Vom sterbenden Rokoko

Part 8

Chapter 83,692 wordsPublic domain

„Haben Sie denn mit Ihrer Flinte noch nicht genug?“

„Leider nein,“ sagte ihr Freund wortkarg und ernst. „Wir werden bald ein etwas wahrheitsgetreueres Spiel durchzumachen haben.“

Vom Schlosse her drang unbestimmter Lärm. Es war, als trampelten zahlreiche Menschen durch die Korridore.

„Sie wollen sich doch nicht schießen!?“ schrie Dorette.

„Still,“ herrschte der Thüringer.

Im Schlosse wurden erregte Stimmen laut, dann Hilferufe.

Die Darsteller des Schäferspieles, die der Terrasse näher standen, scharten sich zu einem Klumpen und schrien ihren Zuschauern Warnungen hinauf. Aber als ob sich die wunderlich verschnittenen Bux- und Taxusgetüme plötzlich in lebende Wesen verwandelt hätten, sprangen aus dem Dunkel des Parks Hunderte von brüllenden Bauern auf die kleine Gruppe los. Dorette sah, wie der Vicomte von Bareilles nach einem Degen lief, jedoch nur, um ihn mit elegantem Achselzucken einem Lümmel zu überreichen, der dies Zeichen ritterlicher Ergebung mit einer immensen Maulschelle beantwortete.

Zwei ältere Herren und jener geistvolle Junge, der Tacitus und Anakreon kannte, waren die einzigen, die sich in elegante Fechterstellung warfen; aber im Nu waren ihre Degen zerknickt, und Prügelei und Roheit wären bis zum Totschlag angewachsen, wenn nicht über einen dieser Bauern, die im Parterre die Schauspieltruppe mißhandelten, starke Angst gekommen wäre, daß ihre tapferen Freunde, die das Schloß erstürmt hatten, ihnen alle schönen Dinge wegplünderten.

Er schrie: „Halt, halt! Die andern sind schon drin und stehlen uns alles vor dem Maul weg!“ Seine Kumpane brüllten laut auf vor Zorn und Angst, und nur einige verzweifelte Schlaumeier trieben die ganze Adelsgesellschaft: Damen, Herren mit ritterlicher Verteidigung und Herren mit ritterlicher Übergabe, wie eine Herde Schafe hinweg, um ein erfreuliches Lösegeld von ihnen zu erpressen. Sie wußten, diese Leute hatten mehr Geld bei ihren Bankiers als in den Strümpfen verwahrt.

Inzwischen half Georg der fassungslosen Dorette sehr tatkräftig beim Umkleiden.

„Schnell in die Bauernkleider,“ rief er; und weil der Reifrock nicht sofort von den Hüften seiner Dame glitt, half er mit dem Hirschfänger nach. Sein ganzer Haß gegen das Gezücht der Reifröcke, deren sechs ihm so lange Zeit das Glück versperrt hatten, erwachte. Knack und ach, krachte das Fischbein, und umsonst schrie die weinende Dorette in Zorn und Weh über ihr Prachtstück. Sie mußte in ein Elsässerinnenkostüm hinein, und Hans Georg riß sie eilig mit sich.

Sie hastete und stolperte. Da verwies er ihr mit derben Worten ihre lächerlichen Stöckelschuhe. Mitten in der Halbnacht des Parks knirschte sein Hirschfänger durch die hohen Absätze, hob ein paar Lederschichten ab, und als die grobe Schusterarbeit geschehen war, konnte Dorette laufen wie eine vernünftige Frau, die sich sehr fürchtet.

Sie wollte den Weg nach Straßburg einschlagen, aber Herr Georg zog sie etwas gewaltsam nach dem einsamen Bergwald.

„Die Bauern sind nicht so dumm wie Sie,“ rief er zornig. „Die bewachen alle Wege nach den nächsten Garnisonen, damit sie hier ungestört stehlen und sengen können.“

Ein seltsames, rötliches Licht überzog den Himmel über den Bäumen des Waldes, und da diese bräunliche Dämmerung Dorette zu sehen gestattete, gewann sie ihre Fassung wieder. Sie fiel aus ihrem Schreck in großen, ehrlichen Zorn.

