Venusmärchen: Geschichten aus einer andern Welt
Part 10
Er spreizt seine dekorierten Flügel und fliegt von dannen. Blauvöglein aber locken in den Abend hinein und setzen sich dicht nebeneinander auf einen Zweig und plustern sich und träumen. Die sanfte Nacht kommt gezogen und breitet ihre schwarzen Fittiche lind über die müde Erde -- -- über selige, herbstliche Menschenkinder, über plusternde Blauvögelein und melancholische Staare -- ja, und über all das kriechende, sich duckende, hochmütige, aberwitzige Volk und den weltklugen Gelbspecht in der Weltausstellung im Tannendickicht. --
Das Märchen von Einem, der auszog, ein Sonntagskind zu werden.
Die braune Drossel saß auf einem hohen Baume im Garten und zwitscherte: »Es ist Sonntag heute. Der Sonntag sitzt mitten im Frühling und hat eine Krone von Blüten auf dem Haupte, und --«
Weiter konnte man nichts hören, denn die Sperlinge, denen die Drossel das erzählte, piepsten und schrieen und zankten so durcheinander, daß die Drossel auf und davon flog. Was ging es auch die Stadtspatzen an, was die Walddrossel zu erzählen hatte!
Die bleiche Frau Sehnsucht aber stand am geöffneten Fenster ihres Hauses und sah der Drossel nach. »Ach,« seufzte sie, »wer doch ein Sonntagskind wäre und verstehen könnte, was die Vögel singen! Ach, und wenn nur das Kind, das ich gebären werde, ein Sonntagskind würde, dann wollte ich gern glücklich und zufrieden sein.«
Als aber ihre schwere Stunde kam, da war der lachende Sonntag noch nicht aufgestanden, und der stille Sonnabend lehnte noch an der kleinen Wiege mit großen, müden Augen. Er legte eine kühle Hand auf die Stirn des kleinen, roten, zappelnden Dinges, das mit geballten Fäustchen unter dem Deckchen herumarbeitete und mit Zornesfalten im Gesicht in die Welt hinausschrie.
»Nur eine Viertelstunde zu früh,« seufzte die blasse Frau Sehnsucht, und zwei heiße Thränen fielen auf die geschlossenen Augen des Bübchens in ihrem Arm.
Der kleine Bursche aber wuchs kräftig heran und wurde so stark, daß die ungezogenen Buben in der Nachbarschaft ihm gern aus dem Wege schlichen. Er stand an seiner Mutter Knie gelehnt und lauschte mit leuchtenden, wundersamen Augen, wenn sie von den Sonntagskindern erzählte, wie sie gar so klug sind und wissen, wie die Welt geht, und verstehen, was die Tiere sprechen, und wie sie den Wolkenflug deuten können. -- »Warum kann ich nicht jetzt noch ein Sonntagskind werden?« rief er zornig. Dann sprang er hinaus in den Garten und legte das Ohr auf die Erde, ob er nicht das Gras wachsen höre, wie ein richtiges Sonntagskind. Er hörte wohl ein zartes, leises Murmeln, aber ob es nicht die kleinen Käfer und Ameisen waren, die da raschelten, das wußte er nicht zu sagen. Er stand unter den Bäumen und hörte zu, was die Vögel sangen; es war ihm, als verstände er einzelne Worte, wie Sonnenschein, Glück, Blütenduft; aber er war doch nicht sicher, ob es ihm nicht sein eigenes Herz zugeflüstert hatte. Und weinend lief er hin zu seiner Mutter und trotzte: »Ich will doch ein Sonntagskind werden!«
»Der Sonnabend leidet's nicht,« sagte Frau Sehnsucht traurig. »Und es war doch nur eine Viertelstunde!«
