Von der Hexe die eine Heilige war

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Agnes Günther

Von der Hexe die eine Heilige war

5.-8. Tausend

Marburg an der Lahn Verlag der Christlichen Welt

Vorwort

Am 16. Februar 1906, gerade fünf Jahre vor dem Tode der Dichterin, ist ein Schauspiel »Die Hexe« von Agnes Günther über eine Liebhaberbühne gegangen. Darin war ein Ausschnitt aus einem ursprünglich episch aufgefaßten Stoff dramatisch gestaltet. Aber bald darauf begann die Rückbildung dieses Stoffes ins Epische; die nachfolgenden Bruchstücke liegen auf dem Weg zur epischen Form, deren Vollendung der Verfasserin nicht mehr vergönnt war. Sie sind im Jahr 1906 in der »Christlichen Welt« erschienen, und obwohl sie keine Szenen aus dem Drama selbst wiedergeben, stehen sie diesem zeitlich doch so nahe, daß die dialogische Form in ihnen beibehalten ist.

Das Problem der »Heiligen« hat die Dichterin auch hier beschäftigt, wie sie in ihrem Werke »Die Heilige und ihr Narr« unter dem Schleier der Dichtung die Geschichte von der Reinigung der Seele erzählt hat. Die Freunde jenes Werkes werden auch zu diesem Büchlein greifen wollen; sie ahnen dann etwas von dem, was die Frühverstorbene noch zu sagen vermocht hätte. Jene schmerzdurchzitterten und doch so sieghaften Worte vom Leiden, dem starken Freudenwein der Ewigkeit, sind an ihrem Sarge auf sie selbst gedeutet worden. Nun gehen sie noch einmal aus und finden vielleicht da oder dort ein Herz, das sie trösten. Denn »Wie Gisela mit Leiden stritt« -- das ist ein Stück aus der Herzensgeschichte der Menschheit.

_Marburg_, den 9. November 1913 _Rudolf Günther_

Was das Waldschloß erzählt

Ich wohne in einem Waldlande, in dem es viele alte Schlösser gibt. Keine Ruinen, das ist eben das Besondere, sie sind alle wohl erhalten und liebevoll gepflegt. Jedes dieser Schlösser hat viel erlebt -- sie alle haben den Jammer des dreißigjährigen Krieges an sich vorüberrauschen hören -- sie sahen ein kümmerliches deutsches Leben wieder erstehen -- sie wissen viele, viele Geschichten, die alten Schlösser. Darum liebe ich sie auch so sehr.

Keines aber liebe ich mehr als ein vergessenes Waldschloß, das ich Schweigen nennen will. Es ist eine Burg mit Palas und Bergfried und äußerem und innerem Schloßhof. Im äußeren Schloßhof steht eine herrliche Linde, von einer Brustwehr umgeben, von der man hinunter sieht in grüne Täler und hinüber an blaue Waldberge. Auch ein Brünnlein singt dort sein eintöniges Lied. Die Linde ist sehr alt, gewiß dreihundert Jahre, sie rauscht so seltsam, diese Linde, die weiß auch Geschichten. Im innern Schloßhof ist eine schöne Pforte und darüber ein in Stein gehauenes Wappen. Von ihr aus führt eine Treppe in die oberen Stockwerke. An den geweißten Wänden hängen schwarzdunkle Bilder, mächtige Hirschgeweihe dräuen von jeder Wendung herunter. Oben ist ein Vorraum, in den die verschiedenen Türen münden. In der Mitte steigt dunkles Balkenwerk in die Höhe, das die Decke trägt. Um die dicken Holzsäulen geht ein Bänkchen. Da wartete wohl einmal Jemand.

Gleich die erste Türe, in die ich hineingehe -- und ich gehe oft hinein, und am liebsten allein mit der Försterin, die das Schloß verwaltet, -- führt in ein Schlafgemach. Alle, die das Bett sehen in dem vergessenen Waldschloß, staunen über diese Pracht der seidenen Vorhänge, an denen fleißige Hände Jahre lang gestickt haben müssen. Das Bett ist nun leer, aber die Försterin holt mir immer wieder eine gelbe, seidene Decke heraus, die sie in einer Lade aufbewahrt, und zeigt sie mir. Blasses Gelb ist die Decke, und mit weißen, seidenen Ornamenten ist sie gestickt. Sie ist schon sehr alt, am Rande hat sie Löcher, aber in der Mitte sind ihre Farben frisch.

