Part 5
Es war einmal ein Rittersmann, der war der schönste und stattlichste im Lande und aller feinen Frauen Traum und Sehnen. Er aber fragte ihnen nicht nach und wollt' auch nicht zu Hofe gehn. Stund ihm wohl dort das Leben nicht an, dieweil er ein stiller und gar besonderer Mann war, allein der Einsamkeit, dem Walde und dem mannlichen Waidwerk ergeben. Wann freilich die Lehnspflicht ihn rief, so war er mit seinen Mannen treulich zur Stelle, und wo dann sein Helmbusch wehte, da war der Sieg, wie er denn unmaßen stark von Leib und im Kampf gar kühn und grimmig und zornigen Geblütes war. Doch wenn dann die Lehnsmannen des Königs in der Pfalz beim Geläute der klaren Becher den Sieg feierten und unter allen ehrenkündigen Namen der seine vor allen erklang, dann schritt sein gutes Roß schon längst wieder den einsamen Pfad seinem heimischen Bergwalde zu. Mocht er bei den Lehnsmannen allen ins Gelag kommen mit seiner verwundersamen Art, mochten sie die Köpfe schütteln, ihm war es gleich. Er saß abends allein am Fenster seines hohen Turmgemachs, das weit über die Wälder ins Land schaute, sah über die dunklen Spitzen der Tannen in den verglühenden Abend, bis ihm die Augen tränten, und trank aus goldenem Becher in edelstem Weine einer hohen Frauen Minne -- und das war seine liebe Mutter, die er angebetet hatte, und der er immerdar gedachte wie einer Heiligen.
Oft hatt' er um diese Stunde, wenn das enge Turmgemach rosigen Dämmerscheines voll war, an den Knien der hehren Frau gesessen, als Bube, als wilder Jüngling und als Mann, und immer hatte ihm da ihre Hand auf seinem Haar so lind getan, und wenn er dem Laut ihres Mundes gelauscht, so war's ihm, als tränke sich seine Seele an den stillen Klängen Nahrung und Gedeihen. Wenn er jetzt um die gleiche Stunde hier oben saß, die Augen schloß und in sein Herz hineinlauschte, dazu das abendliche Rauschen des Waldes vernahm und den lieblichen Sang der Drossel, die im letzten Lichtschein hoch auf der Spitze einer Tanne der Sonne ein innig »Lebewohl und auf Wiedersehn!« sang, dann ward ihm auch die dunkle Stimme seiner Mutter wieder lebendig, ihr gütiges »Mein liebes Kind« und alles, alles, was sie an Gutem je zu ihm gesprochen. Immer war's feiner und seltener Art gewesen, schwer und voll jedes Wort, gleich als ob's gar nicht wie andre Menschenworte verklingen dürfte und könnte; und aller Menschen Reden, Trachten und Tun wollt' ihm neben jenen Worten nichtig und Scheinwerk bedünken, gar keines Aufmerkens wert. Was Wunder, daß er auch der Frauen und Mägdlein nicht acht hatte; mußt' er doch jedes Weib seiner Mutter vergleichen, auf jedes Mägdleins und jeder Fraue Stirn den Ernst suchen, die Stille und Güte, die ihm von seiner Mutter Stirn geleuchtet. Er fand sie nirgend. Sie schienen ihm all wie die Kinder; was sie sagten, leicht wie ein Flaum, den der nächste Windstoß wieder mitnimmt, jedes Wort ein tändelnd Ungefähr, was auch anders lauten könnte, und wär daran nichts gewonnen, nichts verloren. Gott hatte unserm ernsten Ritter ein treues Herz gegeben, doch kein fröhliches Herz, sonst hätt' er sich an der schlanken Mägdlein lieblicher Art, ihrem Lachen und Singen wohl freuen mögen wie am Spiel der lieben Sonnenstrahlen durch lichtes Buchengezweig, dem Blitzen und Plaudern des Waldbachs und dem Gesang der Waldvögelein. So war er reich in seinem Herzen und arm zugleich, weise und töricht zumal, fromm und demütig und doch hoffärtigen Sinnes.
