Von der Hexe die eine Heilige war
Part 3
_Gisela:_ Was würd ich dem Grafen damit antun?
_Förster:_ Gräfin Gisela, ich erzähl Euch noch eine Geschichte von so Narrenwerk.
_Gisela:_ Förster, ich dank Euch, ist das schön, schier so schön wie im Löwen, wenn jetzt noch der Feldmann dabei wär!
_Förster:_ Kommt morgen mit ... soll Euch auch sehen! Der Leibjäger hat mir die Geschichte erzählt, da bei der Treibjagd, wo der Herzog dabei war. Da habe der Junggraf in Straßburg Schulden gemacht -- so gar viel sei es gerade nicht gewesen, aber es habe den alten Herrn gewurmt, daß es nicht Kavaliersschulden waren, sondern wieder Narrenschulden. So sei denn der Graf nach Straßburg geritten, mit dem Leibjäger und noch zwei Andern, denn sie hätten Geld bei sich gehabt. Und in Straßburg habe der alt Herr dem Jungen den Kopf gewaschen, man hätt nicht zu horchen brauchen, man hätts auch so gehört. Der junge Herr habe nicht einmal viel gesagt -- recht degenmäßig sei er gewesen. Zuletzt habe es schier Krach gegeben ... nur der alte Herr! Da habe der junge Herr auf einmal wieder angefangen und gesagt ... Du brauchst mich gar nicht zu verhalten, ich bringe mich schon selber durch. Der alt Herr: Mit was denn? Mit was! Mit Narrenwerk! Das kannst du, und sonst nichts ... Du mit deinem ewig hungrigen Leib, keinen Tag bringst du dich durch! -- Ich kann singen, Vater. -- Dann geh und sing vor der Leute Häuser und sieh, ob die dir ein Stüberlein hinauswerfen.
Der Jung Herr fliegt zur Kammer hinaus -- halb mit Willen -- halb hat der alt Herr geholfen und geht fort. Und der alt Herr im höchsten Zorn zu den Professores und will hören, was die über seinen Sohn sagen. Der Jung Herr zu einem Freund, der ein armer Gottesgelehrter gewesen sei und ein altes, verschlissenes, graues Habit gehabt habe, -- das angezogen, eine alte Pudelmütze über den Kopf, das Gesicht mit Ruß verschmiert, die eine Schulter hoch mit Werg verstopft wie einen Buckel, und über sein eines Auge ein schwarzes Flecklein gehängt an einem Bändlein, als ob er einäugig sei. Dann nimmt er seine Laute und geht fort, kein Mensch hätt ihn mehr gekannt. Sein Freund hinter ihm drein, trägt er ein Beutelein und der Jung Herr singt. Und wenn der singt, dem gäb mein Weib etwas, wenn er ihr singen wollt.
_Gisela:_ Ich kann auch singen, Förster, schön kann ich singen ... ich sing auch noch einmal ein Lied ...
