Part 8
Sittsam brach man auf; die kalte Nachtluft verscheuchte die losen Geister, die im Saale die Vernunft zu unterjochen drohten. Die Jungherren geleiteten ihre Damen, die unter züchtig gesenktem Blick das Verlangen verbargen, das eben noch in ihnen aufgewallt war. Ehrbar klangen die Worte, die Ohren der begleitenden Eltern von der Wohlanständigkeit des Begleiters überzeugend. Ein geflüstertes Wörtchen, ein leise gehauchter und verstohlen gewährter Wunsch entging trotzdem ihrer Aufmerksamkeit.
Heinrich Achtermann schritt an der Seite Vennes. Der Vater war auf eigenen Wunsch daheim geblieben bei der kranken Mutter, trotz des Widerspruches Vennes. Sie sollte nicht um die Freuden der Jugend betrogen werden, da sie schon mehr als ihre Freundinnen Entsagung üben mußte durch die Pflege der geliebten Mutter.
An dem stillen Abend, den der Mann am Lager der Kranken verbrachte, kam manches zur Sprache. Auch der Besuch des Ratsherrn Achtermann wurde erörtert und sein Hinweis auf ein enges Band zwischen den beiden Familien.
»Wir sollten dem Glück unserer Venne kein Hindernis in den Weg legen«, meinte die Gattin. »Im Schoße des angesehenen Achtermanns ist sie nach irdischer Voraussicht wohl aufgehoben, und wir können, wenn wir abberufen werden, beruhigt die Augen schließen.«
Richerdes sah das wohl ein; auch gegen die Person des Bewerbers ließ sich nichts Ernstliches einwenden, wäre nur nicht die Bedingung des Ratsherrn gewesen. Auch hier riet die Frau zur Nachgiebigkeit. »Du hast doch selbst in letzter Zeit nicht selten über die zunehmende Unergiebigkeit der Grube geklagt. Wie nun, wenn zuletzt doch Achtermann recht behielte mit einem gänzlichen Zusammenbruch unserer Erwerbsquelle?«
»Aber Karsten Balder«, warf Richerdes ein.
»Ja, Karsten Balder ist der störende Flecken in dem Bilde«, gab sie zu. »Aber sein Triumph, wenn er's so auffaßt, sollte uns doch nicht blind machen gegen den eigenen Vorteil. Und wer weiß, ob wir ihm nicht doch zuletzt unrecht tun. Ich habe in stillen Nächten wohl darüber nachgesonnen. Wir können ihm keinen greifbaren Beweis seines Übelwollens nachweisen, und der Argwohn ist zuletzt ein schlechter Berater. Soll ich ehrlich sein, so weiß ich mich aus der früheren Zeit keines Zuges zu entsinnen, der auf Arglist oder Hinterhältigkeit hindeutet.«
»Daß er mich gern gemocht hat,« fügte sie mit einem errötenden Lächeln hinzu, das ihr Gesicht seltsam verschönte, »ist doch keine Todsünde, die ihm für immer vorbehalten bleiben müßte. Und über die Enttäuschung wird ihm gewiß seine Stellung wie das Glück in der Familie hinweggeholfen haben.«
»Nun gehst Du auch mit fliegender Fahne in des Feindes Lager über«, klagte Richerdes mit einer scherzhaften Resignation. »Da werde ich mich wohl auf eine ehrenvolle Kapitulation einrichten müssen. Nun wollen wir aber das schwerwiegende Gespräch abbrechen, das dich gewiß erregt. Ich will's beschlafen, Mathilde. Zuvor aber gib mir noch ein Weilchen Urlaub für den Schreibtisch. Die stille Stunde gibt mir erwünschte Muße, über Geschäftliches nachzusinnen. Bis dahin kehrt wohl auch Venne zurück.«
Venne war in der Begleitung einer befreundeten Familie zu dem Fest gegangen. Als man sich von ihr verabschiedet hatte, ging sie mit Heinrich Achtermann allein auf der nachtstillen Straße dahin.
