Von den Gärten der Erde: Ein Buch der tiefen Stille
Part 2
Junges Gevölk kommt plaudernd und lachend nach. Ein schwarzweißer Terrier drängt sich ungestüm und rücksichtslos zwischen den Herrschaften durch, er weiß, daß er sich alles erlauben darf. Mit kurzen belfernden Tönen stürmt er allen voran, als müsse er die Stille des Gartens verbellen und mit seinem Getöse erst das Element schaffen, in das sich der leere Lärm der lachenden geschwätzigen Gesellschaft richtig einfügen kann.
Die alten Exzellenzen gehen mit ein paar Schritten durch den Garten, schauen durch das Lorgnett zu den Rosen hin, die stramm stehen und salutieren -- o sie haben etwas gelernt hier so nahe am vornehmen Hause.
Die jungen Damen und Herren sehen sich kaum um, sie haben alle Blicke und Bewegungen, Stimme und Lächeln zu nötig, um sich untereinander zu fesseln, zu verwirren, zu lieben und zu hassen, sie haben weder Zeit noch Kraft übrig für das Glück der reinen Liebe, das im Garten blüht. Nur eines der jungen Mädchen bleibt zurück und scheint verlangend nach den Rosen zu blicken.
Der Sohn des Hauses winkt dem Gärtner. Der schneidet hastig die schönste =La France= vom Stock -- die allerschönste, der Stolz des Bäumchens und eben in der heutigen Sonne erblüht. Aber es zuckt mit keinem Blättchen, es lächelt, wie vornehme Leute lächeln, wenn ihnen ein Weh geschieht. --
Vor der Türe draußen kurbelt das Auto, es stampft und quirlt und zischt, der Hund bellt, die Jungen lachen und plaudern. Der blaue Qualm schwirrt gegen den Sonnenglanz, Staub fliegt auf. --
Und so sausen diese Menschen, von Unruhe, Laune, Lachen, Geschwätz umgeben, durch die Straßen hin, fort, weit weg zum nächsten Badeort, zu Souper und Konzert.
Fort, weit weg von der sanften Stille ihres Gartens, dessen heilige Geheimnisse sie nicht verstehen. Da ihre Seele ohne Traum und Ahnen ist.
Der unsichtbare Garten
Das heißt, der Dichter sieht ihn.
Er liegt im Herzen einer Mutter und wächst darin und wird täglich schöner und reicher.
Die Mutter hat ein liebes krankes Kind.
Und für dieses Kind sucht sie einen Garten, in dem seine Seele blühen und sich freuen kann.
Da es im harten, tätigen und bewegten Leben der Gesunden keinen Platz haben kann, schafft ihre traurige Liebe ihm ein Reich der Freude, wo seine schmerzliche Gebundenheit sich an den Träumen der Schönheit zur Freiheit der Seele lösen kann.
Und die Mutter geht suchend umher und späht und forscht zwischen Höhen und Wegen und lugt in alle ruhenden Gärten und fragt sie alle -- Seid ihr schön genug für mein krankes Kind?
Doch keiner will ihr gefallen. Und sie sucht weiter und läßt dabei in ihrer Herzenstiefe den Garten erblühen, den sie mit ihrer Seele sucht und nimmt ihr krankes Kind da hinein und zeigt ihm alle seine Herrlichkeit und Pracht.
Die Türe öffnet sich, und sie treten in einen Laubengang, wo es grüngolden leuchtet durch das sonnenwarme Gezweig. Auf den Wegen liegen die rundlichen Schatten der Blätter und spielen im Sommerwinde, und die rankenden Blüten des Gaisblatts fallen dicht und duftend zu ihnen herunter.
Die können gar seltsame Märchen erzählen, sagt die Mutter. -- Und das Kind lächelt sanft und scheu, wie kranke Kinder zu lächeln pflegen.
Und sie führt es weiter in den Garten, den sie mit ihrer sorgenden Liebe für das Kind aufbaut.
Über goldflimmernde Kieswege zwischen grünen Rasenplätzen, die voll süßduftender Blumen sind, wandeln sie.
