Von Haparanda bis San Francisco: Reise-Erinnerungen

Chapter 5

Chapter 53,665 wordsPublic domain

Der Steuermann machte mich auf ein paar Segler aufmerksam, die in weiter Ferne vor uns auftauchten. Ich nahm das Glas und zählte drei. Bald aber wurden es mehr, sodaß ich nahe bei einander neun Segler und einen Dampfer zu zählen glaubte. Als wir aber näher kamen, meinte der Steuermann, es wären wohl nur einige Schiffe; die übrigen Erhöhungen dagegen seien Land, das er in jener Richtung erwartete. Je näher wir kamen, um so deutlicher zeigte sich, daß kein einziges Schiff da war; was wir gesehen hatten, war vielmehr die Insel Malören, die südlichste der nach Hunderten zählenden Scheeren, die vor Haparanda liegen. Allmälig erkannte man deutlich die kleine, flache, graugelbe Insel mit mehreren Gebäuden, unter denen eine plumpe Fischerkapelle und ein kegelförmiger Leuchtturm hervorragten; drei Bäume machten den schwachen Versuch, ihr Dasein zu fristen. Nachdem wir die Flagge gehißt hatten, zum Zeichen, daß wir einen Lotsen wünschten, löste sich ein Ruderboot vom Ufer und steuerte auf uns los. Bald darauf stand der Lotse auf der Kommandobrücke und führte unser Schiff durch die vielen, meist dichtbewaldeten Scheeren um die größere Insel Seskarö herum. In einer der nördlichen Buchten dieser Insel lag unser Holz bereits im Wasser; dort also rasselten unsere Anker nieder, und wir befinden uns nun zwischen den mit Birken und Fichten bewachsenen Inseln in einer ganz einsamen, idyllischen Gegend. In der Ferne sieht man einen blauen Streifen; das ist das Festland, wo Haparanda liegt und wohin wir morgen mit einem kleinen Dampfer fahren wollen. Die Reise von Korsör nach hier (gegen 1900 Kilometer) haben wir in etwa 100 Stunden beendigt.

Um sofort mit dem Laden beginnen zu können, mußte der Kapitän so schnell als möglich nach Haparanda zum Zollamt. Da ein Passagierdampfer aber erst Abends um 7 fuhr, wurde ein Dampfer, der sonst zum Schleppen von Flößen dient, gemietet. Morgens um 1/2 7 Uhr fuhren wir mit diesem nach Haparanda, wo wir um 1/2 9 ankamen. Ein Fremder hätte den Weg durch die vielen Scheeren wohl kaum gefunden, besonders da seichte Stellen die Passage noch schwieriger machen. Die Landschaft erinnert an die des mittleren Mississippi; derselbe breite Wasserspiegel mit unzähligen, schwimmenden Wäldern; diesen Eindruck machen die meist flachen, ganz mit Wald bedeckten Inseln. — Schon von ferne fielen uns zwei Türme auf, zu denen sich bald ein dritter gesellte; es waren die Kirchen von Haparanda und dem gegenüber liegenden finnischen Städtchen Tornea; die Torneelf trennt beide. Haparanda besteht durchweg aus sauberen, einstöckigen, mit verschiedenen Farben gestrichenen Holzhäusern; ein zweistöckiges Gebäude sieht man selten. Die ziemlich breiten Straßen kreuzen sich rechtwinklig; sie sind ungepflastert, aber sauber und sandig; hier und da, namentlich zur Seite, wächst Gras. Hervorragende Gebäude sind nicht vorhanden; den Läden, die wegen des Sonntages geschlossen waren, sah man ihre Dürftigkeit doch an. Die Einwohnerzahl Haparandas beträgt etwa 1500. Im Telegraphenamt befindet sich zugleich die meteorologische Station, durch die das Städtchen einigermaßen in der Welt bekannt ist. Während der Kapitän seine Zollgeschäfte besorgte, schrieb ich in dem Zimmer der Post eine Anzahl Karten, und unser dänische Student kaufte sich Benzin in der Apotheke, um Fettflecke zu vertreiben. Er hatte aber Pech damit; denn als die Hose wieder sauber aussah, schüttete ihm nach einigen Stunden eine Kellnerin einen Topf voll Rahm darauf.