»Es muß in den Büchern stehen,« sagte der Knabe, als er in die Schule ging. Und er lernte alles, was in den Büchern stand und wurde ein berühmter Mann. Von weit, weit her kamen die Menschen nach dem kleinen Häuschen der Frau Sehnsucht und wollten von dem jungen Gesellen Antwort haben auf ihre neugierigen Fragen, und er sagte ihnen alles. Aber insgeheim glaubte er selber nicht an das, was er ihnen so gelehrt auseinandersetzte; hatte er doch in keinem Buche Bescheid auf seine einzige Frage erhalten: Wie er es anfangen könne, ein Sonntagskind zu werden? -- Als nun eines Tages wieder einmal ein paar kluge Professoren kamen, die aber doch nicht so klug waren, wie er, und die spitzigen Zeigefinger an die spitzigen Nasen legten, und ihm die wichtige Frage stellten: Wie kommt es, daß der Mensch die Nase mitten im Gesicht hat? -- da fielen dem Gesellen seine Riesenkräfte ein. Er warf die Professoren mitsamt der ganzen Universität zur Thür hinaus, reckte und streckte sich einmal, that einen tüchtigen Jauchzer und sagte zur Frau Sehnsucht:
»Mutter, jetzt ziehe ich in die Welt hinaus, dem Sonntag nach, und komme nicht eher wieder, bis ich ihn eingeholt habe.«
Frau Sehnsucht legte ihre weißen Hände auf sein lockiges Haupt und küßte ihn. Dann schloß sie die schönen, traurigen Augen für immer.
Der Geselle aber zog in die Welt hinaus. Er sah die goldene Sonne am Himmel stehen und er sagte: »O Sonne, güldene Sonne du -- ich suche, suche immer zu. Zeig mir den Weg, wohin ich geh', o Sonne, güldene Sonne du!« Aber die Sonne lachte ihn aus und antwortete nicht und ging weiter, immer weiter, bis er sie zuletzt gar nicht mehr sehen konnte. Da kam er in einen großen Wald, darin reichten die Bäume bis in den Himmel, seltsam große Blumen standen am Wege und sahen ihn an, und bunte Vögel flogen sprechend von einem Ast zum andern.
»Sagt mir's, ihr Bäume, duftet, Blumen, rauscht mir's, ihr Winde, murmelt, ihr Quellen -- wie fange ich es an, daß ich ein Sonntagskind werde?« rief der Geselle.
Da kicherte und lachte es an allen Ecken und Enden. Schelmische Mädchengesichter tauchten aus den Kelchen der seltsamen Blumen empor und nickten ihm lächelnd zu. An den Schlinggewächsen turnten winzige nackte Engelsbübchen, die warfen mit duftenden Blütenblättern nach ihm, und ein Rauschen und Raunen zog durch den ganzen Wald, daß der Geselle gewiß alles erfahren hätte, was er wissen wollte, wenn er nur eine Viertelstunde später auf die Welt gekommen wäre. Zuweilen war es ihm wieder, als verstände er ein paar Worte, und horch! klang's nicht im Windesrauschen, wie: Bis an's Ende der Welt? Kopfschüttelnd ging der Geselle weiter.
Da wurde mit einemmal der Wald hell und licht; das kam von einem schönen Stern, der fiel vom Himmel nieder, und sieh' -- der Stern nahm Gestalt an, so schön und sanft wie die Mutter ausgesehen hatte, und seine Augen strahlten still und traurig, wie die der Frau Sehnsucht. Die schöne Sternenfrau aber sprach: »Ich will dir Antwort auf deine Frage geben. Gehe weiter, immer weiter, bis du ans Ende der Welt kommst. Dort wirst du den Baum der Erkenntnis finden. Wenn du von diesem ein Blatt brichst, dann wirst du erfahren, was du wissen willst. Aber spute dich! der Weg ist weit.«
Der Stern stieg langsam auf gen Himmel, es wurde immer lichter, der Wald verschwand und der Geselle stand ganz allein auf einer großen Heide, über die der Wind pfiff.
»Bis ans Ende der Welt? -- da kann ich meine Füße in die Hand nehmen, wenn ich noch ankommen will,« sagte er und wanderte fürbaß. Weil's ihm aber einsam am Wege war, sang er sich das Liedel von dem andern Gesellen:
»Ein fahrender Geselle durchzog die weite Welt, Zu suchen nach der Stelle, wo's immer ihm gefällt.
