Von Kindern und jungen Hunden

Part 5

Chapter 53,620 wordsPublic domain

„Na ich danke, so pflaumenweich. Man lebt so.“

„+Gut+ lebt man, scheint’s, lieber Sohn. +Sehr+ gut, was? Du bist ja auf deine alten Tage ein veritabler Dandy geworden.“

„Ach geh! Man kann doch schließlich nicht den ganzen Tag im bekleckerten Sammetkittel herumlaufen, um der Welt zu zeigen, daß man ein sogenannter Künstler ist.“

„Du bist wohl verheiratet, Emil?“

„Ich? Ach nein. Du meinst wegen ... Das täuscht. Ich bin bloß ... ich habe bloß ... Aber findest du nicht, daß es hier +zieht+?“

„Na, ein Mailüfterl kannst du schon nicht verlangen. Wir sind ja schließlich nicht an der Riviera und schreiben seit ein paar Tagen November. Übrigens du siehst doch blühend gesund aus. So ein bißchen Herbstwind -- --“

Emil lächelte etwas verlegen. „Ach ja. +Ich+ schon. Es ist auch nicht meinetwegen, verstehst du. Es ist wegen -- --“

Ich folgte seinem besorgten Blick und entdeckte jetzt erst einen Hund, den Emil an einer aus feinen Lederstreifchen geflochtenen gelben Führleine befestigt hatte.

„Ach, du hast einen Hund?“

„Ja. Ich habe -- ich habe einen Hund.“

Das kam etwas gepreßt heraus, fast als wollte er sagen: Ich wollte, +du+ hättest den Hund und nicht ich.

„Wie heißt er denn?“ forschte ich teilnahmsvoll.

„Flocki.“

„Du, weißt du, ich hätte ihn doch schon anders genannt. Flocki -- das klingt so verdächtig nach einer alten Jungfer.“

„+Ich+ hab’ ihn auch nicht so genannt. Er heißt nun einmal so. Ich finde den Namen ja selbst gräßlich. Zum Übelwerden. Aber ich fürchte, wenn ich das Tier plötzlich umtaufe -- nun ist es doch schon so sehr daran gewöhnt -- er könnte am Ende Schaden nehmen -- z. B. denke dir: ich hätte ihn Nero genannt, sagen wir Nero: Und nun gehe ich mit ihm auf der Leipzigerstraße und sehe, daß so ein gräßlicher Omnibuskasten -- sagen wir ‚Lützowplatz-Rosentaler Tor‘ -- dabei ist, mit seinem Riesenrad den Hund zu zerquetschen. Er ist unvorsichtig, verstehst du. Ich rufe also: Nero! Nero! Aber er -- er ist’s noch nicht gewöhnt, Nero gerufen zu werden. Er bezieht es durchaus nicht auf sich. Er hört’s nicht. Rrrrtsch -- das Riesenrad Lützowplatz-Rosentaler Tor geht mitten über seinen Bauch hinweg. Maria und Josef! Ich darf’s gar nicht +aus+denken!“

Ich hatte mit wachsendem Befremden dieser lebhaften Phantasie des Freundes gelauscht. War er so nervös? Er schien das Schreckliche schon wie eine Fata Morgana vor sich zu sehen und den schmerzlichen Grimassen nach zu urteilen, die er schnitt, verursachte ihm diese Erzählung geradezu seelische Qualen.

Mein Blick ruhte auf dem Köter, dem diese offenbar innige Liebe galt. Ich sah einen kurzbeinigen, gedrungenen Hund, in dessen schwarzem Kopf Ähnlichkeiten mit einem Mops und mit einem Pudel unverkennbar waren, ohne daß man gewagt hätte, sich für eine von beiden Rassen zu entscheiden. Der schraubenförmig gedrehte Schwanz war durchaus Mops; die lockige grauschwarze Behaarung wies hingegen wieder auf die aristokratische Familie der Pudel. So stellte er sich meinem Empfinden als eine sehr unglückliche Kreuzung von Mops und Pudel dar, mit welcher Vermutung ich ja, ohne Kynologe zu sein, so ziemlich das Richtige getroffen hatte.