»Könnt Ihr mir nicht sagen, Jungfer Venne, was Ihr gegen mich habt?« unterbrach Heinrich das anfängliche Schweigen. Dieses Mal war die Frage in einem Tone gestellt, dem alle leichte Neckerei fernlag.
Venne hatte den ganzen Abend über auch unter den Wogen immer höher gehender, jugendlicher Lust und Freude ihre herbe Sprödigkeit bewahrt, trotz allen heißen Werbens von seiten Heinrich Achtermanns. Es war ihre Natur, die Gefühle des Herzens in sich zu verschließen. Nur ein flüchtiges Lächeln bei den Scherzen aus seinem oder fremdem Munde huschte auch über ihre Züge. Hätte sie gewußt, wie entzückend dieses Lächeln gerade ihr zu Gesicht stand und wäre sie eitel gewesen wie manche ihrer Gefährtinnen, so hätte sie diesen freundlichen Schimmer sich dauernd zu eigen gemacht.
Venne war nicht kühl im Inneren, wie man ihr nachsagte und Heinrich Achtermann es den ganzen Abend empfunden hatte; sie verbarg nur unter dem Mantel jungfräulicher, spröder Ablehnung das warme Gefühl, um es vor fremden Blicken nicht zu entweihen. Auch in ihr pulste das Blut der Jugend, und sie hätte kein Weib sein müssen, wenn ihr nicht die offen zur Schau gestellte Huldigung des stattlichen, schönen Ratsherrensohnes geschmeichelt hätte. Und noch mehr regte sich in ihrem Herzen für den hübschen Gesellen, als sie sich jetzt noch selbst in ihrem Herzen zugestehen mochte. Sie standen vor ihrer Haustür. Die Frage Heinrichs zwang zu einer Antwort, und so wappnete sie sich mit doppelt kühler Zurückhaltung gegen eine unvorsichtige Äußerung.
»Ihr fragt kühn und begehrt viel zu wissen, Junker Achtermann«, suchte sie ihn zurückzuweisen. »Ließ ich mir irgendeine Unhöflichkeit zuschulden kommen, so wäre mir's leid.«
»Nein, daß muß Euch der Neid lassen, Jungfer Venne, darin laßt Ihr es nicht an Euch fehlen. Aber mir wäre es lieber, Ihr vergäßet Euch ein wenig und legtet einmal für einen Augenblick diese stolze Höflichkeit ab, wenigstens mir gegenüber.«
»Und weshalb soll ich gerade Euch gegenüber mich bezwingen und von meiner Art lassen?« -- Kaum war die Frage dem Munde entflohen, als sie ihre Worte auch gern zurückgenommen hätte, denn sie mußten den Gefragten dazu bringen, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
»Weshalb fragt Ihr? Weil Ihr in meinem Herzen wohnt als die Göttin, der ich diene, die ich anbete. Ahnt Ihr nicht, wie es in mir aussieht, wie mein erster und mein letzter Gedanke Euch gilt?«
Venne unterbrach ihn. Um nicht schwach zu werden, nahm sie zum Spott ihre Zuflucht: »Die wievielte bin ich, der Ihr Eure Neigung gesteht?«
»Venne,« erwiderte er mit nachdrücklichem Ernst, den die Leidenschaft durchzitterte, »höhnt mich nicht noch, wollt Ihr mich nicht zur Verzweiflung treiben. Wahr ist es, ich tändelte hier und da und tauschte zärtliche Worte ohne tieferes Gefühl. Ihr seht, ich mache mich nicht besser, als ich bin. Aber laßt mir auch Gerechtigkeit widerfahren; ich bin zuletzt nicht schlechter als meine Freunde und Altersgenossen. Was ich bisher trieb, war jugendlicher Gefühlsüberschwang, leichte Tändelei. Bei Euch aber ist es anderes. Glaubt es mir, glaube mir, Venne Richerdes, Du hast es in der Hand, mich selig zu machen für immer oder mich zu verderben. Trage die Verantwortung dafür, wenn Du kannst, stelle mich auf die Probe, prüfe, aber weise mich nicht für immer zurück.«
In Venne quoll es heiß empor unter der Glut seiner Worte; ein Gefühl von Glückseligkeit durchschauerte sie. Es zog sie zu ihm. War das die große, große Liebe, von der die Dichter sangen? Weich wurde ihr Blick und senkte sich in seine Augen. Heinrich hatte ihre beiden Hände ergriffen. Leidenschaftlich erregt beugte er sich vor. Venne schloß die Augen, wie ein seliger Schwindel überflog es sie. Da ließ sich ein Geräusch im Hause hören. Sie entzog ihm ihre Hände und bat ihn: »Geht, daß man uns nicht sieht.«
Leise öffnete sie die Tür, mit einem traurigen Blick wandte sich Heinrich Achtermann ab. Da traf ein Flüsterton sein Ohr: »Geht, ich warte, daß Ihr die Probe besteht!« und mit einem leisen Kichern huschte sie ins Haus.
