Part 7
Derweile lag das Prinzeßlein in süßem Genesungsschlummer und träumte von dem stillen, schimmernden See und von dem rosigen Abendhimmel, in den sie in einem selig gleitenden Schifflein selbander gradhinein fuhr. Der andre war ein adliger Ritter in schimmernder Rüstung, der saß am Steuer, zu Handen eine Harfe, und sang eine Weise, die sie überirdisch schön deuchte, und er trug die ernsten Züge des armen Geigers. Da wachte sie auf, rief nach ihrer Kammerfrau: »Ich steh jetzt auf, es ist mir zu dumm, ich bin gesund wie nie.« Und sie ließ sich ankleiden und ging aus ihrem Gemach herfür schöner und klarer denn je, war freundlich und gütig gegen jedermann, dazwischen oft verträumt, aber jedermanns Freude und Wonne.
Am folgenden Tage stund Meister Spielmann wieder hoch und schlank und mannlich, mit trotzig gespreizten Beinen vor dem König und seinem ganzen Hofe und forderte seinen wohlverdienten Lohn. Drunten vorm Schlosse stund das Volk geschart und rief: »Gerechtigkeit! Wort halten!« Der König wandte sich verlegen an die Prinzessin und sprach: »Ei nun ja, ist alles ganz recht, doch wie dünket dich der Freier, mein Kind?«
Die Schöne sah hocherglühend den trotzigen Burschen in seinem Wams von Wegstaub grau, hörte das Murren der Menge, die sie zwingen wollte, und warf stolz das Haupt zurück: sie war doch schließlich eines Königs Tochter, und der da --! Je mehr sie fühlte, daß sie sich innerlich sein erwehren mußte, so abscheulicher schien ihr der Fiedelmann: »Was fragst du mich, Vater? Soll ich eines Landstreichers Gemahl sein?« stund auf und ging, ganz Hoffart und Prinzessin, zürnend hinaus. »Da haben wir's,« stöhnte der König. »Gottlob!« seufzte der Leibarzt. »Lächerlich!« nasrümpfte die Oberhofmeisterin. »Gerechtigkeit!« rief draußen das Volk. Doch nichts -- sagte der Spielmann. Er hatte nur wieder tief erkannt, wie herrlich sie sei, und seufzte: »Was hab ich denn für sie getan? -- Gebt mir ein Werk zu tun, König!« rief er laut -- »ein Werk, das keiner wagt, auf daß ich erweise, ob ich ihrer würdig sei. Nicht nur in Rittern und Edelgeborenen lebt hoher Mut, sich ritterlicher Tat zu erkühnen!« -- »Tut das, Majestät!« flüsterte der Kanzler, »dann kommt ihr des Narren los! Schickt ihn wohin, woher es keine Wiederkehr gibt.« -- »Wohlan, wir wollen's erwägen,« sprach der König, und der Hof zog sich zurück. Die Prinzessin ward zur Beratung gezogen: »Tut, was euch gefällt!« sprach sie. »Ich will dankbar sein, so ihr mir den Schmutzkittel vom Halse schafft.«
Drei Aufgaben wurden dem Freier gestellt. Zum ersten sollte er drei Nächte in dem verwünschten Waldschlosse zubringen. »Ho,« lachte er im Herzen, »da sind wir ja schon zuhause!« verneigte sich und sprach: »Es sei.«
Am folgenden Tage machte er sich auf nach dem Walde, doch wie den Weg wiederfinden? Da hatte er den guten Einfall, sein Körbchen mit den drei Ferkeln mitzunehmen; die sprangen lustig heraus und trabten nun hurtig voran, und ehe er sich's versah, da er noch meinte, am Anfang seiner Wanderung zu sein, stund er schon vor dem Schlosse. Die drei schwarzen Schwäne auf dem Weiher huben die Köpfe und schlugen rauschend mit den Fittichen, gleich als freuten sie sich seiner Wiederkehr. Er schritt durch alle schwarzen Gemächer, hatte -- solange hielt zum Glück die Warnung des Pelzkappenkobolds aus der Dorfschenke vor -- hatte all der aufgespeicherten Schätze und Kleinodien weniger acht, als wenn's Kienäpfel wären, und fand im letzten Zimmer einen wohlbesetzten Tisch und ein bereitetes Ruhelager. Beides ließ er sich wohl behagen und legte sich, an Speis und Trank gesättigt, früh zu Bett; denn wer weiß, dachte er, was dir die Nacht Närrisches vorkommt; für alle Fälle hast du schon ein paar Stunden gesunden Schlafes weg.
