Von der Hexe die eine Heilige war
Part 2
_Leiden:_ Du wolltest mit Dorotheas Kränzchen kommen, das hast du nun nicht. Aber wenn du auch mit deinem Scherlein kommen mußt -- dort bist du doch. -- Du bist sehr stolz, Gisela -- es läuft dir eine Träne über deine Wangen. Denk, wie groß der himmlische Garten ist -- du willst ja ein stilles Eckchen nur und die himmlischen Töne von ferne. Da kannst du doch sein, mit deinem Scherlein. Weißt du, die Dorothea lag doch nur kurz auf den glühenden Stäben -- wie lange liegst du schon darauf -- alle Nacht! Streich dir die Haare aus der Stirne, ich eile, tue es jetzt, schnell ... ich muß zu Gott, ich muß wieder herunter ... ich muß suchen ...
_Gisela:_ Was suchst du --
_Leiden:_ Eine Seele für den starken Freudenwein der Ewigkeit. Ich wollte ihn dir geben, nur den allerkleinsten Tropfen daraus, aber du kannst es nicht ertragen. --
_Gisela:_ Sag mir von dem starken Freudenwein der Ewigkeit.
_Leiden:_ Du kennst mich nicht, Gisela, so viele Nächte ich auch schon an deinem Bette gestanden habe. -- Meinen Namen habe ich dir noch nicht gesagt. Ich habe viele Brüder -- überall gehen sie durch die Welt -- ich heiße nicht nur Leiden.
_Gisela:_ Sag mir deinen Namen.
_Leiden:_ Du mußt ihn selbst finden. -- Ich sage dir jetzt Geheimnisse. Ich flüstere sie dir ins Ohr, es sind nur Mädchenohren. Nur was die fassen können, hörst du. Ich bin der Engel, der den Kelch hat, aus dem Jesus trank. Er trank ihn bis zum Grunde. Ein ganz kleiner, kleiner Tropfen nur, ein winziges Tröpflein hing am Rande. Den wollte ich dir geben. Aber deine Seele trägt es doch nicht. Du erschauerst davon, ein halbes Kind noch ...
_Gisela:_ Gib mir den Tropfen! ich werf es hinweg, das Scherlein. --
_Leiden:_ Ich sage dir Geheimnisse. Ich tränke dich, dich, mit dem starken Freudenwein der Ewigkeit. Weißt du, wer Ihn aufhielt, in der Nacht der Schrecken, daß er zu spät kam, eine halbe Stunde zu spät? Ich wars. Ich habe dir deinen Fuß auf das Kohlenbecken gedrückt, ich stieß dir deinen verbrannten Rücken auf das harte Holz. -- Du zitterst, deine Lippen sind weiß, er ist dir zu stark, der Tropfen.
_Gisela:_ Warum, warum tatest _du_ das?
_Leiden:_ Weil ich deine Seele suchte, ich suchte sie für meinen Tropfen. Gisela, dich hab ich als Kind spielen sehen, du gingst so leicht über das Gras mit deinen kleinen, frohen Füßen, dir liefen die Tierlein zu, dir erblühten die holdesten Blumen von selbst. Ich hielt dich in der Einsamkeit. Ich stand schon neben dir, wie du noch ein Kind warst. Nicht viel Erdenstaub kam auf deine Seele. Den haben die Tränen, die du im roten Turm geweint hast, fast schon abgewischt. Warum denn für dich, du zarte Blume, alle Schrecken der Hölle? Alle Finsternisse? Das Riesenweib mit den erstorbenen Augen, die starren und nicht sehen, die Angst! der fürchterlichste von allen Dämonen, der das Blut in den Adern erstarren macht und das Herz klopfen macht wie einen Hammer ... Den wilden Riesen Schmerz für deinen armen holden Leib ... Warum denn das für dich -- du Kind Gottes? du Gedanke Gottes! Sag nicht, ich bin schwarz, wenn du weißt, daß du lieblich bist.