_Förster:_ Zuletzt seien sie an das große Gasthaus gekommen, wo die vornehmen Herren und auch der alte Graf gerade bei Tisch saßen. Da habe der junge Herr unten angefangen -- der Leibjäger stand hinter des Grafen Stuhl -- zu singen: Es steht ein Baum im Odenwald, ... da sei dem alten Herren eine Lohe übers Gesicht geschlagen, daß es dem Leibjäger Angst geworden sei --. Und einer der andern Herren aufgestanden und gesagt ... Da singt aber einer -- so hab ich noch nichts gehört. Da fragen die Andern: Wer ists denn? Der alt Herr rührt sich nicht. Da ruft der: Ein einäugiger Bettelmann, ein gar so schreckhafter Mensch, die edlen Frauen sollten nicht hinausschauen! -- Darauf alle Damen ans Fenster und die Herren und der alt Herr auch, denn der war wieder vergnügt. Und unten so ein Gesang und sonst Stille. Und wie es zuletzt kommt -- »da fällt der Schnee so kalt, so kalt, das Herz es mir zerreißt« -- da laufen dem alten Herren die Tränen herunter, er langt in seinen Beutel und wirft dem Bettler eine Golddublon hinunter. Der macht einen Diener, bückt sich nach dem Goldstück und drückt es sich ans Herz und will davon gehen. Da werfen auch die Andern Geld hinunter und die Frauen und die Fräulein wollen auch ein Lied. Da sang er denen das Lied von den zwei gefangenen Soldaten --. Sie wurden gefangen geführet ... keine Trommel ward um sie gerühret ... im ganzen römischen Reich ... Und wie er zu dem Vers kam -- wo es heißt ... du liebster Herzgefangener mein! da haben die Frauen ihre Ringe losgemacht und Haarpfeile heraus und haben sie heruntergeworfen. Der Einaug bückt sich nach Nichts, läßt Alles liegen, nur das Goldstück von unserem Herrn hat er genommen. Der arme Freund hat Alles zusammengelesen. Der Einaug macht noch eine Reverenz, daß wieder dem Grafen eine Lohe übers Gesicht schlägt und geht hinaus zum Hofe, der Andere mit dem dicken Beutel hintendrein. Da ging der Graf in seine Stube und bald kommt auch der Junge die Treppe heraufgeflogen. Wie er das so macht -- so in drei Sätzen -- wieder schön angetan.
_Gisela:_ Ach kein Mensch kann so Treppen herauf kommen, daß man es gleich weiß: Nun kommt das Leben, die Freude kommt, das schöne Lachen kommt. Man kann auch anders die Treppen herauf kommen.
_Förster:_ Der Jungherr sagt: Vater, du hast Recht gehabt ... ich hab Hunger, ich habe mich nicht durchbringen können, laß schnell Essen kommen. So, sagt der alt Herr, hast dich nicht durchbringen können? Mit Musik nicht? Auch mit schönen Liedern nicht? Nein, sagt der Jungherr, nur das hab ich wiedergebracht und legt eine Golddublon auf den Tisch. Du hast heute gesagt: die letzte Rechnung, die war ein Golddublon, die schlüge dem Faß den Boden aus. Tat sie auch! »Vor Kurkosten vor des Barbiers Enkelkind, wegen einem krummen Fuß.« Könnt nicht der Barbier auch eine Schwiegermutter haben und die einen Leibschaden oder eine Bas mit einem Kropf? und muß ich der Straßburger Spittelvogt sein, mit meinem schmalen Braunecker Geldbeutel? Das sähe er auch ein, meint der Jungherr, und deshalb hab er auch die Dublon wieder gebracht. Und das Andere! schreit der alte Graf ... Der Jungherr: Habs einstweilen versorgt ... auch die Ringlein, von den viel holden Frauen. Von denen studiert der Magister Renner noch ein Semester aufs Geistliche, und die Stüber, und was so Sach war, die habe ich bei dem Manne liegen lassen, dessen Haus gestern Nacht abgebrannt ist. Du kannst sie dort holen lassen, Vater. Den Teufel will ich sie dort holen lassen, die Bettelgroschen, schreit der alt Herr, du Herrgottsnarr, du!
_Gisela_ (^leise^): Du Herrgottsnarr, du!
Das ewige Brot
_Gisela:_ Gute Nacht, Trostblümlein.
_Engela:_ Gute Nacht, Prinzessin. Da reitet der junge Graf in den Schloßhof! Ach das wäre die schönste Geschichte, wie mir meine Großmutter noch keine erzählt hat! Von der Hexe und dem Grafensohn! Und das Gewölb -- so schauerlich. Und dann kommt das Geisterschloß und daß die Prinzessin auch noch verwunschen ist.
_Gisela:_ Verwunschen!
