Von Haparanda bis San Francisco: Reise-Erinnerungen
Chapter 4
Im Laufe der Jahre macht man wohl oder übel die Bekanntschaft mit einer Anzahl „Schweizen“. So hatte auch ich allmählich außer der eigentlichen Schweiz noch die sächsische, die märkische, die altmärkische, die holsteinische über mich ergehen lassen. Nun sollte ich auch noch die — livländische zu sehen bekommen! Ich bekenne, daß meine geographischen Kenntnisse mir bisher nicht erlaubten, mir irgend welche Vorstellungen über diese Gegend zu machen; ja, ihr Dasein war mir völlig verborgen geblieben. Ich fürchte, manchem der verehrten Leser und Leserinnen wird es nicht anders gehen. Nachdem ich sie aber besucht habe, kann ich nicht umhin, meine Befriedigung über das Geschaute auszudrücken und dem Leser, wenn er in jene Gegend kommen sollte, zu empfehlen, den Besuch nicht zu versäumen. Freilich, wen führt sein Weg nach Riga? Sind doch, abgesehen von der Entfernung, die politischen Verhältnisse in den Ostseeprovinzen nicht gerade verlockend für Reichsdeutsche.
Unser Geschäftsfreund, Herr Frisk, ein Norweger, stellte uns eine Reiseroute zusammen, und am Morgen des nächsten Tages — es war ein schöner, sonniger Sonntag — begaben wir uns nach dem Dünaburger Bahnhof. Vor dem Gebäude erhebt sich eine prächtige Kapelle, errichtet aus Anlaß der glücklichen Errettung des Zaren beim Eisenbahnunglück von Gurski.
Die Fahrt ging langsam; sie dauerte fast zwei Stunden bis nach Segewold, der Eintrittsstation in die Schweiz. Ein mit uns reisender Deutschrusse versicherte uns, daß nicht alle Züge in Rußland so gemütlich führen. Die Fahrt ging meist durch Kieferwälder, die abscheuliche Spuren von Brand an sich trugen; alles war versengt; ein kläglicher Anblick. Der Deutschrusse belehrte uns, daß dies von den Lokomotiven herrühre, die mit Holz heizten und bisher keine Funkenfänger gehabt hatten; das Uebel sei jetzt aber abgestellt.
In Segewold angekommen, sahen wir uns nach den Droschken um, von denen wir, nach dem Rat unseres Freundes, eine für den Tag mieten sollten. Es waren jedoch keine zu sehen; nur eine ganze Reihe einspänniger Wagen, die aus einem Gestell mit einem Brett darauf bestanden, waren in Reih und Glied vor dem Bahnhof aufgepflanzt. Während wir zögernd dann vorbeischritten, traten mehrere der Kutscher auf uns zu und luden uns ein zum Aufsitzen; jetzt dämmerte uns ein Licht auf; das waren die Segewolder Droschken! Reit- oder Liniendroschken nennt man diese Art Beförderungsmittel, die auf dem Lande allgemein üblich sind. Man sitzt entweder wie zu Pferde oder auch seitwärts, wobei man sich an eine primitive Lehne, ein Brett, anlegen kann, während die Füße auf einem zweiten Brett ruhen. Man hat anfangs genug zu thun, sich recht festzuhalten; denn der Wagen fährt hart. Er bietet übrigens Platz für 3-4 Personen.
Nachdem wir einen Kutscher gewählt hatten, der gut deutsch sprach, wurden wir handelseinig, daß er uns für 2-1/2 Rubel überall hinfahren sollte, und wir ließen uns nicht von einem andern abspenstig machen, der uns dieselbe Leistung für zwei Rubel anbot.