-- Sieh, hier mache ich dir ein weiches Lager, mitten hinein in diese lieblichen Blumen, schau hin, wie sie dir winken und zunicken, sie plaudern mit dir und läuten mit ihren Glöcklein, und die Bienen summen dazu, und das ist ein gar feines Wiegenlied, und meinem Kindlein fallen die Augen zu und es schläft zwischen Sonnenlicht und Blumenduft einen festen Schlaf, und allerlei bunte Träume kommen zu ihm und machen es froh und glücklich.
Wenn du erwachst, spielen blaue und weiße und gelbe Schmetterlinge mit dir, und du lachst und greifst nach ihnen -- aber sie lassen sich nicht fangen und tanzen weiter über die sonnige Wiese hin.
Nun möchtest du wohl auf dem weißen Stühlchen sitzen an dem weißen Tischchen? Dort schaust du zu dem plätschernden Brunnen hin, der gerade vor dir unter einer hängenden Weide liegt. Schau, wie der silberne Strahl zur Sonne steigt, und dann fällt er in tausend glitzernden Tropfen wieder in den kleinen See zurück. --
Ja ja, auch einen Schwan sollst du haben, einen ganz silberweißen mit einem langen Hals, der sich so schön biegt, ja ganz wie in deinem Märchenbuch, Liebling, und wenn du genau hinsiehst, hat er auch ein goldenes Krönchen auf seinem Köpfchen. Und im Weiher sollen auch die großen, weißen Blumen schwimmen, von denen ich dir die schöne Geschichte erzählt habe.
Aber nun scheint dir die liebe Sonne zu hell in die Äuglein. Komm dorthin zu dem schattigen Laubengang. Und sieh, wie die blühenden Rosen durch das weiße Gitterwerk herunterklettern. Rosen, wohin du schaust -- rosa, ganz zarte, so zart wie die Wänglein meines Kindes.
Und sie kommen alle zu dir.
Leg dich auf dein Lager und höre, was sie dir erzählen. Ganz anderes sagen dir sie als das Gaisblatt dort am Eingang und auch anderes als die bunten Wiesenblumen. Höre nur hin und fühle, wie sie duften, und die Blättlein, die sie auf deine Hände fallen lassen, wie lind und sanft sind sie, wie der weichste Sammt in alten Königsschlössern. Und von Königinnen und Prinzessinen wissen sie die schönsten Geschichten, denn sie sind von vornehmer Art und sehen selbst aus, als seien sie verwunschene Königinnen und Märchenprinzessinen.
Wenn die Sonne nicht mehr so hoch am Himmel steht, gehen wir zu dem großen Beet dort in der Ecke.
Und du holst dir ein Körbchen voll von den schönen roten Beeren, die so köstlich duften und so herrlich schmecken. Weißt du noch, erst waren es schöne, weiße Blüten, die wie Kronen am Stengel standen, und die heiße Sonne küßte sie, da wurden aus den weißen Blüten die roten, süßen Beeren; wo die goldene Sonne küßt, wird alles süß und reif.
Leg dich in die liebe warme Sonne, laß dich küssen von ihr, mein Liebling, so wird dein weißes Gesichtlein bald rote Rosen haben.
Aber sieh dort: Nun sagt uns die Sonne Lebewohl.
Schau, wie golden der Himmel wird. Hinter den Bäumen fließen Ströme von rotem Gold, die Wolken stehen wie glühende Berge am Himmel, wie ferne Schlösser sehen sie aus, wie Feenschlösser, die aus Feuer und Purpur gebaut sind.
Und nun läuten die Abendglocken.
Leb wohl -- leb wohl, singen sie.
Träum süß -- träum süß. --
Und du wirst fest schlafen und gute Träume haben, mein Kind.
Die reine Luft und die warme Sonne, die duftenden Rosen und die grünen Bäume haben dir alle von ihrem Leben gegeben, das trägst du nun heim in deinem Herzen und du wirst schlafen und träumen und so froh wirst du aufwachen morgen. --
Und morgen ja -- ja -- da kommen wir wieder her zu unserem Garten, der so reich ist an heiligen Gottesgaben, die sie all meinem Kinde in den Schoß schütten. --
So geht die Mutter mit dem kranken Kinde in den Träumen ihres Herzens durch den Garten, den sie mit ihrer Seele sucht.
