Von den Gärten der Erde: Ein Buch der tiefen Stille
Part 4
Du fühlst die Ausstrahlung seiner einzigartigen Harmonien ringsumher in Licht und Schatten seiner stillen Wege. Auf Schritt und Tritt kommt es hier wie ein Rufen zu dir, wie ein Rufen und Halten von all den lockenden Ufern, die du auf den tausend Nachen seines weltumfassenden Geistes mit dem Gruße des Erkennens geschaut.
Und wenn es deiner Seele gegeben, aus der in tausendfache seelische Wirkungen aufgelösten Persönlichkeit das Bild derselben in seiner Ganzheit im tiefsten Sehwinkel deiner selbst zu erfassen -- kann es dir geschehen, daß mitten im spielenden Schatten der hochragenden Baumsäulen, einen seligen Augenblick lang der Große dir begegnet, der dieses Gartens kleines Rund mit der Macht seines Wesens bis zum Rande füllte.
Sein strahlendes Auge grüßt dich.
Und alles ihm Verwandte rauscht in dir auf und mengt sich mit der lohenden Leuchte seines flammenden Geistes.
Um solch geheimen Begegnens willen suchen Millionen Füße dieser stillen Wege Spuren, verschwinden alle Fernen, rücken aller Länder Grenzen nahe zusammen, finden sich aller Sprachen wirre Melodien zu dem Orgelton des Geistes hin, der alle Strahlenbrechungen weit auseinander liegender Erkenntniswelten in die Zone seiner Ganzheit sammelte. --
Still und sanft liegt er am Wege dieser seltsame Garten. Umbrandet von der brausenden Pracht des sich weit hinstreckenden Parkes, dem auch aus dieses selben Meisters Hand Plan und Leben kam.
Unzählige Erinnerungen, unendliches Erleben, eine Fülle der Gesichte liegt hier wie eine unzerstörbare Schicht über Wegen und Stegen, über den plaudernden Wellen des silbernen Flußes, der ihn durchströmt. Traumhafte Schönheit breitet sich über seine Höhen und Tiefen, im Schatten seiner wundervollen Bäume, im Duft und Farbenspiel seiner buntleuchtenden Wiesen. Hier bringt der Alltag fort und fort ein wogendes Leben. Neugierige und Müßige, Müde und Wanderfrohe schlingen Tag und Tag den Reigen durch die grüne Unendlichkeit dieses Parkes, in dessen schützender Umarmung das andere kleine Gärtlein in heimlicher Stille und Verborgenheit ruht.
Zu diesem aber wallfahrtet die Gemeinde derer, die sich am kastalischen Quell den Rausch der Seele getrunken und an den tiefen Brunnen der Weisheit ihren Durst gestillt. Und dort und hier kredenzte ihnen dieses Meisters Hand die übervollen Becher der Freude, die ihrem Wesen Licht und Leben gab. Und so fühlen sie sich ihm unzertrennlich verbunden in unversiegbarem Dankesglück.
Und eine treibende Sehnsucht führt diese Liebenden immer wieder zu dieser geheiligten Stätte, da sein Fuß wandelte und sein Geist wie in einem Tempel aller Gottheit die höchsten Schätze des Menschentums mit neuem Wert und neuem Glanze nährte. Ja wie in einem Tempel durchschauert es dich beim Eintritt in diesen raumengen und dennoch so weltweiten Kreis dieses kleinen Gartens, in dem ein König von Geistes Gnaden sich selbst ein heilig Denkmal schuf.
Sieben Stufen führen zu ihm hinan.
Auf der Schwelle grüßt dich das mystische Zeichen des Fünfwinkels und dein zögernder Fuß fühlt die Weihe der Stätte, die du betrittst.
Wie Säulen stehen die hohen Linden. Sie werfen ihr Schattenspiel auf langgestreckte Wege zwischen grünen, ruhenden Matten, Wege wie sie der Schaffende liebt und der Träumende braucht, um ungestört dem gleitenden Fluße seiner Gedanken, dem wirbelnden Spiele seiner bilderbeladenen Seele zu folgen.