_Engela:_ Ja! der Engel Leiden! Vor gar Nichts mehr fürchte ich mich in dem Spukschloß, seit Ihr mir gesagt habt, das schreckliche Klopfen wäre eine Rinne und ein Blech. Aber vor dem Engel Leiden fürcht ich mich! Wenn Ihr mit dem redet ...
_Gisela:_ Das hörst du?
_Engela:_ Jetzt nicht mehr! Aber wie Ihr im Fieber waret! Und Ihr seht schön aus wie Nichts in der Welt und schauerlich wie Nichts in der Welt.
_Gisela:_ Da würdest du dich am meisten vor mir fürchten! Du Armes ...
_Engela:_ Und hör ich auch gar Nichts, so seh ich es Euch doch am Morgen an ... Der Engel Leiden war wieder da!
_Gisela:_ Wie siehst du mir das an ...
_Engela:_ So an den Augen, so ein blaues Leuchten!
_Gisela:_ Da brauchst du dich nicht davor zu fürchten! Gib das Fürchten auf, Engela, kommt nichts dabei heraus, als daß man Kummer hat.
_Engela:_ Die Geschichte wär schön, so zum gruseln und sich daran freuen, und so recht rührend wär sie auch, wie es sein muß -- aber einen Fehler hat sie doch!
_Gisela:_ Daß man nicht weiß, wie sie weitergeht! Und du erlebst sie, die Geschichte! Bis zu Ende erlebst du sie, ich versprech dirs, bis zu Ende.
_Engela:_ Alle Geschichten müssen so ausgehen: und sie fuhren zur Hochzeit in goldener Kutsche, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
_Gisela:_ Es muß auch einmal eine neue Geschichte geben.
_Engela:_ Es darf kein Grab mit Lilien drin vorkommen.
_Gisela:_ Engela, hast du die schöne Geschichte vergessen vom Aschenbrödel und dem Baum auf der Mutter Grab?
Bäumlein, schüttel dich, Bäumlein, rüttel dich, Wirf Gold und Silber über mich!
Lilien waren auch auf dem Grab.
_Engela:_ Ach ja! Keine Prinzessin hat noch einen verbrannten Fuß gehabt, mit dem sie hat nicht gehen können -- und hat müssen auf dem verbrannten Rücken liegen!
_Gisela:_ Die werden ihre Leiden auch nicht erzählt haben! Sie haben goldene Schuhe über den Fuß gezogen und Niemand sehen lassen, daß er ein wenig kleiner ist wie der andere, und über den Rücken haben sie die goldenen Haare gehängt .... Aber schweigen haben ihre Mägdlein müssen, Nichts verraten, sonst weinen die Prinzessinnen. Gute Nacht, du!
_Engela:_ Ich vergeß mein Gebetlein nie mehr! Seit ichs die eine Nacht vergessen habe mit dem Glas Wasser! -- Gute Nacht --
(^sie geht hinaus in den Vorraum, in dem eine brennende Laterne von dem Balkenwerk herunterhängt; über der Treppe ist ein Fenster mit einer tiefen Nische ... Der Junggraf Heinz von Brauneck fliegt die Treppen hinauf, die letzten vier Stufen nimmt er auf einmal^).
Graf _Heinz:_ Engela, wie ist es jetzt, der Förster sagte mir, man wisse immer noch nicht --
_Engela:_ Wie die Geschichte weitergeht, Herr Graf ...
Graf _Heinz:_ Weil ich nicht wußte, wie es stände, hab ich dies mitgebracht.
_Engela:_ Rosen und Früchte, Äpfel und ein Pfirsich!
Graf _Heinz:_ Für Leben und Sterben. Wenn es Sterben hieße, die Rosen da -- ganz naß vom Regen sind sie ... und wenn es Leben wäre ..., die Früchte. Den Pfirsich, den muß sie essen, es ist eine Schande, daß es nur einer ist! -- Du Engela hast so viel Kinderlehre jetzt versäumt, so will ich dir ein wenig nachhelfen.