Und am Tage sucht sie weiter. Schaut in alle Ecken und Winkel und späht und forscht zwischen Höhen und Stegen und lugt in alle ruhenden Gärten und fragt sie alle -- bist du es, den ich suche -- bist du schön genug für mein krankes Kind? --
Und so trägt sie den unsichtbaren Garten in ihrem Herzen, den nur das Auge des Dichters sieht.
Und sie wird noch lange suchen, denn so schön, als sie ihn braucht für ihr krankes Kind -- ist er nicht leicht zu finden.
Aber sie wird ihn finden, weil sie ihn mit dem Willen der Liebe sucht.
Der Garten der Beiden
Jung und frühlinghaft, zu viel köstlichem Werden bereit, liegt er traumhaft still hingebreitet in der sonnenschweren Himmelsbläue der schaffenden Sommerlust.
Die hochstehenden Rosenbäume, die den Weg säumen, haben ihre ersten Blüten, die zarten, jungen Obstbäume halten in stolzer Verschämtheit ihre ersten Früchte dem heißen Sonnenlichte entgegen. Junges lichtes Gras leuchtet grüngolden über den Boden hin, und die süße Buntheit blühender Blumen bricht ringsum aus dem fruchtbaren wohlgepflegten Boden hervor.
Überall fühlst du die sorgende, schützende Hand der Liebe, die aus der Fruchtbarkeit der Erde all die seligen Farben und Düfte zaubert und ihre stumme Dunkelheit in Licht und Schönheit wandelt.
Aber auch den dankbaren Blick der Freude fühlst du hier, die das Werdende zu nehmen weiß und an jedem neuen Blatt und Halm, an jeder jungen Blüte, an dem täglichen Auf und Ab des Wachstums, am Säen und Pflegen, am Ernten und Genießen mit voller Seele teilnimmt.
Ganz aus der Liebe geboren, blüht und glüht und duftet der Garten dir entgegen, wenn du seine Tür öffnest und in seine kleine stille Welt eintrittst, die zwei Herzen hier sich schufen und bauten.
Rankendes Purpurgehänge klettert am kleinen Hause auf, in dem die beiden in froher Freundschaft ihr Leben leben.
Vor der Treppe, die zum Hause führt, liegt ein prachtvoller Schäferhund und sieht dich mit klugen Augen an. Sein glänzendes Fell, die leuchtenden Augen, die gespannte Wachsamkeit seiner Haltung, alles sagt dir, daß auch über ihm eine sorgende, pflegende Hand wacht, daß er hier sich aufgenommen fühlt in den magischen Kreis der Liebe, die alle Kreatur erst zu ihrer Vollendung bringt.
Klug schaut er dir entgegen. Er versteht die Sprache deines Wesens. Kein störender Laut kommt aus seiner Kehle, ruhig läßt er dich eintreten, als wisse er, daß kein unedler Drang dich zu dieser Schwelle bringt. --
Das liebe Häuschen mit seinen lauschigen Erkern und Veranden steht scharf in der Mitte des Gartens und teilt ihn in doppeltem Sinne in zwei Hälften, die zwei kleine Welten für sich sind.
Der Vorgarten steht im Zeichen der Schönheit und Lust.
Der andere Teil ist der nützlichen Fruchtbarkeit unterstellt. In zierlichen Rabatten wächst und blüht und reift dort allerlei erdenklich Brauchbares, das so stracks aus der warmen Erde den beiden in das trauliche Heim hinein wächst.
Hier waltet die ältere der beiden.
Die Mütterliche mit den starken schaffenden Händen, mit denen sie Haus und Herd, Garten und Getier unter dem Segen ihrer sorgenden Liebe hält.
