Part 8
Ueberhaupt die +Rechnung+! Es gibt Kellner, die bringen es vorzüglich fertig, sich den Anschein zu geben, als brauche die Rechnung nie bezahlt zu werden. Will man die Rechnung haben, lächelt der Ober generös, er will dann durchaus wissen, wann man fährt und hat dann immer „noch Zeit“. Diese Oberkellner und mehr noch die ausgeschriebene Rechnung betrachte ich mit Mißtrauen. Irrtümer, die man erst im abfahrenden Zuge entdeckt, bleiben fast immer unberichtigt. Deshalb fordere man die Rechnung rechtzeitig. Will man früh abreisen, begleiche man am Abend, will man spät reisen, in der Früh, immer aber so, daß die Gelegenheit der Nachprüfung da ist. Allzu freundliche „Ober“ weise man bestimmt an, dem Wunsch nachzukommen und halte sich nicht weiter damit auf, das „Warum“ auseinanderzusetzen. Das Verhalten zum Hotel-+Personal+ sei überhaupt immer höflich, aber bestimmt. Vertraulichkeiten dulde man nicht und wende sie nicht an. Wer befehlen kann, fährt im Gasthaus besser, als der, der bitten muß und bei den dienstbaren Geistern die Ansicht weckte, alle ihre Pflichten seien Gefälligkeiten.
Diese höfliche Zurückgezogenheit ist besonders gegen das weibliche Personal angebracht. Im Reisenden steckt manchmal ein Stückchen Abenteuerlust. Vertraulichkeit befördert sie. Hübsche Zimmermädchen gibt es, die hübschen gefallen natürlich vielen, sie werden mehr umworben und sind schließlich keine Tugendengel. Das Haus -- auch das Gasthaus -- muß rein gehalten werden! Die Vertraulichkeit mit einem Zimmermädchen hat schon manchesmal den Keim zu Schlimmeren gelegt. Und das Renommee, ein „forscher Kerl“ zu sein, tut es wahrlich nicht! Der Reisende soll seine „Forsche“ in seiner Tätigkeit und nur da suchen!
Verhalten zu anderen Gästen.
Da wir einmal beim persönlichen Verhalten sind, wollen wir uns auch einmal mit dem +Verhalten zu anderen Gästen+ beschäftigen. Der Reisende muß eins mit dem großen Moltke gemeinsam haben: im rechten Augenblicke schweigen zu können; besonders dann, wenn er den Frager nicht kennt. Aus rein persönlichem Anteil fragt kein Reisender den anderen: „Worin reisen Sie?“ Es ist des Reisenden gutes Recht, in seinen Kollegen Konkurrenten zu wittern. Freilich, im Laufe der Zeit schärft sich der Blick. Ich möchte fast sagen, daß man die einzelnen Branchen an der Kleidung des Reisenden unterscheiden kann, bestimmt geben die Koffer wichtige Anhaltspunkte. Warum nun dem anderen sagen, worin man reist? Trifft es sich, daß man einem Konkurrenten in die Hände läuft, dann weiß +der+ zwar, daß er einen Konkurrenten vor sich hat, der freundliche Auskunftgeber kennt aber die Zunft des anderen nicht und -- wird sie auch durch ihn nicht mehr kennen lernen. Wohin der Reisende dann fährt, ist schnell herauszubekommen! Man darf nur den „Friedrich“ fragen, wann der Reisende gefahren ist. Dann hat man die Richtung, überspringt einen oder zwei Plätze und hat einige Gewißheit, den Konkurrenten um einige Nasenlängen zu schlagen.