Die livländische Schweiz ist eine hügelige, reich bewaldete Gegend, durchflossen von der livländischen Aa, die in den Rigaischen Meerbusen mündet. Der Wald besteht nicht aus _einer_ Baumart vorwiegend, sondern aus vielen, wodurch reiche Abwechselung und im Herbst die bunteste Färbung hervorgerufen wird. Drei Schloßruinen, auf hohem Ufer gelegen, zeugen von der Macht der deutschen Ordensritter; es sind die Burgen Kremon, Treiden und Segewold. Von den Schloßgärten genießt man Ausblicke in das liebliche Aathal mit seinen grünen Wiesen und dem sich hinschlängelnden Flusse. Stellenweise tritt Sandstein zu Tage, der so weich ist, daß man mit dem Fingernagel darin schreiben kann. Die Gutmannshöhle, die aus solchem Sandstein besteht, ist mit Tausenden von Inschriften bedeckt, darunter folgende:
Den Namen schreibt in das Gestein, Die Heimatslieb ins Herz hinein!
Eine andere, weniger ideale Inschrift lautet:
Ach alles ist veränderlich, Das Mäuschen wird zur Ratz, Was früher hübsch Gesichtchen war, Wird doch zuletzt zur Fratz.
Auf dem Wege nach Schloß Treiden liegt ein winziges Kirchlein. Die Thür stand offen und die Klänge der Orgel und des Gesanges drangen hinaus in die warme Sommerluft. Es war eine protestantische, lettische Kirche, in der einmal jährlich deutsch gepredigt wird.
Eine ausführlichere Beschreibung dieses schönen Fleckchens Erde würde den mir zugemessenen Raum überschreiten.
3. Von Riga nach der Insel Walcheren.
Nachdem wir unser Schiff tüchtig voll Holz geladen, gingen wir die Düna hinab seewärts und erreichte ohne besondere Zwischenfälle nach 3 Tagen Skagen, jene Stelle, wo Nord- und Ostsee sich scheiden. Die Ostsee hatte ich in gutem Andenken, denn außer einem Gewitter, das uns Nachts zwischen 12 und 2 im Sunde überraschte, hatte sie uns nur gutes erleben lassen. Anders die Nordsee. Sobald wir Skagen passiert hatten, ging das Schaukeln los und hörte bis Holland, also 3 volle Tage, nicht wieder auf. Der Wind blies aus Südwest, also gerade gegen unseren Kurs, sodaß das Schiff, nach meiner Meinung, fürchterlich stampfte. Stampfen oder Jumpen nennt man die Bewegung in der Richtung der Kiellinie, Rollen oder Schlingern die Bewegung von Steuerbord und Backbord und umgekehrt (also die seitliche Bewegung). Welche von beiden Bewegungen unangenehmer ist — ich vermag es nicht zu sagen; auf der Rückreise, von Schottland nach Skagen, genoß ich 2 Tage lang das Schlingern reichlich und trage danach ebenso wenig Verlangen, wie nach dem Stampfen. — Jede Minute nahm das Schiff Wasser über, das bis auf die Kommando-Brücke, ja bisweilen über den Schornstein spritzte, der ganz weiß wurde von dem Salz, das daran haften blieb.
Die Großartigkeit des Schauspiels der heranrollenden blauen Wogen mit den weißen Kämmen, die an dem tief sich hineinbohrenden Bug zerschellen und fortwährend kleine Regenbogen bilden — das zu schildern steht nicht in meiner Macht. Völlig genießen kann man das Schauspiel meist um deswillen nicht, weil man sich nicht recht behaglich dabei fühlt, was doch unbedingte Voraussetzung bei ästthetischen Genüssen ist. Eigentlich seekrank war ich nur 24 Stunden. Da saß ich (oder lag vielmehr) kummervoll auf meinem Bette und hielt mich fest, während mein Magen sich umkehren wollte. Der Kapitän sprach mir Mut zu und wollte mich auch zum Essen anhalten; dagegen hatte ich jedoch einen nur zu begreiflichen Widerwillen.
