Venusmärchen: Geschichten aus einer andern Welt

Part 8

Chapter 83,720 wordsPublic domain

Die Eisblumen erzählten, wie schön es gewesen sei, als das Tannenbäumchen ganz in Flammen gestanden und die Kinder um es herumgesprungen wären und gelacht und getollt und gejubelt hätten. Dann haben sie die Lichter gelöscht und ein Duft ist durch das Zimmer gezogen, so würzig, so zart, so wunderstark, noch riecht's in allen Ecken darnach --

Die Schneeflöckchen vergingen fast vor Sehnsucht nach all dem Schönen. Mitleidig verrieten ihnen die Eisblumen, daß ganz, ganz unten am Fenster eine schmale Ritze offen wäre, da könnten sie noch besser hineingucken, und vorsichtig kletterten die Flöckchen an den glatten Scheiben hinunter und nun stehen sie vor der Fensterritze -- -- --

»Also, so sieht Weihnacht aus!« flüstern sie einander zu, »komm', wir wollen uns an die Händchen fassen und hineingehen und den Weihnachtsduft einatmen.«

»Thut das nicht,« antworteten die Eisblumen, »Ihr seid Kinder der Luft, Ihr gehört nicht zu denen dadrinnen -- Ihr werdet hinsterben vor Sehnsucht zu ihnen.«

Aber die Flöckchen hörten nicht auf die Erfahrenen; sie zogen sich ihre kleinen Schneemützchen über die Ohren, damit sie auch hübsch kalt blieben und schlüpften durch die Fensterritze. -- Da schlug's Zwölf. Das kleine Männchen in der bunten Uhr, die auf dem Kaminsims stand, kam zwölfmal herausspaziert und beim letzten Mal nahm es seinen kleinen Dreimaster ab und verbeugte sich und sagte: »Meine Herrschaften, die Geisterstunde hat geschlagen!« --

Dann verschwand es wieder in seinem Glashäuschen, und klirrend schlug die Thür hinter ihm zu.

Nun begann ein wunderliches Wispern und Tustern in allen Ecken und Winkeln -- alles im Zimmer wurde lebendig und es war plötzlich ein Stimmengewirr wie beim Turmbau zu Babel. Alle die vielen Deckchen und Schleifen, die an den Stühlen und Lehnen herumhingen, fingen an, eine der andern Vorwürfe zu machen, daß sie sich immer den Menschen auf den Rücken setzten oder auf der Erde herumtrieben, und wurden so heftig dabei, daß sie sich schließlich gegenseitig mit sich selber bombardierten. -- Das Sofakissen wurde elegisch und machte der Schlummerrolle eine Liebeserklärung. -- »Sie haben eine so schöne Gestalt!« sagte es, -- »von oben bis unten egal!« Und die Feuerzange beim Ofen wollte die Schaufel umarmen und kniff ihr dabei derb in die Nase. Die kleinen Sèvres-Figürchen auf dem Kamin schürzten ihre Rokokokleidchen zum Tanz und der Nußknacker, der in der Uniform eines Gardelieutenants auf dem Weihnachtstische stand, klemmte sein Monocle ins Auge, näselte: »Charmant, auf Taille!« und klappte seine Kinnladen mit einem gefährlichen Ruck wieder zu. Dieser Nußknacker war überhaupt ein Don Juan; just hatte er der niedlichen kleinen Puppendame, die in Balltoilette auf einem rotsammetenen Lehnstuhl saß, versichert, sie sei seine erste und einzige Liebe, und nun warf er der porzellanenen Schäferin da oben Kußhände zu und entschuldigte sich damit, daß es ja Weihnachten sei.

Da entdeckte er plötzlich die beiden kleinen Fremdlinge, die sich in ihren weißen Schwanenpelzchen scheu in die Fensterbank gedrückt hielten.

»Das ist ja etwas sehr Niedliches!« Und der Lieutenant klemmte seine Monocle ein und beeilte sich, mit allersteifsten Gardebeinen durch den Saal zu marschieren.

