Von Haparanda bis San Francisco: Reise-Erinnerungen
Chapter 7
Endlich, Donnerstag Abend, fuhren wir den Kanal hinab, und Freitag früh gingen wir bei häßlichem Regenwetter von der Schelde in See. Regenwetter ist zwar nicht gefährlich, aber höchst unangenehm, da man nicht auf Deck sein kann. Es war mir deshalb ziemlich gleichgiltig, die Dampfjachten Rothschilds und der Königin von England zu sehen, die auf der Schelde ankerten. Die See war stark bewegt, und das Schiff stampfte und schlingerte heftig. Ich verfügte mich deshalb gegen Mittag ins Bett und blieb 24 Stunden liegen, wobei ich die schönste Seeluft hatte, da bei dem leeren Schiffe die Fenster offen bleiben konnten. Statt 9 Seemeilen machten wir nur 4-5, und von der englischen Küste hielten wir weit ab, um nicht dagegen zu treiben. Die Schraube war mehr außer als in dem Wasser. Ganz anders war das Wetter am Sonnabend. Die See beruhigte sich immer mehr, und ich konnte mich den ganzen Tag auf der Kommandobrücke im Klappstuhl liegend aufhalten. Als ich am Sonntag an Deck kam, fuhren wir in den prächtigen Firth of Forth ein. Wie ein Riese hält am Eingang in den Meerbusen der kolossale Baß Rock Wache, ein steil aus dem Meere aufsteigender etwa 100 m hoher Felsblock, den Hunderttausende von Möven wie ein Schneegestöber umschwärmen. Zur linken liegt das Städtchen Dunbar und auf hohem Ufer einige Schloßruinen, davon eine ganz mit Epheu umwachsen. Bald erschien von Bergen umkränzt die Stadt Edinburg, von der wir einige Gebäude, besonders das Schloß, deutlich erkannten. Vor der Riesenbrücke kam der Lotse an Bord, gleich hinter derselben gingen wir vor Anker und blieben 6 Stunden liegen, um die Flut abzuwarten. Abend um 8 Uhr liefen wir in den engen Kanal ein, der in den mit Schiffen vollgestopften, schmutzigen Hafen des Städtchens Grangemouth führt. Die Zollbeamten kamen an Bord und untersuchten, wie stets in England, auf das allergenaueste, leuchteten mit Laternen in die entlegensten Winkel, beklopften die Wände ob sie nicht doppelt seien und durchforschten selbst den Ofen und den Wasserbehälter des Waschnapfes. Nachts um 12 schon begann bei elektrischem Lichte die Arbeit bei unserem Schiff. Zuerst wurden feuerfeste Steine geladen, dann hundert Säcke feuerfester Lehm, und endlich Kohlen. Die Waggons fahren bis ans Ufer, werden durch Wasserkraft gehoben und dann gestürzt, sodaß sich ihr Inhalt in den Schiffsraum ergießt. Das Schiff faßt im ganzen 120 Waggons Kohlen à 10000 Kilo und 15 Waggons Bunkerkohlen (für die Dampfkessel).
5. Ausflug ins Schottische Hochland
So häßlich Grangemouth an sich ist, so verlockend grüßen aus der Ferne die blauen Berge des Hochlands herüber.