Dabei ist noch ein Umstand zu berücksichtigen, der auch den Konkurrenten auf die Spur bringen kann: viele Gasthausrechnungen tragen vorgedruckt die Frage „Briefe wohin?“ Die Wirte nehmen als selbstverständlich an, daß sie Gelegenheit haben werden, Briefe nachzusenden, und dann erweisen sie ja dem Reisenden eine Gefälligkeit. Muß man sich denn aber durchaus steckbrieflich verfolgen lassen? Muß Müller von Meyer & Co. wissen, daß Schulze von H. Schmidt Söhne auch da ist oder doch bestimmt bald kommt? Selbst wenn die Firmen keine Briefumschläge mit Aufdruck nehmen, so ist doch ein Reisender leicht bei seinen Kollegen von der Konkurrenz dem Namen nach bekannt. Deshalb +keine Briefe in das Hotel+. Auch im Interesse des Reisenden selbst nicht! Briefe werden im Reiseleben oft vom Empfänger nicht abgeholt und ihre Nachsendung macht sich notwendig. In einem gut organisierten Gasthaus wird zwar die Nachsendung auch pünktlich veranlaßt werden, wieviel der Gasthäuser sind aber gut organisiert? Sicher ist die Deutsche Reichspost zuverlässiger, als ein Oberkellner. Man lasse sich die Post „postlagernd“ senden und zwar +immer+ „hauptpostlagernd“, um Verwechselungen vorzubeugen. Kurz vor Abgang des Zuges wird man dann Gelegenheit haben, die letzte Post in Empfang zu nehmen; gleichzeitig benutzt man ein ausliegendes Formular, um der Post aufzutragen, weiter eingehende Sendungen nachzusenden. Die Legitimationskarte reicht allgemein aus, Postsachen, auch Geldsendungen in Empfang zu nehmen, aus Bequemlichkeitsgründen empfiehlt es sich indessen, eine Postausweiskarte zu benutzen.
Tischungezogenheiten.
Der Reisende sollte auch einigen Wert darauf legen, keine Tafelungezogenheiten zu begehen. In der Tat soll man nicht sagen, +was+ der Mensch ißt, das ist er, sondern man darf mit größerem Recht behaupten, +wie+ der Mensch ißt, so ist er. So verrät sich der „bescheidene“ Mensch ganz bestimmt, wenn er auf der Platte herumstochert nach dem größten oder besten Stück! Ganz besonders gereicht das einem jungen Menschen zur Zierde! Wenn das Personen nach vorheriger Verständigung tun, die zusammen gehören und sich gut kennen, dann mag es -- vielleicht -- hingehen. An der Gasthaustafel kennt man sich nicht und muß sich befleißigen, Unarten abzutun, will man nicht als unerzogen gelten. Und für unerzogen hält man einen Tischgast, wenn er aus Brotteig Figuren und Kugeln knetet, auch wenn er in dieser Kunst ein Meister ist. Zweifellos ist es auch sehr appetitlich, wenn man an der Tafel den Taschenkamm herauszieht und sich Bart- und Haupthaar kämmt oder mit der Bürste striegelt! Man war ja struppig! Und so konnte man nicht am Tisch sitzen! Gewiß nicht, aber die Tafel ist keine Frisierstube. Auch kein Fechtsaal! Die schöne Pose des Fechters kommt auch gar nicht heraus, wenn man mit dem Messer ißt, wohl aber kann man damit unangenehmen Spott herausfordern! So ging es einmal einem Onkel! Der konnte es auch nicht lassen, die gefährliche Prozedur vorzunehmen, mit der scharfen Messerklinge zu essen. Das bemerkte Freund „Dampramang“. Er erbot sich urplötzlich, einen Witz zum besten zu geben: Kommerzienrat X, ein echter Emporkömmling, ist zu irgend einer großen Fête geladen! Der Diener kommt eben dazu, wie der Kommerzienrat, der sich unbeobachtet glaubt, prüfend über des Messers Schneide fährt! Er sieht den Diener und bemerkt: „Heute sind sie nicht scharf, erfreulicherweise, neulich hatte ich mir den ganzen Mund zerschnitten“. Selbstverständlich lachten wir alle und unser „Degenschlucker“ trug die Kosten.
Fisch ißt man nicht mit dem Messer, es sei denn, man bekommt ein Fischmesser zum Besteck. Das gewöhnliche Tischmesser beeinträchtigt den Geschmack des Fisches. Man säubert ihn nur mit der Gabel in der rechten und einem Brötchen in der linken Hand von den Gräten und ißt dann auch, die Gabel rechts, das Brötchen links. Wo man Knödel genießt, schneidet man sie ebensowenig, wie man die Kartoffeln schneidet. Die Knödel reißt man, die Kartoffeln zerdrückt man.