„Herr, mein Herr,“ rief sie ihren eiligen Begleiter an. „Laufen Sie nicht so. Sie sind davongelaufen, Sie allein, während die andern als Edelleute fochten oder sich als Edelleute ergaben.“

„-- aber nicht als solche behandelt wurden,“ lachte er.

„Sie sind davongelaufen, Sie waren grob gegen eine Dame, ja Sie haben sich an meiner Krinoline und meinen Stöckelschuhen vergriffen. Wie, mein Herr, vermögen Sie diese Handlungsweise zu rechtfertigen?“

„Ei, das war Natur,“ lachte Georg, der sich oben im Walde sicher wußte.

„Natur, Natur, Sie Ungezogener,“ rief Dorette. „Beleidigen Sie nicht diesen erhabenen Namen.“

„Madame, noch ein paar Schritte bis zu jener Lichtung,“ bat Georg, „und nun, da wir auf der Höhe sind, bitte: sehen Sie dort unten die Bescherung an!“

Dorette erstarrte. Über den Nachthimmel krochen die roten Brandwolken eilig dahin, und als Dorette den Aussichtspunkt erreichte, sah sie das Schloß unter gierigen, grellen Flammen stehen. Düster ragten noch die Dachbalken in die blendende, bewegliche Zackenkrone über dem Gemäuer hinein, und aus zahlreichen Fenstern brachen die wahnsinnig emporstrebenden Feuerfahnen.

Bis zu ihnen aber drang das Jubelgebrüll und das Gekreisch von Tausenden entfesselter Bauern und Weiber. Sie füllten das ganze Blumenparterre so dicht, in so zusammengedrängter Menge, daß Dorette zuerst glaubte, der ungeheure Raum vor dem Schlosse sei mit rosa Mohnblumen bepflanzt, bis sie erkannte, daß die zahllosen leuchtenden Halbkugeln Menschengesichter waren, die alle in die Glut starrten, wie in ein Weltenschauspiel.

So oft ein Dachsparren fiel, ging das ferne Gebrüll unten los, als würde ein Schotterkarren ausgeleert.

Georg lachte grimmig: „Da haben Sie die Natur, die plötzlich erwacht und auf ihre beiden Füße gesprungen ist. Da unten!

„Sie haben gewußt, daß diese Natur den Krieg, die Krankheit, den Haß und das Feuer, daß sie den Molch, die Otter, den Tiger und den Mörder schuf. Sie haben gewußt, daß die Menschen Schnaps brennen und im Schmutz leben. Sie sind im Wagen gesessen und fuhren an Häusern vorbei, deren Elend zum Himmel stank, und an den Betrunkenen des Straßengrabens, und Sie haben mit den Tugenden gerechnet? Sie?

„Da unten, da! In Brand und Rauch, in Schnapsdunst und Mordlust, da ist die enthüllte Natur!“

Der junge Deutsche war fast begeistert; er war mehr erhoben und von trunkener Erkenntnisfreude erfüllt als zornig.

Der armen Dorette aber graute entsetzlich. Sie hatte stets nur Schäferspiele gelesen, Shakespeare verachtet, und nun bat sie fassungslos: „Mein Lieber, schweigen Sie! Retten Sie mich, mein Teurer!“

Da mußte die arme Dorette auf weitem Umwege gegen Bergzabern durch die Waldnacht hasten, und dennoch stießen sie am nächsten Fahrweg auf entgegendrohendes Geschrei, auf Fackeln, auf einen Posten der Bauern; denn in der Nähe brannte schon wieder ein Schloß.

„Halt! Ein Förster? Ein Herrenhund? Erschlagt ihn!“

Knüttel, Spieße und Sensen fegten auf sie los, aber da blieb der junge Deutsche stehen, legte die Büchse an, und vor dem herausknallenden Feuerstrahl schlug der schwerste von den rohen Burschen gewaltig auf den Rücken hin, mit hoch empor schnellenden Beinen. Aufschreiend flohen die Bauern, denn tödliche Gegenwehr waren sie von den verweichlichten Herrschaften nicht gewohnt, und Dorette stand wie gelähmt in der Finsternis. Aber vor ihre geblendeten Augen war noch immer Strahl, Knall und Fall gebrannt, und das Überschlagen eines hinschmetternden Menschenleibes unter strampelnden Beinen. In der Nähe lag jetzt ein Toter.