„Es ist jetzt unsere Stunde zur ersten Abendmahlzeit,“ unterbrach Emil meine stillen Beobachtungen. „Wir essen nämlich immer in Abständen von drei Stunden eine kleine Mahlzeit --“

„Wir -- wer ist das ‚wir‘?“

„Nun -- Flocki und ich. Das ist viel gesünder als eine größere Mahlzeit, bei der man alles so gierig mit hinunterschlingt, Knochen und all so was, sagt der Arzt.“

„Ja, ums Himmels willen, welcher Arzt kommt auf den Gedanken, daß man Knochen ...“

„Der Tierarzt natürlich. Weißt du, ich -- ich bin gottlob gesund und bei der Hand. Das bißchen, was +mir+ mal fehlt, da kann schließlich der Tierarzt auch raten. Ein sehr netter Mann. Er kommt -- Flockis wegen -- wöchentlich zweimal.“

Er sah auf die Uhr und verfärbte sich. „Teufel noch mal! Es ist schon ein Viertel über 5 Uhr. Bis wir zu Hause sind, ist es bestimmt halb sechs. Wenn ihm das nur nichts schadet. Er ist seit zwei Tagen mit der Verdauung nicht ganz in Ordnung.“

„Flocki?“

„Natürlich. Der Arzt sagt zwar, es hätte nichts auf sich. Aber weißt du, ich bin da sehr mißtrauisch. Eine Stiefschwester meines Vaters hat mit sechzig Jahren ... Aber weißt du, das könnten wir alles bei mir zu Hause besprechen. Du hast doch nichts Wichtiges vor? Nein? Also komm’, wir nehmen ’ne Droschke ... He, Kutscher, +Sie+ da, Kutscher!“

Emil hatte einen Taxameter herangewinkt.

Flocki war der erste, der hineinsprang mit der behenden Fröhlichkeit eines Hundes, der dieses angenehme Verkehrsmittel sehr wohl kennt und schätzt.

Als letzter stieg Emil ein. Er saß sehr unbequem, da er seine Beine fast an den Leib ziehen mußte, um Flocki, der behaglich zur Kugel gerollt auf dem Boden des Wagens lag, nicht zu inkommodieren.

Es dauerte nicht lange, so erklang vom Wagenboden ein abscheuliches sägendes Geräusch. Flocki schlief fest und schnarchte.

„Er schläft sonst erst +nach+ der Mahlzeit,“ meinte Emil besorgt. Und da er meine vielleicht belustigte Miene sah, so fügte er zögernd hinzu: „Er ist ein so sonderbarer Hund, weißt du, +so+ sonderbar. Und dann für +mich+ -- schließlich, er ist nicht wie ein anderer Hund. Manchmal --“

Schien es mir nur so oder flammte wirklich ein leichter Ingrimm in diesen Augen, die auf den schlafenden Flocki gerichtet waren, als der Freund den unterbrochenen Satz wie im Traum vollendete: „Manchmal möchte ich fast lieber einen robusten Geißbock am Bändel haben, als diesen sonderbaren Hund!“

* * * * *

Zu Hause hatte mir Emil die ganze Geschichte erzählt von Leonore, von Flocki und ihm selbst.

Er wohnte jetzt am Viktoria-Luisenplatz. In einem Gartenhaus allerdings. Drei Treppen, aber sehr behaglich. Ein Atelier, vier hübsche Zimmer, das größte und schönste war das Schlafzimmer. In der Ecke ein Körbchen mit violetter Seidendecke; offenbar für Flocki.

„Schläft er bei dir im Zimmer?“

„Ja. Der Tierarzt sagt, ihm schadet’s nicht. Und mir -- das ist ziemlich egal. Ich höre dann besser, wenn er hustet und all so was. Auch träumt er zuweilen recht lebhaft. Ich stehe dann auf und massiere ihm die Vorderpfoten.“

Der ganze Haushalt war für Flocki eingerichtet. An allen Fenstern eiserne Gitterstäbe in halber Manneshöhe, wie sie ängstliche Mütter wohl in den Kinderstuben anbringen lassen.

„Flocki könnte auf so ein Fensterbrett springen, verstehst du, und dann das Übergewicht bekommen und in den Hof stürzen. Das wäre ...!“

Wieder betrachtete ich, wie vorhin im Taxameter, die schreckliche Erregung, die sich des Freundes bemächtigte bei der Erwägung solchen möglichen Unglücksfalles, den seine rastlose Phantasie ausspann.