Und an allen Ecken der Windrose findest du hier Denkmale aufgerichtet, Altäre heiliger Erinnerungen, geheimnisvolle Beziehungen zu der Fülle des Glückes und den Weihen der Liebe, die das Leben der großen Schaffenden wie ein ewig brandendes Meer umwellen.
An den Wegen, wo jetzt purpurne Disteln wie hohe Kerzen stehen, blühten einst Malven, die mit ihren sanft verschleierten Farben sich mit den leisen Tönen der Dichterharfe mischten und den Frieden der Stille mit der endlosen Melodie mystischer Rhythmen füllten, wie sie den schaffenden Geist auf seinem Fluge zur Höhe begleiten.
Du fühlst dich aufgelöst in Schauen und Lauschen. In Seligkeit gefesselt an das starke Fluid der Persönlichkeit, die diesen Raum füllt und beherrscht. Was dir der Große, der hier lebte, geworden, spürst du hier mit stolzem Danke und grüßest ihn mit deiner Seele, die sich ihm nahe weiß in der Gebundenheit zu seinem Denken und der flugfrohen Freude zu den Weiten, die er dir gab.
Wie verzaubert weilst du lange Stunden in dieses Gartens magischem Kreis.
Dein traumverlorner Geist sucht nach einem Symbol der Materie, um sich zurückzufinden aus den Gefilden fernster Horizonte, zu denen die Manen des Großen dich mit hinreißender Gewalt entführten.
Und siehe -- da liegt das kleine Haus, in dem er wohnte.
Ein seltsam steiles Viereck mit der kleinen Fensterreihe hoch oben unter dem jäh aufsteigenden Dach. Von kletterndem Grün umsponnen, steht es in verträumter Geschlossenheit mitten im bebenden Glanze des sommersonnenden Gartens.
Ein Traum mehr zur übrigen Versonnenheit umher, eine Erinnerung mehr in dem seltsam lebenden Bilde, das gewoben ist aus den seelischen Elementen eines längst Gestorbenen und der Liebe derer, die sein nicht vergessen können und das er mit seinem eigenen Wesen so heiß erfüllt hat, daß du Zwiesprache hältst mit ihm, der hier sein überreiches Leben lebte -- ein Leben, das nicht sterben kann noch im Tode.
Und deine Seele segnet diesen stillen Winkel, der so voll Traum und Leben ist, so von tiefster Bewegung durchatmet, von heiligster Liebe derer durchglüht, die fort und fort zu ihm wallfahrten und seines Segens voll, zu ihrem eigenen Wege heimkehren.
Kommt dir da der Wunsch zu deinem Herzen, daß nicht der Zeiten Schritt je diese heilige Schwelle zerstörend überschreite --
Und ich höre deine Stimme sagen --
Rührt mir nicht an dieses Hauses Linien, Ihr zerstörend grausamen Gewalten. Lasset einmal euren Schritt, ihr Zeiten, Weg von dieser teuren Schwelle halten. All der Dank, der wie ein tiefes Beten Zu der stillen Klause aufgestiegen, Soll sich wie ein Schutz um seine Mauern legen, Wie ein Sturm sie wachsam rings umfliegen. Nicht ein Baum soll je hier traurig sterben, Und kein Stein vermodern und verderben, Keine Latte sich am Zaun verschieben, Und kein Nagel rosten -- denn wir lieben, Lieben -- lieben über alles diese Stätte, dieses Haus.
Der seltsame Garten
(Münchener Hofgarten)
Dieser Garten liegt nicht unter denen, die ich euch zeigte. Draußen, mitten in einer großen schönen Stadt ist er zu finden.
Viele Menschen kennen ihn.
Wenn sie hören, was ich von ihm weiß, erkennen sie ihn gewiß.
Er ist die Seele der Stadt.
Und von einer seltsamen Lockung gezogen, strömen Tag um Tag die Scharen der Menschen zu ihm hin.
