Von den Gärten der Erde: Ein Buch der tiefen Stille
Part 3
Die Bäume rauschen im Winde. Die Blumen blühen und duften. Das Licht spielt mit allen Dingen. Im Brunnen steigt und fällt das Wasser. Wege führen durch Schatten und Sonne zu fernen Winkeln, die voller Geheimnisse sind.
Die Stille ist da, und der schwirrende Flügelschlag zwischen Baum und Strauch. Es blühen alle Farben darin, und der blaue Rundbogen des Lichtes spannt sich zwischen seinen vier Winden wie ein seidenweiches Tuch zur Unendlichkeit der Ferne hin.
Ganz wie bei dir und mir.
Und doch ein anderes wird plötzlich der Garten, wenn der Dichter eintritt und mit seinen Sonnenaugen darüber hinblickt.
Unter diesem Blicke wandelt sich alles umher zu einem neuen Sein.
Der Raum, der wie ein Ring dich eng umschließt, weitet sich um ihn zur Unermeßlichkeit, die an den Toren der Ewigkeit landet. Die Zeit, die unter deinen Schritten schmilzt wie neugefallener Schnee, hält ihren Atem an vor dem Lauschen seines Herzens und steht still vor dem suchenden Blick seiner Seele.
Die Wahrheit, die, in dichten Schleiern gehüllt, neben deinen Wegen geht, zeigt ihm ihr tiefstes Angesicht; in ihre seligsten Freuden und wehesten Schmerzen läßt sie ihn blicken, und mit eherner Hand rührt sie an die letzten Geheimnisse alles Wesens, daß er schaue und wisse und die Elemente des Seins sich mit seinem Ahnen mischen, daß die klingenden Worte seines Sanges ein Spiegel werden, in dem die Menschheit das Angesicht des Lebens findet. --
Im Garten des Dichters wandelt die Schönheit nackt und unverhüllt und der Glanz ihrer Herrlichkeit strömt über alle blühende Fülle umher.
Jedes Blatt und jede Blume, jede Farbe und alles Licht, alle Stille und jede Bewegung schimmern und tönen, leuchten und schwingen in diesem seligen Glanze.
Denn die Schönheit ist des Dichters heimlich Gespiel.
Sie baut ihm die goldnen Brücken, die ihn zu seinen Seligkeiten führen. Seligkeiten, die aus jeder tiefen Lust und allen einsamen Schmerzen gemischt, an die tausend Harfen rühren, die ihm im Blute rauschen, die seine Seele mit allem Weh und Leid des Daseins füllen und seines Blickes Rund zur Endlosigkeit des Schauens weiten.
So rührt die Schönheit in des Dichters Garten mit ihren königlichen Händen an jedes Blatt und jede Blüte, an alle Farben und jedes Licht, an die Tiefe der Sehnsucht und den klingenden Tanz der Töne, die den Garten des Dichters füllen, daß alles, ob es gleich allem dem in den Gärten aller Sterblichen ist, doch ein ganz Neues und Überseliges wird.
Ströme des Lebens rauschen darin.
Stimmen der Ewigkeit durchklingen ihn.
Die Tiefen der Weisheit raunen ihre Runen.
Aus den goldenen Brunnen der Freude rinnen selige Töne in die spielenden Lüfte.
Aus dem Dunkel der schweren Schatten starren die Augen des Schmerzes und suchen die Blicke des Dichters und harren, daß er ihn aufnehme in seine wissende Seele und seine dunkle Schwere hell und leicht mache durch den Sang der Weisheit, der in seinem Herzen blüht.
So nimmt der Dichter aus der Tiefe der Schönheit die Wurzeln seiner Kraft, die alle Bitterkeit der Tage und alles Weh der Nächte zu göttlichen Melodien bindet und aus der quälenden Unrast und schmerzhaften Sehnsucht aller Kreatur den Weg zur Lust der letzten Stille findet, in der sich die tausendfach gebrochenen Strahlen des Lebens zu dem weißen Lichte ewiger Harmonien sammeln. Dies alles aber, dies Werden und Wandeln, diese Abgründe und Seligkeiten, all der Rausch und Traum, von dem der Garten des Dichters übervoll ist wie ein Becher glühenden Weines --
All das sieht nur sein Auge.
