Part 4
Wie er's gekonnt, weiß ich auch nicht zu sagen; jener schlimme Magister wird's besser wissen, der die Nächte lang mit ihm bei verschlossenen Türen saß und in alten Scharteken las -- genug, er kam nach kaum drei Tagereisen durch Berge und Wälder auf eine weite, weltvergessene Heide, in deren Mitte richtig hoch und herrlich der Wunderbaum stund, mit hundert güldenen Äpfelein im Sonnenlichte funkelnd. Er trat freudig hinzu; plumps, da fiel eine der schweren Früchte ins Gras, ihm just vor die Füße. »Das fängt gut an,« schmunzelte der alte Geck, indem er die Goldfrucht einsackte, und dacht' der Gelegenheit weidlich wahrzunehmen und hub ein Schütteln und Rütteln an, daß alle Äste rauschten und klirrten. Der Baum aber gab nichts mehr her; die Äste saßen auch gar zu hoch, und am glatten Stamme hinaufzuklimmen, dazu waren des Generals Beine schon zu steif. Er warf seinen Stock mit dem Elfenbeingriff wuchtig hinauf ins Geäst. Der Baum behielt den Stock, aber seine Äpfel auch. Da war kein Rat, er mußt' mit dem einen Goldapfel, den der eigensinnige Baum gutwillig hergegeben hatte, fürlieb nehmen und seine Straße heimwärts ziehn.
Er verwand den Ärger und versenkte sich in erbauliche Träume, tat ab und zu einen Hopser, blieb stehn, legte die Hand aufs Herz, machte vor einem Wacholderstrauch, der die Prinzessin vorstellen sollte, die zierlichsten und possierlichsten Kratzfüße und erklärte dem Strauß in wohlgesetzten, blumigen Worten seine Liebe, also daß die Hasen sich kugelten, und die Häher lachend durch die Wipfel krächzten: »Der Geck! Der Geck!«
Da begegnete ihm ein kleines, graues Männlein, das ihm mit der Nase eben ans Knie reichte, schaute ihn pfiffig an und pochte ihm mit dem gekrümmten Fingerlein an eine harte und gebauschte Stelle in seinem Rockbürzel: »Was habt ihr da drin, Freund?« -- »Einen Dreck hab' ich,« sprach der General unwirsch, ohne das Wichtlein eines Blickes zu würdigen, und schritt fürbaß. »Ist's ein Dreck, soll's auch ein Dreck bleiben,« lachte der Kleine, und weg war er, und die Häher lachten heiser: »Der Geck! Der Geck!«
In der Hauptstadt gab's denn bald ein groß Geschrei: »Wißt ihr schon? Der General! Er hat einen, er hat einen!« Der König gab ein Bankett, und der General mußte neben seiner Angebeteten sitzen. Sie gönnte ihm nicht Blick noch Wort, schaute nur ab und an verzweifelt gen Himmel, so langweilte und quälte sie sein eitles Geschwätz. »Du wirst mir noch einmal kirre!« dachte der Freier schmunzelnd, ließ sich eine goldene Schüssel reichen, schlug an sein Glas, erhub sich und sprach ein Langes und ein Breites von der Liebe, der kein Preis zu hoch, kein Weg zu steil; und damit griff er, indem er den Trompetern und Zinkenisten oben auf der Galerie zunickte, einen Tusch zu blasen, stolz und strahlend in seine Rocktasche, indes alles gespannt die Hälse reckte und ein Page, neben ihm kniend, die goldene Schale darreichte. --
Da tönte ein Schrei des Entsetzens. Die Prinzessin und alle Damen mit ihr fuhren schnell mit den Spitzentüchlein zur Nase, einige fielen in Ohnmacht, alle Stühle flogen polternd zurück, es gab einen gewaltigen Lärm und Aufstand, Schimpfen und schadenfrohes Gelächter. Die Prinzessin verließ mit ihrem Hofstaat den Bankettsaal. Damit war das Zeichen gegeben, daß alles auseinanderstob. Nun stund unser General ganz mutterseelenallein im weiten Saale, knickbeinig, mit schlotternden Knien und bleich wie der Tod und wußt' immer noch nicht, wohin mit seiner rechten Hand. Da traten Trabanten ein und nahmen ihn gefangen. Nun saß er bei Wasser und Brot und durft' sich überlegen, wie das alles so gekommen. Den gütigen König hatte noch niemand so zornig gesehen. Das ging ihm denn doch über den Spaß!
