Von Haparanda bis San Francisco: Reise-Erinnerungen
Chapter 6
Als ich im besten Schlafe war, wurde ich durch die dumpfen Töne des Nebelhorns geweckt. Ich wußte, was das zu bedeuten hatte, zog mich, obgleich es etwa 3 Uhr Morgens war, schleunigst an und kletterte auf die Kommandobrücke, wo der Kapitän und der 1. Steuermann standen und in den dichten Nebel hinausblickten. Wir befanden uns nicht weit von Skagen; unserm Nebelhorn antworteten ab und zu diejenigen anderer in der Nähe befindlichen Dampfer. Nach einer Viertelstunde etwa senkte sich die Hülle, und wir wurden durch einen herrlichen, klaren Sonnenaufgang entschädigt. Wie der obere Rand der goldenen Scheibe über der schwarzblauen Flut aufblitzte, dann breiter und höher wurde und sich als rotgoldener Ball allmählich halb und endlich ganz emporhob — das zu beschreiben ist unmöglich. Ich habe nie einen solchen Sonnenaufgang gesehen. Allein die Freude währte nicht lange; der Nebel kehrte wieder, und wieder zog ich unverdrossen alle 2 Minuten die Leine, sodaß das Nebelhorn (die Dampfpfeife) dumpf und langgezogen erklang. Wieder senkte sich der Nebel, aber doch nur so weit, daß der obere Teil des mächtigen Leuchtturms von Skagens Horn daraus hervorragte, der untere Teil blieb verhüllt. Vom Lande her tönte in gemessenen Zwischenräumen eine Sirene, ähnlich dem Geheul jämmerlich geprügelter Hunde, höchst unästhetisch, aber weithin hörbar. Als der Nebel sich endlich ganz gesenkt hatte — es mochte mittlerweile 4 Uhr geworden sein — krochen der Kapitän und ich wieder in unsere Kojen, um, wie er sagte, noch 4 Stunden zu schlafen. Doch bald wurden wir aus der Täuschung gerissen. Kaum eingeschlummert, verkündete das laute Blasen des Hornes, daß der unheimliche Gast wieder da war. Also wieder anziehen und wieder hinauf, denn so phlegmatisch bin ich nicht veranlagt, es bei solchem Nebel unten auszuhalten. Glücklicherweise dauerte es auch diesmal nicht lange, dann aber hatten wir keine Lust, uns noch einmal betrügen zu lassen, wir blieben auf, tranken eine Tasse Kaffee, nahmen ein Bad, wozu das Wasser direkt aus dem Meere in die Wanne geleitet wird, und stärkten uns dann an einem kräftigen Frühstück. Ausgenommen die Mahlzeiten lag ich natürlich, wie immer auf See, in meinem Triumphklappstuhl neben dem Kapitän auf der Kommandobrücke, um die reine Luft aus erster Hand zu trinken. Die vielen Schiffe, die uns im Sunde und noch im Kattegat umgeben hatten, verschwanden allmählich und verteilten sich nach verschiedenen Richtungen. Nur dann und wann begegnete uns eins, einige gingen auch mit uns. Einen Dampfer trafen wir stillliegend an, er hatte vor dem Vordermaste drei schwarze Bälle aufgezogen, was bedeutete, daß er manövrierunfähig war. Einen zweiten großen Dampfer sahen wir dreimal stillliegen und immer wieder fahren, bis er uns endlich überholte und unseren Blicken entschwand. Am