Vom Reisen und Reisen lassen

Part 9

Chapter 93,783 wordsPublic domain

Sehr viel Aehnlichkeit mit dem Aufdringlichen hat der +Kriecher+! Ich war einmal als Kunde Zeuge einer solchen unwürdigen Kriecherei.

Ein Reisender kam zu meinem Lieferanten, der wohl dafür bekannt war, daß er immer gern mäkelte, wenn Reisende zu ihm kamen, von denen er schon gekauft hatte. Die Absicht war ja klar. Hatte der Reisende alle möglichen Litaneien über verspätete und zu knappe Lieferung mit anhören müssen, dann schwand ihm sicher die Hoffnung, ein Geschäft zu machen. Hat ein Reisender Charakter -- er muß sich natürlich auch auf die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit seines Hauses verlassen können --, dann wird er ganz ruhig erklären, daß ein Irrtum oder eine Verwechselung mit einem anderen Hause vorliegen müsse. Wird spätere Lieferung gerügt, kann sich der Reisende selbst aus seinem Kontoauszug überzeugen, ob die Klage berechtigt ist. Handelt es sich um mangelhafte Lieferung, dann lasse er sich zeigen, wo der Mangel lag -- um ihn abstellen zu können natürlich! Dann werden sich bald Irrtümer herausstellen und die Mängelanzeigen an Berechtigung verlieren. Der Reisende aber, von dem ich sprach, beging gleich zwei Fehler. Er gab, ohne geprüft zu haben, die Möglichkeit der Berechtigung der Beschwerden zu! Nur bat er, ihm doch nicht entgelten zu lassen, wenn seine Firma einmal gefehlt habe. Es solle gewiß nicht wieder vorkommen, nur möchte man ihm das Wohlwollen erhalten. Die Geschäfte gingen so schlecht, die letzten Tage hätten gar kein Geschäft gebracht, er habe so bestimmt auf einen Auftrag gerechnet, und nun werde ihm die schwere Enttäuschung! Da war der Reisende, wo man ihn haben wollte. Schlechte Geschäfte! Ein Reisender sollte nie über schlechte Geschäfte klagen. Wir Menschen sind alle mehr oder weniger von oft kleinen und unbedeutenden äußeren Eindrücken abhängig. In einer Zeit, wo die Klage über schlechte Geschäfte zum eisernen Bestand jeder geschäftlichen Unterhaltung gehört, darf nicht auch noch der Reisende in das gleiche Horn tuten. Er nimmt seinem Kunden die Zuversicht, er nimmt ihm den Glauben, die Hoffnung auf Besserung vielleicht von ihm selbst als drückend empfundener Zustände. Aus Mitleid kauft niemand! Das Mitleid wird nur +ausgenutzt+, wenn es wirklich zum Kaufe kommt.

Endlich, endlich ließ sich mein Lieferant breit schlagen und sah die Muster an. Immer geneigt, zu erklären, das weitere Ansehen habe keinen Zweck. Die Muster seien veraltet, die Qualität nicht gut, der Preis zu teuer. Natürlich! Viel zu teuer! Bei den schlechten Geschäften kann man doch nicht solche Preise zahlen! Nein, da kauft man bei XX doch viel billiger. Es hat gar keinen Zweck, weiter zu verhandeln, aus dem Geschäft wird doch nichts.

Da war nun die Hoffnung aufgestiegen, doch etwas verkaufen zu können, und nun der Sturz aus allen sieben Himmeln. Das gibt dann ein +Geschäft um jeden Preis+. Der Reisende hat keinen Nutzen, sein Haus hat keinen, und schließlich wird der gedrückte Preis auf eine Art wett gemacht, die nur zu neuen -- und dann berechtigten -- Beschwerden führen muß.

