Vom sterbenden Rokoko

Part 6

Chapter 63,638 wordsPublic domain

Das war die denkwürdige Menuett gewesen, die der bürgerliche Kapitän Primus Thaller in einer Reihe mit einem hochansehnlichen Adel getanzt hatte.

Es war die letzte Menuett des Rokoko gewesen, mitten in ihrer graziösen Süßigkeit zerrissen durch den Ruf des Jakobinertribunals. In eigenartig gemischter Betrübtheit stieg Herr Kapitän Primus wieder in den Tag hinauf und auch die kleine Blanchefleure verließ ihr Gefängnis, um vor Gericht zu treten.

Dessen Barriere glich einem Branntweinschanktisch. Vier oder fünf unordentliche Rohlinge lauerten dort, schmutzig und bösartig wie gesträubte Bauernhunde.

„Bürgerin Blanchefleure Massimel? Witwe?“ knurrte sie einer an.

„Da Sie es so wünschen -- -- --“

„Vom ehemaligen Hofstaat der Bürgerin Antoinette Capet?“

„Wessen? Der Königin, wollen Sie sagen?“

„Ach, so? Notieren Sie das genau, Bürger Pouprac! Königin sagte sie.“

„Ich denke, das genügt schon,“ murrte Pouprac gleichmütig. Dann aber sah er boshaft auf. „Warum lächeln Sie, Bürgerin? Sie beleidigen das Gericht damit! Warum lächeln Sie?“

„Mein Gott, wie sehen Sie denn aus!“ platzte die arme Blanchefleure tiefrot im ganzen Antlitz hervor. „Wenn man solche Pantalons anhat wie Sie!“ Und sie drückte die Hände vors Gesicht und lachte wie ein dummer Backfisch.

Pouprac warf einen Blick auf seine Hosen aus blau-weiß-rotgestreiftem Kattun, auf diese stolze Flagge und Schaustellung seiner republikanischen Gesinnung. Dann sprang er wütend auf seine beiden nationalgetigerten Beine: „Sie sind des Todes schuldig, Bürgerin Massimel,“ brüllte er. „Des Todes wegen Beleidigung der französischen Nationalfahne!“

Da zog die kleine Marquise die Hände von ihrem Antlitz und sah ihn an, hohe, erstaunte, drollige Augenbrauen, gerümpfte Nase: „Sie, Sie wollen mich richten! Waschen Sie sich und ziehen Sie Strümpfe an, bevor Sie mich nur bedienen wollen!“

Und sie ging. Sie hatte sich auf das Schafott gelacht.

* * * * *

Mein Großvater hörte nur noch von ihr, wie sie nicht zulassen wollte, daß man ihr die Haare abschneide. „Meinen Sie,“ hatte sie den Gerichtsbeamten gefragt, „daß das unbedingt nötig ist? Der Mann auf dem Gerüst kann sie gebrauchen, um das Haupt daran in die Höhe zu heben: -- nachher; wie das so eine Ihrer Gewohnheiten sein soll.“

Und als der Sansculotte mit grober Kürze darauf bestand, hatte sie die lieblichen Schultern gezuckt: „Meinetwegen. Ich wußte schon, als Sie kamen, mich zu köpfen, daß Sie keinen ästhetischen Sinn haben. Und ich habe recht behalten.“

Nach diesen letzten, befreit geistigen Worten starb sie aber dennoch als armes, zitterndes Weib.

Sie starben und alle, die um sie hätten weinen können, waren tot oder hatten an das eigene Sterben zu denken. So verstand keine Seele, was mit der schönen Blanchefleure zu Ende gegangen war, die ihr Lebelang recht behalten hatte.

Auch mein armer Großvater hat sie nie verstanden.

Nur ich, nur ich! Ich verstehe sie, der ich ihr Bild erst vom Trödler loskaufen mußte, wie zur Rache des Nachgebornen an der, die durchaus nicht seine Urgroßmutter werden wollte.

Gut, daß sie es nicht wurde. Sie ist dabei jung geblieben, ewig jung und begehrenswert.

Und ich darf sie lieben, wie der ehrliche Primus Thaller sie liebte, nur besser noch: Verständiger, luxuriöser.

