Part 8
Ein kleines schmutzstarrendes Krüppelchen war der Wenzel, ein bucklig Geschöpf mit schwarzem Haar, das ihm struppig in die niedrige braune Stirn hineinhing, unter stachligen Brauen die schwarzen Augen funkelten bald wie Rattenaugen, bald blickten sie wehleidig in kriechender Demut, wie die Augen eines verprügelten Hundes. Wenn er mit seinem rasselnden Pack von rostigen Mausefallen und schlechtem Küchenplunder auf dem Buckel, den Knotenstock wie einen Tamburstab schwingend, sich schief zum Hoftor hereinschob, dann nahmen unsere zwei Buben schreiend Reißaus. Das war aber auch ein Bild: Die eine Schulter immer voran, schlurfte er daher und plärrte: »Der Wenzel ist da, der Wenzel ist da!« Die Zehen lugten ihm aus den zerschlissenen, breitgetretenen Schuhen, sein speckig Hütel schob er vom rechten Ohr aufs linke, das war sein Gruß, dazu grinste er breit und frech mit den weißen Zähnen, als freue er sich hämisch, daß er frohe Menschen durch seinen Anblick erschrecke und den Kindern ihre gute Laune trübe. Dann aber hättet ihr Tyras, Amtmanns Wachthund, sehen sollen, Fritzchens besonderen Freund und auch hierin mit ihm ganz eines Sinnes! Wie rasend fuhr er gesträubten Nackenhaares aus seiner Hütte, riß und tobte bellend an der Kette. Den Kopf vorangestreckt, seinen Knotenstock quer zwischen die weißen Zähne genommen, schlurfte dann der Wenzel langsam dem wütenden Tiere entgegen und schaute es scharf an. Dann kroch Tyras mit eingeklemmtem Schwanz und krummem Buckel zum Ärger Fritzchens winselnd in seine Hütte zurück. Wenzel aber hockte breitgrinsend auf der Steintreppe des Hauses nieder, nachdem er sein rasselndes Bündel neben sich geschleudert hatte. Oben auf der Schwelle erschien die Frau Amtmann, hinter ihr Trine, die Magd. Dann ging's an ein Atzen des müden Krüppels: Alles, was an Abhub in der Speisekammer nur zusammenzukratzen war, das schlang der Wenzel, der die Kunst verstand, auf Vorrat zu essen, mit häßlichem Schmatzen zum Staunen und Grausen von Frau und Magd hinein. Waren dann die Teller rein abgeputzt, dann hub der Unhold an, für Amtmanns Küche zerbrochenes irdenes Geschirr mit Draht zu flechten, und während die schwarzen, knochigen Hände mit den höckrigen Gelenken den harten Draht flochten, zogen und spannten, erzählte er der gütigen Frau des Hauses, die an dem tollen Wicht ihren Spaß hatte, in einer närrischen Mundart von seinen Reisen von Dorf zu Dorf. Trat dann der gestrenge Herr Amtmann in die Tür, so sprang er auf und wurde ganz nur Buckel vor hündischer Demut und Unterwürfigkeit. »Schon gut, Wenzel,« sagte dann der Amtmann, »nun troll dich wieder,« und Herr und Frau Amtmann hatten dann, wenn das kleine Untier unter tausend Kratzfüßen und »Vergelts Gott« abgeschoben war, noch lange Meinungsverschiedenheiten auszugleichen, wovon die Kinder nichts verstanden. Diese hatten die ganze Zeit in Grauen und doch Neugier fern abseits gestanden; ihnen war's gewesen, als sei mit dem Auftauchen »Mausefallskis«, wie die Dorfkinder hinter dem Kobold herschrieen, die Sonne bleicher, der Tag trüber, die Welt freudloser und häßlicher worden. Sie hatten nur den verschüchterten Tyras wieder aus seinem Häuschen hervorgeschmeichelt, ihm den glatten Kopf gekraut und ihn getröstet: er solle nur nicht bange sein, der kleine Tückebold dürfe ihm nichts tun; und sie möchten ihn ja auch nicht leiden und -- »noch den einen Topf da muß er Mutter flicken, dann muß er sich aber packen!« Tyras verstand sie gar wohl und war wieder einmal ganz ihrer Ansicht.
Der Mausfallenwenzel machte den Kindern gar viel zu schaffen in ihrem Sinne. Oft sprachen sie von ihm, zumal wenn sie abends dicht zusammen rückten und die Lust sie ankam, sich selber bang zu machen: Es war doch ein Geheimnis um ihn! Wer war er, von wannen kam er, was wollt er, was konnt er? Sicher mehr denn Brot essen, das stand fest. Ein Zauberer war er zum mindesten, man hatte es ja an Tyras gesehen, den er mit einem Blicke bannte. Es gab ja auch gute Zauberer; der aber war gewiß keiner; nein, alles Unheimliche, Spukhafte, Böse, was sie nur erträumen mochten, trug für sie Wenzels Züge. Er spukte in vielen Märchen, die der Schulmeister und Fritzchens Mutter ihnen erzählt; die ahnten nichts davon, woran die Kinder dabei dachten, doch diese sahen einander nur an und verstanden sich.
