkommender Weise seine Geschenke zu erläutern.
„Hier, mein Goldkind, die Windelhöschen von der Großmama, und hier die hübsche Veilchenwurzel mit silbernem Griff, auch von der Großmama. Ja, du hast eine gute -- nein, was sag’ ich, du hast +zwei+ gute Großmamas! Hier, mein Liebling, Kleidchen von der anderen Großmama. Und der Löffel, natürlich auch da, der schöne silberne Löffel. Und hier das Hütchen von der guten Mama und -- ja, jetzt paß auf, mein Schatz, sieh hier das prächtige, rote Eselchen! Das -- ist -- von -- Papa!“
Der Kreis der Verwandten nickte beifällig.
„Er hat’s ganz allein ausgesucht,“ kommentierte meine Frau.
Ein Gemurmel bewundernden Beifalls über mich und den roten Esel drang mir wohltuend ans Ohr.
Und das Baby?
Ja, das war merkwürdig mit dem Kind. Nicht einen Blick warf es auf die Herrlichkeiten, die ihm das Christkind bescherte. Es hatte auf meinem Vorhemd den goldenen Hemdenknopf entdeckt und ging auf in Bewunderung dieses merkwürdigen, glitzernden Phänomens.
Ich ließ den Esel quietschen, bis meine Damen sich die Ohren zuhielten und mein Schwiegervater mich im Namen aller Heiligen beschwor, den Unfug sein zu lassen, weil er sonst Zahnschmerzen bekäme, noch bevor er von unsern Lebkuchen gekostet. Das Baby aber hörte nicht auf die Töne, sondern beobachtete unausgesetzt den interessanten Hemdenknopf, der die Brust seines Vaters zierte.
Als ich Miene machte, mich und damit zugleich das Objekt seiner Bewunderung von dem Baby zu entfernen, begann das Kind ein jämmerliches Geschrei. Beide Großmütter fanden mein Benehmen dem Kind gegenüber „barbarisch“, eines zivilisierten Mannes durchaus unwürdig. Und die Familie ruhte erst, als ich mich und den heißgeliebten Knopf wieder vor das Kind postierte und mir von den naßgelutschten Fingerchen feuchte Bahnen über meine frische Hemdenbrust zeichnen ließ.
Hinter mir blies mein Schwiegervater die Lichter auf den Tannenzweigen aus. Was mich sehr beunruhigte, da meine Furcht vor einem Gardinenbrand so groß ist, daß sie sprichwörtlich in unserer Familie werden konnte.
Bis Baby zur Ruhe gelegt wurde, hatte es nur Sinn für meinen Hemdenknopf, den ich innerlich, obwohl er von Gold war, zu allen Teufeln wünschte. Ich hatte den verdammten Knopf schon so +oft+ getragen, ohne daß Baby geruhte, ihn zu bemerken. Und nun gerade an Weihnachten mußte dieser alberne, protzige Kerl da auf meiner Brust dem Kinde ins Auge stechen! +Zu+ dumm!
Einsam und verlassen aber stand drin im Bescherzimmer unter dem Tannenbaum mein Stolz, meine Freude, mein genialer Einfall, mein Retter aus Nöten, mein außerordentliches Festgeschenk, diese Seltenheit mit Musik: der rote Gummiesel ...
Für jeden, der logisch denken gelernt hat, ist es ganz selbstverständlich, daß ich an den folgenden Festtagen den miserablen Knopf durch eine üppige Krawatte verdeckte und das Baby nunmehr mit seinem roten Esel zu befreunden suchte. Ich ahnte nicht, welchen Schmerz mir das ungetreue Tier, das ich ins Herz meiner Tochter zu schmeicheln emsig bemüht war, noch bereiten sollte!
Baby machte in diesen Tagen die ersten Sprechversuche. Mutter und Vater lauschten verhaltenen Atems entzückt dem endlosen Kauderwelsch, das von dem lieben Kindermäulchen aus den einfachen Silben „Pa“ -- „Ma“ und „Da“ zusammengesetzt wurde. Im Wägelchen lag die Kleine unter dem Christbaum, fast selbst wie ein niedliches Christgeschenk, und übte sich ohne Ermüden in ihrer Sprache, die allerdings noch für den Satz des Fürsten Talleyrand, daß die Sprache dazu da sei, die Gedanken zu verbergen, als Beweis angeführt werden konnte.
Ich benutzte meine freie Zeit eifrig dazu, dem Baby beizubringen, die schwierige Silbe „Pa“ ohne jede Beimischung anderer phonetischer Kunststücke zweimal, nur zweimal, rasch hintereinander zu setzen, wodurch das Wort „Papa“ entstehen sollte. Leider ging das autodidaktische Bestreben des kleinen Dickkopfs lange seine eigenen Wege; entweder wiederholte das Baby die verlangte Silbe ~ad infinitum~ oder es stieß sie zum mindesten fünfmal rasch hintereinander hervor. Beides war unerwünscht.