Am Dienstag Abend näherten wir uns, einen Lotsen suchend, der Scheldemündung. Ohne Lotsen die Einfahrt zu versuchen, wäre sträflicher Leichtsinn gewesen; aber woher einen nehmen? Der Wind hatte noch nicht abgeflaut; die Nacht war im Anzuge. Endlich erschien in der Ferne ein Lotsenkutter; wir hißten die Flagge am Fockmast und der Kutter setzte ein Boot aus, das, einer Nußschale gleich, zu uns herübertanzte, bald hoch auf einer Welle balancierend, bald in einem Wellenthal verschwindend. Plötzlich ließ mein Kapitän die Flagge fallen; er hatte bemerkt, daß es ein belgischer, kein holländischer Lotse war, und als praktischer Mann konnte er jenen nicht brauchen. Wer nämlich in einen holländischen Hafen mit einem belgischen Lotsen einläuft, hat außer an diesen auch an jenen zu bezahlen, während es einem freisteht, ohne jede Erhöhung in einen belgischen Hafen sich durch einen Holländer führen zu lassen. Die Kosten belaufen sich auf über 100 Gulden, von denen der Lotse etwa 40% an den Staat zu geben hat; das übrige ist sein Verdienst.
Das Boot des Belgiers lenkte zum Kutter zurück und wir suchten weiter. Nach längerem Leiden stießen wir endlich auf einen Holländer, der uns in dreistündiger Arbeit auf die Reede von Vlissingen brachte, wo wir um Mitternacht ankamen und bis zum nächsten Morgen ankerten. Da wir aus einem choleraverdächtigen Hafen (Riga) kamen, mußten wir die gelbe Flagge aufziehen, worauf ein Arzt an Bord kam, dem wir die Zunge herausstrecken mußten. Dann fuhren wir durch die Schleuse den Kanal hinauf, der mitten durch die Insel Walcheren geht und an dem, etwa halbwegs, Middelburg liegt.
4. Middelburg.
Gedenke ich Deiner, mein liebes Middelburg, so steigen vor meinem Auge gar freundliche und friedsame Bilder auf. Deine Häuser sind so blank, Deine Straßen so sauber und nett, daß es eine Lust ist darin zu spazieren und in die mächtigen Fenster hineinzuschauen, hinter denen die holländischen Frauen züchtiglich sitzen bei ihrer Handarbeit. Deine Einwohner sind gutmütig und von entgegenkommender Art, manche ziehen sogar den Hut oder nicken dem Fremden zu. Wenn ich mit meinem lieben „Kapteihn“ so dahin pilgerte, hörte ich wohl, wie sie sich zuflüsterten: Die sind von dem großen Dampfer! Denn die Ankunft unserer „Mira“ war fürwahr ein Ereignis in Middelburg; das kommt nicht jeden Monat, ja vielleicht kaum einmal im Jahre vor. Außer uns lag nur noch eine norwegische Bark und ein dänischer Schoner im Kanal, die beide, gleich uns, Holz gebracht hatten; daraus bestand die ganze Schifffahrt. Traten wir in einen Gemüse- oder Fleischladen, um Einkäufe zu machen, so sagte der Kapitän nur: Schicken Sie es nach dem Dampfer! und die Leute wußten Bescheid. Und als ich einmal in die Irre gegangen war, fragte ich einen Herrn, wo der Weg nach dem Dampfer sei, und er wies mich ohne Weiteres zurecht.
Aber fielen wir den Middelburger auf, so machten wir doch noch größere Augen über diese. Ich will nicht reden von den Männern mit ihren glattgestrichenen und angeklebten Haaren und ihren rauhen schwarzen Hüten, die aussahen, als hätten sie 4 Wochen im Schornstein gehangen; aber die Mädchen und Frauen haben aus früheren Jahrhunderten eine eigenartige Tracht in unsere prosaische Zeit hinüber gerettet. Goldene Spangen ragen aus feingeflochtenen Strohhüten hervor, und an jeder Seite an den Schläfen endigen sie entweder in 4 eckige Platten, oder in Spiralen, oder in Kleeblätter, an denen oft Geschmeide mit Perlen und Edelsteinen besetzt hängen; alles eitel Gold, nichts Falsches. Das einfachste Dienstmädchen würde sich schämen, unechten Schmuck zu tragen, und manche legt wohl ihr ganzes Vermögen in solchen Kleinoden an. Uebrigens schwindet in der Stadt selbst die Tracht mehr und mehr, und hauptsächlich die Landbewohner und -bewohnerinnen prangen noch darin.