Schon nach 1-1/2 Stunden beschlossen wir, da gerade ein Passagierdampfer fuhr, nach unserm Ankerplatz zurückzufahren und Haparanda später noch einmal zu besuchen. Der Passagierdampfer, der an Wochentagen den Verkehr zwischen Haparanda und Lulea besorgt und an Sonntagen Extrafahrten zu machen scheint, war erst vor einem Monat aus einer Stockholmer Werft hervorgegangen und zeichnete sich durch eine etwas fadenscheinige Eleganz aus.

Um 10 Uhr wurde das Frühstück aufgetragen, das nach schwedischer Sitte mit den auf einem Seitentisch servirten „Smörgods“ begann. Ich zählte 16 verschiedene Sächelchen, darunter Renntierschinken. Eine merkwürdige Einrichtung traf ich hier, die mir noch nirgends begegnet war; der Appetit des männlichen Geschlechts wurde ohne Weiteres über den des weiblichen geschätzt und demgemäß höher besteuert. Also:

Frukost för Herre 1,25 " " Dam 1,--

So ging es auf der Speisekarte weiter mit Mittag- und Abendessen; immer mit Preisunterschied für Herren und Damen.

Um Mittag kamen wir wieder auf der Insel Seskarö, unserm Landungsplatz, an. Seskarö dient den Haparandaern als Ausflugsort, wie die stattliche Anzahl von Passagieren bewies, die, sonntäglich gekleidet, das Schiff füllten. Es sollen sich sogar 80 „Sommerfrischler“ auf der großen Insel aufhalten, die in ungestörtester Einsamkeit den kurzen Sommer genießen. Einwohner zählt Seskarö 50, wenn wir recht berichtet sind, darunter mehr Finnen als Schweden. Diese Insel etwas kennen zu lernen, war unser nächstes Ziel, und wir begannen sie alsbald zu durchstreifen. Die Kreuz und Quer führen Wege durch den Wald, dessen hügeliger Boden durch zahlreiche große Steine und Felsblöcke noch unebener wir. Die Bäume — Nadelhölzer und Birken — sind meist niedrig; größere Exemplare trafen wir nicht. Darunter wuchern besonders Heidelbeeren, die gerade reif waren. Vögel sahen wir wenig. Das Läuten von Kuhglocken tönte bisweilen durch die Stille und erinnerte an schönere Gegenden, wie Thüringen und die Schweiz. Auch eine Anzahl zahmer Renntiere soll auf Seskarö leben, doch bekamen wir keine zu Gesicht. Dagegen gelang es uns, von einem Bauern eine Anzahl Geweihe zu kaufen, wovon die größeren 1 Krone das Stück kosteten, die ganz kleinen 1/2 Kr. Bei einem anderen Bauern sahen wir prächtige Renntier- und Bärenfelle, doch verlangte der Mann einen zu hohen Preis (25-50 Kr.) Mit den Frauen konnten wir uns nicht immer verständigen, weil sie kein Schwedisch sprechen, sondern nur Finnisch.

Die Bauernhäuser der Insel sind natürlich alle von Holz; dabei befinden sich Ställe für das Vieh und Gerüste zum Trocknen des Getreides und Heues; auch viele Schlitten sahen wir. Die Ziehbrunnen hatten mächtig lange Querbalken; bei dem einen ging er über eine Scheune hinweg. Zwischen den Wäldern waren hie und da Strecken für den Feldbau gewonnen; die Gerste und der Hafer standen zwar niedrig, aber doch ganz gut. Die Gerste war meist reif, die Kartoffeln blühten.

Wundervoll sind die Nächte hier im Norden. Der Nordhimmel strahlte in Gold, während im Osten die fast volle Mondscheibe aufstieg. Als wir einst, auf der Kommandobrücke skatspielend, nach der Uhr sahen, war es gegen 12, und dabei so hell wie um 8. Die Mannschaft lag in Ruhe, die deutschen Lieder waren verklungen; der Haparandaer Dampfer hatte längst die Ausflügler zurückgebracht. Völlige Stille lag über der eigenartigen Landschaft; nur das Meer plätscherte leise gegen die Schiffsseite; die dunklen Wogen waren ganz wie in Gold getaucht.