Da ließ endlich mein erfinderischer Geist den roten Gummiesel in die Belehrung und Erziehung tätig eingreifen. Immer wenn das schöne Wort beginnen und wenn es enden sollte, ließ ich den Esel durch energisches Eindrücken seiner Bauchwände mörderisch aufquieksen, und siehe da: es ging! Baby sagte deutlich: „Pa--pa“.
Das heißt, eigentlich war die Sache so: „Quieks“ machte der Esel, „Pa--pa“ begann das Kind, „Quie--i--i--i--i--ks“ endigte der Esel. Das Baby staunte und schwieg. So ward das Wort Papa geboren!
Überrascht und hochbeglückt von dem Erfolg kam ich mit meiner Frau überein, daß die beispiellose Gelehrsamkeit unseres Kindes noch heute einem größeren Kreis von Verwandten demonstriert werden müsse. In einer Großstadt hat man seine Leute ja rasch beisammen! Wozu hat man das Telephon?
Schon nach einer halben Stunde waren, obgleich ich mich einmal irrtümlich längere Zeit mit einem Sargmagazin und ein anderes Mal mit einem Schweinemetzger, der sehr grob war, verbunden sah, so ziemlich alle Verwandten zum Tee geladen, mit Ausnahme einer alten Tante, die im gewöhnlichen Verkehr sehr wenig und am Telephon gar nichts hörte, wenn schon sie leidenschaftlich gern telephonierte. Diese Tante suchte ich per Droschke auf und auch sie versprach zu kommen.
Es war ordentlich feierlich, als wir in zwei dichten Reihen am Nachmittag gegen 5 Uhr um Babys gelben Korbwagen standen.
Ich hatte meinen Platz ganz vorne genommen und wurde von allen sehr respektvoll behandelt. War ich es doch, der dieses erstaunliche Erziehungsresultat erzielt hatte und die Vorführung leiten sollte.
Ich befahl allen durch eine gebietende Handbewegung lautlose Stille an und bat meine Frau, mir den Gummiesel vom Tisch zu reichen, den ich in meiner Vergeßlichkeit dort hatte liegen lassen.
„Der Gummiesel, wo ist der Gummiesel?“ ging es durch die Zuschauer.
Mein Schwiegervater aber machte die unnütze Bemerkung: „Braucht’s denn den roten Gummiesel, um -- Papa zu sagen?“
Ich weiß nicht warum, aber dieser Ausspruch berührte mich peinlich. Doch wurde ich rasch wieder sehr vergnügt gestimmt, als das auserlesene Kunststück über alles Erwarten prächtig gelang.
„Quieks“ machte der Esel, „Pa--pa--“ begann das Baby, „Quie--i--i--i--i--ks“ endigte der Esel in schrillem Mißklang rasch den kurzen, aber ergötzlichen Dialog.
Man beglückwünschte mich stürmisch, küßte mich und das Kind mit viel Gefühl, bis das Kind schrie und ich große Lust hatte, auch zu schreien.
Ein bildschöner Dompteur in fleischfarbenem Trikot und Schuppenpanzerhöschen kann nicht +so+ gefeiert werden, wenn er nach der Dressur den Käfig der Löwen und Königstiger verläßt, die auf seinen Wink durch brennende Pechreifen gesprungen sind.
Ich war maßlos stolz auf das Kind, auf mich und auf den roten Esel.
Nach dem Tee zog mich mein Schwiegervater mit feierlichem Ernst in eine Fensternische.
„Sag’ mal, Eduard,“ begann er in einem fast beleidigend mitleidigen Ton, „glaubst du, daß das Kind auch ‚Papa‘ sagt, wenn es den -- +andern+ nicht sieht?“
„+Welchen+ -- andern?“
„Nun, den roten Gummiesel.“
Ich erschrak, faßte mich aber sofort wieder, und den alten Herrn mit einer entrüsteten Armbewegung in den Blumentisch schiebend, ging ich an ihm vorbei und sprach nur die geflügelten Worte: „Es lernt’s!“
Das war nun leider eine Täuschung meinerseits.
Der alte Herr hatte recht gehabt, wie ich am nächsten Morgen erfahren sollte. Ich hätte es gern noch am Abend erprobt, aber meine Frau überzeugte mich von der Ruchlosigkeit meines Vorhabens, dem armen Kind am späten Abend „noch das Gehirn anzustrengen“. Am nächsten Morgen aber, wie gesagt, stand ich nach wenig erquicklicher Nacht früher auf und probierte.