Doch nimmer mocht er rasten, und nirgend fand er Ruh, Ihn trieb's zum Weiterhasten, nur weiter! immer zu!
Er hatte durchstudieret den ganzen Bücherwust, Mit Wissen ausstaffieret das Herz in seiner Brust --
Da fluchte er dem Buche, sah an es nimmermehr: Das ist's nicht, was ich suche! Das Glück, das Glück gebt her!
Und kommt er in das Städtchen und winkt ihm aus dem Thor Das liebe braune Mädchen mit Schelmenaug' hervor --
Laß küssen dich, du Feine! -- Schaut ihr ins Angesicht; Du bist's nicht, die ich meine! -- er da voll Trauer spricht.
Da ward aus dem Scholaren ein flotter Kriegersmann, Auch lernt er mit den Jahren, daß man sich bücken kann,
Und fromme Verse schmieden von Freiheit und von Blut, Und vor dem Bürgerfrieden voll Ehrfurcht zieh'n den Hut.
Doch alles wollt nicht frommen, was er sich auch erdacht. Das Glück wollt ihm nicht kommen -- hörst, wie's von Ferne lacht?
Da ward aus ihm ein Zecher, der zecht' von früh bis spat, Bis ihm der leere Becher vom Munde sinken that.
Lag denn das Glück im Weine? -- Der heilte allen Gram. Doch weh -- auch nur zum Scheine, nur bis der Morgen kam;
In seinem grauen Schimmer, wie lag so leer die Welt! -- Die Nacht verheißt uns immer, was nie der Morgen hält.«
Als der Geselle sein Liedlein ausgepfiffen hatte, da führte ihn der Weg an einem Königreich vorbei, und weil die Thür bloß eingeklinkt war, ging er hinein. Die alte Reichsmauer wackelte hin und her, als er eintrat, und das Thürschloß behielt er gar in der Hand, so morsch war der Griff. In dem Königreich saß der König auf einem Throne, der wackelte, und hatte eine Krone auf dem alten, wackligen Haupt, die wackelte auch. Die Räte um ihn her hatten kleine Zöpfchen im Nacken, die wackelten, und die Räte selber wackelten, und das ganze Königreich wackelte. Und weil nun alles so wacklig war, da nahm der Geselle sein Bein und gab der ganzen Wackelei einen Tritt; da fiel alles um, und der Geselle sah lachend zu, wie der König und die Krone und die Räte mit ihren Zöpfen und das ganze morsche Königreich durcheinander purzelten. Des Königs schöne Tochter aber fing er in seinen Armen auf; doch als er sie küssen wollte, da welkte sie hin und lag tot an seiner Brust. Ihre Seele verwandelte sich in einen schönen weißen Vogel, der kreiste über des Gesellen Haupt und sang ihm zu:
»Weil' nicht am Wege, Er ist noch weit; Noch ist die neue, die selige Zeit, Noch ist sie nimmer geboren.«
Als der Geselle nun weiter ging, kam er an eine große, große Stadt, darin war eitel Freude und Lustigkeit, das ganze Volk tanzte und sprang und geberdete sich wie toll. In den Moscheen, Kirchen, Freiheitstempeln läuteten die Glocken und große Götzen saßen darin, die machten mit schrecklichen Grimassen die Mäuler auf, und dann warf das Volk alles Schöne und Gute den Götzen in den Schlund, und das Häßliche und Gemeine stand grinsend auf den Schultern der Götzen, und das Volk jubelte ihm zu. -- Da faßte den Gesellen ein grimmer Zorn, er hob sein gutes Schwert und schlug zu, und schlug den Götzen die Köpfe ab. Aus den Rümpfen stieg ein starker, grauer Dunst auf, wie eine Weihrauchwolke, der lagerte sich hin über die Stadt und erstickte all das lärmende Volk, daß es tot dalag. Ueber der Nebelwolke aber schwebte ein neuer, schöner, weißer Vogel und gesellte sich dem andern zu; sie umkreisten den Gesellen und sangen ihm zu:
»Weil' nicht am Wege, Er ist noch weit; Noch ist die neue, die selige Zeit, Noch ist sie nimmer geboren.«
Als der Geselle nun weiter ging, kam er an einen hohen, hohen Berg, darauf wimmelte es von Menschen. »Ist hier das Ende der Welt?« fragte er. »Was?« riefen sie ihm von der Spitze des Berges zu, »das Ende der Welt? Bewahre! Hier fängt die Welt erst an!« -- Als nun der Geselle oben angekommen war, sah er, daß all' die Menschen ihr eigenes Ich genommen und es vor sich hingestellt hatten; und nun drehten sich die Körper um das Ich in der Runde und sangen feierliche Weisen und beteten es an. »Siehst du,« riefen sie ihm zu, »das ist es, was du suchst. Wir sind die Welt, wir sind das All, wir, unser eigenstes Ich. Wir wissen alles, wir können alles, wir lieben uns, wir beten uns an.« -- Voll Verwunderung stand der Geselle und sah dem seltsamen Treiben zu. »Aber wie könnt ihr denn leben, wenn ihr euer eigenes Ich aus euch herausgenommen habt?« -- »Wir zehren von seinem Anblick, er ist uns Nahrung, Luft und Licht. Wenn wir unser Ich ansehen, werden wir so von seiner Größe und Erhabenheit durchdrungen, daß wir unsere körperlichen Beine aufheben und tanzen müssen, und dann schreien wir von diesem hohen Berge das Heil des Ichs in die Welt unter uns hinaus, damit auch sie daran glaube und selig werde.«
Da faßte den Gesellen, als er ihre seelenlosen Köpfe und verdrehten Glieder sah, ein ungeheurer Ekel. Er nahm seine starken Fäuste und schleuderte einen der tanzenden Körper nach dem andern in die Tiefe, und wenn sie gegen die Felsblöcke, die am Fuße des Berges lagen, anprallten, dann platzten sie mit einem Knall, wie ein aufgeblasener Pilz im Walde, auf den du unversehens trittst. »Jetzt spiele ich Kegel mit den Püstern!« sagte der Geselle. -- Dann nahm er alle die angebeteten Ichs, die entseelt zu Boden gesunken waren, schichtete sie aufeinander, wie einen Holzstoß, und zündete sie an, daß die rote Lohe weithin in die Welt schien. Aus den Flammen aber flog wieder ein schöner, weißer Vogel -- denn aus allem, was zu Grunde geht, wächst doch noch ein Schönes -- und er gesellte sich zu den andern, und sie umkreisten ihn. Aber sie sangen nicht mehr, ihr Flügelschlag wurde immer lautloser. Und doch war es dem Gesellen, als trieben diese weichen Flügel ihn weiter, hin über trotzige Felsblöcke, an denen sich seine Füße blutig stießen, über weite gefrorene Seen, über denen er hinglitt wie über einen Spiegel. Er wußte nicht mehr, ob er schon lange gewandert sei oder eben erst die schlanke, kühle Hand seiner Mutter, der Frau Sehnsucht, auf seiner Stirn gefühlt hatte. Er wußte nur noch, daß er weiter, immer weiter getrieben wurde. Endlich sank er erschöpft zu Boden. Als er die Augen öffnete, lag er auf einer weiten Ebene. Schöne Tiere traten an ihn heran und betrachteten ihn mit stillen, klaren Augen; aber sie waren stumm. Vögel schwebten über ihn hin; aber sie sangen nicht. Blumen blühten an glänzenden Bächen, aber das Wasser murmelte nicht; der