Nachmittag stampfte das gegen den Südwest angehende Schiff doch so, daß ich es für gut hielt, in horizontaler Stellung zu verweilen, um nicht, wie vor drei Jahren an dieser Stelle, unfreiwillige Opfer des Magens bringen zu müssen. Ich legte mich also um 3 Uhr in mein gutes Bett und verzichtete auch auf das Abendessen. Glücklicherweise ging die See nicht so hoch, daß mein Kabinenfenster geschlossen werden mußte, sonst wäre ich gewiß durch die schlechte Luft seekrank geworden. Nur einige Male spritzte das Wasser herein, einmal so, daß meine Stiefel tüchtig etwas abbekamen und der Schiffsjunge ihren Inhalt ausgießen mußte. Als ich in angenehmem Schlafe lag, weckte mich wieder die Dampfpfeife. Hinauf an Deck, hieß es also. Das war gestern nur ein Vorschmack vom Nebel gewesen; diesmal war er viel dichter und hielt etwa 4 Stunden an, von halb 3-7; eine unheimliche Zeit, die mir zu einer Ewigkeit wurde. Und doch fühlte ich, daß man sich auch an solche Situation gewöhnt; froh waren wir nur, daß wir trotz allen Horchens kein anderes Nebelhorn hörten. Plötzlich erklang eins ziemlich nahe vor uns. Auf das Gespannteste blickten Kapitän und Steuermann hinaus in die dichte Undurchdringlichkeit, in ganz kurzen Zwischenräumen ertönten nach einander unser und des fremden Dampfers Pfeife; die Maschine, die bei Nebel natürlich immer auf „Langsam“ arbeitet, wurde auf „Halt“ gestellt, und gleich mußte sich entscheiden, ob wir gegen einander fuhren oder nicht. Denn nur ein Zufall, keine Berechnung kann einen Zusammenstoß verhindern. Plötzlich tauchten dicht an Steuerbordseite (rechts) die Umrisse eines Dampfers auf, der gleich wieder im Nebel verschwand. Der Kapitän meinte, er habe „vollen Dampf“ gehabt, sonst wäre er nicht so schnell herangekommen. Die Engländer stehen bekanntlich in dem Rufe, auch im Nebel auf gut Glück mit vollem Dampf zu fahren, um keine Zeit zu verlieren.
Nach dieser Aufregung ging es in das Bad und dann an's Frühstück. Der Tag wurde prächtig, die See glatt, die Sonne schien warm; das reine Ostseewetter, wie ich es nannte, da ich in der Ostsee niemals Unwetter, Nebel und dergleichen erlebt hatte. Wir waren jetzt etwa in der Mitte der Nordsee, es war ganz einsam, viele Stunden kein Schiff.
In dem Maschinenraum war inzwischen schon seit einigen Tagen eine kleine Revolution ausgebrochen. Der eine Trimmer (Kohlenzieher) stellte sich krank und versteckte sich irgendwo im Laderaum zwischen das Holz. Als er nach mehrstündigem Suchen gefunden wurde, erklärte er, falls man ihn zum Arbeiten zwänge, würde er sich in Wasser stürzen, Es blieb also nichts übrig, als ihn sich zu überlassen; er ging zu Bett, nahm aber lebhaft an allen Mahlzeiten teil. Tags darauf wurde einer der Heizer wirklich krank; da überhaupt nur zwei Trimmer und zwei Heizer auf Schiffen von der Größe Miras vorhanden sind, so war die Stellvertretung sehr schwierig.