Schiffe kommen nur in geringer Zahl in diese Gegend. Wir bemerkten einige Briggs und eine Bark, zwischen den Scheeren mit Holzladen beschäftigt; ein italienischer Schoner war, wie uns der Lotse erzählte, gezwungen, nach Umea in Quarantäne zu gehen, weil er aus einem cholera-infizierten Hafen (Petersburg) gekommen war. In der Seskaröer Bucht hatte noch nie ein Schiff geladen; die „Mira“ war das erste, das überhaupt diese Stelle befuhr; deshalb kannte der Lotse auch das Fahrwasser nicht genau und fuhr sehr vorsichtig. Eigentliche Wirtshäuser giebt's nicht auf Seskarö, nur zwei Speisehäuser, in denen auch Bier verschänkt wird. In eins derselben kehrten wir ein. Wir fanden ein mächtig großes Zimmer, in dessen vier Ecken Fichtenbäume gestellt waren, die bis an die Decke reichten. Ein riesiger Ofen prangte außerdem in der einen Ecke, auch ein Bett fehlte nicht in dem merkwürdigen „Salon“. Das Bier, das hier wie überall verschänkt wird, nennt sich Pilsener, ist aber in Schweden gebraut.

Von unserm Ankerplatze aus sahen wir einige Häuser und eine Sägemühle. Ein Teil der Bucht war mit Balken bedeckt, die allmählich zu uns heran geschoben und dann mit Dampfwinden in den Raum gehoben wurden. Leute mit langen Stangen, die mit eiserner Spitze beschlagen sind, stehen auf den schwimmenden Balken und stoßen sie ans Schiff heran. Es sind im Ganzen etwa 4000 Balken, eigentlich Stämme, die nur der Rinde beraubt sind und zwischen 15 und 30' Länge haben; ein Stamm kostet durchschnittlich 6 Mk., im Ganzen also 24000 Mk. Die Fracht dafür beträgt etwa 12000 Mk. An Kohlen faßt das Schiff ungefähr für 12000 Mk., deren Beförderung etwa 6000 Mk. kostet. Bei diesen Waren beträgt die Fracht also etwa 50 Prozent des Wertes.

Die Balken waren diesmal außerordentlich schwer, so daß das Schiff besonders tief ging, ohne daß die Deckslast über das Mittelmaß hinausgegangen wäre. Es wird nämlich nicht nur der eigentliche Schiffsraum verwendet, sondern auch das Vorder- und Hinterdeck, und zwar erhalten diese etwa 1/3 der Gesamtladung. Da die Schiffe nach dem Kubikinhalt ihres Laderaumes Abgaben zahlen müssen, das Deck aber nicht als zum „Raum“ gehörig angesehen wird, so wird, auf diese Weise Geld gespart.

Unser zweiter Ausflug nach Haparanda geschah hauptsächlich, um das Schiff auszuklariren, d.h. die Papiere beim Zollamt zu erlangen, die zum Verlassen von Seskarö nötig waren. Zugleich wurde telephonisch ein Lotse für Mittwoch Mittag bestellt; die Abreise verzögerte sich jedoch bis zum Abend. Ferner wurden Brot und Eier gekauft und die Sehenswürdigkeiten von Haparanda noch einmal in Augenschein genommen. Auf den Straßen zeigte sich nicht mehr Leben, als am Sonntag.

Auf einer sehr langen, primitiven Holzbrücke wanderten wir nun über die Torneelf hinüber nach der finnischer Grenzstadt. Sie liegt auf einer Insel, beginnt jedoch nach der schwedischen Seite landfest zu werden, so daß die Brücke mehr über Sumpf und Wiese als über Wasser führt. Die Ueberschreitung kostete uns je 5 Oere beim Hin- und Zurückgehen. Im Aussehen ähnelt Tornea ganz Haparanda: Holzhäuser und mit Sand bedeckte Straßen. Eigentlich hat Tornea nur eine lange Straße, in der sich einige Läden befinden. Die Inschriften sind hier meist dreisprachig: russisch, finnisch, schwedisch. In einer Buchhandlung, die wir zu unserm Erstaunen sahen und in der schwedische, finnische und deutsche Litteratur vorrätig war, fanden wir als Verkäuferin ein junges Mädchen, eine Finnin, die fließend deutsch sprach. Auf Befragen erklärte sie uns, daß sie ein Jahr in Deutschland in Pension gewesen (in Wolfenbüttel), daß sie aber nicht ohne Vorkenntnisse des Deutschen dort hingegangen sei, da in den finnischen Schulen Deutsch gelehrt werde.