Wie kommt diese Decke in das einsame Waldschloß, in dem seit manchen Jahrhunderten die hohen Herren, die da jagen, nur eine Nacht schlafen, um am grauenden Morgen auf die Pürsch zu gehen? Ach könnt ich doch allein bleiben hier, eine Nacht nur, und hören, was sich die Wände erzählen, was die alte Diele kracht, was das Käuzlein draußen im Bergfried schreit. Kommt nicht ein Schritt die Treppe herauf? Wer wartete da draußen auf dem Bänkchen? Klingen nicht verlorene Lautentöne um das Balkenwerk? ... Immer wieder komme ich, es rauscht mir das Brünnlein, ich streiche mit verlangenden Händen über die gelbseidene Decke, durch das Epheugewirr am Fenster fällt goldenes Abendlicht auf das Himmelbett .. und .. da sehe ich ... ich sehe ein weißes Linnen über die verlassene Lagerstätte gebreitet -- die gelbe Decke liegt wieder darauf. Auf den Kissen liegt ein goldener Kopf .. Ein Mädchen! Nie sah ich etwas Schöneres! Diese seltsamen blauen Augen! Diese dunklen Pupillen, die sich plötzlich weiten und deren Blick dann die Ferne durchdringen soll. Ich kenne die Augen, ich kenne den Blick. Warum ist denn das Mädchen so blaß? Ich sehe die zarten Hände auf der gelben Decke liegen. Es läuft ein roter Streifen um das Handgelenk, ein häßlicher roter Streifen, und doch! er gehört zu diesen Händen. --

Da ist wieder Alles verschwunden. Traurig gehe ich hinaus. Ach wie lang währt es, bis sie mir Alles erzählt haben, was sie wissen, diese grauen Wände, der kreischende Turmhahn, dieses Fenster, das über der Treppe mit den Geweihen ist. Die Linde rauscht: »Ich sah einen Reiter, im rasenden Ritt kommt er den Berg herauf, wen hält er vorne auf seinem Pferd? Ich sah einen goldenen Kopf, der wie eine gebrochene Blume herunterhängt. Ich sah den Reiter im Burghof absteigen, und vorsichtig trägt er in seinen Armen ein Mägdlein hinein zur Pforte. Ach es ist lang her -- die große Eiche dort war noch ein kleines Bäumlein.« Mehr als zweihundert Jahre her ists dann, denk ich. Was war das für eine Zeit? Die schlimme, die bittre Zeit im deutschen Land, da überall die Scheiterhaufen rauchten und ein unsäglicher Jammer zum Himmel schrie -- -- die roten Streifen an der Hand, und die Augen, die in die Ferne sehen! Das war eine Hexe. Und der Reiter verbarg sie hier. Er flüchtete sie wohl. Drüben, zwei Stunden weit, ist eine kleine Residenz, dort liegen noch viele alte Papiere, die noch heute das Herz vor Entsetzen schlagen machen, wenn man in sie hineinsieht. Er sandte ihr die seidene Decke; für sie hing er die wunderbaren Vorhänge an das Holzwerk des Betthimmels.

