Part 9
Ich habe sie gelehrt, daß es ein Vaterland gibt, ein Deutschland, dem unsere Kraft gehören müsse, ich habe ihnen diese Sehnsucht in das Herz gepflanzt. Ich habe sie in die Arme genommen, wenn das Heimweh sie packte und schüttelte, ich habe ihre Wunden verbunden, die welsche Waffen ihnen geschlagen; ich habe ihnen die Augen zugedrückt und sie in welscher Erde betten helfen wie die Mutter ihr Kind, ich, die Deutsche den Deutschen. Das ist die Marketenderin Immecke Rosenhagen vom Regiment Holzendorf. Und nun lebt wohl, unsere Wege scheiden sich.«
Sie war draußen, ehe sich der gute Meister Scheffer von seiner Bestürzung und Beschämung erholt hatte. Die Haustür flog zu, daß die Glocke ängstlich wimmerte. Grimmig lächelnd schritt Immecke dahin, der Badeleber Straße zu. Nun war es zu Ende, und nun hieß es, einen Strich unter die letzte Vergangenheit machen, für sich und für Monika.
Als die Tochter sie ins Zimmer treten sah, wußte sie schon, wie der Besuch verlaufen war. Sie brauchte gar nicht zu fragen, die Mutter begann sogleich zu erzählen. Und sie schloß mit der barschen Aufforderung: »So, nun ist's Schluß. Ich habe das Meinige getan. Nun hat das Herz zu schweigen, und die Vernunft tritt an seine Stelle.«
Monika war so verschüchtert, daß sie vorab keine Silbe zu antworten wagte. Aber in der Nacht brach der Kummer sich Bahn, erst in einem stillen Schluchzen, daß die Schultern erbebten, und dann, als die Mutter sie ansprach, in lautem Weinen, so daß Immecke ihr doch ein gutes, tröstendes Wort sagen mußte. Auch am anderen Tage stand indes ihr Entschluß noch fest, Goslar zu verlassen. Denn: ein rascher, fester Schnitt ist besser als ein langsames Sich-dahin-quälen, dachte sie. Einen Augenblick kam ihr auch wohl der Gedanke, das alte Handwerk wiederaufzunehmen; aber davon ging sie bald wieder ab, wenn sie Monikas sich erinnerte. Da wurde sie in ihrem Vorhaben schwankend gemacht durch Heinrich Achtermann, der bei Scheffers von Immeckes Besuch und ihrem Mißerfolg gehört hatte. Er ging zu den Frauen und machte ihnen einen Vorschlag, der sie in Goslar festhalten sollte.
»Ich habe gehört, daß der >Goldene Adler< an der Gudemannstraße zum Verkauf stehe. Es ist eine gutgehende, achtbare Herberge, die ihren Mann ernährt. Wie ich Euch kenne, wäret Ihr wohl imstande, ihr vorzustehen. Ihr könnt Euch ja einen Schaffner halten. Wie Ihr es mit der Anzahlung halten wollt, weiß ich nicht, aber vielleicht ist da auch manches zu machen durch Bürgschaft, die Euch von meinem Vater nicht fehlen würde.«
»Da seid ohne Sorge,« entgegnete Immecke, »ich bin nicht mittellos. Ich habe einen guten Spargroschen, ehrlich verdientes Geld, das anzunehmen sich kein Goslarer Bürger zu bedenken braucht. Auf jeden Fall danke ich Euch für Euren guten Willen. Ich will mir's überlegen und Euch Nachricht geben.«
* * * * *
Die Einbürgerung ortsfremder Personen, für welche die neue Zeit aus parteipolitischen Gründen heraus alle Schwierigkeiten zu beseitigen bestrebt ist, konnte früher nur schwer erreicht werden, und Immecke Rosenhagen hätte mit ihnen nicht weniger, ja, vielleicht sogar noch mehr zu kämpfen gehabt, als sie sich entschloß, den Vorschlag Johannes Hardts anzunehmen.