Die andere, vom Leben zarter gestaltete, trägt das Licht der Freude durch die Räume. Mit leichteren Schritten wandelt sie die sanfteren Wege. Schneller ist ihr Gang, sorgloser ihre Bewegung, sie hat das Lachen der Jugend in ihrer Stimme, und der Duft einer anderen Welt ist um sie her.
An der Schwelle des Hauses treffen sich beider Wege. So genau in der Mitte dieses zwischen den Gärten steht, so genau treffen sie da mit ihres Wesens Mitte zusammen. Gleich zu gleich an innerem Werte, nur so weit verschieden in der Melodie ihrer Seelen, daß sie zusammen eine neue, reichere und höhere geben, ruhen sie ineinander in jener stillen und starken Sicherheit ihrer Tage, die nur solche ganz erfahren, die in einer großen Liebe ruhen.
Zu zweien nur wandelt der Mensch im Paradiese.
Einsamkeit bindet und hemmt die seligsten Kräfte des Menschenherzens.
Zwei geben sich Leben und Echo.
Der Einsame geht in der Starre des Schweigens, an dem sich das zarteste Wellenspiel seines Wesens bricht und stirbt, und das die Blüten seiner Seele in der Knospe verdorren läßt.
So wandeln die beiden von ihrer Einsamkeit erlöst, im Segen ihrer Liebe durch die zwei Wellen ihrer Gärten in Geben und Nehmen sich einander schenkend, das Spiel ihrer Kräfte in den Dienst der Arbeit und Freude gestellt, der Arbeit und Freude zu zweien, aus der wie im Wechselspiel zwischen Sonne und Erde die unendliche Fülle seliger Möglichkeit blüht.
Und der Kreis ihrer Tage schließt sich zu dem Ring der Vollendung, wie er nur jenen sich schließt, die zwischen ich und du die heilige Bindung der Liebe finden.
Vieler Schritte gehen an diesem Garten vorüber.
Vieler Blicke ruhen sekundenlang auf der lächelnden Schönheit seiner glücklichen Stille.
Und vieler Herzen Einsamkeit umspielen diese Insel des Friedens mit den unruhigen Wellen einer ungestillten brennenden Sehnsucht.
Was könnte auch vollkommener sein, als zu zweien im eigenen Heime schalten, vor dessen Schwelle im eigenen Garten die Jahreszeiten den Reigen der Freuden tanzen.
Und alle, die durch die junge Schönheit dieses blühenden Gartens gehen und über die Schwelle des Hauses treten, schauen in die Harmonie zweier Seelen, die in dem schenkenden Füreinander das Gleichmaß ihres Wesens gefunden.
In dem Gastbuche des Hauses findest du solche Worte:
Innen einer Seele selig verbunden sein Mit sicherem Wissen, sie ist mein. Draußen umher in heiliger Natur Ein eigen Stück Erde auf blühender Flur -- Das ist Vollkommenheit, wie sie das Leben Nur den ganz wenigen gegeben. Euch ist das frohe Wunder geschehn -- Könnt glücklich so durch eure Tage gehn.
Der verwunschene Garten
Ein Chaos verschütteter Schönheiten. Alle blühenden Möglichkeiten erstickt, alle Lebenstriebe irren im wirrem Wust ohne Lust und Freude wild umher, ohne zu dem Frieden eines Zieles hinzufinden.
Der Sommer zwar feiert eben seine Feste in dem Garten und zündet auf Baum und Strauch das Licht der Blüten an. Er wirft mit Farben um sich und schüttet das Gold und Silber seines Lichtes über Dickichte und Wege, tanzt mit Schatten und Düften seinen schwingenden Reigen und gießt alle Fülle seiner Hände darüber hin.
Aber keine Antwort kommt ihm. Keine Freude fliegt ihm entgegen. Einsamkeit und Schweigen liegt in lastender Schwere über dem Garten. Keines Menschen Herz pocht hier in seligem Erwachen. Kein freudetrunkener Schritt wandelt zwischen den Wegen, kein jubelndes Auge nimmt alle Fülle in Besitz.