Sie hatte in allem recht und ich sehne mich nach ihr ...

Madame Dorette und die Natur.

Es bedurfte in der Geschichte der Kultur des Herrn Chevalier von Landry, um zu beweisen, daß man, vom Königshofe Frankreichs an die frische Vogesenluft versetzt, sterben müßte.

Nur das Vorbild seines Oheims, des Kardinals und Erzbischofs von Straßburg, Rohan, hatte ihm vorläufig das Leben gerettet, jedoch nur auf kurze Zeit.

Rohan und der Chevalier waren vom Hofe weg nach dem Elsaß, dem ihrer Meinung nach brutalsten Lande der Welt, verbannt worden, in dem man kaum erst das Französische zu erlernen begann, geschweige denn die Sprache von Versailles. Die berüchtigte Halsbandgeschichte war schuld gewesen. Der Kardinal und der Chevalier hatten beide die entzückend leichtfertige Königin sehr geliebt, und der Chevalier hatte gehofft, bald der Nachfolger des beschränkten Rohan in der Gunst Marie Antoinettes zu werden. Die reizende Geschichte war mit dem ärgerlichsten Skandalprozeß zu Ende gegangen, und weil der Kardinal in Bergzabern das Schloß seiner Väter aus größter Langeweile von neuem aufzubauen begann, folgte der Chevalier seinem Beispiel, den gewaltigen Versuch zu wagen, aus einem Stück Elsaß ein Stück Versailles zu machen.

Es war entsetzlich, zu Beginn der Verbannung!

Die Landry hatten ihren Stammsitz seit drei Generationen nicht gesehen. Großvater Landry, Vater Landry und Landry Sohn hatten, ähnlich den Seligen des Himmelreichs, im Angesicht des Königs Zeit und Ewigkeit vergessen. _Louis quatorze_, _Louis quinze_, _Louis seize_, vor jedem lächelte ein Landry, hinter jedem flüsterte ein Landry. Die Landry waren erbangesessen hinter dem _oeil de boeuf_. Alles, was ihnen von ihrem Vogesenbesitz bewußt war, bildeten die hunderttausend Ecus jährlich: Hunderttausend fröhliche, leichtfertige Taler, die dem Elsaß gänzlich unnötig waren und die darauf brannten, an Karossen, Puder, Pferde, Sängerinnen, Samt, Tressen, Jagdpartien, Festschmäuse und Trinkgelder verwendet zu werden.

Und nun saß er, der erste Landry seit fast einem Jahrhundert, wieder auf dem Schlosse. Von der Wasserscheide der Vogesen bis weit ins ebene Land hinein gehörte ein Stück Erde ihm, schön, mild, reich und still wie eine Insel der Seligen. Er aber starb beinahe daran.

Er taufte sein Schloß um; er nannte es Schloß Patmos, weil Jean Evangeliste de Landry hier verbannt saß. Er, der niemals einen Berg erstiegen, ächzte dreimal die Woche zum Kamm der Vogesen empor, schaute nach Westen und wünschte im Graben der einzigen Straße Frankreichs sein Leben zu beschließen, der Straße von Paris nach Versailles.

Er sah sie: ein beständiger, leuchtender Königszug. Karosse an Karosse. Die hochfrisierten Damen mußten sich oft weit vorbeugen, lachend oder vor Schreck aufschreiend, weil zwei Pferdehäupter hinter ihnen über dem Fond des Wagens nickten. So voll, so rauschend war der Verkehr. -- Die ganze Straße war ein Trab, ein Geplauder, ein Lächeln, Winken, Nicken, sie war Frankreichs Salon, Stelldichein und einziger Ausflug ins Freie zugleich.

Nach einiger Zeit lernte Herr von Landry infolge der vielen Seufzer die Bergluft atmen und sie machte ihn etwas stärker. Er sagte mit einem Teil jenes Trotzes, der die Landry vor über hundert Jahren geziert hatte: Schön: Kann ich nicht nach Versailles kommen, so soll Versailles zu mir kommen. Hunderttausend Taler Rente bedeuten hier mitten in der Naivetät dieser Gegend das Dreifache. Ich will mir meine eigene Hofhaltung schaffen.