Wer das Bürgerrecht einer Stadt wie Goslar erhielt, gewann damit einen Kranz von Rechten auch wirtschaftlicher Natur, die eine Auslese der Zuwandernden als sehr berechtigt erscheinen lassen mußte, abgesehen davon, daß man in jener unruhigen Zeit, die schon in der Masse der eigenen Bürger Keime gärender Ungeduld und Mißstimmung auf vielen Gebieten barg, sich hütete, noch fremde Schößlinge, deren Wesen nicht genug zu erkennen war, in den eigenen Garten zu pflanzen. Der Nachweis dieser »Würdigkeit« ist ein Erfordernis, das sich bis in unsere Tage in der Stadt Goslar erhalten hat und beispielsweise heute noch von neu anzustellenden Beamten verlangt wird.
Diese »Würdigkeit« hatte also auch Immecke Rosenhagen zu erbringen, und sie konnte das in einer Weise, die sich für sie zu einer glänzenden Genugtuung gestalten sollte. Als sie zum Rathaus beordert wurde, mußte sie sich dort zunächst einem Verhör in der Kanzlei unterziehen, das durchaus nicht nach ihrem Geschmack war. Der Schreiber behandelte sie mit einer ausgesprochenen Nichtachtung, und als sie dann selbst auf sich aufmerksam machte, versuchte man sie in ein förmliches Kreuzverhör zu nehmen. Aber da kannten sie Immecke Rosenhagen!
»Euch Schreibersleute scheint die Neugier arg zu plagen, aber befriedigt sie an einem anderen Objekt als bei mir. Ich habe Besseres zu tun, als müßige Leute zu unterhalten. Ich will zum Bürgermeister Karsten Balder, und wenn Ihr den Weg nicht wißt, suche ich ihn mir selber.«
Das war eine im Rathause geradezu unerhörte Art des Auftretens, noch dazu von einem Frauenzimmer. Aber sie hatte durchschlagende Wirkung; man wies sie zum Regierenden. Dort brachte sie unwillig sogleich ihre Ansicht über diese Art von Behandlung vor, so daß auch Karsten Balder sie erstaunt anblickte.
»Ich soll also meine ›Würdigkeit‹ nachweisen,« hub sie dann an, »ich denke, das soll heißen, ob ich nicht gestohlen oder betrogen oder sonst eine Missetat auf dem Gewissen habe. Dieses hier wird Euch hoffentlich darüber beruhigen.«
Damit überreichte sie ihm zwei Schreiben, eines von dem Feldobristen von Walsrode im Regiment Holzendorf und das andere von dem Generallieutenant und Befehlshaber der gesamten deutschen Knechte in burgundischen Diensten, Herrn Friedrich von Uslar.
Beide bestätigten, daß Immecke Rosenhagen, Marketenderin im Regiment Holzendorf, nicht nur ein braves, ehrliches und tapferes Frauenzimmer sei, sondern sich auch besondere Verdienste um das Wohl und Wehe der deutschen Knechte erworben und ihnen allzeit hilfreich zur Seite gestanden habe. Sie verdiene höchste Achtung, und ihr Lebenswandel sei ein untadeliger.
Karsten Balder durchlas die Schreiben, dann trat er auf Immecke zu und reichte ihr die Hand:
»Immecke Rosenhagen, was die Herren hier von Euch schreiben, ehrt Euch mehr, als viele Eures Geschlechtes von sich sagen können. Ihr seid herzlich willkommen in Goslar. Ich wollte, wir hätten mehrere Eurer Art in unseren Mauern. Mit diesem Handschlag begrüße ich Euch als Bürgerin von Goslar. Nehmt es zugleich als einen Ausgleich für die kleine Unbill von vorhin, für die Ihr ja aber selbst gleich Buße auferlegt habt«, schloß er lächelnd.
Freimütig blickte ihm Immecke in die Augen. »Ich danke Euch, Herr Bürgermeister Karsten Balder, und ich hoffe, Ihr werdet Euer Wohlwollen nicht zu bereuen haben.«
So wurde die Marketenderin Immecke Rosenhagen Bürgerin der Freien Reichsstadt Goslar und Besitzerin des ›Goldenen Adlers‹ in der Gudemannstraße. Und es erweist sich noch, daß sie dem Bürgermeister Karsten Balder nicht zuviel versprach.
