Venusmärchen: Geschichten aus einer andern Welt
Part 11
Jetzt lachte der Geselle laut auf. Da hatten ein paar trunkene kleine Satyrn die Nebelfetzen zusammengeballt wie Schneebälle, schnitten wütende Gesichter nach einem andern Schlot hin, streckten denen, die da oben aufstiegen, die Zunge heraus, und begannen sie zu bombardieren. Es war ein weiter Kamin, nicht sehr hoch, der Rauch, der da herauskam, hatte eine eklige, semmelblonde Farbe, die Gedanken, die drauf ritten, auch, und sie waren feist und schwammig. Sie versuchten, recht forsch und protzig aufzutreten, aber sie krümmten sich dabei, als wenn sie Bauchgrimmen hätten, und sie streckten flehentlich die Arme aus, so gut es eben ging, nach einem andern Schornstein und stöhnten:
»Gebt uns was ab! Gebt uns was ab!«
Das war ein mächtiger, weiter Schlot, und der Rauch und Qualm, der ihm entquoll, schwarz, finster, beklemmend. Bleiche Gestalten stiegen drauf zur Höhe, hohlwangig wie eine durchwachte Nacht, finster wie eine Gewitterwolke. Immer mehr, Millionen von ihnen tauchten auf aus dem Dunkel, nicht aus einem, nein, aus hundert Schlöten, ganze Heere von Elendsgestalten, ganze Heere von drohenden Fäusten, von rachedurstenden Augen, von verzweifelten Gesichtern.
Und der kleine Geselle drückte sich scheu an den Mann, der ingrimmig hohnlachte.
»Wo kommen die her, alle, alle, ohne Ende?« fragte der Geselle bebend.
»Aus den Fabriken, aus den Werkstätten, aus den Mietskasernen, aus den Spelunken da unten,« knurrte der mit den Bockshörnchen. »Bande, elendes Pack, warum drücken sie die andern nicht tot, schaffen sich Platz in der Welt, so viele, wie sie sind! Aber sie haben Furcht, gerade so viel Furcht, wie die da drüben -- sieh' -- da aus dem himmelhohen Rauchfang, der so kerzengerade aufwächst -- Mitleid haben. Prrr -- Puah -- Mitleid, Mitgefühl, Menschenliebe, Gleichheit, Brüderlichkeit -- sieh', wie sie da alle schweben, die schönen Gedanken! Schau einmal genau hin! Glaubst du, sie kämen alle aus demselben hohen, ragenden, lichten, freundlichen Kamin? Ist schön gebaut, der Rauchfang! Aber schließ' dein Auge ab von all dem andern, indem du die Hand krümmst wie ein Fernrohr davor -- das gibt mehr Perspektive. Siehst du nun wohl, daß jeder der schönen Gedanken seinen Privatschlot hat, der nur an den andern sich anlehnt? -- Und die Rauchsäulchen, -- recht fein hell anzusehen -- dürfen sich mit keinen von den andern vermischen, beileibe nicht, und der Kamin muß immer mit demselben Heizmaterial gefüttert werden, und jedes Rauchwölkchen hat seinen Parteinebel, in den es sich auflöst.«
Aber immer und immer wieder stieg das bleiche, finstere Heer auf, auf, stetig, unverdrossen.