»Premier-Lieutenant Knack von Mandelkern, I. Rrrment, Bleisoldaten zu Fuß,« schnarrte er und schlug die Hacken aneinander, daß unsere Schneeflöckchen erstaunt seine Füße anguckten. -- »Damen fremd hier? -- äh -- dürfte Ehre haben, Chaperoneur zu sein?«

»Ach,« sagten die Flöckchen schüchtern, »wir gehören hier eigentlich gar nicht her -- wir sind nur hereingekommen -- wir wollten gern wissen -- können Sie uns vielleicht sagen, was Weihnacht ist?«

»Wa -- wa -- was -- Weihnachten?« Dem Herrn Gardelieutenant fiel vor Erstaunen das Monocle weg, ohne daß er erst dazu eine Fratze zu schneiden brauchte, und sein Nußknackermund blieb ihm offen stehen, worüber die Flöckchen so erschraken, daß sie aufsprangen und von der Fensterbank auf die Erde flogen.

»Weihnachten? -- Weihnachten ist Weihnachten,« brummte Lieutenant Knack von Mandelkern entrüstet, nachdem er vorher seinen Mund wieder zugeklappt hatte -- dann klemmte er das Glas wieder ein und sah den Flöckchen nach -- »nette Pusselchen -- aber noch sehr jrün -- die reene Unschuld vom Lande.« -- --

Die Schneeflöckchen aber waren geradewegs auf ein schönes Buch mit Goldschnitt gesunken, das vom Tisch auf die Erde gefallen war -- auf dem stand mit großen bunten Lettern als Titel gedruckt: Weihnacht und unsere Vorfahren! Das sprach jetzt mit gewählten Worten: »Was Weihnachten ist, wünschen Sie zu wissen, meine Lieben? -- Sehen Sie mich an.« Und dabei schlug es sich auf und begann zu lesen: »Schon zur Zeit Winfrieds, des hl. Bonifacius, des großen Heidenbekehrers, feierten unsere Altvordern, beseelt von einem dunklen Drange, der sie zur Verehrung eines unbestimmten Etwas antrieb, im Winter, unter Schnee und Eis, ein Fest.«

»Altes Buch, schweig' doch still! -- Hüh! Hoh! Wollt Ihr wohl laufen, Ihr faulen Tierchen!« klang es da unter dem Tischdeckenzipfel hervor, und als die Schneeflöckchen, die sich große Mühe gaben, die weisen Worte des Buches zu verstehen, sich umschauten, kam pfeilgeschwind eine drollige kleine Equipage herangesaust, schnurgerade über das gelehrte Goldschnittbuch hinweg, das sich voller Entrüstung erhob und mit Würde von dannen wandelte. -- In dem von sechs weißen Mäuschen gezogenen Wägelchen stand ein kleiner nackter Junge, mit Flügeln an den Schultern und einem Bogen in der Hand, und sang und jubelte in die Welt hinein. Der hat auf einer schönen Dose gesessen, in der allerlei bunte, glänzende Steine und Goldsachen blitzten, und als der alte Herr in der Uhr die Geisterstunde verkündete, da ist er heruntergesprungen und hat sein lustiges Wesen getrieben.

Ei, wie ihn die Rubinenaugen des Schlangenarmbandes anfunkelten, und so viel die Schlange auch nach ihm mit dem Goldzünglein gezischelt, -- »ich bin die Schlangenkönigin,« sagte sie, »ich ringele mich um weiße Arme, weiße Nacken, ich ringele mich bis ins Herz hinein und bringe ihm den Schlangenzauber, dem niemand wiedersteht,« -- es half ihr nichts: das kecke Bürschchen schlang sie sich um die kleine weiße Brust, und die Rubinenaugen funkelten ihm von der Schulter herunter.

»Pah!« lachte er, »mein Pfeilgift ist viel stärker als Deins, -- Du kannst mir nichts anhaben.«

Nun setzte er sich in die große Walnußschale, die ihm der Nußknacker geschenkt hatte dafür, daß er der niedlichen Rokokodame einen Pfeil ins Sèvresherzchen geschossen.