Er ward denn auch um Mitternacht unsanft genug aufgeweckt. Die Tür sprang auf, und er sah im Mondschein, der weiß auf den Dielen lag, eine große Schlange ihre Ringe auf sein Lager zuwälzen; all sogleich lag sie neben ihm, und er fühlte schaudernd ihren kalten Kopf an seiner rechten Wange. Und gleich darauf ringelte sich ein zweites Ungetüm herein und schmiegte sich gleichermaßen von der Linken dicht an ihn. Eine dritte legte sich ihm mit der Last ihrer kalten Ringe über Brust und Hals, daß sie ihn wie ein Mühlstein drückte. Vor Grauen und Todesangst lag er starr und steif, bis nach einer Stunde Verlauf die drei Ungeheuer von ihm ließen und blitzschnell verschwanden. Da ward sein Herz froh, und er dachte: »Nun soll mir nichts mehr bange machen!« drehte sich aufs Ohr und schlief ganz prächtig, bis die Sonne ihn weckte.
Als er am Morgen, von seinem Tischleindeckdich wieder brav gespeist, in den Schloßhof kam, flogen die Schwäne sogleich auf ihn zu und taten gar freundlich mit ihm, und siehe da, sie waren nicht mehr am ganzen Leibe schwarz: Köpfe und Hälse leuchteten silberweiß. Er streichelte ihr weich Gefieder, und sie schauten ihn gar menschlich an, daß ihm ganz eigen ums Herz ward.
In der zweiten Nacht mußt' er nun freilich das gleiche Schrecknis wieder überstehen und tat's, obschon die Schlangen heut' noch atembenehmender auf ihm lasteten, schon mit getrosterem Herzen, wofür ihn dann am folgenden Morgen die Schwäne, die bis auf ein paar schwarze Schwanzfedern nun ganz weiß schimmerten, mit noch freudigerer Zärtlichkeit koseten. In der dritten Nacht vermeinte er zwar, jetzt drücke ihm die Last die Brust ein; doch eben da ein Schrei sich ihm entwinden wollte, tat es einen furchtbaren Ruck, als stürze der ganze Bau in Trümmer. Dann ward's still. Ihn aber übermannte eine tiefe Ohnmacht nach der Todesnot, die er gelitten, und die Sinne schwanden ihm.
Neugestärkt erwachte er, die Sonne lachte goldig auf sein Lager, er hörte mit Staunen draußen den Lärm eilender Füße und stürzte hinaus: da wimmelte es von Männern und Frauen, einem stattlichen Schloßgesinde, alle gar herrlich angetan, die stellten sich ehrerbietig auf und ließen durch ihre Reihen drei fürstliche, überaus schöne Jungfrauen schreiten. Die traten zu ihm, reichten ihm jede ihre Wange zum Kusse dar, die sammetweich und duftigkühl wie ein Rosenblatt war, und sprachen: »Dank dir, mannlicher Held! Du hast uns erlöst; wir waren die Schwäne und die Schlangen. Nun kehren wir heim zum Vater; das Schloß aber mit allen Schätzen drin ist dein.« Dann küßten sie ihn alle drei auf den Mund, setzten sich in einen herrlichen Wagen und fuhren holdseligen Grußes von dannen.