_Engela:_ O die Prinzessin Gisela sorgt ganz schön für meine Kinderlehre.
Graf _Heinz:_ Meine Tochter, rede nicht in die Unterweisung hinein! Sondern erkenne, daß es Jungherren und Jungfräulein immer geziemt, die Wahrheit zu reden. Vernimm die Geschichte von dem Pfirsich. Das Kinderlehr halten muß schwerer sein, als ich mir gedacht habe. Muß doch nicht gut genug aufgepaßt haben. Hochwürden hat mich einmal aus der Kinderlehre gejagt wegen ungebührlicher Scherze. So etwas tust du nie!
_Engela:_ O nein, nie.
Graf _Heinz:_ Ich wollte Pfirsiche haben für deine Prinzessin, und ganz recht, daß du sie so nennst: denn es ist Wahres daran, und du kannst dir etwas darauf einbilden, daß du es zuerst herausgefunden hast.
_Engela:_ Alle Andern haben Hexe gerufen, ich nie. Prinzessin habe ich gesagt, wie ich mich einmal getraut habe, mit ihr zu reden.
Graf _Heinz:_ Ich vergeß dirs auch nicht, Engela, deshalb hole ich auch versäumte Kinderlehren mit dir nach! Also Pfirsiche wollte ich, und das Schönste wäre gewesen, so über die obere Mauer hängen, einen Korb mit einem Strick ans Geländer binden und hinein mit den Pfirsichen! Aber da fällt mir gerade noch ein, der Gärtner, der einen Mordsstolz auf die Pfirsiche hat und sie auf die Tafel bringen will, könnte meinen, ein Gärtnerbursche habs getan und haut dem den Buckel voll. Und jetzt kommt die Moral oder Nutzanwendung. Wozu ist es nützlich, wenn man die Wahrheit redet? Oft, wenn man ein Geheimnis braucht und sagt die Wahrheit, so glauben es einem die Leute nicht und man hat die Sache erst recht versteckt. Aber diesmal gehts anders herum. Ich steh an der heißen Mauer und seh dem Gärtner zu, wie er anfängt die Pfirsiche herunter zu tun. Immer mit einem Aug auf mich! Mich kennt er schon lang und weiß, daß ich für die leiblichen Güter des Lebens bin. Dann sag ich -- und denk, er glaubt mirs doch nicht, er meint, sowie ich ums Eck bin, eß ich ihn doch selbst: »Gib mir doch einen Pfirsich, ich will ihn einem schönen Fräulein bringen.« Und der sieht mich an, grinst und langt den schönsten herunter. Er muß es doch geglaubt haben, denn er hat von selbst mir den großen Rosenstrauß geschnitten. Mehr konnt ich auch nicht verlangen, denn seine Freud mit den Pfirsichen auf der Tafel wollte ihm deine Prinzessin gewiß nicht nehmen. Trags hinein, Engela, laß ein Ritzchen offen ...
(^Engela trägt das Körbchen hinein.^)
_Gisela:_ Rosen und Früchte! Regennasse Rosen! Wie ist das schön! Ich liebe den Regen und kann nicht hinausgehen zu ihm! da kommt er zu mir. Auf Rosen kommt er. Gib sie mir in meinen Arm, die Rosen! Ich dank ihm, o ich dank ihm. Immer das, was ich am liebsten möchte, bringt er mir. Immer das!
_Engela:_ Es sei für Leben und Sterben, hat er gesagt!
_Gisela:_ Für Leben und Sterben! Immer das, was mich tröstet, weiß er. -- Kein Mensch kann so trösten.
_Engela:_ Trösten?
_Gisela:_ Trösten. Sieh mich an! Bin ich nicht -- glückselig?
_Engela:_ Man hört es auch, daß Ihr das seid! an der Stimme.