Die Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurde durch keinen Nebel gestört. Wir passierten die holländische Insel Terschelling und einige Stunden später Terel, und als ich aufstand (8 Uhr), befanden wir uns nahe der Küste. Die Dünen von Scheveningen wurden sichtbar; wir waren nur 3-4 Kil. vom Lande entfernt und sahen ganz deutlich das mächtige, kuppelgeschmückte Kurhaus, davor am Strande viele Strandkörbe, auf den Dünen Villen, und dahinter rechts Türme, die zur Stadt Haag gehörten. Ab und zu tönten Kanonenschüsse zu uns herüber; die Holländer übten sich wohl, die Atchinesen zu besiegen. Das Wasser war so glatt, fast wie ein Spiegel, kein Lüftchen rührte sich. Nach mehreren Stunden wurde das Feuerschiff „Hoek van Holland“, wieder nach einigen Stunden das von „Schouwensbank“ passiert; sie liegen etwa 10 M. (20 Kil.) von der Küste entfernt. Da die Zeit der Flut war und wir gerade gegen den vom Atlantischen Ozean hereindringenden Strom fuhren, so lief das Schiff stündlich etwa 2 Meilen weniger als unter normalen Verhältnissen. Wir hielten nun Umschau nach einem Lotsen; endlich sahen wir einen Kutter, der sich durch die Flagge am Mast von den Fischerjachten unterscheidet. Wir setzten die Lotsenflagge auf und fuhren auf ihn los, er näherte sich uns gleichfalls; als wir ganz nahe waren, erkannten wir das Wort „Maas“, das in großen Buchstaben auf dem Segel stand. Wir lenkten also ab von ihm, denn wir konnten nur einen Schelde-Lotsen brauchen. Etwa um 5 Uhr trafen wir einen Lotsen, der uns nach Vlissingen brachte. Um von der See nach Gent zu gelangen, brauchten wir 4 verschiedene Lotsen und im ganzen etwa 16 Stunden. Der Seelotse, den wir auf dem Meere aufgabelten, war ein noch sehr junger Mann, 32 Jahre und schon 5 Jahre Lotse, 7 Jahre verheiratet, hat 5 Kinder, seine Brüder sind auch Lotsen oder bei der Marine. Man sieht, das Gewerbe bleibt bei der Familie. Mit den Holländern verständigt man sich, indem jeder seine eigne Sprache spricht, sie holländisch, wir plattdeutsch. Wenn man auch nicht jedes Wort versteht, so merkt man doch, was der andere will. Sobald ein Lotse an Bord ist, wird das Steuerruder mit Dampf gelenkt, damit es schneller jedem Befehl gehorcht. In hellem Sonnenschein lag die Dünenküste der Insel Walcheren vor uns, und man erkannte das Kurhaus und einige Villen des Seebades Domburg, wo ich vor 3 Jahren badete. Am Eingang der Schelde erschien der mächtige Kirchturm des Dorfes Westkapelle, der noch aus der spanischen Zeit stammt, aber nicht mehr benutzt wird; daneben ein kleinerer Leuchtturm. Hohe, wildzerrissene Dünen, wie ein Alpengebirge im kleinen, türmen sich links; das andere Ufer der Schelde verliert sich in weiter Ferne. So breit der Fluß ist, so eng ist das Fahrwasser für tiefergehende Schiffe. Die ausgehenden Dampfer darunter hauptsächlich Deutsche, Dänen, Engländer, auch ein Grieche, die meist von Antwerpen kamen, mußten ganz nahe an uns vorbei. Auf den Sandbänken im Flusse sonnen sich drei Seehunde, die neugierig die Köpfe nach uns erheben, und Hunderte von Möven. Zur Linken erscheint bald das prächtige Kurhotel Vlissingen; am Strande herrscht reges Leben, man kann die Menschen, hauptsächlich Damen und Kinder, ziemlich genau durch das Glas sehen. Nach Umfahrung einer Ecke taucht Vlissingen mit seinen grauen Festungswällen auf, von denen das Standbild des holländischen Seehelden de Ruyter herabblickt. Auf der Vlissinger Reede verließ uns der erste Lotse und ein zweiter kam an Bord; er brachte uns, während wir Abendbrot aßen, nach der Reede von Terneuzen. Etwas abseits vom Fahrwasser lag ein großes gestrandetes Segelschiff, dessen Masten am Vorderteil aus dem Wasser ragten. Der zweite Lotse wurde durch einen dritten abgelöst, einen dicken, sehr gemütlichen Mann in buntgestickten Hausschuhen, der uns die kurze, aber schwierige Strecke von der Reede in den kleinen Hafen von Terneuzen brachte; da das Wasser noch nicht die gehörige Tiefe hatte, so fuhren wir mit voller Kraft durch die enge Einfahrt und saßen gleich darauf auf dem Schlamm fest, vor uns eine norwegische Brigg, die ebenfalls in den Genter Kanal wollte.