Wenn ich dann noch darauf verweise, daß man bei Tisch vortreffliche Gelegenheit hat, seine schönen Zähne bewundern zu lassen, indem man mit dem Zahnstocher im Mund herumfährt und der Zunge dann die Arbeit läßt, die der Zahnstocher nicht ganz verrichten konnte, wenn ich die Aufmerksamkeit verehrter Tischgenossen noch auf das ungewöhnliche, aber stimmungsvolle Konzert lenke, das durch Schlürfen der Suppe, Klappern der Löffel am Teller und das weihevolle Schmatzen aufgeführt wird, so glaube ich mit den Tafelungezogenheiten fertig zu sein.
Ein Abend auf der Reise.
Verbringen wir nun noch einen Abend auf der Reise! Wer stets mit dem Schreiben recht vieler Kommissionen den Abend auszufüllen vermag, braucht diesen Abschnitt nicht zu lesen. Wer aber mit den Kommissionen fertig ist und noch ein Stündchen oder zwei angenehm verbringen möchte, der folge mir! Nicht in das Gastzimmer! Das ist leider vielfach nur ein Aufenthalt für Skat- und Billardspieler! Im Gastzimmer sitzen und lesen, heißt trinken müssen! Ein Schachspiel findet sich wohl vor, Schachspieler sind aber nicht so zahlreich anzufinden wie die Karten- und Billardkünstler. Aber dieses Trinkenmüssen! Gewiß, kein Wirt verlangt wohl, daß seine Reisenden trinken! Wenn man aber seinen Tee, sein Bier, seinen Wein eben ausgetrunken hat, und der diensteifrige Kellner erscheint, dann liegt darin ein Zwang. Dabei gibt es wenig wirklich anheimelnde Gastzimmer! Schlechte Bilder, unechte Kunstgegenstände, imitierte Wandbekleidung und staubig gewordene Portièren machen einen Raum nicht gemütlich.
Der Abend kann besser verbracht werden! Jede mittlere Stadt hat heute ein Theater! Gewiß sind infolge der mangelnden Bühnentechnik nicht alle Stücke gleich genießbar. Einen Schwank oder ein modernes Schauspiel kann aber auch eine kleine Bühne ausstatten. Wo es am Theater mangelt, findet man sicher Gelegenheit, ein gutes Konzert zu hören. Hat man Verbindung und muß man vielleicht ein Stück die Eisenbahn benutzen, um zu derartigen Genüssen zu kommen, dann wende man die paar Groschen an, sie bringen reichliche Zinsen. Sind keine Theatervorstellungen zu haben, wird kein Konzert gegeben, so kann man sicher irgend einem Vortrag beiwohnen. Besonders in Großstädten löst ein Vortrag den anderen ab; die verschiedensten Wünsche finden reichlich Berücksichtigung. Reißen aber alle Stricke, dann vertreibt, wie schon gesagt, ein gutes Buch die Langeweile, es pflegt auch ein guter Zimmergenosse zu sein.
Ein Wort noch über die Zweckmäßigkeit, im Hospiz, im sogenannten „Hotel garni“ oder privat zu wohnen. Fast alle Hospize sind mehr auf den Familienaufenthalt zugeschnitten, für den Geschäftsreisenden jedoch weniger eingerichtet. Nur wer keine Muster mit sich führt, darf im Hospiz wohnen; er wird dort manches finden, was ihm das Gasthaus nicht zu bieten vermag. Im Privatlogis zu wohnen, wird nur wenigen Reisenden bestimmter Branchen möglich sein. Es ist für sie Voraussetzung, daß sie ebenfalls keine oder nur wenig Muster mit sich führen, es ist weitere Voraussetzung, daß sie länger an einem Platz zu tun haben.
Bei der Kundschaft.