„Ja, warum ziehst du denn nicht parterre?“

„+Hab+’ ich gewohnt. Getrennt vom Atelier. Erst im Vorderhaus. Da regte sich Flocki furchtbar über jeden vorübergehenden Hund auf. Dann im Gartenhaus. Da neckten Bäcker und Metzger und die rüden Schätze der Dienstmädchen im Haus und was sonst da vorüberkam und Zeit hatte, das arme Tier so sehr, daß ich, ohne den Kontrakt auszuhalten, wegzog.“

„Ja, Lieber, da bist du eigentlich, genau besehen, der Sklave deines Hundes.“

„Viel anders ist’s schon nicht,“ seufzte Emil. „Ich kalkuliere so. Wenn er gut gepflegt wird und rationell lebt -- er hat einen ganz kleinen Herzfehler --, so kann er, sagt der Tierarzt, noch zehn bis zwölf Jahre leben. In zwei, drei Jahren aber schon hoffe ich mein großes Bild fertig zu haben; und dann wird es mich in weiteren zwei, drei Jahren bekannt machen. So erreiche ich die pekuniäre Unabhängigkeit von Flocki. Und dann --!“

Wieder leuchtete ein ingrimmiger, fast grausamer Zug in des Freundes sonst so mildem Gesicht. So mögen die Sklaven um Spartacus gelächelt haben, als sie in den Kellern der Fechtschule zu Capua sich heimlich versammelnd von dem furchtbaren Blutbad träumten, in dem ihre römischen Unterdrücker ersaufen sollten.

„Und was stellt das Bild dar?“

„Die wilde Jagd. Den wilden Jäger auf dem Gespensterroß, hinter ihm die Meute über niedrig hängende Wolkenfetzen fegend. Alles bei Mondbeleuchtung.“

„Natürlich violett?“

„Woher weißt du das?“

„Ich habe mal vor Jahren Kühe von dir gesehen. Daraus war eine gewisse Vorliebe zu erkennen -- --“

„In diesem Bild der wilden Jagd ist sie aber berechtigt.“

„Kann man’s mal sehen?“

„Ja eigentlich ...“ er wurde verlegen, „es steckt noch ganz in den Anfängen. Aber wenn du dir eben das Nötige dazu denkst.“

Das versprach ich, und so nahm er einen sehr schönen, leicht violett getönten Lappen von einer respektablen Leinwand.

Das erste, was ich sah, war -- +Flocki+. Flocki nicht in einer, sondern in dreißig, vierzig Gestalten. Die ganze Meute hinter dem anatomisch sehr merkwürdigen Gespensterroß war Flocki und Flockis Geschlecht.

„Du, Emil, weißt du -- die Hunde ...“

„Ja? Fällt dir das +auch+ auf. Es ist mir so gekommen. Ich weiß nicht wie. Ich wollte natürlich Jagdhunde malen, Bracken. Hatte auch mal ein Modell hier. Aber Flocki hat sich wie wahnsinnig angestellt hinter der Tür dort. Dann hab ich eben mehr aus dem Kopf ... Nun ist das Unglück, verstehst du, ich beschäftige mich innerlich soviel mit Flocki -- er bedeutet mir soviel, +muß+ mir soviel bedeuten -- daß unwillkürlich seine Züge und seine Eigenart ... Es ist mir im Grunde gräßlich. Soll das Malefizvieh mir auch noch meine Kunst ruinieren!! Satanspest noch einmal!“

Wie ein Sturm der Leidenschaft war’s plötzlich über ihn gekommen. Er griff eine Handvoll Pinsel aus einer alten Blechdose und warf sie wütend wider die Wand. Dann setzte er sich auf einen in kräftigen Farben leuchtenden kleinen Gebetsteppich, der einen alten Diwan deckte, vergrub seinen Kopf in die Hände und schien nicht übel Lust zu haben, zu weinen.