Vor vielen Häusern befinden sich, mit eisernen Gittern eingefaßt, zierliche Vorgärten, in denen nur — die Blumen fehlen! Statt dessen sind sie mit glatten Steinplatten ausgelegt. Sonderbarer Geschmack das! Doch bilden sie einen wirksamen Schutz für die Erdgeschoßwohnungen gegen die allzuneugierigen Augen Fremder und Einheimischer. Manche der Häuser tragen Namen, die weniger von dem poetischen Sinn der Besitzer als vielmehr von ihrer praktischen Geistesrichtung zeugen: eins heißt „Zu den drei Gießkannen“, ein anderes „In de dry Teertonnen“. Auch in Middelburg scheinen aller guten Dinge drei.
Da die Kirmes grade begonnen hatte, so herrschte ein besonders reges Leben auf Straßen und Plätzen. Voller Buden stand der Markt, und das herrliche gothische Rathaus, das Karl der Kühne erbaut hat, schaute verwundert auf all das ungewohnte Treiben herab, das er wohl nur einmal im Jahre zu sehen bekommt. Durch all das Getümmel und Marktgewühl drang bisweilen ein Stück von einer Melodie. Man weiß nicht recht, woher sie kommt, unwillkürlich schaut man hinauf, denn aus den Lüften herab tönt sie, und je mehr man sich dem „langen Jan“ nähert, dem Hauptkirchturm der Stadt, um so klarer wird es einem: daher kommt sie. Wir stiegen die dreihundert und soviel Stufen hinauf, um das Glockenspiel, das größte in Holland, zu besehen. Da hingen die 48 Glocken und gerade fing es an lebendig um uns zu werden und es erklang das Lied: Das ist im Leben häßlich eingerichtet, daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn.
Tief unter uns lag die Stadt, weit schweifte der Blick über die reiche grüne Insel, deren goldenes Herz Middelburg bildet. Am Horizonte ragten die mächtigen Dünen, die die Insel umarmen und gegen die wild herein stürmende Nordsee schützen. Jetzt schlug es dreiviertel, und: Ich weiß nicht was soll es bedeuten! erklang es. Auf all die traurigen Lieder folgte aber um die volle Stunde: Freut Euch des Lebens! War das nicht vernünftig eingerichtet vom Künstler des Uhrwerks?
Undankbar wäre es, wenn ich _sie_ vergessen wollte, die uns so manches Angenehme gespendet hat — die Münchener Bierstube des Herrn Heßling, eines Friesen. Da sitzt man bei offener Thür und schaut bald auf die Straße und ihren Verkehr, bald in den mächtigen Humpen; als der gute Heßling merkte, welchen Durst wir mitbrachten, setzte er uns Literkrüge vor. Als mildernden Umstand mag der Leser in Betracht ziehen, daß wir 6 Tage keinen Tropfen Bier gekriegt hatten; da mundete das Franziskanerbräu vortrefflich. In Schottland, wo es mit den Kneipverhältnissen bekanntlich ganz elend aussieht, wünschten wir manchmal unsern Freund Heßling herbei, aber leider vergebens.