»Da, sieh' her, du kleiner Wurm, der du die Gedanken nackt und unverarbeitet in der Welt herumlaufen sehen wolltest,« schrie der Mann-Faun-Mephisto, »siehst du jene dort drüben aus dem Marmorkamin sich entwirren? -- Wohlgenährte Gestalten sind drunter mit schwimmenden Augen, magere Kerle mit Beil-Gesichtern, und alle mit so einem Air um sich herum, als wollten sie auf alles andere spucken. Kapitalsbestien nennt man sie mit dem Kunstausdruck, d. h. die Kapitäler sind ihnen jetzt da oben im Rauch abhanden gekommen, und nur die Bestien sind übrig geblieben. Und nun schau die guten, mitleidigen, allesliebenden, weltbeglückenden Fanatikergedanken, die eigene kleine Weltbegriffe auf Silberrauchsäulchen ausdünsten -- schau auch alle die winzigen Nebengedanken, die von der Silbersäule abspringen, ihre Nachbarn zerren und stoßen, zu Boden schlagen, ins Gesicht treten -- kommt es dir nicht schließlich vor, als wäre der eine wie der andere: Fanatiker seines eigenen Ichs? Und sie verteidigen dieses ihr Besitztum, die einen mit nackter Brutalität, die andern mit alles überwältigendem Mitleid für die Menschheit. Ist recht, ist ja recht so. Nur sollen sie nicht das Du-Geschrei erheben, wenn sie das Ich meinen. Aber guck einmal da!« --
Aus dem lichten, ragenden Schornstein, dessen viele Teile das Gesellchen jetzt deutlich erblickte, war eine Schar Gedanken-Geister aufgetaucht, die sich mit Mäulern, Fäusten und Füßen ingrimmig bearbeiteten: die einen suchten die nächsten unter sich zu ducken, zerrend, heulend, schimpfend; die zarten Gestalten aus demselben Rauchfang, die über ihnen schwebten, rangen traurig die Hände; die Bestien aus dem Marmorkamin sahen behaglich zu, und die kleinen Weinkameraden ritten auf ihrem Rauchgekräusel herzu, jauchzten und lachten, schütteten duftenden Rheinwein über sie aus, wie man über die beißenden Hunde Wasser gießt, und trieben allerhand Allotria.
Die hungrige, bleiche, verzweifelte Schreckensschar aber stieg immerfort, stetig auf; auf aus den Tausenden von Schlöten und verzehrte sich im Nebel, immerzu, regelmäßig, wie ein grauenhaftes Uhrwerk.
»Bande, Bande!« knurrte der neben dem Gesellchen. »Wann kommt's? -- Wann kommt's und schlägt den Kram in Fetzen? -- Ist ein lustig Leben, kleines Wurm, so hoch über ihnen, was? -- Und doch mitten drunter. Die da tief drunten, alle, glauben, sie kennen, sie haben mich, und ahnen nicht, daß ich es bin, der ihre Gedanken hier oben spuken läßt zur eigenen Verlustierung, wie Nero einst Rom in Brand setzte! _Nicht_ sie mich -- _ich_ hab' _sie_! -- Hoho -- aber da -- da, meine Braven!«
Da schlug aus einem mächtigen Rauchfang eine hohe Feuersäule auf, glührot, wie aus einer Schmiede-Esse, und darauf schwebte, nein, stampfte eine gewichtige Schar, die zog den Ambos und dröhnte die Schmiedehämmer nieder, daß es durch die Lüfte klang. Riesengestalten mit mächtigen Köpfen und lustigen Augen. Bei jedem Hammerschlag von ihren Fäusten stoben die Funken, und in jedem Funken sang es:
»Mir sein die Hammerschmiedsgsölln, Hammerschmiedsgsölln, Mir könn' dableiben, mir könn' furtgeh'n, Mir könn' dhun, was mer wöll'n, dhun, was mer wöll'n!«
Schritt vor Schritt weitergreifend, die rußigen Gesichter umglüht vom Flammenschein, stampften sie alles unter ihre Füße, Bestien und Mitleidsgedanken und Elendsgestalten, was ihnen in den Weg kam, trieben die Rauchwolken zur Seite und machten Bahn frei -- bis endlich, nach langem Kampf, auch sie der große Nebel verschlang.
Aber dort, wo sie verschwunden waren, da lag in lichter Ferne -- das Gesellchen sah es ganz deutlich, und der Mann breitete seine Arme aus -- der silberne See, der hob und senkte sich leise. -- Möven flogen drüber hin, die tauchten mit der weißen Brust ein in die Silberflut und schüttelten die leuchtenden Tropfen von den Flügeln.