Erkennt nur sein Herz.
Antwortet nur seiner Seele.
Darum kann wohl ein anderer der Sterblichen, der neben ihm wandeln würde, verwundert um sich schauen und voll Staunen fragen, wo ist all das, das sein Auge so strahlen, seine Stimme so voll Rausch und Seligkeiten macht? --
Sehe ich doch nichts anderes hier als in meinem eigenen Garten. Er aber geht wie ein Seher umher, und sein Angesicht leuchtet wie von fernen Morgenröten.
Denn in dem Garten des Dichters tönt und klingt die goldne Weltharfe, auf der Traum und Wahrheit, Zeit und Ewigkeit, alle Seligkeit und jeder Schmerz, Weisheit, Glaube und Liebe ihre Lieder der Tiefe singen.
Und von dieser heiligen Harfe nimmt er sie in das Glühen seiner Seele und gibt sie dir und mir und der Menschheit, daß sie an ihnen froh werde und erdentbunden zu fernen Höhen steige.
Lausche auf seine Lieder.
Vielleicht, daß sie dir die goldnen Schlüssel geben, die zu den Geheimnissen deines Gartens führen, die du noch nicht gefunden hast und die darin dein warten.
Der Garten des Glückes
Der Abend liegt über dem Garten.
Der Abend, die Zeit des Abstiegs und der Höhe.
Da der Tag sich neiget mit seinem Müssen und Sollen.
Und die Seele zu ihrem Wollen gelöst ist. --
Das hohe, aus alter Schmiedearbeit gefügte Tor des Gartens öffnet sich.
Mit der Arbeitsmappe unter dem Arm tritt der Herr des Hauses über die Schwelle seines Gartens. Von der Freitreppe, die zum Hause führt, kommt leichten Fußes ihm sein Weib entgegen.
In einer heißen Umarmung leuchten ihre Augen ineinander und nehmen sich für den Rest des Tages in seligen Besitz.
Jeder von ihnen tat das Seine im lauten Lichte des Tages, was ihnen an Pflicht und Arbeit das Leben auferlegt.
Nun ist es Abend.
Die Freiheit kommt zu ihnen.
Und ihr Garten breitet sein träumendes Schweigen, sein tiefes Glück der Stille um ihre schwingenden Seelen.
Hier ist ihr Paradies.
Einsamkeit zu zweien. Zwischen Ich und Du die unauslöschliche Sehnsucht der Liebe. Der starke, unbeirrbare Glaube zueinander, das tiefe Wissen umeinander. -- Die Bäume ringsum stehen im klingenden Abendschweigen. Ströme von Gold und Purpur leuchten zwischen ihrem Geäste, und die weichen Sommerschatten sinken wie sanfte Schleier über das Gelände.
-- Nun haben wir uns wieder -- sagt seine Stimme.
-- Nun bin ich dein -- antwortet die ihre.
Eng aneinander geschmiegt und ineinander verschlungen, wandeln sie in ihres Gartens Rund.
Wie fällt alles ab an Schein und bunter Lüge, die das harte Draußen jedem auferlegt. Nackt und lauter werden die Seelen in der Stille ihres Gartens, täglich neu geboren an den heiligen Quellen seiner reinen Schöne, erkennen sie sich selbst und den anderen mit tiefen Schauern der Freude und wachsen an dieser erkennenden Freude zu den fernen Höhen der Erlösung von Zwang und Schein.
Und die Bäume rauschen leise im Abendwinde.
Alles Blühen duftet heiß im letzten Atemholen des Tages. Die tausend Farben blühen noch einmal auf, und seltsam deutlich und feierlich hebt sich jede Linie umher im silbernen Leuchten des verlöschenden Abends.
Schweigen ist zwischen den beiden.
Und doch so viel lautes Sagen.