Wollen Sie mir glauben, daß es Reisende gibt, für die eine große Schwierigkeit darin besteht, daß sie nicht zur Kundschaft kommen können? Merkwürdig, meint der Leser, sei das denn doch in unserem Zeitalter, das im Zeichen des Verkehrs steht. Ich denke auch gar nicht an verschneite Wege oder unwirtliche Gegenden! Ich denke an die Mittelstadt, die Großstadt, wo es an Verkehrswegen doch nicht mangelt. Es geht manchem Reisenden wie dem Bühnenkünstler: er bekommt
Lampenfieber.
Ist das überwunden, hat er gesiegt, dann kann er seine Kräfte frei entfalten. Aber das Lampenfieber des Reisenden kehrt wieder, das ist das Schlimme.
Der Künstler scheut sich vor den vielen Menschen, die ihn anstarren, den Reisenden machen große Spiegelscheiben und luxuriös eingerichtete Geschäftsräume oft befangen. Ich will es gleich verraten, daß ich auch Lampenfieber hatte, damals, als ich detail reiste, und auch später noch. Später mußte ich mehrmals einen Anlauf nehmen, ehe ich mich in ein gut ausgestattetes Geschäft hineintraute; und früher waren hohe Beamte, Gutsbesitzer und Fabrikanten in ihrer Häuslichkeit vor mir so ziemlich sicher.
Das Lampenfieber kann man sich nur abgewöhnen, wenn man unter seinem Einfluß einmal Geschäfte sich entgehen lassen mußte, oder wenn man Manns genug ist, wenigstens einigemale sich selber zu besiegen. Dann zeigt sich, daß gerade die Kunden die umgänglichsten sind, die vorher so gemieden wurden. Die Erklärung dafür liegt sozusagen auf der Hand. Wer sich heute noch mit kleinen Schaufenstern plagt, hat entweder kein Geld, mit den Ansprüchen fortzuschreiten, oder es fehlt der Raum, oder aber, es handelt sich um einen unmodernen Geschäftsmann. Na, und hat der Kaufmann kein Geld, ist er dem Reisenden als Geschäftsfreund nicht willkommen. Ist aber der Kaufmann gar zu konservativ, zu anhänglich am Alten, dann ist ihm ein Reisender eines neuen Hauses nicht willkommen. Große Schaufenster deuten darauf hin, daß der Kaufmann Wert darauf legt, seiner Kundschaft seine Leistungsfähigkeit im schönsten Licht zu zeigen. Der Kaufmann will verkaufen! Er will seine Konkurrenten überflügeln, das kann er nur, wenn er leistungsfähige Lieferanten hat und deren Leistungsfähigkeit benutzt. Solch ein moderner Kaufmann ist viel leichter dafür zu interessieren, sich die Muster anzusehen, als der alte rückständige.
Ja, das Lampenfieber! Manchmal ist sich der Reisende gar nicht klar darüber, daß er es hat. Gewöhnlich äußert es sich so: Man geht zur Kundschaft! Richtig dort, wo die blendende Sonne große Schaufenster erleuchtet, da wohnt „Er“. Warum soll man sich nicht erst eine Zigarette anbrennen? Oder eine Zigarre? Warum sie nicht zu Ende rauchen. Etwas essen könnte man auch, vielleicht auch einen Schoppen trinken! Und dann ist die Zeit zu knapp, ja es ist schon Abend geworden! Also morgen, da ist auch ein Tag. -- +So bekommt man keine Kommissionen.+ Richtig, am anderen Tag drängt das Gewissen. Gut, wenn es so drängt, daß jetzt der Reisende nicht wieder scheut. Manchmal aber kommt mit dem Gewissen eine andere Stimme zu Wort, die raunt dann dem Lampenfieberkranken zu, daß dort doch nichts zu verkaufen sei, schade um die Zeit, lieber weiter, in eine andere Stadt. Kommt man aber mit eintägiger Verspätung -- dann hat der Kunde, will es der Zufall, gekauft. Mir ging es einmal so: Ich kam nach B. Ich hatte dort keinen Kunden, ein Geschäft kam für mich nur in Frage. Ich ging auch immer darum herum! Solange das Licht brannte, traute ich mich nicht in den Laden! Am anderen Morgen sahen die Scheiben nüchterner aus. Da ging ich hinein, klopfenden Herzens. Der Kunde hatte gekauft, bei +meinem+ Haus gekauft; am Abend vorher war die Bestellung weggegangen. Der Kunde hatte Muster bestellt, man hatte eine kleine Auswahl geschickt und darauf verwiesen, daß ich kommen würde. Ich war also erwartet worden, und da ich ausblieb, blieb die Kommission aus. Als ich zur Post kam, fand ich eine Karte, die mir nachgeschickt worden war und die die besondere Aufforderung für mich enthielt, zu jenem Kunden zu gehen. Das hat mir damals einen Ruck gegeben, ich habe mich später ohne weiteres mit den Schaufenstern abgefunden.