Wind, der durch die Zweige strich, rauschte nicht -- es war tiefe, tiefe Stille. Lautlos flogen die drei weißen Vögel vor dem Gesellen her. -- In der Ferne, am Ende der Ebene, schwebte eine weiße Wolke. Als der Geselle näher kam, sah er, daß es tausend und aber tausend von ebensolchen großen, weißen Vögeln waren, wie die, die ihn begleitet hatten, und er dachte daran, wie viele Menschen wohl gleich ihm denselben Weg gemacht hatten, wie viel erst zertrümmert werden mußte, damit diese Wolke sich hatte bilden können. Die weißen Vögel umkreisten leise, leise einen starken, grünen Baum, dessen viele Zweige gingen auf und nieder zwischen Erd' und Himmel. Der Baum blühte nicht und trug keine Früchte, er hatte nur unzählige grüne, kraftstrotzende Blätter. Die drei weißen Vögel aber, die den Gesellen begleitet hatten, mischten sich unter die andern, die in den Zweigen des Baumes nisteten, so daß er sie nicht mehr unterscheiden konnte. Und wie er so in der weißen Wolke stand, und der weiche Flügelschlag der schönen Vögel seine Stirn fächelte, da war es ihm, als höre er die Worte:
»Weil' nicht am Wege, Nicht ist er mehr weit. Wir kreisen und hüten die kommende Zeit, Wir weben ihr reines, ihr glänzendes Kleid -- Im Baum schläft sie sicher geborgen.«
Da streckte der Geselle die Hand aus und brach eines der saftgrünen Blätter. Es fiel ein Tropfen, rot wie Blut, in seine Hand. Da zog sein ganzes Leben an ihm vorüber: er sah sich, wie er immer dem Sonntag nachgejagt war, alles andere darüber vergessend; er sah, wie er nicht die Welt und sie nicht ihn verstanden hatte, denn er war ja eine Viertelstunde zu früh geboren. Wie er auf das Blatt in seiner Hand hinschaute, lange, lange, da bleichte sein Haar, seine Stirn begann sich zu runzeln, sein starker Körper bog sich zur Erde. Aus dem Manne ward ein Greis, und nun wußte er, wann er den Sonntag einholen würde. -- Er sah auf und sah die weißen Vögel, die mit ihren stillen, großen Flügeln einen starken Wind erhoben; der wehte ihn fort, weit fort, den Weg zurück, den er gekommen war. Auf dem Berge glühte noch das Feuer, über der Stadt lag der Dunst, das zerfallene Königreich bröckelte am Wege -- er schaute nicht um danach. Er ging durch den dunklen Wald, darin die Bäume regungslos standen. Er ging und ging, bis er in das Stübchen kam, in dem Frau Sehnsucht die schönen, traurigen Augen für immer geschlossen hatte. Da setzte sich der greise Geselle ans Fenster und schaute in den Garten hinein.
Auf dem Apfelbaum saß die braune Drossel und erzählte den Spatzen: »Es ist Sonntag heute. Der Sonntag sitzt mitten im Frühling und hat eine Blütenkrone auf dem lachenden Haupte, und die Blumen bringen ihm ihre Düfte, und die Winde tragen den Duft hin über die Stirnen der Kinder, die heute geboren werden.«
Da nickte der Greis am Fenster und lächelte. Er schloß die Augen, und seine Seele zog vor des Sonntags Thron, damit sie als Duft auf die Stirn eines neugeborenen Sonntagkindes gelegt werde. -- Im Tode war der Geselle ein Sonntagskind geworden.
»Es ist Sonntag!« sang die Drossel. »Das ist etwas ganz Alltägliches,« piepsten die Spatzen, »das passiert jede Woche einmal.«
Rauch.