Terneuzen ist eine kleine Stadt von 7000 Einwohnern und liegt ganz niedlich mitten in ihren grünen Festungswällen und dem Glacis. Auf den Wällen promenierte die Terneuzer Damen- und Herrenwelt, und auch wir ließen uns an Land rudern, um einen Rundgang durch die Stadt zu machen und in einigen Wirtschaften Dortmunder Bier zu trinken. Nachts um 11, als das Wasser höher gestiegen war, gingen wir mit einem 4. Lotsen in die Schleuse und blieben der Dunkelheit wegen bis 3 Uhr dort liegen. Dann begann die Kanalfahrt. Um 5 stand ich auf und ließ die grünen Ufer an mir vorbeigleiten. Ueppige Felder und waldige Baumanpflanzungen mit Dörfern und einzelnen Häusern, auch einige Villen mit schönen Parks begleiten den Kanal; zu beiden Seiten läuft die Landstraße, auf der allerlei Fuhrwerke entlang zogen, auch Radfahrer und Hundefuhrwerke. Ein von 3 Hunden gezogener, zweirädiger Wagen trug 2 stramme Bauernmädchen, einer mit 4 Hunden bespannt 3 Burschen. Die Benutzung des Hundes als Zugtier soll hier viel weiter gehen als bei uns; der 1. Maschinist erzählte, er habe einst vor einer Kirche in Terneuzen 10 Hundefuhrwerke stehen sehen, deren Insassen inzwischen im Gotteshause ihre Andacht verrichteten.
Das Wetter war sehr warm, fast zu warm; die Fahrt auf dem spiegelblanken Wasser unter dem Segeldach der Kommandobrücke war sehr angenehm. Die Vögel zwitscherten, der Kuckuck rief — es war eine idyllisch-schöne Fahrt.
Der Kanal ist 30-40 km lang, also knapp halb so lang wie der Kaiser Wilhelm-Kanal, zwölf Drehbrücken waren zu passieren, die meist einen so engen Durchgang hatten, daß es ganz ängstlich anzusehen war, wenn das Schiff auf den Pfeiler loszufahren schien, schließlich aber doch richtig mitten zwischen beiden Pfeilern hindurchglitt, ohne anzustoßen.
Bei St. Anton an der belgischen Grenze fand eine leichte Zollrevision statt; von meinen Zigarren und dem Kakao, den ich in Terneuzen gekauft hatte, wurde gar keine Notiz genommen.
Um 9 Uhr langten wir in Gent an und gingen vor Anker; sofort begann das Löschen der Planken; der Makler (ein Aachener) kam an Bord, ebenso ein Metzger, der seine Waren anbot und auch mit allerlei Aufträgen bedacht wurde.
3. Gent.
Am Nachmittag besichtigten wir die Stadt (180000 Einwohner). Sie ist von vielen Kanälen durchschnitten und hat 3 verschiedene Teile. Unser Schiff liegt in der Fabrikgegend, mit vielen Estaminets (niedrigen Wirtschaften), die volkstümliche Bezeichnungen haben, z.B. In de Swaan, In der kleinen Camelia, In den groenen Appel, In de groote Maas, In de goode Drank, In Nazareth (Name eines Dorfes bei Gent) u.s.w. Der zweite Stadtteil, der alte Kern der Stadt, enthält viele öffentliche Gebäude, die entweder durch geschichtliche Erinnerungen oder durch Schönheit der Architektur hervorragen, z.B. Chateau des Comtes (de Flandre), der Dom St. Bavo, der Bergfried, ein stattlicher hoher Turm, das gothische Rathaus, sowie eine Anzahl Kirchen. Der neue Stadtteil endlich hat moderne breite Straßen mit hübschen Häusern ohne besondere Eigentümlichkeiten. Hier fanden wir im Gambrinus gutes Münchener Bier, das uns bei der Hitze und dem vielen Herumlaufen sehr wohl that. Was Gent fehlt, sind größere, öffentliche Gartenanlagen, wie sie in deutschen Großstädten existieren. Man sehnt sich recht danach, aus dem Häusergewirr, der Hitze und dem Staube in kühle, wohlgepflegte Anlagen zu flüchten; die vorhandenen sind bis jetzt nur schwache Anfänge.