Einst streifte er spät durch den Tann, dahinter blinkte im Abendschein ein Weiher, er brach durch Schilf und Weidicht. In den Wäldern dröhnte der Schrei eines starken Hirschen: Uoh! ho ho! uooh! daß ihm das Herz vor geheimer Not im Leibe erzitterte, er auf einen moosübersponnenen gestürzten Stamm sich niederließ und in trübes Sinnen versank: »Was tu ich, daß mein Leben ganz sei? Mich dünket, ihm gebricht's am Besten!«
Da rauschte es im Weiher, er griff zur Armbrust und sprang auf, dicht vor ihm fiel ein mächtiger weißer Schwan in das Wasser ein, seinesgleichen hatte der Jäger noch nie gesehn. Er hub die Armbrust, da rief es: »Schieß nicht, sonst kostet's dein Leben!« Zum andernmal legte er an, wieder klang der Warnruf, da hub er trotzig die Waffe zum dritten Male: Ich will doch sehen, wer mir wehren darf! Doch eh' der Bolz von der Sehne flog, tauchte, wo soeben noch der Schwan die gewaltigen Schwingen gebreitet, ein jungfräulich Weib halben Leibes aus dem Wasser und sah ihn in stummem Leiden an. Ihr Leib war weiß wie die Blütenblätter der Wassermummel, und ihr Antlitz kinderhold und traurig schön -- und der Ritter mußt' seines Mütterleins denken und wußt' selber nicht, warum. Sie schauten sich an, sie schwiegen sich an, und es war doch, als begegneten sich ihre Seelen in geheimer Zwiesprach, und jede erzählte der andern ihr Leid. Endlich hauchte der Ritter beklommen: »Wer bist du?« -- »Willst du mich erlösen, Freund?« sprach ihre weiche, dunkle Stimme, in der ein inniges Beben war wie in der Stimme seiner verklärten Mutter.
»Sprich, was darf ich tun für dich?« rief er hingerissen und breitete die Arme aus. »Bete ein Jahr lang jeden Sonntag ein Vaterunser für mich und sprich nie und nirgend von meiner Schönheit.« Damit war sie verschwunden.
Der Ritter schaute auf die spielenden und ineinanderlaufenden Kreise auf der dunkler werdenden Wasserfläche lange Zeit, dann ging er versonnen heim. Jeden Sonntag aber lag er in der alten Waldkapelle auf seinen Knien und betete für die Schöne, Unselige aus innigsten Herzenstiefen ein Vaterunser.
Schon waren wohl der Monde sechs ins Land gegangen, und großer Dinge war die Welt gewärtig: ein Frühlingssturm des Glaubensmutes wehte schon längst durch die Christenheit wie die selige Gewißheit: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Und nun geschah des Kaisers Aufgebot an alle deutsche Ritterschaft, im fernen Morgenlande den Ungläubigen das Grab des Heilandes abzukämpfen und sterbend oder siegend um den Himmel zu werben. Auch unser Ritter, der ergriffenen Gemütes längst den Stimmen des frommen Sturmes gelauscht und längst des Rufes gewärtig gewesen, rüstete die Seinen und gelobte sich dabei im stillen, sein Lieben und seine heilige Pflicht sollten ihn treulich in die Ferne, in Kampf und Sturm geleiten.
Am Morgen des Aufbruchs war's, noch stund der Mond erblassend am lichter werdenden Himmel, indes über den Wäldern im Osten der Tag rosig aufblühte und tauduftige Kühle aus dem Tann wehte; unser junger Held ließ sich wappnen, da eilte sein treuster Knappe herein, des Ritters Helm in Händen: »Herr, so fand ich deinen Helm auf der Waffenkammer; sieh, welch seltsames Schleiertuch in seiner Zimiere weht.« Der Ritter griff süß erschreckend nach dem Helme: wie ein silberner Nebel, wie ein zart Gewebe aus Tau und Mondlicht wallte es in lichten, flüssigen Fältlein über den Nackenschirm, lebte und atmete und ruhte nicht wie lebendiges Wasser. Fürwahr, ein seltsames, ein ohnegleichen holdes Wunder war's. Der Saum des Schleiertuchs aber war feucht und strich kühl über des Ritters Hand. Da hub sich des Helden Brust in getroster Wonne, in beseligender Gewißheit, er schloß einen Augenblick die Augen und sprach leise: »Sei mir gegrüßt!« Zu dem staunenden Edelknecht aber sprach er, indem er ihm freundlich lächelnd über die gelben Locken strich: »Schweig, Kind, und frage nicht.« Dann hub er den Helm feierlich langsam über sein Haupt und setzte ihn andächtigen Auges auf, wie ein König wohl vor Gottes Altar die Krone in sein Haar sinken läßt. Wie verjüngt, hohen Hauptes, kühnen Blickes stund er nun, von dem Silbergespinst umwogt, daß alle seiner edlen Mannheit staunten; und freudig wie ein Bräutigam, der sein Lieb einzuholen eilt, stürmte er auf den Burghof, schwang sich in den Sattel seines mächtigen Friesenhengstes und ergriff Schild und Lanze. Seine Mannen jauchzten, da sie ihn so herrlich und streitbar sahen, und erhuben singend die Waffen in den jungen Tag. Und singend zu Gottes Ehr und Preis brachen die Reisigen auf, die Zugbrücke donnerte unter den Hunderten von Hufen, der Turmwart blies seinen Abschiedsgruß, dann nahm sie der taufrische Bergwald auf.