Richtig, das Baby sagte zu dem roten Esel „Papa“, sobald es seiner ansichtig ward. Mich aber ignorierte es gänzlich, wenn ich allein kam. Ja sogar mein goldener Hemdenknopf machte keinen Eindruck mehr.
Tief bekümmert zog ich meine Frau ins Vertrauen.
Ich war sehr niedergeschlagen und kam mir nicht anders vor, als der unglückliche König Midas, da ihm die Ohren erstaunlich über den Kopf wuchsen.
Meine Frau zweifelte noch. Ein Versuch erwies die unumstößliche, traurige Wahrheit.
Wir beratschlagten und sprachen dabei französisch, was zwar die Verhandlungen nicht vereinfachte, aber immerhin die Garantie bot, daß unser Kindermädchen, das ab- und zuging, nicht hinter das peinliche Geheimnis kam.
Zunächst -- darin waren wir einig -- mußte das Baby dieses bedauerliche Kunststück wieder verlernen. Dazu war eine sofortige Verbannung des roten Esels die erste, die unerläßliche Bedingung. Dann mußten die lieben Anverwandten beruhigt werden, die den Repetitionen zweifellos häufig beiwohnen wollten. Und endlich mußte meinem Schwiegervater eine Erklärung an Eides Statt abgenötigt werden, daß er lieber sich die Zunge abbeißen, als die Geschichte von dem roten Esel am Stammtisch zum besten geben wollte.
Diese drei Verhaltungsmaßregeln wurden denn auch befolgt.
Zur Verwunderung der lieben Anverwandten hatte Baby plötzlich das schwierige Wort wieder vergessen, und der rote Esel war -- seltsames Zusammentreffen -- zur selbigen Zeit auf rätselhafte Weise verschwunden ...
* * * * *
Wenn ich im verborgenen Schubfach meines Stehpultes zuweilen den vergeblichen Versuch mache zu „ordnen“, fällt mir immer der rote Esel in die Hände.
Die Gefühle des Ärgers und der Enttäuschung sind im Herzen verflogen, und ich versenke mich lächelnd in den Anblick des seltenen Tieres. Ich beschaue es mit jener behaglichen Freude, wie sie die Erinnerung an überstandene schwere Prüfungen zu schenken liebt.
Wenn dann aber plötzlich nebenan die Stimme meines Babys ertönt, dann klappe ich den Pult zu wie ein ertappter Verbrecher, spähe nach allen Seiten umher, ob auch niemand meine Gedanken belauscht hat und betrete dann mit gut gespielter Ahnungslosigkeit, die Hände in den Hosentaschen, einen Walzer pfeifend, das Kinderzimmer.
Baby streckt die lieben, dicken Händchen nach mir aus und ruft: „Papa!“
Ich aber lächele verschmitzt und bin stolz, daß ich doch recht hatte, als ich meinen Schiwegervater in den Blumentisch drückte und zuversichtlich behauptete:
„Es +lernt’s+!“
„... und schließlich: man bekommt doch nicht Kinder, bloß um ihnen Gutes zu tun.“
Damit schloß er immer seine Beweisführung gegen seine eigene ungestillte Sehnsucht nach lebendiger Jugend, nach Nachwuchs, nach Menschlein mit stahlblauen Augen, wie er, und seinetwegen auch mit der klassischen Nase seiner Frau.
„Man hat ja überhaupt gar keine Ahnung, wie sie wachsen und sich entwickeln werden. Sind es Jungens -- pfui Deubel, das verdammte Latein und später ’nen Ekel von Oberst, saudumme Rekruten und hartmäulige Remonten ... Denn Kavalleristen müssen die Kerls werden. Versteht sich! Und sind es Mädels, dann diese dämliche Erziehung mit Christkind und Klapperstorch und französischer Konversation; und nachher wegen eines aufgewirbelten Schnurrbarts und eines kecken Männerlachens hinter gesunden Zähnen geht so was -- natürlich nach obligatem Vatersegen, Trauung und Hochzeitsschmaus im Kaiserhof zu 25 Mark das trockene Kuvert -- auf und davon. Irgendwohin ans andere Ende der Welt. Und schließlich ein verzweifelter Brief: Der Kerl trinkt und verjuckert die Mitgift; und die ganzen schönen Manieren waren bloß Politur des Bräutigams, hinter der ein roher Rüpel steckte ...“
Klaus Joachim von Birkowitz konnte ganz wütend werden, wenn er sich so ausmalte, in wie rüde Hände eines seines Töchterlein, die er gar nicht hatte, fallen konnte.