Nun begab sich's, daß ein gemeiner Soldat, dem das Kommißbrotkauen und Exerzieren für einen fremden Landesherrn zu dumm geworden, desertierte. Im Walde setzte er sich behaglich ins Gras, freute sich, ein freier Mann zu sein, zog Wurst und Brot herfür und ließ sich's schmecken. Trat unser Grauwichtel zu ihm: »Darf ich mithalten?« -- »Nur zugelangt, es reicht für zwei!« lachte der Soldat und teilte christlich. Als das Männlein mit Dankesworten Abschied nahm, lachte er: »Bist du ein närrisch Kerlchen, so viel Worte um ein Stückchen Wurst!« -- »Noch mehr denn Worte, guter Gesell,« sprach der Kleine. »Hier hast du einen goldenen Apfel; dafür kannst du dir eine lebendige Prinzessin kaufen, und hier dies Pfeifchen ist auch zu was gut. Verwahr' beides wohl, und Glückauf, lustiger Gesell!«
Verschwunden war das Männlein. »Närrisch!« kopfschüttelte der Soldat, steckte aber beides in die Tasche, dachte sich, für den Apfel könnt' er sich wenigstens manche Wurst kaufen, und das Pfeiflein möcht' für Regentage gut zur Kurzweil sein. Wie spitzte er aber die Ohren, da in der Hauptstadt die Spatzen von den Dächern die schnurrige Geschichte vom General und seinem Goldapfel pfiffen! »Jetzt schlägt's Dreizehn, also ist an der Sache doch was dran? und den Goldapfel hätt' also ich? O, wenn das meine Mutter erlebt hätt'! Hurra, jetzt frei' ich die Prinzessin! Was kann da sein!«
Ging frisch und frank ins Schloß, trat vor den König: »Herr König, mit Verlaub, ich hab' den goldenen Apfel, wofür dero Tochter zu haben sein soll.« -- »So,« sprach der König, »das hat schon mal einer gesagt! Zeig' erst mal her, mein Sohn; wir haben da unsre Erfahrungen, hm ...« und trat ängstlich einen Schritt zurück. »Weiß schon, Majestät! Und hier ist er.« Der König wollt' ihn in seinem freudigen Staunen mit Händen fassen, aber -- »Hand weg, Majestät!« sprach der Soldat und schob ihn in die Tasche zu Wurst und Brot. »Den faßt mir keiner an als meine Braut!« -- »Du hast's eilig, guter Freund,« sagte der König, noch ganz benommen von dem Wunder und dem Glanze. Zugleich besah er sich den abgerissenen Burschen mit seinem schmierigen Brotsack und befand, er rieche arg nach Tabak, und dachte: »Wie wird das werden?« -- »Freilich hab' ich's eilig, Herr König! Jung gefreit hat nie gereut, und bei dero Jungfer Tochter soll's auch an der Zeit sein. Also laßt ein Mahl richten, ich bin zur Stelle, und das schwör' ich euch, es soll kein stinkend Ende nehmen wie bei euerem sauberen General.«
Damit empfahl er sich und ließ den König in arger Verwirrung zurück. Doch, was sollt' er tun? Ein Wort ist ein Wort; da half kein Mundspitzen, es mußt' gepfiffen sein. Das Bankett ward gerichtet, der Soldat saß neben der Prinzessin, alles rümpfte die Nase über den schäbigen Freier; der aber merkte nichts von alledem und sah nur seine Nachbarin an und dacht', wie schön sie sei. Er hatte ja gar nicht gewußt, daß es dergleichen auf Gottes Erdboden gebe, und