Eine andere Reiseunart bringt den Reisenden um seinen Ruf, sie kann ihn auch mit dem Wettbewerbsgesetz in Berührung bringen. „Ich kaufe bei XX und werde dort gut bedient!“ Was? Bei XX? In der Knochenmühle? Wie können Sie da kaufen? Der Mann ist ja nicht im geringsten leistungsfähig! Ich habe sogar gehört, daß es sehr schlecht mit ihm stehen soll. Der hat so und so viel Arbeiter, wir haben die dreifache Zahl. Nein, mit dem zu konkurrieren, das ist wirklich keine Kunst. -- Niemals so auf die +Konkurrenz schimpfen+! Es kommt nichts dabei heraus, wirklich nichts! Erfährt es der Herabgesetzte, Angeschwärzte, dann steckt er gewiß Unverdientes nicht gutmütig ein! Der Kunde aber hat sich ein Urteil gebildet, das dem Reisenden ganz gewiß nicht günstig ist. Das Herabsetzen der Konkurrenz, die eben vom Kunden gelobt wurde, heißt diesen beleidigen. Es ist eine Beleidigung für einen Kaufmann, wenn man ihm sagt, daß er nichts versteht. Das sagt man ihm aber, wenn man einen Lieferanten, von dem er gut bedient zu werden glaubt, als leistungsunfähig darstellt. Muß man mit bestimmten Firmen konkurrieren, dann beweise man, daß man es kann, indem man die Vorzüge der eigenen Ware klar legt. Man lasse sich jedenfalls erst die Preise und die Qualitäten zeigen. Kann man wirklich konkurrieren, dann wird es, wenn man tüchtige Warenkenntnisse hat, nicht schwer fallen, den Beweis für die höhere Leistungsfähigkeit +seines+ Hauses zu liefern. Dann hinterläßt man keinen üblen Eindruck, darf vielmehr sicher sein, dem Kaufmann auch in seinen Augen eine Gefälligkeit erwiesen zu haben.

Einkäufe bei der Kundschaft.

Ob man bei der +Kundschaft Einkäufe+ machen soll, hängt sehr von der Branche ab, und von dem, was man einkauft. Einen Gegenstand, den man augenscheinlich gut braucht, kann man immer kaufen. Dahin gehören Krawatten, seidene Tücher, Handschuhe, Reise-Andenken, Zigarren, kurzum Dinge des täglichen Bedarfes. Andere Gegenstände zu kaufen rate ich ab. Der Kunde merkt die Absicht und wird verstimmt. Nicht viel anders ist es mit dem Freihalten der Kundschaft oder des Personals bestellt. Es gibt Branchen, in denen sich das Freihalten so eingebürgert hat, daß es trotz aller offensichtlich klaren Nachteile nicht auszurotten ist. Das Freihalten der Kundschaft ist besonders eingebürgert im Geschäftsverkehr mit Gastwirten; im Osten Deutschlands rechnen auch die Destillateure dazu. Ein vernünftiger Kunde wird sich sagen, daß er bei kleinen Artikeln, bei wenig summierenden Aufträgen bestimmt seine Zeche wieder mit bezahlen muß! Wirklich freigebig ist kein Reisender, kann kein Reisender sein. Freihalten der Kundschaft ist immer ein Mittel zum Zweck. Beim Verkauf großer Gegenstände oder bei der Erledigung größerer Aufträge ist das schon etwas anderes, erst recht dann, wenn ein Reisender ausstellt.

Takt ist aber auch hier in jedem Fall erforderlich. Eine Erfrischung, zur rechten Zeit angeboten, stellt immer eine wohltuend empfundene Aufmerksamkeit dar! Darüber hinaus wird leicht das Gegenteil von dem erreicht, was erreicht werden soll. Viel besser wird dem Reisenden gedient sein, wenn es ihm gelingt, eine Einladung zu erhalten, mit seinem Kunden ein Theater, ein Konzert oder eine ähnliche Veranstaltung aufzusuchen. Eine vom Kunden dem Reisenden dargebotene Zigarre ist immer mehr wert, als zehn vom Reisenden dem Kunden überreichte Glimmstengel.

Von der Freihaltung des Personals sieht man am besten stets ab. Es haftet dem immer so etwas wie versuchte Bestechung an. Wir werden später sehen, wie man sich mit dem Personal gut stellen kann.

Allerlei Ausreden.

Der Reisende muß sich beim Besuch seiner Kundschaft von vornherein auf allerlei Ausreden gefaßt machen. Es ist gut für ihn, wenn er sie kennt.