Dienstag früh um 7 Uhr fuhren wir ins Hochland und waren Abends 7 Uhr wieder zurück. Es giebt eine große Menge feststehender Rundreisekarten durchs Hochland; wir wählten die Tour, die durch Scotts Lady of the Lake berühmt geworden ist und auch landschaftlich mit zu dem Schönsten gehört, was Schottland bietet: die Gegend des Loch Katrine. Ein solches Billet, das zur Eisenbahn-, Omnibus- und Dampfschiffahrt berechtigt, kostet etwa 18 Mark. Der Steuermann prophezeite das schönste Wetter für den Tag, und frohgemut traten wir unsere Fahrt an. Während der zweistündigen Eisenbahnfahrt von Grangemouth bis Callander verdüsterte sich der Himmel immer mehr und ein regelrechter Regen entwickelte sich aus dem Nebel. Callander ist der Ausgangspunkt für die aus Edinburg und dem Osten überhaupt kommenden Touristen. Dort standen 2 mächtige Omnibusse, in deren Innern das Gepäck untergebracht wurde. Auf dem Verdeck waren 5 Bänke zu 4 Sitzen angebracht, und alles beeilte sich, auf den angesetzten Treppen hinaufzuklimmen. Als wir uns auf unseren luftigen Sitzen eingerichtet hatten, sammelte ein Mann zunächst das Fee (Trinkgeld) für den Kutscher ein (6 Pence pro Person). Etwas überrascht, blieb uns doch nichts übrig, als diese Kontribution zu zahlen, von der der Kutscher vielleicht nie etwas zu sehen bekommen hat. Dieser selbst, mit grauem Cotelettbart, grauem Zylinder, rotem Rocke, blau-gelbgestreifter weißer Weste und grün-blau karrierter Hose, Schwang sich, eine imposante Erscheinung, auf die erste Bank, und vorwärts trabte das Viergespann, dem in kurzer Entfernung das zweite folgte. Für die Einwohner Callanders muß der Anblick drollig gewesen sein; 15 Fuß über der Landstraße 20 aufgespannte Regenschirme dahinschwebend! Ich saß neben einem Norweger, der mit 2 Damen Schottland bereiste; außerdem befanden sich mehrere Deutsche, Amerikaner, Franzosen und Dänen auf dem Wagen, dazu noch zwei negerhaft aussehende Individuen, von denen der eine alsbald eine Zeitung hervorzog und sich darin vertiefte. Es war mir unklar, warum der Mann sich keinen bequemeren Platz zum Lesen ausgesucht hatte als gerade einen Deckplatz auf einer schottischen Mail-coach. Die Landschaft befriedigte mich anfangs nur mäßig; der langhingestreckte Loch Vennachar, den wir zur Linken hatten, zeichnete sich mehr durch Länge als Schönheit aus. Rechts ragte der schottische Olymp, der Ben Ledi (Götterberg) empor; der ganze obere Teil war jedoch in Nebel gehüllt; Wälder fehlen den meisten dieser Berge, und vergebens sucht man nach den prächtigen Waldszenerien, wie sie Thüringen; und der Harz bieten. Wenn man die Lady of the Lake in frischer Erinnerung hat, so gewinnt die Landschaft bedeutend an Reiz, wie andererseits die Lektüre des Gedichts eindrucksvoller wird, wenn man die Landschaft kennt, die es beschreibt. Da ist die Stelle, wo der Verzweiflungskampf zwischen Roderick Dhu und dem Könige stattfand; da ist die Wiese, wo durch das Herumsenden des Feuerkreuzes die Krieger von Clan Alpine sich versammelten und vor dem erschreckten König plötzlich aus der Erde herauswuchsen; wir passierten die berühmte Bridge of Turk (Eberbrücke) und fuhren an dem hübschen kleinen Loch Achray vorbei, an dem die Eröffnungsszene des Gedichtes spielt: „The western waves of ebbing day“ u.s.w. Wir befanden uns nun in dem Engpaß Trosachs, der dicht bewaldet ist. Am Ende desselben erhebt sich das in mittelalterlichem Burgstil erbaute „Hotel Trosachs“, von wo aus wir in wenigen Minuten die Ufer des Loch Katrine erreichten. Nur minutenweise hatte es bisweilen aufgehört zu regnen, und wenn düstre Beleuchtung, Nebel und dergl. zu den notwendigen Ingredienzien schottischer Gebirgslandschaft gehören, so hätten wir es nicht besser treffen können. Wir kletterten von unseren Thronen herunter, der Neger steckte seine Zeitung ein, und da lag also vor uns die Perle der schottischen Seen, auf den so viele Perlen herunter tröpfelten, daß wir lebhaft an Perleberg erinnert wurden. Ein winziger Dampfer, der Kleinheit des Sees angemessen, nahm uns auf; gerne hätte man bei der Kälte etwas Warmes gehabt, doch mußten wir uns mit einem Whisky begnügen. Die Mutigen blieben auf Deck, die anderen verzogen sich in die Kajüte. Wir gehörten zu den ersteren; ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn ich den Ben Venue, den Ben An und vor allem das liebliche Ellen's Island mit seinen poetischen Erinnerungen nicht so lange wie möglich genossen hätte. Der See dient auch einem sehr prosaischen und nützlichen Zwecke: er versorgt die große Stadt Glasgow mit Trinkwasser. Die herrliche Smaragdfarbe der Alpenseen sucht man freilich vergeblich bei den schottischen Seen.