Dich tränke ich mit dem starken Freudenwein der Ewigkeit. Du bist von der Auserwählten Schaar, die es tragen, das Leiden der Welt -- das Leiden Gottes. -- An ihren Schmerzen zieht Gott durch die Dunkelheiten die Menschen zu sich. Du darfst sie tragen helfen, die Ketten der Welt -- durch dich kommt sie vorwärts, aus ihrem Jammer heraus, aus ihrem Sumpf heraus -- von ihrem Tränenmeer hinweg. Ich habe nur einen ganz kleinen Tropfen für dich. Nur ein klein wenig darfst du sie heben, die Kette. Für die Andern, für Alle, du. Schon der eine Tropfen, er erfüllt deine Seele. Schrei mit dem Käuzchen um die Wette oder schweig und preß die Lippen zusammen ...
Unten geht Er am Lindenbaum hin und her und ringt die Hände. Er hat ihn gehört den Schrei. Er ging ihm durch die Seele wie ein Schwert. Er hat ihn schon drüben am Walde gehört. Ist das das Käuzchen? Ist das die süßeste Stimme der Welt? Die Stimme, die ein Ton ist aus der himmlischen Harmonie? Nun ist sie nur noch ein Hauch von Weh. -- Nun ist sie ein schrilles Zerreißen der Saiten ... Aber immer ist es die süßeste Stimme der Welt. -- Ja, wird Er denn noch einen Ort in seinem Hause dulden, wo das Stöhnen um die Säulen fährt? Wenn man ihm die armen Weiber und Mägdlein bringt, wird er nicht ihre Stricke lösen und ihre Tränen trocknen und sagen: Auch sie war eine Hexe ... Und die liebe Frau Trost, erfindet sie nicht tausend Dinge, um deine armen Glieder dem Schmerz abzulisten? Die sagt sie Andern, die vererben sich ... Der weise Mann, der an deinem Lager stand, wälzt er nicht Folianten, sinnt und grübelt und forscht, ob er nicht Kräfte fände, in Blume oder Stein oder Erz, daß er ihn dir daraus brauen könnte, den Trank Vergessenheit? Brauchst du den Trank Vergessenheit? Du hast mich, daß ich dir Nachts die Seele fülle mit dem starken Freudenwein der Ewigkeit.
_Gisela:_ Bleib bei mir, Leiden!
_Leiden:_ Du bist kein armer zertretener Schmetterling, im Staub am Weg. Du bist ein Schauspiel für Götter und Menschen ... Ich hole dir den Schlaf und wenn ich bis zum Thron Gottes hinauf müßte.
Der Herrgottsnarr
_Gisela:_ Ich bedank mich schön für das Tragen.
_Förster:_ Wenn es nur der rechte Griff war, Gräfin Gisela.
_Gisela:_ Gewiß, es war der rechte Griff ...
_Förster:_ Hat lang genug gedauert, bis ich den gelernt hab.
_Gisela:_ Habt Ihr noch ein wenig Zeit, Förster, oder müßt Ihr in den Löwen? Ich möchte Euch Etwas fragen.
_Förster:_ Hab wohl Zeit, muß auch nicht in den Löwen, wenngleich der Löwe auch sein Gutes hat. Man raucht so seine Pfeif, die Wirtin hat nichts dawider, wenn der Feldmann mit hereinkommt, das Mühlwerk, das mein Weib mit sich herum trägt, hör ich nimmer klappern.
_Gisela:_ Den Feldmann könnt Ihr wohl mit herauf bringen. Setzt Euch doch.
_Förster:_ Ich weiß, was gegen die schuldige Achtung geht. Ob zwar der Feldmann ein Ausbund von Hund ist, der sich da nichts zu Schulden kommen ließ ...
_Gisela:_ Ich möchte den Ausbund von Hund gern einmal sehen. Das muß einer sein! Wie der Herr, so sein Hund!
_Förster:_ Ach halt so Wörtlein. Wenn mein Weib wollt einmal so ein Wörtlein in den Mund nehmen! Das wär ein Leben! Wüßte nicht, was ich auf der Herrgottswelt noch wünschen möcht! Seit Ihr da seid, Gräfin Gisela.
_Gisela:_ Förster, einen Kavalier hat der Junggraf an Euch.
_Förster:_ An mir! An so einem groben Waldmenschen! Ich hätt eben auch gern Kinder gehabt, wie andere Leut, so Flachsköpf umeinander, sieben wären mir noch zu wenig gewesen, alleweil hätt sollen eins in der Wiegen liegen!