Ich wußte in meiner Überraschung nicht recht, was ich machen oder sagen sollte. Schließlich fand ich den mir selbst nicht sonderlich einleuchtenden Trost: „Mein Gott, vielleicht findet man das sehr originell. Die Rasse ist wenig bekannt.“

„Schöne Rasse,“ knirschte Emil aus seiner Ecke. „Ist gar keine Rasse, ist eine Gemeinheit, ist eine Parodie auf das Hundegeschlecht. Himmel, wie mir das wohltut, mich einmal gehen lassen zu dürfen! Flocki schläft, und du bist ein ehrlicher Kerl. Immer diese Komödie der Zärtlichkeit. Und die Freiheit beim Teufel. Und die Kunst beim Teufel. Und der Mut beim Teufel; der Mut, diese faule, träge, dumme, widerliche Bestie persönlich am Griebs zu packen und in den Landwehrkanal zu werfen mitsamt der verdammten Rente von sechstausend Mark, die mir das lebendige Scheusal trägt.“

„Sechs-tau-send Mark. Donnerwetter! Das ist allerdings ..!“

„Ja siehst du: +das+ ist allerdings!.. Da sagst dus selbst. Das ist eben auch +mein+ Trost, daß neunzig von hundert ganz dieselben Esel wären, wie ich, und nicht den Mut hätten, dieses Rabenvieh ...“ Er unterbrach sich plötzlich, legte den Finger an den Mund und lauschte. „Hat -- hat Flocki nicht eben -- eben geniest? Richtig -- eben schon wieder!“ Er eilte nach der Tür und rief nach der Küche: „Lisette, Lisette! Verbinden Sie mich -- du entschuldigst -- verbinden Sie mich mal gleich Amt VI Nr. 3079.“

„Wen willst du sprechen?“

„Den Tierarzt.“

* * * * *

Nein, hier war nicht zu helfen. Dies Gefühl gewann ich, je öfter und je länger ich Emil sah.

Und ich sah ihn oft und lang. Denn seit jenem Gefühlsausbruch, dem ich erschreckt beigewohnt, tat es ihm sichtlich wohl, in meiner Gesellschaft sich auszusprechen. Immer über Flocki. Und nur über ihn. Zwei Jockeis, die Analphabeten sind und außer reiten nichts können, als wetten und trinken, unterhalten sich bestimmt nicht soviel von ihren Pferden, wie Emil und ich von den Hunderassen, die Flocki zu seinen Ahnen zählte, und von diesem Köter selbst, der die Zartheit, mit der er behandelt wurde, in schnödester Weise dadurch vergalt, daß er alle Untugenden und Laster, die in seiner schwarzen Seele geschlummert hatten, ins Unerträgliche steigerte.

Wenn er müde war, sprang er auf das weichste Möbel, gleichviel, ob es ein Bett, ein Sessel oder ein mit Emils Frackanzug belegter Stuhl war. Wenn er traurig war, knurrte er jeden -- Emil nicht ausgenommen -- feindlich an. Wenn er fröhlich war, entrollte er seinen sonst geringelten Schwanz und wedelte damit so energisch, daß kleinere Tischchen stets in Gefahr waren, umgestoßen zu werden. Bei schlechtem Wetter war er merkwürdigerweise stets besonders gut aufgelegt. Was für die Kleider seiner Freunde sehr unangenehm war, da er mit den schmutzig-nassen Pfoten an ihnen hinaufzuklettern versuchte und keinerlei Verständnis für die kühle Ablehnung seiner Freundlichkeit besaß. Energisch angefaßt oder gar geschlagen durfte er nicht werden, da Emil befürchtete, die zarte Gesundheit des edlen Tieres könne ernstlichen Schaden nehmen.

So erduldete Emil ein Martyrium. Sein Bild machte ihm keine Freude mehr, weil jeder Hund, den er der Meute seines Wilden Jägers hinzufügte, immer wieder Flockis verhaßte Züge annahm. Seine Wohnung machte ihm keine Freude mehr, denn überall fand er Spuren von Flockis Fröhlichkeit und Zerstörungssinn. Die freie Natur macht ihm keine Freude mehr, denn er vermochte sie nicht zu genießen, ohne entweder von Flocki an der Leine bald an einen Eckstein, bald um einen Baum gezerrt zu werden, oder, wenn er ihn frei laufen ließ, in beständiger Angst zu schweben, daß der Unvorsichtige von einem Wagen oder einem Automobil überfahren werden könnte. Besonders gegen die Automobile hatte er eine solche Wut in seinem Herzen angesammelt, daß er eines Tages einen maßlos heftigen Artikel in ein Blättchen gegen die „Stinkdroschken“ schrieb, in dem er die Vorstände sämtlicher Automobilklubs so schwer beleidigte, daß sie gemeinsam klagten und der Freund -- „in Anbetracht seines hohen Bildungsgrades“ -- zu einer Geldstrafe von 500 verurteilt wurde. Das war gerade eine Monatsquote seiner Jahresrente! Er mußte sich zwei Monate einschränken und teilte nun den ganzen Haß, dessen sein Herz fähig war, zwischen Flocki und dem Automobil.

