Venne Richerdes

Part 7

Chapter 73,620 wordsPublic domain

Am Nachmittage besuchte Heinrich den armen Erdwin Scheffer, der inzwischen von seiner tiefen Bewußtlosigkeit erwacht war, die, wie anfangs zu befürchten schien, unmittelbar in den Tod überzuführen drohte. Die Sonde des Arztes hatte das Geschoß gefunden und es mit aller Sorgfalt entfernt. Unter den schmerzhaften Verrichtungen des Arztes war er abermals in Ohnmacht gesunken; jetzt schlief er. Der Doktor hatte zwar die Verwundung für sehr schwer erklärt, aber doch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Nun mußte es sich zeigen, ob der junge, kräftige Körper dem Kranken zur Genesung verhelfen würde. Auch nach Monika erkundigte er sich: der Vater war unwirsch über die Dirne, die dem Sohne bis ins Haus nachlaufe. Sie sei schon am frühen Morgen dagewesen und habe angstvoll nach dem Kranken gefragt. Auch die Mutter, die in dem fremden Mädchen wenig mehr als eine fremde Landstreicherin sah, war ihr ablehnend begegnet. Nur Maria, die Schwester, hatte sich ihrer im Flur angenommen. Sie redete dem jungen Mädchen, das sich in seiner Angst und Sorge keine Hilfe wußte, herzlich zu.

»Ich werde Euch auf dem laufenden halten über die Entwicklung der Krankheit«, sagte sie, indem sie Monika an sich zog. »Will's Gott, so wird doch noch alles gut.«

Bald darauf fand sich auch Gelegenheit, die gute Immecke aufzusuchen. Sie hatte bei der Witwe eines ehrbaren Handwerksmeisters Wohnung gefunden. Noch war sie sich nicht schlüssig, wohin sie ihre Schritte lenken werde. Erst wollte sie abwarten, wie sich der Zustand Scheffers gestaltete, denn Monika erklärte, daß sie nicht von Goslar weichen werde, bis sie darüber im klaren sei. Die Wanderfahrt im Kriege hatte der braven Marketenderin manchen Gulden eingebracht, und wenn sie den Inhalt des Beutels wog, den sie wohlverwahrt hielt, war ihr um ihre und der Tochter Zukunft nicht bange.

* * * * *

Die Herren aus Flandern und Frankreich prüften die goslarsche Ware und fanden wenig auszusetzen. Die Stapel der erworbenen Metallbarren wurden immer größer, die Geldkatze immer magerer. Hier und da erfuhr sie eine vorübergehende Auffüllung durch günstigen Absatz der mitgebrachten flandrischen Waren: Teppiche, Gewebe, feine Tuchstoffe, die in den benachbarten Städten wie in Goslar selbst willige Käufer fanden. Neben dem Erwerb des kostbaren Metalls war indessen die Aufmerksamkeit der fremden Kaufleute noch auf ein anderes gerichtet.

Als der Rat von Goslar zur Wiederbelebung des namentlich durch Wassereinbrüche verunglückten Bergwerkes einen Zusammenschluß der Berechtigungen in einer Form erstrebte und ins Werk setzte, die man heute als Gewerkschaft bezeichnen würde, behielt er von vornherein das Ziel im Auge, die Anteile später durch stillen Ankauf in seine Hand zu bringen. Er wußte es daher mit Geschick zu erreichen, daß die Mehrzahl der Anteile, soweit er sie nicht selbst besaß, in den Händen von Bürgern blieb, von denen er sie später erwerben zu können hoffte. Daß er dabei bei mehr als einem auf hartnäckigen Widerstand traf, bewies der Montane Richerdes. Karsten Balder, derzeitiger regierender Bürgermeister, war durchaus nicht von der Voreingenommenheit gegen Richerdes beseelt, die dieser ihm unterschob. Zwar hatte er als Jüngling der schönen Mathilde von Hagen, des Ratsherrn und Silvanen von Hagen Tochter, gehuldigt, und sie als sein Eheweib heimzuführen, war sein sehnlicher Wunsch gewesen. Aber er fand sich längst damit ab, daß Richerdes ihm den Rang abgelaufen. Er lebte selbst in glücklicher, mit Kindern gesegneter Ehe, und sein gerader, ehrliebender Charakter hätte es nie zugelassen, seine Machtstellung in den Dienst der Willkür zu stellen, um für vermeintlich oder wirklich erlittene Unbill Vergeltung zu üben. Was er mit Richerdes wie mit anderen Berechtigten verhandelte, was er von ihnen forderte, lag im wohlverstandenen Interesse der Stadt. Er handelte schließlich nur als der Verwalter des von Werenberg hinterlassenen Erbes, wenn er dessen Pläne zur Ausführung zu bringen versuchte. Bei dem Argwohn, den ihm Richerdes von vornherein entgegenzubringen sich bemühte und den er auch seinen Angehörigen einzureden verstand, war es nicht zu verwundern, daß dieser in allem, was von Balder ausging oder vom Rathause kam, eine Falle witterte und daß der Verkehr mit dem Rate für ihn eine Quelle ständigen Ärgers war.

