Venusmärchen: Geschichten aus einer andern Welt
Part 6
»Nein, ich will nicht!« raschelte das eine ganz große Blatt, das, trotz seiner verkrümpelten Gestalt, noch einen grünlichen Schimmer auf sich hatte und sogar noch einen ordentlichen Stiel besaß. Und es hob sich erst von der einen Seite, und dann von der andern -- wie ein ungeschickter Bauernbursche, der zum Tanze antritt; aber es half ihm nichts: der Wind blies die Backen auf, und heidi! da sauste es davon, so viel es auch versuchte, an allen Steinchen und Schmutzhaufen hängen zu bleiben. Wütend sprang es schließlich noch toller wie die andern und legte sich oben auf die kleinen Blätter, um sie festzuhalten. -- Da plötzlich -- an der Straßenecke stieß der Westwind laut jubelnd den Nordwind an -- so spielten sie immer, die beiden wilden Gesellen, und wollten sich dann schier totlachen, wenn sie alles Lebendige mit in ihren tollen Reigen hineinzerrten. -- Und nun wirbelten sie zusammen die trockenen Blätter in die Höhe, daß sie den Bäumen entgegenflogen, die sehnsüchtig die leeren, nackten Arme nach ihnen ausstreckten. Aber da lagen sie schon wieder auf der Erde, küselten verwirrt umeinander und schleiften, schlürften, raschelten über die glatten Steine hinab in die Gosse.
Da lagen sie nun und dachten nach. Und dachten, wie sie -- es war schon lange, lange her -- die braunen Köpfchen einst vorsichtig aus der Baumrinde hervorgestreckt hatten, und in die Welt hinein geguckt, wie sie dann groß und grün und schön geworden waren, wie die Spatzen in ihnen gehuscht, wie der Mond zwischen ihnen hindurchgelugt, und wie die Menschenkinder in ihrem Schatten sich geküßt hatten. Dann war der Herbstwind gekommen und hatte sie selber geküßt, und sie waren gestorben an seinen eisigen Küssen -- hatten sich erst so herrlich geschmückt für ihn, die armen Dinger, rot und gelb und violett und braun, und dann fielen sie ohnmächtig aus seiner wilden Umarmung zur Erde nieder, wurden hin und her gejagt von den Winden, und nun? Nun liegen sie in der Gosse und denken nach.
Hei! Wie der Wind bläst! Die Kleider der schönen Frauen, welche die Straße entlang gehen, schlägt er zur Seite, daß die schlanken Füße sichtbar werden. Und die Blätter in der Gosse flüstern einander zu: »Jetzt werden sie auch anfangen zu tanzen und rascheln und schleifen die glatte Straße hinab in die Gosse!«
Aber nein, die kleinen Füße schreiten fest und sicher weiter, der Wind kann ihnen nichts anhaben -- aber der andere, der im Herzen weht, durch das Leben stürmt, ob der die schlanken Frauenfüße wohl nicht vom glatten Weg hinabwirbelt -- in die Gosse?
Davon freilich wußten die trockenen Blätter nichts: sie lagen in der Gosse und dachten nach; und der Wind strich jauchzend über sie hin. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, die ganze Gesellschaft aus dem Rinnstein hinauszuwirbeln, über alle Welt zu jagen. Doch er that es nicht; lauernd hing er über ihnen und sang sein Lied:
»Jetzt schirre ich meine Wolkenrosse und stürme dahin und brause über die Stadt und über das Land in den Wald. Eure Schwestern will ich besuchen, die glührot an den Bäumen hängen. Und ich hause in den Zweigen, und ich brause über die Wipfel, und ich schüttle die bunte Pracht. -- Seht Ihr den bunten Blätterregen?