Aber er hatte keine Pferde zum Vorspannen. Da war er auf den Weihnachtstisch spaziert, wo die heilige Krippe aufgebaut war, und hatte den hl. Joseph um das Oechslein und das Eselein gebeten, sein Wägelchen zu ziehen; aber der hl. Joseph hatte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen über solch ein Ansinnen, obgleich Mutter Maria mit dem Kindlein auf dem Schoß ihre Freude an dem kecken Gesellen gehabt hatte.

Da war er den hl. Drei Königen aus dem Morgenlande entgegengegangen, die gar bedächtig mit prächtigem Gefolge heranmarschiert kamen. »Majestät,« sagte das Gesellchen höflich, »dürfte ich vielleicht eines Ihrer Kamele für mein Wägelchen benutzen? -- Sie haben ja deren so viele.«

Aber der schwarze Balthasar, der Mohrenkönig, fletschte ihm seine weißen Zähne entgegen, und Kaspar und Melchior hielten ihm das Weihrauchfaß mit Myrrhen unter die Nase, daß er niesen mußte -- da sprang er davon und bat den Tannenbaum, und der schenkte ihm sechs kleine, weiße Zuckermäuse, die an seinen Zweigen hingen.

Nun hielt er mit seinem flinken Gespann vor den Schneeflöckchen und lachte: »Ach, was seid Ihr für herzige Dingerchen. -- Gleich möchte ich mit meinem Goldpfeil durch Eure Schwanenpelzchen in die Herzchen hineinschießen. Kommt, steigt ein -- wir fahren zum Weihnachtsball in die Puppenstube; da tanzen Sie gravitätisch und mit Anstand ein würdiges Menuett und sind brav und gesittet -- aber Ihr sollt 'mal sehen, was ich da für einen Wirrwarr anrichte.«

Den Schnee-Engelchen gefiel zwar der kleine Bursche sehr gut, aber sie schüttelten doch die Köpfe, daß die Pelzkapuzchen hin und her wackelten.

»Ach nein,« sagten sie, »hier können wir nicht tanzen -- hier ist es uns viel zu warm. Wir sind auch nur hereingekommen, um zu lernen, was wohl eigentlich Weihnacht ist.«

Da setzte sich das Gesellchen auf den Rand seiner Nußschale, schlug ein Bein über das andere und legte simulierend den Finger an das kecke Näschen:

»Ja, sehen Sie, meine kleinen Engelchen -- das ist eine kuriose Geschichte. Da unter dem Weihnachtsbaum liegt ein kleines, nacktes Kindchen in einer Krippe, dessen Geburtstag feiern sie, und sie sagen, er sei der Gott der Liebe. -- Nun aber hat mir mein heidnischer Vater im Olymp -- ich bin nämlich ein Heide, mein Name ist Amor -- immer gesagt, ich wäre der Gott der Liebe, und ich wäre, trotz meiner Jugend, so alt wie der Olymp und die Welt und das große, große Meer selber. -- Da muß also irgendwo eine Verwechselung sein. -- Ich schlage vor, wir feiern das ganze Jahr Weihnacht und halten mein Schwesterchen Freude, wenn sie davon fliegen will, am Gewandzipfel fest. -- Ich kehre mich so wie so nicht viel an die Jahreszeiten -- meine Pfeile fliegen das ganze Jahr durch, und die Küsse sind immer am süßesten, wenn sie geküßt werden.« -- Und dabei breitete der kleine Schlingel die Arme aus und wollte die hübschen Flöckchen küssen; die aber faßten sich an die Hände und flogen ihm davon, geradeswegs auf die Tanne zu und klammerten sich an ihre Zweige fest und schaukelten sich und sangen:

Von den Bergen, wo der Wind, Wo die Tannenschwestern sind, Sind wir hergeflogen, Sind wir hergezogen --

Sag' uns, was ist Weihnacht?

Da ging ein Leben durch die Zweige der Tanne, all' das Rauschegold, mit dem sie geschmückt, knisterte und raschelte, die Krystallkugeln klirrten -- stärker denn je dufteten die Tannennadeln, und horch! mit dem Tannenduft ziehen Sehnsuchtslaute durch den Saal:

»Ach, meine Flöckchen, wohl bin ich geschmückt, wohl trage ich eine Krone, wohl habe ich geflammt in vieler Kerzen Schein -- für die Weihnacht. -- Aber gebt mir die Wintersonnenwende wieder, laßt mich umbrausen, umtosen vom Wind, laßt den ersten Sonnenstrahl mich umschmeicheln und mir ins Herz hineinlachen. -- Nehmt mir Alles dafür hin!