sein Herz ward gar demütig und ernst. Dabei griff er aber immer nach seinem Brotsack, den er sorglich umbehalten, ob auch das güldne Unterpfand seines Glückes noch dasei. Dann trank er einmal über das andre Mal seinen Becher aus; denn erstens hatte er so guten Tropfen noch nie geschmeckt, und zweitens fühlte er, daß ihm das Herz in die Hosen sank: eine Prinzessin und ein armer Haderlump wie er! Da sollt' ihm der Mut wohl klein werden! Sie aber saß bleich wie ein Steinbild neben ihm, um ihre feinen Brauen zuckte es wie Qual, wenn er zu ihr sprach; deuchte sie gleich sein schlichtes Wort wahrer und menschlicher, als sie jemals bei Hofe reden gehört -- er roch gar zu pöbelhaft nach Tabak! Aus einer Tasche schaute ihm sein Stummelpfeifchen, aus dem Brotsack ein Wurstzipfel! Sie mußt' sich ein übers andre Mal ihr Riechfläschchen unter die Nase halten.
Gegen das Ende des Mahles brachte man die goldene Schüssel herbei. Der Soldat sprang auf, hielt keine lange Rede, sondern rief nur: »Da habt ihr ihn!« und ließ den blinkenden Apfel aufklingend in die goldene Schüssel fallen. Da rief alles, des Bringers und seiner Vagabundenhaftigkeit ganz vergessend: »Wie herrlich, wie köstlich!« Selbst die Prinzessin klatschte in die Hände. Es war, als ginge ein Licht, ein unirdisch Leuchten von dem goldenen Wunder aus, das aller Herzen erhellte und höher stimmte. Da brach der Soldat den Bann des Entzückens, indem er laut in den Saal rief mit dem Mute, den der feurige Wein ihm gegeben: »Wohlan, Herr König, ich tat das Meine! Nun marsch zur Hochzeit, Jungfer Prinzessin!«
Schlug da doch das Prinzeßlein die Hände vors blasse Antlitz und hub ein Schluchzen an, als soll's ihr die zarte Brust zerbrechen. Alles war betroffen und erschüttert; denn weinen hatte das stolze Geschöpf bis heut' noch kein Auge gesehn, und dann schauten aller Blicke unter gerunzelten Zornesbrauen auf den Soldaten, der in den Stuhl gesunken war und dasaß, als sei er der ausbündigste Malefikant und die schwärzeste Seele, die je zur Hölle reif war. Er war blaß, und seine Lippen zitterten, und er lallte: »Nu -- nu ...« und seine harten Hände zuckten, der Weinenden über das goldene Seidenhaar zu streichen, ganz weich und lind, wie man's einem Kinde tut; aber er getraute sich nicht.
Der König fand zuerst das Wort wieder und sprach was von der magdlichen Scheu seines edlen Kindes, die man ehren müsse, und -- von Zeit lassen, sich drein zu finden, und einigen Tagen Aufschub.
»In Gottes Namen,« stotterte der Soldat, »in Gottes Namen, Herr König! Wenn's nicht anders ist, so kann ich mir inzwischen einen neuen Kittel schneidern lassen.« Da lachten einige Höflinge in ihr Mundtüchlein. »Gott sei gedankt!« seufzte der König für sich. »Kommt Zeit, kommt Rat. O dieses Kind, dieses seltsame Kind, was schafft es mir doch für Not und Grämen!« und er fuhr sich wehmütig mit der Hand über den königlichen Bauch und befand, er sei vom Fleische gefallen.