Und seht Ihr die Trauerweiden, wie sie den Waldteich bewachen, düster, schwermut-geheimnisvoll? Ich peitsche ihre niederhängenden Haare, daß sie wie graue Schlangen zischeln und züngeln. Ich wühle die schwarzen Fluten des Waldteichs auf, daß die Wellen schäumen und sich kräuseln und mit nassen, starken Armen die Wasserrosen hinabziehen in das dunkle, dunkle Grab. --
Nur die Königin -- sieh', da ruht sie auf schwarzgrünen Blättern, und sehnsüchtig leuchtet ihr weißes Blumengesicht mir entgegen. Ich fliege zu ihr, und ich reiße sie an mich in wilder Lust, kosend schaukle ich sie hin und her, ich sauge wollüstig den Duft aus ihrem weißen Kelche, ich küsse sie mit zärtlich stürmischen Küssen -- sie stirbt an diesen Küssen -- und ich trage ihre Blumenblätter hin über den schwarzen Waldesteich, hin über die Welt -- -- Ist es süß, zu sterben an den Küssen des Gewaltigen? -- --
Heiho! -- Ihr Wolkenrosse -- graue, schwarze! senkt Euch tiefer, daß ich Euch besteige, daß ich Euch zügle hin über die Erde -- der ich Vernichtung bringe -- --«
Raschelnd flogen die trockenen Blätter ihm nach, aber nur eine Spanne hoch, dann fielen sie wieder herunter in den Rinnstein. Und da lagen sie wieder mit ihren Gedanken.
Es hatte sich eine sehr gemischte Gesellschaft in der Gosse zusammengefunden. Da waren Blätter von allen Größen und jedes sah ganz anders aus. Sie gehörten zwar alle entweder zu der großen Familie »Derer von Baum« oder zu der »Von dem Busche« -- aber eine rechte Einigkeit konnte nicht erzielt werden, da sich die vom Baum viel vornehmer dünkten, als die von dem Busche, und daher wurde so viel von Stammbäumen, Wappenschildern und dem Gothaer geredet, den die Firma Frühling, Sommer u. Co. herausgab, daß die übrige Gesellschaft im Rinnstein, die nicht von so hoher Abkunft war, in tiefster Ergebenheit erstarb. Darin waren sie sich jedoch alle einig, daß sie nur durch unverschuldetes Unglück, durch widrige Winde und plötzliche Regengüsse so heruntergekommen waren, daß sie sich nun in der Gosse befanden.
Da stak mitten unter dem Blätterhaufen ein langer, schlanker Strohhalm, hineingeflogen wie ein Pfeil -- die Blätter hatten ihn immer für etwas ganz Unbedeutendes gehalten -- der that jetzt den Mund auf und begann zu erzählen: »Ich bin sehr vornehm,« sagte er, »ich bin ein Prinz. Ich bin Oberst gewesen in Ihrer Majestät der Frau Königin Erde Weizenfeld, Allerfeinste-Mehlsorte No. I. Ich trug eine gelbe Uniform und einen prächtigen Raupenhelm auf dem Kopfe. -- Ihr hättet es sehen sollen, unser Regiment! Wie wir in Reih' und Glied standen -- fest wie eine Mauer! Wie wir exercierten -- hierhin, dorthin, auf und nieder, wenn unser Kommandant, Generalissimus Wind, seine brausende Stimme erschallen ließ. Hei! das war eine Freude, uns anzuschauen! -- Und dann kam der Krieg, das war ein schneidiger Krieg! Erbarmungslos mähte der Feind, jenes uncivilisierte raubgierige Gesindel, das sie Menschen nennen, uns nieder, und wir fielen ebenso schön in Reih' und Glied, wie wir gestanden hatten. -- Aber tot waren wir nicht -- bewahre! (denn sonst könnte ich es Euch ja nicht erzählen). Wir gerieten nur in Gefangenschaft, und in bittere Gefangenschaft. Sie banden uns zusammen, wie die Indianer, und schleppten uns fort und steckten uns in die Folter, bis sie all den Reichtum, den wir in unserm Raupenhelm trugen, herausgequetscht hatten, und dann, ja dann sollten wir erniedrigt werden, den Pferden Dienste zu leisten, den Pferden unserer Feinde. Die wollten auf uns herumtrampeln, die wollten uns als Lager benutzen, die wollten -- mit einem Wort -- Mist sollten wir werden! -- Ich, Prinz von Halm-Halm -- auf Aehre -- Oberst in Ihrer Majestät der Königin Erde Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. I.
Da, als wir gefesselt, geknebelt, aufeinandergepackt, in dem Transport-Wagen lagen -- da habe ich zum erstenmal in meinem Leben die Subordination vergessen -- ich, dem die Subordination alles war, und bin ausgerissen.
Und die Folge davon? -- Ich liege in der Gosse -- --
Ja, Subordination muß sein!« sagte der Strohhalm, grub sich mit seiner leeren Kornähre, seiner Raupe, in den Gossenschlamm und philosophierte über die Gefahren der Unbotmäßigkeit. -- »Siehst Du, Prinz Halm-Halm: Schmieg' Dich dem Schicksal an, so kriegst Du einen warmen Pferdestall -- lehn' Dich dagegen auf und Du fällst in die Gosse -- auf Aehre! -- Burrrr -- brumm!« schnarrte es neben ihm. Ein richtiger, bunter Brummkreisel war es, der auf irgend eine Weise in die Gosse geraten, unter die Blätter, und von den Kindern vergessen worden war.
»Subordination. -- Ich brumme was auf die Subordination! Wer wie ich zeitlebens von allen unnützen Buben auf den Straßen herumgepeitscht worden ist -- zuweilen waren ein halbes Dutzend hinter mir, und dann mußte ich tanzen und brummen, bis mir der Atem ausging -- der ist froh, wenn er auskratzen kann und sein Leben gemütlich in der Gosse beschließen darf.
Wie habe ich mich gesträubt und gewehrt, all' mein Leben lang! Ich habe den Bindfaden, der an mir saß, so fest um mich herumgewickelt, daß er beinahe mit keiner Macht der Erde wieder loszumachen war; ich habe mich mit meinem einzigen spitzen Bein in die Ritzen der Steine geklemmt, daß sie mich beinahe nicht wieder herauskriegen konnten; ich bin allen Jungen und Mädchen zwischen die Füße gefahren, daß sie stolperten, und habe dabei gebrummt, daß mir selber angst und bange wurde. Aber es half mir nichts. Ich mußte tanzen und schnurren und Kapriolen machen mit der bittersten Empörung in meinem Brummkreiselherzen. Sie hatten die Peitsche und folglich auch die Macht und ich mußte tanzen, bis ich eines schönen Tages in der Gosse lag -- -- -- Brrrrr -- brumm!« sagte der Kreisel, als der Wind über ihn hinfuhr und ihn zwang, sich um sich selbst zu drehen.
»Ja, mein lieber Herr Kreisel,« sprach da salbungsvoll ein weißes, bedrucktes Stück Papier, das die Schulkinder aus einem ihrer Bücher verloren hatten. Die Blätter wollten es nicht für voll anerkennen -- es war zwar auch ein Blatt und auch trocken, aber es gehörte zu einer ganz andern Familie -- sie waren gar nicht verwandt. Es hielt sich deshalb ein wenig abseits und sprach in gebildetem Tone:
»Sehen Sie, mein lieber Herr Kreisel,« sagte es, »das ist von alters her so gewesen -- ich muß das wissen, denn ich bin aus einem Geschichtsbuche -- die Starken hatten die Macht und, wie Sie so sehr richtig bemerkten, folglich auch die Peitsche, mit der sie sehr energisch umzugehen wußten, und die Schwachen -- nun, die wurden gepeitscht. Da hilft kein Auflehnen gegen den Willen von oben und gegen die Peitsche der Straßenjungen; die Kreisel wie alle Armen und Schwachen müssen tanzen -- so ist es immer gewesen, so ist es heute noch, und so wird es bleiben. Wir haben uns einmal daran gewöhnt, und wir Gebildeten sehen auch ein, daß es nicht anders sein kann und daß es so am besten ist.«
Da fuhr aber der Kreisel auf:
»Daran gewöhnt? Fällt uns gar nicht ein! Denken gar nicht daran! Und wenn wir uns einmal alle zusammenrotteten -- die Bäume und die Büsche und die Strohhalme, und alles, was so herumliegt, und wir Kreisel und -- und so weiter -- und wir machten 'mal so eine kleine, lustige Revolu-- --«
Hui! Da faßte ihn der Wind und schüttelte ihn, und da duckte er sich und sagte: »Brumm!« --
»Ach,« jammerte da ein feines, zärtliches Stimmchen, »was ist das alles gegen den Kummer, den ich erlebt habe?«
Das war ein Stückchen Papier, lachsfarben, gepreßt, mit Tinte beschrieben -- man sah, es war etwas Feines. Der Wind hatte es eben erst in wilder Jagd die Straße hinuntergepustet, und atemlos war es mit einem Purzelbaum in der Gosse gelandet.
»Ich war rein und hellblank, und ich duftete stärker wie die Veilchen in der Vase, die vor dem Fenster stand; und ich lag auf einem zierlichen Schreibtisch und ein reizender, goldener Federhalter kritzelte über mich hin. -- Ach, dieser Federhalter! Etwas Glänzenderes, Schlankeres, Zierlicheres habe ich nie gesehen. Und alle die süßen, zärtlichen Worte, die er mir ins Ohr flüsterte -- war es ein Wunder, daß ich seinen Schwüren glaubte, daß ich ihn liebte mit all der Glut, deren mein papierenes Herz fähig war? -- Ach, wie war das Leben schön!
Aber da kritzelte er mir eines Tages mit einem großen dicken Tintenstrich etwas ganz Unheimliches, Unverständliches zu, so daß ich erschrak, und dann ergriffen mich plötzlich kleine, weiße Fingerchen, und ich knickte vor Angst in der Mitte durch, und sie sperrten mich in einen dunklen Behälter, der wurde fest zugemacht, und eine glockenhelle Stimme trillerte dazu:
Such' ich mir 'nen andern Schatz -- juhu -- andern Schatz --
und dann reiste ich fort, weit fort, und mein schlanker, goldener Geliebter blieb zurück, und ich habe ihn nie wieder gesehen. Ach, ich war wie in einer Betäubung und kam erst wieder zur Besinnung, als mein Gefängnis sich öffnete und ich herausgeholt wurde -- und da -- da geschah etwas Schreckliches: ich hörte eine wuterstickte Stimme, die mich fürchterlich ausschalt, und große, rauhe Finger nahmen mich und rissen mich mitten durch, nicht nur einmal, nein, in lauter kleine Fetzen, und wir flatterten zur Erde nieder und der Wind kam und nahm uns mit sich fort. -- Ach, und wenn nun mein Federhalter mich sucht, dann erkennt er in diesem kleinen, schmutzigen Flecken seine schöne lachsfarbene Geliebte nicht wieder. -- -- -- Ach, was sind alle Leiden und Kümmernisse der Welt gegen die Schmerzen unglücklicher Liebe!«
Als das traurige Papierchen geendet hatte, entstand eine tiefe Stille in dem Rinnstein. Sie waren alle gerührt und kämpften mit den Thränen --
»Denn eigenes Unglück und eigener Kummer machen das Herz empfänglich für die Leiden anderer!« sagte das Blatt aus dem Geschichtsbuche für die Jugend gebildeter Stände. Nur das große Blatt mit dem Stiel, eines der vornehmsten aus dem Hause derer vom Baume, murmelte etwas von »plebejischer Gefühlsduselei!« und der Brummkreisel sagte: »Bitte, meine Herrschaften, werden Sie nicht sentimental -- das ist veraltet -- und von Liebe halten wir heutzutage nicht viel, die Wissenschaft hat diesen geheimnisvollen Vorgang in unserem Innern mit grausamer Deutlichkeit aufgeklärt -- brrrr--brumm!« Da aber gab es einen großen Disput, wie in einer politischen Sitzung, und wie sie noch im besten Zanken waren, öffnete sich in dem nächsten Hause eine Thür und ein junges Mädchen trat heraus mit einem Besen in der Hand, denn es war Sonnabend, und die Straße sollte gekehrt werden. Mit kleinen lustigen Schritten trippelte sie daher und die braunen Augen sahen zuversichtlich in die Welt hinein. Sie begann mit kräftigen Bewegungen den Rinnstein auszukehren und summte halblaut dazu:
Wenn ich wüßt', wenn ich wüßt', Wo mein Schatzerl ist -- Ist wohl in die weite Welt -- juhu -- weite Welt -- Ist wohl fortgezogen!
Wenn ich wüßt', wenn ich wüßt', Wo mein Schatzerl ist -- Wär' ich in die weite Welt -- juhu -- weite Welt -- Wär' ihm nachgezogen!
Da er mir nun nichts gesagt, Warte ich wohl über Nacht -- Such' mir dann ein andern Bub -- juhu -- andern Bub' -- Muß mich nit verlassen!« -- --
Und nun purzelte alles durcheinander: die Blätter und der Strohhalm und das Papier und der Kreisel. Das Mädchen kehrte sie zusammen auf einen großen Haufen, und jubelnd kamen die Kinder herbei und zündeten das trockene Laub an -- --
»Burrr!« sagte der Kreisel, »mein revolutionäres Feuer schmilzt mich auf!«
Und knisternd flog die lachsfarbene Schönheit in die Höhe; denn der Wind blies in den Scheiterhaufen, daß die Funken stoben, er trug sie mit sich fort, wie die weißen Blätter der Wasserrosenkönigin, und streute sie aus auf seinem Wege, daß ein Feuerregen niederfiel. Die braunen Augen des Mädchens sahen ihnen nach, und sie sang:
»Ist wohl in die weite Welt -- juhu -- juhu -- weite Welt -- Ist wohl fortgezogen!«
Sonniger Winter.
Sie sagten, es sei Winter. Da ging ich hinaus, ihn zu begrüßen. Denn hier drinnen in der engen Stadt hat er ein gar häßliches Aussehen, rauchig und schmutzig, und er blickt dich an mit den Augen des Hungers. -- Draußen aber lag der lachende Sonnenschein. War das der Winter? Er hat ja kein weißes Kleid an. Die Bäume recken ihre nackten Zweige kraus und zackig in den blauen Himmel hinein, und ihre Rinde schimmert rötlich, oder weiß, oder stahlgrau in der schwimmenden, flockigen Luft. Ah, die Luft! Das weitet die Brust -- wie du mit einem tiefen Atemzug alle den Wald einhauchst, daß er die Stadt, die rauchige, schmutzige, in dir verzehrt! -- Mein Fuß wühlt im langen, zottigen Gras. Wenn du nicht hinsiehst im Park, wo die glatten Wege sind, wo die feinen Karossen fahren, wo die Menschen auf ebenen Pfaden wandeln, dann meinst du im Wald zu sein -- still ringsum, nur hohe Bäume, nur das Lispeln, das seltsame, traurige Lispeln in den nackten Zweigen, die ohne Blätter nicht rauschen und raunen können, wie sie im Sommer, im Herbst es thaten. Nur die Prärie vor dir, durch die sich das geschäftige Bächlein im Sonnenschein dahinschlängelt. Ein zaubrisch Bächlein -- wie es lockt und winkt, eilig über die blanken, feuchten Steine kollert, und immer raunt und murmelt und erzählt -- was es nur immer sagt? Ich klettere den Abhang hinunter, tiefgrün schimmert das Wasser von den bemoosten Steinen herauf. Einzelne ragen draus hervor, sie sehen mich lockend an -- soll ich hinüber klettern auf den Springsteinen, zum andern Ufer des Bächleins, dorthin, wo stille, grüne Tannen stehen, wo es ganz einsam ist? -- Da -- mitten drin -- du böser Nix, was hast du an dem Stein zu rütteln? Das hält ja so ein tappig Menschenkind nicht aus! Natürlich, da patsche ich mit den Füßen im Wasser -- und nun schnell gesprungen, in den Sonnenschein, in das hohe Gras hinein, daß ich wieder trocken werde. Böser Bach mit deinem Nixen. -- Aber was ist das? War es Zauberwasser, das mich berührt hat? -- Der Wald ist lebendig geworden, die Bäume fangen an zu reden, ich verstehe, was die Vöglein zwitschern, die kleinen, grauen, die Waldvagabonden, die einzigen, die geblieben sind. Piep! sagen sie, uns ist's einerlei, ob die Blumen blühen und die Bäume Blätter haben. Dann bauen wir unser Nest in den kahlen Zweigen, und zwitschern von den zukünftigen Blüten, und die Nahrung -- nun, die stehlen wir uns irgendwo -- nur Freiheit, Freiheit wollen wir haben! -- Au! sagt das Gras unter meinen Füßen, warum trittst du mich? -- Ich bin nicht tot. Da, sieh' einmal her -- Und wie ich dann die langen, zerzausten Haare vorsichtig zur Seite schiebe, da lugt frischer, grüner Klee schelmisch hervor. Der grüne, grüne Klee -- Weißt du noch, grüner Klee, wie es war zur Sommerszeit?
Es war zur goldnen Sommerszeit, Die Welt war groß und war so weit -- Und grüner, grüner Klee.
Der blühte still im Waldesthal Wie Tropfen Blutes allzumal Die Blüten stehn im Klee.
Und Falter spielen drüber hin. Und wir? Wir lagern uns tiefdrin, Im grünen, grünen Klee.
Dein Aug' ist wie der Falter blau, Dein Mund rot wie die Blüt' im Tau, Die Blüte rot im Klee.
Dein Haar ist wie das Sonnenlicht, Das gleitet durch die Zweige dicht Wohl über grünen Klee.
Dein lieber Hals, der luget leis, Wie die Maßlieben wunderweiß, Aus grünem, grünem Klee.
Da hab' ich mich geneigt zur Stund' Und hab geküßt den roten Mund Im grünen, grünen Klee.
Und nur ein Vöglein sah's mit an, Das lockte süß aus dunklem Tann Ganz nah beim grünen Klee.
Da war es, wo im Waldesthal Ich fand zum allererstenmal Der Blätter vier am Klee.
Merkt ihr, was das bedeuten soll? Mein Lieb und ich -- wir wissen's wohl -- Ja -- und der grüne Klee. --
Hat mir das Bächlein das Lied gegluckst? Haben's die kleinen Waldtramps gezwitschert? Hat es der Klee gelispelt -- oder hauchten es die Sonnenstrahlen in die Welt hinein? Rings um mich singt es und klingt es. Und plötzlich trottet eine kleine Schar neben mir, putzige Gesellen mit feinen Gliederchen und lustigem Wesen. Sie laufen neben mir wie eine Schar Hündchen, sie klettern die platten Baumstämme hinauf und wiegen sich in dem weiten Geäst hurtig wie die Eichkätzchen, und sie tragen kleine Narrenkappen auf den Krausköpfchen, damit klingeln sie: Gedanken! Gedanken! Wir sind deine Gedanken. --
Aber, ihr flinken Gesellchen -- Gedanken? Ich meinte Gedanken, die hätten schwere Köpfe, und Brillen auf der Nase, und gingen mit gewichtigen Schritten in den Büchern auf und ab spazieren. Was wollt ihr im Wald mit mir?
»Wir wollen hören, was er rauscht, was die Bäume sagen, und der Wind weht. Wir wollen sehen, wo der Winter ist? -- Da, siehst du.« -- Mitten auf der Wiese war das lange Gras fein säuberlich zur Seite gewachsen und hatte einem grünen Moosteppich Platz gemacht, der sich glatt und fein ausbreitete: »Sieh',« flüsterte mir ein Gedanke ins Ohr, »siehst du die Elfen tanzen, und die Gnomen mit den weißen, zottigen Bärten und den spitzen, haarigen Oehrlein? Wie die weißen Leiber der Winterelfen schimmern, wie ihre flockigen Schleier wehen und wie die Lüfte aufspielen zum Tanz. -- Horch! Wie Schneeknirschen klingt's, und wie die Eiszapfen, wenn sie klirrend von den Bäumen brechen. Und siehst du, da mitten im Gewirr den sonnigen Winter stehn? Seine Augen glänzen und er lacht, daß die weißen Zähne aus dem feurigen Barte blitzen.« -- In den starken Armen hält er die Winde; wie sie zappeln und die Backen aufblasen vor Wut, daß sie nicht loskommen können -- da schlägt er den Nordwind und den Westwind mit den Köpfen zusammen, die bösen Gesellen, und stößt sie mitten unter das Elfengesindel, das sie jauchzend mit Tannenkränzen umwindet und fesselt; oben auf des sonnigen Winters Schultern aber steht der Südwind und stößt jubelnd ins Horn, daß es von den Bergen ringsum widerklingt. Und jauchzend fallen die Gedanken um mich herum in das tolle Treiben -- so daß ich mich ordentlich schäme für sie -- was sollen nur die Menschen davon denken? »Ihr solltet auch nicht denken, ihr Menschen,« lachten meine wilden Gesellchen -- »denn wenn ihr denkt, dann denkt ihr immer was Dummes. Es wäre überhaupt viel besser, ihr dächtet gar nicht, und überließet es uns, euch plötzlich mit etwas Gescheitem durch den Kopf zu fahren -- wie ein Blitz.«
»Da sieh' hin, die zwei Bäumchen, die da angewackelt kommen,« sagte ein spöttischer kleiner Gedanke und überschlug sich wie ein Kobold im Gras vor Vergnügen. »Du denkst, es wären Fichten, aber schau sie einmal an: sie kommen in kurzem Lauf, ein wenig vornüber, dahergetrottet, ihre Nadeln stehen zierlich nach beiden Seiten, wie lauter gewichste Schnurrbärtchen, die Kronen sind ihnen ins Gesicht gerutscht, so daß es aussieht, als wenn sie die großen Hüte bis tief auf die Nase sitzen hätten, und da die Zweige just ein bischen über dem Erdboden beginnen, scheint es, als hätten sie sich die schloddrigen Hosen sorgfältig aufgekrempelt. --
»Ei! wie die Herrchen laufen,« höhnt der lustige Gedanke und zupfte an ihren Nadeln, worauf sie sich wütend umdrehen und mit den jungen Birken, die sie als Spazierstöcke mit sich schleppen, nach ihm schlagen -- »sie thun, als wollten sie dem sonnigen Winter eine Referenz machen, und dabei schielen sie doch nur nach den weißhäutigen Elfendirnen.«
Nun kommen sie von allen Seiten gewandert: die breitästigen Eichen, die schlanken Birken im weißen Hemdchen, knorrige Burschen vom Geschlecht der Baumriesen; und eine nackte Trauerweide tänzelt so lustig daher, daß die langen, fast bis auf die Füße hängenden Haarsträhne im Winde flattern. -- Ei, sieh', wen haben wir hier? -- Eine Prozession ehrbarer Herren in dunkelgrünen Röcken, die bis zur Erde reichen; und aus den stachligen Kapuzen schauen lustige Mönchsgesichter, und die Aeuglein blinzeln über die feisten Wangen hinweg nach den schlanken, grünen Nönnchen, die ihre Kiefernkleidchen gar züchtig geschürzt haben und sittsam kokett neben der Tannenprozession einhertrippeln. Voran schreitet ein baumlanger Tannenriese, stark wie Rabelais' Mönch Johann. »Halt da!« kommandiert er, »hübsch paarweise antreten!« und er bombardiert die letzten in der Reihe mit Tannenzapfen, damit sie ihn besser verständen -- »und wem's nicht recht ist, hier im Wald, dem schlage ich die Knochen im Leibe entzwei!«
Da faßt ein Mönch je ein Nönnchen bei der Hand, und, die grünen Röcke ein wenig lüpfend, tänzeln sie im Menuettschritt über die Wiese hin zum lachenden, sonnigen Winter und beginnen artig zu psalmodieren, daß es in den Wald hineinschallt:
»Brave Mönche sind wir Tannen, Brummeln unser Mönchsgebet -- Und wenn es zum Schlucken geht, Laufen nimmer wir von dannen -- Eia, Hallelujah!
»Nönnchen sind wir, Nönnchen heiter, Leben gottgefällig weiter, Putzen unser grünes Kleid -- 's Himmelreich ist auch nicht weit -- Eia, Hallelujah!