Heinrich Achtermann zog beglückt von dannen. Um die Probe war ihm nicht bang. Übers Jahr, so hoffte er, war Venne sein geliebtes Weib.
Im Schefferschen Hause am St.-Ägidien-Platz herrschte weiter drückende Sorge über dem kleinen Kreise, denn noch vermochte auch der Arzt nicht zu sagen, wie die schwere Verwundung Erdwins verlaufen würde. Die Lunge war durch den Schuß gestreift, und die dicke Winterluft bereitete dem schwer Atmenden große Pein. Langsam nur gewann er unter der liebevollen Pflege von Mutter und Schwester die verlorenen Kräfte wieder. Tiefe Blässe lag auf dem eingefallenen, einst so blühenden Gesicht.
Der alte Arzt war mit dem Erfolge seiner Kur nicht zufrieden und behauptete, es müsse noch etwas anderes, Seelisches sein, das die Heilung verzögere. Aber er erhielt auf seine Andeutung keine Antwort, denn den alten, ehrenfesten Handwerker mutete es, mochte er auch auf die Erfüllung seines Lieblingsplanes betreffs der Heirat mit der Nachbarstochter verzichten, wie ein ihm persönlich angetaner Schimpf an, daß im Herzen seines Sohnes ein hergelaufenes Mädchen, die Tochter einer fahrenden Frau, sich eingenistet habe.
Die Mutter wurde unter einem inneren Zwiespalt hin und her gezerrt. Im Herzen stand sie auf der Seite ihres Mannes; auch sie konnte sich von dem übererbten Vorurteil nicht frei machen, obwohl Monikas bescheidenes Wesen und der Liebreiz ihrer Erscheinung ihren Eindruck auf sie nicht verfehlten. Auf der anderen Seite jammerte sie der Zustand des Sohnes, der sich in Sehnsucht nach Monika verzehrte. Lange verbiß er den Schmerz, aber zuletzt brach er sich doch in herben Worten Bahn.
Von der Schwester hatte er vernommen, daß die Geliebte schon am ersten Tage dagewesen sei. Was die Schwester ihm nicht sagte, die Abweisung durch die Eltern, verriet ihm die Verlegenheit der Mutter, so oft er das Gespräch auf sie brachte, sowie des Vaters verschlossenes Gesicht. Wo Monika mit der Mutter Immecke lebte und wie sie hausten, konnte ihm wieder die Schwester berichten, die sie ohne Vorwissen der Eltern in der Badeleber Straße besucht hatte. Sie brachte die Grüße der Frauen mit und ihre herzlichen Wünsche, aber sie konnte den Anblick der Geliebten nicht ersetzen. Immer tiefer fraß sich die Sehnsucht in sein Herz, und größer wurde der Groll gegen die, welche ihm sein Glück vorenthielten. Zuletzt brach's sich über die Lippen Bahn der Mutter gegenüber.
»Eure Pflege ist zu nichts nutze. Laßt mich lieber schnell sterben, als daß ich mich langsam zu Tode quäle. Ich liebe Monika und lasse nicht von ihr. Glaubt doch nicht, daß Ihr mit Eurem Pfahlbürgerstolz trennen könntet, was in jahrelanger, ehrlicher Freundschaft und Liebe zusammengewachsen ist. Wollt Ihr sie weiter von mir getrennt halten, so laßt mich lieber aus dem Hause schaffen zu mitleidigen Menschen, auch auf die Gefahr hin, daß ich dabei mir den Tod hole. So ertrage ich's nimmer lange.«
Da griff der Mutter die Angst ans Herz, und sie versprach, mit dem Vater zu reden.