Was die Weihnacht ist?

Kummer und Trübsal, und Haß und Neid und Mißgunst, und Heuchelei und Geldstolz -- das ist Weihnacht unter den Menschen; und zum Hohn nennen sie's das Fest der Liebe! Schneeflöckchen, wenn Ihr die Liebe sucht, fliegt nimmer zu Thal. Und eines doch: Wenn das Kinderauge uns anlacht -- wenn wir in seinem reinen Glanz uns spiegeln, wenn die Kinderärmchen sich nach uns ausstrecken, die Kinderstimme uns anjauchzt --«

Da öffnete sich leise, leise die Thür, und auf der Schwelle stand ein Kindchen und blickte verschlafen um sich und strich sich die blonden Härchen aus dem heißen Gesicht. -- Nicht schlafen konnte das Kind vor Freude über Weihnacht, und es hatte ein Geraune und Geflüster gehört neben dran und war aufgestanden, ganz leise, daß es die Eltern nicht gestört, und schlich mit den bloßen Füßchen über den Teppich hin, und stand mitten unter dem lustigen Volk. --

Aber da schnarrte die Uhr und das alte Männchen kam wieder herausspaziert und sagte mit dumpfer Stimme: Eins! und nun war alles wieder still und stumm und leblos, wie es vorher gewesen. Nur die Schnee-Engelchen konnten nicht so schnell zum Fenster hinfliegen -- da erblickte sie das Kind: »Das sind die Engelein vom Himmel,« jauchzte es, »Tanne, die hast du mir mitgebracht!«

Und mit beiden Armen griff es nach den Flöckchen und preßte sie an sich und drückte und herzte sie -- ach -- und da vergingen sie ihm unter den Händen, und das Kind betrachtete verwundert seine leeren feuchten Aermchen -- da schlich es betrübt in sein kleines Bett und weinte, weinte bitterlich.

Aber die Tannennadeln, die sich in seinem Kraushaar gefangen hatten beim Spielen, die neigten sich an des Kindes Ohr und erzählten ihm vom Tannenwald und dem Wind und der Schneeflöckchen-Reise, das ganze Märlein, da schliefs Kindchen ein.

Und wann es aufgewacht ist, und wieder und wieder aufgewacht, und größer und älter geworden, wann die Wintersonnenwende ihm gekommen ist, da zieht ihm, dem großen Kind, zu Weihnacht mit dem Tannenduft immer wieder das Märchen durch die Seele -- das Märchen von den Schneeflocken, die ausgezogen, die Liebe zu suchen, und an der Liebe gestorben sind.

Das Märchen von der weißen Stadt.

Es lag ein Mensch zu sterben. Der hatte all seine Gedanken, all seinen Willen hergegeben, die eine große That seines Lebens zu vollenden. Aber der Griffel entsank seiner Hand, und die Seele entfloh dem Leibe. Es hatte dieser Mensch die Fluten sehr geliebt. Er konnte stundenlang am Ufer des Sees sitzen und die blauen Wasser betrachten, wie sie kamen und gingen, immerzu, immerzu; und aus den Wassern sahen ihn seine Gedanken an. Als seine Seele nun ohne Körper umherirrte, da kamen die Luftgeister und trugen die Menschenseele hin über den See. Aus ihren wehenden, silbergrauen Gewändern troff es wie Nebel zum Wasser nieder, und ein leiser Wind bewegte die Fluten, daß sie sich kräuselten. Oben auf den Wogenkämmen schaukelten die weißen Leiber der Seejungfrauen; sie streckten die Arme aus nach der Seele des Menschen und zogen sie hinab in die weichen, wiegenden, schmeichelnden Gewässer. -- Drunten in der Tiefe saß der Seekönig und hielt Hof. Er war ein kleiner Mann mit starken Armen und langem, weißem Bart. Auf dem weißen Haupte trug er eine Krone von hellroten Korallen; die hatte ihm sein Vetter, der Meerkaiser, geschickt, aus Anerkennung, weil der kleine Seekönig manchmal seine Gewässer mit den starken Armen so aufrührt, daß viele Schiffe und Menschen umkommen müssen, gerade wie auf dem Meere. Denn die Meerleute mögen es gern, wenn Menschenkinder zu ihnen hinuntersteigen müssen. Sie stellen die weißen Körper in ihren wundersamen Meergärten auf, wie wir die Marmorstatuen. Die Menschen können nicht leben bei ihnen; nur wenn einer die Fluten sehr geliebt hat, dessen Seele gleitet des Nachts in den Wellen als weißer Schaum. Kommt ihn aber die Sehnsucht an, den Tag zu sehen, und es berührt ihn die Sonne, in deren Licht er geatmet, dann muß er für immer zur Leiche werden. --

