Venusmärchen: Geschichten aus einer andern Welt
Part 9
Und so kommen sie alle, die Geister der Völker, die der Seekönig entboten hat. Plumpe nordische Burschen tragen Paläste von plumper Pracht. Ernsthafte, blondköpfige Gesellen bringen ein seltsam Häuschen mit spitzragendem Turm, mit schönen Gewölben, durch deren bunte Glasfenster es lieblich leuchtet, wie eine Geistessonne. Zierliche, dunkeläugige Mädchen kommen im Tanz geflogen: ihre Gewänder flattern im Wind, sie streuen Rosen aus, duftende Rosen der Anmut. -- Seltsame Fahrzeuge gleiten im Nebel im Geisterzug. Unbeholfen, schwankend die einen. Schwarze, düsterblickende Gesellen stehen darin und blicken drohend hinüber zu dem schlanken Schiffchen, das, seinen Drachenkopf vorgestreckt, wie ein Renner durch die Fluten schießt, pfeilgeschwind, die andern weit hinter sich lassend. Wie nur das Schifflein die Hünengestalten seiner Mannschaft, die mit sehnigen Armen die Ruder führen, birgt in dem schlanken Rumpf?! Hoch richten sich die Gestalten auf, sie wachsen und wachsen, daß ihre Leiber dunkle Schatten werfen weithin über den See. Und sieh' nur -- wie die geisterhaften Schwarzen in den schweren Kreuzesschiffen zum Himmel hinaufragen, fanatisch glühen ihre Augen durch den Nebel -- der beginnt wunderlich zu leben, wogt und zerrt her und hin, bis er die Riesengestalten verschlungen hat. Dann gleiten Karavelen und Vikinger in glatte Buchten, gezogen von muntern Fischlein, gesteuert von weißarmigen Wassernixen.
Da bebt der See. Hoch sprühen die Wasser auf. In den schäumenden, singenden Strudel steigt der Seekönig hinab in sein Reich, gefolgt von seinem fleißigen Volke. Drunten in der Tiefe ruht die Menschenseele. »Wann wird es vollendet sein?« fragt sie sehnsüchtig. »Es ist vollendet,« sagt der Seekönig. »Sobald der erste Sonnenstrahl die goldene Kuppel trifft, wird es den Augen der Menschen sichtbar sein.« »Und sichtbar bleiben? Immer?« fragt die Menschenseele. »Nur eine kurze Spanne Zeit hat das Wasservolk Macht über die Erde. Nur bis die Sonne in die Fluten sinkt und die Zauberwelt, die wir gebaut haben, mit sich hinabreißt. Aber wenn dein Seelenauge dein Werk erschaut, ehe die Sonne die goldene Krone bestrahlt hat -- dann wird es ewig sein. Dann aber wirst du sterben und dein Name wird vergessen werden unter den Menschen.« -- Die Menschenseele lächelte. Eng schmiegte sie sich an die atmende Brust der Seejungfrau.