5. Bad Domburg
Ostende ist furchtbar schön, sagte der zweite Steuermann, ich bin an vielen Plätzen in der ganzen Welt gewesen, aber Ostende ist furchtbar schön. Leider erlaubte meine Zeit und die schlechte Verbindung es damals nicht, dieses großartigste aller Nordseebäder aufzusuchen, ich begnügte mich deßhalb, dem bescheideneren Domburg einen Besuch zu machen. Es gelang mir, auf dem Omnibus einen von den 3 Plätzen im Freien hinter dem Kutscher zu erobern; zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, stiegen mit hinauf, und der Zufall setzte die jüngere, die fließend Deutsch sprach, neben mich. Aus der Stadt gings hinaus auf die Klinkerchaussee, die zu beiden Seiten von weidenbepflanzten Gräben eingefaßt ist. Das Land gleicht einem Garten, d.h. einem Gemüsegarten; überall die verschiedensten Gemüse, auch Getreide; kein Fleckchen ist unbebaut; hie und da auch Wiesenland mit grasenden Pferden und bunten Kühen. Das Land ist durchweg flach, und man würde wohl die ganze Insel überschauen können, hinderten nicht die vielen Hecken, Bäume und Büsche die Fernsicht. Wir passierten mehrere Dörfer, die alle einen netten, sauberen Eindruck machten, was sich in Holland von selbst versteht; die Leute, die uns begegneten, grüßten alle. Ein mächtiges steinernes Thor, das am Wege aufragte, erregte meine Aufmerksamkeit. Da war früher ein Schloß, belehrte mich meine Nachbarin, das hat man abgebrochen, weil die Leute jetzt nicht mehr so reich sind; nur die Einfahrt hat man stehen lassen. — Wir passierten noch mehrere solche Thore, doch auch einige Schlösser, in Parks gelegen und von breiten Gräben und undurchdringlichen Hecken umgeben; am Eingange standen die Namen, z.B. Ipenoord, Schoonoord.
Nach 1-1/2stündiger Fahrt näherten wir uns Domburg. Wir fuhren an einigen Villen vorbei, darunter auch der des Massagearztes Dr. Metzger, eine andere hieß nach Carmen Sylva, die hier einige Sommerwochen zugebracht hat. Vom Meere trennte uns noch die Düne; nur ein dumpfes Brausen verkündete seine Nähe. Ich stieg den Abhang hinauf zu dem Badepavillon und wandte den Blick absichtlich seitwärts, um ihn erst dann zu heben, wenn sich das Meer in seiner ganzen Pracht zeigte. Jetzt war ich oben; da lag sie vor mir, die gewaltige grüne Masse mit den weißen Schaumkämmen! Gegen den Strand rollten die langen Wogen, als wollten sie ihn verschlingen. Pallissadenreihen, in gleichmäßigen Abständen hineingebaut, schützen ihn. Draußen an der Kimme (zu deutsch Horizont) ging ein großer Dampfer hin, dem ich mit einem eigentümlichen Gefühle nachschaute; dort hatten wir vor wenigen Tagen in stürmischer Nacht auch geschaukelt, getanzt, getaumelt. Ich kletterte in den Dünen umher, die in beträchtlicher Höhe (wohl bis 100 Fuß) die Insel umkränzen. Von hier aus erweitert sich der Blick auf das Meer, zugleich aber übersieht man die Insel Walcheren mit ihren Wiesen und Feldern, aus denen Dörfer und Kirchtürme heraus schauen, bis nach Middelburg, Veere und dem Dorfe Westkapelle mit seinen beiden Leuchttürmen. Im Dünensande lagen behaglich Dorfkinder und Badegäste und genossen das Dolce far niente; einige Damen lasen in Goldschnittbüchern.
An der Mittagstafel saß ich neben einem Holländer aus Dordrecht, mit dem ich mich nur französisch unterhalten konnte, das Deutsche war ihm wenig geläufig, ein neuer Beweis (wenn es deren bedürfte), wie die Germanen vor dem Romanentum sich noch immer beugen. Wir machten nach Tische einen Spaziergang durch die s.g. Manteling, das ist eine Waldpromenade innerhalb der Dünen. Hier alles grün, mit lauschigen Plätzchen, bunten Blumen und zwitschernden Vögeln; nichts erinnert an die Nähe der Nordsee; ein paar Schritt hinauf, und das Auge sieht nur die Sand- und Wasserwüste.
Sehr befriedigt kehrte ich am Abend nach Middelburg zurück.