Er ist nie leer und einsam.
Immer geben pochende Herzen Antwort auf die Geheimnisse, die unter seiner vornehmen Stille ruhen.
Es ist ein Garten.
Und doch keiner.
Klar und übersichtlich sind seine gradlinigen Wege.
Nirgends jene stillen, heimlichen Winkel und dichtlaubigen Verborgenheiten, die eigentlich zu einem Garten gehören.
Die gerade Linie, das Viereck ist sein Symbol.
Und doch wirkt er seltsam bezaubernd.
Wie auf einer Insel der Seligen ruhen hier die Menschen unter dem Schatten des frühlingsduftenden Grüns.
Hier und da ein grelles Blumenbeet mitten im leuchtenden Rasen, dessen weites Rund das Symbol der geraden Linie noch deutlicher macht.
Von früh bis spät wird der Garten nicht leer.
Dort wo unter dem üppigem dichten Gehänge blühender Kastanien unendliche Reihen von Stühlen und Tischen zu Traum und Umschau laden, wird es nicht leer von Kommen und Gehen.
Wie unter einem Bann sitzen sie alle da, die Müden, die Stillen, die Lauten und Ungestümen.
Wie ein hypnotisches Fluidum steht die sonnendurchgoldete grüne Laubdämmerung über ihnen und deckt alle Unruhe und Unrast, alles Suchende und Gequälte, jede Not und jede Sehnsucht, die an dieses goldene Ufer landet mit einer weichen Wolke sanfter Vergessenheit zu. Aufgelöst zu sich selbst, erlöst von sich selbst, losgelöst von Raum und Ding, versinkt Denken und Wollen in dem grüngoldenen Licht, in einer verklingenden Zeitlosigkeit, die Traum und Wirklichkeit -- Ferne und Nähe -- Jetzt und Dann -- dich und die andern in einen Rausch seltsamer Entrücktheit mischt.
Wie ewige Jugend liegt es über diesen Menschen. --
Jugend, die Glut ist und Licht und alle Seligkeit entzündet, die an den tiefen Seen der Seele blüht.
Jugend, die alle Schatten und Finsternisse überwindet, die neben aller Schönheit ihrer Stunde warten.
So im Traum und Rausch versonnen und versponnen sitzen die Menschen Tag um Tag in diesem seltsamen Garten.
Wie auf einer Insel der Seligen.
Draußen ganz dicht und nahe brausen die Wellen der fiebernden Großstadt. Dröhnen die Schläge der Glocken, die Stunde von Stunde scheiden. Rennt, jagt, fährt und saust jedes Tempo jeder möglichen Bewegung, ist die Luft erfüllt von Ziel und Zweck.
Zu den Gestaden dieses seligen Gartens aber dringt nichts davon herein, ob er gleich nur durch weit offene Tore vom Bilde der Straße sich trennt.
Hier ist Vergessenheit und Stille.
Hunderte von Menschen und dennoch kein Lärm.
Träume wandeln auf allen Wegen.
Und die Wellen jeder Sehnsucht brechen sich an den Ufern dieses Meeres von Einsamkeit und Ferne.
Alle Wirklichkeit spricht hier eine neue Sprache. Der große Schwung der Linien, die diesen Garten umgrenzen, scheinen abgelöst von den andern Bauten umher, wie die architektonische Idee an sich im Raume zu stehen.
Das Leuchten der Blüten im schimmernden Rasengrün ist eine Symphonie von Licht und Farbe.
Und die Rhythmen der Musik, die der Mitte des Gartens entstrahlen, sind die tönenden Stimmen all der Sehnsucht, die aus den pochenden Blutwellen der träumenden Herzen umher auf- und niederfluten. --
Und daß dort auf dem breiten Baumgang unter hängendem Goldgrün geräuschlos und ohne jeden Prunk eben ein König über die stillen Wege fährt und mit milder Güte auf all diese bunte Menge blickt -- das gehört so ganz zu dem Traumbilde dieses seltsamen Gartens, daß es von niemanden als etwas Besonderes empfunden wird.