Droben, von der verschlafenen Erde, erhob sich die Nacht und zog ihre schwarzen Schleier schleppend hinter sich her, über den Himmel. Da ward es Licht auf der Erde. -- Es war aber alles noch den Augen der Menschen verborgen; denn die Menschen sind ein blödsichtig Geschlecht, und sie sehen nur, was ihre Augen ihnen zeigen. Aber die Tiere öffneten ihre klugen Augen. Die Vöglein in der Luft flatterten hin über die Wunschstadt, setzten sich neugierig auf die zackigen Türme und zwitscherten hernieder von den Stangen der bunten Fahnen. Die klugen kleinen Enten schwammen in den Wasserkanälen und erzählten schnatternd von dem Schloß der Wasserfrauen, das sich zur Nacht aus Busch und Schilf erhoben hatte. -- Verwundert blickte der Ackersmann, der mit seinem Gaul dahergeschritten kam, Furche auf Furche durch die wilde Erde zu ziehen, zu den Vöglein auf: wie konnten sie nur mit geschlossenen Flügeln in der Luft schweben, als ob sie auf Bäumen säßen? -- Und die zwei Reiter, die dort hintereinander über die Prärie jagten, sahen die Entlein auf dem hohen Präriegras schwimmen wie im Wasser. Aber sie haben nicht Zeit, sich lange zu verwundern -- da -- der gelbe Rücken des Puma taucht auf, den sie gejagt -- der Schuß kracht aus der Büchse des Trappers -- der Pfeil schnellt von dem Bogen des roten Mannes: gilt er dem König seines eigenen Landes? gilt er dem weißen Fremdling da vor ihm? -- Hoch richtet er sich im Sattel auf, daß die Adlerfedern in seinem schwarzen Schopfe nicken. Was ist das? -- da -- glitt nicht der Puma hinab in blaues, kräuselndes Wasser? Was ringt sich los aus den Nebeln? Das Roß des Trappers bäumt sich, geblendet schützt der Indianer die Augen mit der Hand, und späht und späht. -- Still lehnt der Ackersmann an seinem Gaul, sein Blick sucht die Erde, seine Erde, die er bebauen muß. Und sie schauen, wie es herauswächst aus dem Morgengrauen, weiß und still; wie es emporstrebt zum Himmel, eine wundersame, andere Welt, die sie mit erhabenen Augen anschaut, sie mit weißen Armen umfängt, sich wie weiße, stille, reine Gedanken in ihre Seele senkt. Wie sie stehen und schauen, umweht es sie lind und kühl -- ein Hauch der Ewigkeit.
Ein klein lustig Elflein aber zerrt den Puma, der verdutzt da kauert in der Wunderwelt, an den Ohren zu einem Marmorsockel hin. »Da lieg', du Wilder!« lacht es, und der Tiere König läßt willig sich in die Fesseln der Schönheit schlagen. --
Horch! Es geht ein Brausen durch die Lüfte, ein Singen, Klingen, lieblich Geläute: aus dem Morgengrauen erhebt sich der junge Tag, und sein leuchtendes Auge weilt liebend auf dem weißen Wunder.
Auf den blauen Fluten des Sees trieb ein zarter weißer Schaum. Ein Sonnenstrahl irrte zu ihm hin und küßte ihn bebend. Da ward er zur Leiche. Die Menschenseele war aufgestiegen aus den geliebten Wassern, um zu sterben. Der See bebt, als sei er in seinen Tiefen erschüttert. In den sprühenden Wogen aber taucht die Seejungfrau auf, an deren weißer Brust des Toten Seele geruht hat. Ihr goldenes Haar glitzert auf den Fluten. Klagend schlingt sie die weißen Arme um ihn, sein schönes, bleiches Antlitz über Wasser haltend. So gleiten sie dahin über die murmelnde, singende Fläche -- weit, weit hin, den weißen Tempeln zu. Und das Licht, das die Seele getötet, liegt liebkosend auf der stolzen Stirn. -- -- --
Es kamen die Menschen und nahmen Besitz von der Wunschstadt in der neuen Welt.
Welt-Ausstellung im Walde.
Draußen im Wald flüstern die bunten Bäume miteinander und streuen gelbe und rote Blätter auf die braun sich färbende Erde, wie der Frühling Rosen streut; der Herbstwind rauscht und raunt in den Zweigen, und eine milde Herbstsonne glüht auf die Weinblätter am Eichenstamm, daß sie tiefrot schimmern, wie lauter Blutstropfen.
Am träge über Kiesel und trockene Aeste dahin murmelnden Bächlein nickt ein grüner Zweig -- da leuchtet etwas Blaues auf, dann tönt ein Lockruf, sanft, zärtlich, dringend -- jetzt die Antwort -- noch etwas Blaues -- -- Zwei Vöglein sind's: blaue Flügel schwirren durch die Luft, und zartgrau glänzt der Leib.
»Was nur heute los ist!« sagte der eine Blauvogel zum andern, »keine Fliege, kein Käferchen läßt sich sehen, alle ziehen dort hinein in's Tannendickicht, und selbst die Mücken machen ganz ernsthafte Gesichter!«
»Guten Abend, guten Abend, meine Herrschaften,« schnarrt es über ihnen. Da hängt am Baumstamm ein goldgelbes Vögelchen. Zu welcher Klasse es gehört, das weiß ich nicht (schlagt einmal in Nehrling's amerikanischem Vogelbuch nach), aber es hämmert in die harte Baumrinde, daß es durch den ganzen Wald schallt, und so wollen wir es kühn »Gelbspecht« titulieren.