Nach einem Jahr stand Schloß Patmos da, wie aus Zucker und Tragant gebildet. Herr von Landry lud ein, was jemals im Leben einen Strahl von Versailles erhascht hatte, und ein unendlicher Jubel entstand unter dem französischen Pfründenadel zu Straßburg. Ach, wie atmeten diese Franzosen auf! Mit den Elsässern war keine Anspielung und kein Lächeln zu tauschen. Sie verstanden kein Parfüm, keinen Schnitt, keine Mode, kein Kompliment und keine Bosheit. Eine reich bezahlte Stelle und ein sorgenloses Amt hatte viel entzückende Leute nach diesem Straßburg gelockt. Voll tanzender Hoffnung waren sie gekommen und sahen hier Menschen mit Rosetten an den Hosen, mit ungepudertem Haar, ja sogar Menschen in Stiefeln, Menschen, die den Hut dazu mißbrauchten, ihn auf den Kopf zu stülpen, statt ihn unter dem Arme zu tragen. Es waren hier Leute, die nicht einmal wußten, den Spazierstock graziös auf den Boden zu setzen, geschweige denn ihre Beine. Alles war aus!

Da eröffnete ihnen dieser schwermütige Halbgott Landry sein neu umgebautes, zuckernes, filigranes und brokatnes Patmos. Ein kleines Versailles, neuester Mode. Ach, die Welt war wieder wohnlich!

Es kamen in Scharen, die es mit Grazie verstanden, unnütz zu sein. Nicht ein Zimmer im Schlosse war unbesetzt, und was von den Bewohnern nicht dem Adel angehörte, war mindestens Blumenstaub aus der feinsten Blüte des geistigen Frankreich. -- Dichter, Musiker, Philosophen und zwei Maler waren von Paris verschrieben worden. Das leichte Geistesvolk weilte gern in Patmos. In Paris war große Rivalität und allzuviel Angebot; hier schmückte es Schloß und Park wie Halbgötter auf ehrfurchtsvollen Postamenten.

Nun hatte man schon das zweite Jahr im ältern Versailler Stil Konversation gemacht, hatte musiziert, getanzt, Komödie gespielt, gejagt und geliebt, da fuhr der Schreck in Herrn von Landry, ob man in Paris und Versailles nicht inzwischen längst eine neue Mode hätte?

Es war ein großes Wagnis; er fuhr trotz des königlichen Verbots in einer sehr vollkommenen Verkleidung nach Paris; als ein deutscher Gelehrter, um dort von den Intimsten seines Briefwechsels zu erfahren, wie man inzwischen seine Kleider, seinen Geist, seine Perücke und seine Gefühle trug.

Da ward ihm eine große Überraschung. Schon seit Herr Benjamin Franklin dagewesen war, versuchte man sich ein wenig in Aufrichtigkeit; nun aber war Herr Jean Jacques Rousseau unwiderstehlich in Mode gekommen, und man spielte geradezu Natur! Man versuchte die Natur genau so zu sehen wie Herr Rousseau und entdeckte hiedurch mehr als ein Dutzend ungeahnte, gänzlich neue Gefühle. Ganz Paris und Versailles waren entzückt. Der König schob eigenhändig einen Bauernkarren aus dem Dreck, die Königin buk eine Omelette, ja Madame de France spielte einmal den guten, aufrichtigen Bauern unter der Dorflinde auf der Geige zum Tanz auf. In allen Salons bewunderten sie das Gefühlsleben der Kohlenbrenner und Wilddiebe, und der Herzog von Orléans brach in Freudentränen aus, als er in dem Dorfe Saint Léger ein bäurisches Ehepaar streiten fand und hierbei die erste Ohrfeige sah und hörte.

Mit einem köstlichen Gefühl eilte Chevalier Landry nach dem Elsaß zurück und brachte der reizendsten aller Gastgesellschaften den unerhörten Vorsatz mit, sie werde sich von nun an der Natur gemäß zu verhalten und zu unterhalten haben.