_Gisela:_ Darum habt Ihr mich auch so sanft getragen, wie eins von den Kleinen, die noch in der Wiegen liegen. Die sind die Liebsten, die Kleinen, mit den Augen so blau, so frisch noch vom Kinderbrünnlein. Förster, das gehört auch zu meinem Hexenjammer, daß mir Niemand so ein liebes Kind in den Arm geben will! Wie ich noch klein war, riefen die Mütter ihre Kindlein von mir hinweg -- und gar in eine Wiege sehen! Nur die nicht hineingucken lassen mit ihren blauen Hexenaugen, sonst wird das Kind krank, hört ich die Weiber hinter mir sagen.
_Förster:_ Ach zu Eurem Hexenjammer gehört Viel! Wenn Ihr davon anfangen wollt, so müßt ich eben doch einmal nach dem Löwen sehen.
_Gisela:_ Ich rede nicht davon, nein. Wenn es mir möglich ist. Ach ich wollte Euch ja Etwas fragen. --
_Förster:_ Ists ein langer Jammer oder ein kurzer? Ein kurzer, wenn es einen gäb, wär mir schier lieber, als so der Gang nach dem Löwen -- durch den Regen, die schwätzen dort immer das Gleiche.
_Gisela:_ Es wird ein ganz kurzer Jammer nur. Mir träumte, ich sei wieder ... Gräfin.
_Förster:_ Das seid Ihr doch immer noch?
_Gisela:_ Förster, Ihr vergeßt, von wo ich hieher gekommen bin. Von dem Gewölb, unter dem Schloß Brauneck.
_Förster:_ Eine halbe Nacht seid Ihr dort gewesen!
_Gisela:_ Wer dort hineingegangen ist und hätt auch vorher ein Grafenkrönlein auf dem Kopfe gehabt, wenn er herauskommt, hat er es wohl nicht mehr. Es fiel in den Schmutz ... ich möchte mich nicht mehr darnach bücken.
_Förster:_ Seid Ihr aber stolz, Gräfin Gisela.
_Gisela:_ Ach ich bin wohl stolz und hab gar keinen Grund dazu! Worauf könnten so Hexen mit Brandwunden denn stolz sein. -- Nein, Förster, noch nicht in den Löwen ... ist gleich vorbei ... Mir wars, ich sei Gräfin und nun wollte ich gern den Armen etwas geben und sie wollten es doch nicht von der Hexe nehmen. Da gab mir ein Engel einen Laib Brot und sagte: Gib es denen, es ist das ewige Brot. Da stand ich an der Schloßpforte und viele arme und gebückte Weiblein gingen vorbei, ich bot ihnen mein Brot an, ach sie schüttelten den Kopf, ich bat: Ach nehmt es doch, ich geb es euch so gerne. Da kam ein Weib vorbei, so hungrig, wie die aussah, die griff mit einem scheuen Blick nach meinem Laib und verbarg ihn unter ihrem Schurz.
_Förster:_ Das Traumweib da ist aus dem Fränkischen gewesen, die stecken alles unter ihren Schurz.
_Gisela:_ Und dann war es seltsam! Ich hatte wieder einen Laib in der Hand und so oft ich auch hergab, immer wieder wuchs mir das Brot in der Hand. Und wie Viele zogen da an mir vorbei! Alle nahmen, keine dankte, wie war ich so glücklich! Könnt es denn Etwas geben, wie das ewige Brot, Förster?
_Förster:_ Ja was könnt das wohl sein? -- das ewige Brot? Könnts so etwas geben? Vielleicht. Will doch den Junggrafen fragen ... Wird wohl heute Nacht herüber reiten.
_Gisela:_ Es regnet so, so schön regnet es! Hört Ihrs, wie die Tropfen auf den Lindenblättern aufschlagen, als gingen Kinderfüßchen darüber. Und die Rinne da, man sollte sie kaum kennen, die hat ein Bächlein, so plätschert sie! Nun kommt auch ein Bächlein zu mir. Ich liebe sie so, die Bächlein. Förster, mit der Rinne habe ich beinah gestritten.
_Förster:_ Mit der Rinne?
_Gisela:_ Die tropfte. Und da fallen wohl die Tropfen auf ein Vordach. Und das hört ich und konnte nicht schlafen. Dann manchmal tropfte sie nicht und beinah schlief ich ein und dann fing sie wieder an. Förster, Ihr geht im Wald herum und kommt Abends müde heim, da wißt Ihr nicht wie das ist -- so auf Rinnen hören. Und Schloß Schweigen ist ja das herrlichste Schloß der Welt, ich möchte gar nirgends lieber sein, eine Linde rauscht mir, von den Waldbergen kommt süße Regenluft, eine Rinne tropft mir ...