Nun kam eine Zeit bunter Abenteuer zu Land und See, schwerer Kämpfe, Tage der Not und des Darbens, Tage blutigen Werbens um hehre Heldenehre, und mancher deutsche Mann verröchelte im syrischen Wüstensande. Unseres Helden Ruhm aber stund wie ein Stern in täglich wachsendem Glanze über dem Heere der Gottesstreiter.
Der Stille, Ungesellige war ein freudiger Genoß geworden und aller Männer Lust, aller Verzagten Trost. Geheimnisvoll blieb er darum doch, wie er's vordem gewesen durch sein einsames Treiben, so jetzt durch seine hohe Freudigkeit, die wie eine Gnade des Himmels ihn umstrahlte. Und ein Geheimnis war's um das Schleiertuch, das ihm vom Helme wehte, das im Brande der Wüstensonne seine Wangen kühlte, das im Männerstreit wie eine Silberfahne wehte, unverletzbar für der Ungläubigen Schwerter und Lanzen. War es ein feiendes Gut, ging von ihm die Kraft aus, die ihn so sichtlich hub und verklärte?
An Ehren reich kehrte er heim und mußte stets an der Seite seines Kaisers reiten, der ein herzlich Wohlgefallen an dem schönen und kühnen Manne fand und ihn gar nimmer missen konnte. Bei Festen und höfischen Gelagen sah man ihn still und abseits, und wo er's nur vermochte, seine eigenen Wege gehn; dazu war er frommen Herzens und jedermann ein erbaulich Beispiel, in jeder Kapelle kniete er zur Andacht nieder und an jedem Kreuz.
Sie zogen durch die Ostmark, und der Kaiser hatte ihn zu sich entbieten lassen; sie trabten allein durch einen lichtgrünen Buchenwald. Es war gegen Abend, da hub der Kaiser an: »Viellieber Ritter, seid ihr der Minne so gar abhold?« -- »Ich warte meiner Stunde, hoher Herr,« wich lächelnd der Ritter aus. »Und ich sage euch, Ritter, eure Stunde ist kommen!« rief der Kaiser lustig. »Hört ein vertraulich Wort: Mein Schwesterkind duldet herbes Minneleid um euch, lange schon. Laßt mich ihr Freiwerber sein. Stolzere Minne ward noch keinem Ritter zuteil, noch größere Ehre. Doch ich kenne euren Wert ...« -- »Genug, mein Kaiser und Herr,« rief der Ritter und war totenblaß, »es darf nicht sein! Fragt nicht, warum!« -- »Ritter, was ist das?« und die Zornader schwoll auf der kaiserlichen Stirn. »Ihr wagt es? Ihr sprecht nein, schnurschlecht nein! Ich hab mein Wort verpfändet --.« -- »So ist denn euer Wort verloren, Herr, mich darf's nicht grämen! Bin ich ein Ding, das man verschenken mag?« -- »Ritter, erwägt, was ihr sprecht, noch meistr' ich den Zorn. Tragt ihr eine andre Minne im Herzen, -- nun, sie, für die ich werbe, ist mein eigen Blut, und ihr wisset, sie ist die schönste von allen Frauen am Hofe.« -- »Mag sein, hoher Herr, mag sein ...« -- »Wißt ihr ein schöner Weib auf dieser Welt?« brauste der Kaiser auf. »Ja!« rief der Ritter laut, und der Schleier wogte hoch um sein glühend Antlitz, daß es ein Grauen war zu schauen. »Ja, und dreimal ja, Kaiser! Es ist die, die ich meine! Sie ist so schön -- so schön ..., was wißt ihr Armseligen!«
Da legte sich der Schleier eiskalt über seinen Mund, wie nasser Tang, und sein Helm ward schwer, und mißfarben und düster hing ihm das Gespinst schwer ums Angesicht; und sein Hirn ward irr, und ein Schrei der Not quoll ihm aus der Brust; er wußt' nicht, was er tat, setzte dem Roß die Sporen ein, und ohn' des Kaisers zu achten, sprengte er von seiner Seite fort wie ein Rasender, wie ein Gehetzter, in die Wilde, in die pfadlose Ferne, in den dunkler werdenden Wald.