Unser glücklicher Konrad mußte wohl zu einem hohen Herrn geschaffen sein. Er fand sich merkwürdig leicht in die Würde des Schloßherrn und Gebietigers über ein stattlich Gefolge, versah sich mit fürstlichen Gewändern, ließ anspannen und fuhr bei seinem hartnäckigen Schwiegervater in allen Prächten vor. Dem leuchtete jetzt der Freier schon besser ein, und er drängte die Prinzessin: »Er hat sein Leben eingesetzt für dich, recht wie ein ritterlicher Held, kehrt nun wieder wie ein Prinz, hat ein Schloß und unermeßliche Schätze; was verlangst du mehr?«
Sie aber hatte nun ihr Herz in starrem Trotz verhärtet, da sie sah, wie ihm alles zum besten gedieh, und er nun so herrisch einhertrat. »Was Schätze!« rief sie heftig! »Er soll erst vom Kaiser von Marokko das Geld holen, das der uns seit zehn Jahren schuldet. Kann er das, so geb ich mich drein, anders nicht!« Damit eilte sie in ihre Kemenate, verschloß sich drinnen und weinte, weinte, daß ihr die Brust weh tat -- warum, wußt' sie wohl selber kaum.
Der Freier aber hub stolz das Haupt, neigte sich und ging schweigend davon. Er fuhr zu seinem Schlosse zurück, versah sich reichlich mit Reisegeld und zog dem Meere zu. Seine Geige aber vergaß er nicht. Er hatte gelernt an sein Glück glauben, und dachte: »Du entgehst mir nicht, du Böse, du Trotzige, du Liebe, du Einzige!« und es war ihm verwunderlich, daß, wie einem von der Sonne Geblendeten die purpurnen Flecken über Gras und Hecken schweben und hüpfen, ihm immerfort das verschmitzte Antlitz des Pelzkappenkobolds aus der Bauernschenke vor den Augen tanzte, ihn mit den wasserhellen Augen anstierte und mit den großen weißen Zähnen recht spitzbübisch angrinste; auch lag ihm des Wichtes Lachen und Raunen unablässig im Ohr, so daß er unwillig den Kopf schüttelte wie ein Ackerpferd, das sich des schwärmenden Geziefers um seine spielenden Ohren nicht mehr erwehren kann.
Es hatte wohl auch allerlei zu bedeuten! Denn in einem Walde, den Konrad durchzog, entsetzte ihn ein Krachen und Rumoren, als wenn Bäume übereinanderstürzten, und alsbald traf er einen Kerl, der, die Tabakpfeife im linken Maulwinkel, gemächlich Bäume ausriß wie unsereins Rüben; die packte er zuhauf, drehte eine junge Eiche und band sie damit zusammen. So was sieht man denn doch nicht alle Tage, und unser Geiger erbat sich höflich Name und Stand dieses Burschen. »Wer werd ich denn sein?« lachte der und spuckte einmal aus. »Der Hans bin ich halt.« »Ach so, der Hans!« lachte der Geiger. »Guter Freund, es gibt der Hänse mehr auf der Welt! Welcher Hans?« -- »Nun der,« lachte der Bursch und wuchtete seinen Riesenpacken auf die Schultern, »der sieben Jahre an seiner Mutter Brust gelegen und dann sieben Jahr Löwenmilch getrunken.« -- »Aha! Darum auch! Nun sag mal, Hans, kommst du wohl mit mir in die weite Welt? Ich geb dir Kost und guten Lohn. So einen Kerl wie dich such ich grade.« -- »Warum nicht!« sprach Hans. »Muß nur schnell meiner Mutter das Reisigbündel heimbringen; sie hat Wäsche! Bin gleich wieder da!« Und er hielt Wort. Da grinste dem Spielmann vor den Augen wieder wie ein hüpfender Nebelfleck das Spitzbubengesicht des Pelzkappenmännleins; doch wenn er genau zusah, war nichts da.
Selbander zog er fürbaß und sah plötzlich von einer luftigen Höhe herab siebenundsiebzig Windmühlen hurtig die Flügel drehn. »Hans, was sagst du zu dem schnurrigen Ding? Spürst du einen Wind, der die Mühlen triebe?« -- »Keinen Hauch, Herr, die Mücken tanzen.« Da trafen sie auf der andern Seite der Höhe einen närrischen Kumpan, der hielt sich ein Nasloch zu und blies mit dem andern, was hast du, was kannst du. »Was treibst denn du da?« fragten die beiden. »Die Windmühlen, wie ihr seht.« -- »Warum nimmst du denn nicht beide Naslöcher?« fragte Hans. »Da tät nicht viel von den Mühlen übrig bleiben.« »Auch eine Profession,« dachte Konrad; »aber der Blasius könnt' mir frommen!« und ward kurzerhand mit ihm handelseins -- und wieder spukte das närrische Nebelbild!