„Nun haben Sie auch noch gemordet,“ sagte sie müd.

„Alles zu rechter Zeit,“ atmete er auf. „Was wollen Sie, Madame: der Tod im Kampf? -- Natur!“

„Ach, das ist eine abscheuliche Pointe, Ihre Natur. Wir werden sie nun selbst mitmachen; wir werden sterben hier im Walde.“

„Was fällt Ihnen ein, ich mag nicht,“ rief er und zog sie mit sich.

Gegen Morgen war sie so müde, daß er sie im Dickicht schlafen ließ, indes er sich entfernte. Schon mit dem grauenden Tage kam er zurück, weckte sie und bot ihr Milch, Brot und Eier. Freilich mußte sie die letzteren roh austrinken.

„Natur!“ sagte er lachend.

„Woher haben Sie das?“ fragte sie, als sie satt war.

„Gestohlen.“

„Gott behüte mich!“ Sie saß voll Abscheu auf der Erde.

„Natur!“ sagte er und zuckte die Achseln.

Den ganzen Tag mußte sie mausestill sein, sich ängstigen und langweilen. Ein Glück, daß er sie zum Schlafen nötigte. Ohne Umstände zu machen, streckte er sich neben sie aus und schlief ihr ein Stück vor, wie ein Bauer. Da legte auch sie sich weinend ins Gras, schlief ein, und er erhob sich und wachte.

In der zweiten Nacht durchquerten sie die Ebene bei Hagenau und erreichten den Rhein gegenüber von Rastatt. Diesmal hatte er gewagt, in Sesenheim ein wenig warme Kost für sich und die arme Flüchtige zu bestellen; den Tag über verbrachten sie in den Auen des Rheins, wo Dorette bis zur Verzweiflung von den Stechmücken litt.

In der Nacht verübte dann Johann Georg seinen letzten Diebstahl. Er band einen Fischernachen los, zwang Dorette in das am Boden mit Wasser gefüllte Fahrzeug, stieß ab und biß sich zäh und langsam durch die ziehenden schluchzenden, eilig drängenden Wellen hindurch.

Dorette schwindelte vor Schwäche, Angst und Kälte. Sie war beleidigt, mißhandelt und gequält worden. Das sollte eine romantische Rettung sein? Nichts als widrige Kleinigkeiten: Hunger, Staub, Schweiß, schlechte Nahrung, Müdigkeit, Grobheiten, Stechmücken, nasse Schuhe, schmutzige Hände! Das einzige Artige war, daß er ihr am zweiten Tag im Felde scherzend das Haar in Zöpfe geflochten hatte; solche hatte sie noch nie getragen und so hatte sie ein bißchen gelacht, aber nur ein Augenblicklein lang. Dann hatte sie über die Sonne gescholten, die ihr den Teint verbrannte.

Und bei jeder Unritterlichkeit, bei Müdigkeit, Hunger, harten Eiern und schimmlichem Räucherfleisch, bei den Stechmücken, dem Schweiß, den nassen Schuhen und dem Schmutz an Händen und Haar hatte er gesagt: „Natur!“

Sogar als er den Kahn stahl: „Natur!“

„Das ist die abscheulichste Pointe, die ich im Leben hörte,“ rief sie zehnmal und zwanzigmal, aber ebensooft schwieg sie und seufzte. Dann lachte er und sagte: „Ich gebrauche mein Lieblingswort dennoch nicht so oft, als Sie das Ihre.“

„Das meine?“

„‚Man’. Hätten Sie das vergessen?“

Da weinte sie bitterlich. Ach, diese selige, befreite, göttliche Gesellschaft, welche ‚man’ sagte. Wohin war sie zerstoben?

Das Boot ritt wie ein Pferd gegen die Wellen an. Die Nacht war sternlos, der Rhein tintenschwarz und voll tückischer Wirbel.