Es war einmal ein kleiner Schmiedegeselle, der war es müde, immer am Amboß zu stehen und Gedanken zu hämmern. Er hätte gar zu gern gesehen, wie sich die Gedanken ausnahmen, noch ehe sie zum Schmiedematerial zusammengegossen waren. Eines Tages hatte er mit heller Lust ein paar kräftige Gedanken, die im Feuer glührot und geschmeidig geworden waren, zu ein paar starken Hufeisen zusammengeschweißt; die Funken sprühten, wenn man damit auf einen Stein schlug. Da klopfte ihm der große Meister auf die Schulter und sagte:
»Geselle, geh' auf die Wanderschaft.«
Und da zog er aus. -- Als er wegging, schien die Sonne hell, obwohl es mitten im Winter war; der Himmel hatte überall blaue Batzen auf die Wolkenlöcher gesetzt, und der Wind hatte dazu gefiedelt:
Die Erde hat sich schlafen gelegt, Mit weißem Lailach zugedeckt, Der rasche Wind den Himmel fegt, Bis er die Sonne hat erweckt.
Nun scheint sie hinunter auf den Schnee Und lacht hinweg ihn nach und nach: Wenn auch die Welt sich duckt in Weh; Sie wird doch einmal wieder wach.
Dann jauchzt sie auf in grüner Lust, Hüllt sich in lauter Liebe ein -- Und ahnend klingt's in deiner Brust: Im Winter ist es auch gut sein! --
Als aber der kleine Schmiedegeselle ein Stücklein Wegs gegangen war, da sah er eine schwere dunkle Wolke in der Ferne schweben, und je näher er kam, desto trüber wurde es um ihn her, bis schließlich Himmel und Erde und die ganze Welt schmutzig aussah; und er sah, daß es ein ganzes Sammelsurium von Häusern war, das alles so finster machte. Die Häuser waren so hoch, daß sie die Wolken an den Fußsohlen kitzeln konnten.
Der kleine Schmiedgeselle stand und guckte an so einem hohen Kasten in die Höhe:
»Könnt ihr da oben durch die Wolken sehen?« fragte er, »und die Sonne auf der andern Seite scheinen sehen? -- Eia, das muß schön sein!«
»Da, komm nur mit in das Loch hinein, kleiner Wurm,« sagte ein Mann neben ihm, schob ihn vor sich her, und schwupp! flogen sie in einem viereckigen kleinen Kasten so schnell himmelan, daß es dem Gesellen ganz übel wurde.
Der Mann lachte spöttisch aus ein paar klugen Augen.
»Ja früher,« sagte er, »wenn der Teufel einen armen Handwerksgesellen holte, da flogen sie miteinander auf schwarzen Gespensterflügeln in die Tiefe hinab. Wir machen das jetzt per Elektricität und fliegen himmelan.«
Erschrocken sah das Gesellchen zur Seite, erblickte aber nur einen ganz einfachen Menschen, der ein ganz klein wenig hinkte. Nur seine Ohren waren so sonderbar lang und schmal; wenn er lachte, schienen sie sich zu spitzen, und er lachte so, daß der Schmiedegeselle mitlachen mußte, und das Ding, in dem sie saßen, vor Vergnügen in die Höhe sprang.
Dann waren sie oben. Das war ein großes, flaches Dach mit Kieselsteinchen bedeckt, als ob sie drauf geregnet wären. Allerlei Verzierungen sprangen an den Ecken auf und auf zwei kleinen Säulchen saßen vergoldete Zierate, die sahen aus wie Champagnerpfropfen.
»I, da schlag' doch der Teufel den Herrgott tot!« rief der Mann mit einem vergnügten Grinsen, »da hab' ich doch gedacht, ich könnte dem kleinen Wurm das ganze Riesentreibhaus auf einmal zeigen, und nebendran das große Wasser, in dem man eigentlich die nichtsnutzige Brut gleich wieder ersäufen sollte, nachdem man sie hervorgebracht hat -- und da -- nichts, aber auch rein gar nichts, als das wüste Gebrodel, das mein Vetter, der große Nebel, so erstaunlich schön herauszukriegen versteht. Er ist ein ganz gelungener Kerl, sage ich dir, und dabei ein Phantast, trotz seiner Schwere. Und unbeständig ist er, nirgends zu fassen. Der geht in einer Minute alle Ideen der Welt durch, um schließlich mit seinem grauen Einerlei platt über die ganze Erde hinzufallen, daß man drunter ersticken sollte. Uff! wie schwer er schon wieder herunterhängt. -- Und siehst du, mit einemmal reißt er sein langes Hemd in Fetzen entzwei und tanzt herum wie ein toller Bacchant. Zum Verzweifeln für einen feierlichen Kerl!«
Dabei nahm er einen gespreizten Ton an, schob die linke Hand zwischen die Brustknöpfe seines Rockes und hob das Haupt mit einem idealischen Schwung. Als das Gesellchen ihn entsetzt ansah, schnitt er plötzlich allerlei Grimassen, liebkoste ein paar kleine, niedliche Bockshörnchen, die zwischen dem Kraushaar über der Stirn hervorwuchsen, und spitzte seine Faunsohren nach dem Wind. Nachdem er den kleinen Schmiedegesellen genügend verwirrt hatte, fing er an, ihm ernsthaft allerlei Erklärungen zu geben.