Das Maß aller Dinge, der Mensch, ist hier ausgeschaltet, und so wandelt sich alle Herrlichkeit und alle Lust, alles Blühen und Werden umher zu wirrem, wucherndem Überfluß und Durcheinander, zu taumelnden Orgien schwelgenden Überflusses, in denen sich alle Triebe und Lüste des Lebensdranges in heißen Fieberrhythmen zusammen knäulen und zu krankhafter Wildheit entarten.
Noch sieht man den Plan, der diesem Garten einst die Wege zur Schönheit vorschrieb.
Aber das Haus auf der Höhe, von den starken Linien der Rampen und Treppen vornehm umrissen, liegt wie von zu langem vergeblichem Warten müde geworden, stumm und teilnahmslos auf der Terrasse. Alle seine Augen sind fest geschlossen, und eine bange Stille, wie von schweren Träumen erfüllt, schwebt feindlich und abweisend zwischen dem toten Hause und dem von geil gewordenem Leben verwilderten Garten.
Und doch war dies alles, diese unendliche Weite des Parkes, diese herrliche Linienpracht des Hauses aus dem Gedanken des Glücks gewachsen.
Dem Willen zum Leben sollte es ein Altar werden, auf dem die Dankopfer der Freude durch Tage und Nächte hinauflodern sollten. --
Wie war es doch so anders geworden.
Wo weilen die, denen dies vornehme Heim die Brücke zu allen sieben Seligkeiten der Erde hatte werden sollen?
O über die traurigen Möglichkeiten des wandelbaren Menschenherzens!
Kann eine Liebe sterben, die wie eine rotglühende Sonne über den Herzen stand; kann eine Treue schwinden, die wie eherne Ketten Seelen zu binden schien?
Arme Menschenerde, die du unter dem Fluch aller Wandelbarkeiten stehst.
Ja, Liebe kann sterben.
Und Treue kann schwinden.
Und das Menschenherz kann brechen an seinem tiefen Weh. --
So brach auch hier ein Herz, da das andere sich von ihm löste, das andere, das es sein eigen glaubte. Denn doppelt schwer fiel der Schlag, da beider Füße schon auf der heiligen Schwelle standen, die zum Tempel der Zukunft führte.
Der Verräter ging zu neuen Wegen.
Das getroffene Herz welkte und starb.
Und das Haus, das in allen seinen Winkeln schon alle Bilder ihres kommenden Glückes getragen, von aller Schwere und Süße kommender Ahnungen bis zum Rande erfüllt war, mit den beiden in alle schwingenden Fernen seliger Hoffnungen geschaut hatte -- dieses plötzlich so arm und leer gewordene Haus schloß seine Augen. Müde und blind und taub steht es seitdem mitten in dem verfallenen Königreich einer gestorbenen Liebe.
Und der Garten, der voll war von den Geheimnissen dieser Liebe, der die Schwüre ihrer Herzen hörte und die Melodien ihres rauschenden Blutes mitgesungen, dessen Licht und Schatten ihres träumenden Lächeln und die glühenden Küsse ihrer heiligen Berauschungen getrunken, er brannte lichterloh in dem Feuer des schäumenden Lebens, an dem die beiden zu neuen Welten wachsen wollten. --
Das heilige Feuer erlosch.
Und mit ihm alle heilige Schönheit.
Und so häuft sich hier nur Leben auf Leben, die den ruhelosen Weiten dieses verwunschenen Raumes die Gluten vieler Sommer bringen. Brunst auf Brunst wirft sich über seine nutzlosen Fruchtbarkeiten. Schönheit und Fülle stürzen übereinander, ringen miteinander, um die immer enger werdenden Wege und Winkel. Leben geht über Leben hin, wuchert und ringt, stürzt und fällt, steht wieder auf und würgt alles Schwache, das ihm kaum noch widersteht. Feuer entzündet sich an Feuer, ewiger Samen zeugt wildes Blühen, und fallende Früchte durchlohen die Erde mit endlosen Zeugungskräften.
So brausend und bebend von allen Heimlichkeiten roh gewordener Lebenstriebe, liegt der Garten in sonnenheißen Sommergluten.