Über die Berge des Harzes hielt der Winter noch seine eisenharte Faust ausgestreckt, obwohl der Februar zu Ende war. Wohl brausten hin und wieder die Stürme des herannahenden Frühlings durch den düsteren Tann und nahmen den ragenden Waldbäumen die ungeduldig getragene Schneelast ab, aber der nächste Tag verdarb, was sein Vorgänger gutzumachen versuchte, und die gleichmäßige, weiße Kappe deckte wieder Wipfel und Strauch. Im Dickicht lagerte das abgemagerte Wild, dem der Weg zu den kärglichen Äsungsplätzen durch die hartgefrorene Eiskruste versperrt war. Und manch edler Geweihte lag mitsamt den Gefährtinnen im Wundbett, weil der nagende Hunger sie auf die Nahrungssuche getrieben und die Läufe beim Durchschreiten der Schneekruste von dieser aufgerissen waren.
Das Raubzeug fand an ihnen willkommene Beute. Und dennoch war auch bei diesen Schmalhans Küchenmeister. Nicht einmal ein Mäuslein lief dem leise durch den Wald schliefenden Fuchs in den Weg. Das Eichkätzchen saß ihm unerreichbar im warmen Kobel, und der Häslein gab es auch in guten Zeiten nur wenige im wilden, rauhen Gebirge.
Meister Reinekes größerer Bruder, der Wolf, stieg in die Ebene herab und fiel an, was ihm in den Weg kam. Bis in die Landwehr drangen sie vor, und, was seit Menschengedenken nicht vorgekommen, einmal verirrte sich sogar einer von diesen frechen Gesellen durch ein Mauerpförtchen, das über Mittag ein Viertelstündchen offen gestanden hatte, in die Stadt. Dort fielen die Hunde ihn wütend an, und er büßte sein Leben unter ihren Bissen ein trotz wilder Gegenwehr. Er war ein lebendiges Zeichen dafür, wie groß auch die Not unter dem Getier des Waldes sein mußte.
Mit Sorgen sah der Jäger den Folgen dieses unbarmherzigen Winters entgegen. Mit Sorgen blickte aber auch der Hausherr auf den ständig sich mindernden Vorrat an Spaltholz, das der nimmersatte Kamin mit gefräßiger Eile verlangte, wollte man nicht zähneklappernd im eigenen Hause sich der Kälte überliefern. Schlimm für die Armen, die ansonst auch im Winter ihren Bedarf an Leseholz sich im Walde sammeln konnten. Schlimm für alle, welche ihr Beruf aus der Stadt heraustrieb, wie die Erz- und Hüttenleute, welche im Granetal und anderen waldreichen Flußtälern die Erzroste bedienten. Es gab keine Möglichkeit, in den tiefverschneiten Forsten das nötige Holz zu fällen und zur Talsohle zu schaffen. Sie alle froren unfreiwillig schon seit Monaten, und der Hunger bleckte grimmig durch die kleinen Fensterscheiben ihrer Hütten.
Am Rammelsberge wurde der Grubenbetrieb notdürftig aufrechterhalten, denn seitdem das Pulver aufgekommen war, kam man immer mehr von dem uralten Brauch ab, das Erzgestein, welches abgebaut werden sollte, durch Feuer zu rösten und mürbe zu machen für den Angriff mit Spitzhaue und Brechstange. Aber das gewonnene Erz konnte nicht verhüttet werden und lag als lohnzehrendes, totes Material in Halden vor dem Berge.