Dann peinigte noch eine andere Vorstellung seinen Geist. Man las so oft davon, daß Hunde von Leuten, die daraus ein verbrecherisches Gewerbe machten, ihren Besitzern auf der Straße gestohlen wurden. Konnte das nicht auch Flocki passieren? Flocki -- man konnte sagen, was man wollte -- war ein auffallender Hund. Konnten nicht solche Gauner, hingerissen von den körperlichen Vorzügen Flockis und der seltenen Mischung der Rassenmerkmale, die sein Wuchs aufwies, ihm nachstellen, ihn mit Frankfurter Würstchen, seiner Leibspeise, anlocken und entführen? Was dann? Dann +lebte+ der Hund zweifellos noch, aber +er+ konnte sein Leben nicht beweisen. Wie war’s dann mit der Rente? Adelgunde konnte behaupten, der Hund sei tot; aber sie konnte seinen Tod so wenig beweisen, wie Emil das Leben. Das Testament sprach ausdrücklich vom Todestag. Der war dann nicht zu erfahren.

Schließlich, da er sogar nachts von diesem fatalen Rechtsstreit träumte, ging Emil zu ~Dr.~ Neumann, der ihn nach längerer Erwägung und nachdem er in vielen Büchern nachgelesen und ihm auch aus einigen Unverständliches mitgeteilt, dahin beschied: Adelgunde könne in diesem Fall verlangen, daß Flocki nach einer gewissen Zeit „für tot erklärt“ werde, womit Emil ein für allemal jeden Rechtsanspruch an die Zinsen von Eleonorens Hinterlassenschaft verliere.

Flocki -- für tot erklärt? Das war nun das zweite Schreckgespenst, das neben dem Gespenst von Flockis wirklichem Tod den armen Freund überall hin verfolgte.

Er beschloß auf alle Fälle, sich einzuschränken, Ersparnisse zu machen, damit ihn dieser gräßliche Fall nicht unvorbereitet träfe. Aber das war nicht so einfach. Flocki war gut gewöhnt. Der Tierarzt rechnete für jeden Besuch 5 Mk. und kam mindestens zweimal wöchentlich. Die Hinterbeine Flockis mußten auf seine Anordnung täglich massiert werden, was jedesmal 2 Mk. kostete. Kamen hinzu die nicht unbeträchtlichen Unkosten für die Heilung des geprüften Heilgehilfen, den Flocki gleich bei Beginn der ihm unerwünschten Massagekur in den Daumen gebissen hatte. Kurz, es läpperte sich bös zusammen. Das Schlimmste aber waren die Besuche Adelgundes.

Sie kam von Zeit zu Zeit nach Flocki zu sehen ... Denn, wie sie sagte, wenn sie auch im Testament der Schwester der Gefühllosigkeit gegen dieses Tier geziehen war, so schien es ihr doch Pflicht des trauernden Schwesterherzens, sich vom Wohlbefinden der einzigen lebenden Seele, an der, so schien es, die liebe Entschlafene gehangen habe, zu überzeugen. Und sie vergaß nie hinzuzufügen, daß sie mit dieser „einzig lebenden Seele“ durchaus nicht etwa Emil, sondern Flocki meine.