Selbdritt wanderte er fröhlichen Mutes weiter und atmete schon erquickt den Salzhauch der nahen See. Da sprang auf einer Waldwiese ein Rudel Rehe und Hasen übereinander und dazwischen ein langbeiniger Kerl, der sichtlich eins fangen wollte, aber stets über die Tiere hinwegsprang, so rasch, daß man seine Gestalt nur wie einen Schatten huschen sah. »Rackerzeug!« schimpfte er, »kann doch keins erwischen, kriechen ja wie die Schnecken!« -- »Du bist mein Mann,« dachte Konrad, »was meinst du, Kobold?« und er sah das Gesicht lachen und nicken. Der Läufer aber ging mit Freuden zur See hinab, wo sie sogleich ein Schiff antrafen, das nach dem Kaiserreich Marokko fuhr. Bald lag ein starker Wind in den Segeln, und unser Freund, der nun dreien ganz ausbündigen Gesellen gebot, rieb sich die Hände und schmunzelte: »Mir kann's nicht fehlen!« und spielte jeden Abend gar fröhliche und minnige Weisen.
Der Kaiser von Marokko saß just bei der Tafel, da der Fiedler ihm sein Gewerbe vortrug, und war wohl etwas betrunken. Er lachte greulich albern, als hätte der Sendling einen riesenhaften Witz gemacht, strich sich dann den rabenschwarzen Bart, kniff das linke Auge ein und zog die schwarze rechte Braue erschrecklich hoch, wodurch das ganze braune Gesicht in die Kreuz und Quer verschoben ward und pudelnärrisch aussah, und grinste: »Sitzt wohl arg in der Klemme, dein dicker König, he? daß er's so nötig hat, der arme Schlucker? Nun, meinetwegen, man muß der Armut auch was gönnen; laß dir vom Schatzmeister meine Kammern aufschließen und sack dir in drei Teufels Namen soviel auf, als ein Mann schleppen kann!« Da lachte der ganze Hofstaat über den witzigen Kaiser. Der Geiger aber dachte: »Wart, du Großmaul, du sollst dich umschaun: Der eine Mann soll nun Hänschen sein!« Ließ eine Kiste zimmern, so groß wie ein Haus, und Hans packte einen ganzen Tag vom Morgen zum Abend daran. Der marokkanische Schatzmeister aber hielt sich den Bauch vor Lachen über den verrückten Kerl, der die endlosen Kasten von Gold, Silber und edlem Gestein aus einem Haus ins andre verlud. Das Lachen verging ihm aber, da Hans das zweite, das hölzerne Haus mit leichtem Wupdich auf die Schultern schwang und damit lostrabte. Der Läufer war mit einem Satze schon zum Hafen vorausgeeilt, das Schiff bemannt und klar die Anker. Da watete Hänschen, der soeben das Stadttor, durch das er mit seinem Hause nicht durchgekommen war, fein säuberlich zusammengetreten hatte, mit seiner Riesenkiste durchs Wasser und stellte sie quer über Deck, daß das ganze Schiff erschreckend tief sank und im Sande festsaß. Gab ihm der Hans einen Tritt, daß es flott ward, und heidi, saß er mit oben, die Anker rasselten hoch, der Wind wehte vom Lande her kräftig in die Segel und das Schiff gewann die hohe See.
Jetzt hatte man sich aber am Hofe des Kaisers von der ersten Verblüffung erholt, und nur kurze Zeit stund's an, da sah der Geiger eine mächtige marokkanische Flotte hinter ihnen dreinjagen. »Jetzt sei Gott uns gnädig,« sprach er, »sonst geht's zuguterletzt doch noch schief und uns allen an den Kragen.« »Lächerlich!« sprach Blasius, kletterte aufs Heck, auf die Riesenkiste, dort setzte er sich gemütlich auf den hinteren Rand, ließ die Beine baumeln und trommelte in heiterer Erwartung mit den Fersen gegen die Holzwand. Da kam die Flotte näher, man hörte das wilde Geschrei, sah die braunen Gesichter unter den weißen Turbanen und sah die krummen Klingen, die Lanzen und Schilde blitzen. »Achtung!« sprach Blasius und, hast du nicht gesehn, schnob er aus beiden Naslöchern zugleich der feindlichen Flotte einen solchen Sturm entgegen, daß alles auseinanderflog, die Schiffe umschlugen und Mann und Maus ersaufen mußten.