Wenige gibt es, die diesen Garten nicht kennen.
Und keiner, der ihn kennt und ihn nicht liebte.
Diesen seltsamen Garten, der aus geraden Linien und hellen geheimnislosen Quadraten eine mystische Perspektive schafft, die aus den Elementen der Stille, des Rausches, der Verlorenheit des Traumes und den schäumenden Wellen der Sehnsucht sich aufbaut zu etwas tief Unvergeßlichem dem, der es mit der Seele schaut.
Der Garten der Kreatur
Ein seltsames Bild gibt dieser Garten deiner Seele zu schauen. Wie eine Vision steht es da mitten im hellwachen Tage.
Unwirklich will es dir scheinen trotz der intensivsten Realität, die dort dir Schauen und Lauschen erfüllt.
Alle Zonen der Erde haben hier ihre Tore geöffnet, und aus ihnen strömt aller Wesen Wesen vor deinen erstaunten Augen zusammen. Aller Kreatur ist hier eine Stätte bereitet.
Und alle Gedanken, die dem Schöpferwillen in der Jahrtausende Fülle sich entrangen, findest du hier in ihrer gewaltigen Stufenleiter des Lebenden vom kleinsten Amphib bis zur grotesken Übergröße tropischer Gebilde zusammengerufen, und wie im Paradiese ruhen sie einträchtig beieinander.
Aller Kreatur ist in diesem Garten eine Heimat bereitet, eine Umwelt gegeben, wie sie jedem einzelnen gerade vonnöten. Wasser und Wiesen, Hochland und Höhlen, Waldesschatten und Sandwüsten sind von Menschenhand hingebreitet und aufgerichtet, um der tausendfachen Vielheit alles Lebenden eine Stätte der Schönheit und des Friedens zu geben.
Und dein Auge schaut ergriffen über die unerhörte Weite der bunten Möglichkeiten des schaffenden Urwillens, und der Erde unendlicher Kreis fügt sich vor deinen Blicken zu einem goldenen Zauberringe, der wie ein Symbol millionenfacher Zeugungsformen dich in einer kurzen Erdenstunde alle weltenweiten Horizonte jahrmillionentiefer Vorgänge des ewigen Werdens und Vergehens überfliegen läßt.
Mit Schauern der Ewigkeit aus der Zeiten Urwelttiefe und der Unendlichkeit ihrer greiflos gewordenen Fernen grüßt es dich aus diesen unzähligen Zeichen des gewaltigen Lebenswillens wie etwas Namenloses, Entschwundenes, das mit rätselhaften Geisterhänden an die Schwelle deiner eigenen Tage rührt.
Durch die ungeheure Menge tausendfacher Bewegtheit all dieser Kreatur umher, die wie ein Chaos von Form und Farbe und Bewegung hier die endlos weiten Räume füllt, zieht es sich wie ein roter Faden zu dir hin, der den schaffenden Urwillen aus den Nächten des Anfangs leise und geheimnisvoll mit den letzten Dingen deines eignen Wesens bindet und dich in seliger Beglückung für einen hauchkurzen Augenblick mit der heiligen Glut jenes gewaltigen Weltwillens erfüllt und dich deines Daseins tiefste Verbundenheit mit aller Kreaturen Sinn und Sein begreifen macht.
Und anders schaust du plötzlich um dich.
Ein Teil von diesem Allen bist du.
Milliarden sind der Zeiten Schritte, die das Urbild der kleinsten dieser Wesen durch der Ewigkeiten Räume trugen, bis es in dir sich zur Vollendung lösen konnte.
Tausendfach sind die Ahnungen aus dieser Zeiten dunklen Hintergründen, die, seltsamen Erinnerungen gleich, sich in deiner Seele Träume grüßen, und alle Liebe zu Tier und Baum und Blume dringt durch dies Erinnern weich und warm wie der Odem der Heimat zu dir her.