Herr Walter geht auf Entdeckungstour! Dann hat er es gewiß nicht leicht! Er muß andere verdrängen, er muß sich in die entstandene Lücke schieben! Das erfordert viel Klugheit. Herr Walter kommt zum ersten Kunden! „Kann ich den Herrn Chef sprechen?“, fragt er den bedienenden Verkäufer. „Bedauere sehr“, erhält er zur Antwort, „der Chef ist nicht da, beschäftigt, verreist oder sonst wo unabkömmlich!“ Herr Walter hat gleich zwei Fehler auf einmal gemacht. Warum frug er: „Kann ich den Herrn Chef sprechen?“ Warum +frug+ er überhaupt? Daß er nach dem „Chef“ frug, zeigte dem Handlungsgehilfen sofort, daß er es mit einem Neuling zu tun hatte! Er hatte gewiß keinen Auftrag, dem Reisenden die unwahre Auskunft zu geben, er kann aber sicher sein, daß es sein Chef in neun von zehn Fällen ihm dankt, wenn er ihn vor dem Reisenden bewahrte. Der andere Gedanke, daß er, der Chef, ja mitverantwortlich, mitschuldig an der falschen Auskunft ist, der kommt ihm selten. Warum frug aber Herr Walter überhaupt? Kam er denn wirklich in das Geschäft, um zu wissen, ob er den Chef sprechen konnte? Dazu wurde er doch nicht auf die Reise geschickt! Er soll doch vielmehr verkaufen! Zu dem Zweck +muß+ er aber den Chef sprechen. Wenn Herr Walter aus seinen Fehlern lernte, dann wird er bei der nächsten Gelegenheit sagen: „Ich wünsche Herrn Müller zu sprechen!“ Das ist etwas ganz anderes. Dieser Wunsch wirkt bei den Angestellten in ganz anderer Form. Die Form des Wunsches beweist ihm bereits, daß der Mann Herrn Müller kennt! Daß er ihn zu sprechen wünscht, macht mindestens den Gehilfen zweifelhaft, ob er unter diesen Umständen den Prinzipal verleugnen darf! -- Aber wir wollen erst noch einmal zu den Fehlern des Herrn Walter zurückkehren, ehe wir ihn weiter auf seinem erfolgreicheren Wege folgen! Der Chef war also nicht da! „Kann ich etwas ausrichten, darf ich etwas bestellen?“, so frug zuvorkommend der Handlungsgehilfe. „Nein“, sagte Herr Walter, „aber geben Sie bitte meine Karte ab und sagen Sie Ihrem Chef, ich würde mir erlauben, in zwei Stunden noch einmal vorzusprechen“. Und damit gab Herr Walter seine Geschäftskarte ab! Aber Herr Walter! -- -- Was mag sich wohl innerhalb dieser zwei Stunden abspielen? -- Der Chef kam, er hatte vielleicht gar den Reisenden gesehen und im Hintergrund die Entwickelung der Dinge abgewartet. „Was wollte der Herr?“ ... „Ach, es war ein Reisender von Gebrüder Hohendorf! Ich wollte Sie nicht stören und habe ihm gesagt, daß Sie abwesend wären. Er hat seine Karte hier gelassen.“ Da nahm der Chef die Karte -- er sah sie auch an -- aber er sagte: „Von den Artikeln brauchen wir doch nichts! Wenn der Mann wieder kommt, so sagen Sie ihm, ich sei zurückgekehrt, aber wieder weggegangen, ich hätte Sie aber ersucht, ihm zu sagen, daß ich nichts gebrauche“.

Herr Walter kam wieder! „Kann ich jetzt den Herrn Chef sprechen?“ „Bedaure sehr, der Chef mußte in dringender Angelegenheit noch einmal ausgehen, er läßt Ihnen aber sagen, daß er gegenwärtig gar keinen Bedarf hat!“ Lacht nicht die Schadenfreude ein wenig aus den Augen des Angestellten? Es gibt leider Gehilfen, sie wollen vielleicht auch gern einmal Reisender werden, die suchen etwas darin, Reisende „abzuwimmeln“, wie der fachmännische Ausdruck lautet! Und Reisende wie Herr Walter ermöglichen das nur allzuleicht. Schadenfreude soll ja die reinste Freude sein. So hat Herr Walter den Schaden und braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Gehen wir nun mit Herrn Walter zum neuen Kunden, wo er es geschickter anfing! „Ich wünsche Herrn Müller zu sprechen“, so hatte er dort erklärt. Nehmen wir nun an, daß auch hier der Angestellte den Chef verleugnete, weil er doch in Herrn Walter den Reisenden erkannte. Was ist dann zu tun?