»Ja, ja, Sie haben Recht, es muß etwas im Walde sein bei dem kleinen Getier,« sagt der Specht, »ich habe schon dieselben Beobachtungen gemacht. Aber sehen Sie einmal da -- die Spinne!« An einem trockenen Zweiglein hängt eine große Spinne, eifrig beschäftigt, silberglänzende Fäden zu einem kunstvollen Netz zu verweben.
»Was machen Sie denn da, Verehrteste?« fragt der Specht, als der Zudringlichste; denn die Blauvögelein haben etwas Schüchternes, sie mischen sich nicht gern in anderer Leute Angelegenheiten und sind nicht weltgewandt wie der Herr Gelbspecht.
»Ich spinne,« sagt die Spinne ernsthaft.
»Ja, das sehen wir,« entgegnete der Specht, »aber, meine Gnädigste, was spinnen Sie?«
»Ein Netz,« sagt die Spinne.
Die Blauvögel stoßen ein leises, glucksendes Lachen aus, und der Specht hämmert entrüstet gegen den Baum.
Jetzt schlingt die Spinne einen letzten Knoten und krabbelt langbeinig davon: »Es muß fertig werden zur Ausstellung, die wird heute Abend eröffnet,« ruft sie zurück.
»Ausstellung?« fragen die poetisch-unwissenden Blauvögel und schlagen verwundert mit den Flügeln. »Von was? Wozu? Davon haben wir noch nie etwas gehört.«
»Ja, das glaube ich,« lächelt der Specht mitleidig, »Ihr schwebt ja immer in den Lüften und schwärmt für Sonnenuntergänge, düstere Waldpartien mit Lichteffekten und dergleichen Humbug. Ich weiß wohl, das Getier da unten auf der Erde hält eine Weltausstellung --«
»O, da laßt uns hingehen,« jubeln die Blauvögel. »Aber wo ist sie denn?«
In der Nähe erhebt sich plötzlich ein nimmer endenwollendes Geschrei, Gekrächze, Gejohle --
Der Specht wiegt überlegend sein gelbes Köpfchen: »Wißt Ihr was? Wir wollen die Schwarzvögel fragen -- die wissen alles! Hört, wie sie reden und schnattern? Die haben wieder Kaffeegesellschaft oder Loge oder Gesangverein -- die ganze Eiche dort ist ja schwarz von lauter Staarherren und Damen, und wenn ihre Sitzungen vorüber sind, wissen sie alles, was im ganzen Walde passiert ist: wie viele Kinder die Madame Maus das letzte Mal zur Welt gebracht hat, und wie es auf dem Grashüpferball hergegangen ist, daß sie im Eichhörnchenturnverein sich fast geprügelt haben bei der Sprecherwahl und daß der Gesangverein der Locusts sich geeinigt -- --«
»Gibt's nicht, gibt's nicht! Nee, so blau,« piepst ein unverschämter Spatz und fliegt dem Specht dicht vor dem Schnabel her in den nächsten Baum.
Der aber beachtet den naseweisen Gesellen gar nicht und spricht ruhig weiter.
»Ach, hören Sie auf, bitte, Herr Specht,« rufen die Blauvögel, »das ist ja wie ein ›Eingesandt‹ in der Zeitung!«
»Aber Kaffernreligion,« lacht der Specht.
»Seht, da kommt Ihr Bruder -- »Ober-Edel-Erz« angeflogen! Halt, den wollen wir uns kaufen!«
»Oh, Herr Staar, wollen Sie nicht die Güte haben, sich hier ein wenig auf diesen bequemen Baum zu bemühen?«
»Man muß immer höflich sein mit den Leuten, wenn man etwas von ihnen will,« flüstert der Schlaue den simplen Blauvögelchen zu, die vor Erstaunen den Schnabel aufsperren.