Zehn Tage danach war's, da fuhren mit knarrenden Achsen zwanzig Lastwagen vors Schloß des Königs; die Prinzessin stund am Fenster und erschrak. Sie kam sich vor wie's Mäuslein in der Falle und wußt' garnicht, daß sie sich heimlich, ganz heimlich sehnte, von dem Schwerenots-Geiger, der alles durchsetzte, eingefangen zu werden. Der König, der reichen Schätze froh, verstund nun keinen Spaß mehr: »Morgen ist Hochzeit, Punktum! Streusand!« rief er und warf die Tür zu.
Noch eine letzte Ausflucht ersann die Prinzessin: »Ich will zufrieden sein, so er mir zum Hochzeitsbraten drei Rehe schafft, die nicht geschossen, nicht geschlagen, noch von Hunden gebissen sind.« Das hatte der Leibarzt geraten, der dem Geiger gar nicht grün war. Der König wütete: »Eigensinn und kein Ende! Da wird nichts draus!« Doch der Geiger neigte sich dem Königskind und sprach spöttisch: »Ist auch recht!« Im Geheimen dacht er: Das ist ein Stücklein für meinen Springfuß! Der zog mit dem Bläser zu Holze, dieser mußte das Wild zu Tausenden aus dem Walde pusten, der Läufer sprang den Rehen nach und fing sie einzeln, Hans steckte sie dann alle in einen riesigen Sack. Am Abend ließ dann der König auf des Geigers Geheiß die Straßen vorm Schlosse absperren, Hans tat seinen Sack auf, da liefen an achthundert Rehe über den Schloßplatz, und der Geiger rief zur Prinzessin hinauf: »Wählt euch drei zum Hochzeitsbraten.« Da gab sie sich drein.
Am Abend noch ward das Verlöbnis begangen, und als der Geiger von seiner Braut durch die mondhelle Stadt des Nachts nach seinem Losament zog, da hörte er einen Dudelsack. Trieb da ein kurioser alter Kerl, eine Pelzkappe auf dem einen Ohr, drei tanzende und quiekende Schweinchen vor sich her -- der Musikant traute seinen Augen nicht. Da schwenkte er die Mütze und warf die Beine hoch: »Fahrwohl, Geigerlein, ich wandre heim! findest wohl jetzt allein deines Weges weiter!« Der wollte ihm nacheilen und ihm von ganzem Herzen danken, da war der Kobold verschwunden, als hätt' ihn samt seinen drei Ferkeln der Mond eingeschluckt. Aus weiter Ferne noch klang's wie ein Dudelsack. Tags darauf war Hochzeit. Wie erschrak aber die Prinzessin, als ihr Bräutigam, der, seit er Schloßherr worden, stets in fürstlichen Gewändern stolzierte, ihr den Arm bot, sie in den Dom zu führen: Er trug sein schäbiges Spielmannswams, die Geige auf dem Rücken, das fleckige, zerdrückte Käppel mit dem Orden für Kunst und Wissenschaft auf dem Kopfe! So hatte der stolze Hochzeiter sich's ausgedacht, ihre Hoffart und ihren Trotz zu beugen. Da er sie aber fest aus seinen Augen anblickte, legte sie getrost ihren Arm in den seinen, der König aber lachte vor sich hin und brummte: »Geschieht ihr schon recht.« Da wurden sie Mann und Frau, und der Geiger ward nach kurzer Frist, da der König bald keinen Orden mehr für ihn hatte, zum Vizekönig ernannt, und alle waren zufrieden, der Hof, und das Volk; am meisten aber die schöne Frau Vizekönigin.