Hier in diesem seltsamen Garten fühlst du es angstvoll und jubelnd zugleich, wie feurig und doch linde die Einheit des Seins das All umspannt, daß die Melodien aller Kreatur aus eines Brunnens Tiefe steigen und die überschwängliche Fülle alles Geborenen mit dem Symbol des in sich zurückkehrenden Kreises tief verkettet ist. --
In tiefster Ergriffenheit wandelst du in der bunt und laut bewegten Welt dieses seltsam fremden Gartens, an dessen Ufer alle Fernen der Erde sich grüßen und erkennen.
Des Schauens ist kein Ende zu finden.
Wesen aus tausend Welten blicken dich an aus Millionen Augen, die hier wie kleine Sonnen leuchten.
Jedes hat einen andern Reflex in seinem beweglichen Rund. Von stiller vegetativer Hingegebenheit bis zu feurigster Leidenschaft ist die ganze Skala seelischer Entwicklungen in der sicheren Sprache des Blickes ausgewirkt. Menschlich mutet dich oft die Geste und das Schauen dieser Wesen an; als könntest du leise Zwiesprache mit ihnen halten, als haben sie dir aus tiefen Vergangenheiten geheime Botschaft zu sagen.
Eine Flut von Formen und Farben und Tönen umbrandet dich.
Und alles Gewoge von Menschen, Tier und Pflanzen, das dich umkreist, wächst in deinem Bewußtsein zu der gewaltigen Melodie des Lebens zusammen, die der Weltgeist in geheimnisvoller Fugenweise auf der Harfe seines Willens spielt. --
Da plötzlich tönen von der Rampe her die rauschenden Akkorde einer brausenden Symphonie, die alles Tönen umher, das wilde Brüllen der Löwen und Tiger, das Schreien der Affen, die krächzend heiseren Rufe der bunten Vögel, den seltsam schmerzlichen Laut des Lamas und all die tausend andern großen und kleinen Stimmen der bunt umherverstreuten Kreatur in die Rhythmen ihrer weiten Harmonien aufnimmt, sie auflöst aus ihrer Gebundenheit und von ihrer Schönheit umhüllt, sie in einer jubelnden Fanfare stolzen Triumphes zu den Grenzen des Alls hinträgt, zu denen der Menschengeist aus Drang und Enge sieghaft seine Wege fand. --
Der Menschengeist, der aller Kreaturen Spuren im Ringe seines Wesens trägt.
Der Garten meiner Stadt
Nicht das allein macht meine Stadt so schön, daß sie sich wie von einem stolzen Purpurmantel historischer Erinnerungen umhüllt, im Tale hinbreitet. Daß alle Winkel ihrer alten Straßen, die stolze Burg auf der Höhe, das vornehme Schloß in ihrer Mitte, von einem schillernden Reichtum ohnegleichen zeugen und in die weiten Zeiten ihrer tief in die Geschichte reichenden Vergangenheiten hineinführen.
Auch nicht die bunte Bewegtheit ihres zur neuen Gegenwart aufblühenden Lebens ist das stärkste ihrer vielen Reize. --
Ihre feinste und tiefste Schönheit ist der weite, blühende, grünende Garten, in dem sie eingebettet liegt, von dem sie wie von einem üppigen Kranze unverwelklicher Freude rings umhangen ist.
Der Frühling jauchzt und lacht in berauschender Fülle über diesen Garten hin, erfüllt ihn mit dem Zauber und Glanz seiner sieghaften Herrlichkeit. Der zarte Duft sprossenden Laubes füllt die Luft mit neuem Traum. Ein Blütenmeer ist über Strauch und Baum und Wiesen hingebreitet und der Farben froher Reigen schlingt sich in leuchtender Glut durch das hundertfältige Grün, das von Busch und Baum und Rasen in das helle Blau des Frühlingshimmels springt.
Die Luft ist ein bebendes Meer von Tönen. Ein Ozean von Liebe durchströmt den Raum, der Liebe aller Kreatur, die mit den Wellen des Duftes, der Farben und der Lieder die goldne Harfe des jungen Lichtes erbeben läßt, daß es wie ein klingender Rausch von ihm her über die blühende Erde und über dein lauschendes Herz geht.