_Förster:_ Mit der hattet Ihr ja Streit.
_Gisela:_ Ja, ich dachte, es wäre wirklich das liebste Schloß der Welt. Nur die Rinne wäre ein Fehler ... es könnt eben nichts vollkommen sein ...
_Förster:_ Wüßt noch einen ...
_Gisela:_ Da horchte ich auf die Rinne, ob die mich wohl nur weckte, weil sie mir Etwas sagen wollte. Da erzählte die mir eine Geschichte von Tropfen, Tropfen, einem Schifflein, einem Rinnsal, Strom und Meer.
_Förster:_ Kenn sie auch, will aber doch nach der Rinne sehen ... Ja und sonst hätts keinen Fehler mehr, das Gespensterschloß? Fräulein Gisela, das mit den Gespenstern, da ist auch ein Vorteil dabei. Ihr fürchtet Euch nicht, ich fürcht mich nicht, das Kind hats Fürchten auch schon bald verlernt. Aber mein Weib traut sich nicht im Finstern all die Gäng herauf. Tät sonst schon lang horchen da außen und nachher Redensarten machen ... das Schlarrmaul!
_Gisela:_ Förster!
_Förster:_ Weiß wohl, Gräfin Gisela, sollt nicht so Sachen sagen. Kommt davon, wenn man einen Waldmenschen in die Stube zum Fräulein hereinläßt. Wird ihm zu wohl dem Esel, geht aufs Eis und bricht das Bein.
_Gisela:_ Das nächste Mal müßt Ihr den Feldmann mit bringen.
_Förster:_ Wär dem auch zu wohl, dem alten Vieh! Wollt Euch angucken, der sieht gleich, wo was zu sehen ist. Und Vorderpfoten herauf, Maulaufreißen und lachen! Und ein Flecken wär auf der gelben Decke.
_Gisela:_ Der Feldmann! Ich muß den sehen; und lachen kann er auch! Dort auf der Matte kann er liegen, oder lacht er da nicht?
_Förster:_ Lächern kanns ihn schon. Wißt Ihr, so die Lefzen über die hinteren Zähne hinauf ziehen. Zum Lachen reißt er gleich das ganze Maul auf.
_Gisela:_ Dann wollen wir ihn einmal lächeln lassen, den Feldmann. Gibt es da Dinge in dem Schloß Schweigen! Erzählt das doch dem Junggrafen.
_Förster:_ Weiß der schon lang, sagt jedesmal: Komm, lach auch, Feldmann ... nicht wie die im Löwen. Und der Feldmann tuts.
_Gisela:_ Im Löwen, da verstehen sie wohl den Feldmann nicht so, aber der Junggraf, der versteht ihn.
_Förster:_ Dem hängt eben auch so Narrenwerk herunter! Hat der alt Graf mit dem schon Nöten gehabt, mit dem seinem Narrenwerk. Von Kind auf hat ers getrieben. Schläg soll er bekommen haben, mehr als genug. Der Herr Hofprediger soll ihn einmal aus der Kinderlehre gejagt haben. In Straßburg hätten die gelehrten Herren gesagt, der Junggraf könnt seinem Kopf nach zu allen Ehren kommen, die sie zu vergeben hätten, wenn er nicht so viel Allotria, sagten sie, betreiben wollte. Wie sie auch sagten, Narrenwerk haben sie gemeint.
_Gisela:_ Ich kenn sein Narrenwerk! Fremde Hexen, die er nie gesehen hat und die sich an ihn kletten könnten und ihm sein ganzes Leben verderben, aus Gewölben tragen.
_Förster_ (^schlägt sich auf den Schenkel^): Von seines Vaters Gericht hinweg! Nach vier Stunden schon, durch den Erdboden durch! War sein feinster Streich! Kaum seid Ihr in dem Gewölb, so reitet er herüber. Mich hat er schwören lassen, daß ich Nichts verrate, ist mir nicht leicht angekommen! Hinter meines Herren Rücken! Dreht mir mit drei Worten und Eurem Hexenjammer das Herz im Leib herum ... die Stuben angesehen, Alles befohlen, wies gemacht würd, Nichts vergessen -- nicht daß das Bett gleich aufgeschichtet würd, daß ein Rosenstrauß aufs Tischlein käme, ein Imbiß bereit, fort hinüber die zwei Stund, sein Pferd strauchelt unter ihm, lahmt, daß er eine halbe Stunde verlieren muß und wieder hier mit Euch in derselben Nacht und vor Morgen wieder zurück. Wundert mich nur eins, stark wundert michs, daß der alte Graf es nicht gleich gewußt hat, wer Euch fortgebracht.