Der ganze Freitag gehörte Ostende, das man mit Expreßzug in 1-1/4 Stunde erreicht. Die einzige Station ist Brügge, das mit seinen großen Kirchen einen imposanten Eindruck macht, das wir aber leider zu besuchen versäumten. Ostende loben ist überflüssig, es beschreiben ist schwer. Es vereinigt großartige Natur und menschliche Kunst in so hohem Grade, daß es unter allen Seebädern als Perle bezeichnet werden muß. Unter den Landbädern nimmt Baden-Baden einen ähnlichen Rang ein. Den Glanzpunkt des Badelebens bildet der Zeedyk, la Digue (der Damm oder Deich), geschmückt mit seiner langen Reihe der behaglichsten Villen und der herrlichsten Hotels, eins immer noch schöner als das andere. In der Mitte dieser Reihe liegt das mächtige Kurhaus, am Westende bildet den würdigen Abschluß das Palais des Königs, der einen Teil des Sommers hier verbringt. Der Strand, an dem alle diese Häuser liegen, wimmelt von Badekarren, die mit Pferden ins Meer gezogen werden. Wir nahmen sofort ein Bad und fanden uns schnell in die Sitte, mitten unter Damen zu baden. Die Eleganz der Toiletten beim Nachmittag- und Abendkonzert im Kursaal war auffallend, alle Damen mit Chic gekleidet, viele Schönheiten darunter. Nach dem Abendkonzert war Soirée dansante, der wir eine Weile zusahen, und Hazardspiel, an dem sich auch Damen beteiligten. Das Mindeste, was man setzen durfte, waren 2 Franks. In die eigentlichen Spielsäle a la Monaco gelangten wir natürlich nicht. Als wir um 10 Uhr aus all diesem Gewirr hinaustraten, empfanden wir die Großartigkeit des Meeres wieder doppelt. Dumpf brausend wälzten sich die schwarzen Wogen an den Strand, hell leuchteten die breiten, weißen Kämme. Wir gingen stracks nach dem Bahnhof, fuhren nach Gent und schliefen an Bord, da es kühl geworden war, die ganze Nacht durch. —
So lange wie wir diesmal in einem Hafen blieben, hat es noch nie gedauert; es kommt von der Kirmes, die in großartiger Weise tagelang gefeiert wird. Während dieser Zeit zu arbeiten, dazu ist kein Arbeiter für vieles Geld zu bewegen. Alt und jung, arm und reich beteiligt sich an diesem Volksfest. Auf den öffentlichen Plätzen finden Konzerte statt, abends Illumination und zweimal von 10 an bis in den Morgen hinein bal populaire; an 4 Tagen Pferderennen! — Gestern, Sonntag, fing die Geschichte an. Wir sahen nur einiges, aber dieses Wenige genügte, uns zu zeigen, daß das ganze Volk sich beteiligt. Wir fuhren gleich nach Tisch per Droschke nach dem weit außerhalb der Stadt gelegenen Rennplatz (Plaine St. Denis), wohin mit uns zahllose Fußgänger und viele Wagen strömten. In Staubwolken gehüllt trat nach Beendigung der Rennen die 1000köpfige Menge den Rückweg an. Wir nahmen wieder Droschke, in der Nähe der Stadt begegneten uns viele Wagen, die sich an der Seite des Weges aufstellten, um das Schauspiel der vorüberziehenden Menge und der unzähligen Wagen, worunter viele elegante Equipagen, zu genießen. Wir fuhren durch den hübschen, noch etwas jungen Stadtpark und kehrten durstig im Gambrinus ein. Von dort bahnten wir uns durch die die Straßen erfüllende Menschenmenge langsam unsern Weg nach dem Kornmarkt, dem Mittelpunkt der Stadt. Auf den Plätzen, die wir passierten, hatten sich die größten Ansammlungen von Menschen gebildet, die der Musik lauschten. Der Kornmarkt war mit Tischen und Bänken, an denen trinkende Menschen saßen, so bedeckt, daß eben nur eine Gasse für Pferdebahn und andere Wagen blieb. Wir waren froh, als wir zum Abend wieder zu Hause d.h. an Bord waren und ordentlich ausschlafen konnten.