Aehnlich geht es dem Reisenden mit großen Geschäftshäusern als Kunden. Waren- und Kaufhäusern! Und doch ist dort das Geschäft fast formlos, es entwickelt sich oft ohne Zutun des Reisenden. Diese Geschäfte haben ihre Einkaufstage, sie nehmen, wenn auch durch einen Angestellten, alle Offerten entgegen und bescheiden dann später, wenn ein Auftrag in Aussicht steht.
Der Reisende gehe im allgemeinen früh zur Kundschaft. +Morgenstund+ hat gerade für ihn +Gold im Mund+. Gerade in besseren Geschäften drängt sich an Nachmittagen der Kundenverkehr zusammen. Diese üble Angewohnheit der Kundschaft macht ohnedies manchen Prinzipal nervös, besonders wenn sein Personal unselbständig ist. In solchen Fällen ist der Reisende ein ungelegener Gast, den man lieber gehen wie kommen sieht. Besuche zur rechten Zeit zu machen, kann nur empfohlen werden. Im allgemeinen kommt außer den Mittagsstunden die Zeit von neun bis drei, höchstens vier Uhr in Betracht. Wer eingeführt ist, wer von seiner Kundschaft eine Gefälligkeit erwarten darf, der kann auch, ohne sich zu schaden, später kommen.
Ein Kundenbesuch.
Wie soll nun der +Besuch+ selbst gemacht werden? Wer kleine Muster hat, löst schnell die Aufgabe. Er nimmt unbesorgt seinen Verdrußkasten an die Hand und bietet seine Waren an. Schwieriger hat es der Reisende mit großen Koffern. Er kann sie natürlich nicht mitnehmen und er hat eine Schwierigkeit mehr zu überwinden, als sein Kollege, der sofort seine Muster bei der Hand hat. Noch schlimmer ist ein Reisender daran, der ausstellen muß. Seine Kollegen brauchen ja nur den Kunden zu bewegen, sich die Muster anzusehen. Der Käufer ist da, die Muster auch, es gibt für den Kunden keinerlei Unbequemlichkeit. Stellt ein Reisender aus, so muß er doppelt arbeiten; nämlich den Kunden überzeugen, daß er die Muster ansehen muß, wenn er nicht sich selbst durch die Unterlassung schädigen will; er muß ihm aber auch noch klar machen, daß er die Unbequemlichkeit auf sich nehmen muß, den Weg in das Gasthaus mitzumachen.
Handmuster.
Für jeden Reisenden, gleichviel ob er nun kleine oder große Koffer hat oder ausstellen muß, empfiehlt es sich, +Handmuster+ mitzunehmen. Natürlich Handmuster, die wieder jeweils nach dem voraussichtlichen Bedarf und dem Geschmack der Kundschaft auszuwählen sind. Handmuster, die aber den Beweis spielend erbringen müssen, daß die Ware preiswert, der Kauf vorteilhaft für den Kunden selbst ist. Ist dieser Nachweis gelungen, oder kommt der Reisende auch nur dazu, ihn führen zu dürfen, dann ist der Sieg schon halb da. Um den Beweis zu führen, wird der Reisende auf seine anderen ähnlichen, oder im besonderen Fall geeigneteren Muster hinweisen, und hat er den Koffer dabei, auch gar nicht zögern, ihn sofort zu öffnen. Deshalb wies ich bereits im Abschnitt Ausrüstung darauf hin, daß Koffer leicht zu öffnen und wohlgeordnet gepackt sein müssen; denn ist der Reisende soweit, daß er Muster zeigen darf, dann verdirbt er sich möglicherweise alles, wenn er die richtigen nicht sofort findet.