Der Staar krächzt freundlich der Bitte Gewährung, läßt sich auf einem Ast etwas erhöht über den andern Vögeln nieder, wirft den Kopf in den Nacken und dreht und wendet sich, daß seine roten und gelben Logenabzeichen auf den Schultern in der Sonne schillern. Nachdem die Vorstellung glücklich vorübergegangen ist, bei der der Herr Staar herablassend den spitzen Schnabel gesenkt und die Blauvögelchen verlegen die niedlichen Köpfchen geduckt haben, erkundigt sich der Gelbspecht in den gewähltesten Ausdrücken nach der internationalen Ausstellung.
»Jawohl, jawohl,« entgegnete Herr Staar würdevoll, »heute Abend ist Eröffnung. Es soll ja etwas Großartiges werden.
Sehen Sie, meine verehrten Zuhörer, es geht ein neuer Zug durch den ganzen, alten Schlendrian, namentlich was Kunst anbelangt. Ich bin ein weitgereister Mann, ich höre und sehe mancherlei. Ein krankhaftes Verlangen nach etwas Neuem, Sensationellem, ein Hunger nach Aufregung, nach Vernichtung des Alten, Hergebrachten, zieht durch die ganze Welt. Und wenn sie auch auf Abwege geraten, in Irrtümer verfallen, das Falsche dem Wahren vorziehen -- es ist doch alles nur der durch Jahrtausende immer wiederkehrende und immer bleibende, große, unersättliche Durst nach -- Freiheit, der Angstschrei der Völker, der zum stillen, hohen Himmel dringt. Und das macht sich auch in der Kunst bemerkbar -- -- ob zu ihrem Nutzen und Frommen? Und in der Musik, ja, in der Musik --« hier räuspert sich der Staar und blickt gen Himmel -- »ja, auch in der Musik gellt und dröhnt und paukt und trompetet jener Freiheitsschrei in die Lüfte, die Ohren der Zuhörer mächtig mit sich fortreißend. -- Nein, das geht ja nicht. Ich -- ich -- ich lasse mich immer so von meinen Gefühlen überwältigen, meine Lieben -- und« -- Ja, da bleibt der gebildete Staar stecken. Mit Gesichtern voll Ehrfurcht und inniger Verständnislosigkeit haben unsere Blauvögel die lange Rede angehört, während der Gelbspecht mit philosophischer Gelassenheit äußert: »Das mag alles recht schön und ersprießlich sein, verehrter Redner, aber so lange wie es genug Mücken und Fliegen in der Luft gibt und wie ich nach Herzenslust an den Bäumen herumhämmern kann, ist mir die ganze Wirtschaft furchtbar egal und um den allgemeinen Freiheitsdrang kümmere sich der Kuckuck!
Vorläufig wollen wir aber einmal diese merkwürdige Ausstellung ansehen, wenn Sie, verehrter Herr Staar, uns gütigst führen wollen.«
»Ja, ja,« rufen die Blauvögel und schlagen mit den Flügeln, und
»Hier hinein, ins Tannendickicht, liebe Leute,« belehrt sie der Staar. Und dann fliegen alle vier davon. Der Zweig über'm Bächlein nickt gedankenverloren auf und ab, und das Bächlein murmelt und kichert dazu.
Drinnen im Tannendickicht herrscht schon reges Leben, die Ausstellung scheint im vollen Gange zu sein. Ein geschniegeltes Mäuseherrchen, den Schnurrbart gewichst, die Oehrlein gespitzt, steht am Eingang als Portier. Der Eintritt ist frei -- wie nach Bellamy im Jahre 2000 bei den Menschen, gibt es im Tierstaate kein Geld -- und unsere vier Vögel flattern in das Dickicht.