Nur ein Teil der Menschen, die unter dem harten Joche des Winters litten, gewann ihm Freuden ab und wünschte, daß er noch länger sein Regiment ausübe: die Kleinen. Wenn sie der strengen Zucht des Magisters oder Schulmeisters entschlüpft waren, wenn sie der Aufsicht und den Mahnungen der Mutter auf einen Augenblick entwischen konnten, ertönte ihr Geschrei und Jubel auf der Straße. Wo immer ein Hang sich senkte, wo eine gefrorene Pfütze blinkte, da sausten sie auf den flachkufigen Bretterschlitten, auf umgekehrten Schemeln herab oder glitten auf des Schusters Rappen über die blanke Fläche in endlosem Kreislauf, einer den anderen anfeuernd und überschreiend. Mochte ein strenger und wohlweiser Rat, dessen Verbote sonst immer Beachtung fanden, noch so oft Erlasse gegen das Schlittern und Schlittenfahren in den Straßen geben, die Stadtweibel ihnen nachspüren, die Rangen lachten ihrer aus sicherer Entfernung und verschwanden nur um die Ecke, um an anderer Stelle das gesetzwidrige Spiel wiederaufzunehmen.
In den Häusern der Bürger war man des hartnäckigen Gesellen gleichfalls überdrüssig, nicht nur, weil der Holzvorrat zu Ende ging und die Erwerbsquellen vor den Toren für manche versiegt waren, auch die Jugend sehnte sein Ende herbei. Der Winter brachte zwar für das gesellige Leben in der reichen Stadt manche Gelegenheit, einander zu sehen und zu sprechen, neben dem Verkehr in den Familien, aber nachdem die Hauptfeier, das Festmahl des neugewählten Bürgermeisters, der mit dem andern im Amte verbleibenden für das nächste Jahr regieren sollte, begangen war, hatte der Winter für die Jugend, die flügge gewordene, seine Reize verloren, und sie harrte ungeduldig ~ihres~ Festes, des ›Langen Tanzes‹.
Er ging in seinen Anfängen bis in den Anfang des vierzehnten Jahrhunderts zurück und wurde um die Fastnacht gefeiert.
In gewöhnlichen Jahren war er der Vorbote des Lenzes, auch in Goslar. Heuer freilich sah es trübe aus, da der alte Griesgram Winter immer noch sein hartes Zepter schwang.
So gab er dieses Jahr auch nur ein klägliches Abbild der sonst dabei herrschenden Lust und Freude, denn die Kälte war just an dem Tage, auf den er fiel, grimmig. Die Jünglinge mochten ihr noch standhalten in warmgefütterten Wämsen, die Mägdelein aber scheuten die Teilnahme; denn welches Jungfräulein besitzt so viel Aufopferungsfreudigkeit, ein blaugefrorenes Näslein der Spottlust der männlichen Jugend auszusetzen. Gegen die Kälte konnte man sich auch schützen durch ein wärmendes Kolett, das, um die Schultern gelegt, den zarten Hals und die Brust schützte. Aber sollte man so das Geschmeide verdecken, das bestimmt war, die Schönheit der Trägerin zu heben. Und die duftigen Gewänder, die man sonst unter dem warmen Hauch der Frühlingssonne schon anzulegen wagen durfte, sie schieden für dieses Mal gänzlich aus.
Nur das geringere Volk, das nicht so empfindlich gegen die Unbilden der Witterung war, ließ sich sein Recht nicht nehmen. An der Spitze gingen die jungen Bergleute. Mit Zithern, Geigen und anderen Instrumenten zogen sie musizierend durch die Stadt, aber gar oft setzte einer der Musikanten aus, um die klamm gewordenen Hände zu wärmen. Auch die Lieder klangen dünn durch die harte Winterluft. Natürlich fehlte das alte Spottlied nicht, das auf die von Kaiser Karl +IV.+ vollzogene Verpfändung Goslars an Graf Günther von Schwarzburg Bezug hatte:
»Kaiser Karolus hochgeboren, Der Goslar hät vom Rike einst verloren, Der Rammelsbereg hät einen silbernen Fot, Darummen tragen wir einen frischen Moht. Mit düssen hübschen Jünferlein Maken wir von Tannen ein Krenzelein Wents thaun andern Jahre, Sau tanzen wir mit twei Paare. Wie wilt woll darup denken, Wie wilt öhn dat wieder schenken.«
Da die Töchter und Söhne der vornehmen Bürger sich vom ›Langen Tanz‹ dieses Mal fernhielten, konnte auch der Streitfall zwischen Venne Richerdes und Heinrich Achtermann nicht entschieden werden; aber man hoffte, das Versäumte zum Maienfest nachzuholen.