»Sieh',« sagte er, »das ist der große Hexenkessel, Höllengebrodel, da werden alle die Gedanken ausgekocht von dem Menschenpack, das tief unten mit Beinen, Händen, Köpfen oder Magen schuftet; und die nehmen dann Gestalt an, und paß einmal auf, da aus den Tausenden von Schlöten fahren sie hinaus in den Nebel, der verschlingt sie, wird groß und stark daran, wächst und wächst bis einmal die Welt ein großer Gedanken-Nebel geworden ist. Dann kommt die Zeit für uns Faune, uns Satanskerle, Teufelsstricke, und wir ziehen gegen den Nebel zu Felde, gegen meinen großen Vetter -- da kämpfen wir, das ewige, blühende, lachende Leben gegen die blassen, umnebelten und vernebelten Gedanken. -- Sieh', da fliegen sie --«
Der kleine Schmiedegeselle hatte derweilen stumm in das graue Meer geschaut, drin es wogte und zerrte, drin die Schornsteine und Schlöte der vielen, vielen Häuser hineinragten und schwere Dampfwolken entsendeten, schwarze, dicke, schmierige, lichte, flinke, weiße oder rötlich scheinende, von den Flammen tief drunten, die zuweilen bis zum Kamin herausschlugen. Es sah aus, als ob die himmelhohen Häuser der Riesenstadt eigentlich ganz klein hoch in der Luft ständen, nur mit den großen Schlöten daran; als ob da unten auf der Straße eine ganz andere Welt sei, und nur ganz fern, fern, wie das Bienengesummse an einem Sommermittag am Kornfeld, drang das Getrappel, Gerolle, Getose herauf zu dem Dach, wo die Wolken mit ihren schweren Fittichen des kleinen Gesellen Haupt streiften. Der stand und schaute. Der wunderliche Mann saß neben ihm, deckte ein Bein mit dem andern und deutete mit dem langen, ausgestreckten Zeigefinger bald auf diesen, bald auf jenen Schornstein, und er grinste spöttisch dazu, oder lachte ingrimmig, oder seine Augen leuchteten, wie in stiller Wonne. So jetzt eben wieder.
Da stieg aus einem schlanken Rauchfang ein silberweißes Rauchsäulchen auf, kräuselte sich lustig, ehe es im Nebel zerging, und auf dem schaumigen Gezausel tanzten putzige kleine Kerle mit runden Bäuchlein und weinroten Gesichtern, sie hatten Weinreben sich umwunden und lallten allerlei tolles Zeug und schrieen dem lächelnden Manne, Faun, Mephisto, was immer er sich nannte, ein jauchzendes ~Evoë Bacche!~
Und sobald die einen im Nebel vergangen waren, wurden neue aus den Ringeln der Rauchsäule geboren, schöne und drollige, große und kleine, Männlein und Fräulein, und ob auch aus den Augen eines Alten ein ernstes Denken sprach, ob die weichen Glieder einer jungen Bacchantin im Wirbel sich drehten -- gleichsam aus ihnen heraus über die ganze Erde hin leuchtete, strahlte eine selige, mutige, weinduftende Begeisterung.