Ich würde in solchen Situationen ruhig sagen: „Ich bin bestellt, wollen Sie mir sagen, wann Herr Müller zurückkommt!“ Wird der Angestellte nun unsicher, will er vielleicht einmal sehen, ob der Chef doch da oder schon wiedergekommen ist, dann hat Herr Walter halb gewonnen. Er braucht nicht bange zu sein, wegen seiner Notlüge in Verlegenheit zu geraten. Mir ging es einmal so! Der Angestellte sah nach, ob der Chef da war, und er war da! Er mußte wohl gesagt haben, daß ein Reisender da sei, der bestellt wäre! So kam der Chef! Ich trug ihm mein Anliegen vor! „Aber, wie können Sie sagen, Sie seien bestellt?“ lautete die nicht gerade höfliche Gegenfrage. Ich war mir bewußt, daß ich jetzt über Erfolg oder Mißerfolg zu entscheiden hatte. „Ich will Ihnen das ganz offen sagen“, war meine Antwort, „ich war der Ueberzeugung, daß Sie von Ihrem Angestellten verleugnet würden. Ich war weiter der Ueberzeugung, daß Sie gewiß nicht in Ihrem Einverständnis verleugnet wurden! Da habe ich die Ausrede gebraucht! Ich habe mir gesagt, daß Sie Geschäftsmann genug sind, um zu wissen, daß wir Reisenden hinausgeschickt werden, um zu verkaufen. Brauchen Sie nichts, oder sagt Ihnen meine Ware nicht zu, dann muß ich das bedauern, aber ich kann es nicht ändern. Ich werde das aber überwinden! Ihnen glaubte ich es jedoch schuldig zu sein, so vorzugehen, wie ich vorgegangen bin.“ War es das ungewöhnliche meines Vorgehens, waren wirklich meine Waren preiswert -- ich machte mein Geschäft.

Der Angestellte hätte mit Herrn Walter aber auch anders vorgehen können! Er hätte fragen können: „In welcher Angelegenheit wollen Sie Herrn Müller sprechen?“ Soll nun Herr Walter sagen, daß er Ware verkaufen will? Nein! Der Verkäufer kann ihm keine abkaufen! Herr Walter wird deshalb ebenso ruhig erklären können: „In einer besonderen“ oder gar „Privatangelegenheit“. Er kann auch jetzt beruhigt sein! Entweder war der Chef da und er stellt sich nun ein, dann kann Herr Walter ruhig so handeln, wie ich damals handelte! Sich über einen Angestellten beklagen, ist ja schließlich eine persönliche Angelegenheit. War aber der Chef nicht da, dann wird nun sicher der Angestellte sagen, wann er anzutreffen ist. Hält es Herr Walter für richtig, eine Karte dazulassen, dann nur nicht seine Geschäftskarte. Es nützt ihm sonst gar nichts, daß er vielleicht ein großes Geschick hat, einmal im Gespräch mit dem Kunden ihn zum Ansehen der Muster und zum Kaufen zu bewegen. Er sieht dann nämlich -- es ist zehn gegen eins zu wetten -- den Chef auch nicht, wenn er wiederkommt.

Nicht vorzeitig die Karten aufdecken.

Herr Walter wird vielmehr dann eine einfache, kleine Visitenkarte überreichen, auf der nichts weiter steht als:

+Hermann Walter+ Kaufmann Grünhainichen.

Bekommt jetzt Herr Müller die Karte, dann weiß er gewiß nichts damit anzufangen. Und die Neugierde darüber, wer wohl Herr Walter sei und was er wolle, wird ihn veranlassen, den Besuch anzunehmen. Dann ist die Stunde der Ernte gekommen.

