Part 6
Stieß ihn da wer derb wider den Ellbogen. Er sah auf. Saß ein schnurriger alter Kerl mit grallen, wasserklaren Vogelaugen neben ihm und schob ihm ein Glas roten Weines zu: »Trink, Konrad, und sei vernünftig! Ist alles nicht so arg.« Der Alte war ihm fremd, auch hatte er ihn unter den Festgästen noch gar nicht bemerkt, und als ein paar von diesen an ihrem Tische Platz nahmen, nickten sie wohl ihm, dem Geiger, zu und rückten ihm ihr Glas hin, daß er Bescheid tue, des alten, lächerlichen Burschen mit der Pelzmütze auf dem linken Ohre und den wunderlichen, hellen Augen mit den weißen Wimpern schien keiner wahrzunehmen. Da ward ihm bange, und er rückte unwillkürlich ein wenig von dem seltsamen Gaste ab. Der bemerkte das und packte seinen Arm, daß ihm war, als läg er an einen Fels geschmiedet. »Bist ein alter Esel!« raunte der Wicht -- »Ich sag dir, nimm deine Fiedel untern Rock und pack dich. 's ist heut eine gar besondere Nacht; da kannst du, wenn du Glück hast und ein Kerl bist, von ungefähr einen Weg unter die Füße bekommen, den du sonst all deine Lebtage nimmer findest. Geh nur frischweg auf gut Glück in den Wald hinein, der vorm Dorfe liegt, mitten hinein, ohne Weg und Steg, da, wo er am dicksten und finstersten ist; wirst schon nicht stolpern und anrennen. Ist heut 'ne besondere Nacht, sag ich dir! Renn du nur stracks drauf zu, bis daß du die Uhr an der Dorfkirche nicht mehr schlagen hörst und keinen Hund mehr bellen. Kommst schon wohin, wo dir's frommen wird. Rühr aber beileibe nichts an, was dir auch in die Augen stechen mag, bis auf einen Korb mit dreien Ferkelchen, den nimm fein mit. Zu was Ende und wie weiter, das geb ich deiner Schläue anheim, Geigerlein; wenn du ein Stoffel bist, ist dir nicht zu helfen.« -- »Aber sagt doch um Himmels willen -- wer seid ihr, alter Herr?«
»He, Geiger! mit wem schwätzest du denn da? Schläfst wohl schon?« rief ihn ein junger Bauernbursch an, und alles lachte um ihn. »Der Geiger ist närrisch worden, er red't mit der leeren Luft!« In Wirklichkeit, der Stuhl, drauf noch soeben der Alte gehockt, war leer. Ihm war wirr im Kopfe, als sei er trunken. »Verzeiht, Nachbarn, ich bin wahrlich schon halb im Schlaf. Will doch mal vor die Tür gehn und einige Atemzüge reiner Nachtluft tun und mir den kühlen Wind um die Stirn wehen lassen.« Damit stund er auf und nahm die Fiedel mit. »Das tu du ja, Geigerlein. Wir haben noch viel zu tanzen heint, und der Teufel tanzt, wenn der Geiger schläft!«
Da war er schon draußen im Finstern und atmete tief auf; alle Müdigkeit war wie weggeblasen. Ob das der Wein getan, den der seltsame Kauz ihm kredenzt? Mochte das tanzwütige Volk sich eins pfeifen, er kam nicht zurück und freute sich der tiefen, samtenen, sternlosen Finsternis, in die er wohlig hineinlief wie ein sonnenmüder Mensch am heißen Tage ins kühle Wasser. War ihm auch gar nicht bange, wie ihn der feuchte Atem des dichten Waldes umwehte und das Käuzchen lachte und weinte. In die Finsternis hinein zauberte sein kreisendes Blut, das er an den Schläfen hämmern fühlte, purpurne und goldige Wunder von Glück und bunten, beglückenden Abenteuern. Sein Herz war wach und lüstern wie damals, als er zuerst, ein schlanker, kecker Jüngling, in die Weite gezogen, die Fiedel auf dem Rücken, und gejauchzt hatte: »Was kostet die Welt!« An dem Worte des alten Kobolds zu zweifeln, kam ihm nicht ein; ihm war das Abenteuer just so nach seinem Sinn, dergleichen hatte er sich längst einmal gewünscht. Da hörte er, schon ganz gedämpft, leise und fern die Dorfuhr Zwei schlagen. Er sprach: »Noch nicht fern genug,« und drang weiter in die gestaltlose Finsternis vor, bis es ihn etwa eine Stunde deuchte; da war kein Laut mehr um ihn, er hatte weder Halb noch Drei schlagen hören, und das letzte Hundegebell war längst dahinten geblieben.