Nach etwa 1stündiger Fahrt langten wir am westlichen Zipfel des langhingestreckten Sees an, und zu unserem Erstaunen hörte der Regen auf; die Sonne machte einige Versuche durchzubrechen, und als wir nach abermaliger, etwa 1stündiger Omnibusfahrt uns dem Loch Lomond näherten, brach die Sonne durch und beleuchtete die Berge und den See. Man wurde warm und merkte wieder, daß man im Juli lebte. Unterwegs hatten wir überall auf den Wiesen und an den Bergabhängen Rinder mit mächtigen Hörnern, fast wie Büffel, und Schafe gesehen, die am Körper weiß, am Kopf und den Beinen dagegen schwarz waren und große krumme Hörner hatten. Sie nährten sich von dem dürftigen Grase, das die Felsen bekleidet.
Im „Hotel Inversnaid“ hatten wir ein Stündchen Aufenthalt, besichtigten den hübschen Wasserfall und frühstückten. Man ißt, was man will und so viel man will, und zahlt 3 Shilling.
Um 2 Uhr fuhren wir mit einem großen, sehr elegant eingerichteten Dampfer über den Loch Lomond in seiner ganzen Länge von Norden nach Süden. Anfangs ist er flußartig schmal, später wird er breit und enthält viele Inseln, scherenartig wie in Norwegen und Schweden; auf einer derselben standen die grauen Ruinen einer Burg. An den Ufern befinden sich noch mancherlei Sehenswürdigkeiten, z.B. Bruce's Rock, wo der Nationalheld sich verborgen hielt, Rob Roy's Cave, wo dieser Verbannte öfters Zuflucht suchte. Dicht an der Ostseite des Sees steigt der Ben Lomond empor, über 3000' hoch, wohl der höchste Berg der Gegend. Die Formen aller dieser Berge sind schroff und kühn und erinnern etwas an die Alpen, trotz ihrer geringen Höhe.
Am Südende des Sees angelangt, bestiegen wir die Bahn und kamen um 7 Uhr wieder auf der Mira an. Im Grangemouther Hafen herrscht gewöhnlich das regste Leben, die Eisenbahnen bringen unaufhörlich Kohlen und Eisen an die Schiffe, die allen Nationen angehören. Heute dagegen ist es ganz still, die Deckarbeiter haben einen Feiertag, die Läden sind meist geschlossen, und viele Hunderte von Ausflüglern sahen wir trotz des etwas regnerischen Wetters auf zwei Dampfern nach Vergnügungsorten des Meerbusens fahren.
FUSSNOTEN:
[6] Geschrieben 1893.
VIII.
Der Philosoph von Gravenstein.
Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt Sein Wort und seine That dem Enkel wieder.
Leonore im Tasso, I, 1.