Da stutzte sein Roß und stund hoch auf; hinter einem Baume löste sich eine dunkle Gestalt los, sie trug ein leidsam Gewand, und ihr Angesicht war schön wie die Mondnacht, war wie eines weinenden Engels und leuchtete fahlen Scheines, und sie sprach in schluchzendem Harme, ihm aber schrie das Herz, als hörte er die klagen, die ihn gebar, klagen über ein Herzeleid, das ihr eigen Kind ihr angetan:
Heut nacht, heut nacht, um Mitternacht War dein Erlösungswerk vollbracht. Weh dir, weh mir! Gott sei's geklagt, Daß meine Schönheit du gesagt! Mein Heil, dein Heil -- vertan, verfehlt! Nun mußt du mich suchen in der ~finsteren Welt~.
Da nahm der Wind, der durch die Zweige ging, ihrer Stimme leisen, todtraurigen Klang mit, und ihr Bild erlosch, und der Wald war still und frostig. Das Roß des Ritters zitterte noch wie Espenlaub, ihm aber wollt' das Herz brechen: »Nun mußt du mich suchen in der finsteren Welt« -- sprach er und erschauerte, hub dann die Rechte zum Schwur und sprach: »So wahr mir Gott helfe in meiner letzten Not!« hängte dem Roß die Zügel auf den Hals und sprach ihm ins Ohr: »Lauf zu, mein Rößlein, und führ' mich den rechten Weg.« Da wandte sich das kluge Tier zur Linken und schlug den Weg gen Niedergang ein.
Und sie ritten die Nacht hindurch. Und sie ritten Tage und Nächte, Nächte und Tage, und wollt' des Weges kein Ende werden, immer gen Abend zu, und schliefen im Holze bei Regen und Wind oder bei einem frommen Einsiedel, oder einem rußigen Köhler. Und als sie Wochen gereist waren, da brach das treue Roß erschöpft zusammen, der Ritter zog trauernd sein gutes Schwert und senkte es ihm in den Hals, ihm das Sterben zu kürzen, und es schaute ihn mit liebendem Blicke an und verschied.
Er aber zog zu Fuß seines Weges weiter, und immer trauriger ward um ihn die Welt; und da er's bedachte, ward er dessen gewahr, daß schon lang der Wind dahinten geblieben und nicht mehr sein Weggenosse war. Und eines Tages fiel's ihm aufs Herz, wie lang er keine Blume und kein Gras mehr gesehn, keinen Vogellaut mehr gehört, und wie leidig lange er keinen Sonnenstrahl mehr geschaut. Die Welt war grau und wüst und öde worden und alles Leben dahinten geblieben. Nur ein Wasser gurgelte mit dunkler Welle durch moorigen Grund ihm immer noch zur Seite. Er schritt durch hohe Fichtensäulen, doch sie waren ganz mit Moos übersponnen, und ihre Kronen dürr und erstorben und stunden starr und stumm und ohne Leben. Und das riesengroße Schweigen sank immer erstickender auf seine Brust, als neidete es ihm das Kommen und Gehen seines warmen Odems, und wollte auch ihn fesseln und totdrücken, daß er daläge unter all den grauen Steinungetümen, die wüst zwischen den Fichtensäulen ruhten, ein leblos, regungslos Ding wie sie.
Er fühlte wohl, daß er mitten im Tode schreite, und legte die Rechte auf sein Herz, aber siehe, das schlug noch stark und kräftig, rang es gleich schmerzhaft und gewaltsam in der beklommenen Brust. Und er gedachte der Mutter und der Geliebten und wußt' ihrer beiden Stimme und Antlitz schon nimmer zu scheiden und betete brünstig zum Herrn des Lebens und schritt weiter in die Welt des Todes hinein, die immer dunkler und dunkler wurde, immer kälter und schweigender, also, daß er des Lautes seiner Tritte schon erschrak, als könnte der verwegene Klang die ungeheure Stille aufwecken, und dann? Dann könnte etwas geschehn, was seine Sinne nicht ertrügen, davon er wahnsinnig werden müsse.