„Und das ist Ihr besungener Rhein!“

„Natur.“

Endlich, endlich stieß das Boot ans Ufer. Georg trug die arme Dorette ans Land, und nun durften sie sich wieder am hellen Tage zeigen. Sie waren auf deutschem Boden, und in Rastatt wurde der Herr von Hirschbach, nach dem ersten drohenden Anruf des mißtrauischen Postens und nachdem er sich ausgewiesen, wahrhaftig aufgenommen wie ein deutscher Baron in der guten alten Zeit, und Dorette wie eine vornehme Emigrantin.

Der junge Hirschbach sorgte nun, daß sein armer Schützling alles bekam, was dessen Herz ersehnte. Ein herrliches Bett in einem gelb-tapetnen Zimmer, das hell war wie eine Ringelblume im Sonnenschein; Wasser, Seife, Parfüm, Toiletten, Schuhe, alles so gut und so schlecht man es eben in Deutschland hatte. Und lachend sah Dorette diese Nachahmungen an.

Sie war schon wieder getröstet.

Über den Rhein wollte sie nicht mehr zurück. In Frankreich drüben ging es wüst zu. Die Menschenrechte wurden sehr unangenehm ausgelegt, und der junge Hirschbach wagte viel, als er mit Briefen zum Straßburger Bankier reiste, um das Vermögen seiner Dame in Sicherheit zu bringen.

Da blieb denn die graziöse Gesellschaftsdame zum erstenmal in ihrem Leben allein und las die Zeitungen, die Georg ihr schicken ließ. Sie las von dem Kampf ums Dasein, von der Sünde des Reichtums und dem Elend der Welt. Sie las Krieg, Irrtum und Haß; sie las vom großen Aufstand des Volkes, von brüllenden, trunkenen Sturmrotten, von der Not einer Königsfamilie und dem blutberauschten Jubel der Sanskülotten, und ihr armes, schwaches Herz lag ohnmächtig da, wie ein kleiner Nestvogel bei Schloßensturm.

Ach, wie so plötzlich hatte sich die Welt um sie verändert!

Ach, und wie war sie so plötzlich allein in solcher Welt!

Und sie dachte an den verachteten Bauernjunker aus dem Thüringer Wald, der für sie um sein Leben gelaufen, sie gezerrt und bedroht hatte, der für sie mordete, stahl, sich im Kot der Straße beschmutzte und ihr, selber todmüde, die treuen Knie zum Kopfkissen bot.

Was war, wenn er nicht wiederkehrte?

Aus den Tagen wurde eine Woche. Sie bebte nach ihm, sie weinte um ihn, sie rief aus der ganzen Macht eines angstvoll liebenden Herzens seinen Namen. Er blieb fern.

Aus der Woche wurden zwei, aus den vierzehn Tagen ein Monat. Sie bequemte sich, das Deutsche zu erlernen, ihm eine Freude zu machen.

Endlich kam er und berichtete, wie er alle Behörden, zuletzt aber Drohung und Gewalt aufbieten hätte müssen, um den treulosen Bankier zur Herausgabe des Vermögens der Witwe Maintignon zu zwingen. In der Verwirrung dieser Zeitläufte hatte der Mann einen hübschen Gewinn zu machen gedacht. „Es ist in der Wildnis gerade so. Den kranken Hasen packt der Fuchs zuerst. Natur,“ schloß er wehmütig lächelnd, als er der glücklichen Dorette das Ihre einhändigte.

Dann, dann küßte er ihr die Hände, empfahl sich und ging fort; mit zuckendem Herzen und schweren, widerwilligen Knien.

Dorette lauerte, bis er die Türklinke erfaßte, und das dauerte eine ganze Zeit, obwohl er sich nicht mehr nach ihr umsah.

Dann aber lief sie ihm nach und warf sich ihm an den Hals.

Die Sonne ging unter und wieder auf. --

In der goldgelb tapezierten Stube trennte kein Wall von Reifröcken mehr zwei Glückliche.

In der seligen Ruhe, die über beide kam, als sie sich endlich Geliebter und Geliebte nennen durften, lachte dann Dorette in seinen Armen sehr leise.

„O du Schönste, du!“ rief er und küßte sie. „Beginnst du schon wieder mich zu verspotten?“

„Ei freilick,“ lächelte sie. „Denn diesmal 'ast du vergeß' zu wieder'olen dein' Pointe.“

Der Salon der Frau von Vermillon,

oder:

Das Register.