Das war dem guten König eine ausgemachte Sache: dieses Eidams mußt' er los und ledig werden, es geh' wie's wolle. Aber wie? Da gedacht er des Generals, der noch bei Brot und Wasser saß und sich grämte, daß er so stinkend geworden; der war in tausend Listen und Ränken gewandt und Rates nie verlegen; den befahl er der Haft zu entlassen und fragte ihn, wie er mit gutem Anstande den tabakduftenden Tochtermann sich vom Halse schaffe. »Das laßt mich nur machen,« sprach der General, der einen schweren Zorn hatte auf seinen Nachfolger, und eröffnete dem Soldaten feierlich im Auftrag des Königs und der Prinzessin, die erste Bedingung sei ja nun erfüllt, somit sei er denn berechtigt, die zweite Aufgabe zu versuchen; denn das lasse er sich als billig denkender junger Mann doch nicht in den Sinn kommen, daß man so leichten Kaufs die Hand einer Königstochter gewinne; er habe ja selbst gesehn, wie schön sie sei -- »oder nicht?« fuhr er den verdutzten Soldaten an. »Freilich ja, das muß ihr der Neid lassen; nur will mich bedünken, das sei wider die Abrede, das mit der zweiten Aufgabe; jedennoch -- erwogen, daß die Prinzessin eben so ausbündig liebreizend und fein ist ...« -- »Genug,« fiel ihm der General ins Wort, »Ihro Hoheit wünscht, daß du aus dem Tiergarten hundert Hasen zusammentreibst, sie drei Tage hütest; wo dir nur einer entwischt, kostet's deinen Kopf. Verstanden?« -- »Mit Verlaub, gestrenger Herr!« -- wollt' der Soldat einwenden; da drehte der sich auf dem Absatz herum und ließ ihn stehen, und der unglückliche Freier gespürte nun, von wannen der Wind wehte. »Das hat man davon, so man zu hoch hinaus will! Aber daß die Welt so schlecht sei und Treu und Glauben so rar, hätt' ich doch nimmer geglaubt!«
Er ging traurig in den Wald, setzte sich an den Boden, stemmte das Kinn auf beide Fäuste und dacht: »Mit dir ist's aus, alter Freund! Schnür' dein Ränzel für die bessere Welt! Das Lied ist zu Ende, da ich's kaum zu blasen begonnen!« -- Beim Blasen fiel ihm sein Pfeifel ein, Trübsal ist ja so gut wie Regenwetter, und er dacht: »Du kommst mir zu paß, was hilft das Kopfhängen!« und pfiff sich ein Stückel, wundert sich selber, wie trefflich's ihm vom Schnabel ging.
Aber was war das? Ringsum stieg der Staub auf, trappelte es, rappelte es, rauschte es, braune Rücken, lange Ohren -- Himmel und Hasen! »O du herziges Graumännlein im Walde, so war das mit deinem Pfeiflein gemeint? Hallo! nun kommandier ich ein Hasenregiment! Laß schaun, was wir bei den Soldaten gelernt haben! In Kompaniekolonne antreten! Marsch, marsch!« -- Heidi, wuselte und sprang das durcheinander, daß die Ohren flogen, und im Handumdrehen stund alles in drei Zügen in Reih und Glied. Da schritt der Soldat die Züge ab und teilte sie hübsch in Sektionen ein; was aber über hundert zählte, stellte er zehn Schritt rechts davon auf und kommandierte den Überzähligen: »Wegtreten!« Husch! stob das davon wie eine braune Wolke. Mit den übrigen hundert exerzierte er brav, daß ihm vor Lachen die Tränen über die Wangen liefen. Dann ließ er mit Sektionen vom rechten Flügel abmarschieren, setzte sich mit seinem Pfeiflein an die Spitze, blies: »Wer will unter die Soldaten ...« und: »Ach, du lieber Augustin ...« und führte seine Kompanie in die Stadt.
