Part 7
Aber kein Mensch schien sich viel um das kleine Ereignis zu kümmern; kaum daß ihn die zweideutige Glycère mit einem leisen Blitzlein unter seinen Augen prüfte. Der Deutsche erkannte bald, daß es überhaupt nur Pärchen gab auf Schloß Patmos. Diese behandelten sich zart und fein wie höfliche Fremde und nannten sich mit solch milder Ruhe „Sie“ und „Freund“ und „Freundin“, daß nur eine starke Neugierde vermocht hätte, hier mehr als bloße Kameradschaft zu erkennen. Aber es schien niemand neugierig; vielleicht, weil man genau wußte: Alles ist, wie ich bin.
Nur dieser Deutsche ahnte nicht, was die Mode über Menschen vermag. Das Kind Shakespeares glaubte wahrlich selbst hier noch an originale Charaktere und an Individualitäten!
Der heitere Landry nahm ihn ein wenig beiseite und ließ Glycère, seine Freundin, mit der schönen Dorette in den Park ausschwärmen. „Heute nachmittag ist ländliches Fest,“ sagte er zu seinem Gast. „Besitzen Sie irgendein bukolisches Kostüm? Bauer, Schäfer oder ähnliches?“
„Ich habe meine deutsche Jägertracht,“ gestand der junge Baron zögernd.
Landry lachte. „Wo denken Sie hin, mein Freund? Ein Galarock, das geht doch nicht!“
„Ach, da ist nichts von Frack und Parforcepeitsche dran,“ erklärte ihm Georg. „Sehen Sie, teurer Chevalier, die französische Jagd, das ist die Jagd der Geselligkeit. Die deutsche Pirsch, das ist die Jagd des einsamen Träumers. Wir sind gekleidet wie das schattenleise, graue Wild, wie der tausendjährige Baumgreis, wie der uralte Fels. Wir fühlen uns am geselligsten, wenn wir allein sind; denn dann sind wir den stillen Geschwistern nahe; dem Busch und dem Stein, dem kleinen Waldestümpel, diesem dunklen Auge der träumenden Berghöhe, um das die scheuen, nächtigen Wildfährten geschrieben sind, die wir lesen als die Schrift der Natur. Wir wissen alles, von der leisen, huschenden Dämmerungsvogelliebe in den Nächten Oculi und Lätare, bis zu den verschwiegenen Winternächten des Fuchses, von der Erregung des Rehs bis zu dem wilden Aufschrei des eifersüchtigen Hirsches. Wir hegen und pflegen diese Liebe und töten nur zögernd, als Bevollmächtige des großen Zeugers und Zerstörers allen Lebens. Bis in die Seele des Wildes schleichen wir, in sein geheimstes Weben. So sind wir einsam und dennoch reich gesellt.“
„Ach,“ rief der eifrige Landry, „das ist köstlich, das müssen Sie uns lehren. Bitte, zeigen Sie mir doch jenes waldfarbene Kostüm!“
Der junge Hirschbach nahm seinen Wirt mit sich, und während Landry schwermütig in den Anblick des Walles von aufgehängten Reifröcken versank, hinter dem sein junger Freund so glücklich sein mußte, packte der junge Deutsche sein graugrünes Jägerkleid aus.
„Wenn Sie gestatteten, daß ich mich darin sähe?“ bat Landry.
Lachend half ihm Georg beim Anlegen jener Stücke.
Landry war ein schöner Kerl, und das schlichte Grau und Grün mit dem Federgesteck saß ihm keck und fein zugleich. Es ließ ihn frischer und dennoch nachdenklicher erscheinen, und mit unverhohlener Liebe besah sich der Chevalier in seiner Verkleidung vor dem Spiegel. Dann ging er in den Park, um von seinen Gästen lauten Jubel zu ernten. Er verkündete die entzückende Neuheit der deutschen Jagd. „Denken Sie sich, meine Freundinnen, es gibt da eine Methode, die heißt ‚der Anstand’. Diese werden wir üben, in den Vogesen. Jeder von den Messieurs nimmt sich die Dame, der es gefällig sein wird, und übt mit ihr in den stillen Hainen den Anstand. Sie sehen,“ wandte er sich zu dem entsetzten Hirschbach, „welche Reize wir Ihren Jagdmethoden abzugewinnen verstehen.“
„Aber so wird die Methode ganz erfolglos sein, ohne jede Beute,“ rief Georg.