B. Von Korsör nach Haparanda.
„Wer kein Schiff hat, hat keine Heimat“, pflegte unser Schiffskoch, der originelle Deutschrusse Gottlieb Künstler, zu sagen. Nun, ich hatte ein Schiff, und somit auch, nach dieser Ansicht, eine Heimat, der ich wenigstens für einige Wochen treu blieb. Es war dasselbe Schiff, das mich schon im vorigen Jahre in der Ost- und Nordsee herumgetragen hatte, und dessen Kapitän, mein liebenswürdiger Freund Brink, mich auch diesen Sommer wieder mitnahm. Die „Mira“, ein Dampfer von 210' Länge und 1200 t, hatte Kohlen von Newcastle nach Korsör gebracht und sollte nun nach dem nördlichsten Punkte der Ostsee hinaufdampfen, um von dort Balken nach Harlingen (Holland) zu bringen. Wider Erwarten früh, konnte das Schiff schon am 17. Juli klar zum Abfahren gemacht werden. Kurz vorher hatten der Kapitän und ich noch einen Passagier aus dem Kopenhagener Zuge abgeholt, einen jungen Studenten der Rechte, der die Reise, seine erste Seereise, mitmachen wollte.
Es wehte eine ziemlich starke Brise aus Südwest, und die Wogen schlugen, hoch aufspritzend, an das Bollwerk. Das Schiff stampfte jedoch nur mäßig, bis sich am Abend der Wind ganz legte und wir ruhig dahinglitten. Hinter uns verschwanden bald die roten Dächer von Korsör; rechts führen wir an der langen, hügeligen Insel Langeland hin, während links, etwas weiter, Laaland liegen blieb. Gegen Abend änderten wir den Kurs und fuhren nach Osten, in den nächsten Tagen dagegen im allgemeinen nach Nordosten. Das Leuchtfeuer von Gjedser erschien links vor uns; in weiter Ferne rechts konnten wir ein Feuer bei Wismar erblicken. Während wir auf dieser Strecke wenig Schiffen begegneten, waren wir am nächsten Tage ganz von Schonern, Briggs, Barks und auch einzelnen Dampfern umgeben. Rechts tauchten die hohen Felsufer von Bornholm auf, links dämmerte die schwedische Küste. Es war ein prächtiger Morgen; die leichten Schaumkronen leuchteten rosig in der Sonne, und im Südwesten spannte sich ein Regenbogen, allmälig immer stärker werdend und mit beiden Enden das Wasser berührend, aus. Besonders schön nahm sich eine Bark mit schwanweißen Segeln aus, die eine Zeit lang so unter dem Bogen schwamm, daß er sie wie ein Rahmen umschloß.
Wir fuhren an der langgestreckten Insel Oeland und während der Nacht an Gotland vorüber, das rechts liegen blieb. Am 19. Juli war dasselbe prächtige warme Wetter. Einige Stunden westlich lag Stockholm.
Bei der langgestreckten, sanft ansteigenden, bewaldeten Insel Bremö verminderten wir die Fahrgeschwindigkeit, um dreißig schwedische Arbeiter zu erwarten, die uns von Sundsvall aus zugeschickt werden und mit nach Haparanda zum Holzladen gehen sollten. Allein kein Dampfer ließ sich sehen. So beschloß denn der Kapitän nach Sundsvall hineinzufahren, in der Hoffnung den Leuten zu begegnen und sie dann aufzunehmen. Langsam ging es vorwärts, zwischen größeren und kleineren, meist ziemlich hohen Inseln hindurch, die sich koulissenartig neben- und hintereinander schoben. Wo einmal der Wald fehlte, trat grauer Granit zu Tage; an einer Stelle eine große Fläche, deren Vegetation durch einen Waldbrand zerstört worden war. Mehrere hübsche Ortschaften und Holzplätze blieben links und rechts liegen. Als wir wieder um eine Ecke bogen, lag Sundsvall vor uns, an und auf Hügeln halbkreisförmig hingelagert, rings von höheren Bergen umgeben — ein höchst anmutiger Anblick. Die Bucht erscheint hier von allen Seiten geschlossen, im Osten durch die große Insel Alnö. Zahlreiche einzeln liegende Häuser und Villen lugen aus dem Waldgrün hervor und bilden gewissermaßen langhingestreckte Vororte der eigentlichen Stadt. Mitten in dem Meerbusen ragt eine bewaldete Insel mit Aussichtsturm hervor; zahlreiche kleine Passagierdampfer beleben das reizende Bild. In weiterem Abstand von der Stadt überall massenhafte Holzlager, vor denen eine Anzahl Segelschiffe halten, mit Laden beschäftigt. Sundsvall ist der größte Holzausfuhrplatz Schwedens; das Holz wird die Indalself, die von Norden in die Bucht mündet, hinabgeflößt; unmittelbar bei Sundsvall mündet der Lungen.