Die Handmuster sind die Lockartikel des Reisenden. Wenn ein Warenhaus bekannte Qualitäten irgend einer Ware zu einem gesucht billigen Preis in das Schaufenster legt, dann weiß es ganz genau, daß die Kundschaft von der augenfälligen Preiswürdigkeit dieser Waren auf die Preiswürdigkeit auch der anderen Waren schließt. Bestimmt wird aber der Wunsch geweckt, die so ausgesucht billigen und vorteilhaften Schaufensterwaren selbst zu kaufen. So ist es auch mit den Handmustern. Kann man einen Kunden, der ja immer bei Neueinführungen das Vorurteil haben wird, daß der Reisende auch nichts Besonderes bringt, schwankend machen, so ist viel, wenn nicht alles gewonnen.
Manchmal gelingt es aber auch nicht, einen Kunden zu bewegen, sich auch nur die Handmuster anzusehen. Das gibt dann fast immer eine „Pleite“. Aber auch dann nicht den Mut verlieren. Kann man nicht die Muster zeigen, dann ist der Grund gewiß der, daß der Kaufmann gegenwärtig nichts kaufen will. Vielleicht braucht er für später etwas. Vielleicht kommt es zu einer brieflichen Bestellung. Auf solche Selbsttröstungen des Reisenden schnappt der Kunde ein! Natürlich, das ist der Ausweg, den Reisenden los zu werden. Vielleicht auch nicht! Die Preisliste darf der Reisende immer da lassen. Er sucht sie in der Brieftasche -- er findet sie nicht! Er hat also versäumt, sie sich aus dem Koffer zu nehmen. Nun, der Schaden ist leicht behoben, der Koffer schnell geöffnet! Deshalb habe ich empfohlen, den Koffer nicht nur praktisch, sondern auch geschmackvoll, reizvoll zu packen! Die Preisliste versucht man zu besprechen; um sich verständlicher zu machen, zieht man ein Muster aus dem Koffer heran! Vielleicht ...!
Ich habe immer bei meinen Besuchen den Zweck, zu verkaufen im Auge gehabt. Ich habe auch immer gefunden, daß es dem modernen Kaufmann viel lieber ist, wenn man ihm klar und bündig sagt, was man will! Tageszeitungen liest heute jeder Gebildete, Tagesneuigkeiten von mir als Reisenden wirken vielfach wie die stereotypen Phrasen der Barbierstube! Sie dürfen höchstens ein Hilfsmittel sein, den Kunden von einem Gegenstand abzulenken, um ihn auf Umwegen wieder dahin zu führen, wo man ihn hin haben will. Freilich muß dabei der Reisende berücksichtigen, mit wem er es zu tun hat. Der Besitzer eines großen Kaufhauses will anders behandelt sein, als ein mittlerer Kaufmann, ein Handwerksmeister wieder anders.
Ebenso kommt es darauf an, +wo+ man Kundschaft besucht.
Die nationalen Eigenarten
spielen eine nicht geringe Rolle bei dieser Beurteilung. Geschäftsleute, die regelmäßig Kaffeehäuser aufsuchen, werden einem anderen als geschäftlichen Gespräch mehr zugetan sein, als Kaufleute, die morgens die Ersten und abends die Letzten im Geschäft sind. Wer geht in das Kaffeehaus? Nun, wer gemütlich durch das Leben wandert! Der Wiener, der Oesterreicher überhaupt und auch der wesensverwandte Bayer, der Elsässer, der Lothringer. Weniger trifft man den Sachsen im Kaffeehaus, noch weniger den Nord- und Niederdeutschen. Reisende aus Großstädten dürfen ebenfalls einen Pflock zurückstecken, wenn sie nach der Kleinstadt, besonders nach dem Osten kommen. Herr Meyer in Gollup weiß wirklich gern, was in Berlin los ist! Wie weit der Reisende zu gehen hat, ist eine Frage des Taktes; Belehrungen kann es hier nicht geben.