Der brave Meister Scheffer war höchst ungehalten über die Zumutung seiner Lebensgefährtin, er solle die hergelaufene Dirne in seinem Hause aufnehmen. Immer wieder wies er darauf hin, daß es Landstreichervolk sei, dem sie die Tür öffnen wolle. Aber sie blieb fest, aus Angst um das Leben des Sohnes, und sie erreichte endlich, daß er, wenn auch ingrimmig und grollend, seine Zustimmung gab. »Aber mich laßt aus dem Spiele«, entschied er unerbittlich. »Ich will mit der Narretei nichts zu tun haben und gehe aus dem Hause, wenn das Mädchen kommt.«
Monika kam. Meister Scheffer sah unbeobachtet durch ein Guckfenster, das auf der hofwärts gelegenen Werkstatt den Überblick über die Vorgänge auf der Hausdiele gestattete. Das Mädchen war nicht übel, sein Auftreten bescheiden, und ohne den Groll im Herzen und die Voreingenommenheit hätte er zuletzt wohl die eigenen Wünsche zurückgestellt; aber der Gedanke, was die in gleich strengen Anschauungen aufgewachsenen Nachbarn und Gildebrüder dazu sagen würden, verscheuchte die weiche Regung, und er verließ durch die Hoftür das Haus.
Das Wiedersehen zwischen Monika und Erdwin gestaltete sich erschütternd, obwohl die Schwester sie auf das Aussehen des Kranken vorbereitet und sie dringend gebeten hatte, jeden Gefühlsausbruch zu meiden. Als sie in das Zimmer trat und das bleiche Gesicht auf dem Lager sah, das sich von den bunten Kissen doppelt gespenstig abhob, sank sie mit einem Wehelaut am Lager des Geliebten nieder.
»Mein Erdwin, mein Einziger«, war alles, was sie unter verhaltenem Schluchzen hervorbringen konnte. Ein glückliches Lächeln huschte über das Gesicht des Kranken, und er reichte ihr die abgezehrte Hand, die sie mit Küssen bedeckte. Auch der Schwester rannen die Zähren über die Wange, und selbst die Mutter wischte sich mit einem Zipfel der Schürze die feucht gewordenen Augen. Sie sprachen nur wenig miteinander, aber die Blicke sagten den anderen, wie tief die Liebe im eigenen Herzen wurzele.
Die Mutter trieb zuletzt zum Aufbruch, aus Sorge, die Aufregung möchte dem Kranken schaden. Monika mußte versprechen, bald wiederzukommen.
»Gern,« sagte sie mit einem rührenden Lächeln, »wenn Deine Eltern es gestatten.«
Die Mutter war schon halb gewonnen und wiederholte auch ihrerseits die Einladung. Als der Vater heimkam, erzählte sie ihm von dem Wiedersehen und riet ihm dringend zur Nachgiebigkeit, aber noch blieb er halsstarrig und verstockt; es mußten noch andere Bundesgenossen kommen, um ihn gefügig zu machen.
Es waren einmal Heinrich Achtermann und Johannes Hardt, die des Fahrtgesellen nicht vergaßen.
Johannes fand Beschäftigung im Schreibzimmer des Oheims, der Pleban an der St.-Jakobskirche und +Notarius publicus+ war. Er hoffte, demnächst in die Kanzlei des Rates einzutreten. Die erfolgreichen Studien wie der wichtige Dienst, den er der Stadt geleistet hatte, waren eine Empfehlung, die ihm den Weg zu dem vom Vater gewünschten Ziele bahnten. Er vergaß über den eigenen Plänen und Hoffnungen den treuen Reisegefährten und Jugendfreund nicht. Wenn sich die Gelegenheit bot, sprach er bei Scheffers vor und verbrachte ein Stündchen am Bette des Verletzten. So war er über den Zwist wohl unterrichtet, und er, der Monika selbst und ihre uneigennützige, selbstlose Liebe werten konnte, half, wo er konnte, den Gegensatz auszugleichen.