Diese Besuche bedeuteten für Emil eine Stunde der Qual und Prüfung. Meist erfolgten sie Freitags zwischen fünf und sechs Uhr, zwischen zwei Klavierstunden, die Adelgunde in der Nähe zu erteilen hatte. An schönen, sommerhellen Tagen blieb sie manchmal aus; aber wenn es regnete, kam sie bestimmt. Und da sie prinzipiell niemals Gummischuhe benutzte, so brachte sie meist ein erkleckliches Quantum Schmutz und Nässe an ihren nicht zu knappen Sohlen mit in Emils Salon und auf den farbenprächtigen Bucharateppich, auf den er um so stolzer sein durfte, als er ihn viel zu hoch bezahlt hatte.

Das Gespräch nahm aber dann meistens den folgenden Verlauf.

„Ach, Fräulein Adelgunde! Welche Freude --“ Emil log jedesmal mit demselben Mißerfolg im Gesichtsausdruck. „Sogar bei dem schlechten Wetter schenken Sie uns die Ehre. Ich darf vielleicht ein Täßchen Kaffee ...“

„Nein, ich danke wirklich. Ich habe schon zu Hause ...“

In diesem Augenblick kam gewöhnlich, ungerufen und ihre Pflicht durchaus kennend, die tüchtige Lisette, ein Mädchen von unbestimmbarem Alter und ganz außerordentlicher Häßlichkeit, die noch durch Kleider von einem augenvergiftenden Blaugrün gehoben wurde, mit dem Kaffeebrett ins Zimmer. Und Adelgunde, die „schon zu Hause getrunken hatte“, trank nicht +ein+ Täßchen, sondern vier, wozu sie eine größere Anzahl von Biskuits verzehrte. Dies alles mit der Miene und dem Anstand einer Europäerin, die etwa bei einem Kaffernhäuptling zu Gast ist und dessen entsetzliche Nationalgerichte aus einer gewissen mitleidigen Höflichkeit für den Gastgeber sich gefallen läßt.

Nach dem zweiten Biskuit sah sich Adelgunde suchend im Zimmer um:

„Und unser lieber Flocki, ist er nicht hier? Sie wissen, lieber Freund, ich würde nimmermehr zu Ihnen kommen -- denn schließlich, wir sind beide unverheiratet, nicht wahr, und die Welt hat an dem Erfinden und Kolportieren von Schlechtigkeiten ihre größte Freude -- in den Gartenhäusern leider noch mehr als in den Vorderhäusern ...“

Hier machte Emil eine Handbewegung, die dreierlei bedeuten konnte. Entweder sie erklärte: Die Verleumdungen dieser minderwertigen Welt müssen an so edlen Herzen, wie den unsrigen, spurlos abprallen. Oder sie besagte: Sie halten mich hoffentlich nicht für fähig, die von Ihrer Hochherzigkeit geschaffene Situation in unedler Weise auszunützen. Oder aber sie umschrieb den einfachen Gedanken: Was mir schon an deinem Gefasel liegt, mit dem du mir alle acht Tage die Ohren füllst!

Adelgunde versuchte gar nicht, hinter den tiefern Sinn dieser Handbewegung zu kommen. Sie fuhr vielmehr fort:

„Unsere liebe Heimgegangene hat bestimmt, wie sie bestimmt hat. Es ist an uns, ihren Wunsch zu ehren. Aber sie hat mir unrecht getan. Gewiß, ich habe einige Unarten Flockis bemerkt und -- ich gesteh’s -- peinlich empfunden, über die +Sie+, teurer Freund, in der unendlichen Güte ihres Herzens hinwegsahen.“ (Das war eine satanische Bosheit nach Emils Dafürhalten; denn Adelgunde wußte ganz gut, daß ihn Flockis zunehmende Ungebührlichkeit heftig erbitterte.) „Aber gehaßt? -- Nein, gehaßt hab’ ich das kluge Tierchen +nie+. Der beste Beweis ist, daß ich fast jede Woche den Weg nicht scheue, nach seinem Befinden zu sehn und mich zu überzeugen, daß all die Sorgfalt, die unsere liebe Heimgegangene für ihn erhoffte, ihm auch im vollen Maße zuteil wird. Denn daß ich +Ihretwegen+ nicht komme, lieber Freund ...“

Emil nickte. „Das hätte ich mir schon selbst in aller Bescheidenheit eingestanden, auch wenn Sie es mir nicht bei jedem Ihrer freundlichen Besuche, die mich ehren und erquicken, wiederholt hätten.“

Adelgunde überhörte die Ironie. „Und wo ist unser Liebling?“

„Der Liebling schläft noch.“

„So, so. Er schläft. Nun sehn Sie mal an! Das +liebe+ Tierchen. Lassen Sie ihn nur nicht zu +lange+ schlafen. Man hat mir erzählt, durch allzuviel Schlaf stelle sich leicht bei Rassehunden Fettsucht ein. Und dann kommt plötzlich ein Herzschlag oder -- ein Lungenschlag -- oder ein Milzschlag -- oder ein ...“

„Oder ein Hirnschlag,“ half Emil freundlich aus.