Die Geschichte mit dem schon erwähnten Trimmer hatte folgende Fortsetzung. Der Kapitän hatte ihm gesagt, er werde ihn in Gent ärztlich untersuchen lassen und ihn, falls er als gesund befunden würde, bei Gericht anzeigen, was ihm jedenfalls Gefängnisstrafe eintragen würde. Als wir gleich am ersten Tage zum Arzt gehen wollten, kam die Meldung, daß der Trimmer vom Schiff verschwunden sei. Er war vor Angst entflohen, obgleich er keinen Heller Geld hatte und weder vlämisch noch französisch, eigentlich auch kaum deutsch konnte. In den nächsten Tagen sah man ihn bei den großen Holzhaufen in der Nähe des Schiffes herumstreichen, sich immer in angemessener Entfernung haltend. Endlich berichtete der Koch, er habe jämmerlich geweint, wolle gerne tüchtig arbeiten, auch den Kapitän um Verzeihung bitten, wenn ihn dieser nur wieder an Bord nehmen wollte. Es war ihm nicht geglückt, irgend eine Stellung zu finden, auch nicht als Meierist, was er von Hause aus ist, und er hatte 3 Tage und Nächte gehungert und kein Obdach gehabt. Ich redete dem Kapitän zu, ihn wieder an Bord zu nehmen, da sonst sicher ein Verbrecher aus ihm würde. Als er dann erschien, nahm ihn der Kapitän nach längeren Verhandlungen wieder auf, sagte ihm, daß sein fälliger Lohn (25 Mark) an seine Kameraden, die für ihn gearbeitet, verteilt würde und daß er bis Flensburg für die Kost arbeiten könne, ohne Lohn zu erhalten. Falls er sich nicht gut führe, werde der Kapitän ihn in Flensburg noch vor Gericht stellen. Er versprach natürlich unter Thränen alles, gab zu, ein großer Esel gewesen zu sein und wurde, nachdem er auch die Maschinisten um Verzeihung gebeten hatte, wieder aufgenommen. Wie sehr ihn seine Kameraden gehänselt und ausgelacht haben mögen, sahen wir nicht, da wir das Schiff gleich darauf verließen.
Seit ich an Bord bin, haben wir noch keinen Tropfen Regen erhalten. Das Wetter ist fortgesetzt warm und schön, sodaß man lieber die Seefahrt fortsetzte, als in der heißen und staubigen Stadt sich aufzuhalten. Leider giebt es gar keine Biergärten, dafür ist entweder kein Platz oder die Leute haben keinen Sinn dafür.
Die Pferdebahnwagen haben hier, was ich noch nirgends gesehen, 2 verschiedene Klassen, von denen die I. 15, die II. 10 Centimes kostet, und zwar für jede beliebige Entfernung. Die Stadt wimmelt von Sozialdemokraten. Von den Stadtverordneten sind 14 Sozialisten, 12 Klerikale, 9 Liberale. Die Straßennamen sind vlämisch und französisch angeschlagen, wie überhaupt beide Sprachen fast auf allen öffentlichen Inschriften, Verordnungen, Anpreisungen u.s.w. auftreten. Fast jedermann versteht beide Sprachen. Deutsche giebt es nur wenig hier.