Etwas nördlich von Tornea liegt ein Hügel, Aavasaksa genannt, von dessen Spitze man 14 Tage lang (8 Tage vor und 8 Tage nach dem 24. Juni) die Mitternachtssonne sehen kann. Ein Pavillon krönt den Gipfel des Hügels.

Außer einer russischen Kirche mit den bekannten Zwiebelkuppeln giebt es noch eine evangelische, deren Kirchhof wir besuchten. Er trägt Denkmäler mit schwedischen und finnischen Inschriften und ist mit Birken und Eschen bepflanzt. Die Kirche hat einen sehr spitzen Thurm; in der Nähe steht ein plumper Thurm, der die Glocke enthält.

Der Boden um Tornea schien fruchtbar, die Wege waren mit Sand bestreut, um bei nassem Wetter passierbar zu bleiben. Daß die Kultur auch diesen hohen Norden beleckt, davon zeugte ein Radfahrer, der uns in der Hauptstraße begegnete.

Am Mittwoch, den 25. Juli, Abends 9 Uhr, lichteten wir den Anker und befanden uns nach einigen Stunden außerhalb der Scheeren, wo uns der Lotse verließ. Die Reise ging bei schönstem Wetter schnell von Statten. Bei Sundsvall wurden die Schweden ausgeschifft. Später bekamen wir etwas Seegang, doch nicht so arg, daß jemand seekrank geworden wäre. Auf meinen Wunsch steuerte der Kapitän ziemlich nahe an der Insel Gotland vorbei, so daß ich die altberühmte Hansastadt Wisby mit ihren vielen Türmen und halbverfallenen Befestigungen sehen konnte.

Sonntag Abend liefen wir in den Sund ein, passierten um 2 Uhr nachts Kopenhagen und lagen Montag früh 4 Uhr vor Helsingör. Hier ließ ich mich, da meine Zeit abgelaufen war, an Land setzen und fuhr über Kopenhagen nach Flensburg, wo ich Montag Abend eintraf.

Die vom schönsten Wetter begünstigte Reise hatte 14 Tage gedauert und umfaßte im Ganzen etwa 4000 Kilometer.

C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland.