Der König und die Prinzessin, die staunend den Aufzug sahen, stunden auf dem Balkon. Da kommandierte er: »Augen rechts!« Der König und die Prinzessin mußten sich gegenseitig festhalten vor Lachen, so pudelnärrisch war die Parade. Doch als der Hasenkommandant vorbeigezogen war und das Pfeiflein verklungen, da trat an Stelle des Gelächters bitterer Ärger: »Was nun, General, was nun? Dieser Teufelskerl ist imstande und hält uns drei Tage lang sein Hasenvolk wohlgezählt beieinander! Wer das eine kann, dem ist auch das andere Kinderspiel!« -- »Wir sind auch noch da, Majestät,« beruhigte ihn der General; »da gilt's durch List ihm einzelne Tiere abspenstig machen; und erwischen wir nur eines von den hundert Häslein, so schlägt man ihm den Kopf ab und heißt ihn seines Weges gehn wohin er mag.« Er verkleidete sich als Jäger, fand sich bei dem Hasenmeister ein, und fragte höflich an, ob ihm nicht eines seiner Tiere feil, die Art gefalle ihm in die Maßen, er habe in der Stadt den Aufzug gesehn. »Warum nicht?« sprach der Soldat, der den Schelm von General wohl erkannt hatte, »nur fürchte ich, der Preis wird euch kaum genehm sein.« »Oho,« sagte der General und klimperte mit den Dukaten im Hosensack.
»Um Geld ist mir's nicht zu tun, Herr Jäger, aber um fünfzig Prügel könnt ihr eins meiner Tierchen haben.« -- »Verflucht!« knurrte der General, doch er hatte es dem König und der Prinzessin, die er sich noch immer zu gewinnen hoffte, versprochen: »In drei Teufels Namen, so sei's!« und entblößte den Rücken. Der Soldat spuckte in die Hand, faßte seinen Stock und -- zeigte, daß er ein handfester Bursche sei. Der verprügelte General hinkte fluchend ab, wenigstens des sauer verdienten Häsleins froh, das in einem Korbe, den er mitgenommen, krabbelte. Kaum aber war er hundert Schritt von der Stätte seines Kaufs und seiner Schande entfernt, ertönte hinter ihm das Pfeiflein; der Deckel des Korbes sprang auf; hupp, war der Hase auf und davon. Der Soldat hatte seine lustigen Hundert wieder beisammen, und der General -- ach, wer kann sagen, wie dem zu Mute war! Er kroch sofort ins Bett, wollte aber vom Arzt nichts wissen, weil er sich seines verprügelten Buckels schämte.
Darüber war ein ganzer Tag verloren, und die Prinzessin sandte in ihrer Angst ihre Kammerjungfer, daß sie dem Soldaten einen Hasen abschwatze. Ei, was konnt' die schön tun und schmeicheln! Aber der Soldat ließ sich auf keine Zärtlichkeiten ein und verlangte denselben Preis wie vordem beim Jäger. Er hat wohl nicht so fest zugehauen, aber Schimpf und Schande war's doch für das hübsche Kammerkätzchen. Doch dafür hatte sie ja einen Hasen -- jawohl! da pfiff's; plumps lag sie auf dem Rücken, und der sauer verdiente Hase fegte davon, daß ihm die Löffel flogen. Sie hütete sich wohl, zu Hause was zu erzählen, wie's ihr ergangen, genau so wie der General: »Der niederträchtige Kerl wollte nun einmal nicht, ich konnt' ihm die besten Worte geben!«
»Ihr seid alle zu nichts zu gebrauchen!« schalt die Prinzessin, der es jetzt anfing, himmelangst zu werden, und zerrupfte vor Aufregung ihr Spitzentüchlein! »Ich muß mir selber helfen!« rief sie kurz entschlossen, und auf den Rat ihrer schlauen Amme, die ihr ja schon mit ihrem Goldapfeleinfall die ganze Suppe eingebrockt hatte, zog sie sich als Wildprethändlerin an und ging zu dem Soldaten. Zehn Hirsche und zwanzig Rehe bot sie ihm für eines seiner seltnen Häslein. »Ach nein, gute Frau,« sprach der Soldat, »Tauschgeschäfte mach' ich nicht; aber verdienen könnt' ihr euch eins.« -- »Wie denn?