Ich kann das Mädchen mit den goldenen Haaren um das weiße Gesicht nicht vergessen. Wenn ich Lilien sehe, denke ich an sie, aber weißer, viel weißer als die Blumenblätter war diese Haut, goldener, viel goldener als die Fäden im Lilienherzen waren diese Haare. Seidene Decke, du mußt die Geschichte wissen, der Lindenbaum sah sie nur kurz, -- du brauner gedrehter Bettpfosten, du bist doch die ganze Zeit dabei gestanden! Hast du denn alles vergessen? Du hast so viel Zeit daran zu denken. Hast du denn je wieder so etwas Liebliches gesehen? Blieb denn kein Ton der Stimme, der Stimme, die zu den Augen und den Händen gehört, irgendwo hangen? Ich hörte doch auch die Lautenklänge um das Balkenwerk des Vorraums schweben -- Geister von Klängen nur -- doch ich kenne sie ja, -- das ist eine alte Volksweise ... »Es ist ein Schnitter, heißt der Tod -- Freue dich, schöns Blümelein.« Es ist eine Männerstimme, die singt und die im Weinen erstirbt. Und dann höre ich noch eine Stimme von dem Lager aus -- das muß ihre Stimme sein -- ach das ist ja die süßeste Stimme der Welt! Und dann eine Altweiberstimme, freundliche Trostworte murmelnd.

Nun weiß ja jedes Eckchen zu erzählen, Nichts haben die vergessen, gar Nichts. So lang haben sie gewartet, bis sie es Jemand erzählen durften, was sie wissen. Jemand, der nicht nur hört, der auch sehen kann, wenn andere Leute nur das kahle Bett und die gelbe Decke sehen. Und die erzählen mir Alles. Jahre brauchen die dazu, denn nicht immer kann ich bei ihnen sitzen und ihnen zuhören. Sie erzählen mir die Geschichte vom Grafensohn und der Hexe. Von der Hexe, die eine Heilige war. Wie der Grafensohn die Hexe, die eine junge Gräfin und Waise gewesen sei, hieher geflüchtet habe. Wie er um die Wette ritt mit dem Tod, das sah ja die Linde. Wie sie da in langem, schwerem Siechtum gelegen sei, Niemand bei ihr als ein Kind und ein altes Weiblein, ein sehr liebes altes Weiblein, das sie gepflegt habe. Warum war sie denn so krank? Das denk ich mir nun schon, ich kenne ja das Gewölbe unter dem Schloß im Städtlein und die Dinge, die sie dort hatten, von denen habe ich auch schon gehört. Die können sie doch nicht alle auf diese zarte Blume losgelassen haben -- das Weiblein schüttelt den Kopf: O nein, um eine halbe Stunde nur kam er zu spät. Also doch! Eine halbe Stunde kann lang sein, in einer halben Stunde kann ein Leben verdorben oder gerettet werden! -- Das seltsamste Geheimnis wissen die Vorhänge. Sie sagen: Wie oft haben diese träumenden Augen, diese Augen, wie wir sie unter all den Vielen, die in Jahrhunderten an uns vorbeigingen, nie mehr erblickt haben -- zu uns aufgesehen! In Jammer, in Seligkeit, in Staunen. Sehen die nach unsern Seidenfäden? Nein! so sieht man die herrlichsten Stickereien der Welt nicht an! Da sei ein Engel gestanden, der habe Leiden geheißen. Zu dem haben die Augen aufgesehen, daß es Allen manchmal geschaudert, aber immer ihre Seelen bewegt habe. Süßeres und Schauerlicheres habe es nie gegeben, als dieses Antlitz, wenn es aufgehoben gewesen sei zu dem Engel Leiden. Wie hieß sie denn, die Holdseligste? Weiß es vielleicht der krummblinde Spiegel an der Wand dort? Das Brünnlein unter dem Lindenbaum -- es sagt ja immerfort, seit zweihundert Jahren, den holden Namen, und jetzt erst versteh ich, was es sagt: Gisela, Gisela, Gisela plätschert das Brünnlein. Und ich beuge mich darüber und trinke von seinem Wasser. Und dann sitze ich wieder an dem Bett --. Ich muß mich nur erwehren der Geschichten, die sie mir erzählen ... Hier sind etliche.