Baum und Strauch und alles Blühen und Duften umher spricht mit ihnen, spricht für sie. Jeder Weg kennt die Freude ihrer Schritte, die eng, Spur in Spur fast, zwischen ihnen klingen. Jede Schönheit hier ist der Segen ihrer liebenden Hände. Und die ganze Luft ist voll des Rausches ihrer starken Liebe, voll der Lieder ihrer überströmenden Dankbarkeit.
So schauen sie in den Abend, der still zum Meere der Vergangenheit sich senkt. Ein Tag ihres Seins geht mit ihm dahin -- aber er war unser, fühlen sie und lassen ihn stille ziehen. Ist doch jeder Augenblick in diesem heiligen Kreise ihres Gartens ihnen eine so tiefe, starke Wirklichkeit und feiervolle Gegenwart, daß sie sich zwischen den schwebenden Ufern der Vergänglichkeit und des Währenden schmerzlos getragen fühlen von ihrem sicheren Willen zum Leben und Werden.
Und leise schlummert dort im schimmernden Lichte des verhängten Fensters die erwachende Stimme der Zukunft, die ihrem Wege eine Weisung ist und ihrem Tage den rauschenden Flügelschlag des Mutes gibt.
-- Laß uns zu unserm Kind gehen -- sagt die glücksschwere Stimme des Mannes.
Sie stehen auf der Schwelle ihres Heims.
Blicken noch einmal zurück in die dunkelnden Schatten ihres Gartens, der alle Geheimnisse ihres Glückes kennt.
Und in dem Garten des Glücks singt eine Nachtigall das tiefe Lied der Liebe.
Die Liebe, die Tag ist und Abend -- die Ruhe ist und Kraft.
Die in alle Ewigkeit ewig bleibt in sich selbst, der goldene Kreis, der die Weite des Alls umschließt und das Menschenherz mit der Kraft des Alls umfängt.
Die Nachtigall streut ihre schimmernden Töne über den Garten des Glückes.
Und die beiden, die sich an ihm zu den heiligen Hainen der Schönheit zurückgefunden, die jenseits des Zwitterspiels von Wirrnis, Trug und Schein, zu dem sich das Außensein der Menschentage verfangen und verknotet hat, ihre seligen Gefilde breiten. --
Die beiden lauschen in die singende Nacht hinaus, und ihre Herzen sind voll jener Andacht, die wie ein Gebet ist.
Ein Gebet am Altare des Lebens.
Der Garten der Tränen
Diesen Garten findest du auf allen Menschenwegen.
Er gehört jedem von uns.
Er wartet unser aller.
Die trauernde Weide ist sein Symbol und Abschied das schwere Zeichen, unter dem er blüht.
Und doch ist Frühling darin. Lachender, singender Frühling mit allem Rausch und blühender Schönheit.
Alle Düfte und Farben, alles Sonnenleuchten und jede Schattenlockung ist hier vor dein Auge gebreitet, ganz wie in den andern Gärten der Freude dieser Menschenerde.
Aber über allem Leben hier steht die seltsame Dämmerung eines fernen Lichtes, das nicht von dieser Erde ist.
Ein schmerzliches Rufen, das unhörbar dem Ohre, in leisen Wellen an deine Seele rührt, wird lauter und dringlicher, je tiefer du darauf lauschest, bis es zuletzt über alle Laute der blühenden Erde ringsum nur noch allein zu deinem Wesen spricht.
Wie das Rufen von einer Ferne her, die du nicht kennst, kommt es zu dir. Wie das Brausen eines fernen Meeres, dessen Ufer du noch nicht erkannt.
Du wandelst wie trunken von den Schauern wartender Ahnungen, die dich plötzlich über die bunte Bewegung des Lebens wegtragen zu einsamen Welten, deren Stimmen dir geheimnisvoll vertraut klingen, als sprächen sie die Sprache der letzten Tiefen deiner harrenden Seele, mit der sie in seltenen Stunden der großen Stille zu dir redet. Als löse sich aus dem schweren Schweigen derer, die hier ruhen, ein seltsames Tönen, das anderer Sphären Gesetze unterworfen, in neuen, nie gehörten Rhythmen dich umdrängt und dich wie mit einem Kranze schwerduftender Blüten umhängt.