« fragte arglos die Prinzessin: »Hm, wenn ihr mir ein Viertelstündchen gut sein wollt und mir mindestens sieben Küsse gebt.« -- »O weh,« dachte die Prinzessin, »das ist ein schlechtes Geschäft; aber er kennt mich nicht, kein Mensch erfährt's, und so bin ich seiner auf einmal los. Übrigens ist er so ein übler Gesell gar nicht bei Tage besehn.« Und sie verdiente sich ihr Häslein und zog, nachdem sie sich siebenmal das Mäulchen gewischt, ihres Kaufes froh mit ihrem Henkelkörbchen davon: Gottlob! einmal -- oder vielmehr siebenmal, und nie wieder! -- düdelüt! tat's da hinter ihr und hupp! neben ihr, und sie kam weinend vor Scham und Verzweiflung nach Hause zu ihrem Vater: »Der schlechte Mensch wollt' sich auf nichts einlassen.«
Da tat der gute Vater einen starken Schwur, jetzt wollt' er doch wahrlich selber mal nach dem Rechten sehn! Das müßt' ja doch mit dem Teufel zugehn ... Kam verkleidet auf einem Maulesel beim Soldaten angerückt: »Was kostet ein Hase!« -- »Nicht viel mehr denn nichts, alter Freund,« lachte der Soldat, der seinen Kunden wohl erkannte; »wollt' euch nur bequemen, euren Maulesel dreimal unterm Schwanz zu küssen.« -- Potztausend, das war freilich ein Ansinnen an einen König! Er ward blaß vor Wut, schimpfte und wetterte; der Soldat zuckte die Achseln: »Ihr braucht ja nicht! was tobt ihr? Doch ich kann für meine Hasen fordern, was ich will.« Der König zog sanfte Saiten auf und versprach goldene Berge. Der Soldat lachte: »Schon meine Mutter sagte immer, ich sei ein schrecklicher Dickkopf, und die hat immer recht gehabt.« Sprang der König mit einem Satze vom Tier: Kreuzmillionendonnerwetter! -- eins -- zwei -- drei! da war das Unglaubliche geschehn. Gottlob, der freche Kerl kannt' ihn nicht, und so wußt' außer Gott und dem König selber niemand, was der König getan. Aber nun den Hasen her! Da hatte er schon einen feisten Burschen an den Löffeln, stopfte den Zappelnden in den Sack, der dem Reittier am Sattel hing, und spornstreichs ohne Gruß und Valet trabte er wütend und fluchend davon. Wie fluchte er aber erst, als der Sack plötzlich rebellisch ward, Meister Lampe mit Gewalt durchbrach und davonstob, dahin, woher die lockenden Pfeifentöne drangen!
Nun war alles aus. Abends rückte der Soldat mit seinem vollzähligen Hundert prahlend vors Schloß, exerzierte und paradierte, schrie »Augen rechts!«, daß die Scheiben klirrten, und warf selber so übermütig die Beine, als wollt' er seine Kommißstiefel zu dem König und seiner Tochter auf den Balkon hinaufschleudern. Es war ein rechter Staat. Nun war guter Rat teuer, und wieder mußte der pfiffige General herbei. Und der wußte wahrhaftig wiederum einen Ausweg.
Am dritten Tage ließ der König den Hasenkommandeur entbieten, wies ihm einen Sack, der war an hundert Ellen lang und breit: »Jetzt, mein Sohn, kommt deine dritte und letzte Aufgabe. Gib acht, kannst du auch die lösen, hast du die Braut gewonnen, wo nicht, ist dein Kopf verwirkt.« -- »Herr König, mit Verlaub!« -- wollte der Soldat gegen dies offensichtliche Unrecht sich verwahren. »Ruhe!« herrschte ihn der König an, »es bleibt dabei! Diesen Sack hier sollst du mir mit Wahrheiten füllen, das ist deine dritte Aufgabe.« -- »Hoho,« dachte der Soldat, »kommt ihr mir so, komme ich euch so. Jetzt wollen wir sehn, wer zuletzt lacht!«
»Mit Vergnügen, Herr König! Gebt acht! Ich sollt' euch hundert Hasen hüten, daß mir nicht einer entspringe. Ist das wahr?« -- »Das ist wahr,« sprach der König und der ganze Hof. »Marsch, in den Sack, ihr Hasen!« rief der Soldat, und hupp, hupp, sprang die ganze Gesellschaft in den Sack hinein, daß alles lachte.