Ein erschütterndes, beinahe verhängnisvolles Erlebnis sollten die beiden Kinder dem Popanz ihrer Jugend verdanken. Einst hatten sie sich weiter als je im Walde verloren, Walters abenteuernder Sinn war schuld daran; doch diesmal war's wirklich bedenklich, über den Kronen des Waldes hing ein schweres Gewitter. Mutter wird schön in Sorge sein, dachte Fritz, aber er sagte es nicht; Walter dachte von seinem Vater nicht dergleichen, denn er dachte überhaupt nichts, er schaute und lebte nur das bange Leben des wetterharrenden Waldes mit, das Todesschweigen der wehrlosen Erwartung, die regunglose Stille der Buchenfächer, das Versinken in Grau und Grauen ringsum -- das nahm ihn ganz dahin. Es war, als stünde Entsetzliches zu erwarten; und wär's sein eigener Untergang gewesen, er mußte das mit anschauen! Er schrak zusammen, mit schrillem Pfeifen, einem Angstschrei gleich, schoß ein Vogel, den er nicht kannte, über ihn hin, und aus dichtem Laub antwortete erschreckt und kleinlaut der zarte Ruf eines Meisleins. Dann wieder bange Todesstille: »Die Mutter wird schön in Sorge sein,« sagte Fritz jetzt doch laut vor sich hin, und die Kinder faßten sich an den Händen, ihre Füße waren ihnen schwer wie Blei, und ihre kleinen Herzen pochten. Er war so schwül, zudem keuchten sie jetzt berghinan; weit und breit deckte den hügeligen Waldgrund die braungoldene, weiche Decke gefallenen Buchenlaubes. Die müden Füße stolperten immer häufiger, weinen hätten sie mögen. Nur ein rechter Junge weint nicht gleich, dachte Fritz -- Walter dachte gar nichts, er träumte und schaute nur, und seine schmalen Wangen glühten. Da rollte fern ein erster langer Donner, ein leises, feines Trommeln begann rings im Buchenwald, ein schwüler Atem wie aus schwer beklommner Brust ging dem beginnenden Regen voran. Den Kindern stand der Schweiß auf der Stirn, Fritz machte den Versuch zu pfeifen.
Da riß ihn Walter mit einem leisen Schrei zurück; vor ihnen am Boden, am braunen Waldboden, da regte sich was, kroch, humpelte, krabbelte, flatterte -- ein schnurrig Klümpchen Federn, ein wunderlich Häufchen Lebens. Da starrten zwei große, dunkelblaue Augen schrecklich menschlich zu den Kindern empor. Sie standen von Schrecken gelähmt. Was war's? Ein junger Waldkauz, der, aus dem Nest gefallen, hilflos die halbgespreizten Flügel am Boden schleifte, mit den Augen blinzelte und mit dem krummen Eulenschnabel gnappte.
Die Knaben liebten die Tiere wie Kameraden, besonders Walter war von seinem Vater stets dazu angehalten worden, in ihnen leidende, brüderliche Geschöpfe zu ehren. Dies Ding da zu ihren Füßen war ihnen fremd, unheimlich; diese ängstlichen, großen Augen in dem runden Kopfe, diese zuckenden Krallen, und an dem ganzen Häuflein Federn kein rechtes Oben und Unten. Und das zu dieser Stunde, in dieser Einsamkeit -- und aus allen Schattenwinkeln der Bäume ringsum raunten Märchen, unholde Märchen von verwunschenen Menschenwesen, von foppenden Spukgebilden und Zauberblendwerk darein. -- Fritz hatte unwillkürlich im ersten Abscheu mit dem Fuße nach dem Dinge gestoßen -- es kollerte, purzelte, statterte ein Stückchen weiter, gnappte und schaute noch ängstlicher aus den runden Augen. Fritz, der sich seiner Roheit schämte, haßte das Geschöpf darum; ja es hatte was Hämisches, Feiges, Niederträchtiges; Walter aber sah noch mehr: wie's den dicken Kopf so eingezogen hatte, sah's so bucklig und knüpplig aus, und die menschlichen Augen so demütig, so scheußlich demütig flehend -- die Augen kannte er doch -- das war ja, das war ja ... er packte Fritz am Ärmel, und -- »Mausefallenwenzel« -- flüsterten beide Kinder zumal.