1. Nach Helsingör.

Wie Iphigenie einst am Strand von Tauris saß, „das Land der Griechen mit der Seele suchend“, so saß auch ich am Strande, aber nicht von Tauris, sondern von Seeland, und zwar suchte ich nicht Griechenland, sondern bloß Finnland, woher ich die „Mira“ erwartete, die mich an Bord nehmen sollte. Die Zeit wird einem bekanntlich lang, wenn man wartet, und doppelt lang, wenn man so aufs Ungewisse wartet. Unter den Hunderten von Schiffen, die täglich den Sund passieren, das richtige herausfinden, war keine Kleinigkeit. Ich glaube, ich konnte dem alten Knaben aus Salas y Gomez seine Qualen wenigstens en miniature nachfühlen. Der mir seit Jahren befreundete Kapitän des Schiffes hatte ein Zeichen mit mir verabredet, an dem ich die „Mira“ erkennen sollte; er wollte mit der Dampfpfeife einen langen Ton und zwei kurze geben. Daß ich eine unruhige Nacht hatte, läßt sich denken. Schon um drei weckte mich ein Pfiff. Ich sprang ans Fenster und sah ein Dampfschiff vorbeigleiten — „doch das eine war es nicht“. Kapitän Brink hatte mir die Stunde seiner Abfahrt von Lappvik in Finnland nach Flensburg telegraphiert, und ich konnte danach ziemlich genau berechnen, wann er Helsingör passieren müßte: 60 Stunden brauchte er bei normalem Wetter zu der Fahrt; das wäre Sonntag früh um 6 Uhr gewesen. Um 5 Uhr stand ich auf und trank Kaffee. Im Hotel regte sich außer dem Portier und dem Hausmädchen noch nichts. Von den breiten Fenstern des Restaurants im Erdgeschoß konnte ich den belebten Sund, an dessen schmalster Stelle Helsingör liegt, übersehen, auch Helsingborg auf der schwedischen Seite. Als der Regen aufhörte, spazierte ich am Ufer hin und her; herrlich von der Sonne beschienen lag die seeländische Küste da; zur Linken drohte die finstere Kronburg, auf deren Terrasse einst der Geist von Hamlets Vater die Wache in Schrecken setzte. Allmählich wurde es lebendig im Restaurant, Fremde gingen ab und zu, dänische Offiziere tranken ihr Bier, lasen die „Fliegenden Blätter“ und plauderten. Ich las alles, dessen ich irgend habhaft werden konnte, vor allem das Kopenhagener Adreßbuch. In Verzweiflung fing ich an, die Spalten mit den am häufigsten vorkommenden Namen zu zählen, will aber den Leser mit dem eingehenden Ergebnisse dieser wichtigen Statistik nicht behelligen, sondern nur mitteilen, daß Hansen 38 Spalten à 84 Zeilen füllt (also 3192 Träger dieses Namens giebt es, wobei die Zahl der etwaigen Familienmitglieder nicht berücksichtigt ist); demnächst kommt Petersen (34 Spalten), Jensen (33 Spalten), Nielsen (31 Spalten), Andersen (18 Spalten) &c. Da muß sich das Flensburger Adreßbuch mit seinen 12 Spalten Hansen und 12 Spalten Petersen verkriechen! Erwähnen will ich doch, daß der berühmte Ibsen 1-1/2 Spalten Namensvettern hat, von denen sich allerdings einige mit dem „harten“ p schreiben.

Da ich überall, wo ich bin, gerne die Nationalgerichte probiere, so ließ ich mir eine Portion Jodbaer med Flöde geben (Erdbeeren mit Rahm), die bei mir von einem früheren, längeren Aufenthalt in Kopenhagen noch in gutem Andenken standen. Als ich diese möglichst langsam verzehrt hatte, schlug ich eine Stunde tot mit dem schwedischen Kursbuch. Ich erfuhr genau, wie viele Stunden man von Malmö nach Stockholm braucht und daß Dampfschiff auf schwedisch Ångbåt heißt. Als Zwischengericht trank ich ein Glas Helsingörer Bier, unbekümmert darum, was die Erdbeeren und der Rahm zu dem neuen Ankömmling sagen möchten. So wurde inzwischen aus der sechsten die zwölfte Stunde. Meine Nervosität wuchs, aber es blieb mir nichts übrig, als mich allmälich nach der Zeit des Mittagessens im Hotel zu erkundigen. Zugleich ließ ich mir ein Fernrohr vom Kellner geben, und siehe da, jetzt erschien ein Schiff vom Süden, das große Aehnlichkeit mit der heißersehnten „Mira“ aufwies. Die äußere Form, lang und schlank, die Holzladung, der in mächtigen Buchstaben an der Breitseite prangende Name, der zwar noch nicht lesbar war, aber etwa vier Buchstaben zeigte; endlich — und dies Zeichen konnte nicht trügen — der siebenzackige weiße Stern auf dem blauen Bande des schwarzen Schornsteins, und jetzt — ertönte ein Pfiff, ein langer, endlos langer — ich rufe nach meinem Koffer, der sich noch auf meinem Zimmer drei Treppen hoch befindet — ein zweiter kurzer Pfiff, dem gleich darauf ein dritter folgt — inzwischen ist der Koffer gekommen — ich suche nach dem Portier, um ihm drei Postkarten zu bezahlen und ein Trinkgeld zu geben für die Teilnahme, die er für mein Schicksal gezeigt — er ist nicht zu finden, da soeben ein Zug auf dem Bahnhof ankommt — gleichviel, ich muß fort und dem Braven schuldig bleiben — ich schicke ihm später den Betrag durch Postanweisung; mag er mich eine Woche lang für einen Verräter halten! Ich stürze mit meinen Siebensachen nach der Mole, finde nach einigem Suchen ein Boot und bin in einer kleinen Viertelstunde an Bord der „Mira“, die inzwischen beigedreht hat; auf der Kommandobrücke schwenkt der Kapitän seinen Hut; ich drücke meinem Bootsführer eine Krone in die Hand, muß aber noch zwei nachzahlen, denn das ist die Taxe (bei schlechtem d.h. stürmischem Wetter und in der Nacht sind es sogar fünf), und — me voilà, ich klettere die Fallreep hinauf, ich bin geborgen. Das Schiff setzt sich wieder in Bewegung, sein Aufenthalt hat höchstens eine halbe Stunde gedauert, ich habe also das beruhigende Bewußtsein, seinen Reedern keinen erheblichen Schaden zugefügt zu haben.