Wo sie das Wasser berührten, tauchte ein Wunderwesen nach dem andern auf; diese reihten sich aneinander, und bald wimmelte der See von zarten, lieblichen, von starken, gewaltigen Wesen. Auf ihren ausgestreckten Armen kamen zwei wunderselige Frauengestalten einhergeschwebt, ein leiser, flüchtiger Gesang zog ihnen voran:
»Wir geleiten hohe Frauen, Die den Wassern sind entstiegen, Die sich auf den Nebeln wiegen, Und die Wellen stets durchwallen, Unerkannt von allen, allen, Denn von zwei'n ist eine keine: Diese Hehre, Hohe, Reine, Jene, die da gleißt im Scheine -- Nur zusammen kannst sie schauen. Wie die Sonne aus dem Meere Ihre Strahlen weiter sendet, So zieh'n im Gedankenheere Sie, bis ihre Bahn vollendet. Sinken in die Wasser nieder, Kommen mit der Sonne wieder.«
So schwebten sie hin über das Häusermeer der Riesenstadt. Die schönen Frauen glichen sich eine der andern so, daß man sie nicht unterscheiden konnte, und das Gesellchen hätte gar zu gern gewußt, wer sie seien.
Der Mann sah mit verschränkten Armen den Zug an sich vorüber wallen, musterte mit kritischen Augen die weißen Nixenglieder, lächelte vertraulich dem schönen Frauenpaar zu. -- Da war es dem Gesellen, als habe die eine listig gewinkt, die andere nur milde gelächelt. Aus dem Nebel, der sie umwogte, aber tönte das Lied der Hammerschmiedsgesellen:
»Mir könn' dhun, mir könn' treiben, mir könn' loss'n, was mer wöll'n!«
»Ja, ja,« nickte der Mann, »wenn's alle Hammerschmiedsgesellen wären! Aber doch, kleines Wurm, wissen auch sie nicht genau, gerade wie du und alle die andern es gar nicht wissen, wer von den beiden lieben Frauenzimmerchen da -- die Wahrheit und welches die Lüge ist.«
Als er das sagte und der kleine Schmiedsgeselle flehend die Arme hob, da schauten die beiden herrlichen Frauen zurück -- die eine milde lächelnd:
»_Du_ bist die Wahrheit!« jauchzte der Geselle.
Da hob die andere sachte und ernst den Finger an den Mund. --
Und der Geselle barg das Gesicht in die Hände und weinte.
Als er wieder aufschaute, sah er den Mann vor dem Champagnerkorken stehen und Zwiesprache halten mit einem nackten, kleinen Schlingel, der rittlings auf dem einen goldenen Pfropfen saß, Bogen und Köcher umgehängt hatte und blutrote Pfeile nach allen Richtungen verschoß; sein Krauskopf glänzte voll goldener Locken und trotz der Lachgrübchen saßen ein paar bitterernste Augen in dem jungen Gesicht.
»Ich bin echt!« sagte er und zielte auf den Gesellen, und dem wurde es plötzlich ganz leicht um's Herz. Da lachte der kleine, nackte Bub ein tolles, befreiendes Lachen, und der Mann fiel ein, und das Gesellchen mußte mitlachen, bis ihm die Thränen aus den Augen liefen.
Dicht hing der Nebel herunter. Die Wolken rieben sich die Fußsohlen an den Champagnerkorken. Rauch, schwerer, schwarzer, lichter, semmelblonder stieg auf aus allen Schlöten. In der Ferne sah der Geselle einen silbernen Streifen, auf dem ein Mövenflügel blitzte. Ein dumpfes Gegroll wogte zu ihnen herüber. Ein Amboßschlag dröhnte.
Fest mit den Füßen aufstampfend, ging der wunderliche Mann mit dem kleinen Schmiedegesellen viele Stufen hinab, und es klang, als ob jede Stufe knurrte:
»Hammerschmiedsg'söll'n -- dhun, was mer wöll'n!«
Unten angekommen, sah der Mann wieder aus wie ein gewöhnlicher Europäer, und die Stube, in die sie eintraten, wie eine ganz gewöhnliche Kaufmannsstube.
»Hör',« sagte der Mann zu einem andern, der da saß und schrieb, »wir müssen die Champagnerpropfen da oben an dem Dach neu vergolden, die hat der Nebel ganz blind gemacht.«
Der andere nickte und schrieb weiter.
Der Mann aber sah den kleinen Schmiedegesellen an und zupfte sich an den spitzen Oehrchen. Und dann lachten sie.