»Ah, guten Tag, Herr Mäuserich,« sagt der Staar, der alle Welt zu kennen scheint, »was macht die Frau Gemahlin? Hat sie sich vom letzten Wochenbett erholt?«
»Schönen Dank, bester Herr Staar,« entgegnete der glückliche Mäusepapa, »alle zwölf wohlauf, aber es ist 'ne Last, die lieben Kinderchen großzuziehen.«
»Können Sie denn das nicht per Elektricität besorgen lassen? Heutzutage sollte doch alles möglich sein -- Eier ausbrüten -- Kleinigkeit! Warum nicht auch Kinderfüttern, Kinderprügeln, Kinderkriegen etc.?« Mittlerweile hüpften sie weiter durch die verschlungenen Wege des Tannendickichts. Zwar sind die Plätze einiger Nachzügler noch unbesetzt, Vieles ist nicht ganz vollendet, wie ein halbfertiger Maulwurfshaufen z. B., ein Sprungbrett, eine angefangene Wendeltreppe für Eichhörnchen, ein prachtvoller Bau mit geheimnisvollen, unterirdischen Gängen, in welchen Kaninchen noch eifrig beschäftigt sind, zu graben, und dergl. mehr, aber im Ganzen scheint die Sache recht gelungen zu sein.
Zwei wohlgenährte, etwas verschwiemelt aussehende Ratten, kleine Knüppel in der Hand, Mützchen von im Wald gefundenem blauem Butterbrotspapier über den dicken Nasen, eine weiße Sternblume auf der Brust befestigt, marschieren würdevoll und bedächtig als heilige Wächter der Ordnung oder Wächter der heiligen Ordnung umher. Und es ist auch nötig: das schwirrt und summt und brummt durcheinander, und hüpft und tanzt und zirpt, daß es wahrhaftig einer energischen Rattenpolizei bedarf, um das leichtfüßige Gesindel in Ordnung zu halten. Doch vor unserer Vogelgesellschaft bezeigen die Tierlein großen Respekt; sie halten sich in gewisser Entfernung und verneigen sich achtungsvoll, sobald ein Blick aus Vogelaugen auf sie fällt. Nur ein großer Hirschkäfer mit stattlichem Geweih nähert sich mit höflich-gemessener Verbeugung und bietet sich den hohen Herrschaften als Führer an, was mit Dank angenommen wird.
»Sehen Sie, meine Hochverehrten, hier unser Kunstdepartement. Alles neu, noch nie dagewesen. Sehen Sie, dies Spinnengewebe« -- die langbeinige Spinne, die es vorhin so eilig hatte, steht daneben und begrüßt sie mit einem Auskratzen ihrer langen Spinnenbeine -- »wie fein, wie zart, geschickt die Fäden verknüpft! Und die fette, zappelnde Fliege darin, jeden Tag wird eine frische gefangen und hineingesetzt -- das nenne ich Naturalismus.
»Schrecken der Hinterlist« ist es betitelt.
Hier die noch lebende, schwer am Licht verbrannte Motte -- »Schrecken der Aufklärungssucht«.
Jener Schmetterling, dem eine rauhe Menschenhand den Duft von den zarten Flügeln gewischt, nun kann er nicht mehr fliegen -- »Schrecken des Freiheitsdranges«. Ach, und noch so vieles Traurig-Schauderhaft-Schöne! Sehen Sie, die von Ameisen abgenagte Drosselleiche« -- die Vögel schütteln sich und machen unangenehme Gesichter -- »und der glänzend reine Katzenschädel« -- die Vögel nicken befriedigt mit den Köpfen, und der Gelbspecht macht eine Bewegung, als wolle er die leeren Augenhöhlen auspicken -- »wirklich eine recht sinnige Zusammenstellung.
Bitte, blicken Sie hierher -- lauter Raritäten -- da, das so natürliche Loch in der Erde, hier eine kleine Blätterhütte, ein Einsiedler-Heimchen wohnt darin und zirpt bescheiden für sich allein, dort jene sorgfältig getrockneten Heuschreckenleichen, eine Reminiscenz aus dem großen Heuschrecken-Grashüpferkrieg. -- Und hier, bitte, sehen Sie einmal durch dies Loch im Tannendickicht -- nicht wahr, ein reizendes Panorama: im Hintergrund die Wolken als Schneeberge, davor ein einsamer, schwebender Rabe -- großartig, nicht wahr?«
»Aeußerst großartig,« meint der Specht, »aber was stellt es vor?«
»Es ist auch ein Kriegsbild: Eine vergessene Heuschreckenleiche!« (Frei nach Wereschagin.)