Aber all das brünstige Glühen und Blühen darin ist ohne jeden Sinn und Ziel. Es muß ersticken an sich selbst, sich auflösen in sich selbst und zur Sinnlosigkeit des Chaos zurückkehren, da kein Wille der Liebe ihm die Wege zur reinen Schönheit weist.
Denn der Sinn alles Lebens wird immerfort durch den starken Willen der Liebe aus der Finsternis des Chaos zur Wirklichkeit der Schönheit erlöst, deren tiefstes Geheimnis die Gesetze der Form und Ordnung sind. Ohne diesen Willen der Liebe stirbt alles Leben an sich selbst, verfängt sich in die Hemmungslosigkeit seiner Urfülle, an der Ziellosigkeit seiner Wege, an der Brunst seines triebhaften Dranges.
Die Liebe aber heiliget alles Leben.
Ohne sie verbleibt es ein verwunschenes Chaos ohne Sinn und Ziel.
So mußte dieser Garten verderben, da er keine Liebe mehr über sich fand, die seinem Leben einen Willen gab und seiner Schönheit Fülle an das Maß der Ordnung band.
Der Garten der Hoffnung
Wie ein Warten liegt es in diesem Garten.
Ein Warten auf etwas Kommendes.
Auch wie Lauschen ist es auf Schritte, die drinnen im stillen Heim leise umhergehen, wie die Schritte jener zu tun pflegen, die eines leidenden Körpers nicht ganz sicher sind.
Die ragenden Hochwaldstannen stehen Wacht vor dem stillen Hause. Das weite Rund ihrer Äste, die edle Form ihrer machtvollen Schönheit spricht von Erinnerungen an die noch nicht zu ferne Zeit, da hier noch tiefschattender Bergwald weit zu Tal blickte.
Nun sind aus den stillen Wäldern weite, lebensbunte Gärten geworden, Gärten für jene, die Stille und Ruhe und Erholung für Leib und Seele suchen.
Denn der Garten ist die tiefe Sehnsucht der Leidenden und Müden ebenso wie er der Traum der Starken und Frohen ist.
Doch eine andere Melodie ist es, die über den Gärten jener und dieser liegt.
Alle aber suchen sie sich selbst in ihren Gärten, wo die Begegnungen mit der eigenen Seele zu heiligen Festen werden und der Segen der Stille zu den Suchenden kommt. --
Und die Frau, die eben heraustritt auf den Söller des Hauses, das umbaut von den hohen, ragenden Waldbäumen des Garten gewordenen Waldes, hoch über dem schweigenden Tale liegt, ist eine der Suchenden und Sehnsüchtigen, die zu diesem Borne des Friedens kam, um sich selbst neu zu finden nach vielem Leid des Lebens, das über ihre junge Seele einbrach und ihr die Kräfte der Jugend lähmte.
Mit schmerzwissenden Augen blickt sie zur Weite des Tales, das sich vor ihr breitet, zu den blauen Fernen, zu denen ihre noch unausgelebte Jugend mit schmerzhaftem Verlangen sich dehnt und streckt.
Wie viel hat die Ferne ihr noch zu geben. Welten locken. Stimmen rufen. Verheißungen werfen ihren Glanz über die Wege, die zu ihnen führen.
Ihre erste Jugend welkte am Leiden bitterer Dinge und Erkenntnisse.
Aber die andere, neue Jugend, die ihrer wartet und welche die höhere ist, weil sie an sich selbst im Leide reicher geworden, drängt in ihrem Blute, in ihrer Sehnsucht und in ihren weit wachen Augen, die noch so viel zu schauen haben von der Fülle der Zeiten und des Seins.
So lebt sie in der Einsamkeit ihres Gartens sich selbst und dem Leben entgegen.