_Gisela:_ Glückselig, das ist ein schönes Wort. Glückselig! Ein Wort wie regennasse Rosen, wie Leben und Sterben ... Er hat mich getröstet, das heißt nun: Schönes Glück, seliges Sterben, das wünsch ich dir, das bring ich dir! Beides gleich schön. Du weißt nur nicht, was schöner ist: wart es ab, es wird kommen, wie es kommen muß, immer schön, immer gut! Sage ihm, daß ich ihm danke. Mach das Ritzchen zu, dort ist ein Ritzchen offen. Gut Nacht, Engela, du sollst nicht mehr herein kommen, auch nicht lang mehr bei dem Junggrafen stehen ...
(^Engela geht hinaus.^)
(^Der Junggraf sitzt am Fenster, auf dessen Brüstung er sich hinaufgeschwungen hat, und schlingt seine Arme um das eiserne Fensterkreuz. -- Draußen rauscht der Regen.^)
_Engela:_ Habt Ihr das gehört, das von Regen und Rosen ...
Graf _Heinz:_ Nein, Regen auf Rosen.
_Engela:_ Ich darf nicht mehr hereinkommen und soll nicht lang mit Euch reden.
Graf _Heinz:_ Nicht lang mehr, aber kurz! Sind die Streifen an den Händen, die jetzt die Rosen halten, heil ...
_Engela:_ Schon lange heil, aber man sieht sie noch, o sehr sieht man sie noch!
Graf _Heinz:_ Sag ihr, daß es Perlenarmbänder gebe.
_Engela:_ Ich glaube nicht, daß sie die will -- sie sagt, deren schäme sie sich vor Gott und Menschen nicht.
Graf _Heinz:_ War nicht eine Hand schlimmer wie die andere --
_Engela:_ Die Rechte, wo der Knoten von den Stricken war. O ich fürchte mich, Eure Augen geben einen Schein im Dunkeln.
Graf _Heinz:_ Ist nicht gut daran zu denken -- an so feine vertrauende Hände und Stricke darum -- Engela, geh zu Bett. Sei froh an den Geistern, die du hier hast, im Schloß Brauneck da gehen Geister! Das Blut in den Adern machen die erstarren. Ein Mägdlein soll man sehen, schöneres habe es nie gegeben, mit zusammengebundenen Händen, und einen Schrei soll man hören dort wie von der süßesten Stimme der Welt, die immer noch schön wäre und wenn es klänge wie zerrissene Saiten. Immer auch die Saiten noch von Gold. Immer auch der schrille Klang von goldenen Saiten, und dann klängen sie aus -- in einen Hauch von Weh, als sängen alle Nachtigallen und Schwäne ihr Leid, ehe sie sterben ... Geh jetzt, Engela, ich muß auf den Regen horchen ... Also keine Perlen-Armbänder! Sie will keine, sie braucht keine, sie bekommt keine. Ich sterbe noch als reicher Mann --
_Engela:_ Goldene Schuhe (^sie geht^).
Graf _Heinz:_ Gute Nacht! Goldene Schuhe? Warum goldene Schuhe! Wenn sie keine Perlen-Armbänder will! Soll sie haben, die goldenen Schuhe! Wenn es die gibt; aber warum goldene Schuhe? Daß man leben muß in Geisterschlössern! Wer sagt müssen! Man könnte den alten Herrn bei seinen Geistern lassen! Die könnten ihm Geschichten erzählen von weißen Mägdlein mit so vertrauenden Händen, um die rote Streifen gehen, und von einem Narren von Sohn, den er einmal gehabt. Viel sei nicht an dem Narren gewesen, er hatt aber nur den einen, so wars eben besser wie gar keiner. Möchte wohl wissen, wie lang ers aushielte mit der Geister-Kumpanei. Ist ihm jetzt schon nimmer ganz wohl! Aber immer noch viel zu wohl als für seine alte Seel gut ist.