Während ich es mir in meiner Kabine bequem mache, meine Sachen auspacke und ordne, möge der wißbegierige Leser sich kurz erzählen lassen, wie ich von Flensburg nach Helsingör gelangt bin.

Als Kuriosum verdient zunächst erwähnt zu werden, daß man zu der etwa zehnstündigen Reise acht verschiedene Fahrgelegenheiten (zwei Dampfschiffe, sechs Eisenbahnen) benutzen muß. Von Flensburg gings 12 Uhr mittags mit dem Zuge nach Norden, durch endlose Heiden, die nur dem erträglich werden, der sie mit der Phantasie eines Andersen betrachtet. Dazu muß man besonders aufgelegt sein, und das war ich nicht; der fortwährend herabrieselnde Regen trug auch nicht zur Verbesserung der Laune bei. Wie eine Wohlthat empfand ich es, als jenseit der dänischen Grenze das Terrain wellig wurde und die kleinen Thäler mit frischen Wiesen, die niedrigen Berge mit prächtigen Buchenwäldern sich schmückten. Der andauernde Regen der letzten Wochen, der jetzt plötzlich aufhörte, hatte bewirkt, daß die Wälder wie im Maigrün prangten.

Kleine Nationen (ganz Dänemark zählt etwas mehr Einwohner als Berlin) lieben es bisweilen, besonders deutlich Farbe zu bekennen. Alle Lokomotiven, die ich sah (und ich sah wohl beinah alle!), und alle Dampffähren (auch von diesen dürften mir nicht viele entgangen sein), tragen weiß-rote Bänder an den Schornsteinen; auch dänische Seedampfer sah ich häufig mit den Nationalfarben am Schornstein.

Erquicklich angemutet fühlte ich mich durch das Abschiedswort, das man überall hört: _Farvel_! Wir haben uns unsern deutschen Gruß leider durch _Adieu_! rauben lassen, und wo man auf dänischen Bahnen und in dänischen Wartesälen den französischen Gruß hört, da kann man sicher auf — Deutsche schließen. Nicht beistimmen kann man den Dänen, daß sie sich, seit den letzten 30 Jahren, so entschieden von allem Deutschen ab- und dem Französischen zuwenden, zu welch ersterem sie doch nur einen Appendix bilden. Man muß das Lachen verbeißen, wenn man im Rauchzimmer der Dampffähren unter Photographieen, die als Reklame zur Bereisung Dänemarks anfordern sollen, liest: Lac de Sorö, Ruines du Chàteau de Kolding, Une ruelle de Ribe. Für wen sind denn diese Unterschriften? Etwa für Franzosen? Wieviel Franzosen bereisen Dänemark? Es ist nicht übertrieben, wenn man auf hundert Deutsche einen Franzosen rechnet. Man berechne doch billigerweise die Reklame nach demjenigen Volke, das wirklich kommt und Geld ins Land bringt und nicht nach demjenigen, dessen geographische Begriffe über Dänemark sicher ebenso verworren sind, als über manche anderen großen und kleinen Länder.