Der kleine Seekönig hielt also Hof. Sechs große Räte mit wunderlichen Fischgesichtern saßen im Kreise um ein großes Blatt Papier, das ganz bunt vor lauter Strichelchen und Pünktchen aussah; vier dicke Büffelfische trugen es auf ihren Rücken, sie hielten es fischchenstill; nur zuweilen zuckte einer mit dem beweglichen Schwanz oder pustete die Kiefern auf und zu, als ob er Wasser rauche; und dann zupfte ihn der Herr Rat mit dem Karauschengesicht mahnend an den Flossen, worauf er gehorsam still hielt. Die Menschenseele, die als zarter, weißer Schaum auf der Schulter der Seejungfrau lag, sah neugierig das weiße Papier an; es kam ihr so bekannt vor. Das hatte sie schon gesehen, als sie noch Mensch war. Es war ihr, als müsse sie eine Hand danach ausstrecken. -- »Still!« flüsterte die Seejungfrau, »gleich wirst du hören.« -- Und dann sagte der Seekönig:

»Die Menschen da oben auf der Erde machen uns alles nach. Gerade wie wir zuweilen Besuch bekommen von den Bewohnern anderer Seen und Meere, die dann allerlei Kostbarkeiten mitbringen, um sie uns zu zeigen, so macht es das Volk da oben auch. Nur sind sie sehr arm. Während wir alle die fremden Seltenheiten und unsere eigenen dazu, einfach in unserem ewigen Krystallpalast aufstellen, müssen die sich erst Häuser dazu bauen. Und das Bauen -- welche Umständlichkeit! Erst kommt einer und denkt sichs aus und zeichnet es auf, und dann geht es an viele Leute, die alle etwas zu mäkeln und zu ändern haben. Schließlich soll es dann wirklich gebaut werden, aber wie lange das alles dauert, dazu habe ich nicht Zeit genug, das zu erzählen. Seht, da hat auch so ein armer Mensch mit kurzem Gedächtnis seine Gedanken auf das Papier geschrieben; ein guter Mensch, der uns sehr geliebt hat. Denn er hat gesagt: »Wenn ich meinen See nicht hätte! Der muß das Beste thun.« Und dann hat er unsere Fluten überall eindringen lassen in seine Pläne, damit wir seine Paläste wie mit Silberarmen umschlingen und ihre Schönheit wiederspiegeln. -- Dann ist er gestorben. -- Und jetzt werden andere kommen und seine Pläne zunichte machen und uns vielleicht einengen und tyrannisieren. Wollen wir das dulden? Nein!« rief der Seekönig und hob die starken Arme, daß oben die Wellen klatschend gegen das Ufer schlugen. Und die Räte schüttelten heftig ihre Fischköpfe. Die Seejungfrau lächelte der horchenden Menschenseele zu. --

»Kommt herbei, ihr Seevolk, und hört, was ich euch sagen werde,« fuhr der Seekönig fort: »Die Luftgeister, unsere Freunde, haben dieses Papier, das der tote Mensch mit seinen Gedanken beschrieben und dem Großen Rat da oben auf der Erde vorgelegt hat, aus seinen Händen weg und zu uns herabgeweht. Schwimmt, ihr Fische, bis ans Meer, lasset die im Meere es weitertragen zu den Geistern der Völker an der andern Seite des großen Wassers, wie das Seevolk der Menschenseele Werk erfüllen will.« -- Da schlugen die vier Büffelfische mit dem Schwanz unter das Papier, daß es auf in die Wellen flog; die fischköpfigen Räte griffen entsetzt danach: »Erst sehen, sehen!« Aber der kleine Seekönig lachte, daß es ein Seebeben gab, und zerriß das Papier in tausend Fetzen: »Wir sehen nicht -- wir bauen!« sagte er.