Leise wehen der Birken helle Schleier mit dem Spiel der Lüfte, das fallende Wasser der Brunnen mengt seine eintönige Melodie mit dem gewaltigen Rhythmus des Lebens, das neu erwachend, alles Wartende umher mit Lust und Glück und Freude überschäumt.
So wandelst du von Traum und Rausch umfangen durch diesen göttlichen Garten, der schier ohne Ende dich auf dem ganzen Umkreis der Stadt begleitet. Auf die Höhen, die rings zu Tal und Flusse grüßen, steigt er mit dir, führt dich auf tausend heimlichen Pfaden, drängt sich zu lauschigen Wegen zusammen, dehnt sich zu sonnenlachenden Wiesenweiten, dichtet sich zu schattendem Walddunkel und geht mit dir in weitschwingendem Bogen auf allen Schritten und Wegen, die dich um das reiche Bild dieser schönen Stadt führen.
Mit feiner Kunst sind dieses Gartens Linien hingebaut. Aus dem schauenden Traum eines Künstlers wurde diese tönende Symphonie des hundertfachen Grün geboren, das zueinander hingestellt, gegeneinander abgestimmt, ineinander übergehend wie ein Gebild von Meisterhand sich dir im schauenden Empfinden zu tief bewegten Melodien löst.
Eine Unendlichkeit feinster Reize strömen dir aus diesen, von künstlerischer Hand zusammengefaßten Harmonien von Raum und Licht und Farbenwerten, von bewegten Linien und sanften Kurven, von feinhörig aufeinander abgestimmten Dissonanzen und Assonanzen der schier unglaublichen Fülle der einen ewigjungen Farbe des vielfach grünenden Laubes.
Und jede Jahreszeit hat hier ihr neues Bild.
Farben schlafen ein, die jäh wach vorher im Raume standen.
Andere leuchten auf, die vorerst noch schliefen.
Tausend Töne verlieren sich ins Meer der Ferne.
Neue kommen heran und mischen sich mit den weicheren Schatten des reifenden Sonnenlichtes.
Ernster, tiefer und satter werden die Träume umher und in dir. Fruchtbarkeiten und Erfüllungen folgen dem leichtgeschürzten Tanz der Horen, die den Frühlingsreigen führten.
Und alle Noten, die licht und zart gegen die weiche, seidne Bläue des Frühlingshimmels standen, verstärken ihren Ton und Wert und singen eine neue Paraphrase des ewigen Liedes des Lebens, deren Melodie aus den tieferen Brunnen des Seins geschöpft, dir die reifen und schauenden Träume der Erkenntnis gibt. --
Noch einmal dann jauchzt das Leben auf im Jubel der Vollendung. Das Farbenfanal des Herbstes wirft seine Flammen über die, von ihrer Fruchtbarkeit erlösten Natur. Noch einmal bäumt und schäumt sie auf in vollkommener Lust. Eine andere Lust ist es als die lachende, unbeschwerte des ersten Frühlingstaumels -- aber eines neuen seltsamen Rausches voll.
Vom berauschenden Glücke der Erfüllung seiner selbst getragen, von dem nahen Leide der Vergänglichkeit wie von einem heiligen Schmerze umspielt, bäumt und schäumt die ungeheure Fülle des Gewordenen sich noch einmal auf zu seiner letzten feinsten und tiefsten Freiheit und reißt alles, was Stimme, Farbe und Ton hat, noch einmal mit sich fort zu einem sinnverwirrenden Chaos gewaltiger Daseinslust und orgiastischer Freude -- wie das letzte lohende Firnenglühen der Sonne, eh sie dem Abend in die Arme sinkt.
So feierst du in dieses Gartens weitumfassenden Rund alle Feste der Natur, die ein Symbol deines eigenen Seins und verkettet mit ihm sind; so siehst du dein eigen Blühen und Werden und Steigen und Ermatten in diesen heißen Bildern um dich aufgestellt.