(^Der Förster kommt die Treppe herauf.^)
_Förster:_ Ach junger Herr, so im Düstern sitzen, kommt doch herunter in die Erkerstube.
Graf _Heinz:_ Ganz schön im Dunkeln da. Hör den Regen gerne rauschen, den Nachtwind um alte Türme schweifen. Man könnt eine Musik daraus machen, mit Allem, was es gibt, mit Violinen, mit Kontrabässen -- und dazwischen ein Ton von goldenen Harfensaiten! Wie Nachtigallen, die sterben. Förster, sagt mir, warum goldene Schuhe?
_Förster:_ Wer will goldene Schuhe? Die Junggräfin nicht, braucht noch lang keine Schuhe, keine goldenen und keine anderen.
Graf _Heinz:_ O warum keine goldenen Schuhe und keine andern?
_Förster:_ Ich habe gehört, wenn ein Fräulein den Wunsch hätte, daß nicht geredet würde, so solle man sie schweigen lassen.
Graf _Heinz:_ Ein alter Kavalier muß immer einen jungen unterweisen.
_Förster:_ Kavalier! Das Fräulein Gisela meint, ich solle Euch fragen, ob es das gäbe, das ewige Brot?
Graf _Heinz:_ Das ewige Brot?
_Förster:_ Man gibt einen Laib Brot her und hat doch immer wieder einen! Und Niemand brauchte dafür zu danken!
Graf _Heinz:_ Das ewige Brot! Und Niemand soll danken? Soll sie haben, ihr ewiges Brot. Wird einen netten Tanz geben mit dem alten Herren, macht nichts, ich hab ja seine Schrift.
_Förster:_ Schon seine Schrift. Und für das ewige Brot! Das geht aber schnell.
Graf _Heinz:_ Seine Schrift. Und nicht mit geringem Papier und Tintenwerk. Nein fein, wie man so etwas haben muß. Mit roter Schrift auf blütenweißem Grund. Kein Lilienblatt ist so weiß, kein Mohnblatt ist so rot.
_Förster:_ Ihr redet grauslich, so als sollt es eine Unterschrift geben wie mit Blut, wie sie der Teufel verlangt, wenns um Seelen geht.
Graf _Heinz:_ Geht auch um Seelen. Kein Teufel hat dabei Etwas zu tun. Zwei Engel oder einer. Mit dem Laib Brot, das wird wohl der Engel Leiden sein, mit dem sie immer redet bei Nacht -- der andere, das ist ein besonderer Engel, wie sie da droben gar keinen haben und wohl gern einen hätten, mit roten Streifen an den Händen, die so gerne geben möchten und keinen Dank dafür nehmen. Goldene Schuhe will er und bekommt keine, weil er sie nicht braucht .. denn es wachsen ihm ja Flügel. Schöne, herrliche, weiße Flügel wachsen ihm; ich will schnell die Schrift aufsetzen, ehe er die aufhebt und davonfliegt und wir ihm mit offenen Mäulern ins Blaue nachgucken. Ich geh mit Euch hinunter und schreib es, ich bin gleich fertig. Dann bringt Ihr die Schrift der Gräfin Gisela morgen früh hinauf, aber Ihr selbst und sagt ihr: Es schicke ihr der getreue Narr zur Morgengabe -- das ewige Brot.
* * * * *
^Am andern Morgen.^
_Förster:_ Guten Morgen, Gräfin Gisela. Ist eine rechte Sturmnacht gewesen. Soll Euch dieses bringen zur Morgengabe ... Die Unterschrift besorgt der Jung-Graf heute ... (^Er geht wieder ab.^)
_Gisela_ (^entfaltet ein Pergament^): Ein Schriftstück ... was ist das? (^Sie liest.^) So stifte ich, Heinz von Brauneck, zum ewigen Angedenken an die Nacht vom 26. September 1672, in der mir am Kreuzweg zwischen Sommerberg und Schloß Schweigen ein Engel begegnet und mit mir aus ehernem Kelche vom Waldbrünnlein trank, 200 Golddublonen aus meiner Mutter Brautschatz. Das Geld soll auf Zinsen gelegt und aus dem Zins Korn gekauft und daraus jede Woche 30 Laibe Brot gebacken werden. Und soll diese Stiftung bleiben auf ewige Zeit. Und soll das Brot verteilt werden an arme gebrechliche und alte Weiblein und soll am Jahrestag gedacht werden des Engels, der mit dem Grafen Heinz von Brauneck aus ehernem Kelche vom Waldbrünnlein trank ...