In weiter Schönheit liegt er vor ihr, in morgenfrischem Leuchten, und sie steigt vom Söller mit den leisen, müden Schritten, die von langen Schwächen noch nicht zu ihrer Kraft zurückgefunden, die Stufen hinab zu dem Schatten und Licht ihres geliebten Gartens, zu seinen Farben und Düften, zu seinen Träumen und Verheißungen. Alles ist er ihr geworden in diesen Zeiten der Dunkelheit und Leere ihres äußeren Lebens. Besinnung und Stille gab er ihr. Ahnung zu allen Fernen, Kraft zu allen Überwindungen, die noch ihre Wege hemmen.
Mit leuchtenden Augen schreitet sie durch die Geheimnisse seiner Schönheit, die nur sie ganz kennt, die nur ihr sich ganz auftun bis zu ihren tiefsten Gründen.
Wo sie geht und steht, ist alles voll ihrer selbst.
All die Jahre des Wartens auf sich selbst hat sie hier das bittre Leid ihrer Verzweiflungen, alles selige Wellenspiel schwingender Hoffnungen durch diesen Garten getragen. Er hat mit ihr geweint und gelächelt, kennt ihr Verzagen und ihr Jubeln, wie es das Auf und Ab aller Leiden umschwebt.
Sie kennt das strahlende Leuchten seiner Morgenhelle, die zarte, schwellende Kraft, die aus diesem Leuchten zu ihr kommt.
Sie kennt seine weite, ruhende Mittagsstille, die alle Pein tausendfacher Fragen und Unruhen wie mit einem weichen Mantel deckt und umhüllt. Kennt seine Abende voll heimlicher Süße, in denen der lockende Rausch des Lebens sich in milde, gleitende Melodien löst und alles Ferne und Nahe, alle Tiefe und Höhe und Weiche sich in Eines zu binden scheint, in dem alle schmerzhaften Dinge, alle Qual der Sehnsucht, alle Pein der Erinnerung sich mit den fallenden Abendschatten mischen und von der weiten Ebene seiner gleitenden Stille in seine sanfte Ruhe aufgenommen werden.
Auch das tiefe Schweigen seiner Nächte kennt sie.
Wo alle Fragen der wachen Seele am lautesten reden.
Wo alle Springbrunnen der Erinnerung ungestüm zum Rande steigen und jede schmerzvolle Hemmung heftiger an ihren Ketten klirrt.
Wo die Einsamkeit wie eine Drohung uns zu Häupten steht und alles Schwache, Kranke und Unwirkende der Seele und des Leibes über die stumme Wüste der Nächte hin nach Erlösung rufen.
Wie oft schon ging sie durch den Kreis des Werdens und Vergehens, der ihres Gartens Schönheit zur Höhe der Vollendung und zur Tiefe des Sterbens trug.
Ihr Herz sang mit dem Frühling und blühte mit seinen Farben und Düften, fühlte sich selig aufgelöst in das Meer der Fülle, der seines Sommers Wellen über sie hinfluten ließ. Immer wieder neu feierte sie alle Erfüllungen mit, mit denen die lohende Herrlichkeit seiner Herbste sie überschüttete.
Und das weiche Leuchten, das dann so lange über die träumende Ruhe seiner Winterstille stand, das aber in der Tiefe voll neuen Werdens, seliger Möglichkeiten und fester Sicherheiten ist -- breitete auch über ihr, von langen Erwartungen fast müde gewordenes Herz, die Ruhe des Wissens um den kommenden Frühling auch für ihre neue harrende Jugend, die auf der Schwelle der Zeiten ihrer wartet, um sie neu zu grüßen und zu den blauen Fernen ihrer schmerzhaften Sehnsucht zu führen.
In ihrem Garten findet sie, die mit allen Schmerzen Suchende, sich selbst zu ihren Kräften hin. Langsam durch den Kreis der seligen Einsamkeiten ihres Gartens wandelnd, wird ihr das Tor der Hoffnung aufgetan, durch das sie zu dem neuen Leben schreitet, zu dem all ihre brennende Sehnsucht wie ein Pfeil gerichtet ist.
So ist ihr der Garten ein Symbol der Hoffnung, aus dem sie täglich neu den Glauben an das Kommende findet, das schon auf dem Wege zu ihr ist.
Der Garten des Dichters
Alles was in deinem Garten ist, findest du auch dort.