„Meinen Sie,“ lächelte Landry.
Der arme Junge errötete. „Ich meinte, vom Wilde werden wir nichts sehen, noch hören,“ verbesserte er sich.
„Ach, das ist doch Sache der gemeinen Jägerei,“ tröstete der Schloßherr.
* * * * *
So wurde entzückend viel Natur getrieben in den Waldhöhen über Schloß Patmos. Landry selbst war unerschöpflich in neuen Entdeckungen und sorgte eifrig, daß man dem lieblichen, schuldlosen Urzustande, wie er sagte, möglichst nahe kam.
„Die Urnatur ist weder lieblich, noch schuldlos,“ seufzte Georg bei solch einem Geplauder ernst; aber da kam er schön an. Herren und Damen bewiesen ihm an der Hand Rousseaus, daß die Kinderjahre der Menschheit in rührendster Eintracht und Reinheit hingeflossen seien. „Sehen Sie doch unsere guten, demütigen, redlichen und einfachen Bauern an,“ riefen sie ihm zu. „Wie sind sie glücklich, wie naiv, zufrieden, fromm und dankbar!“
„Und wer wagt es, Ihnen das zu sagen?“ staunte der Deutsche, der einzige von der ganzen Versammlung, der die Bauern heimgesucht, beobachtet und ehrlich mit ihnen gesprochen hatte.
„Aber mein Gott, sie selber,“ hieß es.
Zum erstenmal fühlte sich der Deutsche nicht mehr klein und bedeutungslos vor dieser leuchtenden Gesellschaft. Er schwieg und dachte sich sein Teil.
Den Nachmittag verbrachte er mit Madame Dorette allein im Walde. Sie verzagte vor jeder Wurzel und fürchtete jedes Bächlein. Er mußte sie heben, stützen, tragen, und nur sehr langsam erlernten die kleinen Füßlein auf ihren hohen Absätzen im weichen Grunde das Gehen.
Sie hatte Angst; sie schalt, daß diese Natur ungefällig, unverständlich, rauh, verschlossen und dornig sei wie ein Deutscher. Nur wenn er sagte: „Aber Madame, sie ist jetzt modern,“ dann seufzte sie, nahm sich glatt zusammen und sagte wieder aufgerichtet: „Es ist wahr, Sie haben recht, lieber Baron.“
Als sie müde war, nahm er behutsam ihr Köpflein in seinen Schoß und ließ sie da schlummern. Ach, er liebte sie schon ein wenig. Aber seine scheue Art wagte keine Kühnheit.
Beim Schlafengehen war es wie gestern. Er berichtete von den Tieren des Waldes und brachte sie mit der köstlichen Fabel von Reineke Fuchs dreimal, viermal zum Lachen. Aber als er erzählte, wie Reineke die Wölfin im Eise festfrieren und an der Wehrlosen seine Liebe ausließ, da tat sie empört, obwohl sie hinter ihren Reifröcken vor Lachen fast erstickte.
„So etwas konnte auch nur ein Deutscher erfinden,“ rief die drollig zornige Stimme aus ihrem Versteck.
„Dorette,“ bat Georg.
„Ach, gehen Sie mir.“
„Dorette!“ flehte Georg.
Sie schwieg.
„Schönste Dorette!“
„Gut Nacht,“ sagte sie kurz. Bald darauf schlief sie, und der aufgewühlte Junge atmete sich vor Verlangen nahezu die Brust in Stücke.
Allen bekam die neue Mode der Natur in den nächsten Tagen sehr gut, nur der Deutsche wurde blaß und übernächtig.
Landry glaubte ihn warnen zu müssen, sich mit Maß an der Güte der Natur zu freuen, und Georg hätte beinahe vor Schmerz aufgeschrien. Jedoch schwieg er und überlegte: Was hat nur diese Dorette? Sie wußte, daß alle Welt sie für seine Geliebte hielt, und wurde es nicht.