* * * * *
Auch die Ostgänger aus Flandern waren dieses Mal durch den langen Winter in Goslar festgehalten worden, sobald jedoch der erste Lenzeshauch Wege und Stege von der winterlichen Sperre befreite, zogen sie davon. Während aber in der Ebene schon die Boten des Frühlings Einzug gehalten hatten, zeigten die Berge im Hintergrunde noch Reste des winterlichen Schmuckes. Der Tann ragte düster starr gen Himmel, der Frühlingswind wehte ungehemmt durch das kahle Geäst der Eichen im Gosetal.
Doch mählich regte sich's auch hier im Harzwalde. Überall rieselten die Bächlein des Schmelzwassers geschäftig zu Tal. Wo die Sonne lockte, wagte wohl ein Hälmlein sein duftiges Grün zu zeigen, hob ein Buschwindröschen das zierliche Glöckchen, um es zum Frühlingsgeläut zu stimmen. Die Meise hüpfte geschäftig durch das Gezweige des einsamen Tanns. Das Eichkätzchen verließ sein Winterquartier, fand, daß es recht mager geworden sei durch das lange Fasten. Es rasselte muckernd vom Stamm herab, um zu sehen, ob nicht ein Tannenzapfen übriggeblieben, um den nagenden Hunger zu stillen. Und wieder über ein kleines, da steckten die Tannen und Fichten grüne Spitzen auf und rote Kerzen zu Tausenden: Nun war der Lenz auch hier zur Macht und Herrschaft gekommen.
Maiengrün, Maienduft, welch unnennbarer Zauber umschließt das Wort. In den Tälern zu Rudeln vereint, im düsteren Tannenforst einzeln sich zum Lichte durchbrechend, grüßen die Birken von den Hängen mit ihrem ersten duftenden, hellgrünen Laub. Lenzesboten, sie sind's auch heute noch im winterharten Harz. Erst wenn die grünen Buschen und Bäume die Straßen und Häuser schmückten, ist dem Harzer das Bewußtsein ins Herz gepflanzt, daß der Frühling wirklich eingezogen ist.
In Goslar schickte man sich an, das Fest der Maienkönigin zu begehen. Draußen vor dem Tore, aber im Schutze der Landwehr, erhoben sich lustige Zelte, mit Maien geschmückt und mit Teppichen behängt; von ihrer Spitze flatterten lustig die schwarzgelben Wimpel.
Am Nachmittage zog die Jugend aus, die Mägdelein im duftigen Sommergewande. Die Jünglinge in prächtigen, enganliegenden Seidenwams, das Federbarett kühnlich auf dem Haupte, boten zwar der strahlenden Sonne ein willkommenes Objekt, aber kühn und zuversichtlich schritten sie an der Seite ihrer Dame einher. Lustig ließen die Stadtmusikanten ihre Weisen erklingen. Auf dem Plan vor dem Rufzentore sollte sich's entscheiden, wem heuer die Krone der Anmut und Schönheit zuerkannt werden würde.
Die Alten, die Väter namentlich, zogen sich auf dem Festplatze alsogleich in die Zelte zurück, in das eigene, das des Nachbarn oder in die, welche zur öffentlichen Bewirtung der Gäste harrten. Die Jugend aber bewies, nach Geschlechtern getrennt und im bunten Durcheinander der Jünglinge und Mägdelein, daß der lange Winter die Geschmeidigkeit der Glieder und die Anmut der Bewegung nicht hatte ertöten können.
Die Reigen lösten einander ab, und auch der neue französische Tanz wurde von einem kleinen auserlesenen Kreise vorgeführt. Ein durchreisender Tanzmeister aus Paris war in Goslar angehalten worden und hatte sein Bestes getan, um die Pariser Grazie auch im rauhen Deutschland nicht ins Gegenteil verkehren zu lassen. Durfte man seinem Urteil glauben, so tanzte die Goslarer Jugend dieses zierliche Menuett, das, aus dem schönen Poitou stammend, in Paris eine veredelte Gestalt erhalten hatte, trotz einem Pariser und einer Pariserin.