Ist ein Reisender befreundet -- auch nur geschäftlich befreundet --, dann kann es nicht schaden, wenn er sich nach dem Wohlbefinden der Familie erkundigt. Freundlichkeit gegen Kinder des Kunden macht sich oft recht gut bezahlt, besonders dort, wo die Frau mit im Geschäft tätig ist oder doch einen Einfluß darauf hat. Eine Freude, die man den Kindern macht, wiegt oft schwerer, als eine andere, der Hausfrau zugedachte. Im allgemeinen aber -- ich sagte das schon eingangs -- ist die Freundschaft durchaus kein Mittel, den Umsatz zu heben. Besonders muß auch hier beachtet werden, wo und wem man Freundschaft erweist. Bringt man den Kindern, besonders wenn sie den Onkel Reisenden schon kennen, auf dem Lande oder in der Klein- und schließlich auch noch in der Mittelstadt eine Bonbonière mit, macht man Freude, tut man das Gleiche in größeren Geschäften, oder wenn man nicht mit den Kindern bekannt ist, wirkt man aufdringlich! Und Aufdringlichkeit ist eine schlechte Empfehlung. Wenn ein Kunde einmal den Eindruck hat, durch die Aufdringlichkeit eines Reisenden hineingelegt worden zu sein, dann wird er gewiß nicht zum zweitenmal hineingelegt werden. Geht ein Reisender aus einem Geschäft, soll der Kunde nicht einen Alpdruck los geworden sein! Der Besuch des Reisenden darf ihm höchstens gleichgültig, besser aber, muß ihm angenehm sein. Da heißt es denn
Reiseunarten
vermeiden. Da sehe ich einen Reisenden vor mir. Nicht Onkel Dampramang, der war nur lustig und fröhlich! Nein, der Onkel heißt anders! Er legt dem Kunden, dem das ersichtlich unangenehm ist, plump vertraulich die Hand auf die Schulter und weiß sich nicht genug zu tun, ihm einen Witz -- manchmal auch eine Zote -- so recht brühwarm zu erzählen. So ein +Witzbold+ sollte nur manchmal wissen, wie er mit samt seinen Zoten eingeschätzt wird. Gewiß lacht der Kunde, er hat ja mehr Takt als der geschwätzige Erzähler. Aber wenn dieser dann gegangen ist, dann reibt der Erlöste unwillkürlich die Hände sauber. Zum Witzerzählen gehört sehr großes Geschick. Der Witz, der dem Einen wohlgelingt, setzt einen Anderen im Ansehen sehr herab.
Da ist ein anderer Typus. Der +Aufdringliche+. „Ich brauche wirklich nichts, ich habe gekauft, ich habe meine festen Verbindungen! Ich will Sie nicht los werden, wenn ich das sage! Ich nehme aber an, daß Ihre Zeit Geld ist, wie die meine!“ So sagt der Kunde! Der Reisende merkt nichts! Er dienert herum und versichert immer wieder, daß er doch nicht früher fahren kann, als sein Zug geht, daß er sich wirklich eine Freude mache, die Muster zu zeigen, auch wenn der Kunde nichts brauche. Der Reisende lügt; der Kunde muß es merken, wenn er Kaufmann ist. Der Reisende will verkaufen, muß verkaufen. Auch wenn sein Zug noch nicht fährt. Es führen mehr Wege nach Rom, braucht der eine Kunde nichts, was hindert den Reisenden, einen anderen zu besuchen? Manchmal aber gelingt es. Der Aufdringliche verkauft etwas, vielleicht ist die Bestellung aber dann schon aufgehoben, ehe sie überhaupt beim Hause ankommt. Und ist das nicht der Fall, dann sieht der Reisende, wenn er wiederkommt, bestenfalls noch die Rockschöße des eben verschwindenden Kunden. Sich hat er nichts genützt, seinen Berufsgenossen noch viel weniger. Ein Kaufmann, der mit solchen wenig schätzbaren Elementen zu tun hatte, überträgt tagelang seine Abneigung gegen Reisende auch auf die anständigen Angehörigen der Reisezunft.