„Ganz recht, oder ein +Hirn+schlag,“ bestätigte Adelgunde mit unverminderter Liebenswürdigkeit. „Und dann ist das Tierchen weg -- Eins, zwei, drei -- und es ist weg!“

Das könnte dir so passen, dachte Emil, ich hätte dann 6000 Mark Rente minus, du hättest 3000 Mark Rente plus und obendrein die Freude, mich wieder hungern und schuften zu sehen. Und seine Züge zu einem Lächeln frohster Zuversicht zwingend, tröstete er: „Sie können versichert sein, verehrte Freundin, daß unserm gemeinsamen Liebling an Pflege nichts abgeht.“

Und schon ließ die tüchtige Lisette durch die nur eben geöffnete Türe den Liebling herein.

„Komm, Flocki,“ lockte Emil und schnalzte ermunternd mit den Fingern, „sag der guten Tante mal schön guten Tag.“

Und mit einem Satz war Flocki auf Adelgundes Schoß. Das späte Mädchen machte den schwachen Versuch, herzliche Freude über diese Zutraulichkeit zu heucheln. In Wahrheit war Adelgunde wütend; denn Flocki hatte, wie immer bei ihren Besuchen, ganz nasse und ziemlich schmutzige Pfoten. Was daher kam, daß ihn Emil immer, wenn die „gute Tante“ kam, von Lisette wecken und rasch mal auf die Straße führen ließ, damit er sich die oben beschriebenen Pfoten hole. Dies war Emils einzige heimliche Rache für die erschreckende Genußlosigkeit dieser unvermeidlichen Kontrollbesuche.

Aber schon war Adelgunde im Zuge. „Mir scheint, lieber Freund, er hat heute etwas trübe Augen, der brave, kleine Flocki. Zeig’ mal deine Guckelchen. Ru--hig halten, Darling. Ja, wahrhaftig, recht trüb.“

„Das ist die Beleuchtung.“

„Nein, nein. Ich täusche mich nicht. Eine gewisse Mattigkeit in der Pupille. Er wird doch nicht die Staupe bekommen? Das fängt so an.“

„Aber dazu ist er doch viel zu alt.“

Adelgunde schüttelte in täuschend geheuchelter Besorgnis den Kopf: „Und eine warme Nase hat er +auch+, unser liebes Hündchen! Eine +ganz+ warme Nase.“

„Das hat er öfter.“

„Um so schlimmer! Ich fürchte, er hat zu wenig Bewegung. Sie sollten radfahren und ihn ein bißchen hinterherlaufen lassen.“

Das könnte dir so passen! Damit er mir unter die Elektrische kommt, nicht wahr? dachte Emil.

„Wie oft wird er wohl gebadet?“

„Alle drei Tage.“

„Das scheint mir nicht oft genug. Ein meinen Eltern befreundeter Oberförster hatte einen Setter, den er jeden Tag ins Wasser gehen ließ. Er ist in hohem Alter gestorben.“

„Der Oberförster?“

„Der auch. Aber ich meinte den Setter. Dieser sehr erfahrene Forstmann pflegte zu sagen: Jedes Bad bedeutet einen Monat längeres Leben für so ein Vieh.“

„Wenn also der Oberförster den Hund jeden Tag, wie Sie sagen, zwei Bäder nehmen ließ und das auch nur +ein+ Jahr durchführte, so hatte er dem Setter schon eine Lebensdauer garantiert von -- von warten Sie einen Augenblick --“ (Emil nahm ein Papierchen und rechnete:) „zweimal 365 macht 730, also 730 Bäder. 730 dividiert durch 12 macht -- macht 60 Jahre 10 Tage.“