Er machte sie darauf aufmerksam, was man von ihnen beiden dächte.
„Ach ja,“ lächelte sie, „aber man findet es äußerst nett, und ich hatte nie etwas dagegen, für nett gehalten zu werden.“
„Man, man, man!“ rief er verzweifelt. „Das ist ein Wort, das ich nur in Frankreich hörte und das mich tötet! Ich habe noch nie von einem so unheimlichen Tyrannen und Dämon aller Welt gehört, wie Ihr Begriff ‚man’ es ist.“
„=Man= schreit eine Dame auch nicht so an,“ sagte Dorette ruhig. „Sie sind gar nicht mehr nett, mein Freund. =Man= erträgt alles mit heiterer Gelassenheit; auch die Liebe. =Man= verbirgt es, wenn =man= erregt ist, und schließlich tröstet =man= sich anderswo.“
„Der erste gute Gedanke, den dieses ‚man’ hat,“ fuhr Georg wild heraus.
Und er begann der schwärmerischen, kleinen Heloise den Hof zu machen. Aber wie ein Schatten glitt deren bisheriger Freund, der kleine Vicomte Bareilles, zu der schönen Dorette hinüber. Er dachte, Georg wolle tauschen, und war hierüber sehr zufrieden.
Nun hatte der arme Junge es obendrein mit der Eifersucht zu tun.
Inzwischen lief die ganze Gesellschaft fröhlich weiter auf den Fährten der Natur. Landry vergötterte seinen naiven Gast, dessen seltsames Wesen er für feinste Berechnung und künstliche Mode hielt.
„Ich bin so glücklich,“ gestand er ihm. „Sie reißen mich bis zu den originellsten Entdeckungen und Erfindungen hin. Wir schmausen und tafeln im Grünen, wir tanzen im Mondschein wie die Elfen ihres _maître Chequespire_, wir leben gesellig wie die wilden Kaninchen. Nach dem Mahle schlummern wir im Rauschen der Bäume und Quellen und beenden unsere Verdauung im trauten Busch, zwischen nickenden Wiesenhalmen und auf dem von Mohnblumen errötenden Feldrain, bis in ihre letzten Konsequenzen. Es ist das meine glücklichste Erfindung. Weiter kann man sie doch nicht treiben, die Natur. Nicht wahr, Freund meiner Seele!?“
Zum ersten Male seit langen Tagen lachte Georg aus vollem Herzen über die Bemühungen seines Wirtes, der Natur näher zu kommen.
Und Landry lachte eitel, silbern und glücklich mit ihm.
Dann aber kamen trotz des Juli lange Regentage über Schloß Patmos, und mit der Natur war es aus für alle, außer für den einsamen Deutschen. Der stieg hinauf in die eintönig rauschenden Bergwälder und schaute nach versiegtem Regen mit einer Seele voll Brudergrüßen über die stille Landschaft, über Waldberge hinter Waldbergen, aus deren Falten sich der geisterstille Wolkenrauch erhob und langsam über die Fichtenhöhen hinstreifend rückkehrte zu den ziehenden, grauen und weißen Geschwistern der Luft.
Da fragte er auch wohl bei den Bauern umher und fand nichts vom „_bon villageois_“, von dem die lächelnden Damen schwärmten. Finsterer Groll, abwartende Tücke, verhaltene Drohung, das war die Stimmung gegen die Gesellschaft in Schloß Patmos. Dieselbe schlichte, fast bürgerliche Kleidung, die dort unten Madame Dorette über ihn die reizenden Achseln zucken machte, führte ihn hier näher an das Geheimnis der Volksseele.
Furchtbares brütete da.
Er warnte oft seinen Gastherrn, warnte Dorette und die andern, aber man schalt ihn: „Sie Geisterseher, Sie Mondbewohner, wollen Sie nicht schweigen und mit aller Welt vergnügt sein, wie es sich schickt?“
Da schwieg er, aber er ließ sich Zeitungen kommen. In dieser ganzen Gegend von Straßburg bis Metz, bis Toul, Verdun und Nancy umher gab es kein Dutzend Zeitungen. Wozu auch?