Die Vögel sehen sich erstaunt unter einander an, suchen die Leiche und erklären, nun einmal etwas Anderes sehen zu wollen. Das gibt es ja auch in Hülle und Fülle für jede Geschmacksrichtung. Hier, ein Eiffelturm aus Eicheln, ein Eichhörnchen sitzt oben drauf, zeigt auf Kommando sein buschiges Schwänzchen und knackt Nüsse zur allgemeinen Belustigung, dazu marschieren allerliebste kleine Nagetierchen kauend durch die Zuschauermenge und bieten goldgelben Harz-Chewing-Gum als Erfrischung an. Da ist eine Grotte aus kleinen Tropfsteinen und Tannenzapfen, geheimnisvolles Dämmerlicht; einige Glühlichtwürmchen leuchten dazu, auf grauen, trockenen Blättern und Gräsern sind vorgestrige Regentropfen gesammelt, die schimmern wie Wasserfluten, und ein schlankes Grillenfräulein, die Grillenbeine mit Schleiern aus glänzendem, flatterndem Altweibersommer bewickelt, als Fischschwanz, bewegt sich rhythmisch hin und her und fährt mit den langen Vorderbeinen sich graziös über den Kopf, als kämme sie sich.
»Was macht die da drinnen?« fragt der eine Blauvogel neugierig, während der andere starr vor Erstaunen dasteht.
»Ich bin unten Melusine und oben Loreley,« sagt das Grillenfräulein, »denn ich habe einen Fischschwanz und kämme dazu mein goldenes Haar.«
»Ja so,« sagt der Specht.
Dicht daneben tanzen ein paar Grashüpferdamen Ballett auf einer Schaukel von Grashalmen, und springen so hoch, daß man sie kaum noch sehen kann, während auf der andern Seite ein paar Mäusejünglinge in grauen Tricots mit aus Nußschalen gedrechselten Bällen auf kunstgerechte Weise Baseball spielen.
Dieser ganze Wirrwarr, der Lärm und das Getöse, dies Hin und Her, wirkt ungeheuer ermüdend auf die Nerven ungeübter Zuschauer, und unsere Blauvögel piepsen und flüstern miteinander, und fühlen sich recht ungemütlich.
»Musik, meine Herrschaften, hören Sie unsere allermodernsten Vorträge,« ruft jetzt der Hirschkäfer. Alles stürzt nach einem hübsch mit Tannennadeln bestreuten freien Platz. Auf einem Tannenzapfen steht erhobenen Armes eine große Locuste, so eifrig gestikulierend, daß ihr die Augen vor den Kopf treten; und um sie her scharen sich allerlei musikalisch beanlagte Tiere. Nun gibt der Herr Kapellmeister das Zeichen, indem er seine Fühlhörner weit ausstreckt, und das Konzert braust durch das Tannendickicht. Sämtliche Grillen des Waldes zirpen so laut sie können, dazu schnarren die Locusts, pfeifen die Mücken, brummen die Käfer aller Art; die Kaninchen gebrauchen kräftig ihre Trommelstöcke -- ein Höllenlärm!
»Ist das nicht herrlich?« fragt der Hirschkäfer unsere Vögel.