Das himmlische Gloria

_Gisela:_ Die liebe Frau Trost, die beste Frau Trost ... ich will ihr eine Geschichte erzählen, wie es einmal sein wird ... Wenn ich droben bin im himmlischen Garten, -- der ist sehr groß, -- so such ich mir am liebsten einen stillen Ort unter den Frühlingsbuchen ... Ganz maiengrün sind sie und es geht ein Weg hindurch, auf dem die Sommerfalter fliegen. Anemonen in Tausenden stehen da, und der Wind bringt zuweilen ein Klingen mit von den seligen Chören, sonst ists ganz still -- und ein Bächlein mit schnellen silbernen Wellchen ist auch da, daß ich meine Füße hineinhängen kann ... Da sitz ich dann und wind mir ein Anemonenkränzchen und denk: Vielleicht kommt heute der Herr Jesus vorbei. Dann leg ich ihm mein Kränzchen auf den Weg. Es ist so still, daß mir beinah die Augen zufallen, und ich denk noch so halb im Traum: die müssen heute ein großes Fest da drüben haben, ich hör ja schon die Morgensterne. Die haben nämlich die Orgelpfeifen, jeder einen Ton. Auf einmal flattert was herbei .. es ist ein Himmelsbübchen, so zehn Jahr alt wars, wies kam. Lang ists noch nicht da, drum ists auch noch recht wild. Das sind mir immer die Liebsten, die erst gekommen sind. Gisela, ruft das Bübchen -- wo steckst du denn ... hörst du denn nicht, daß sie drüben den großen Willkomm üben ... Und die heiligen Jungfrauen gehen alle schon hinaus .. die Dorothea fragt nach dir ... du sollst neben dem Herrn Jesus stehen. Nun nehm ich aber mein Anemonenkränzchen und schnell hinunter zur Pforte ... Die winken mir schon. Ich sage: Ja wer kommt denn, Dorothea? Denn so festlich ist es nicht immer .. Es sind richtig die Morgensterne da, für das große Gloria ... Die himmlischen Knaben -- seit wir einen neuen Meister droben haben, singen die immer das: Ehre sei Gott in der Höhe. Und da stehen die Scharen von Stimmen, für den großen Willkomm. Und der Herr Jesus sagt: Gisela, stell dich daher, es kommt die Frau Trost. Und da kommt sie, die Frau Trost in ihrem grauwerkenen Kleid und dem frischen weißen Sonntagstüchlein -- klein, grau, gebückt ... Da fangen sie den großen Willkomm an: Kommet her, ihr Gesegneten des Herrn, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt .... Dann kommt das Gloria. Und ehe der ganze Chor mit den Harfenisten, den Violinen, dem Diskant der heiligen Jungfrauen, -- die Patriarchen singen den Baß -- anhebt .. muß ich die Frau Trost bei der Hand nehmen, daß es ihr nicht zu viel wird. Das braust und tönt, das jauchzt und jubiliert, daß ein Menschenherz vor Wonne zerspränge. Es haltens auch nur die starken Seelen aus, besonders das Forte von den Morgensternen. Die kleinen, die engen Seelen, die vergingen davor, die läßt man so still hinauswischen.

Frau _Trost:_ Was du für Reden tust ... Wird doch kein solcher Lebtag sein wegen einem alten Weib ...

_Gisela:_ Ein altes Weib! Frau Trost, es ist auch ein Jungbrunnen da, du kannst dich drin baden, wenn du willst. Tu's aber nicht so schnell -- das mögen wir so gerne -- wir, die Dorothea und ich, wenn wir mit sanften Händen über den müden Rücken streichen dürfen, der sich in so viel Nachtwachen gebückt hat. Und die hagern Hände wollen wir küssen, die sich bis auf die Knochen abgearbeitet haben in dem langen treuen Leben, so viel Kindlein gewickelt, so viel Sterbenden den letzten Schweiß von der Stirne gewischt ....

Die furchtbarste Geschichte der Welt

Frau _Trost:_ Du hast geweint, du zitterst, wird es denn gar nicht besser?

_Gisela:_ Leiden hat mir eine Geschichte erzählt.

Frau _Trost:_ Ach, Kind, du hast genug -- mußt du dir denn auch noch Geschichten erzählen lassen ... gehts denn dir nicht schlecht genug ...

_Gisela:_ Mir geht es gut, es ist mir noch immer gut gegangen ...

Frau _Trost:_ O, Kind!