_Gisela:_ Eine halbe Stunde kam er zu spät. Es geht viel in eine halbe Stunde.
_Förster:_ Da geht Viel hinein! Was da Jammer hineingeht, und ein Leiden hineingeht, das hat man in den Wochen jetzt gesehen.
_Gisela:_ Es war auch gut so. Er kam doch.
_Förster:_ Das konnt er nicht wissen, was Ihr da ausgestanden habt, in seinem festen Arm.
_Gisela:_ Darf es auch nicht wissen, nie, Förster -- nie. Er sah es ja nicht. Ich schlug seinen Mantel um mich, die Laterne fiel um, er sah nur die roten Streifen --. Er soll auch noch nicht herein kommen. Gebt mir das Spieglein -- Ach da ist noch eine Schrift ...
_Förster:_ So an den Schläfen --. Das schöne Lächeln.
_Gisela:_ Ich werde doch auch können, was Euer Feldmann kann ...
_Förster:_ Aber lachen! Das brächt der Jung Herr fertig! Und wenn Ihr an einem Hexenjammer wäret, er brächt es fertig.
_Gisela:_ Glaubt Ihr das, Förster! Ich möcht ihn wohl sehr gerne sehen. Ach so gerne!
_Förster:_ Kann nicht sein, Gräfin Gisela. Kommt schon noch! Kommt alles mit der Zeit, wenn man weiß, wohin der Weg mit Euch geht ...
_Gisela:_ Frau Trost meint, leben würd ich wieder --.
_Förster:_ Das wär! Das wär!
_Gisela:_ Ihr glaubt es noch nicht? Von Gehen, daß ich wieder gehen könnte, sagt sie aber Nichts.
_Förster:_ Von Gehen Nichts. Ist das ein Jammer, ein Hexenjammer!
_Gisela:_ Nein das ist keiner, noch lange keiner, es gehen viel arme Menschen an Krücken --.
_Förster:_ Ihr an Krücken?
_Gisela:_ Gefällt mir auch nicht, Förster, ich wüßte Nichts, was mich schwerer ankäm! So wie ich eben bin, stolz, wißt Ihr, stolz. Aber man könnte doch selbst zu einem Glase Wasser kommen, nicht Andere um Alles plagen müssen. Vielleicht auch im Schloßhof herumklappern. Kommt man Treppen herunter mit Krücken?
_Förster:_ Ich trag Euch die Treppen.
_Gisela:_ Ich dank Euch! Macht das Viel aus, wenn Ihr mich bis zur Brustwehr tragt?
_Förster:_ Ich trüg Euch bis nach Rom, wenns sein müßt und meine Alte mir nicht nachkäm! Warum denn nicht!
_Gisela:_ Nur bis zur Brustwehr. Da könnte ich mit der Hand in Lindenzweige greifen, da wüchse ein feines Gräslein zwischen den Ritzen des grauen Steinwerks, da säh ich hinüber zu den Waldbergen. Vielleicht könnte ich ein rotes Felsennelklein erhaschen; wenn nicht, so freute ich mich doch daran. Ich brauche keine klappernden Krücken, so glücklich wär ich, bin ich. Das Schloß Schweigen, altes graues Geisterschloß ... Oder brauch ich doch Krücken! Könnt ich damit zur Nachbarin und ihrem kranken Kind kommen?
_Förster:_ Nein, Fräulein Gisela, das ist gegen die Instruktion, die ich von dem Jung Herren empfangen hab: Niemand sehen lassen, was er da für ...
_Gisela:_ Eine arme Hexe hat. Also brauch ich keine Krücken. Ich betrübe mich nicht mehr damit. Ach wißt Ihr nicht noch eine Geschichte von so Narrenwerk und dem Junggrafen? Einmal habe ich es ja gehört. In der Nacht der Schrecken!