Da erkannte er im dichter werdenden Dunkel die Umrisse eines Hauses an dem Wasserlauf, dessen gurgelnder Ton auch verstummt war, sowie einen Steg, und als er näher herzutrat, sah er ein Rad, das sich träge und langsam drehte, und vor der Tür saß jemand, den er nicht mehr erkennen mochte. Das Rad aber gab im Drehen keinen Laut, und das bißchen Wasser, das über die Schaufeln in dünnen Rieselfäden glitt, fiel klanglos herunter.
Der Ritter faßte den Kreuzgriff seines Schwertes und fragte, vor dem Laut seiner Stimme erschreckend: »Wer bist du?« Die dunkle Gestalt aber schwieg und rührte sich nicht. Da wußt' er im Herzen die Antwort: »Es ist der Müller von der finsteren Welt, und das Mühlenrad zählt die Minuten der Ewigkeit.« -- »Ich danke euch,« sprach der Ritter zu der Schattengestalt, gleich als hätte die ihm Bescheid getan -- »und nun sagt mir auch, wie gelang ich hinein in die finstere Welt?«
Der Dunkle schwieg, der Ritter aber vernahm im Herzen die Antwort: »Geh über den Steg und bete zu Gott.« Und da ward seine Seele licht und stark, denn er wußte: Gott ist auch hier, und er sprach wieder: »Ich dank euch, Freund,« und schritt beherzt über den Brückensteg, der unter seinen starken Tritten keinen Laut gab. Und alsobald fiel immer dichteres Dunkel über ihn, und er betete und rang und fühlte, wie Gott ihn erhöre, denn ob er gleich durch rabenschwarze Finsternis schritt, so war's ihm, als mahne ihn eine Stimme: »Schreite nur rastlos zu!« und sein Fuß stieß nirgend an, so wenig er seine Eile hemmte; es war, als ginge er hinein ins schwarze Nichts; das einzige Etwas, dessen er noch gewiß war, das war der Boden, darauf er trat, der aber den Ton seiner Tritte nicht wiedergab. Da wußte er nicht mehr: Schlaf ich oder wach ich noch? Leb ich, oder bin ich längst gestorben? Ist das noch die Welt? bin ich das noch? Und er ward mit Entsetzen irre an sich selbst; er biß sich in die Hand, daß es ihm weh tun sollte, -- er fühlte nichts mehr! Da packte ihn das Grauen der Vernichtung, und er stund stille in der ungeheuren Nacht und rief: »Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name ...« Da war's, als lockerte sich leis erdämmernd die dichte Finsternis um ihn her; es war ihm, als streiche eine Hand über sein Haar, und eine wohlvertraute, gütige Stimme sprach leise: »Mein liebes Kind!« und die gleiche Stimme: »Mein Treuer, mein Geliebter!« Da stürzten ihm die heißen Tränen aus den Augen, die Sinne schwanden ihm, und er sank, sank -- wohin? Es bellte ein Hund, er rieb sich die Augen -- so bellte ja sein Bracke daheim! Um ihn war Schilf und Weidicht wie damals -- der Himmel erhellte sich. Das Wasser vor ihm rauschte auf, und mit seligem Singen fuhr Sie daraus empor, als fliege sie zum Lichte, und war so schön, so schön wie der silberne Morgen. Er stund, und die Brust wollt' ihm das jubelnde Herz zerhämmern! »Bist du's denn?« -- »Ich bin's und dein!« -- Da lag sie an seiner Brust, und er schlug seinen Mantel um ihren weißen Leib. Sie schauerte und fror, denn das Wasser war ihr fremd geworden. Da trug er sie jauchzend hinauf, und droben hüllte er ihre feinen Glieder in die köstlichsten Gewande, die sein Mütterlein getragen, und dann trabten reisige Boten zu Tal und luden jeden, der es gut meinte, zur Hochzeit auf die Burg.
Oft saßen sie abends im rosig dämmernden Turmgemach und schauten über die Tannen in den verglühenden Tag. Beider Herzen waren stille und Glückes satt, sie saßen Hand in Hand. Wie die Holdselige aber verzaubert worden und aus der sonnigen Welt verbannt um fremde Schuld, das erzähl ich euch ein andermal.