Herren und Damen überboten sich von da ab in Erfindungen und Entdeckungen, aber vollkommen wurde man erst, als der Chevalier zur größten Ergötzung der erlauchten Gesellschaft ein Naturkind eingeladen hatte, das die Feinheiten der übrigen vergangnen Moden noch gar nicht erst kennen gelernt hatte.

Das war ein deutscher Jüngling.

Hans Georg von Hirschbach kam aus dem Thüringer Walde und hatte soeben in Straßburg die Philosophie zu Ende studiert. Er war ein Prachtjunge, aber nur für Deutschland. Aufmerksam und nachdenklich, von einer zusammengehaltenen Resolutheit, etwas schweigsam, etwas einsam, etwas holperig. Er hatte eine warme, tiefe, herzliche Stimme, lachte stets nur aus Freude und nie über Bosheiten, schlug und balgte sich ein wenig gern, scheute sehr die Damen, war hellbraun, krausköpfig, stämmig und hatte einen festen Nacken, schiefgeneigten Kopf, starke Stirne und starke Kinnbacken. Sein Teint war kräftig wie Roggenbrot, sein Gang etwas werfend und schleuderhaft, wenn er allein die Landstraße maß, und höchst befangen und stolperbedroht in Gesellschaft.

Er hatte zu Hause nichts getrieben als Vogelfang und Pirschjagd. In Straßburg war er ein bißchen im Fechten, Schießen und Reiten fortgefahren, hatte das Zechen, das Singen und Radaumachen erlernt, war dann über die Bücher geraten und hatte sich mit seiner ganzen Waldburschenseele dem Shakespeare verschrieben.

Und gerade Hans Georg geriet in die diskrete, lächelnde, wespenboshafte und bis zum Überschwang liebenswürdige Gesellschaft im Schlosse des Chevaliers Landry!

Er geriet mit Wissen und Willen seiner Mama hinein, die außerordentlich viel auf die feingeschliffene Kultur von Versailles gab. Hans Georgs Mama war zärtlich, geistvoll, belesen und sprach das delikateste Französisch, alles mitten im Thüringer Wald. Sie wünschte sehr, daß ihr Sohn diese Eigenschaften von ihr geerbt haben möchte, die er an einer bessern Stelle verwerten sollte. Ihr Bittgesuch hatte der alte Freund der Familie, ein Straßburger Gelehrter und Gast Landrys, dem Hausherrn von Schloß Patmos gebracht und eine Einladung voll Honigseim erfloß nach Straßburg „an den Chevalier Jean de Hirsbac“.

In der Fahrpost, in welcher der junge Thüringer nach dem Schlosse fuhr, saß nur noch eine Reisende, nebst unermeßlich vielen Koffern und Schachteln. Diese Dame war so jung, so graziös, so schön und in jeder Bewegung so sicher, daß Hans Georg vor Scheu fast die Beine unter sich auf den Sitz gezogen hätte. Denn es waren Beine, die in Stulpenstiefeln steckten, was ihn zum erstenmal sehr genierte. Wenn man zierlich sein wollte, dann trug man ohne Nachsicht Kniehosen und Seidenstrümpfe.

Er fürchtete sich vor ihrer Bekanntschaft. Er betrachtete sie lange Zeit nur ganz versteckt, gelegentlich aus dem Profil hinüberhuschend. Sie war königlich blaß, hatte eine kapitale Frisur, breiten Hut à la Schäferin, eine wunderbar reine Stirn, und der Mund wie das Profil waren fein und von gefaßtem Schwung. Die Augen hatte sie durch die stolz und nachlässig geschlossenen Lider verdeckt, aber man sah durch diese zarten Lider, daß sie tief und groß und braun waren.

Das wird eine respektvolle, traurige Reise werden, dachte der junge Hirschbach, zog die Füße nach hinten, legte die Hände gleichmäßig auf die Knie und schaute den wundervollen, bläulich violetten Lichtreflex auf dem ungepuderten schwarzen Haar der jungen Dame an, der direkt vom Himmel durch das Fenster auf sie kam, bei jeder Pappel am Weg aufhüpfte, bei jeder Sonnenbiegung mit Goldbraun tauschte und langsam unter dem puderfeinen Straßenstaub erstickte.