Die Anmaßung junger Leute kann man aber auch anders überwinden!

Verbündetes Personal.

Die meisten Handlungsgehilfen gehören einem Verband an und halten große Stücke auf ihn. Alle Verbände haben ihre Abzeichen, und diese pflegen auch getragen zu werden. Trägt ein junger Mann das Zeichen, dann ist ein sehr guter Anknüpfungspunkt gegeben. Mag er dann ruhig auch erklären, daß der Chef nicht da ist, das kleine Zeichen soll ihm wohl die Zunge lösen. Der Reisende muß natürlich wissen, auf welche Verbandszugehörigkeit das Zeichen deutet. Er wird dann ganz beiläufig sagen: „Sie gehören auch zum X-Verband? Hat der denn hier auch einen Zweigverein? Können Sie mir sagen, wo die Sitzungen sind und wann sie sind?“ Sind sie heute, gut, dann stelle man ruhig seinen Besuch in Aussicht! Sind sie morgen, dann bedaure man, nicht teilnehmen zu können! Ein persönliches Band schließt sich um Verkäufer und Reisenden und -- unser Freund wird -- schon um seinem „Verbandsbruder“ gefällig zu sein, doch noch einmal nachsehen, ob der Chef nicht doch da ist. Ueberhaupt stelle man sich gut mit dem Personal. Auch der letzte Verkäufer hat Einfluß auf den Einkauf, wenn er sein Lager kennt. Kommt man mehrfach, kennt man schon die Firma, dann übergehe man nicht den jungen Mann, wenn Waren bestellt werden. Wenn ein Artikel sich gut verkauft -- und der Prinzipal kann nicht alle Artikel ohne weiteres kennen; selbst wenn sein Geschäft gut organisiert ist, so wird er sich auf das Urteil seines Verkäufers verlassen oder ihm doch große Bedeutung zumessen --, dann wird er wieder bestellt, dann ist das Geschäft so gut wie eingeleitet. Ein Artikel wird aber nicht zuletzt deshalb gut verkauft, weil er dem Verkäufer selbst immer in Erinnerung ist und deshalb häufig vorgelegt wird.

Doch wir wollen wieder zu den Ausreden zurückkommen, gegen die der Reisende seinen Kampf zu führen hat. Es ist durchaus nicht lediglich eine Angewohnheit des Angestellten, seinen Chef zu verleugnen, es ist auch schon vorgekommen, daß sich der Chef selbst verleugnete.

Kommt ein Reisender und fragt den anwesenden, aber ihm persönlich unbekannten Chef, ob er den Prinzipal sprechen könne, dann hat er damit ja schon verraten, daß er den Chef nicht kennt. Dann ist es bequem, sich zu verleugnen, mindestens keimt die Versuchung alsdann empor. Warum fragt Herr Walter aber so? Warum begrüßt er nicht einfach in einem Laden, in einem Kontor den Herrn, den man nach seinem eigenen Urteil für den Chef halten könnte, als solchen? Wenn Herr Walter z. B. im Geschäftslokal des Herrn Müller einen Herrn bemerkt hätte, der Prinzipal hätte sein können, dann würde er einfach auf den zugegangen sein und gesagt haben: Guten Tag, Herr Müller, wie geht es Ihnen? Herr Müller, wenn er es selber ist, wird dann ganz gewiß nicht sagen, er sei gar nicht Herr Müller, der sei vielmehr verreist. Und traf es Herr Walter nicht, war es meinetwegen der erste Verkäufer, den er mit „Herr Müller“ anredete, so schadet das nichts. Ganz gewiß ist der erste Verkäufer nicht böse darüber, für den Chef gehalten worden zu sein.

Dabei darf aber der Reisende nicht mit geschlossenen Augen in das Geschäft gehen. Wenn z. B. am großen Firmenschild steht: „H. A. Wolfram“ und auf einem ganz kleinen Emailleschild „Gebr. Kohn“, und Herr Walter redet dann den Herrn, den er für den Chef hält, mit „Herr Wolfram“ an, dann hat er verspielt. Also auf die Inhaberschilder achten.

Eine lehrsame Geschichte!