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Seite 24, Zeile 4 von oben, lies: ~hant~ statt ~hante~. " 68, " 3 " " " : Silberflut statt Silberglut. " 97, " 15 " " " : Weh _in der_ Welt. " 118, " 8 " " " : _ni_mmer statt immer. " 122, " 26 " " " : aus _seinen_ Händen. " 129, " 10 " " " : _sein_ leuchtendes Auge. " 155, " 23 " " " : _drauf_ ritten.
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Der Text des Originalbuchs wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Apollo" -- "Appollo", "Bacchus" -- "Bacchos", "Höckerweib" -- "Hökerweib", "Schmiedegeselle" -- "Schmiedgeselle", "Sonntagkind" -- "Sonntagskind",
mit folgenden Ausnahmen,
entsprechend dem Korrekturverzeichnis des Originalbuchs
Seite 24: im Original "ich hete in mîne hante gesmogen" geändert in "ich hete in mîne hant gesmogen"
Seite 68: im Original "In tiefe, rauschende Silberglut" geändert in "In tiefe, rauschende Silberflut"
Seite 97: im Original "als ob all das Weh in Welt" geändert in "als ob all das Weh in der Welt"
Seite 118: im Original "wenn Ihr die Liebe sucht, fliegt immer zu Thal" geändert in "wenn Ihr die Liebe sucht, fliegt nimmer zu Thal"
Seite 122: im Original "aus ihren Händen weg und zu uns" geändert in "aus seinen Händen weg und zu uns"
Seite 129: im Original "und ein leuchtendes Auge weilt" geändert in "und sein leuchtendes Auge weilt"
Seite 155: im Original "die Gedanken, die draus ritten" geändert in "die Gedanken, die drauf ritten"
und außerdem
Seite 13: im Original "wo wollen die vielen Menschen hin die dort" geändert in "wo wollen die vielen Menschen hin, die dort"
Seite 25: im Original "Flüstern durch den Saal und und ein Beben" geändert in "Flüstern durch den Saal und ein Beben"
Seite 39: im Original "Weise Hosen, schwarzes Röcklein und auf dem Kopf" geändert in "Weiße Hosen, schwarzes Röcklein und auf dem Kopf"
Seite 40: im Original "wenn ihr die zackigen Blätter" geändert in "wenn Ihr die zackigen Blätter"
Seite 45: im Original "Cochenille -- Kaktus, unansehnliche, häßliche Dinger" geändert in "Cochenille-Kaktus, unansehnliche, häßliche Dinger"
Seite 49: im Original "Wohl süß ist es zu singen" geändert in "»Wohl süß ist es zu singen"
Seite 56: im Original "sieh', doch, da ist das Märchen!" geändert in "sieh' doch, da ist das Märchen!"
Seite 56: im Original "die Kinder faßten sich bei deu Händen" geändert in "die Kinder faßten sich bei den Händen"
Seite 76: im Original "den Bäuuen aus dem Wege gehen" geändert in "den Bäumen aus dem Wege gehen"
Seite 85: im Original "Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. 1" geändert in "Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. I"
Seite 108: im Original "deren heißes Menschenherz langsam, zu" geändert in "deren heißes Menschenherz langsam zu"
Seite 135: im Original "wie zart, geschickt die Fäden verknüpft!«" geändert in "wie zart, geschickt die Fäden verknüpft!"
Seite 139: im Original "Mannes dunkles Haar ziehen sich Silderfäden" geändert in "Mannes dunkles Haar ziehen sich Silberfäden"
Seite 140: im Original "dekorierten Flügel und fliegt von dannen" geändert in "dekorierten Flügel und fliegt von dannen."
Seite 146: im Original "Seele verwandelte sich einen" geändert in "Seele verwandelte sich in einen"
Seite 155: im Original "finster, beklemmend, Bleiche Gestalten" geändert in "finster, beklemmend. Bleiche Gestalten"
Seite 157: im Original "Aus dem lichten, ragenden, Schornstein" geändert in "Aus dem lichten, ragenden Schornstein"
in der Verlagswerbung: im Original "Rosenberg. -- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr. = 1 Fr." geändert in "Rosenberg. -- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr." ]