Neben der Angst um die Wiederherstellung, dem Gram um die Verirrung, wie Meister Scheffer die Liebe des Sohnes zur Tochter der Immecke Rosenhagen immer noch nannte, war es auch die Sorge um seine Zukunft, wenn er gesundet sei. Daß Erdwin für das Handwerk nicht in Frage kam, stand zu befürchten. Aber was sollte werden? Sollte er wieder hinaus in das wilde Leben, zu dem ihm nunmehr auch die körperlichen Vorbedingungen fehlten?
Johannes suchte die Eltern über diesen Punkt zu beruhigen. Wozu seine Bescheidenheit in eigener Sache nie ausgereicht hätte, das tat er für den Freund gern und freimütig. Er war schon beim Rate vorstellig geworden, man möge für den Verletzten, wenn er wiederhergestellt sei, eine Verwendung im Dienste der Stadt vorsehen.
Heinrich Achtermann hatte schon am Tage nach dem Überfall bei den Scheffers vorgesprochen und mit herzlicher Teilnahme von der Schwere der Verletzung gehört. Sein Mitleid galt nicht nur dem unerschrockenen Helfer in der Not, sondern es rang hier ein Menschenkind mit dem Tode, das ihm als lieber Jugendgespiele und Genosse tausend lustiger Streiche besonders ans Herz gewachsen war. Der gutmütige und weichherzige Heinrich sah keinen Abstand zwischen dem Sohn des Schuhmachers und sich, dem Abkömmling eines alten Patriziergeschlechtes. Er war daher bedacht, dem Kranken alle Hilfe zu verschaffen, die der Reichtum der Eltern gestattete, und immer wieder wanderten Körbe mit stärkenden Mitteln in das Haus am Ägidienplatz. Als sich die ersten Anzeichen der Genesung einstellten, lag er dem Vater in den Ohren, dieser möge darauf bedacht sein, für die Zukunft Erdwin Scheffers zu sorgen.
Es hätte des lebhaften Mahnens gar nicht bedurft, denn auch der Ratsherr war dem Burschen wohlgewogen, der seinem Einzigen so mannhaft zur Seite gestanden hatte. So konnte es nicht fehlen, daß auch der hochmögende Rat diesem Ansturm von verschiedenen Seiten ein geneigtes Ohr lieh.
Der regierende Bürgermeister, Karsten Balder, der überzeugt war, daß man die Rettung des kostbaren Schriftstücks nicht zuletzt dem Mut und der Umsicht Erdwin Scheffers verdanke, sprach selbst im Hause des Meisters vor und teilte dem matt Aufhorchenden die Belobigung und günstige Gesinnung des Rates mit. Aber trotz allem kam man nicht weiter. Wohl hatte sich der Kranke inzwischen so weit erholt, daß er, auf den Stock gestützt, vorsichtig im Hause umherwandeln konnte. Indes das Rot der Gesundheit wollte noch immer nicht in die blassen Wangen zurückkehren, und der alte Lebensmut fehlte nicht minder.
Monika litt noch mehr unter der gedrückten Stimmung. Trotz aller liebevollen Zärtlichkeit der Schwester Erdwins, obwohl auch die Mutter allmählich den Widerstand schwinden ließ und sie freundlich begrüßte, wenn sie, was nur selten geschah, kam, trug sie dennoch schwer an dem Gefühl, daß sie im Hause des Geliebten nur geduldet sei.
Die eigene Mutter litt mit ihr unter diesem schiefen Verhältnis, und sie, die tatkräftige und entschlossene Frau, die durch einen langen und ehrbaren Lebenswandel inmitten des rauhen und lockeren Kriegslebens reichlich gesühnt hatte, was ihr etwa ihr eigenes Gewissen an jugendlichem Leichtsinn vorwerfen konnte, trug doppelt schwer an der Lage, die sie zur Rolle des untätig wartenden Zuschauers verurteilte. Sie sah, daß das Gesichtchen Monikas täglich schmaler und blasser wurde. Sie hörte nachts, wenn sie schlaflos auf ihrem Pfühle lag, die Seufzer des geliebten Kindes. Das hielt sie nicht länger aus.