Diese Blätter bilden einen Teil der Memoiren, welche die Gesellschaftsdame der Admiralin Madame Reinezabelle de Vermillon hinterlassen hat. Es geht aus diesen Blättern hervor, daß Madame de Vermillon eine Freundin brauchte, die den Ruf guter Moral mit christlicher Duldung vereinigte und das Französische nicht weitgehend genug verstand, um allerfeinste Anspielungen, verdeckte Bitten, Zusagen und Versprechungen zu durchschauen. Demoiselle Babette Strüntzel aus Straßburg scheint all diesen Anforderungen entsprochen zu haben. Sie schreibt:

„Meine liebe Frau Admiralin war beständig Strohwitwe. Warum nur? Admiral Graf Vermillon, der in Marseille Hafenkommandant war, hätte sich Urlaub genug verschaffen können, um nach dem allgemein begehrten Paris zu kommen. Jedoch er kam nur selten. War er bei Hofe übel angeschrieben? Weiß Gott! Er muß ein prächtiger Mann von großer Keuschheit gewesen sein, denn man hörte keineswegs von ihm jene Geschichten, durch welche die Herren des _ancien régime_ in den Verdacht der Frivolität geraten sind. Im Gegenteil. Er fühlte sich nur wohl in der übermütigen Gesellschaft seiner jüngsten Kameraden und wurde von den Kadetten zur See geradezu angebetet.

Ich wünschte sehr, von Madame Reinezabelle de Vermillon erzählen zu können, wie auch sie nur in Gesellschaft junger Mädchen ihr Glück gesucht hätte. Aber nein. Madame vermied weiblichen Umgang -- bis auf den meinen -- nach Möglichkeit, und lud ihre hübschen Freundinnen nur ein, wenn sie, wie ich erst jetzt einsehe, sich von einer allzulange währenden Freundschaft eines ihrer liebenswürdigen Herren Gäste zu befreien wünschte.

Wenn man undankbar aus treuen Diensten entlassen wird, so ist das, wie wenn man sich fortab einer schärferen Brillennummer bediente. Man sieht trotz der Milde eines guten Christen bedeutend mehr. Interessant.

Ach, wie ich in Madames Salon eintrat? Wären doch die Zeiten noch da! Wahrlich, es war lasterhaft, aber man benahm sich gut. Herr Phébus de Lagival las ein Novellchen aus dem Nachlaß von Crébillon fils in einem Manuskript vor, dessen Abdruck der tugendhafte König verboten hatte. Wir schämten uns sehr, Madame und ich. Das heißt, Madame benützte ihren Fächer, um dahinter vergnügt zu sein, und ich den meinen, um zu verdecken, daß ich nicht zu erröten vermochte, weil ich die zarte Sprache noch nicht gänzlich beherrschte.

Jedoch lernte ich dabei die Feinheit mehrdeutigen Ausdruckes ein wenig kennen und fürchten.

Am Schlusse jener Erzählung stand Madame in reizender Empörung auf. Sie liebte es, ihr lichtblondes Haar nur leise zu pudern, so daß Gold und Silber im Scheine des Kronleuchters übereinander rieselten, als sie das helle Antlitz weit, weit weg nach seitwärts und nach hinten bog: sehr ablehnend, aber lächelnd.

„Es ist gänzlich unmöglich, die Verlegenheit einer Dame, die einer Erzählung zuhört, ärger zu steigern,“ rief sie aus. „Und es ist ebenso unmöglich, ihre gerechte Entrüstung darüber besser in Lachreiz zu verwandeln. Herr Crébillon fils hatte wenig Moral. Das vergäbe ich ihm ja, gestattete jedoch nicht, daß man solche Dinge vor mir lesen dürfte. Aber daß er uns dabei noch zum Lachen bringt, ist unverzeihlich, ist empörend, ist .... Er war eben einzig, dieser jüngere Crébillon. Keiner macht ihm das nach!“

„O, doch, Madame,“ lächelte Herr Phébus de Lavigal.