Sie haben das Ding totgemacht, mit fiebernden Sinnen, fliegenden Händen, Angst und Entsetzen und tiefem, tiefem, blutigem Erbarmen. Sie haben's getan, sie wußten selbst nicht, wie; alles, was zwischen Haß und Mitleid, Wut und Jammer, Trotz und bebender Angst liegt, haben sie dabei empfunden und dann eine Welt voll Scham und Zerknirschung und Todestrauer, die nichts von Trost weiß, heimgetragen, eine ganze Kainsseele in jeder Kinderbrust; so sind sie in strömendem Gewitterregen heulend und mit klappernden Zähnen daheim angekommen, sie wußten selbst nicht, wie. Der Schulmeister und die Frau Amtmann waren in Angst und Sorge gewesen, die Jungen haben sich jeder schluchzend an sie geklammert -- »Rein aus dem Häuschen!« meinte kopfschüttelnd Fritzchens Mutter: »Das bißchen Gewitter, du lieber Gott!« Sie hätte den beiden doch mehr Strammheit zugetraut.
Walter sollte diese Nacht, wie schon manchmal, bei Amtmanns schlafen. Fritz mochte ihn nicht von sich lassen. So waren sie denn hinaufgebracht worden in die Kinder- und Schlafstube, unten aber saßen der Amtmann und seine Frau und der Lehrer noch beim Glase Wein im Gespräch und bedachten, was den Kindern wohl geschehen sei; denn sie fieberten beide und waren, besonders der kleine Walter, in einer fremdartigen, ganz krankhaften Erregung. Sollte man nicht doch nach dem Arzte schicken? Der Amtmann nahm die Sache nicht so ängstlich. Sie haben sich eben verlaufen, Furcht ausgestanden vor dem Gewitter, der Einsamkeit, vielleicht auch vor Strafe; pudelnaß sind sie ja auch geworden; morgen wird bis auf einen tüchtigen Schnupfen alles vergessen sein. Jedenfalls war's ein heilsamer Denkzettel für ähnliche Ausflüge. -- Seine Frau und der Lehrer schüttelten den Kopf: Nein, nein! das sitzt tiefer. Da ist etwas Besondres geschehen, womit die jungen Gemüter nicht fertig werden; da hilft nur Vertrauen, Aussprache; eher finden die kleinen Herzen keine Ruhe. --
Sie wurden also in ihren Nachtkitteln heruntergeholt und traten bleich und zitternd in den Lichtkreis der Lampe. Eben soll das Verhör beginnen, da klopft es -- »Herein!« Hartmann ist's, der Feldjäger. Er meldet dem Herrn Amtmann: »Droben im Walde ist der Mausefallenwenzel tot aufgefunden worden.« Keiner bemerkt, wie eisiges Entsetzen beide Kinderaugen starren macht. Der Beamte meldet weiter: allem Anscheine nach sei er erschlagen; zwar sei es nicht auszudenken: um der paar Lumpendreier willen, die der Strolch in der Hosentasche geführt! -- Der Amtmann ist ernst aufgestanden: »Lieber Hartmann, ich hab meine besondern Gedanken: der Wenzel war selber ein Spitzbube, da hat ihm wohl ein ungetreuer Kumpan einen Raub abjagen wollen. Er war euch nur zu schlau, mein Freund, aber ich hab's meiner Frau immer gesagt ...!« Er bricht ab. -- Walter liegt wie leblos auf dem Teppich, Fritz klammert sich schreiend an den Hals der Mutter.
Bange Tage gab's im Schullehrerhause. Das Kind lag lange zwischen Leben und Sterben, und der Lehrer gedachte seines Weibes und sprach: »Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst. Nimm mir auch den vom Herzen ...!« Dann kam der Tag, da der von Nachtwachen erblichene Mann dem Arzt die Hand zusammenpreßte, daß der hätte aufschreien mögen, dem Arzt, der ihm das eine Wort gesprochen: Gerettet.
Dem Knaben aber, der den Wahn seines seltsamen Abenteuers später begreifen lernte, blieb ein tiefer reicher Segen davon. Was viele nie verstehen, und ob's ihnen mit Menschen- und Engelszungen gepredigt werde, das hatte er in tiefster, furchtbarster Erschütterung an sich selbst ~erlebt~: die Einheit und Gleichheit alles Lebendigen; und ihm ward davon die Segensfrucht verstehender Liebe und weltumfassenden Erbarmens mit allen, was da lebt, es sei schön oder häßlich, gut oder böse.
Dritte Auflage. Die Zeichnungen sind von Hans Schroedter, Karlsruhe. Die Buchaustattung besorgte H. M. Bungter, Leipzig-Mölkau. Druck Orbis A. G. Prag. Copyright by Erich Matthes, Leipzig, 1925.