Wie hätte es Zeitungen geben sollen, wenn keine Ereignisse da waren, sie zu füllen! Man amüsierte sich allerorten auf gleiche Weise; das wußte jedermann ohnedas. Zwar war die Nationalversammlung schon einberufen, und der Volkszorn begann dumpf aufzugrollen. Aber solange die Revolution nur theoretisch blieb, wurden die Journale sehr langweilig gefunden. Man wußte ohnehin besser über Menschenrechte zu plaudern als darüber geschrieben werden konnte.
Erst die abgeschlagenen Köpfe machten Zeitungen notwendig.
Und während der junge Hirschbach in tiefer Bewegung von der Erstürmung der Bastille las, zupften die Damen in der Langeweile der grauen Regentage Goldscharpie. Es war das ein beliebter Zeitvertreib und zugleich eine angenehme Gelegenheit für junge Mädchen, sich ein kleines Nadelgeld zu schaffen. Jeder Herr hatte die Pflicht, alle Goldtressen von veralteten Garderobestücken letzter und vorletzter Mode an die Freundin abzuliefern, und den ganzen Tag über zerrten die kleinen Händchen an den feinen Golddrähten und häuften ganze Hügel von der edlen, graulich gekräuselten Metallwolle, aus der die hellgebliebenen Fädchen blitzten, wie feine Kinderhaare.
Georgs Erzählung von der Erstürmung der Bastille erregte nur lebhafte Genugtuung.
„Ach Gott,“ sagte Dorette, „nun endlich können diese Ärmsten auch etwas modern werden, und den Wald und das Land genießen.“
Die schöne Heloise schluchzte vor Rührung, und die Herren applaudierten vor Freude über die vielen erlösten Opfer der Tyrannei.
Als ihnen dann Georg von den Aufständen der Bauern, von erstürmten Schlössern, von Adelsmorden und rauchenden Feudaltrümmern erzählte, meinten sie allesamt: „Gott, müssen die es arg getrieben haben, daß sie den gutmütigen Landmann so schwer zu reizen vermochten!“
„Und Sie, Chevalier,“ fragte Georg den guten Landry, „fürchten Sie denn nichts?“
„Mein Gott, ich tat doch niemandem etwas,“ lächelte der glänzende Seigneur beruhigt, „und überdies muß man mit den Tugenden der Menschen rechnen.“
Als zu Paris die Menschenrechte verkündigt waren, gab man den Bauern der Gegend ein prachtvolles Fest mit Feuerwerk und warf nach dem Gelage Konfekt, Obst und Geld zum Fenster hinaus unter das Volk.
Georg war nicht beim Bankett. Er beobachtete das Bauernzeug, das sich um den Abfall der übermütigen Tafel balgte.
„So gut haben die's da oben,“ murrte der eine.
Und ein andrer summte: „Wir werden das alles bald besitzen. Das Schloß ist nicht so fest wie die Bastille.“
* * * * *
Diese ganzen drei Wochen mußte der ärmste junge Baron in einem Zimmer mit der blassen Dorette schlafen. Seine Hoffnung und seine Verzweiflung stiegen und fielen in regelmäßigen Gezeiten; nur seine Liebe wuchs beständig.
Dorette, die hatte gar wohl bemerkt, daß die zärtliche Heloise in süß schmachtender Neigung zu dem hübschen Deutschen entglommen sei und bangte ein wenig um ihren braven Schlafkameraden, so hoch sie auch sonst auf ihn herabsah, als auf das Kind einer minderwertigen Rasse. Nur Georg merkte nichts. An einem milden, dampfenden Abende stand er mit Dorette und Heloise an einem Fenster und hörte, wie auf den Dächern der Ställe ein Kater inbrünstig um Liebe sang.
Das Mädchen, der Georg sehr gut gefiel, brach in Tränen aus.
„Was ist Ihnen nur, liebste Heloise?“ fragte der arme Hirschbach bestürzt.
„Ach die Natur, diese Natur! Sie ist zu erschütternd,“ schluchzte Heloise.
„Ja, die Natur,“ seufzte der junge Deutsche und sah mit dem sanftesten Vorwurf die feine, kühle Dorette an. Der Kater sang weiter, und Dorette lächelte.