In Molsheim fragte er den Postmeister, ob er über Schloß Patmos etwas wisse.

„Wir nennen es anders,“ sagte der Postmeister mürrisch. Der Herr von Landry war bei Bürger und Bauer gleich unbeliebt. Alles Geld ging nach Paris, die Handhabung der Gerichte war von den ärgsten Mißbräuchen begleitet, und die Bauern wurden von den Pächtern auf das empörendste ausgesogen, denn Landry brauchte entsetzlich viel Geld und kümmerte sich trotz seines weichen Herzens ganz und gar nicht darum, woher es kam. Er wußte gar nicht, daß Geld manchmal sehr schwer wog, Lebenskraft und Blut bedeutete. Für ihn war der Louisdor eine Spielmarke.

Die Dame im Fond des Wagens blickte auf. „Ah, Sie wollen nach Patmos?“

„Ja, Madame,“ sagte der gute Junge ängstlich, da er soeben für den Postmeister eine Grobheit fertig hatte und nun nicht wußte, wohin damit.

„Als Gast?“

„Ja, Madame.“

„Da sind wir Kameraden.“

„Sie auch, Madame?“ Und Johann Georg Freiherr von Hirschbach übersetzte sich, seinen Namen und Titel ins Französische und stellte sich vor.

„Ei, Herr Baron. Und Ihr Alter?“

„Vierundzwanzig.“

„Nur?“ sagte die schöne Dame bedauernd. „Ich bin schon zwanzig. Ich habe auch schon sehr viel erlebt, denn ich bin Witwe.“

„Ach, gnädigste Frau,“ rief der gute Georg in vorwurfsvollem Bedauern.

Sie erzählte kurz und ruhig ein wenig von ihrem Mann, der sehr alt, sehr elegant und graziös gewesen war. Herr Vicomte de Maintignon. Sie selbst heiße Dorette. Der Vicomte war stets leise parfümiert, stets zärtlich, von immer gleich gelassener Heiterkeit, zeigte es nie, wenn er krank war, liebte die Fröhlichkeit und sagte ihr einmal sehr unvermittelt: „Mein Kind, lebe lang und amüsiere dich,“ neigte sich danach hinten in seinen Stuhl und starb lächelnd, die letzte Prise Schnupftabak noch in der herabsinkenden Hand, welche von den zierlichsten Manschetten umrahmt war, die man in jenem Jahre trug.

Der junge Hirschbach stieß einen leisen Ruf der Hochachtung vor solcher Kultur aus und meinte, daß er selbst sich wie ein Wilder vorkäme. Die Dame lächelte und die weitere Fahrt ward sehr angenehm, da der junge Thüringer sehr schnell seine Scheu verlor. Es war das die Schuld ihrer Stimme; früher, beim Betrachten ihrer klar geschwungenen Linien hatte er eine metallkühle, klavierharte Altstimme von ihr erwartet. Aber nein. Ihr Organ war weich, verdeckt und zutraulich; nicht hoch, aber warm.

Als zwei gute Freunde kamen sie in Patmos an und brachten den Kammerdiener des leichtfertigen Grafen in siedend heiße Verlegenheit. Es stand nämlich nur mehr ein Mansardenzimmer frei.

Die beiden unten im Flur hörten die Stimme des sorglosen Landry auf dem Balkon über der Einfahrt, von dem er ihnen schon entgegengewinkt hatte: „Aber dieses Mansardenzimmer hat ohnehin zwei Betten!“

„Gewiß,“ zögerte der Kammerdiener, „jedoch Madame de Maintignon und dieser junge Deutsche ...“

„Seht doch, sind sie nicht einen Tag lang in derselben Postkutsche gefahren?“ fragte der Graf.

„Allerdings, aber --“

„Vor dem Auge der Natur sind Tag und Nacht gleich. Wir dürfen hier in Patmos der Natur keine Schande machen.“

Von den beiden Leuten unten war eines tief dunkelrot geworden, und das hieß Johann Georg. Er sah nach Dorette hinüber und nach ihrem ruhigen Lächeln.

„Madame!“ flehte er.