Ich kenne ein Herzogsschloß, das liegt gar einsam und abseits von den breit getretenen Touristenpfaden. Hohe Buchen umrauschen es, und in einem klaren See spiegeln sich seine weißen Mauern. Schilf flüstert am Ufer, und glänzende Schwäne ziehen lautlos ihre stolzen Kreise. Gegenüber, auf der anderen Seite des Sees, ziehen sich in einem Halbkreise die freundlichen Häuser eines Fleckens, der denselben Namen trägt wie das Schloß: _Gravenstein_, dänisch Graasteen. Wir befinden uns nämlich an der Grenzscheide zweier Sprachgebiete,
„— wo der dänische Pflüger den Deutschen, Dieser den Dänen versteht —“
wie Johann Heinrich Voß in seiner dem Grafen Stolberg gewidmeten Vorrede zur Iliasübersetzung sagt. Die Ueberschriften über den Läden des Ortes lauten denn auch teils dänisch, teils deutsch, und man findet „bogbinder“, „ikraedder“ (Schneider), „Kobbersmed“ (Kupferschmied) u.a. Vom Flecken aus gewährt das Schloß in seiner Waldumrahmung, besonders wenn heller Sonnenschein darauf liegt oder wenn der Vollmond es in magische Dämmerung taucht, einen überraschend malerischen Anblick, obgleich die Bauart höchst einfach ist. Ein Mittelbau mit Glockenturm und zwei gewaltige Seitenflügel, in deren einem eine nach dem Muster der Antwerpener Jesuitenkirche gebaute Kapelle sich befindet, deuten in ihrer architektonischen Nüchternheit und Kahlheit auf das erste Viertel des 18. Jahrhunderts als Entstehungszeit.
Der Schloßpark zeichnet sich durch prächtige alte Buchen aus und birgt wunderhübsche lauschige Plätzchen und schattige Gänge, auf denen hie und da Gras wächst, so daß man manchmal nicht weiß, ob man in einem Park oder einem Walde wandelt. Allmählich geht ersterer ganz in freien Wald und Feld über, und wenn man hinausgeht auf jene sanft ansteigende Wiese, so kommt man unmerklich auf einen Hügel, auf dessen Kuppe ein von einzelnen hohen Bäumen geschützter Pavillon zur Rast und zur Umschau einladet. Herzogshügel heißt er offiziell, aber jedermann nennt ihn Herzenshügel. Ein Bild des Friedens entrollt sich zu Füßen des Beschauers. Der Park, der Wald, der See mit dem Schloß links, dem Flecken rechts, und dahinter wieder Wald und Wasser und abermals Wasser! Das ist die Flensburger Föhrde (dänisch Fjord), ein etwa 30 km langer und durchschnittlich 4 km breiter Meerbusen, der von Ost nach West tief einschneidet in die Provinz Schleswig-Holstein und an deren Südwestwinkel die freundliche Seestadt Flensburg sich hufeisenförmig auf Hügeln und im Thale erhebt. Einer der vielen Vergnügungsdampfer, die die Föhrde namentlich im Sommer beleben, würde uns in anderthalb Stunden in höchst anmutiger Fahrt an manchem lieblichen Badeort und manchem idyllischen Fischerdorf vorbei nach Flensburg führen. Allein wir ziehen es vor, in Gravenstein zu bleiben und noch mehr von seinen Reizen zu genießen, sowie von dem Manne uns berichten zu lassen, der durch seinen langen Aufenthalt der landschaftlich ausgezeichneten Stätte auch geschichtliche Weihe verliehen hat.