Doch ich wollte zu Nutz und Frommen meiner Kollegen eine kleine Geschichte erzählen. Ich kam in einer westfälischen Großstadt zu einem Kaufmann. Ich beging damals noch die Unklugheit, nach dem Chef zu fragen! Ich sprach mit dem Inhaber, der sich aber verleugnete. Ich glaube, mich ritt der Teufel, wie man so zu sagen pflegt! Mir war es, als sagte es mir jemand, daß ich den Chef vor mir hätte, als zwänge mich etwas, ihm seine Unwahrhaftigkeit heimzuzahlen. Ich sagte also: „Das tut mir sehr leid! Es ist doch merkwürdig! So oft ich komme, ist der Chef nicht da! Der muß sich doch gar nicht um sein Geschäft bekümmern. Kein Wunder, wenn dann alles tuschelt und alle möglichen Dinge flüstert!“

Der gute Mann hat Blut geschwitzt! Er hätte mich gewiß am liebsten hinausbefördert, aber er sollte noch mehr hören. Ich erzählte ihm, ganz als ob es selbstverständlich wäre, daß jetzt die Unsitte so Platz greife, sich verleugnen zu lassen. Ich schilderte, wie ein solcher Mensch jedes persönlichen Mutes bar sei, und gab ihm auch sonst einige Nüsse zu knacken. Ich war also recht frech und ich will auch keinem „Onkel“ raten, ebenso frech zu sein. Aber die Sache ging noch gut ab und ich bin überzeugt, daß der Mann sich nicht wieder verleugnet. Kommen andere Kollegen einmal in die gleiche Lage, dann sollten sie sich dieser kleinen Geschichte erinnern.

Die herkömmliche Ausrede ist aber die: Ich brauche nichts! „Wat sall einer dorbi dauhn“, würde Fritz Reuter gesagt haben. Ja, will denn der Reisende wissen, ob sein Kunde etwas braucht? Freilich weiß er das nicht, aber er will verkaufen! Da muß er also die Kauflust wecken. Der Reisende, der bei dieser Ausrede des Kunden sofort seine Sache aufgibt, wird nie etwas verkaufen, oder nur bei faulen Zahlern.

Beginnt nun der Reisende: „Ich komme für Meier & Söhne und möchte Ihnen Offerte in Unterhosen machen“, dann legt er ja dem Kunden die Ausrede direkt in den Mund: „Ich brauche nichts!“ Dabei weiß der Kunde noch gar nicht, ob er nicht doch von den Artikeln des Reisenden etwas brauchen kann, denn er kennt dessen Ware nicht oder doch nur ungenau. Also darf sich die Einleitung des Gespräches nicht so gestalten, daß dem Kunden die Ausrede in den Mund gelegt wird, die so bequem ist. Für wen der Reisende kommt, das interessiert den Kunden nur dann, wenn ein neuer Reisender einer alten Firma kommt, oder wenn der Reisende ein Haus von sehr gutem Ruf vertritt.

Wie man Geschäfte macht!

Wer Entdeckungstouren macht für mittlere -- oder doch nicht bekannte -- Häuser, darf sich nur vor Augen führen, daß er Ware verkaufen soll und daß die Ware gefallen muß. Der Reisende wird also am besten meine Winke mit den Handmustern befolgen und dem Kunden vielleicht so kommen: Ich interessiere mich für die Einführung dieser praktischen -- oder billigen -- oder luxuriösen Neuheit! Haben Sie die Güte, sich das einmal anzusehen! Auf diese Weise hat er schon die Geschäftsverhandlungen angeknüpft, ehe der Kunde sein „Ich brauche nichts“ heraus hat. Ein mir bekannter Reisender führte Neuheiten so ein (ich teile das mit, obwohl ich weiß, daß sich nicht jeder Kollege dieses oder eines ähnlichen Mittels bedienen kann und obwohl mir das Mittel an sich nicht sonderlich gefällt): Er bat an der Abendtafel uns alle, die wir mit ihm gegessen hatten, anderen Tages ihm einen Gefallen zu tun! Wir möchten doch einmal in einige der ersten Geschäfte gehen und eine bestimmte Zigarette verlangen. Wir würden sie sicher nirgends bekommen, also keine Ausgaben dabei haben. Wir möchten aber sehr erstaunt sein, wenn wir die Marke nicht bekämen, und uns ganz bestimmt keine andere Marke aufdrängen lassen, weil wir gewohnt seien, unsere Marke zu rauchen.