Dorette zuckte die Achseln. „Man hat jetzt diese Sitte, natürlich zu sein,“ sagte sie. „Ich, ich fürchte viel zu sehr, mich lächerlich zu machen, und finde überdies nichts Arges an dem Gedanken des Herrn von Landry. Hören Sie doch nur, daß man Kammerdiener sein muß, um Einwendungen zu machen.“

In der Tat erklang nochmals die verschüchterte Stimme des Dieners: „Ob aber die Dame einverstanden sein möchte?“

„Daß ihr beschränkten Tölpel auch gleich immer an das Schlimmste denken müßt,“ rief Landry. „Geh hinunter und du wirst sehen, daß sie sich als Leute von Welt gar nicht zieren werden.“

Wirklich machten weder die Dame noch der junge Baron aus Deutschland eine Einwendung. Sie begrüßten bald danach den Grafen, der sich mit der Abendtoilette etwas verspätet hatte, im großen Salon und trafen ein Bürschlein von etwa zwölf Jahren bei ihm, sorgfältig frisiert, gepudert, Hut und Degen auf einem Tisch und ein aufgeschlagenes Buch vor sich. Es war ein außerehelicher Sohn des Kardinals Rohan, den Landry bei sich hatte.

Da Madame de Maintignon an ihrem Reifrock einen Schaden bemerkte, der beim Aussteigen durch Darauftreten eines Hirschbachschen Stiefels entstanden war, stellte Landry seinen Cousin dem jungen Deutschen zuerst vor.

Das kleine Herrlein machte eine Verbeugung, schlank, biegsam, fein und weltmännisch zum Staunen. „Sie beehren mich zur besten Stunde, mein Herr,“ hub er an, „da ich gerade des Tacitus Germania las und Sie mir also Gelegenheit gewähren, Ihnen meine Bewunderung für Ihre Vorfahren auszusprechen, und Ihren Vorfahren meine größten und entzücktesten Komplimente über einen Erben ihrer Tugenden zu machen, wie Sie es sind, mein Herr!“

Der gute Johann Georg stand wie vor einem Mirakel. Wenn ein zwölfjähriger Knabe also mit ihm begann, wie würde er den Erwachsenen antworten müssen? Dorette war es, die ihn durch eine rasche Zwischenfrage des Stammelns und Suchens überhob.

Sie kam herbei und sagte freundlich: „Wie glücklich sind Sie, mein Herr, die Gedanken der alten Klassiker Ihr eigen nennen zu können. Darf ich fragen, welche von jenen bewundernswerten Dichtern sich schon Ihr Herz zu gewinnen verstanden?“

„Seit Sie vor mir stehen, Madame,“ sagte der Knabe mit einer reizend gespielten Verlegenheit und einem zärtlich schüchternen Blick, „weiß ich mich an keinen mehr zu entsinnen; es -- es müßte denn Anakreon sein.“

Johann Georg machte, daß er davon kam. Er hatte eine Heidenangst vor den Überirdischen dieses Schlosses bekommen, die er noch kennen lernen würde.

Aber nein; es wurde reizend.

Johann Georg ward noch am selben Abend von den Damen umdrängt wie ein reifes Obstbäumlein, und sie hätten ihm sehr heiß gemacht, wenn nicht die großen Reifröcke gebieterisch einen weiten Kreis bedingten, so oft nur vier oder fünf der reizenden Geschöpfe sich um ihn gruppieren wollten.

Herr von Landry hatte ihn als Meister in der Natur vorgestellt, und Johann Georg war überglücklich, den entzückten Schönen von den Köhlern des Thüringer Waldes, vom Hörselberg und vom Vogelfang mit Sprenkel und Dohne erzählen zu können. Alles war vor solchen Neuigkeiten außer sich: Johann Georg kam aus einer gänzlich andern Welt.

An diesem Abend standen herrlich getürmte Wolken fern über den Auen des Rheins, und die verliebte Abschiedsglut des Untergangshimmels jenseits vom Wasgau warf ihnen Rosen über Rosen hinüber. Formvoll und massig standen sie, ein Gekröse von Blaßblau, Veilchenhauch, Pfirsichblüte und zartem Fraise.