_Gisela:_ Das ewige Brot! (^Sie erhebt sich ein wenig und schaut hinaus zum Fenster, von wo sie ein Stückchen Feld sehen kann, es geht der Sämann darüber, hell leuchtet sein Samensäcklein herauf vom Tal ... Dann flüstert sie:^) Wirf aus dein Samenkorn, du Sämann! Wirf es aus über das heilige Land. Ihr Winde Gottes, weht mit sanftem Flügel über die dunkle Erde, die das Samenkorn verbirgt. Du weißer, feiner, weicher Schnee, bedecke die grünen Kindlein, daß sie nicht frieren. Du liebe Sonne, lüfte mit goldenen Händen die Decke, wenn die Kindlein ausgeschlafen haben. Ihr Lerchen, steigt auf aus dem Feld und lobet den Vater, der die Witwen und Waisen nicht vergißt und die kleinen Vöglein mit frohen Stimmen gesegnet. O komm linde herab vom silbernen Mond, du Nachttau, und tränke die durstigen Gräslein, daß sie schlank in die Höhe sprießen und stark werden und stolz ihr goldenes Krönlein tragen. Ihr Kornblumen, schmücket das Gottesfeld mit blauem Rande, und zeigt den gesenkten Aehren im Spiegel den blauen Himmel, daraus ihr erstes Körnlein fiel. Kleines Mäuslein, geh heraus aus dem Acker, und such dir deine Nahrung dort, wo nicht der Armen Brot wächst. Und wenn die bleigrauen Wolkenberge mit weißem Rande emporsteigen, so neigt euch hernieder, ihr Engel, und umstellt mit weißen Flügeln das Feld, daß kein Hagel es treffe. Ihr silbernen Tropfen im dichten Fall, o beugt mir die Halme nicht zum Grund, daß der goldene Segen nicht verderbe, und es werde das Brot der Armen. -- Und wenn die Schnitter mit starken Armen die Sichel schwingen, so sende du, Vater, der du machest Winde zu Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern, ein kühles Lüftchen über die heißen Stirnen und behüte sie alle, daß kein Sonnenpfeil sie treffe. Und nun kommt und holt es euch, das Brot! Ihr Müden, ihr Alten, du Witwe mit dem Sorgengesicht, du armes Mägdelein, das Leiden gezeichnet, kommt durch Sommer, durch Winter hindurch, durch gute Jahre, durch böse Jahre. Ich sah euch kommen, ein langer Zug durch Jahrhunderte hindurch geht er schon .... Mein Leib ist dann lange in Staub zerfallen, Niemand weiß mehr etwas von der Hexe. Nehmt und holt es euch, das Brot, das die Liebe euch gab. Und du, Großmutter, schneid es an für das Enkelkind.
Inhalt
Was das Waldschloß erzählt Seite 1 Das himmlische Gloria » 8 Die furchtbarste Geschichte der Welt » 11 Wie Gisela mit Leiden stritt » 16 Der Herrgottsnarr » 26 Das ewige Brot » 48
Druck von _Heinrich Bauer_ in Marburg a. L.
Anmerkungen zur Transkription
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Regieanweisungen wurden mit ^Zirkumflex^ markiert.
End of Project Gutenberg's Von der Hexe die eine Heilige war, by Agnes Günther