Montag Vormittag besichtigten wir die Abtei St. Bavo, von der nur die Ruinen übrig sind. Man sieht noch das Refektorium der Mönche, einen Teil eines Kreuzganges, viele Gräber und überall, im Garten verstreut, die zerschlagenen Säulen und Standbilder, die im Laufe der Jahrhunderte und besonders in der Revolutionszeit zerstört wurden. Nachher folgten wir einer Einladung des Maklers Herrn Z. zu einigen Flaschen Champagner in seinem Hause. Er hatte mit Kapitän Brink gewettet, die „Mira“ sei schon früher in Gent gewesen, und da sich nachher herausstellte, daß das nicht der Fall war, so war er der verlierende Teil.
Da auf Montag Abend die Hauptfestlichkeiten der Kirmes fielen, so arbeiteten die Leute nur bis Mittag am Schiff. Nach dem Abendbrot pilgerten wir, Kapitän Brink und ich, nach dem Kasinogarten, der vom Lichte von Tausenden bunter Lämpchen strahlte und in dem Tausende von Leuten der Kapelle lauschten. Zum Schluß wurde die Nationalhymne gespielt. Ich fragte unsern Aachener Freund, Herrn Z., nach dem Text; er wußte nichts davon. Seine Gattin, eine geborene Genterin, kannte ebenfalls kein Wort davon! Wir waren natürlich starr ob dieser Unwissenheit.
Es war nur das bessere Publikum anwesend, denn der Eintritt kostete für die, welche nicht der Kasinogesellschaft angehören, 3 Francs. Das war zwar viel Geld, aber sowohl die Illumination als auch das herrliche, wohl 3/4 Stunde dauernde Feuerwerk um 10 Uhr waren es wert. Um 11 Uhr begann der Tanz sowohl im Saal als im Garten, der bis tief in den Morgen dauerte.
Von hier begaben wir uns, wieder mit der Familie Z. und einem jungen Leipziger, der im Geschäft als Volontär arbeitete, nach der Place d'Armes, dem Hauptanziehungspunkte des Abends, wo prächtige Illumination und Tanz, aber die verschiedensten Volksklassen umfassend, stattfand. Es war ein gewaltiges Gedränge und Gewoge auf dem mit Linden bepflanzten Platze; rings umher waren Eßwaren zum Verkauf ausgestellt, deren die Leute im Laufe der Nacht wohl bedurften, und vor und in Restaurants und Cafés ringsum saß man beim Bier oder anderen Getränken. Es wurde immer nur auf beschränkten Stellen des großen Platzes getanzt, da die promenierende Menschenmenge den größeren Teil einnahm. Ab und zu zogen Scharen von 10, 20 oder 30 Männern und Frauen vorbei und sangen Lieder, einige Male hörte ich die Marseillaise. Solchen Scharen begegneten wir auch, als wir gegen 2 Uhr uns fortbegaben nach dem Kornmarkt, um von da die Pferdebahn zu benutzen, die zur Kirmeszeit die Nächte durchfährt. Aber die Leute waren und blieben alle friedlich; wenn auch eine Anzahl bedenklich taumelten, so kam es doch nirgends zu unangenehmen Auftritten oder gar Schlägereien. Einzelne kleine Kinder sah man mit den Eltern noch um 2 Uhr nach Hause streben. Als wir gingen, war alles im besten Gange, und von einer Abnahme der Menschenmenge war nichts zu verspüren.
Infolge dieser Hauptnacht der Kirmes wurde am Dienstag kein Schlag gethan, und unsere Ladung blieb unangerührt im Schiff.
4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth.