Venusmärchen: Geschichten aus einer andern Welt

Part 7

Chapter 73,858 wordsPublic domain

»Und so leben wir gar traulich, Brüder, Schwestern, Hand in Hand -- -- Unsre Kutten sind verwandt -- Unser Trachten ist beschaulich -- Eia, Halleluja!«

»Ei, so hört auf zu plärren,« dröhnt Bruder Johanns mächtige Stimme dazwischen --

»Kurze Worte dringen zum Himmel eh'r, Lange Züge machen die Kanne leer -- Eia, Halleluja!«

Und mit tollem Jubel drehn sie sich mit im Elfenreigen, daß die grünen Kutten im Winde wehn.

»Hast du nun den Winter gefunden?« flüstert mir ein Gedanke ins Ohr, »sieh', wie die Sonne über ihm steht, lichtspendend, milde lächelnd, als ob all das Weh in der Welt nur ein Wassertröpfchen wäre, das sie lächelnd aufsaugt.«

»Sagtest du: Weh, kleiner Gedanke?« haucht es neben mir, »weißt du, was das ist?«

Ich wandte mich; da steht unter den hohen Bäumen des sonnigen Winters der allerhöchste und breitet seine mächtigen Zweige aus, als wolle er die Welt an seine Brust ziehn. »Sieh',« sagt er und senkt das starke Haupt, »meine Krone haben sie mir geraubt, der Sturm, als er hinzog mit seinen weißen Jägern über mein Reich -- meine Aeste haben sie zerschlagen und die Augen mir geblendet. Weißt du, was es heißt, leben, und die Sonne nicht mehr sehn, nie mehr!«

Es geht ein Aechzen durch den zersplitterten Stamm, die Zweige bewegen sich schwankend hin und her -- es ist, als wolle sich der Riese zur Erde neigen. Aber noch ist er stark, noch steht er aufrecht, bis der Sturm wieder einmal gegen ihn zu Felde zieht -- und nur wie ein »Weh -- das thut weh!« -- zittert es durch die Luft.

Mich fröstelte es, die Sonne sank tiefer, ich ging dem Heimweg zu. Einzelne Gedanken blieben im Wald beim Tanz auf dem Elfenteppich, bei dem sonnigen Winter, andere sprangen mir flüsternd, raunend, kichernd zur Seite; bis zum Hügel hinauf, am Rand des Waldes, da waren sie verschwunden. Einige waren den eleganten Karossen nachgelaufen und guckten spöttisch grinsend in die Wagenfenster, andere hatten sich den Heimatlosen, vagabondierenden Menschenkindern angeschlossen, die unter den Büschen des sonnigen Winters ihr Nachtlager suchten. Nur Einer, ein ernsthafter, blasser, kleiner Geselle stand neben mir, als ich mich umwandte am Berg und mein Auge die Sonne suchte -- wie seltsam! Die Sonne, die goldene, große, strahlende, hing herrlich am Himmel -- aber der Wald, die Welt? Was eben noch leuchtete, schimmerte, in wunderbarsten Farben, das lag tot und kalt und schwarz zu ihren Füßen.

»Siehst du,« sagte der ernsthafte Gedanke neben mir, »so wollt ihr die Wahrheit suchen mit eurem Verstand und eurer Tüftelei, so seht ihr in die Sonne mit der Brille der kalten Berechnung auf der Nase -- ja die Sonne steht dort am Firmament, strahlend, so himmlisch leuchtend, daß euer blödes Auge sie nicht ertragen kann, und die Welt, über die ihr die Wahrheit ergründen wollt, liegt schwarz und tot da. Aber schau dich um, schau mit der Sonne, schau dahin, wo nur die Strahlen der Sonne hindringen, wohin die Wahrheit ihr goldenes Licht wirft -- siehst du nun, wie herrlich die Welt daliegt, in Farbe, in Glut gehüllt, verklärt? Fühle nur die weiche, flimmernde, golddurchglühte Luft, die dich mit linden Armen umfängt -- schaue die jauchzende, die lebende, lichte Welt! --

Und weißt du nun, was Poesie ist?« flüsterte der ernsthafte, kleine Gedanke mir ins Ohr.

Ein Weihnachtsmärchen.

Weit, weit hinter den Wolkenbergen, da, wo der Sonne Heimat ist, die zu verlassen ihr so schwer fällt, daß sie Tauthränen weinen muß, da, wo gut sein, fromm sein ist, und die Religion die Liebe, da, wo es keinen Neid, keine Polizei und keine Geldnöten gibt, da ist das Reich der Träume, das Wunderland, wo die schöne Frau Phantasie als Königin herrscht. Da sitzt sie auf ihrem goldenen Sonnenthron, umgeben von all' dem lustigen und luftigen Volk, den Elfen, Nixen und Kobolden, die durch das Christentum und das Geld aus der Welt vertrieben wurden, und hält Hof, und die Blümelein sind ihre Vasallen und die Bäume ihre Schildwachen, und die Vögelein jubilieren und konzertieren, und die Mücken und Grillen und Heimchen tanzen Ballett; und der Wind, der säuselnde, sanfte, der starke, stürmische, immer gewaltige Sänger, ist zum Hofpoeten ernannt. Aber die mitleidige Königin, so gut sie es auch in ihrem wonnigen Traumland hat -- sie ist nimmer zufrieden damit. --

Sie gedenkt ihres Sorgenkindes, der Welt, die ihr schon manch' bitteres Weh bereitet hat, sie hüllt sich in ihren blauen Himmelsmantel, mit goldenen Sternlein besäet, und fliegt mit geheimnisvoll leisem Flügelschlag über die Erde, und wenn sie sieht, daß ihr Sorgenkind immer noch so verdrießlich und wetterwendisch und eigensinnig-dumm und boshaft und lieblos ist, dann fließen Thränen der Wehmut und des Zornes und des Mitleids aus ihren schönen Augen, vermischt mit Hoffnungsbalsam und Sehnsuchtslauten nach ihrem Traumland, und diese kostbaren Thränen fallen zur Erde hinunter in die Herzen ahnungsvoller Menschen, die von Liebe entbrennen zur herrlichen Göttin Phantasie; sie singen dann, was ihr Herz bewegt, und die Welt nennt sie Dichter.

Aber Frau Phantasie verhüllt sich mit ihrem blauen Himmelsmantel, so daß nur die kleinen nackten Füßchen wie zartrosa Wölkchen darunter hervorgucken, der Wind nimmt sie auf seine Flügel und trägt sie in ihr Königreich, und dann geht die Sonne auf.

Lange schon ist es her, daß die Königin ihre letzte Reise unternommen hat; sie hat über den Wolken gethront im Traumland; aber Wehegeschrei und Kanonendonner sind bis zu ihr hinaufgedrungen und Zornesrufe nach Freiheit und Fluchworte gegen Lüge und Heuchelei, und dann wurde es ruhig, ganz ruhig unter ihr -- da erhob sie sich von ihrem Thron, legte die weiße Hand gegen das rosige Ohr, lauschte in die Ferne, und sie sprach zu ihrem versammelten Volke:

»Horch, so friedlich ist's da drunten! Sollte wohl jetzt die Zeit gekommen sein, wo ich meine Lieblinge hinaussenden kann, auf daß sie der Welt Erlösung bringen? Meine Kinder, meine weißen, süßen, unschuldigen Kinder: Wahrheit und Liebe, die ich mit dem Sonnengott, dem ewigen Licht, gezeugt; sie schlummern unter Blumen nun seit vielen tausend Jahren und immer wollte ich sie wecken und immer noch war es zu früh; immer begann es wieder zu lärmen auf der Welt, wenn ich gerade mich niederbeugen wollte, um sie wachzuküssen -- die beiden Zwillingsrosen. Nun aber ist's Zeit.

Geschwinde, Ihr lustiges Volk, geschwinde, Ihr meine Treuen -- kommt, kommt, laßt sie uns wecken!«

Und da huscht es, und haucht es und weht und faucht es über sie hin, um sie her, und da singt es und saust es und klingt es und braust es, und die Blümlein duften süß und die Zweige neigen sich flüsternd und leise. -- Da stehen zwei holde Kinder mitten unter ihnen, ein Knabe und ein Mägdelein -- sein Antlitz ist ernst und klar und trotzig und sonnig, in ihrem rosigen Gesichtchen lacht der Frühling, und doch thront auf der Stirn eine leise Schwermut und in den Augen wohnt die Sehnsucht. Und die Königin zieht ihre holden Lieblinge an ihr Herz und weint Glücksthränen auf ihre jungen Häupter, und all ihr Volk steht erwartungsvoll schweigend um sie her. Da spricht sie:

»Ihr meine jungen Helden, mein ernster Knabe, mein lachend Mägdelein -- steigt nieder zur Erde, zieht hin über die Welt und verkündet ihr das neue Evangelium, bringt ihr die Liebe, lehrt sie die Wahrheit. Ach, sie ist arm, arm an Glück und Liebe -- lehrt sie, daß nur durch Liebe die Seligkeit zu erringen ist, von der sie so viel gehört und die sie nicht verstanden hat.

Laßt Euch nicht abschrecken durch rauhe Worte, durch herzlose That -- predigt immer wieder, ruft in die Welt, in ihre Herzen hinein, jubelt ihr entgegen das Evangelium von der Liebe, ohne die nichts ist, hier nicht, wie auf Erden.

O meine Kinder, vor allem trennt Euch nicht, faltet Eure Händchen zusammen, verlaßt Euch nicht, denn die Wahrheit ist nicht ohne die Liebe, und die Liebe tot ohne die Wahrheit. --

Allein seid Ihr nichts, vereint alles!«

Da gab man ihnen Oelzweige in die Hände, Mutter Phantasie nahm die Kinder in ihren Himmelsmantel und trug sie zur Erde nieder, und die Elfchen und Nixchen und Kobolde huschten um sie her, die Vöglein zogen mit ihnen und sangen und alles war voll Freude.

Aber der alte, weltweise, vernünftige Uhu saß in dem Eichbaum, unter welchem Wahrheit und Liebe, von duftenden Blumen zugedeckt, viele tausend Jahre geschlummert hatten, klappte seine großen Augen auf und zu und seufzte, daß es in den Klüften und Schluchten wiederhallte:

»Zu früh, viel zu früh, ach, es ist zu früh!«

Hand in Hand irrte nun das Zwillingspaar durch die Lande, über Berg und Thal, über Fluß und Steg, an all den vielen Städten und Burgen vorüber, mit ihren vielen tausend Bewohnern, aber keiner wollte so recht etwas von ihnen wissen. Da waren wohl viele, die sagten: »Ach, wie schön seid Ihr!« Das waren lauter junge Leute, die Kopf und Herz noch voll herrlicher Gedanken und beseligender Empfindungen trugen, aber sie hielten sich doch in scheuer Entfernung, denn sie kannten die Kinder nicht. Da waren Andere, die tätschelten sie gönnerhaft auf die lockigen Häupter und sagten: »Ja, recht schön, aber unpraktisch!« Das waren alte, weißhaarige Männer und Frauen. Da waren noch Andere, die wollten mit lustigen, bunten, lügnerischen Lappen die schöne, reine Nacktheit der beiden Kinder bedecken, aber da eilten diese angstvoll von dannen und hinter ihnen her gellte höhnisches Gelächter.

So kamen sie eines Tages durch einen schönen großen Wald, darin zwitscherte es gar lieblich von Vogelgesang und duftete es süß von Blumenduft, die Bäume neigten ihre Zweige vor ihnen, und der Vater, der Sonnengott, liebkoste sie mit seinen warmen Armen.

Die Tiere des Waldes kamen, die scheuen Rehe, die flinken Füchse, die leichtfüßigen Eichhörnchen, sie sahen sie mit klugen Augen an, und plötzlich klang's von fern und nah, in allen Zweigen, in allen Lüften:

»Bleibt hier, o bleibt hier! Bei uns ist's gut sein, aber draußen ist's Winter; die kalte, böse Welt, sie thut Euch weh und treibt Euch fort, und dann müßt Ihr leiden!«

Aber ein kleines, grünes Tannenbäumchen neigte sich zu ihnen hin und sprach: »Jetzt bin ich allein; eine schöne Tanne stand bis gestern noch neben mir; die haben die Menschen geholt, denn Weihnacht ist draußen, sagen sie, das Fest der Liebe, und da ist die Tanne gern mit ihnen gegangen, denn dann wird sie geschmückt, geputzt und geliebt. Nun stehe ich allein und möchte wissen, wohin sie gegangen ist.«

Da blickten die Kinder zu ihrem Sonnenvater hinauf -- der nickte lächelnd, und sie zogen weiter.

Draußen, jenseits des Waldes, war Schnee und Eis und die Bäume senkten matt ihre dürren Aeste unter der Last, die ihnen aufgebürdet war; kein grünes Hälmchen sah unter der Schneedecke hervor und die kleinen Spatzen piepsten traurig auf der Hecke am Wege. Das liebe Zwillingspaar aber war ganz warm und der Schnee that ihren nackten Füßchen nicht weh, denn des Vaters Sonnenstrahlen hüpften um sie her und schützten sie vor der Kälte.

Nun kamen sie an ein großes, hohes Schloß, das blitzte, funkelte und strahlte von lauter Gold und von Edelgestein, und wie sie die hohe Marmortreppe hinaufstiegen, da kamen sie in einen großen Saal, darin stand ein wunderschöner Tannenbaum mit vielen, vielen Lichtern, und um ihn her sprangen und lachten und scherzten fröhliche Kinder und freundliche Menschen -- ach, da ging ihnen das Herz auf und sie traten dicht vor den stattlichen Mann hin, der eine schöne Frau am Arme führte, und öffneten ihre lieblichen Lippen:

»Wahrheit und Liebe heißen wir,« sagten sie, »das neue Evangelium wollen wir verkündigen, daß es weit hinschalle über alle Welt!«

Da schüttelte der stattliche Mann den Kopf und die schöne Frau wich ängstlich zurück und rief ihre Kinder zu sich, daß sie nicht den kleinen Fremdlingen zu nahe kämen.

»Ein neues Evangelium! Damit seid Ihr nicht am rechten Platz. Nur keine Neuerungen! Festhalten am Alten, Hergebrachten, das ist eines Edelmannes würdig. Und Wahrheit und Liebe? Gewiß! aber streng nach den Regeln der Etikette müssen sie sein.«

»Komm, Schwesterchen,« sagte der Knabe Wahrheit zur Liebe, »hier ist nicht gut sein.«

Und sie gingen weiter. -- Da kamen sie in eine große Stadt. Da waren so viele Häuser und so viele Menschen, daß sie gar nicht wußten, wohin sie gehen und an wen sie sich wenden sollten.

So schritten sie kühn in ein vornehmes Haus hinein, darin war es gar warm und behaglich, und sie stiegen die teppichbedeckten Stufen hinan und kamen in ein schönes Gemach, das war reich und bunt ausgestattet, und in der Mitte auf einem Tisch stand ein großer Weihnachtsbaum, der leuchtete von vielen, vielen Lichtern, lauter geputzte Leute standen um ihn und bewunderten die kostbaren Sachen, die darunter lagen. Das Zwillingspaar hielt sich fest an den Händen, und sie traten zu dem Herrn des Hauses, der neben einer schönen Dame im Sofa saß, und öffneten ihre lieblichen Lippen:

»Wahrheit und Liebe heißen wir,« sagten sie, »das neue Evangelium wollen wir verkünden, auf daß es Lüge und Unglück aus der Welt von hinnen treibe.«

Da wollte sich der Herr des reichen Hauses schier von Sinnen lachen: »Wahrheit,« sagte er, »mein Junge, damit kann man nicht handeln« und »Liebe,« lachte die schöne Dame neben ihm, »~quelle idée!~ Die ist gar so unbequem und aufreibend --!«

»Komm, Schwesterchen,« sagte der Knabe und sah trotzig um sich, »hier ist nicht gut sein.«

Die Kleine schmiegte sich dicht an seine warme Seite und sie zogen weiter.

Nun kamen sie in ein ganz kleines, unscheinbares Häuschen, da brannte auch ein Tannenbäumchen, aber nur ein ganz winziges, mit zwei kleinen Lichtchen und ein paar Aepfeln und Nüssen daran.

Neben dem Baum saß eine junge blasse Frau mit zwei Kinderchen im Arm und am Fenster ein finsterer Mann, der brütete vor sich hin und sah das Weihnachtsbäumchen kaum.

Und das Zwillingspaar trat ein und lächelte dem anderen Pärchen zu:

»Weihnachten ist heute, das Fest der Liebe. Vom Traumhimmel sind wir gesandt, die neue Religion zu verkündigen, das Evangelium der Liebe und Wahrheit.«

Aber die angeredeten Kinderchen wandten sich verschüchtert zur Seite, und der blassen Frau liefen die Thränen über die schmalen Wangen.

»Liebe,« schluchzte sie, »Liebe ist nur vom Uebel, denn sie hängt schwer an Einem, und von Liebe kann man nicht leben.«

»Und Wahrheit?« fragte der Mann mit bitterem Lachen, »wenn man die Wahrheit sagt, wird man mit Hunden gehetzt. Geht weiter, Euer Evangelium ist nicht für Arme.«

Da zogen sie traurig von dannen und irrten in den Straßen umher und wagten nicht mehr in die Häuser einzutreten. Sie kamen an ein großes, großes Haus, das hatte einen Turm, der ragte bis in den Himmel hinein und aus den geöffneten Fenstern drang freundlicher Lichtschein von vielen Lichtern, Orgelklang und Gesang von vielen frommen Stimmen; sie schlüpften hinein und standen in einer Kirche voll frommer Menschen und vor dem Altare stand eine Krippe, darin lag ein kleines Kindlein, nackt, wie sie selber, mit einem goldenen Krönchen auf dem Haupte.

Und sie liefen hin und freuten sich und wandten sich zum Volk und verkündeten mit lauter Stimme das neue Evangelium; denn sie dachten, hier wäre es gut und fromm und hier würden die Menschen auf sie hören.

Kaum aber hatten die von einer neuen Religion vernommen, da erhob sich ein böses Geschrei und wütendes Toben, und an der Spitze der Mann, der an der Krippe des Jesukindes schöne Worte gesprochen hatte, und:

»Neuerer, Ketzer! steinigt sie, treibt sie hinaus!« -- riefen sie.

Ach, die armen Sonnenkinder, sie wußten nicht, wie ihnen geschah, als sie plötzlich draußen vor der Kirchenthür sich befanden, die krachend hinter ihnen zufiel.

»Ach wären wir im Traumland,« seufzten sie, »unter Blumen und Vögelein, unter der Königin blauem Sternenmantel -- uns friert, ach so sehr.«

Da, fern von der Stadt, begegneten ihnen zwei hohe, schlanke Gestalten, ein Mann und ein Weib -- die hielten sich eng umschlungen und von ihren Stirnen ging ein Leuchten aus, daß es die Kinder wundersam durchschauerte. Sie faßten Mut und gingen jenen entgegen und fragten:

»Was thut Ihr hier draußen?«

»Wir feiern Weihnachten,« sagten jene beiden lächelnd.

»Ohne Baum und Menschen?«

»Für uns allein; in unserem Herzen, denn die Menschen haben uns von sich gestoßen!«

»Was thatet Ihr?«

»Wir sprachen die Wahrheit und in unserem Herzem thronte die Liebe,« sagten jene beiden und ihre Augen leuchteten. »Das aber kann die Welt nicht dulden, es ist gegen ihr Gesetz, und darum haben sie uns von sich gestoßen.«

Da sangen und jubelten die Kinder ihr neues Evangelium in alle Winde hinaus und der Mann zog sein Weib in seine Arme und sie lauschten der Lehre von der Wahrheit und der Liebe, die die Kinder der ewigen Sonne und der Phantasie ihnen predigten.

Da aber kam der Wind und trug die Sonnenkinder über die Wolken ins Land der Träume.

Und wie sie der schönen Mutter ihre Leiden, ihren Kummer und ihre Seligkeit vertrauten, da weinte sie goldene Thränen und sie fielen in die Herzen jener seligen Menschenkinder, die die Welt von sich gestoßen hatte.

Die Elfen und Gnomen und die Vöglein alle, das lustige, leichtlebige Volk, tanzten und jubilierten, und nur der große Uhu saß im Eichbaum, unter dem die Sonnenkinder wieder schliefen, unter Blumen zugedeckt, und knurrte prophetisch:

»Zu früh, viel zu früh, die Welt ist noch nicht reif für das Evangelium der Liebe und Wahrheit!«

Schneeflocken.

Die Schneeflocken haben Ball heute Abend. Hei! Wie sie sich schwingen in tollem Reigen da oben auf den Bergen, wie sie durcheinander wirbeln und auf und niederspringen, daß einem ganz schwindelig wird beim Hereinschauen. Und der Wind spielt ihnen auf dazu; er saust durch die Tannenwipfel und schüttelt die Kronen der alten Waldriesen, daß sie die Zweige pfeifend gegen einander schlagen; er braust durch die Schluchten und gellt durch die Felsenklüfte, daß es fast wie Hohngelächter klingt, er singt ihnen ein Nordlandslied, wild wie sein Brausen und Toben. Er singt ihnen von den eisigen Gletschern da oben im Norden, und von der Eisjungfrau, die da haust mit Augen, klar und doch unergründlich, wie der Bergsee; er singt, wie sie mit schrillem Lachen die weißen Arme ausbreitet und an den Schneewänden ihres Eispalastes rüttelt -- dann stürzen die Lawinen krachend zu Thal und begraben das Menschenvolk da unten. Von den lustigen Gesellen, den Eisbären, erzählt er, seinen Freunden, wie sie im täppischen Tanz umeinander sich drehen, fast wie riesengroße, weiße Schneeflocken, daß es gar komisch anzusehen ist; und von den Schiffen, die zwischen den Eisblöcken stecken, und den Menschen darauf, deren heißes Menschenherz langsam zu starrem Eise wird; von den flimmernden, glitzernden, funkelnden, kalten Sternen da oben am Himmel, die todesruhig lächelnd herniederschauen; von dem Nordlicht, das aufflammt mit trotziger Glut und der Eisjungfrau auf ihrem Gletscher einen rosigen Schleier überwirft, aus dem sie herauslächelt, fast wie ein Menschenbild -- so lockt sie die Menschen an, die kühnen Jäger, und sie steigen hinauf zu ihr, immer höher und höher, und sie winkt ihnen und lächelt süß, verheißend -- und dann stürzt sie die thörichten Gesellen hinab, in die eisige Tiefe. -- Hoiho! jauchzt der Wind, wild ist mein Nordlandslied! Wild, wie der Eiskönigin Lachen, wie der Lawinendonner! Und hoch empor wirbelt er die armen Flöckchen, bis sie sich ermattet an den Tannenzweigen festklammern.

Da ist's gut ruhen; sie schmiegen sich eng an die Nadeln hin -- die flüstern und kosen mit ihnen, die wiegen sie hin und her und erzählen ihnen Waldmärlein: von dem naseweisen Tannenbäumchen, das gar nicht zufrieden gewesen damit, daß es im schönen grünen Wald gewohnt und die Füßlein im weichen Moos gebettet hat; gelangweilt hat es sich auf seinem heimatlichen Stückchen Erde und hat hinausgewollt in die weite, weite Welt und gejammert und geschluchzt: O Wind, nimm mich mit! O Quell, rausch' mich zu Thal!

Da hat mit einemmal die Waldfee vor ihm gestanden im grünen Gewand und lockigen Haar, hat es mit den Blumenaugen angeschaut, mit den zarten Händen berührt und gesagt: »Geh', mein Bäumchen, reise zu Thal. -- Sie werden Dir weh tun, Dich von Ort zu Ort schleppen, und doch bringst Du ihnen von den Bergen herunter die Sehnsucht mit -- den Tannenduft, damit sollst Du ihnen die Seele erfüllen, daß sie gut werden und sich freuen wie die Kinder.«

Dann hat sie das Bäumchen geküßt und ist im Wald verschwunden. --

Danach sind eines Tages zwei Männer gekommen und haben sich das Tannenbäumchen von allen Seiten angeguckt und zufrieden mit den Köpfen genickt. Dann haben sie ihre Pelzkappen zurückgeschoben und sich die Hände gerieben und die blanken Aexte genommen und haben die Füßchen der Tanne geschlagen, daß es durch den Wald gedröhnt hat, haben sie zur Erde geworfen, ihr einen Strick um den Leib gebunden und sie hinter sich hergeschleift über Stock und Stein, durch Schnee und Eis. Und das Tannenbäumchen hat leise vor sich hingeweint, und die großen Bäume auch; aber die Männer haben das nicht gehört, die meinten: Horch -- wie der Wind pfeift!

So ist die kleine Tanne zum Weihnachtsbäumchen geworden, wie die Waldfee sagt -- denn da unten im Thal feiern sie Weihnacht -- --

»Was ist das?« fragten zwei neugierige kleine Schneeflocken, die sich angefaßt hatten und mit ihren zarten, weißen Gliederchen auf den Zweigen der alten Tanne auf und nieder wippten.

»Ja, was ist das!« sagte die alte Tanne, »Wintersonnenwende nennen wir's, und die Waldfee sagt: Jetzt wacht die Sonne auf und nun beginnt tief unten in der Erde das Keimen und Wachsen, bis es schließlich herauf dringt zu uns und die ganze Welt erfüllt. Aber da unten im Thal nennen sie's Weihnacht und sagen, die Liebe wäre ihnen geboren -- und dann schmücken sie das Tannenbäumchen mit vielen, vielen Lichtern und zünden sie an, daß man meint, der ganze Baum stände in Flammen, und läuten mit ihren Glocken dazu -- da -- hört Ihr's?«

»Bim bam bum!« singen die kleinen Schneeflocken, »da möchten wir hin!« und sie bitten den Wind: »Wind, fahr' uns hinab!« -- Der breitet seine großen, weißen Schwingen aus, die beiden Flöckchen klammern sich mit ihren vielen Fingerchen daran fest und nesteln sich in ihren Zottelpelzen tief in die Fittige ein, und heidi! da ging's zu Thale.

»Grüßt mir das Tannenbäumchen!« rief die alte Tanne ihnen nach -- und sie brummte in den Schneemantel hinein, der sich allgemach um ihre starken Glieder gelegt hatte: »Komisches Volk, diese Menschen! Mußte ihnen die Liebe erst geboren werden? Ist sie denn nicht so alt, wie die Welt steht?«

Und dann schüttelte sie ihre Nadeln, daß die Schneeflocken, die schon darauf eingeschlafen waren, erschrocken in die Höhe fuhren.

Die beiden neugierigen Schnee-Engelchen aber flogen zu Thal, und der Wind war bös und pfiff ihnen in die kleinen Ohren, daß es gellte: Puh -- da unten ist's schlecht. Was wollt Ihr bei den Menschen? Entweder sie ballen Euch zusammen und werfen sich mit Euch gegenseitig an die Köpfe, oder sie kehren Euch auf einen Haufen, daß ihr ganz schmutzig werdet und die Sonne Euch aufschmilzt -- umkommen thut Ihr jedenfalls!

Doch da waren sie schon im Thal angelangt, vor einem großen, schönen Hause; das lag still und dunkel und allein. Nur aus einem Fenster schimmerte ein roter Schein, dahin flog der Wind, und sieh'! von dem Fenster her grüßte und winkte es den Flöckchen entgegen -- das waren ihre Basen, die Eisblumen, die an den Glasscheiben in die Höhe wuchsen und allerlei wunderliche Gestalten angenommen hatten, und die Flöckchen setzten sich zu ihnen und guckten in's Haus hinein. Da drinnen ist's prächtig: ein hohes, weites Gemach, und aus einem großen, weißen Marmorkamin flutet der rote Feuerschein drüber hin, über den Tannenbaum, der schön geschmückt und glänzend dasteht, über die vielen bunten Spielsachen und all die kleinen Figürchen, die da unter'm Tannenbaum ihr Wesen treiben.