Dies Tönen und dieses Rufen, wie nah glaubst du sie zu kennen.
Aus den fernsten Erinnerungen und schmerzlichsten Sehnsüchten deiner Nächte und Träume kommt ihr Klingen und Mahnen zu dir, und du bist wie ein Vogel, schwebend zwischen Himmel und Erde und weißt nicht, welcher Schwelle du zufliegen möchtest.
Alles Endliche wird klein vor diesem Brausen der tiefen Fernen, alle Fesseln der Erdenschwere sind aufgehoben, alle Wirklichkeit wird zu fliehendem Schein, und du schaust dem Leben mitten in seine Wahrheit.
Die Wahrheit, die dich und das All trägt, die allem Sein seinen heiligen Sinn gibt. Die deine Stille mit den Schmerzen der Sehnsucht reich macht und deine Träume mit seltsamen Hoffnungen erfüllt.
So mitten durch den klingenden Frühlingsrausch der bunten Erde gehst du in diesem Garten der Tränen wie in kühler Leere und Einsamkeit, in der die Seele des Alls Zwiesprache hält mit der deinen.
Erinnerungen umschweben dich, die aus den Gräbern blühen, die das Dunkel und Licht vergangener Zeiten dir neu entzünden und alle Flammen der Liebe erwecken und dich mit dem Duft aller seligen Geheimnisse überschauern, die dein Herz an jene binden, nach denen dein Auge noch immer sucht und zu denen deiner Sehnsucht weher Drang dich immer wieder lockt und ruft.
So greifbar nahe trägt dich der Pfeil der Erinnerung zu ihnen. Du siehst das geliebte Angesicht, die geliebte Stimme tönt wie eine Glocke in dein Herz, das Lächeln des Mundes und Leuchten des Auges kommt zu dir -- einen seligen Augenblick lang -- und wieder ist alles in der weiten Leere und Einsamkeit verweht.
So zwischen Nähe und Ferne, zwischen dem Heute und alle Ewigkeit wandelt dein erdgebundener Fuß auf den Wegen dieses Gartens, die dunkel sind von den Leiden und Schmerzen derer, die über sie hinschritten mit der flammenden Opferschale des Todes in den bebenden Händen. --
Und so lange du hier wandelst, bist du selbst von den Schatten des Todes umhangen.
Die helle Wirklichkeit deines Tages, die ruhende Sicherheit deines Wissens, die harten Grenzen deiner kreisenden Sinne entschweben dir, als ob sie dich nie gehalten, als ob du ihrer nie bedurft. Enthoben dir selbst, vom Grenzenlosen umfangen, weißt du ein anderes Wissen, begreifst du weitere Weiten und tiefere Tiefen als bisher.
Im Garten der Tränen lernst du ein neues Lächeln und die Unrast deiner Seele entwirrt sich in dem Schweigen der Leere und Einsamkeit, das dich hier wie ein Tempel umbaut.
In diesem Garten des Schweigens erfährst du Tieferes als draußen vor seinen Toren, erfaßt du heiliger die Erkenntnisse des Lebens, das an das Gesetz des Todes gebunden ist.
Zwischen die Ufer des Lebens und des Todes ist dieser Garten mitten hineingestellt.
Wo Menschen leben, blühen seine Gräber.
Und an das eherne Schweigen seiner Tore brandet und bricht sich das Tun und Harren, das Irren und Schaffen, das Wollen und Lassen der Menschen, der tanzende Reigen und glühende Rausch des brausenden Lebens, das an der heiligen Schwelle dieses Gartens sein Angesicht in den Staub neigt.
Der wissende Mensch aber, der dem Unbegrenzten des Lebens sein tiefstes Geheimnis abgerungen und das eherne Schweigen des Seins mit seinem starken Willen zur Erkenntnis überwältigt hat -- er schuf sich die Liebe.