»Hundert Wahrheiten wären drin! Nun hört weiter, die hundertunderste: Da ich mit meinen Häslein auf der Weide war, kam ein Jägersmann und wollt' mir eins abkaufen. Mit fünfzig Wohlgezählten auf den Buckel hat er sich's verdient. Ist das wahr, Herr General?« -- »Gelogen ist'!« schrie der General. »Knöpft ihm nur das Wams auf! Ihr könnt sie noch alle fünfzig nachzählen, sie hatten alle ihr volles Gewicht.« -- »Man tue, wie er gesagt,« sprach der König, da mußte der General wohl oder übel seinen Rücken zeigen, der in allen Farben des Regenbogens schimmerte, und wohl oder übel mußte er zu den Hasen in den Sack hinein.
»Das wär Nummer hundertundeins!« rief der Soldat, dessen Mut jetzt immer kecker wurde, also daß die Prinzessin erstaunt und gar nicht ohne Wohlgefallen die schönen, ernsten Augen auf ihn heftete; stund er doch da unter all den Höflingen wie ein rechter Mann unter lauter Puppen und Laffen. »Nummer hundertundzwei!« schrie er. »Halt, Jungfer, wo will sie hin?« Damit erwischte er die Kammerzofe der Prinzessin, die, über und über rot, soeben aus der Tür schlüpfen wollte. »Nämlich alsbald kam ein Jüngferlein zu mir auf die Hasenweide und wollt' mich mit Schmeicheleien und zärtlichem Getu kirren, daß ich ihr eins von meinen Tierlein verehrte. Sie aber zahlte mir den gleichen Preis wie der Herr General, und wenn mich nicht alles trügt, so glich sie aufs Haar hier der Kammerjungfer der Prinzessin. Ist das wahr?« -- »Ja, es ist wahr,« schluchzte es aus dem Sack heraus.
»Hundertunddrei!« schrie der Soldat. »Eine Wildprethändlerin kam dann des Weges« -- die Prinzessin war dunkelerglühend aufgestanden. Da hielt der Soldat mit höflich einladender Geberde den Sack schon auf: »Ist's gefällig?« und sie schlüpfte schleunigst hinein. »Ist's wahr?« fragte er, indem er das Ohr tief zum Sack herniederneigte. Leise, ganz leise antwortete es aus dem Sacke: »Ja, es ist wahr.«
»Hundertundvier!« rief der Unerbittliche und hustete ganz niederträchtig hinterdrein. Der König aber rückte auf seinem Thron hin und her, als säße er auf Nadeln. »Zuletzt kam einer,« fuhr der Soldat fort, »saß auf einem Maulesel, der hat sich ein Häslein ganz kurios verdienen müssen. Dem gab ich auf ...«
»'s ist gut, mein Sohn,« rief der König, »der Sack ist ganz voll! Mehr denn hundertunddrei Wahrheiten gehn nicht hinein. Morgen hältst du Hochzeit; das soll die hundertundfünfte sein.«
Da öffnete der Soldat den Sack und ließ alle Wahrheiten heraus, und am folgenden Tage gab's Hochzeit. Die Prinzessin aber hat's nie bereut, das dürft ihr mir glauben, und der König und sein Land auch nicht. Der arme Teufel war doch ein ganzer Kerl, und das ist das Beste, was einer sein kann.
Das Märchen von der schönen Schwanenjungfer