_Gisela:_ Die paar Stunden ...

Frau _Trost:_ Es sind jetzt Wochen ...

_Gisela:_ Immer nur eine Minute auf einmal ... Es fällt immer ein Tropfen. Es sind ja Tränen, liebe Frau vom Trost, es sind Tränen ... Da liegt in einer trockenen Bucht ein kleines, leichtes Schifflein ... Nun rinnt der erste Tropfen hinunter -- der ist noch Nichts. Das Schifflein liegt fest und ganz fern rauscht ein Meer ... Das Schifflein will sein Meer ... Nun kommt noch ein Tropfen, jede Minute fällt einer. Nun ists ein Rinnsal schon -- und Tropfen auf Tropfen, jetzt ists ein kleines Seechen, das Schifflein hebt sich ... es fängt schon an, sich zu wiegen -- fallt, fallt, ihr Tropfen ... es sind Wellchen -- große Wellen ... hinaus fährt das Schifflein in sein Meer --.

Frau _Trost:_ Ist das die Geschichte ...

_Gisela:_ Das ist nicht die Geschichte, die mir Leiden erzählt hat ... ist die denn traurig? Das Schifflein will doch in sein Meer, und es rauscht und braust schon mächtig, das Meer. Nein, das ist sie nicht ... Er hat sie mir auch nicht ganz erzählt. Es ist die furchtbarste Geschichte der Welt. Auch Leiden weiß sie nicht ganz ... Ich könnte sie auch nicht hören -- ich hielts nicht aus. Er kann mir nur so Worte ins Ohr flüstern. Denk doch, die Sonne, die dabei war, als es geschah, hat es nicht mit ansehen können. Die hat sich doch in allen Blutlachen der Welt gespiegelt ... Mit den Flammen der Scheiterhaufen hat sie gespielt, die Sonne, verhungernden Kindlein am Weg hat sie noch in die brechenden Aeuglein gesehen. -- Aber da -- da hat sie ihr Gesicht verstecken müssen.

Frau _Trost:_ Leiden soll dir keine Geschichten mehr erzählen ...

_Gisela:_ Ich sag dirs ja, man kann sie nicht erzählen ... Leiden weiß sie auch nicht, nur Gott weiß sie -- die Erde, die alte, auf der bald kein Plätzchen mehr ist, wo nicht eine Träne hingefallen ist, hat gezittert.

Frau _Trost:_ Kind, wie du weinst, o wie du weinst, so hast du noch nie geweint ...

_Gisela:_ Ich muß dirs sagen, es zersprengt mir das Herz sonst ... ich kanns nicht allein aushalten. Heut Nacht, wie ich allein war, beugt Leiden sich über mich und flüstert mir ins Ohr: Siehst du den Herrn Jesus, wie er am Kreuze hängt? ... sag ich: Das hab ich schon oft gesehen, Leiden.

Leiden sagt: Du hasts noch nie gesehen. -- Nie! Du hast seine armen blutenden Hände gesehen, die Pein um einen Tropfen Wasser. Du hast es gesehen, wie er herunter sieht auf sein armes Mutterherz mit dem treuen Johannes, du hasts gehört, wie er sagt: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. -- Aber Eins hast du nicht gesehen ... Er geht nun zu seinem Vater im Himmel und freut sich nicht. Zu seinem Vater im Himmel aus der Qual heraus -- zu seinem Vater, durch die letzten Schleier hindurch, nun bald, und freut sich nicht ... Warum freut er sich denn nicht! Hat er sich denn nicht sein ganzes Leben darauf gefreut, wie er zu seinem Vater kommt und die Vielen mit ihm, die große Sünderin, der weise Nikodemus, der kleine Zachäus, das dünne Weiblein mit dem Kummergesichtlein und dem Scherflein in der Hand, die Ehebrecherin, die Maria, die ihm die letzte Liebe getan ... Viele, Viele ohne Zahl, das Waisenkind am Wege und der Cäsar in Rom, alle, alle die Mühseligen und Beladenen, die Einsamen, die stolzen Seelen, die lieben frohen Kinder mit ihren Palmenzweiglein. Ja, wo sind sie denn alle ... Er sieht sie nicht mehr. Er ist allein. Da unten steht die Mutter, die hat den großen Mutterschmerz, der treue Johannes, er starrt auf verlorene Hoffnungen.