„Und wer, wenn ich Sie um das Recht der Anfrage bitten darf?“

„Ich.“

„Schämen Sie sich. Nicht wegen des Stils. Wegen Ihrer Vermessenheit, so reizend sein zu wollen!“

„Und wenn ich wette?“

„Dann hielte ich diese Wette.“

„Was wollten Sie opfern?“ fragte Herr Phébus in jener leisen Art von Liebe, die damals bei der guten Gesellschaft gangbar war und von der man nie recht wußte, ob es nicht bloß leise Freundschaft war.

Madame neigte in tiefem Nachdenken die hohe Frisur über das hellblühende Antlitz und prüfte ihn unter den halbverdeckenden Augenlidern. Ich fürchte heute zu erraten, was sie Herrn Phébus antworten wollte. Aber Herr Obolon, der Hausarzt, rief dazwischen:

„Ein Diner!“

„Und ich will nach dem Herrn Chevalier ein Souper verdienen,“ rief der Marquis Armand Blancheron, ein Freigeist von größter Ruchlosigkeit der Gedanken, der es nur seiner großen Delikatesse und Liebenswürdigkeit gegen mich verdankte, daß ich ihn nicht haßte.

„Ah, auch Sie wollen mit Crébillon fils in Rivalität treten?“

„Für ein Souper, gern.“

„Gut. Meldet sich noch jemand?“

Wirklich! Es meldete sich ein geistlicher Herr. Der Abbé Lecocq-Choisel. Er verkaufte allerdings seine geistliche Würde nur gegen ein Diner =und= ein Souper.

„Das wird reizend,“ lächelte meine schöne Herrin. „Wann wollen Sie mir Ihren mißlungenen Versuch bringen, Herr von Lavigal?“

„Wenn es eine Novelle sein darf, in drei Tagen.“

„Ah! Ei! In drei Tagen! Sie müssen mit dem Geiste solcher Dinge sehr stark gesegnet sein, Herr von Lavigal. Auf Wiedersehen also in drei Tagen, meine Herren! Bringen Sie Ihre Freunde mit.“

Es war eine liebenswürdige, intime Gesellschaft, die sich verabschiedete; alle freuten sich sehr.

Selbst ich freute mich halb und halb. Zur anderen Hälfte war mir bange. Bange, wie ich mich benehmen sollte. Und bange um das Heil meiner Seele; wirklich.

* * * * *

Es war reizend anzusehen, wie meine Gräfin ihre Wette verlor, und sie verlor sie an alle drei Herren. Denn jeder brachte es zustande, nichtsnutziger zu schreiben, als das von Herrn von Crébillon fils in die Schreibtischlade gelegte und nachher vom König unterdrückte Werk war. Die Vorlesung des Herrn von Lagival verlief derart, daß die Frau Admiralin ehrlich rot wurde und dennoch vor innerlichem Lachen zitterte, wie ein Bäumchen, an dem die Säge frißt. Sie schenkte dem Sieger des Abends für kurze Zeit ihre Freundschaft. Aber Herr von Lagival war zu sehr geistreicher Plauderer, als daß meine hübsche, ränkevolle Dame längere Zeit an den einsamen Stunden Gefallen gefunden hätte, zu denen sie seinen Besuch erlaubte. „Er schwätzt auch da,“ sagte sie zu mir; „denken Sie, liebe Freundin, er ist auch da geistreich. Es heißt doch sonst stets: Vor das Publikum gehört die Theorie, vor die Tatsachen aber -- -- -- Kurz und gut, Herr von Lagival weiß seine Verdienste nicht zu placieren.“

Ich verstehe heute noch nicht genau, was sie damit meinte.

Zur Vorlesung des Freigeistes Armand Marquis Blancheron ward Madame des Eucareilles geladen, die von einer süßen, ich möchte sagen, zum Himmel singenden, jedoch tief und schüchtern zur Erde geneigten Schönheit war.