Am Abend dann, als sie wieder hinter ihrer Festung von Reifröcken zu Bette gegangen war, bat er innigst, sie in allen Ehren besuchen zu dürfen.
„Da Sie mir das Wort eines Edelmanns verpfänden, nun denn, kommen Sie, mein Freund.“
Dorette in ihren Kissen, den Arm auf dem Herzen, im milden Rot der Ampel war schöner als je, und schluchzend fiel der arme Junge vor ihrem Lager auf die Knie.
„Ach, Madame, ich liebe Sie derart, daß es mich verbrennt und auffrißt; und Sie, Sie machen sich gar nichts aus mir. Sie sehen mich wie einen Knaben an und darum, ja nur darum lassen Sie mich auch hier sein. Was ist es, das Sie so kühl gegen mich sein läßt!?“
„Sie sind so unmodern, wenn Sie erlauben, daß ich eine so schwere Sache ausspreche,“ seufzte Dorette und sah die Amoretten und Schäfer auf dem Plafond an, die sich geradezu frei benahmen.
„Aber Landry ruft mich doch als neueste Mode aus.“
„Ja, das ist im Wald und auf der Flur. Aber im Salon, mein Lieber! Diese drei Wochen Regen taten Ihnen sehr viel Schaden. Ich hätte Sie fast ein wenig lieb gewonnen, weil es wirklich schien, als seien Sie der Neueste des neuen Tages. Aber, mein Freund, Sie tragen eine Kleidung wie ein tüchtiger Kaufmannssohn, -- die Locken sind nur lose gewickelt, das Haar zu schwach gepudert, und Sie erfinden eine Sprache, als ob die _Académie française_ sich seit 1750 umsonst bemüht hätte; -- eine Sprache voll altertümlicher Kraftworte, wie ein Musketier Ludwigs des Dreizehnten. Mein Freund, das tut man nicht. Sie kompromittieren geradezu mich.“
„Soll ich Sie denn wirklich jenem Vicomte Bareilles überlassen und mein Glück bei Heloise versuchen?“ verzweifelte Hirschbach.
Dorette stützte sich plötzlich auf den schönen Arm und sah ihn tief und reizvoll an. „Wenn Sie es vermögen?“ sagte sie mit dunklem, warmen Ton.
Nun warf der Ärmste alle Fassung von sich, drückte den heißen Kopf, der voll tobender Gedanken war, gegen die Decke seiner Freundin und begann haltlos und erbärmlich zu weinen.
Sein Schluchzen und sein Zucken durchrieselten Madame als ein ungeheures Kompliment. Sie hatte einen Hauch, eine Ahnung von Zärtlichkeit für diesen Jungen, und sein Schmerz tat ihr unendlich wohl.
„Ah,“ sagte sie. „Hier dürfen Sie weinen. Hier dürfen Sie es, da niemand Ihnen eine Fassungslosigkeit zu verzeihen hat.“
Und die feinnervige Frau fing mit allen Poren den süßen Schmerz ihres jungen Freundes auf und trank ihn, endlos geöffnet, in dürstender Schweigsamkeit. Sie zitterte leise vor rieselndem Wohlsein, und es war ein narkotischer Zauber, köstlich wie kein zweiter. Nie hatte ihr Liebe so gut getan, und sie ließ den Glühenden und Fiebernden über sich weinen, bis leise Lähmung über beide kam.
Halb in Zorn, halb in Hoffnung richtete sich Georg auf, als sie ganz still blieb. Schlief sie oder verstellte sie sich? O, wenn sie sich verstellte, dann war es ein Glück ohnegleichen. Angstvoll betrachtete er ihre durchscheinenden Lider und die wundervollen Wimpern. Zuckte sie nur einmal, so war sie wach.
Aber nein; Madame Dorette schlief. Süß und vertrauensvoll.
Da bettete er sich zu ihren Füßen wie ein Hund.
Am nächsten Morgen erlaubte sie ihm einen leisen, flüchtigen Kuß, und das war alles. Auch durfte er nie mehr zu ihr kommen. Er hatte sie das Gruseln gelehrt.