Mausfallenwenzel
Amtmanns Fritz, wie hatte der's doch gut, viel besser als der kleine Walter, des Schullehrers Bube! Aber rote Backen hatten sie beide, wenn auch Walters schmaler waren und zarter; und blanke Augen hatten sie auch, ob auch die des Schulmeisterkindes verträumt und traurig zugleich ins Leere starrten; und guter Dinge waren sie zumeist, der arme wie der reiche Junge, und hatten einander obenein von Herzen lieb, recht, als ob sie Brüder wären.
Frohe Tage waren das hüben und drüben: hüben im vornehmen Amtmannshause, wo weiche Teppiche dem schmalen Fuße des Lehrerkindes so linde taten, wo schwere goldene Kronen mit einer Fülle weißer Kerzen so feierlich von dem dunklen Deckengebälk herniederschwebten, wo in der schönen Vorhalle mit den bunten Scheiben, unter den leise wiegenden Fächern einer hohen edlen Palme ein grauer Papagei im blitzenden Bauer sich schaukelte, der wie ein Mensch sprechen konnte -- sogar was Französisches, meinte Fritz -- und furchtbar vornehm und apart tat, wozu er nach Walters ehrfurchtvoller Ansicht auch ein gutes Recht hatte. Aber eben so schön war's drüben im Schulmeisterhäuschen, dem efeuübersponnenen, wo freilich auf blank gescheuerten Dielen nur weißer Sand knisterte, wo's aber so geheimnisvoll dumpfig nach den vielen, vielen alten Büchern roch, deren Bilderpracht den Kindern von allen Wundern der Welt erzählte, fremden, fernen Ländern und ihren schnurrigen Menschen und Tieren; im Schulmeisterhäuschen, wo's so viel zu sehen gab: den ausbündig klugen Laubfrosch, der in seinem Glase ein Leiterlein auf- und niederstieg, die Gläser all mit den buntfleckigen Pflanzen und Molchen in Spiritus, ausgestopftes Getier aller Art und herrliche Muscheln; in den ganz großen hörte man, wenn man sie ans Ohr drückte, das Meer brausen und singen. Freilich, das eine hatte das Amtmannshaus vor dem des Schulmeisters voraus: Eine Mutter gab's nur dort; Walters Mutter war gestorben, als ihr Kind eben zu leben begann, so hatte früher einmal der Vater erzählt und schwer, ach so schwer geseufzt dabei, und Walter hatte sich an ihn schmiegen und bitterlich weinen müssen; er vergaß die Stunde nie. Aber er sagte zu Fritzens Mutter auch »Mama«, die gütige Frau mit den lichten, lachenden Augen wollte es so haben; und so lebten die beiden kleinen Freunde frohe Tage hüben und drüben. Am schönsten aber waren die freien, die reichen Stunden, da sie beide in Wald und Feld streiften. O, sie wagten sich schon weit hinaus, ganz allein, bis zur Försterei, wo die Förstersfrau die köstliche Milch bereit hielt; sie fürchteten sich nicht, auch wenn der Wald dichter und dämmeriger um sie ward, und längst ihr lieber Tyras mit seinem Gebell daheim nicht mehr in ihre schweigende Waldeinsamkeit hinreichte, noch der stolze Hahn vom Amtshofe mit seinem hellen Kikeriki. Walter zumal, so scheu und zart er sonst war, konnte nicht genug haben der heimlichen, bangen Lust, ins blaue Ungewisse, in immer tiefere Waldesgründe zu tauchen; dann glühten seine Wangen in seltsamer Erregung, und seine Augen wurden weit und groß, als sollte hinter jedem Buchenstamm ein Märchenwesen und Abenteuer hervortreten. Das war gruselig-schön; doch so ein rechtes Fürchten kannten sie wohl beide noch nicht, es gab für sie noch nichts Unholdes in der Welt.
Doch halt, daß ich's nicht vergesse: ein Wesen war da, das mochten sie beide nicht leiden, vor dem war ihnen bang, dem hätten sie doch um Himmels willen nimmer im Walde begegnen mögen -- das war der ~Mausfallenwenzel~! Was war das für ein Wesen?
Fritzchens Mutter hatte ihre liebe Not, den Kindern klar zu machen, er sei ein Mensch wie sie alle, nur ein armer Tropf, mit dem man von Herzen Mitleid haben müsse, und er tue keiner Fliege ein Leides. Umsonst. Sie wußten's im geheimen besser.