Immecke Rosenhagen hatte das Fähnlein des erschlagenen Hauptmanns über den Rhein und weiter bis Goslar begleitet. Sie war des unruhvollen Kriegslebens mit seinen Bildern wilden Blutvergießens und roher Sitten müde. Sie wollte ihre Ruhe haben auf ihre alten Tage, vor allem aber sollte ihre Monika eine Heimat haben. Daß dies Goslar sein müsse, kam ihr zunächst nicht in den Sinn. Aber ausruhen wollte sie hier von der Mühsal des Marsches. Wohin sie alsdann ihren Stab setzen würde, war ihr selbst noch verschlossen. In die Heimat, nach Salzwedel, zog sie nichts Besonderes. Die Eltern waren längst tot, nähere Verwandte lebten ihr dort nicht. Und selbst wenn das der Fall gewesen wäre, hätte sie dieses nicht zur Rückkehr dorthin verlocken können. Denn was ihr die Tage in Goslar verleidete, würde sie dort in der Beschränktheit der kleinen Stadt, wo man ihre etwas abenteuerliche Jugendgeschichte kannte, doppelt treffen.
Immecke war entschlossen, Goslar zu verlassen, denn sie wollte nicht länger untätig zuschauen, daß ihr Herzblatt sich abhärmte und dahinschwand. Doch als sie Monika gegenüber eine Andeutung dieser Art fallen ließ, traf sie auf einen so entschlossenen Widerstand, wie sie ihn von der schüchternen Tochter nie erwartet hätte.
»Ich weiche keinen Schritt von hier, ehe Erdwin nicht gänzlich hergestellt ist, und trifft ihn das Schlimmste, so soll sein Grab von meinen Tränen genetzt werden.«
»Nun, dann weiß ich auch, was ich zu tun habe«, antwortete die Mutter ebenso entschlossen. »Ich gehe selbst zu dem verdrehten und in seinem Bürgerstolz überspannten Scheffer und halte ihm seine Sünden vor.« Monika erschrak und bat die Mutter, davon abzusehen, aber alle Einrede war vergeblich.
Die Rosenhagens wohnten bei einer Witwe in der Badeleber Straße; von dort machte sich Immecke an einem der nächsten Tage auf den Weg nach St. Ägidien. Sie wollte zunächst im guten mit dem Scheffer reden, war aber entschlossen, die Sache zu irgendeinem Ende zu bringen, und dann sollte, scheiterte ihr Versuch, sie kein längerer Einspruch Monikas vom Aufbruch von Goslar fernhalten.
Es öffnete ihr die Schwester Erdwins, die sie von einem Besuch in der Badeleber Straße her kannte. Die Mutter wurde gerufen und mit ihr bekannt gemacht. Dann gingen sie zu Erdwin hinein. Es war das erstemal, daß Immecke ihn seit dem Tage von Riechenberg wiedersah. Auch sie erschrak, als sie ihn erblickte, obschon das Schlimmste längst überstanden war.
»Armer Schelm, wie haben sie Dir mitgespielt, aber nun heißt es schnellstens gesund werden, ich will das Meinige dazu beitragen und mit dem Vater sprechen.«
Erdwin stimmte lebhaft zu, die Mutter widerriet ängstlich, doch Immecke war entschlossen: »Ruft ihn also.« Aber die Mutter warnte, Erdwin der Aufregung auszusetzen.
»Gut, so suchen wir den Löwen in seiner Höhle auf«, sagte sie resolut und ließ sich von der Frau den Weg zur Werkstatt zeigen, wo Meister Scheffer wütend auf das Leder losklopfte, als solle es für alle Widerwärtigkeiten büßen, die ihm widerfuhren.
Sie klopfte, und ehe noch der Meister »Herein« gerufen hatte, stand sie schon im Zimmer. »Guten Tag, Meister Scheffer.« Er tat sehr erstaunt, aber sie hatte mit ihrem scharfen Auge wohl das Gesicht gesehen, das sich vorhin bei ihrem Kommen an das Guckfenster preßte, und da die Frau einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte, durfte sie annehmen, daß er den Besuch kenne.