Nach dieser Lektion bemühte er sich, einen vollendeten Kavalier aus sich zu machen. Als nach einigen Tagen die liebe Sonne wieder so innig aus blauem Himmel lachte, als wäre sie froh, nun endlich wieder das wunderliche grüne Erdensternlein zu küssen, da erschien der Herr Baron Johann Georg von Hirschbach in gänzlich neuer Verfassung auf dem Blumenparterre vor dem Schlosse. Er war angetan wie des Königs feinster Hofmann und strahlte vor Seide schöner als ein Nußhäher im Brautkleid. Gottes allerblaueste Seidenstrümpfe, die himmelfarbigsten Culots und die gelbbrokatenste Weste der ganzen Schöpfung umschlossen ihn; er war frisiert wie ein Dauphin, und sein Frack warf nach allen Seiten die stolzen Lichter verschwendungsjubelreicher Goldtressen.
Alle Damen brachen in ein entzücktes „Ah!“ aus, und Dorette blieb lächelnd stehen und sah ihn an wie eine neue, allergnädigst begrüßte Bekanntschaft.
Die kleine Heloise wäre beinahe abermals in Tränen ausgebrochen. Zur Unzeit aber geriet Eliante, es war die mit dem perlenden Lachen, auf eine reizende Idee. Kein Mensch wußte, woher sie so schnell ihren Arbeitsbeutel hatte, aber sie wischte eilig mit ihrer Schere hervor und trennte dem Herrn Baron die schönste Tresse vom Rocksaum.
„Goldscharpie, Goldscharpie! Wie reizend!“ riefen alle jungen Damen durcheinander und stürzten sich auf Hans Georg. Ihre Reifröcke bogen sich aneinander und knickten, aber jede wollte die erste sein. Wie ein Gnadentum von heilwütigen Pilgern, so ward er am Kragen, an den Schultern, Schößen und Taschenklappen erfaßt und begeistert hin und her gezerrt. Die kleinen Scheren knippten behende, und in einem Hui war der Herr von Hirschbach tressenlos. Wie ein Flug Vöglein um einen Bussard waren sie herangezwitschert gekommen und wieder verflattert, -- und kahl und gerupft stand der gute Deutsche da.
Dorette hatte die Arme sinken lassen, als die reizenden Freundinnen sich ihres Kameraden bemächtigten und hatte untätig und lächelnd zugesehen. Nun bekam sie den ersten, verlegenen Blick des Beraubten, der über die Gnade der jungen Damen sehr glücklich schien. Lang schaute sie zu ihm hinüber mit willenlos gesenkten Armen.
Dann sagte sie nach tiefem und langsamem Atemzug: „Es ist Ihr Schicksal, mein Herr Baron, schlicht zu bleiben, in alle Ewigkeit.“
Und wahrlich, der Baron von Hirschbach blieb fortan schlicht und gut. Er verehrte die klare Dorette, die vor aller Augen als seine Geliebte galt, fortab so keusch und gefaßt und demütig, wie es kaum ein deutscher Herr in den blumenreinen Tagen des Herrn Walter Vogelweide vermocht hätte. Er bewachte ihren leichten, leisen Atemzug, wenn sie schlief, und war in entlegenster Waldeinsamkeit wie ein goldenes, zutrauliches Kind mit ihr.
Keine Bitte sagte er mehr und träumte auch keine. Sie war ihm durch ihre verständigen Worte tief heilig geworden: „Es ist Ihr Schicksal, schlicht zu bleiben.“
Die ganze Gesellschaft amüsierte sich also köstlich an ihrem Naturburschen. Er aber, nachdem es ihm mißglückt war, einem hochbegnadeten Adel die Augen für den trotzigen Blick der Bauern und die Ohren für das unterirdische Volksgrollen zu öffnen, versuchte ihnen die Schönheit der ewig jungen Wiese und des ernsten, greisen Waldes, des seelenvoll bewegten Wassers und der ambrosischen Wolken zu erschließen.
Aber es verstanden ihn fast nur Heloise und Dorette. Heloise brach zumeist in Tränen aus, und Dorette schwieg lächelnd, aber ihre kleine Seele wuchs und wurde ernst und nachdenklich.