„Dort oben ist Traumburg und Schloß Glück. Dort wohnen die Seelen aller Gefangenen, und um die Taubenschläge dieser Luftschlösser fliegen als Vögel die Seufzer der Liebe, des Heimwehs und der Freiheit.“ Hans Georg hatte es leise zu Demoiselle Eliante gesagt und dabei sehnsuchtsvoll nach Madame Maintignon geblickt, die heute Nacht mit ihm das Zimmer teilen würde. Aber die lebhafte Eliante schlug einen silbernen Jubel auf, rief das ganze Schloß herbei und erzählte ihnen, Wort für Wort, die wunderbaren Sätze des wilden, schwermütigen Waldjungen, der sich für einsame Stunden solchen Stil als eine Mischung von Shakespeare und Ossian angewöhnt hatte.

Die schöne Heloise brach in Tränen aus, die stolze Amante mit der stählernen Stimme rief „herrlich“, die zärtliche Céleste warf ihm einen süßen, schmachtenden Blick zu, und Glycère, die leise Zweideutige, flüsterte: „Ich gestatte Ihnen, Herr Baron, für dieses entzückende Gedicht noch kühnere Träume, als dort oben in den Wolken möglich sind.“

Frau Dorette neigte ganz reizend den hochfrisierten Kopf, der jetzt blühweiß vor Puder wallte, und sah ihn links an und sah ihn rechts an. Dem armen Jungen schwoll das Herz im Leib zu unerträglicher Größe an.

Nach Mitternacht dann führte er seine Dame mit zitternden Knien und würgender Kehle in ihr Gemach.

Dort sah es inzwischen seltsam aus. Mitten durch das Zimmer war eine starke Kordel in Mannshöhe gespannt und daran hingen Reifröcke: fünf Reifröcke, einer hart an dem andern. Sie bildeten eine Mauer von sechs Fuß Dicke und waren undurchdringlich für jeden Blick. Madame Dorette schlüpfte dahinter und sagte dann: „Adieu, mein Freund. Erzählen Sie mir, bis ich eingeschlafen bin, hübsche Geschichten, und sodann gute Nacht.“

Der arme Georg setzte sich auf sein Bett, zog die Strümpfe herab und begann von Tannhäuser zu berichten, der im Venusberge mehr schöne Dinge erlebte, als ihm angenehm war. Er hörte hinter der Rockwand ein leises Schlürfen, ein Knistern von Seide, ein Rascheln von Wäsche und das Knicken eines Bettes. Als er eben Beziehungen zwischen dem glücklichen Sänger und seiner eignen, unfruchtbaren Lage beginnen wollte, hörte er den leisen, schnellen Atem der schönen Dorette. Sie war eingeschlafen.

Er zerwarf und zerwühlte noch lange Zeit sein Lager. Endlich strafte er seinen bangen Durst, verehrte Dorettens Reinheit, verhielt sich still, dachte, sie ist ein Engel; ich will ihrer würdig sein, und schlief ein.

Am anderen Tage verzog er sich leise und schnell aus dem Zimmer, um Dorette bei den heiligen, langen Stunden der Toilette nicht zu stören. Im Garten weilte noch keine Seele, denn sie standen im Schlosse vor zehn Uhr nicht auf. Da setzte er sich auf die wölbige Rasenbank vor dem Bassin bei der arkadischen Tempelruine und horchte dem Rieseln des Wasserfädchens zu, das aus der moosgrünen Urne eines verliebten Götterpaares lief. Da seine Nachtruhe kurz gewesen war, schlief er wieder ein und wurde erst von dem verwunderten Gelächter eines ganzen Taubenflugs junger Damen und Herren geweckt, die eine halbe Stunde vor Mittag den schattigen Weg daherkamen.

„Reizend,“ sagte Landry. „Er hat recht, auch wir halten von heute ab nach dem Frühstück eine Siesta im Grünen.“

Georg war sehr froh, daß sie ihn überrascht hatten. Wie, wenn er etwa gar mit Dorette am Arm vor die Gesellschaft hintreten hätte müssen? Nun hielten sie doch alle Dorette für seine Geliebte!