Der Geiger und seine drei Gesellen
Ein edler Graf hatte in seinem Schlosse einen jungen gar kunstreichen Geiger; den hielt er hoch und wert, und oft sprach er zu ihm: »Konrad, deine Fiedel ist mir doch wahrlich, was manchem borstigen Gesellen sein sanftes Weib; sie gibt mir gute Gedanken, glättet mir die Stirn, sänftigt mein zornig Blut, zupft mich am Ohr, kurz, ich weiß nicht, wie ich ohn' sie leben sollt'; ich mag gar nicht dran denken. Das soll dir ewig vergolten sein, mein treuer Bursch.« -- Das war freilich leichter gesagt denn getan, das mit dem »Ewigvergoltensein«. Der gute Graf hätt' seiner hohen Jahre denken sollen; denn einer schönen Maiennacht, da der Graf auf seinem Bette lag, da zog von draußen ein starker, langgezogener Geigenton zum Fenster herein, also sonderlich und herzbeweglich, daß der Graf lauschend im Bette aufsaß -- ein einziger zitternder Ton, erst leise wie Windhauch im Fliederbusch, dann schwellend und schwellend, feierlich und gewaltig, daß die ganze Nacht erbebte, alle Nachtigallen verstummten, draußen die weißen Blüten von den Apfelbäumen herniederschneiten, und dem lauschenden Greise im Kämmerlein das Herz im Leibe erzitterte, es ihm die alten Hände ineinanderzwang, daß es von seinen Lippen rann: »Vater unser, der du bist im Himmel!« -- Dann schwoll er ab, der eine, der namenlose Ton, der aus der ewigen Nacht zu klingen schien, ward lind und linder, ward gar lieblich und fein, also, daß des alten Grafen Haupt lächelnd zurücksank ins Kissen, er wohlig und tief atmete, und draußen die Nachtigall in den verwehenden Klang leise einstimmte, bis sein letztes leises Tönen und Nachtönen wonniglich eins ward mit dem Weben der segenvollen Frühlingsnacht.
Der Graf lag mit geschlossenen Augen. Plötzlich fuhr er wie erschrocken auf und rief: »Konrad! warst du das? Konrad!« -- Eilte der Geiger, der neben des Grafen Schlafgemach sein Lager hatte, herein: »Rieft ihr, Herr?« -- »Konrad, bei allem, was dir heilig ist, warst du das eben?« -- »Was denn, Herr? Ich schlief, da weckte mich euer Ruf.« Da erseufzte der Graf und sank ins Kissen zurück. »Nichts, guter Konrad. Geh nur wieder zur Ruh; ich hab wohl geträumt. Doch erst gib mir noch einmal deine Hand und sei bedankt für alle Treue.« -- »Herr, Herr, wie sprecht ihr nur?« -- »Geh zu Bett, mein Konrad.«
Der Graf wußte, wer ihm gegeigt, und daß er dieser Fiedel folgen müsse. Am nächsten Morgen fand ihn der treue Geiger friedsam entschlummert.
Des Grafen Erben aber, die dem einsamen Hagestolz bei seinen Lebzeiten wenig nachgefragt und seiner Schrullen oft gelacht, waren wilde Herren, Jäger, Raufer und Zecher, die verwiesen den Geiger des Schlosses. Da war er brotlos und unbehaust und ergeigte sich vor den Türen und auf den Kirchweihn und unter den Dorflinden zum Tanz der jungen Burschen und Bauerndirnen sein bißchen Notdurft, und stund ihm gar oft das Weinen näher denn das Lachen. Doch dieweil er bescheidenen und zufriedenen Herzens war, so sprach er zu sich selber: »Alter Freund, du hast dein gutes Teil vom Leben dahin und hast's reichlicher und vergnüglicher gehabt denn tausend andre. Des sollst du dankbar sein, und nicht murren, wenn jetzt die saure Wegstrecke kommt; ist's schon dumm und ungeschickt, daß die Reihenfolge nicht umgekehrt war.«
Einst war's zur Nacht auf einer Bauernhochzeit. Schwer lagerte der Dunst des Saales, der übervoll war an erhitzten, lustigen, verliebten, von Tanz und Wein trunkenen Burschen und Weibern, unter den hangenden Lampen, die schon ganz trübe blinzelten. Dem armen Geiger war der Kopf schwer und müde von dem wilden Lärm und der eigenen Fiedel Didel dumdei, dem Dröhnen und Krachen der gestampften Dielen, dem Klappern und Klirren der Gläser, dem Jauchzen, Lachen und Schreien der unermüdlich lustigen Menschen. Er hatte es wieder einmal gründlich satt. In einer Pause hockte er im Winkel an einem Tische nieder, stützte den Kopf in die Hand und bedeckte sich die brennenden, überwachten Augen.