_Förster:_ Auch da noch Narrenwerk! Das macht ihm keiner nach. Er wußte eben nicht, in welchen Leiden Ihr waret.
_Gisela:_ O doch. Zuerst nicht. Da preßte ich noch die Lippen zusammen ... Nichts merken lassen ... ich schämte mich so. An dem verbrannten Fuß, an dem Gewölbe, an den Streifen an meinen Händen. Nur die hat er gesehen. Ach und da fing das Narrenwerk an. Wie die Gespenster flogen wir dahin. Und er immer seine Lippen an meinem Kopf und so Worte, so Narrenworte. Wie die Streifen wieder heil würden, daß man sie gar nicht sähe und wie es Perlenarmbänder gäbe und wie die Damen an des Kaisers Hof in Wien sich rote Streifen an die Hände malen ließen, weil es so Mode würde, wenn sie mich sähen. Und ich müßte keine Angst haben, es gehe jetzt nicht gleich nach Wien, nur nach einem Schloß Schweigen, wo kein Mensch hinkomme, oder je hingekommen wäre, weil es hundert Geister dort gäbe. Mir täten sie aber Nichts, denn es sei ein älterer Kavalier dort, der sich als Förster verkleide, und der würde mich vor allen Geistern beschützen.
_Förster:_ So! hat er das gesagt: Kavalier! Ja, der weiß Narrenwort!
_Gisela:_ Dann wurde er still, dachte vielleicht, er dürfte nicht mehr mit mir reden, weil ich keine Antwort gab. Ach! Dann habe ich ihn betrübt ... Wie ich die Stimme nicht mehr hörte und nur den festen Arm um meinen verbrannten Rücken fühlte, und das Dahinrasen und das Stoßen von den Hufen des Pferdes durch meinen Leib hindurch ..., Förster, wenn man an Schmerz sterben könnte, so wär ich gestorben.
_Förster:_ Um ein Haar wärs so gegangen.
_Gisela:_ Und ich hörte die Stimme nicht mehr, da wirbelte mir der Kopf von dem Dahinfliegen, da meint ich, ich sei wieder in dem Gewölb und da sei diesmal kein Weib, sondern ein Mann an mir und stieße mich auf eine Leiter, solche Dinge, die sie in der schrecklichen Kammer dort haben.
_Förster:_ O du Hexenjammer!
_Gisela:_ Schon vorbei. Ach sagte ich, bist du nicht der schöne Jüngling Tod? Der wollte mich unter die Sterne bringen, warum stößt mich der Henker denn immer wieder auf die Leiter? Da hielt er das Pferd an, da fiel der Mond in sein Gesicht --, da war es wieder der schöne Jüngling Tod, und Mond, und süße Waldeslüfte. Da sah ich auch, daß ich ihn betrübt hatte: Ach verzeih, schöner Jüngling Tod; rede doch mit mir, nur ein Wörtlein! Daß ich dich kenne und dich nicht mehr betrübe. Da war mirs, als weinte irgendwo ein Kind ... ein Knabe, ganz hell weinte der ... Jemand sprach von krähenden Hähnen. Jemand sollte mir Wasser holen. Das ist eine Pein! Um einen Tropfen Wasser ... Man gibt den Hexen nicht gern Wasser ... Lieber verschütten ... Laßt sie jetzt noch liegen ... Der, dem sie gehört, wird sie sich schon holen -- das war wohl der Knappe, der das sagte. Wer war es denn, der so weinte!
_Förster:_ Der Junggraf wars. So hat der geweint da unter dem Lindenbaum, wie er Euch hat schreien hören.
_Gisela:_ Ich schreie nie mehr. Warum war ich so ungeduldig! Dann gab mir der Knappe doch das Wasser ...
_Förster:_ Und Ihr hättet gesagt: Das hast du dem Herrn Jesus getan. Der ritt jetzt um die Welt für Euch, in Stücke hauen ließ er sich für Euch. Und wenn die eine Hexe ist, will ich mit der in die Hölle fahren, wo die hinkommt, dorthin! Wär aber ein viel zu guter Platz für ihn, meint er.