»Siehst du?« lächelte die Seejungfrau und neigte ihr Antlitz der Menschenseele zu, »jetzt werden deine Gedanken, die du ins Wasser hineingeträumt hast, doch wirklich. Ich habe dich oft gesehen, habe vor dir geschaukelt, wenn du dachtest, es seien die weißen Wellenkämme. Ich hätte dich mir geholt -- ach so gern! Jetzt bist du bei mir. Die Menschen denken, sie haben dich begraben; aber ich halte dich in meinen Armen -- ewig. Du darfst nicht hinaufschwimmen und dein Werk beschauen, nicht so lange die Sonne scheint. Dann würdest du zur Leiche. Ich will nicht, daß dich die Schwestern in ihre Gärten stellen. Ich will dich behalten -- für mich.« -- Dann glitt sie zum Seekönig hin und schmeichelte: »Väterchen, mach' es recht schön!« -- Er aber streichelte ihr langes Haar, das glänzte wie Sonnenstrahlen auf dem Wasser, und sagte ernsthaft: »Du darfst die Menschenseele hüten, daß sie uns nicht entflieht; denn nur durch sie können wir das Große vollenden.«

Nun beginnt die Arbeit. Ei, wie flink die Fischlein dabei sind, das blaue Wasser zu kommandieren, daß es in langen, glänzenden Streifen zwischen grünen Inseln sich durchzwängt, alles Land verschlingend, das ihm im Wege ist, daß es unter wölbende Brücken sich duckt und schmeichelnd zu Füßen schlanker Säulenhallen sich schmiegt. Und die Nixen kommen und spielen mit den Fluten, daß sie in glitzernden, schillernden Farben zu den Luftgeistern emporsprühen. Wie geschickt die Gnomen und Kobolde Stein auf Stein, Bogen an Bogen zu fügen wissen, daß es sich erhebt aus der Tiefe des Sees -- eine weiße, wundersame Wunschstadt. Da tauchen Türme auf mit seltsam zackigen Verzierungen; ein kleiner Nix sitzt darauf und lehrt sie allerlei alte Weisen mit seiner Glockenstimme, und nun singen die Türme sie weiter. Hier schwimmt eine schneeweiße Rotunde mit lauter kleinen Fensterchen rundum; und die Fische leiten das klare Wasser hinein und tummeln sich darin. Und still und groß und schön wächst es und wächst es, schier in die Ewigkeit hinein. -- In einer großen Muschel, davor sechs buntscheckige Forellen geschirrt sind, durchzieht der Seekönig die Wasserkanäle, mit scharfen Augen Umschau haltend. Hier zwickt er ein paar faulen Weißfischen aufmunternd die platten Schwänzchen; dort schilt er zwei streitlustige Hechte, die beide denselben Riesenpalast errichten wollen und ihn dabei unsanft hinfallen lassen. Ein energisches Nixlein ruft er herbei als Oberaufseher, und das lenkt mit seinen weißen Fäustchen die störrischen Gesellen wie ein paar gutmütige Oechslein. -- -- Als aber der Seekönig sieht, wie alles gut ist, taucht er unter in seine Schatzkammer, füllt seine Muschel mit Gold, so viel sie tragen kann, schüttet es am Ufer aus und befiehlt: »Da -- krönt das Ganze damit! daß die Kuppel weithin leuchte wie eine Sonne!«

In der Tiefe des Sees ruht die Seejungfrau, regungslos, daß sie die zarten Fäden nicht zerreiße, die von dem weißen Schaum an ihrer schönen Brust aufsteigen zu dem Werk da oben. Und die Menschenseele harret der Vollendung.