Heinrich Achtermann war der Partner Vennes. Voller Entzücken hingen seine Augen an ihr, die die verkörperte Lieblichkeit und Grazie schien. Bei den Reprisen fand sich auch wohl Gelegenheit, ihr ein Wort zuzuflüstern. Noch hielt sie ihn in Schranken mit einem unmerklichen, aber unwilligen Schütteln des Kopfes oder leicht gerunzelter Stirn; aber je höher die Wogen der Freude und Lust gingen, desto wärmer wurde auch ihr ums Herz, und ein schneller, froher Blick streifte ihrerseits den Gesellen.
Als der Tanz zu Ende war, brach lauter Jubel los, und die umstehenden Bürger beteiligten sich ebenfalls wacker an dem Beifall.
»Ein hübsches Paar, unsere Kinder,« flüsterte der Ratsherr Achtermann dem Bergherrn Richerdes zu. »Wie geschaffen füreinander. Und zum Sichfinden scheint es bei den beiden auch nicht mehr weit zu sein. Sollen wir abwiegeln oder helfen, Nachbar?«
»Es schlüge den Tatsachen ins Gesicht, wollte ich Euch widersprechen, Ratsherr, und dazu bin ich als Vater nicht bescheiden genug. Gewiß, ein stattliches Paar, und was das andere anbetrifft, so wird unsere Zustimmung den beiden sicher nicht ungelegen kommen. Aber da ist noch manches zu reden.«
»Gewiß,« fiel ihm Achtermann in die Rede, »doch ich hoffe, daß sich's ausgleichen läßt.«
»Nachbar,« sagte darauf Richerdes nicht ohne Ernst, »die Aufnahme meiner Tochter in Eurem Hause ehrt mich. Aber auf eins laßt mich mit allem Nachdruck hinweisen. Ihr seid reich, ich demgegenüber kaum wohlhabend. Ich will nicht, daß meiner einzigen Tochter später aus diesem Mißverhältnis Ärger erwächst. Könnt Ihr mir das versprechen, so mag die Sache ihren Lauf haben.«
»Ihr sprecht wie ein Mann, Richerdes, das ehrt Euch. Aber Ihr schickt Eure Tochter ja nicht mit leeren Händen. Wäre Venne arm, so würde ich aus demselben Grunde der Heirat widerraten; denn ist es schon bedenklich, wenn ein reiches Mädchen einen armen Schlucker freit, so taugt es niemalen und nimmer, wenn die Braut als Jungfer Habenichts einem reichen Mann die Hand reicht. Darüber seid also beruhigt. Könntet Ihr mich nur auch in diesem Augenblick befriedigen betreffs Eurer Gruben.«
»Ich habe mir auch die Sache inzwischen durch den Kopf gehen lassen«, sagte Richerdes, »und finde, daß Ihr vielleicht nicht unrecht habt. Doch da ist noch manches Beding zu erfüllen.«
»Das ist vortrefflich, Nachbar, das freut mich,« antwortete Achtermann, »das Weitere überlaßt nur mir. Sind wir über die Hauptsache im reinen, werden wir über Kleinigkeiten nicht stolpern. Nun aber kommt, hier ist unsere Arbeit getan. Wir wollen dem einen wie dem anderen einen edlen Trunk weihen. Seid mein Gast, Schwäher.«
Sie traten in das Zelt Achtermanns ein, und bald saßen sie hinter dem Becher mit funkelndem Wein und pflegten freundschaftliche Zwiesprache.
Auf dem Platze gingen die Reigen zu Ende. Noch war die Königin des Festes zu küren. Es gab kein langes Beraten unter den Richtern, wem sie den Preis zuerkennen sollten.
»Venne Richerdes ist die Schönste, Venne Richerdes soll Maienkönigin sein!«
Ein Jubel ohnegleichen erhob sich bei diesem Urteilsspruch. Freudig umdrängten sie die Freundinnen. Nur wenige standen mit einer Regung des Neides beiseite. Zu ihnen gehörte auch Alheid Karsten, die Tochter des Bürgermeisters. Nicht neidete sie Venne, daß sie die Schönste sein sollte; auch sie hätte ihr den Preis zuerkannt. Aber alles vereinte sich, um jene begehrenswert zu machen in den Augen der Männer, und dieses Lob heute trug noch mehr dazu bei, den von ihr heimlich Geliebten, Heinrich Achtermann, an sie zu ketten.