Kann man die Stadt als eine der schönst _gelegenen_ Ostseestädte bezeichnen, so muß sie zugleich auch eine der schönst _gebauten_ genannt werden; ja man kann sagen, es giebt keine von ähnlicher Kleinheit, die annähernd so großartige Gebäude, Straßen und Plätze aufwiese. Im Jahre 1888 wurde das alte, ganz aus Holz gebaute Sundsvall ein Raub der Flammen; aus der Asche erhob sich das neue, in dem man sich nach Berlin oder Paris versetzt fühlen würde, wenn nicht von allen Seiten das prächtige Grün der Berge, Wälder und Wiesen hereinschaute.
Da wir durch die Zollrevision und die Ausnahme unserer dreißig Schweden einen mehrstündigen, unfreiwilligen Aufenthalt bekamen, so benutzten wir diesen, um uns an Land rudern zu lassen und einen, wenn auch nur flüchtigen Einblick in Sundsvalls Herrlichkeiten zu nehmen. Das Rathaus, das Gymnasium, die höhere Mädchenschule, mehrere Banken und eine Anzahl Privathäuser würden jeder Großstadt Ehre machen.
Wir besuchten mehrere Restaurants, die hübsch ausgestattet und mit Sprüchen versehen waren. Einer in altschwedischer Sprache lautete:
Den som sviker i dryckjom, sviker ock i androm styckjom. (Wer im Trinken betrügt, betrügt auch in anderen Dingen).
Als wir an einem Barbierladen vorbeikamen, machte der Kapitän unserem dänischen Studenten den Vorschlag, sich rasieren zu lassen. Obgleich dessen Flaum des Messers kaum benötigte, willigte er sofort ein, als er hörte, daß dies Geschäft von zarter Damenhand besorgt würde, und wir begleiteten ihn, um das Schauspiel mit anzusehen. Zwei Grazien waren beschäftigt, den Männern ihren Mannesschmuck zu rauben, eine dicke, die Besitzerin, und eine dünne, die Beisitzerin. Letztere bemächtigte sich unseres Freundes; als er fertig war und bezahlt hatte, sagten wir ihm, er müsse der Dame zum Schluß einen Kuß geben. Dies geschah zu beiderseitiger Zufriedenheit; die Hausherrin gestattete aber nur einen Handkuß. Uebrigens wird die Rasierkunst in Schweden keineswegs allgemein von Damen betrieben.
Mit angenehmen Eindrücken schieden wir von dem prächtigen, sonnbeschienenen Sundsvall und seiner wundervollen Bucht, die beide in der Welt viel zu wenig bekannt sind.
Die Fahrt ging an der schwedischen Küste weiter, deren niedrige, blaue Berge schöne Formen zeigen. Die finnische Küste bleibt gänzlich versteckt; sie ist zu weit entfernt. Dem Nordpol so nahe, wird es während der Nacht gar nicht dunkel. Die Magnetnadel zeigt eine ziemlich starke Abweichung, was vielleicht den großen Eisenmassen in Schweden zuzuschreiben ist. Das Wasser ist in diesem Teile der Ostsee süß, was durch die vielen Flüsse bewirkt wird, die hier münden. Schiffen begegnet man fast gar nicht; einsam und verlassen liegt der mächtige Bottnische Meerbusen da, dessen nördlicher Teil vom Oktober bis Juni zugefroren ist. Einmal glaubten wir zwar andere Fahrzeuge zu bemerken, aber das war, wie sich später herausstellte, eine Täuschung. Da es charakteristisch dafür ist, wie leicht man sich auf See täuschen kann, will ich etwas näher darauf eingehen.