Und es wandeln Tausende so schauend und genießend allzeit durch den herrlichen Garten meiner Stadt, in dessen sanfter Umarmung sie in all ihrer vornehmen Schönheit eingebettet liegt.
Und wer ihn einmal geschaut im Frühlingsglanze, der kann sein nimmermehr vergessen und trägt das Bild in seinem Herzen, wie den Traum eines Künstlers, der zu Leben wurde, um in tausend lebenden Herzen sich wieder in seligen Traum zu wandeln.
Mein eigener Garten
Soll ich von meinem eigenen Garten erzählen --
Ich bin verliebt in ihn -- und Verliebten ist nicht zu trauen.
Sie sagen meist zu viel Schönes von dem, das sie lieben.
Aber mein Garten ist so schön, daß, wenn ich tausendmal zu viel sagte, er immer noch schöner ist, als ich sagen kann.
Ja, ich bin verliebt in meinen Garten.
Verliebt in dem höchsten Sinne, daß ich meine Seele an ihn verloren habe.
Aber er gibt sie mir wieder. Tausendfältig gibt er sie mir wieder. --
Ich öffne die Tür am Wege.
Nun kommt mit. Steigt die Stufen zwischen den überhängenden Zweigen der Tannen und Buchen hinauf, in denen die Sommersonne mit goldenen Kugeln spielt und zwischen den dunklen Ästen klettern die roten Glühlampen der Rosen hinauf. So hast du von Schattenspiel und Lichtleuchten und Purpurfarben ein seliges Willkommen schon beim Eintritt in meine Welt.
Der Garten muß uns eine Welt sein, sonst hat er keinen Sinn.
Eine Welt, an die wir uns selbst verlieren, um uns neu und ganz wiederzufinden. Weit laß ihn sein, deinen Garten, wenn es möglich ist. Nicht eng und klein, daß man von hier bis dort seine Grenzen sieht und immer zwischen Anfang und Ende hin und her geworfen wird und nie zu jenem seligen Untertauchen in die Freude kommt, das uns nur die Fülle gibt.
Ach, ich liebe auch den kleinen Garten des Nachbarn und ich wünsche jedem unter uns ein Gärtlein, sei es noch so klein -- immer ist's seliger als keines. Aber mein Garten ist weit -- weit --
Ins Grenzenlose und Unendliche schaue ich hier, und täglich finde ich ein Neues, Unerwartetes, eine heimliche Freude, ein neues, helles Glück in den vier Winden seiner unerschöpflichen Schönheit.
Ich habe Traurige hineingeführt, und sie wurden getröstet.
Menschen der Freude ließ ich ein, und sie tranken sich göttlichen Rausch an seinem übervollen Becher.
Leidende fanden den Willen zum Leben in ihm wieder.
So kommt und schaut, daß ihr ihn erkennt und liebt mit meiner endlosen Liebe.
Auf den schattenumhangenen Treppen stiegen wir hinauf.
Nun teilen sich die Wege.
Wo nur zuerst hin in diesem Garten ohne Ende. Grenzenlos wie eine selige Unendlichkeit.
Am Abhang, der zur Straße fällt, geht ein lauschiger Weg zwischen blütenduftigen, lachenden Rasenflächen und ernsten, hohen Tannen und Laubbäumen, die einen grünen Wall zum Wege unten hin bauen. Im leuchtenden Rasen stehen viele tragende Fruchtbäume, die ein wenig schwer und nachdenklich ihre Zweige zur Erde senken, sie arbeiten an den süßen Früchten des Herbstes -- stören wir ihre Ruhe nicht.
Überall siehst du reinliche, sandbestreute Wege zwischen den großen, weiten Rasenflächen, die voll zarter, wehender Blumen sind, die wie bunte Teppiche, in tausend Farben gestickt, im Sommerwinde schaukeln. Blau, weiß und gelb flatterts drüber hin im sanften Rhythmus schwebender Schmetterlingsflügel.