In lieblicher Verwirrung hielt Venne dem Ansturm der Jünglinge und Freundinnen stand. Heinrich Achtermann trat als letzter zu ihr heran.
»Nun, Königin, seid Ihr zufrieden? Die Herrscherin seid Ihr im Reiche der Schönheit, die Gebieterin im Bereiche der Grazie und Anmut. Nun werdet Ihr's glauben müssen, und nun begehre ich mein Recht.«
Venne tat überrascht. »Euer Recht? Wofür?«
»Muß ich Euch mahnen an den Abend im neuen Turm am Rosentore? Da wurde es abgemacht und von Euch zugestanden; würde das Menuett von Euch getanzt, gleich einer Pariserin, so sollte ich mir die Buße von Euren Lippen holen.«
»Aber ich bin der Ansicht, daß der Richter irrte und falsch urteilte«, widersprach sie errötend.
»Nicht auf Euch kommt es an, Venne, Euer Urteil ist befangen, Ihr seid Partei; ich halte mich an den öffentlichen Spruch und begehre mein Recht!« Er trat einen Schritt näher, als ob es ihm ankomme, schon jetzt sich die Buße einzulösen. Erschrocken wehrte Venne ab. »Aber Ihr wollt doch nicht hier vor allen Leuten ...«
»Nein, Venne, holde Venne«, flüsterte er ihr mit heißem Blick zu. »Wenn ich Deinen süßen Mund küsse, soll kein neidischer Lauscher zugegen sein. Heute aber, heute abend noch wird's geschehen!«
Erschauernd hörte Venne ihm zu. In seliger Ohnmacht ließ sie seine Worte über sich ergehen. Ja, sie wußte es, heute abend würde sie die Seine werden!
Immer höher gingen die Wogen der Freude. In den Zelten herrschte Bacchus unumschränkt; seine Jünger hatten ihm geopfert, daß die Köpfe zu zerspringen drohten. Auch die Jugend war in einen wilden Rausch des Weines und der Freude gesunken. Die Besonnenen mahnten zum Aufbruch, und als die Schatten des Abends herabsanken, zog der lange Zug in die Stadt zurück in toller, ungebändigter Lust.
Venne ging versonnen und schweigsam neben Heinrich, die Brust geschwellt von süßen Schauern. Es war schon dunkel, als die Trennung von Freund und Freundin auf dem Marktplatz vor sich ging. Nun schritten Venne und Heinrich still nebeneinander dahin. Kein Laut störte die laue, wunderbare Nacht. Als sie aber das Dunkel der Bulkengasse aufnahm, da riß Heinrich die Holde an sich und raubte ihr hundertfältig, was ihm doch nur einmal zustand. Selig seufzend ergab sich Venne dem Liebessturm.
»Venne, meine einzige Königin, meine holde geliebte Venne!«
Da durchbrach auch die Liebe bei ihr die lange gezogene und mühsam gehaltene Schranke.
»Geliebter, mich dürstet nach Deinen Küssen!«
In einem süßen Taumel vergingen die Minuten. Endlich löste sich Venne aus seinen Armen.
»Wir müssen scheiden«, flüsterte sie, aber Heinrich widersprach ungestüm. »Habe ich so lange gedarbt, um Dich nach einem Augenblick schon wieder zu verlieren!« Da warf sie sich ihm in die Arme: »Heinrich, mein Einziger, ich liebe Dich, liebe Dich mehr, als Du ahnst. Aber schwöre mir in dieser seligen Stunde, daß Du mich nie verlassen willst; es bräche mir das Herz!« Ein heißer Kuß war die Antwort. »Du siehst die Sterne da oben am Himmelszelt; eher werden sie aus ihrer ewigen Bahn gerissen, als die Liebe zu Dir aus meiner Brust.«