In alten Zeiten soll hier, mitten in Wald und Wasser, ein Seeräubernest bestanden haben, nach dessen endlicher Eroberung eine Burg auf den Trümmern erstand (auf dem „Grauen Steine“). Nach mancherlei Schicksalen ging dieselbe auf die Schleswig-Holsteinische Seitenlinie der Augustenburger über, deren Gründer Ernst Günther hieß (1609-1689). Nachdem vier Generationen ins Grab gestiegen waren, wurde am 28. September 1765 _Friedrich Christian (der Jüngere)_ geboren, als Sohn Friedrich Christians (des Aelteren) und der Charlotte Amalie Wilhelmine, einer geborenen Herzogin von Schleswig-Holstein-Plön. In seinem fünften Lebensjahre verlor der Prinz seine Mutter. Die Erziehung leiteten der Hofprediger Jessen, ein Mann von umfassender Bildung und humaner Anschauung, und Legationsrat Schiffmann. Früh wurde der Sinn des Knaben auf Schönes, Hohes, Ideales hingelenkt. Als er 13 Jahre alt war, dachte man schon daran, ihm eine Braut zu suchen. Die Wahl fiel aus politischen Gründen auf Luise Auguste, Tochter Christians VII. von Dänemark, die damals sieben Jahre zählte. Man wollte dadurch Verwickelungen vorbeugen, die bei einem etwaigen Aussterben des dänischen Mannesstamms leicht eintreten konnten, und Staatsmänner wie Bernstorff und der ältere Schimmelmann beförderten die Verbindung, von der die Beteiligten vorerst nichts wußten. Die Möglichkeit, an welche jene dachten, trat jedoch nicht ein. —
Das Hauptinteresse des Prinzen, der abwechselnd auf Gravenstein und Augustenburg in ländlicher Stille und anmutiger Natur lebte, ging auf die Wissenschaften. Alle Gymnasialfächer betrieb er eifrigst, und mit vorzüglicher Vorbildung konnte er 1783, erst 18 Jahre alt, die Universität Leipzig beziehen. Mit ihm ging sein Lehrer Schiffmann und seine beiden jüngeren Brüder. Damals herrschte in Leipzig wie fast überall noch die Leibniz-Wolf'sche Philosophie, von Professor Ernst Platner in anregender, gefälliger Darstellung vorgetragen. Dieser zog denn auch unseren Friedrich in erster Linie an; dazu trat noch der Pädagoge Weisse, dem er seine späteren Neigungen für das Erziehungswesen verdankt. Aber auch Naturwissenschaften, Jurisprudenz und Staatswissenschaften wurden in den Kreis seiner Studien gezogen.
Nach anderthalbjährigem Aufenthalte in Leipzig, der nur durch kurze Besuche an den Höfen zu Dresden und Berlin unterbrochen wurde, kehrte der Prinz im Herbst 1784 nach seinem Schloß am Meer zurück und setzte den Winter durch seine Beschäftigung mit den Wissenschaften fort. Im nächsten Jahre reiste er nach der dänischen Hauptstadt, um die Braut, die noch immer nichts von der beabsichtigten Verbindung wußte, kennen zu lernen und ihr Herz zu gewinnen zu suchen. Freilich gingen die Anschauungen des hochgebildeten, trotz seiner Jugend schon ziemlich gereisten und welterfahrenen Mannes und die Neigungen des lebenslustigen, heiteren, schönen Mädchens bedeutend auseinander. Dem fortgesetzten Einflusse des geistig überlegenen Mannes, zu dem sie anfangs mehr wie zu einem Lehrer mit Scheu emporblickte, gelang es, ihr seinen Gesichtskreis zu erschließen, sie für seine Ideen zu bilden. Und als sie ein Jahr später (im Wonnemonat 1786) ihm die Hand zum Bunde reichte, da gab sie ihm auch ihr Herz mit.
Das neuvermählte Paar schlug seinen Wohnsitz in Kopenhagen auf, wo dem jugendlichen Prinzen ein Ministerposten sowie Sitz und Stimme im Staatsrate übertragen wurde. Als 1790 eine Kommission berufen wurde, um das höhere Schul- und Universitätswesen umzugestalten, erhielt er den Vorsitz in derselben; er widmete sich nicht nur mit Eifer und Pflichttreue, sondern auch mit einer bei Fürsten seltenen Sachkennntnis der wichtigen Sache. Die berühmtesten Gelehrten Dänemarks lernte er bei dieser Gelegenheit kennen. Er bildete selbst den Mittelpunkt der wissenschaftlichen und geistigen Bestrebungen des Ländchens. Seine Ansichten über die Schulreform legte er in einem Aufsatz nieder, der in der dänischen Minerva von 1795 veröffentlicht wurde, der mir aber leider nicht zugänglich geworden ist. Nach Einführung des Lehrplans an einer Kopenhagener Schule wohnte Friedrich Christian den Lehrstunden häufig bei. Als im Jahre 1805 eine vollständige Regierungs-Abteilung für das höhere Schulwesen eingerichtet wurde, trat er an die Spitze derselben und blieb, wie auch bisher, Unterrichtsminister, obwohl er diesen Titel nicht führte.