_Gisela:_ Und dann ritten wir wieder, und wieder die Lippen an meinem Kopf und leise Worte ... Narrenworte. Er sei nicht der schöne Jüngling Tod, aber der ritte hinter ihm, ich solle nur keine Angst haben. Wenn es durchaus der Jüngling Tod sein müsse -- der ritte hinten ... er höre die Hufe seines Pferdes hinten aufschlagen. Und wie leid es ihm wäre, daß er nur ein närrischer Grafensohn sei, denn mit dem Jüngling Tod wäre ein feineres Reiten. Der hätte keinen harten Arm, einen weichen Flügel hätte der, und keinen immer heruntergleitenden Mantel, einen dunkeln weichen Schleier, da hüllte er mich darin ein und flöge mit mir über alle Feldwege und stolprige Baumwurzeln hinweg, hinauf durch die weißen Nachtnebel zu goldenen Sternen, in Christi Garten hinein, mitten hinein, wo es am schönsten ist, und legte mich in ein Bett von roten Rosenblättern und meinen armen Kopf auf ein Kissen von weißen Rosen, und in jeder Rose sei immer ein Perlentröpfchen. Und darüber neigten sich Hollunderzweige voll mit Blüten und da säßen Nachtigallen darauf und sängen die schönsten Lieder der Welt. Und in allen Liedern käme Etwas vor von Mägdlein mit goldenen Haaren, die noch lächeln könnten und Verzeih! sagen, wenn sie wilde Männer auf Leitern stießen. Und von Mägdlein, die auf hartem Schragen lägen, schneeweiß und so vertrauende Hände ausstrecken nach Söhnen von Mördern, die da herein kämen. Und nicht einen Augenblick denken, die kämen, um sich an ihrem Jammer zu weiden. Gleich wüßten die Paradiesesmägdlein, daß der Sohn des Mörders komme, um sie zu retten. Und nicht weinen würden die Mägdlein und nicht jammern und sich fürchten, und das sängen Alles die Nachtigallen ...
Ach und noch viel mehr! Kein Wort hab ich vergessen, keines. Förster, versprecht mir, wenn ich tot bin, so sagt ihm, ich hätte keines vergessen. Und jedes Wort hielte ich in meinem Herzen wie seine Paradiesesrosen die Perlentröpfchen. Und dann ging es weiter von Mördern und Kinderquälern und die müßten nicht in die Hölle hinunter. O nein! Auf wilden Pferden müßten die reiten, auf Feldwegen, über Baumwurzeln reiten bis zum jüngsten Tag. Aber nicht so stolz wie wir, ein ganz Schlimmer hielte die in einem feurigen Arm. Und wenn es vergessen würde, daß da Steine wären, worauf die Hufe auch einmal ausgleiten könnten, so wolle er es dem ganz Schlimmen schon sagen ... Nein, es geschähe auch denen Nichts! Vielleicht habe ich gerufen: Nicht weh tun: keinen feurigen Arm denen -- denn so ein feuriger Arm, ach das wußte ich, wie das sei. Nein ... auch die nicht, weil ich für sie gebeten hätte, so kämen sie los und kämen alle in ein frisches Bett. Zwar nicht auf Rosenblättern, denn Christi Garten wäre Nichts für die, aber doch ein weißes Bett. Und der Jüngling Tod sei nicht nachgekommen, so schnell seien wir geritten; der sitze gewiß bald auf der Linde dort und singe mir Lieder ... wieder von Mägdlein, und wenn er am allerschönsten Lied sei, so schlafe ich darüber ein. Niemand könne einen so schön in Schlaf singen wie der Jüngling Tod. Und mir sänge er die schönsten Lieder, alle von Christi Garten!
Da hatte er mich schon auf dies Bett gelegt hier. Und nun müsse er gehen, weil ich schlafen sollte und ganz still liegen und auf die schönen Lieder horchen, und wenn ich noch mit Christi Garten -- der sei mir doch sicher -- warten wolle, bis er wieder käme, so wäre es das Schönste, was ich tun könnte -- weil es das Schwerste sei. Und die schweren Dinge, da sei immer am meisten Ehr dabei; und das wäre, was sich für eine Hohenstaufenenkelin geziemte. Und es gehöre mir das Schloß mit Allem, was darin sei, dem Kavalier, der sich als Förster verkleide und in einer Friesjacke herumlaufe, mit den Geistern, und mit Allem könnte ich tun, was ich wollte. Ach und nun warte ich immer noch! Und wenn ich zu krank war, ihn zu sehen, nun bin ichs nicht mehr.
_Förster:_ Kann nicht sein ... Bin dem alten Grafen auch Etwas schuldig ...