»Sehr schön,« entgegnete der Gelbspecht, »nur etwas unverständlich.« Der Staar macht ein sehr gebildetes Gesicht, und die Blauvögel meinen schüchtern:
»Es ist aber recht eintönig, und immer so dudelig.«
»Das ist ja gerade das Schöne,« sagt stolz Kapellmeister Locuste, »sehen Sie, wie gut Sie es verstanden haben? Es war unsere Nationalhymne -- der Moskito-Doodle!«
Den Blauvögeln kam die Sache immer problematischer vor, und als vollends der Herr Mistkäfer mit der ganzen Familie auf sie zukommt und sie freundlich auch mit dem Nützlichen der Ausstellung bekannt machen will -- die verschiedenen Blätterpräparate, wie Regenmäntel, Schirme und schützende Laubdächer und Haushaltungsgegenstände aller Art; ferner Delikatessen: Tauwein über Grashalme abgezogen, dazu Konfekt mit dem kuriosen Namen Fliegendreck, Misthäufchen, Schneckengelee etc. -- da fliegen unsere Blauvögel entsetzt kerzengerade in die Höhe und davon, und auch der Herr Staar, trotz seiner Gleichheitsideen, meint: »es wäre doch recht gemischte Gesellschaft, und überhaupt vertrüge sich die Heiterkeit dieser Ausstellung nicht mit seiner ernsten Geistesrichtung,« während Herr Gelbspecht übermütig erklärt:
»Nein, mir gefällt es hier famos! Ich will erst den ganzen Schwindel sehen, und wenn mir die dicke, fette Fliege da morgen im Sonnenschein begegnet, so fresse ich sie auf vor lauter Liebe.«
Hoch oben auf einer Berghöhe, von wo man weit über Baum und Strauch hinüberblickt -- dahin haben sich die Blauvögelein geflüchtet, und der Staar gesellt sich zu ihnen, weil er just nichts Besseres zu thun hat. Außerdem hält er die Blauvögel für recht belehrungsbedürftige Wesen, denen eine kleine Pauke über »die langsam sich vollziehende Umwälzung der Weltordnung« gar nichts schaden kann.
Aber unsere blauen Waldvögelein werden hier oben in der Einsamkeit selber so beredt, daß dem wohlmeinenden Staar nichts übrig bleibt, als zuzuhören.
»Blick' um Dich,« singen sie, »das ist unsere Ausstellung, das ist unsere Freude und die Freude der ganzen Welt. Sieh', wie die bunten Blätter die Bäume schmücken, wie die glührote Weinranke die dunkle Tanne zärtlich umfängt. Horch! _Unser_ Konzert! Wie das rauscht und flüstert in den Zweigen, wie der stürmische Herbstwind in den Blättern tost, und sieh', wie der schönfarbige Schmetterling die geliebten Herbstblumen umgaukelt! Und blick' um Dich: die Sonne geht zur Rüste, sie glüht und leuchtet noch einmal und dann sinkt sie in ihr zartes, graues Wolkenbett und vergoldet es mit ihrem Schein, und ein strahlender Rand zieht sich um die seltsamen Wolkengebilde. Ist das nicht schön? Ist das nicht herrlich!
Und horch! da unter uns am Fuß des Baumes -- das sind Menschen! Ein seltsam Geschlecht -- kluge Gedanken und weiche Herzen -- Ich liebe sie, wenn sie zu Zweien im Walde wandern, wie diese hier. Hör', was sagen sie?« -- Ja, es sind Menschen -- ein Mann und ein Weib. Und durch des Mannes dunkles Haar ziehen sich Silberfäden, und auf des Weibes glatter Stirn hat das Leben zarte Furchen gezogen. --
»Sieh', liebes Weib,« sagte der Mann, »diese frühen Herbstblätter in dem grünen Wald erinnern mich an meine weißen Haare, an Deine ersten Falten auf der Stirn. Ach, Kind, spät ist's schon im Leben, und jetzt erst lernen wir das Glück kennen!«
»Liebster,« entgegnet sie, »sieh', wie die Sonne strahlend und liebkosend über die Baumstämme gleitet, wie alles noch einmal in voller Pracht glänzt, glüht und leuchtet -- zum letztenmal, ehe es Winter wird. So freuen wir uns jetzt noch einmal des Glückes und der Liebe, ehe _unser_ Winter kommt. Liebster, wie schön ist die Welt und das Leben!«
Da zieht der Mann das holde, ernste Weib an sein Herz und küßt die Falten auf der blassen Stirn, und das Gesicht des Weibes glüht und blüht nun, wie die Rose in ihrem Lebensfrühling.
Sie sehen hinüber, bis die Sonne verlischt. -- Und die Vöglein lauschen, und der Staar meint:
»Die verlangt's auch nicht nach Veränderung, und die denken auch, gerade wie ihr dummen, kleinen Dinger, das Leben sei doch schön. Merkwürdig! Und die Welt soll doch so schlecht sein, sagen sie im Verein für Freiheit und sittlichen Umsturz. Was ist nun wahr? Darüber muß ich auf einem einsamen Eichenwipfel etwas näher nachdenken.«