Diese unsterbliche Flamme, die die finstern Tore des Todes sprengt und über sie hin die goldenen Brücken baut, die zu den Fernen der Ewigkeit reichen.
So wurde der Garten der Tränen zum heiligen Hain seliger Begegnungen mit denen, die du mit der Tiefe der Liebe an dich bandest.
Je mehr es derer werden, die zu den fernen, unbekannten Ufern gingen, desto mehr lockt es deinen Fuß zu den Wegen des Schmerzes, die durch den Garten der Tränen führen.
Ihre Ferne wird dir näher als deine Nähen.
Das unsichtbare Gefilde, in dem du sie weißt, wird mälig deiner Seele greifbarer als das Land, das du mit Augen schaust.
Hierher kommst du mit der Unruhe deines ermüdeten Herzens, mit den Zweifeln deines suchenden Geistes, mit allen Täuschungen und Qualen deiner erdgebundenen Tage.
Immer vertrauter wird dir diese Insel des Schmerzes, an deren Gestade die Stimmen der Dinge dich verlassen und du mit dir allein vor der bangen Unergründlichkeit des Todes stehst.
Und allgemach versiegen deine Tränen.
Bis du eines Tages in bebender Ergriffenheit dich hingebend eins werden fühlst mit allem, das ist und das war.
Im Garten der Tränen lernst du jene Schritte tun, die Welten zueinander binden, welche tief ineinander verkettet in unseres Wesens Grunde ruhen.
Der Garten des Anfangs
Im Anfang war der Garten.
Und die blühende Schönheit war ohne Ende.
Zwischen Himmel und Erde stand süß und heilig die große Stille, an der alle Töne des Seins zu schwingenden Harmonien wurden. Das Leben glühte und blühte da in überwältigender Herrlichkeit.
Farben und Düfte lagen wie Flammen über der Erde.
Tausendfach war das Grün der Haine.
Tausendfach die Form der blühenden Lust umher.
Zwischen Licht und Schatten hingebreitet schwebten alle seligen Träume des schaffenden Gottes.
Auf den singenden Wellen der Wasser schwamm das Chaos der Töne, die in den Herzen der nippenden Vögel zu tausend seligen Liedern wurden.
Heiß, in überströmender Fülle standen alle Becher des Lebens voll süßer Lust hoch bis zum Rande.
Tag und Nacht küßten einander in seligen Freuden.
Nichts wurde alt in diesem Garten.
Nichts starb darin.
Das Leben hatte den Tod noch nicht gesehen.
Und in diesen Gefilden der Seligkeit wandelte der Mensch.
In seiner gottreinen Seele ruhte alles Leben umher wie in einem Spiegel.
Alle Schönheit wurde zu strahlendem Licht in seinen Augen, und alle flammende Werdeglut brandete an sein Herz und entzündete die Fackel der Liebe darin.
So wandelte er in weißer Unschuld durch alle Farbengluten des Lebens. Und die Liebe in ihm verstand alle lohende Lebenslust umher.
Frieden war in seinem Herzen.
Er kannte nur Leben.
Die Nacht hatte keine Schrecken für ihn.
Seine Tage waren eine Unendlichkeit an Schönheit.
Sein Blut sang die seligen Melodien des Lebens mit.
Der Garten war der Kreis der Ewigkeit, in dem seines eigenen Wesens Ring selig verkettet war.
So ruhten ihm seine Tage und Nächte auf dem Wellenspiel der Freude.
Und seine Seele badete in den schwingenden Harmonien, die von der goldenen Harfe des Seins, die mitten im blühenden Garten stand, in alle Weiten strömten.
Aber der Tag kam, da er plötzlich den Tod erkannte.
Denn Schuld und Reue kam über seine Seele.
Das Licht der Schönheit erlosch.
Die Nacht wurde finster für ihn und der Tag voll Schrecken.
Und zwischen ihm und dem Garten der Seligkeit stand das Schwert des Schmerzes. Das Leben veränderte sein Angesicht gegen ihn.