Ja, darf er denn so allein kommen ... er sollte sie doch alle mitbringen ... Er ist allein und schon pocht der Tod mit seinem Hammer an sein Herz ... Man kann sie nicht erzählen die Geschichte, Leiden weiß sie auch nicht, es ist noch ein Geheimnis dabei ... Da hört er Stimmen neben sich ... Häßliche Worte, die fallen nicht mehr hinein in den Becher, der ist randvoll ... dann die andere Stimme: Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst. Sagt der Herr Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein ... Jetzt ist er nicht mehr allein ... Einen von den Allen bringt er mit. Und die Andern, Alle, Alle, die noch an dem Tränenmeer sitzen? ... Da brach ihm das Herz.

Dann ist er hinaufgegangen zu seinem Vater. Aufrecht ging er und hinter ihm drein tragen die Engel den armen Menschen mit den zerbrochenen Gliedern. Da rührt ihn ein Engel an -- er dreht sich um und sieht sie kommen, die Scharen, ein langer Zug ... durch tausend Jahre geht er, und immer noch ziehen sie hinter ihm drein ...

Wie Gisela mit Leiden stritt

_Gisela:_ Leiden, das Käuzchen soll aufhören! Wie es schreit! Hörst dus denn nicht! Es geht mir durch Mark und Bein, wie es schreit. Leiden, kannst dus denn mit anhören! Kannst du es denn mit ansehen, wie ich mich winde!

Warum holst du mir den Schlaf nicht? Wie viel Nächte schon ist er nicht mehr zu dem Fenster hereingestiegen? Leiden, du willst ein Engel sein und da stehst du Nacht für Nacht, Stunde für Stunde und siehst mich daliegen.

Hast dus gehört, was die Försterin heute gesagt hat? Als das Fenster offen war, mußt dus gehört haben. Sie sagte: Ists denn noch immer nicht zu End da droben? Einem Stücklein Vieh gibt man eins vor den Kopf, das wäre auch das Beste, was man der tun könnte ...

Hörst du, Leiden, so muß ich daliegen wie ein armer, zertretener Schmetterling im Staub am Weg ... So bin ich geschändet ... das sagen sie von mir ...

Wars das Käuzlein, das so schrie, war ichs? Wars ein armes Tier, das an einem Pflock angekettet wimmert ... Das bin ich ... ich schrei ... ich ... Du, Leiden, schämst du dich nicht?

_Leiden:_ Du mußt mich nicht an deinem Bette haben, wenn du nicht willst ...

_Gisela:_ Du sagtest, du werdest mich nie verlassen.

_Leiden:_ Ich bleibe auch bei dir, wenn du mich willst -- doch du kannst zu mir sagen: Geh!

_Gisela:_ Wie?

_Leiden:_ Siehst du das kleine Scherlein dort? Es ist fein, schlank und spitzig ... auf dem Tischchen, sie habens da liegen lassen ... das Scherchen nimmst du in deine Hand, -- dein Herz, es pocht, laut genug, du findest es, stoß zu, stoß fest zu. -- Heut hast du noch die Kraft, morgen hast du sie vielleicht nicht mehr.

_Gisela:_ Leiden?

_Leiden:_ Du fürchtest den Schmerz nicht. -- Was ist der kalte Stahl gegen die glühenden Dolche, die dich zerstechen, jede Minute. -- Ich bleibe bei dir und halte dir den Kopf, bis es vorüber ist ... So streck dich aus, ich streiche dir dein wirres Haar aus der Stirne ... Nimm das Tuch zwischen deine Hände, daß keine Flecken kommen auf die seidene Decke, die Er dir geschickt hat. Hast du das Scherlein?

_Gisela:_ Ich habs. --

_Leiden:_ Es kommt ein Zucken, es kommt eine große Kühle, dein Kissen weicht unter dir -- weg flieht der Schmerz -- noch ein Schauder ... Nacht ...