* * * * *
Dann, an einem Herbsttage bekam der Chevalier Landry einen sehr unerwarteten Brief.
Dieser Brief war von seiner Gattin aus Paris verfaßt, die dort, zum eignen Amüsement und dem ihrer Freunde, zurückgeblieben war. Herr von Landry hatte diese, seiner würdige Gattin seit der Halsbandgeschichte der Königin, seit über drei Jahren also, nicht gesehen!
Madame Landry schrieb, sie fürchte sehr, ihrem Herrn Gemahl ein Geständnis zuflüstern zu müssen. Was Herr von Landry darüber denke?
Herr von Landry sagte sich: Ei, wenn das Geständnis nur flüstert und noch nicht selber schreit, dann ist alles gut, schmunzelte über die Unvorsichtigkeit seiner Frau Gemahlin, setzte sich mit graziöser Unbefangenheit an den Tisch und schrieb, ein Paladin der Galanterie bis in die Fingerspitzen, folgenden Brief:
„Meine Teure! Ich freue mich unendlich, von Ihnen zu vernehmen, daß die gütige Vorsehung endlich unsern Bund gesegnet hat! Ich werde mir die Ehre nehmen, Ihnen, Madame, noch in diesen Tagen meine Aufwartung zu machen in der Überzeugung, daß Sie die Güte gehabt haben werden, mich zu solch richtiger Zeit von der mir widerfahrenen Freude zu benachrichtigen, daß der künftige Erbe des Namens Landry das Wappen dieser Familie an seinem Coupé wird führen dürfen, ohne ein Lächeln zu erregen.
Beten wir zur Mutter Natur, Madame, daß es ein Sohn sei.
Tausend entzückte Grüße meinerseits. Bis dahin Ihr
ergebenster Diener Jean Ch. de Landry.“
Und der Chevalier rüstete sich von neuem zur Abreise nach Paris, indem er sich bei seinen Gästen entschuldigte, die neue Mode der Menschenrechte dort zu studieren. Er versprach, sie mitzubringen. Er bat seine Gäste, sich bis dahin gut zu unterhalten, und empfahl Glycère inzwischen der Zärtlichkeit seines jungen Freundes „_'ans ioeurgue_“, wie sämtliche Damen den Thüringer nannten, da sie den Namen Hirschbach nicht aussprechen konnten.
* * * * *
Herr von Landry kam nicht mehr zurück. Man hatte ihn in Paris erkannt, als einen der Mitwisser der Halsbandgeschichte in der Wohnung seiner Frau eingefangen, und tat ihm der König nichts, so köpften ihn die Jakobiner.
Er aber lächelte.
Es hieß, die Liebe zu seiner Gattin hätte ihn nach Paris getrieben, und der Name Landry war der Zukunft gerettet.
In Patmos wartete man vergebens auf den Bringer origineller Neuheiten. Statt seiner kamen unversehens die Bauern. Die brachten noch ganz andere Überraschungen mit sich, als der delikate Chevalier.
Es geschah solches mitten in einem Schäferspiel, das die verwaisten Gäste arrangiert hatten, am Abend eines schönen Septembertages, nachdem soeben für dreihundert Taler bengalisches Licht verbrannt war.
Das Stück spielte im Freien, im Blumenparterre vor dem Schlosse, und von der Terrasse sah die übrige Gesellschaft zu.
Dorette gab sehr überzeugend eine Prinzessin, die Perlenstaat und Seidenrobe ablegt, um ihrem Schäfer in die Blumengefilde der schuldlosen Natur zu folgen, wie es in den hübschen Versen hieß.
Der Herr von Bareilles gab den Schäfer wie aus Zucker und Biskuit.
Hans Georg spielte den bösen Jägersmann, der des Schäfers Hündlein erschossen hatte und die süßen Tauben des Myrtenhaines bedrohte.
Heloise hinwiderum hatte diesen Jägersmann zärtlich zu zähmen.
In der dichtverhangenen Laube, wo sich Dorette zum zweiten Akt als Bauernmädchen umkleiden sollte, ertappte sie den Hans Georg, der eben zwei Pistolen aus dem Dickicht hervorzog und zu sich steckte.