Madame des Eucareilles war mutig genug, mit ihrem Gebetbüchlein zu erscheinen. Sie hatte mir gesagt: „Wird's zu arg, so lese ich hier drinnen weiter und das Lachen einer Hölle soll mich nicht stören, ewige Harmonien zu hören, während die anderen sich am Tand eines leichtverwesbaren Frühlings ergötzen.“

Mein Gott, es wurde so arg, daß Madame des Eucareilles ihr Gebetbuch vergaß, das ich ihr am nächsten Tage bringen mußte; es wurde so arg, daß Herr von Lagival sie nach Hause begleitete, und daß mir am nächsten Tage die Demütigung widerfuhr, das Brevier ihrer Zofe einhändigen zu müssen, weil die des Eucareilles noch nicht in der Lage war, mir ihre Stirn zu zeigen -- und mir in die Augen zu sehen.

Wenn ich nicht behaupte, daß Madame Reinezabelle an Blancheron mehr verlor als ein Souper, so hat dies seinen Grund in der einzigen Tugend dieses entsetzlichen Freigeistes: er scheute sich zwar nicht, mit dem, was wir alle glauben und hoffen, der Religion, zu verfahren, wie mit dem Tabak, den ein Pächter in seine Pfeife stopft, um Rauchringel damit zu blasen, aber -- Herrn von Blancheron meine ich -- er schonte in jeder Weise die Unantastbarkeit einer Tugend (ich habe es an mir selbst erlebt) und begnügte sich bloß damit, in seiner heiteren Weise der Gegenstand des beständigen Entsetzens aller Damen zu werden. So wenigstens kannte ich ihn. Oder sollte ich hier verblendet gewesen sein?

Schade um ihn. Er wurde guillotiniert, noch ehe er daran dachte, sich zu bekehren, während Herr Phébus emigrierte und selbst in Deutschland bei lebendigem Leibe als nichtsnutzig verharrte -- bis in sein hohes Alter.

Madame sprach seit jener Vorlesung lange Zeit nicht mehr über Herrn von Blancheron. Er schien für sie ausgetilgt zu sein; hoffentlich! Erst an dem Abende, als der Herr Abbé Pierre Lecocq-Choisel den dritten Preis für leichtsinnige Lektüre gewann, erst dann sagte sie: „Finden Sie nicht, daß dieser Blancheron bloß ein helles Blech hinter dem Lichte ist? Einer, der schlimmer aussehen möchte, als er zu sein vermag? Sehen Sie: dieser Geistliche Lecocq, der ist das Gegenstück. Er sieht aus wie eine feierliche Wachskerze. Er ist es sicherlich, und er ruft dennoch beständig: Ich bin Unschlitt; nicht mehr als Unschlitt, glauben Sie mir, meine Damen! Es ist doch der Gipfelpunkt der Duckmäuserei, den Duckmäuser so vollkommen zu verstecken! Dahinter müßte man kommen.“

Seine Würden Lecocq hatte sich wahrhaftiglich ein wenig anders benommen, als es seinem Stande zukam. Mit gespreizten Beinen saß er an jenem Abende nach seiner Vorlesung da und kanzelte die Herren Phébus und Armand ab, den Kopf ziemlich kahl, die Perücke in der Hand um den Zeigefinger kreiselnd.

Er bewies ihnen, daß man derlei Dinge in zwei verschiedenen Zeitläuften schriebe; vor und nach der schönsten Lebenszeit. Seine beiden Vorgänger hätten die platonische Liebe zur Zweideutigkeit schon wieder, wie die Veilchen im Herbste abermals blühen. Das Gelöbnis der Enthaltsamkeit aber sichere ewigen Frühling.

Es wurde stark widersprochen, und an diesem Abend benützte die für Herrn von Blancheron geladene Dame, die kleine Caçolles, den Fächer sehr eifrig. Aber nur weil sie allzu heftig lachen mußte und ihr ein Backenzähnchen fehlte.

Immerhin erreichte der Abbé, daß Madame Reinezabelle sich für ihn eine Zeitlang interessierte.

Aber es war damals die Soutane keineswegs modern. Die Bemühungen der Herren Rousseau, Voltaire und Diderot hatten bewirkt, daß man in jenen Jahren die Philosophie über alles andere stellte, was sonst in den Salons Geltung genoß, und wahrlich, es muß eine vorzügliche Philosophie gewesen sein, die sich ihren Weg über die dicksten Teppiche und in die ersten Salons der damaligen Zeit zu erobern vermochte! Kein deutscher Philosoph erreichte je Salonfähigkeit. Man bedenke!