Die Harmonien verstummten.
Und leer und öde war sein Herz.
In neue Fernen führte nun sein Weg.
Er selbst mußte suchen und finden, das Leben hatte alle selige Bereitschaft für ihn verloren.
Zu Kampf und Sieg zog er aus. Mit schweren Füßen und müden Händen mußte er sich jeden neuen Tag zu seinen Diensten zwingen. Und seine unruhigen Nächte waren von Traum und Tränen erfüllt. Aber im tiefsten Grunde seines Wesens trug er immerfort die Erinnerung an die singende Seligkeit jener Gefilde des Friedens, die ihm nun für immer verloren waren. Und neben dem Schweiß seiner Tage und der Unruhe seiner Nächte, neben Kampf und Siegen, Höhen und Tiefen seines bitteren Daseins sang leise die tiefe, zehrende Sehnsucht in ihm nach jenem Garten des Friedens.
Und Gott sah, wie elend und arm der Mensch geworden, da ihm die Schönheit des Friedens genommen war.
Und er erbarmte sich seiner und ließ den Traum seiner Erinnerung in ihm so stark werden und die Sehnsucht nach dem Verlorenen so schmerzhaft, daß er eines Tages anfing, sich ein Bild zu machen, das jenem Glücke ein wenig ähnlich war.
Aus der tiefen Sehnsucht seines arm gewordenen Herzens wurde dem Menschen der Garten geboren.
Und als er erst einmal diesen Traum ergriffen und in die Öde seiner Wirklichkeit gezwungen hatte, kam ihm eine so selige Beglückung aus dem Bilde, das aus Erinnerung und Sehnsucht gewoben war, und das seiner müde gewordenen Seele neue Flügel gab, daß er sich wieder in das Land der Freude schwingen konnte und Lied und Lust wieder zu seinem Herzen kamen.
In seinem Garten findet der Mensch zum Paradiese zurück. Er vergißt für Augenblicke, daß das Schwert des Schmerzes zwischen ihm und dem verlorenen Glücke steht, das ihm in jenem seligen Gefilde einst in strömender Fülle blühte.
Ja, jeder Garten ist eine sanfte und süße Erinnerung an das Paradies, das den Anfang der Menschheit sah.
Deshalb wird es dem Menschen so warm und froh im Herzen, wenn er in seinem Garten wandelt und ruht.
Vor seiner Tür läßt er alle Angst und Qual des harten Tages, und Glaube und Hoffnung kehren ihm hier wieder.
Und selig frei von Ketten und Lasten, mit denen das Leben den Alltag seiner Seele bindet und verdirbt, erkennt er sich selbst im Spiegel des Friedens, den er tief verborgen in seinem Garten findet. Eine Lüge nach der andern fällt ihm hier von seinem Wesen ab, und er wird frei zu allem Besten in ihm.
Sein Garten gibt ihm die Stille der Wahrheit und die Tiefe der Ruhe, an die alte Erkenntnis gebunden, aus der alle Reife blüht.
Alles Letzte und Tiefste in ihm erwacht ihm hier, und je länger und dringender er seinen Garten liebt, je mehr kommt jenes Neue und Ferne zu ihm heran, das er mit banger Sehnsucht so lange suchte und das die Vollendung alles dessen ist, was aus Ewigkeiten her seines Wesens Wege und Ziele sind.
Berauschender Geheimnisse voll ist sein Garten dem, der ihn mit seiner besten Liebe liebt. Hier wird ihm das Leben erst zu Leben. Und trunken von Traum und Erkenntnis wandelt er neu im Paradiese und findet allgemach die fast verloschenen Wege zu den rauschenden Quellen des Glückes zurück, von denen ihm Traum und Sehnsucht so schmerzvoll erfüllt blieben. --
Deine ruhende Welt ist dir dein Garten.
Und der Ring der Liebe zu denen, die du als die deinen erkannte, schließt sich dir hier zu einem heiligen Kreise.