Morgen früh finden sie dich. Sie jammern ein wenig. Die ist nun erlöst, sagen sie ... Sie muß es im Fieber getan haben. Die grobe Magd, die du fürchtest, sagt: Sie hatte so wilde Augen gestern Nacht ...

Dann ziehen sie dir dein silbernes Kleid an. Sie kämmen dir die goldenen Haare um deine schmalen Wangen, sie legen dir die blassen Hände unter die Brust -- da wo der kleine Flecken ist.

Keine lauten Worte mehr um dich, leise Worte ..

Das Kind bringt Blumen, weiße Rosen auf deine Kniee, weiße Rosen für dein Haupt. Du bist noch sehr schön, Gisela, jetzt bist du noch sehr schön.

Es kommt der alte Mann, dessen Geheimnis es ist, daß er dich liebt wie die Tochter und das einzige Weib der Welt zugleich. Er sagt: Sie hat nicht gewußt, was sie tat. -- Laßt sie in Frieden, das Kind Gottes.

Dann ists still um dich. Durch die offenen Fenster weht ein Windlein und hebt dir die Haare von der Stirne. Dann kommt noch die Abendsonne und fällt auf dein silbernes Kleid, und dein Haar glänzt wie gesponnenes Gold. Es kommt die Nacht, stärker rauscht die Linde. Eine Nachtigall singt ihr süßes Lied ...

Da kommt ein leiser Schritt die Treppe herauf ... Er.

Da steht Er und sieht dich daliegen in deinem silbernen Kleid. Vielleicht küßt er deine Stirne, vielleicht fällt eine Träne auf deine Hand -- da wo der rote Streifen ist. -- Vielleicht sagt er, wie in der Nacht der Schrecken: Holdseligste!

Dann tragen sie dich hinaus, nicht in den Garten, in dem die vielen Kreuze stehen, wo die Orgeltöne über die Fliederbüsche hinstreifen ... Du mußt verborgen sein, auch im Tod. Sie tragen dich in den Wald, in den Eichenhain. Sie graben dir dort dein Grab. Der alte Mann spricht: Wir übergeben deinen Leib der Erde. Er steht da und sieht, wie der dunkle Waldboden auf deinen schmalen Sarg fällt. Dann lassen sie dich allein.

Ueber den Eichen rauscht der Sturm, rollt der Donner, es fällt der weiße Schnee.

Es kommen die silbernen Glöckchen wieder hervor. Er kommt manches Mal. Er sitzt an dem kleinen Rain, der schon übersponnen ist mit weichem Grün, er streicht über die schwanken Gräser mit seiner Hand. Ich habe dir Nichts, keinen Stein, der den Tannen und Buchen da sagen könnte: Hier ruht die Holdseligste.

Dann geht er fort und kommt wieder mit dem Kinde und sie stecken die weißen Knollen in den Boden, und im nächsten Jahr stehen die Lilien da -- viele, viele. Ihr süßer Duft umstreicht den Hain, die Schmetterlinge umschlagen sie mit den Flügeln ... der Wanderer, der vorüber geht, er sieht sie stehen im einsamen Wald, in weiße Seide und Gold gekleidet -- herrliche Lieder Gottes. Er bricht sie nicht, er schauert -- er wendet sich. Rings um dich her sind heilige, grüne Hallen, da fällt kein Schuß, da weidet das scheue Reh, da flüchtet es sich hin vor dem Gebell der Meute. Wenn der Schnee kommt, stecken da Kornbüschel für die hungernden Vöglein und Heu für das Wild.

_Gisela:_ Leiden, das ist deine schönste Geschichte.

_Leiden:_ Es ist auch meine letzte. Du schickst mich fort. --

_Gisela:_ Wohin gehst du, wenn du von mir fort gehst ...

_Leiden:_ Zu Gott.

_Gisela:_ Und ich?

_Leiden:_ Du doch auch.

_Gisela:_ Ich auch: Darf ich denn so kommen -- mit meinem Scherlein?