Inzwischen hatte der zwar nicht bedeutende, aber für alles Schöne begeisterte Dichter Baggesen, vom Prinzen unterstützt, zu seiner Ausbildung größere Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich gemacht. Im Sommer wurde er mit Schiller bekannt und suchte nach seiner Rückkehr nach Dänemark den Werken des Dichters überall Eingang zu verschaffen. Die dänische Literatur stand damals in engster Beziehung zur deutschen; alle ihre Kraft zog sie aus dieser und die bedeutenden literarischen Erscheinungen in Deutschland wurden vom dänischen Publikum lebhaft verfolgt. Es braucht nur an Klopstock erinnert zu werden, der viele Jahre eine gastliche Aufnahme am Kopenhagener Hofe gefunden hatte. Auch Friedrich Christian und Graf Schimmelmann, der Jüngere, lernten Schiller durch Baggesen kennen und lieben. Als daher plötzlich die Kunde von dem Tode des verehrten Mannes nach Dänemark drang, vereinigten sich die Freunde und feierten ein Totenfest in Hellebäk, einem Fischerdorfe am Nordstrande von Seeland. Bald stellte sich die Nachricht als falsch heraus; aber Schiller war in Geldsorgen, überarbeitet, schwer krank. Da beschlossen die beiden begüterten Freunde, ihn auf einige Jahre — aus den ursprünglich beabsichtigten drei wurden fünf — der drückendsten Not zu entreißen durch ein jährliches Geschenk von je 1200 Thalern; eine für jene Zeit recht ansehnliche Summe. Der Prinz von Augustenburg schrieb einen herrlichen Brief an den kranken Dichter, der von Schimmelmann mit unterzeichnet wurde, und der in zartester Weise das Anerbieten enthält und begründet. „Zwei Freunde, durch Weltbürgersinn miteinander verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann!“ Sie bitten ihn in beweglichen Worten, ihr Anerbieten anzunehmen, das von Mensch zu Mensch geht, bieten ihm zugleich eine Staatsanstellung in Kopenhagen an, lassen ihm jedoch völlige Freiheit, seine Muße zu genießen, wo er will.
Schiller konnte nicht anders als annehmen. Aus Dankbarkeit richtete er später die „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ an den Herzog, die beim Brande der Christiansburg ein Raub der Flammen wurden. Schiller hatte aber eine Abschrift zurückbehalten, die er einer Umarbeitung unterzog und die in etwas verändertem Gewande in den Horen erschien und später Ausnahme in die „Sämtlichen Werke“ fand. Der Briefwechsel zwischen dem Dichter und Fürsten ist von Max Müller-Oxford herausgegeben und für alle Gebildeten lesenswert; jede Seite enthält die vornehme, wahrhaft adelige Gesinnung der beiden Freunde: desjenigen, der materiell gab, und des andern, der es mit Geistigem vergalt. Aber man denke ja nicht, daß die Briefe des Herzogs nur deshalb Interesse böten, weil sie an einen der größten im Reiche der Geister gerichtet sind! Auch an sich bieten sie viel Schönes über Literatur, Philosophie und Politik.
Die deutsche Literatur und das ganze deutsche Volk wird das Andenken des Mannes in höchsten Ehren halten, der mit dazu beigetragen hat, unserem Schiller fünf Lebensjahre wesentlich zu erleichtern und ihm Kraft zu seinen erhabenen Aufgaben und Pflichten zu verleihen. Welch glückliches Zusammentreffen, daß dieser Mann der Ahnherr unserer Kaiserin ist!