In Friedericia müssen wir den Zug verlassen, der weiter nach Norden dampft, und nach kurzer Kaffeepause besteigen wir den Zug, der uns in zwei Minuten hinunter an den kleinen Belt bringt, wo die Dampffähre auf uns wartet. Sie nimmt nicht nur die Passagiere, sondern auch einige Eisenbahnwagen auf. In 1/4 Stunde sind wir drüben auf der Insel Fünen, deren fruchtbare Fluren wir in 1-1/2 Stunden durchqueren. Andersens Geburtsort Odense verrät mit seinem prosaischen Bahnhof, der ebenso wie alle übrigen dänischen Bahnhöfe in geschmackloser Weise durch Plakate verunziert, nichts von dem Zauber der Poesie, der in dem großen Märchenerzähler wohnte.

Auf der Ostseite Fünens besteigen wir die weit größere Dampffähre, die uns über den Großen Belt trägt. Das ist schon eine Art Seefahrt; sie dauert reichlich eine Stunde. Zwölf Eisenbahnwagen zählte ich, die auf der mächtigen Fähre Platz fanden. Möven umflatterten zu Dutzenden das Fahrzeug und erschnappten im Fluge gierig die Bissen, die ihnen von Reisenden zugeworfen wurden. Ein stolzes deutsches Kriegsschiff, das unseren Kurs kreuzte und bald im Kattegat verschwand, erregte die Aufmerksamkeit der Passagiere weit weniger, als ein Zauberkünstler, der mit wenig Witz und viel Behagen seine Sprüchlein hersagte und bald ein dankbares schaulustiges Publikum um sich versammelte. Nach jedem Stück erntete er Gelächter, von Zeit zu Zeit verlangte ihn aber nach greifbarerem Lohne, den er in seinem schäbigen Zylinder einheimste.

In Korsör vertauschte ich wieder das Dampfschiff mit dem Zuge, der mich in reichlich einer Stunde nach Kopenhagen brachte. Seeland bietet landschaftlich weit mehr als Fünen. Bald braust der Zug durch prächtige Buchenwälder; bald sieht man rechts und links reichen Wechsel von Hügeln und Thälern, Wiesen mit weidendem Vieh, Kornfelder, hie und da auch einen See. Hier und bei Roskilde werden dem litteraturkundigen Deutschen Erinnerungen wach. In Sorö lehrte einst Basedow; Roskilde ist durch Klopstocks Ode „Rothschilds Gräber“ berühmt geworden.

In Kopenhagen hatte ich nur eben Zeit umzusteigen, und durch die Dämmerung ging's gen Norden, nach Helsingör, wo ich gegen 11 Uhr eintraf und im Jernbanehotel (Eisenbahnhotel) abstieg.

2. Von Helsingör nach Gent.

Die Fahrt über das Kattegat giebt schon einen kleinen Vorgeschmack der Nordseefahrt, wie das Kattegat der Nordsee auch mehr ähnelt als der sanfteren Ostsee. Diesmal freilich merkte man nichts von der Rauheit, die hier herrschen kann, bei solchem Sonnenschein und solcher leichten Brise kann auch die zarteste Landratte zur See fahren. Es war, als ob sich einige Dutzend Dampfer mit einigen hundert weißbesegelten Schonern, Briggs und Barks Rendezvous gegeben hätten auf dem blauen Parkett des Kattegats, so wimmelte es von Schiffen. Zur Rechten (verpöntes Wort auf See; wenn ich es brauchte, hielt sich mein sonst so liebenswürdiger Kapitän entsetzt die Ohren zu und rief: Steuerbord, Doktor, Steuerbord! Rechts heißt Steuerbord, links Backbord! Und das ist nun Deine _dritte_ Reise mit mir!), also auf der Steuerbordseite stieg das schwedische Vorgebirge Kullen aus der Flut, dessen graziöse Konturen an die des Taunus, von Frankfurt aus gesehen, erinnern.

Da ich sehr ermüdet war, suchte ich, nachdem ich mich von meiner Entbehrlichkeit auf der Brücke überzeugt hatte, frühzeitig meine Koje auf, um den mir geraubten Schlaf nach Kräften nachzuholen. Doch das Unglück schreitet bisweilen schnell!