»Nun wird's aber bald Zeit, daß was kommt,« brummte er ungeduldig, »sonst ist die Nacht hin,« und wunderte sich, daß noch keine Morgendämmerung die Dunkelheit lichte. Da stieß er mit dem Stocke gegen etwas an! Er tastete, es war eine Tür. Er suchte nach Schloß und Klinke, sie war offen. Er trat ein.
Erstaunt hemmte er den Fuß, drinnen war geheimnisvolles Morgengrauen: Ein weiter Schloßhof, ein großer Weiher inmitten, von regungslosem Schilf umkränzt, auf der fahl schimmernden Flut kreisten drei schwarze Schwäne und ließen die Köpfe hangen, als ob sie gar traurig wären. Seine Schritte hallten von den Schloßmauern wider; er erschrak und ging auf den Zehen weiter durch das herrliche, reich verzierte Portal, dessen Tür sich gleichfalls lautlos seinem schüchternen Drucke öffnete.
Drinnen waren Säle an Säle gereiht, Zimmer an Zimmer, da stunden Schätze und Kostbarkeiten, daß ihm wirblig im Kopfe ward; aber alle Wände waren mit schwarzem Samt ausgeschlagen. Er gedachte aber zum Glück der Warnung des Alten mit der Pelzkappe und schritt leise auf den Zehen weiter. Im letzten Zimmer endlich schien etwas Lebendiges sich zu regen. Er spähte vorsichtig und bänglich um die Tür. Stund da doch wahrhaftig am Boden ein Körbchen, darinnen drei allerliebste, rosige Ferkelchen sich drängten und quiekten. Das nahm er auf, stieß die gegenüberliegende Tür mit dem Fuße auf. -- »Hm, das hätt' ich bequemer haben können!« rief er erstaunt. Er stund außerhalb des Schlosses im Walde, und der Wald war morgenhell und duftete reine Taufrische, die Buchfinken schmetterten, die Meislein schlüpften durchs Gezweig und lockten und pfiffen, der Meister Specht war schon an seiner Arbeit. Da ging unsern Konrad das Herz auf in solcher Fröhlichkeit, daß er seinen Ferkelkorb ins Moos setzte, seine treue Fiedel hernahm und in den lauten Jubel der Waldvögelein mit einer lustig klaren Weise einstimmte.
Da geschah ein drollig Wunder: die drei Ferkelchen sprangen aus ihrem Korb, stellten sich auf die Hinterbeine und huben ein Tanzen an, quieksten auch artig darein, daß Konrad vor lauter Lachen falsche Töne griff und das Fiedeln aufgeben mußte, um sich erst einmal Bauch und Seiten zu halten. »Euch laß ich für Geld sehn, ihr rosiges Gesindel. Wenn ihr unterm lichten Galgen tanzt, da lachen ja die armen Sünder noch, die droben hangen. Wir bleiben zusammen, wir vier, gelt? Juchhe! jetzt kann mir's nimmer fehlen! Wer der Welt zu lachen gibt, der hat die Wurst!«
Und er zog freudigen und getrosten Mutes der Hauptstadt des Königreichs zu. Ein paarmal probierte er's noch in einem Dorfe hier oder da mit seinem Ferkeltanz, überall lachten die Menschen Tränen und sprangen ihm die Batzen in den Hut; aber er dachte: »Nur zur Probe, ob's vorhält; ich muß mich rar machen, bis ich vor die rechte Schmiede komme; so ein König will immer was Apartes haben, da darf das Volk nicht das Beste davon weglachen; und hört er gar von dem vergnüglichen Wunder schon, eh denn er's geschaut, so ist's ganz gefehlt.« Behielt also, je näher er der Hauptstadt kam, seine Kunst fein für sich und machte dafür lange Beine; denn zahlten die Bauern mit Kupfer, so mußte doch von Anstands wegen der König mit Gold zahlen!
Endlich war er durch das Stadttor eingezogen und stellte sich vors Schloß mit seiner Geige und seinem verschlossenen Korbe. Da trat ein dickleibiger Herr mit roten Backen und einer Weinnase zu ihm, der sichtlich aus dem Ratskeller kam, daher, wo er am tiefsten ist, schlug ihm auf die Schulter und lachte, daß ihm der Bauch hotzelte. »Guck, wieder ein Narr! Willst du's auch versuchen, Geigerle? Gib's auf, sag ich dir, du schaffst es auch nicht!« -- »Was denn, werter Herr?« sprach unser Freund und lüpfte sittsam das Käppchen. »Stell dich an!« knurrte der Dicke und wollt' weiter schreiten. »Bei Gott, würdiger Herr,« sprach der Geiger, »ich weiß nicht, was ihr meint, bin des Ortes unkund und komm soeben von ungefähr daher« ... -- »Von ungefähr, so so? Und da haben dir's vom Stadttor bis zum Schloßtor die Hunderle auf den Gassen noch nicht erzählt? Nun, das nimmt mich Wunder, Freund. Na, so kann ich dir's ja anmelden, vielleicht jückt dich dann der Fürwitz, die Prinzessin zu frein, und ich leg mich dann heut nacht ins Bette mit dem lustigen Gedanken, einen Narren mehr gemacht zu haben. Unsere Prinzeß nämlich, ansonsten eine kreuzbrave Person und hübsch wie der Daus -- da ist nix darwider zu reden -- die leidet dir an der dümmsten Krankheit, die die Ärzte erfunden haben: Sie kann nicht lachen!« -- Und dabei lachte er selbst, des zum Zeichen, daß er dieser Krankheit frei sei, daß ihm der Bauch hupfte. »Zwanzig Jahre ist das saubere Frauenzimmer alt und hat all die Zeit ein Gesicht geschnitten wie'n verregnet Heiligenbild. Wenn das so weiter geht, so verholzt sie bei lebendigem Leibe und wir können sie als hölzerne Dolorosa in ein Tabernakelchen setzen. Da hat denn der König verkünden lassen, dem vor ihrem ernsthaften Geschau wohl sein täglich Gläschen Weins sauer wird: Wer das Mädel zum Lachen bringt, der soll sie haben. Denn die Ärzte haben's ihm vordemonstriert, daß nur ein tüchtiger Lachanfall sie heilen könnt', durch den die üble Materie der Trübsal von ihr ginge, gleichsam durch ein Platzen von irgend einer Wehmutbeule, die sich dem armen Ding am Herzen wo zusammengezogen habe. Nun, die Doktors können einem viel weismachen; soviel ist gewiß: das Wort des Königs gilt, und somit hast du nun alles, was du brauchst, mein Freund, um binnen einer Stunde ein würdig Glied der Narrengilde zu sein, die an diesem Königswort kleben blieben ist; nun gehab dich wohl und -- guten Erfolg.«
Damit ging er lachend und schütternd davon. Konrad aber fühlte sich gar nicht als Narr, wenn er die tolle Hoffnung sofort mit beiden Fäusten erpackte: Er könne der sein, der hier not wäre! Jetzt lag's ihm ja taghelle vor Augen, wo der Pelzkappenkobold in der Dorfschenke mit ihm hinauswollte und zu was Ende er ihn geheißen, fein die drei lustigen Schweinchen mitzunehmen! »Hoho! das Ding kriegen wir,« lachte der Fiedler und hub die Geige ans Kinn. »Wirst der Ärmsten zuerst ein recht traurig Stückel spielen, das lockt sie heraus, dann wollen wir schon weiter sehn.«
Und er gedachte der Tage, da ihm selber die Trübsal bis zum Halse gestanden, nach seines lieben Grafen Tode, wie er sich so verraten und verkauft gefühlt in der weiten Welt, und schaute nicht rechts und nicht links und versank ganz in das grenzenlose Weh jener unseligen Tage. Da stund die Prinzessin auf dem Söller und weinte herzbrechend, hinter ihr der König, und sah zornig auf den Geiger herab, der mit seinen langgezogenen Strichen, dem Klagen und Schluchzen und Seufzen seiner Fiedel, alles Weh aus dem Herzen seines Kindes gleichsam heraushaspelte. Rings umher sammelten sich die Menschen und sahen drein, als stünden sie um ein offenes Grab, die Frauen zogen ihre Tüchel und war ein Schluchzen und Naseschneuzen zum Gotterbarmen. Von alledem sah und hörte unser Geiger nichts, er war ganz allein mit sich, vergaß, was ihn hierhergeführt und trank die selbstgeschaffene Trauer, die aus seinem Bogen floß. Da quiekte ganz leise eins der Ferkelchen, und der Spieler erwachte, sah auf und erblickte droben die Prinzessin, die eben wehüberwältigt an ihres Vaters Brust sank. Da blieb ihm der Mund offen stehen, so schön war sie in ihrem Leide. Der König aber rief zornig hinab: »Man nehme den Kerl in Haft!«
Hui, fegte da in die verhallenden Klagetöne ein Hopser drein, daß all die wehmütig herabhangenden Nasen emporschnellten; der Korbdeckel flog auf und die drei Schweinchen traten zum zierlichen Tanze an. Nein, war das närrisch, sie übertrafen sich heut aber auch selber, als wüßten sie, vor wem sie tanzten! Sie waren lächerlich vom Ringelschwänzchen und den feisten Hinterbäckchen bis zum schnuffelnden Schnäuzchen, den zwinkernden Äuglein, den schlappenden Ohren, den rudernden Vorderpfoten. Dazu sah's, weiß der Himmel, aus, als ob sie richtig lachten, dabei quiekten sie wie betrunkene Studenten. Der König verlor die Krone vom Kopfe, so gewaltig mußte er lachen, die Prinzessin lag in seinem Arme, die Hand auf dem Herzen und rang nach Luft. Auf dem Schloßplatz die Menschen wogten und schrieen und brüllten durcheinander, schlugen mit den Köpfen zusammen, purzelten und kugelten übereinander. Der dicke Herr von vordem, der, durch den Tumult angelockt, zurückgekehrt war, stund inmitten der Menge, blau anzusehn, um ihn waren drei Mann bemüht, seinen springenden Bauch zu halten. »Kinder,« keuchte er, »haltet mir bloß den Bauch fest! Ich überleb's nicht, er fliegt mir weg! Habt ihr ihn? Habt ihr ihn? So ein verfluchter Kerl! Tritt denn keiner die Ferkel tot? Pu! zu Hilfe! Ich sterbe!« Über die Saiten aber hüpfte und sprang der Fiedelbogen, und die Schweinchen drehten sich unermüdlich im Tanze und quiekten. »Aufhören!« schrie da der König vom Söller herunter, er sah ganz zerzaust und zerstrobelt aus; die Prinzessin aber war von unten garnicht mehr zu sehn, sie lag auf einem Ruhebett, eine Kammerfrau öffnete ihr das Mieder, da dehnte sich ihre junge Brust in tiefem, tiefem Aufatmen; der Leibarzt aber legte den Finger an die dicke Nase und sprach langsam und würdevoll in tiefstem Baß: »Sie ist geplatzt.« --
»Um Gotteswillen, wer?« schrie der König. »Die Wehmutbeule an Dero Tochter Herzen, Majestät. Majestät wollen sich erinnern, wie ich dermalen sehr richtig voraussagte, daß es solcher lächerlichen Erschütterung bedürfe, will sagen: Zwerchfellerschütterung durch einen starken Lachanfall -- sehr richtig ....« Dies »sehr richtig« sprach der Leibarzt selber, er hatte die reizende Angewöhnung, gleichsam als sein eigener Zuhörer, seinen eigenen Worten stets durch bewunderndes »Sehr richtig« -- »optime!« -- »Vortrefflich!« Beifall zu spenden -- »daß es also sotaner Erschütterung bedürfe, damit die üble morose Materie frei und abgeführt werde. Sehr richtig.«
Der König griff in die Seitentasche seines Schlafrocks und reichte dem Doktor einen blitzenden Orden dar, den dieser sich verneigend neben die vielen anderen Sterne an seinen betreßten Rock steckte. Dann fuhr er fort, indem er der Prinzessin schlanke Hand faßte und den Puls zählte: »Nachdem nun anjetzo diese von mir sehr richtig vorausgesagte glückhafte Wendung eingetreten, werden sich Eure Hoheit zu Bette begeben haben, Kamillentee trinken und durch eine kräftige Schwitzkur der Natur zu Hilfe kommen -- Natur zu Hilfe kommen, sehr richtig.«
Da geschah etwas Schreckliches: die Prinzessin hatte kaum in das rote Gesicht des Arztes, der sich bedeutsam seine dicke Nase rieb und knetete, einen Blick getan -- einen Blick, als säh sie ihn jetzt zum erstenmal, als sie von neuem in ein schallendes Lachen ausbrach, daß der gelehrte Herr die Augenbrauen so hoch zog, daß sie unter der großen Perücke verschwanden. »Doktor! um Gotteswillen,« schluchzte sie, »gehn Sie weg, sie sehen zu lächerlich aus!« Der Doktor wurde nicht eigentlich blaß, denn das vermocht' er mit seinem blühenden Antlitz nicht, aber er verfärbte sich, so gut's eben ging, ins Grünlich-Graulich-Gelbliche und sprach: »Sehr bedenklich!« -- »Aber Kind!« tadelte der königliche Vater -- »Du auch!« schrie die lachende Prinzessin! »Du auch! Ihr bringt mich um! Nein, Papa, bist du lächerlich, du glaubst es gar nicht!« Unter uns gesagt, sie hatte eigentlich recht, weder der König noch sein hochgelehrter Leibarzt sahen sonderlich geistreich und würdig aus. Der König prallte betroffen zurück, schob seine schiefgelachte Krone grade, knöpfte den Schlafrock zu, stellte das eine Bein mit dem perlengestickten Pantoffel am Fuß mit königlichem Anstand vor und schüttelte sehr ernst verweisend das Haupt: »Kind, weißt du auch, was du da Furchtbares gesprochen?« Da lachte das schöne Mädchen noch toller und stürzte, die Kammerfrau hinter ihr her, in die inneren Gemächer ab mit dem lachenden Schrei: »Ihr bringt mich um!«
Da stunden König und Leibarzt und schauten sich verdutzt an, und wenn sie Witz gehabt hätten, so hätten sie einer über den anderen gelacht, statt dessen zogen sie beide ihre Dosen und schöpften sich jeder eine Prise, die sie gedankenvoll und gewichtig in ihre dicken Nasen stopften. »Was sagt ihr, Leibarzt?« sprach dann der König. »Majestät, diese Erscheinung dünkt mich freilich nicht unbedenklich. Wir werden zur Ader lassen müssen, auch eine gelinde Purganz reichen. Jedennoch, wohl erwogen, daß Dero Fräulein Tochter zwanzig Jahre um und um jeglichen Lachens sich enthalten, scheint es mir räsonnabel, so Dero Natura anjetzo das Versäumte allsogleich nachzuholen sich beeilet, wo dann freilich weder der Anblick der gekrönten Majestät noch die Würde der Wissenschaft davor sicher sind, zum untauglichen Objekto solcher krampfhaften und annoch krankhaften Lachlust entwürdigt zu werden -- Lachlust entwürdigt zu werden. Sehr richtig. Ich bin der wissenschaftlichen Überzeugung, daß wir in den nächsten Tagen, ehbevor Ihre Hoheit wiederum gänzlich normal geworden, das betrübende Spektakul erleben werden, daß Hochderselben jegliche Persona, von Eurer Majestät herab bis zum Hofjuden und Henker, als eine überaus lächerliche Verzerrung von Gottes Ebenbilde erscheinen wird -- Ebenbilde erscheinen wird, sehr richtig, optime! Ich darf nur bitten, der Prinzessin als einer Patientin solche Anfälle nicht übel vermerken zu wollen, denn ...«
Der Hofarzt hätte noch weiter gesalbadert, wenn nicht ein Kammerdiener jetzt den Geiger gemeldet hätt'. Und da stund er auch schon, die Geige unterm Arme, das Käppel in der braunen Faust -- den Ferkelkorb hatte er wohl beim Pförtner unten eingestellt -- verneigte sich nicht allzutief und fragte frischweg: »Nun also, Herr König?« -- »Wieso also?« fragte der König. -- »Nun begehre ich die Prinzessin zur Frau, da ich sie lachen gemacht habe.« -- »Ja so, hm, freilich, selbstverständlich, mein Lieber, ich hab's ja versprochen.« -- »Das will ich meinen, Herr König.« -- »Junger Freund,« sprach der Arzt gewichtig, »Ihre Hoheit ist infolge des Lachanfalls, den ihr der Patientin, den Vorwurf darf ich euch nicht ersparen, in allzu heftiger Dosis appliziert habt, leider wiederum krank geworden und zur Zeit jedlicher Schonung bedürftig.« -- »So ist's,« fiel der König ein, »drum sprecht bei gelegener Zeit wieder vor. Wir bleiben euch in Gnaden gewogen.« Damit griff er in die Schlafrocktasche und reichte dem verdutzten Musikanten den hohen Orden des Königlichen Hauses. Den drehte der verlegen in den Händen und schob ihn dann in die Hosentasche. »Herr König, ich will aber doch hoffen ...« -- »Gewiß sollt ihr hoffen, Teuerster, da habt ihr noch einen,« und holte aus dem Schlafrock den Orden für Kunst und Wissenschaft, den der Fiedler vorn auf sein Käppel steckte. Damit war er huldvoll entlassen, und hatte auf der Marmortreppe draußen so seine besonderen Gedanken. Im Schlosse war nun wirklich, die »wissenschaftliche Überzeugung« des Arztes hatte da einmal das Richtige getroffen, eine heillose Wirtschaft eingerissen. Die Prinzessin sah plötzlich ihre Umgebung mit neuen Augen und fand tatsächlich jeden Menschen am Hofe, der sich ihr nahte, in die Maßen närrisch und lächerlich, die würdigsten Hof- und Standespersonen mit den gewichtigsten Perücken, ernstesten Mienen, Verbeugungen und den funkelnden Ordensbrüsten am allerlächerlichsten. Das war eine Not! Da gab's viele tief beleidigte Gesichter, Abschiedsgesuche, Zank und Mißverständnisse und Erklärungen, Schadenfreude und Hohn und Herausforderungen, da half kein Aderlaß und keine Purganz -- sie lachte, lachte über alle!
Was das Schrecklichste war: über ihren königlichen Papa am allermeisten! Der Leibarzt war ratlos, war verzweifelt und kam nur selten noch dazu, anerkennend seine Nase zu streicheln und zu husten und sich selbst ein bewunderndes: »Sehr richtig!« und »Vortrefflich« zu gönnen. Da verfiel der Kanzler, über dessen lange Nase und dünne Beine die Patientin auch gar unehrerbietig gelacht hatte, auf den guten Gedanken, der ihm sogleich einen neuen Orden eintrug: Man möge den Geiger, der zuerst Ihre Hoheit so sehr zu Tränen gerührt, zu Hofe laden, daß er der Leidenden eine recht ~traurige~ Weise spiele.
So geschah's. Konrad trat ans Bett der Prinzessin, die schon wieder auf eine neue närrische Erscheinung gefaßt war, und -- faltete ergriffen die Hände, da er sie in ihrer jungen Schönheit, das goldig schimmernde Seidenhaar auf das Kissen gebreitet, vor sich liegen sah, er war nicht imstand, nur ein »Grüß Gott« zu sagen. Das schöne Mädchen aber sah ihn mit ihren übermütigen Blauaugen an, errötete dann betroffen und -- lachte zum ersten Male nicht! »Aha!« sprach der Kanzler leise, der hinter einem Vorhang mit dem König das Ding beobachtete. Die Prinzessin zog die seidene Decke über ihren Busen und fragte beklommen: »Was wollt ihr?« -- »Spielen soll ich, allerschönste Prinzessin,« stammelte der Musikant. »So spielt, aber stellt euch dort am Fußende des Bettes hin. Warum ich im Bett liegen soll, weiß ich nicht, ich bin gesund wie der Fisch im Wasser. Aber der Leibarzt ...« Da mußte sie wieder laut auflachen, wie sie des würdeschweren Herrn mit dem Finger an der dicken Nase gedachte. »Spielt zu,« rief sie, »und schaut mich nicht immer so an.«
Und Konrad, der Prinzessin zu Füßen, spielte. Er spielte alles, des sein ehrlich Herz voll war, seiner Liebe und Sehnsucht klagende Not: »Wie darf ich armer heimatloser Gesell, ich zerlumpter Fiedelstreicher mein Auge zu dir erheben, die du so schön, so fein, so edel, so ohnegleichen unter den Frauen!« und er spielte ihr die Liebe ins Herz, daß sie erseufzte, ihre Brust sich hub und linde Tränen ihr Kissen netzten. Und er sah's, und seine Geige ward inniger und süßer, und sang von allen Wundern der schönen Welt, und der Liebe, der Wunder größtem; und seine Sehnsucht ward weich wie die flaumigen Schwingen des Traumes, und vor ihren Augen, die sie geschlossen hatte, leuchteten bei seinem Spiel goldige Abendhimmel über schimmernden Weihern, und die glühenden Abendwolken dehnten und zogen sich breiter und weiter, wurden loser und duftiger, und der Blick ins Licht ward tiefer, ward unendlich, und nahm ihre Seele hindann. Da war sie entschlummert, leise, leise verklang die Geige. Der Musikant sah sie ruhen, engelschön, sah ihr Unschuldgesicht und das Rot der Gesundheit auf ihren Wangen und das friedsame Atmen der jungen Brust; eine Träne rann über seine wetterbraune Wange in den Bart und leise, leise schlich er hinaus.
Draußen stunden der König, der Kanzler und der Leibarzt. Der König heftete ihm einen großen, funkelnden Orden an sein fleckig Wams und sprach: »Brav, brav, mein Sohn!« -- »Wie steht's mit der Abrede?« fragte der Geiger barsch, den der Anblick der drei Würdenträger schnell der Erde wiedergegeben hatte, und der sich sagte, hier gilt's dein gutes Recht behaupten! Der König, dem zu Ohren gekommen, daß das Volk murre und schelte, weil er dem schlichten Geiger, der sich durch sein Spiel und sein männlich-würdiges Gebaren aller Herzen gewonnen hatte, sein Recht vorenthalten wolle, schob sich die Krone aufs eine Ohr, nahm eine Prise und sprach: »Wollen sehn, was sich machen läßt. Es kommt auf die Prinzessin an, Verehrtester! Im übrigen bleib ich euch in Gnaden gewogen.« Damit war er entlassen und schlug sich auf dem Schloßplatz drunten verdrossen durch die Menge des Volkes, das ihn umdrängte mit Fragen der Ungeduld: »Nun, wird's enden? Ist die Prinzessin gesund?« Er ging in das Haus des dicken Ratsherrn, der nicht dulden wollte, daß er im Gasthof wohne, und ihn zu sich geladen hatte, damit er ihm täglich die Ferkel tanzen lasse, setzte sich an den Tisch, stemmte beide Fäuste unter das Kinn und weinte herbe Tränen der Sehnsucht und des Zornes.