»Wir kennen uns durch unsere Kinder,« ging sie auf die Sache los, »und ihretwegen komme ich.«
Meister Scheffer fühlte sich höchst unbehaglich unter dem scharfen, prüfenden Blick der Frau, die da so mir nichts, dir nichts bei ihm eindrang. Er hüstelte verlegen und suchte an ihr vorbeizublicken, als suche er nach einem Bundesgenossen. Aber Immecke Rosenhagen kannte ihre Leute und ließ ihn nicht aus den Augen.
»Meister Scheffer, ich bin zu Euch gekommen, um von Euch zu hören, was Ihr gegen mich und mein Kind habt. Daß ich sie Euch nicht aufdrängen will, brauche ich nicht zu sagen. Indes, ich will nicht länger zusehen, wie zwei Menschenkinder, die mir beide lieb sind, an Eurem Starrsinn zugrunde gehen. So oder so will ich Klarheit schaffen.«
»Ihr kommt einem arg grob«, meinte er ausweichend. »Was ich für Gründe habe? Nun, es wären ihrer mehrere. Wir kennen uns zu wenig, und Ihr seid nicht von hier.«
»Ist das alles, so ist das kein Grund, Eure Zustimmung zu versagen. Oder ist es bei Euch verboten, durch frisches Blut von draußen Eure Stockfischigkeit zu bessern? Mir scheint das sogar sehr vonnöten, wie Ihr selbst beweist«, fuhr sie in ihrer derben Offenheit fort.
»Nun ja, das mag sein, aber es wäre da noch so manches ...«
»Und unter dem ›Manchen‹ ist eines für Euch die Hauptsache, gesteht es nur ruhig zu. Wer nicht seßhaft, gilt in Euren Augen als fahrendes Volk, und ich im besonderen bin Euch wohl gar verdächtig wegen der Herkunft meines Kindes. Seid unbesorgt, sie ist im Ehebett geboren so gut wie Eure eigenen. Und hegt Ihr Zweifel, so lest hier den Trauschein des ehrenwerten Feldkaplans Carolus Wintinger.«
»Ja, ich sehe schon, da ist alles in Ordnung«, ächzte Meister Scheffer. »Aber da wäre doch noch, ich meine, es gilt doch auch die eigene Reputation; da sind zum Exempel die Nachbarn, was sollten sie, was werden sie ...« Schneidend lachend fiel ihm Immecke ins Wort, indes die Stirn sich vor Zorn rötete.
»Da wäre doch noch, da ist zum Exempel,« höhnte sie, »da ist das Marketenderweib, das sich erdreistet, vor Euch zu treten und den vermessenen Gedanken zu haben, als wäre sie, als könnte sie ... Pfui Teufel der Wohlanständigkeit, die ihr Genüge darin findet, braven Leuten die Ehre zu kürzen. Aber nun beruhigt Euch, jetzt will ich nicht. Macht's mit Euch und Eurem Gott ab, wenn Euer Sohn darüber zugrunde geht. Doch über eines will ich Euch noch beruhigen. Ihr hättet Eurer Ehre nichts vergeben mit meiner Monika. Mir haben mehr vornehme Herren die Hand gedrückt und dankbar geküßt, als Euch vielleicht zu Gesicht gekommen sind.
Was wißt Ihr hier in Eurem satten Behagen von dem Leben und Nöten draußen, den Nöten Eurer eigenen Kinder, die hinauslaufen, weil Ihr ihnen die Enge hier zu unerträglich macht.
Euer eigener Sohn rannte so davon vor Euch, Meister Pechdraht, weil Ihr bange waret, sein Horizont möchte den eigenen überschreiten, könnte über die Sicht Eurer Türme hinausreichen. So lief er davon wie so mancher gute, deutsche, ehrliche Knabe, der in die Fremde ging, um auf welschem Schlachtfelde für welsche Fürsten sein Herzblut zu verspritzen.