Wir gingen darauf ein; warum sollten sich nicht Reisende auch einmal einen „Jux“ machen und -- unser Kollege hatte anderen Tages einige Probeaufträge in der Tasche.

Recht oft hört man die Ausrede: Ich kaufe den Artikel da und da und bin damit zufrieden! Wer dann, wie es leider oft geschieht, die andere Firma angreift und heruntersetzt, ist ein sehr ungeschickter Reisender. Im Gegenteil schadet es gar nichts, wenn man einige anerkennende Worte über die Konkurrenzfirma fallen läßt, vor allen Dingen aber muß jetzt der Reisende versuchen, den Preis zu erfahren, er muß im Augenblick sich darüber klar sein, ob er mit dem anderen Haus konkurrieren und vor allen Dingen, ob er dem Kunden das klar beweisen kann.

Kommen wir nun zum Verkauf! Mancher Reisende kommt zwar dazu, die Muster vorzulegen, kann aber doch keinen Kauf zum Abschluß bringen. Das kommt dann vor, wenn der Augenblick, in dem die Kauflust erwacht, nicht so benutzt wird, daß ein Geschäft zustande kommt. Ist der rechte Augenblick vorbei, dann ist es auch mit dem Geschäft vorbei. Leider kann man hier nicht sagen, wann der Augenblick kommt, und wie er in jedem einzelnen Fall nutzbar verwertet wird. Vielmehr heißt es hier, selbst aufzupassen und dann mit Takt und Geschick vorzugehen. Unter Umständen kann es auch notwendig sein, auf Umwegen zum Ziele zu kommen.

Noch ein paar Worte über

allerlei kleine Schwächen.

Ich sagte schon, daß der Reisende, wenn er glaubt, irgendwo den Chef vor sich zu haben, ihn mit dem Namen begrüßen soll! Nicht fragen: Habe ich die Ehre ....? Das gilt aber auch für die Reisenden, die schon ihre Kunden kennen. Sie werden nicht einfach sagen: Guten Morgen! oder, wie in Oesterreich und zum Teil in Bayern: Hab’ die Ehre!, sie werden vielmehr ihrem Gruß dadurch persönliche Färbung geben, daß sie sagen: Guten Morgen, Herr Meyer! -- Es kommt dabei noch auf eine Kleinigkeit mehr an!

Titel und Würden.

Wir haben im kaufmännischen Geschäftsleben Titel ja wenig verbreitet. Aber wir haben Titel! Der Reisende wird einem Kaufmann, der einen Titel hat, diesen auch zukommen lassen, wenn er sich überhaupt zur Anrede eignet. Es wird keinem Reisenden einfallen zu sagen: Herr Handelskammervorsitzer! Keinem in den Sinn kommen zu sagen: Herr Stadtältester! Den Titel „Handelsrichter“ wird er schon gebrauchen können, den Titel „Gemeinderat“ auch, den Titel „Stadtrat“ ganz gewiß, und wenn sein Kunde gar „Kommerzienrat“ ist, natürlich auch dem Rechnung tragen. Wenn der Reisende Damen mit „gnädige Frau“ anreden muß, soll er das Wort „gnädige“ aussprechen. Ich war einmal Zeuge, wie sich eine Dame den Zusatz zu ihrem Namen verbat, weil sie es als Unhöflichkeit auslegte, daß der Herr -- es war ein Reisender -- sie mit „gnä’ Frau“ anredete.

In Bayern und in Oesterreich gibt es Titel, an die ein Norddeutscher kaum denkt. Lieber dann einmal einen Titel mehr geben, als zu wenig. Der Detailreisende muß natürlich der Titelsucht erst recht gerecht werden. Er kommt mit Kreisen in Berührung, bei denen das Titelwesen ausgeprägter ist, die aber auch größeren Wert auf Titel legen.

Die Höflichkeit