Im Jahre 1794 war inzwischen der alte Herzog gestorben und der junge, 29 jährige Prinz trat in die Würden seines Vaters ein. Von jetzt ab verbrachte er jährlich regelmäßig einige Monate auf seinen ländlichen Besitzungen Augustenburg und Gravenstein. Als sein Verhältnis zum Kronprinzen-Regenten sich allmälig trübte, dehnte sich seine Abwesenheit von Kopenhagen immer länger aus. Diese Trübung entstand durch die allmälig mehr hervortretenden dänischen Tendenzen des Regenten, die der Herzog als deutscher Fürst nicht billigen konnte. Nach der Auslösung des deutschen Reiches 1806 wollte man das schutzlose Holstein in Dänemark einverleiben; dem energischen Einspruch des Herzogs gelang es, dies vorläufig noch zu verhindern. Der Groll des Königs — der 1808 den dänischen Thron bestiegen hatte, nachdem er schon seit vielen Jahren seinen geistesschwachen Vater vertreten — gegen den Herzog nahm zu, als die schwedische Thronfolgefrage auftauchte. Da König Karl XIII. keine Kinder hatte, so wählte man zum Kronprinzen den jüngeren Bruder Friedrich Christians. Als dieser plötzlich — ob an Gift, weiß man nicht — 1810 mit Tode abging, richteten sich die Blicke auf den Herzog, dessen Einwilligung aber nicht so leicht zu erlangen war. Er wollte den dänischen König nicht verletzen, der, wie er wußte, sich gleichfalls Hoffnung auf den Thron von Schweden machte, freilich ganz unberechtigte. Karl XIII. bot dem Augustenburger die Krone wiederholt an, der Reichstag bot sie an, Napoleon war nicht dagegen; allein aus allzu großer Rücksicht für den König lehnte er ab und fragte erst bei diesem wegen der Angelegenheit an. Der König ließ lange mit der Antwort warten; endlich schrieb er, daß er allerdings die schwedische Krone erstrebe. Nun lehnte Friedrich Christian endgültig ab. Die Schweden wählten nun aber keineswegs den König von Dänemark, sondern den französischen Marschall Bernadotte, der einige Jahre später auch Norwegen von Dänemark losriß, das nun in Personalunion mit Schweden verbunden wurde. Dänemark aber, das in früheren Jahrhunderten alle drei nordischen Reiche beherrscht hatte, blieb auf Jütland und die Inseln beschränkt.
Trotz dieses äußerst loyalen Verhaltens seines Schwagers war der König wütend auf ihn; er ließ ihn verspotten, ja, ihn auf der Insel Alsen förmlich blokieren, unter dem Vorwande, ihn vor den Schweden zu „schützen“. Der Herzog, tief empört über solche Behandlung, nahm seinen Abschied aus allen Staatsämtern und wohnte von nun an abwechselnd auf Augustenburg und Gravenstein, mit der Erziehung seiner Kinder beschäftigt. Er hinterließ zwei Söhne, von denen der ältere, Christian August, der Großvater unserer Kaiserin wurde, und der jüngere unter dem Namen Prinz von Noer in der Geschichte Schleswig-Holsteins bekannt geworden ist. Die einzige Tochter des Herzogs wurde später die Gemahlin des Königs Christian VIII. von Dänemark.
In den letzten Jahren seines Lebens verfaßte der Herzog noch eine staatsrechtliche Schrift, das Erbrecht seines Hauses auf die Elbherzogtümer darlegend. Zu den Männern, die den philosophischen Fürsten auf Gravenstein aufsuchten, gehört auch Andersen, der dänisch-deutsche Märchenerzähler, der in begeisterten Worten die Gastlichkeit des herzoglichen Hauses und die landschaftlichen Reize der Umgebung von Gravenstein preist. Im Jahre 1814, am 14. Juni, starb Friedrich Christian. In seinem letzten Willen ermahnte er seine Söhne „die Rechte und Ansprüche, welche ihre Abkunft ihnen gebe, mit männlicher Festigkeit, aber ohne Verletzung der Gerechtigkeit, der Ehre und Pflicht zu beobachten“. Die Söhne und der Enkel rechtfertigten das in sie gesetzte Vertrauen; sie haben sich stets als Ehrenmänner bewiesen, in guter und in böser Zeit. An geistiger Bedeutung und umfassender Bildung aber hat keiner den großen Ahnen erreicht.
IX.
Marsberg.
Auch eine Sommerfrische.