Da wallt ein Zug daher über das Wasser. Nebelschleier spinnen ihn ein, daß er wie eine Wolke über dem See schwebt, und er zieht eine Bahn, silbern wie der Mond auf dem Wasser liegt. Schweigend klimmt er das Ufer hinan, wo droben der Seekönig seiner harrt, und über ihm schwebt die goldene Kuppel wie eine große Krone. -- Nachts, wenn die Menschen schlafen, ergeht sich das Wasservolk oftmals am Ufer und pflegt Zwiesprache mit Mond und Sternen. -- Voran im Zuge schreiten Patres mit fahlen Gesichtern in schwarzer, spanischer Mönchstracht. Sie tragen gewaltige Lasten auf ihren Schultern: Türme und Türmchen, spitze und runde, Mauern so dick wie Gefängnismauern mit tiefen Kreuzgängen und schweren Wölbungen. Sie keuchen unter ihrer Last; ein lustiges, weißes Elfengesindel kommt neckisch gesprungen und weist ihnen den Weg unter hohen Bäumen, und hilft ihnen, das wunderliche Ding, das einem spanischen Kloster ähnelt, von den gebeugten Rücken abzuladen. Da richten sich die schwarzen Geister der Patres zufrieden auf, und sie bauen mit dem geschmeidigen Nixenvolk, dessen Listen sie wohl gewachsen sind, vergnügt weiter.

Eine mächtige Gestalt schreitet auf dem Wasser; ein Gewand von Gold umstarrt sie; sie trägt einen goldenen Helm; golden leuchtet ihr strenges Antlitz daraus hervor. Siegesgewiß, siegesbewußt geht sie mit großen Schritten an dem Seekönig vorüber, ihm herablassend huldvoll zuwinkend. Der lächelt fein ihr nach, wie sie sich gravitätisch aufpflanzt inmitten all des Schönen -- ein wenig zimperlich, ein wenig ungelenk. »Laßt sie nur dastehen,« nickt er, »man wird schon sehen, daß es nicht unsere wirkliche Athene ist -- nur eine große, große, goldene, emancipierte Alte-Kunst-Jungfer.« -- Und dann streckt er freudig seine Hände den schlanken Gestalten entgegen, die aus dem Nebel sich loslösen, einherwallen in faltigen Gewändern, die sich feucht um die herrlichen Glieder schmiegen; und sie tragen auf den stolzen Häuptern die weißen, strahlenden, wundervollen Trümmer der Heimat. »Du Land der Sehnsucht!« flüstert der Seekönig. Sie lächeln ihm zu mit den schönen, traurigen Gesichtern. Sie pflanzen Säulen in die Erde, rein und schön, wie sie selber, sie breiten die Hände aus, und eine erhabene Harmonie lagert sich über der Wunschstadt. Sie erheben die kraftvollen Arme und sprechen: »Du lässest uns, o Vater Zeus, die Schönheit schauen, nicht zertrümmert, nicht zerschlagen, nein, in ihrer ganzen siegenden Gewalt.« -- Und demütig neigen die Karyatiden die stolzen Häupter unter der Last der Schönheit, die sie tragen.

Wunderlich Volk zieht im Zuge einher, der übers Wasser wallt. Ein kleiner, nackter Bub, der nur einen Frack und Cylinderhut trägt für seine Blöße, bietet zierlich einer Rokokodame den Arm, die gar stattlich in Hackenschuhen und Reifrock mit einer Trikolore auf dem hochfrisierten Köpfchen einherstolziert: »Wir sind barock, nicht wahr?« nickte der kleine Schelm dem alten Seekönig zu. -- »Wir, Puck Amor und Dame la France!« -- In einem muschelförmigen Wagen, schimmernd von Gold und Edelgestein, kommt ein ernsthafter Mann. Er hat ein braunes Gesicht, aus dem seltsam überirdische Augen schauen, trägt nur einen schlichten, weißen Kaftan um die Hüften gegürtet, und doch neigt Seekönig sich tief vor ihm, und eine zarte, braune Elfe, schön wie des Gottes Bajadere, geheimnisvoll wie die Wunder Indiens, gleitet vor ihm her, ihm seinen Wohnort zeigend. --