Was du hier in tiefer Liebe umfassen kannst, ist wahrlich dein. In deinem Garten weicht aller Lüge und Schein und was bleibt, ist du und deine Wahrheit.
Und immer schmerzhafter wird die Sehnsucht der Menschen nach ihrem Garten werden, je mehr ihr äußeres Leben in Schein und Leere sich verliert.
Eine Türe zu wissen, die zwischen dir und dem Zwange zur Entfremdung von dir selbst steht. Eine Stille, die dich von all den falschen Tönen trennt, welche die heilige Melodie des Seins zerreißen. Eine Fülle reiner Seligkeiten, welche die traurige Armut da draußen vergessen lassen --
Das heißt ein heimlich Paradies haben, in dem du alles Göttliche in dir aufblühen und erglühen fühlst.
In jedem Garten wird die beste Sehnsucht eines Menschen zur Erfüllung. Darum gehe an keinem vorüber, der dir offen am Wege steht.
Tritt in jede Türe eines Gartens, die unverschlossen blieb, und hole dir einen Trunk aus dem Paradiese, der dir bis in die Wurzeln deines Wesens zur Labung wird.
Fühlst du, wenn du eintrittst, wie plötzlich dein Herz in dir so seltsam still wird. Wie dein Auge aufleuchtet in tiefer Ergriffenheit und ein Hauch des Friedens über die Unruhe deiner Seele geht?
Und wie alle Farben, alles Duften und Blühen umher zu dir redet, dich halten und locken will zu seiner rührenden Schönheit, zu seiner sanften Stille, zu all den heimlichen Rätseln, die aus seinem scheinbar so strengen Kreise der Einfachheit tausendfach hervorbrechen.
Und schwer wirst du zur Schwelle zurückfinden, wenn du eintratest. Denn jeder Garten hat ein ander Angesicht, in das zu schauen eine tiefe Wonne ist.
Erkennen wirst du auch den, dem er gehört.
Und oftmals wirst du dessen Seele heimlich grüßen und einen Hauch seines Wesens mit fort nehmen, auch wenn du nie sein leiblich Angesicht erblickst.
O ihr ruhenden Gärten der Erde --
Oasen der Erinnerung seid ihr an jenen seligen Garten des Anfangs, in dem alle Schönheit ohne Ende war.
Der Garten, zu dem man wallfahrtet
Die Zahl der Füße sind wohl kaum zu zählen, die über die Schwelle dieses Gartens schritten.
Und ein Meer geheimnisvoller Freuden müßte die Ufer dieses heiligen Gartens umrauschen, wenn all die heimlichen Seligkeiten derer sich zu einem Spiel der Welten verdichten könnten, die je hier die stillen Hoch-Zeiten ihrer Seelen gefeiert.
Wie eine Insel der Seligen liegt er mitten im Herzen der deutschen Lande, und von den Grenzen aller Reiche strömen die Scharen der Wissenden, wie von einem weittragenden Magnete geheimnisvoll gelockt, zu dieser weltfernen Oase des Friedens. Die Wissenden, die wie eine geheime Bruderschaft sich um die Aura des gewaltigen Geistes sammeln, der hier in der leisen Stille des schweigenden Gartens seines Wesens unlöschliche Spur aller Zeiten Dauer aufgeprägt.
Kommst du als Wissender und Liebender über die Schwelle dieser Gartenstille, so werden alle seligen Schauer der Ehrfurcht deine Seele überströmen und du fühlst, wo deine Schritte wandeln, ist heiliges Land.
Ein Geist, der aller Welten Weiten umspannte, der jeder Tiefe Geheimnisse kannte, der jedes Glaubens letzten Grund durchschaute und an den Ufern jeder Liebe landete, dem das Leben ein königlich Reich wissender Erkenntnisse war, ein Geist, in dessen unausschöpfbarer Unendlichkeit aller Weisheit Licht und Leuchten, aller Zonen Duft und Farben, aller Erde Schmerzen und Beglückungen sich zusammenfanden --
Dieses Geistes machtvolle Erinnerung ist wie in eines Tempels Schrein diesem Garten eingebaut.