Damals, als der Bergbau im argen lag und der Rat mit großen Kosten fremde Techniker heranzog, wie Meister Nikolaus von Ryden, um des Wassers Herr zu werden, war auch der Ertrag des Bergbaus sehr gering, und statt eines Gewinnes hatten die Gewerke dauernd Zubußen zu zahlen. Das goslarsche Kupfer, das sich den Weltmarkt zu erobern im Begriff gewesen war, verschwand mehr und mehr, und sein Name erklang weniger in den Kreisen derer, die darauf angewiesen waren. Jetzt aber bildete es eine der Lebensnotwendigkeiten für den gewerbfleißigen Westen. Die Zahl der Käufer wuchs von Jahr zu Jahr. Was Wunder, wenn den Flamen und Holländern der Wunsch kam, die Quellen selbst mit ausschöpfen zu können, Mitbesitzer des Bergwerks durch die Erwerbung von Anteilen zu werden. Beim Rate hatte sie, wie sie bald merkten, auf Erfolg nicht zu rechnen, da er in zielbewußter Verfolgung seiner Politik im Gegenteil darauf aus war, alle Anteile in seiner Hand zu vereinigen. Aber auch bei den Bürgern stießen sie auf Widerstand. Vergeblich bewiesen sie dem Besitzer des Anteils, daß die aus dem Kapital sich ergebende Rente besser sei als das in seiner Ergiebigkeit unsichere Recht. Je eifriger sie zuredeten, desto größer wurde der Widerstand.

Auch der Gast- und Geschäftsfreund des Bergherrn Richerdes, Herr Emile Delahaut aus Dinant, suchte diesen zum Verkauf seiner Anteile oder eines Teiles derselben zu bewegen, doch auch er wandte vergeblich seine ganze Beredsamkeit auf. Richerdes wie die anderen Goslarer, deren Ansprüche die Freunde erwerben wollten, wurden durch das eifrige Werben nur um so mehr in ihrer Meinung von dem Werte ihrer Rechte bestärkt. So gelang es den Ostgängern, die alljährlich nach Goslar kamen, kaum, einen oder den anderen Anteil zu erwerben. Freilich waren Richerdes wohl einmal leichte Zweifel an dem dauernden Werte seines Anrechtes aufgestiegen, und letzthin hatten sie sich noch verstärkt. Wie er Ludecke Bandelow auf dem Heimwege vom Granetal her klagte, befriedigte der Erfolg seiner Grube seit längerer Zeit nur wenig; und einmal war er wirklich einen Augenblick schwankend geworden, vor nicht langer Zeit nämlich, als der Ratsherr Achtermann, ein Mann von großem Reichtum und Ansehen, bei ihm vorsprach, um mit ihm noch einmal über den Verkauf an die Stadt zu reden. Zunächst lehnte Richerdes, wie früher schon, schroff ab, aber Achtermann, vor dessen Geschäftstüchtigkeit auch jener große Achtung hatte, ließ sich nicht beirren.

»Ich will Eure verstockte Voreingenommenheit gegen Karsten Balder, die ich wohl kenne, einmal außer acht lassen; versucht Ihr dasselbe. Ihr könnt ja zuletzt doch tun und lassen, was Ihr wollt. Daß uns viel an dem Besitz liegt, wißt Ihr; weshalb, ist Euch ebenfalls bekannt, wie endlich auch, daß wir ihn nicht geschenkt haben wollen. Wir wissen beide, daß es mit dem Gewinn aus Euren Gruben nicht zum besten aussieht, im Augenblick wenigstens nicht«, warf er auf eine ablehnende Bewegung von Richerdes ein. »Sie kann wieder ergiebiger werden, die Erzader kann sich aber auch ganz erschöpfen oder als taub ausweisen. Was dann? Dann seid Ihr ein armer Mann.

Damit Ihr seht, daß ich es wirklich ehrlich meine, will ich ganz offen gegen Euch sein. Ihr habt eine hübsche Tochter, die Euch ans Herz gewachsen, ich einen Sohn, dem sie, wie ich glaube, nicht gleichgültig ist. Ich könnte mir vorstellen, daß hier etwas im Werden ist, das wir durch entschlossenes Eingreifen stören, durch stilles Gewährenlassen aber der Reife entgegenblühen sehen können. Ich will und werde mich nicht in Liebesgeschichten meines Sohnes einmischen; handelt Ihr ebenso, dann haben wir uns später nichts vorzuwerfen. Eure Venne ist mir lieb und wert und ich würde mich, ungeachtet der Unterschiede in unseren Verhältnissen, nicht bedenken, sie als Schwieger willkommen zu heißen. Ich werde aber nie einwilligen, daß mein Sohn die Tochter eines Bettlers heimführte. Entschuldigt das harte Wort, indes es muß gesprochen werden, denn Offenheit, zumal bei diesem heiklen Punkte, liebe ich vor allem.«

Damit weckte aber Achtermann alles, was an Trotz und Widerspruchsgeist in Richerdes schlummerte. »Ich dränge meine Tochter niemand auf, jetzt nicht und niemals. Wenn Ihr also keine weiteren Gründe für Euer Anliegen vorzubringen habt, so hättet Ihr Euch die Mühe ersparen können.«

»Nichts für ungut«, erwiderte Achtermann, ungerührt durch die Heftigkeit seines Gegenübers. »Ich sehe gern klare Verhältnisse vor mir.« Dann lenkte er, sich zum Aufbruch anschickend, mit einer teilnehmenden Frage nach dem Befinden der kranken Hausfrau auf ein anderes Gebiet über.

»Ich hörte kürzlich in Braunschweig von einem neuen Mittel, das bei Leiden der Art Wunder wirken soll. Ich habe es im Augenblick vergessen, will mich aber, kann ich Euch damit einen Gefallen erweisen, gern danach umtun. Im übrigen halte ich mich Eurer armen Frau Eheliebsten bestens empfohlen, bitte, ihr auch von meiner Frau die besten Grüße mit dem aufrichtigen Wunsch baldiger Genesung ausrichten zu wollen. Sie hofft, bei guter Gelegenheit nächstens sich selbst nach ihr umsehen zu können. Und nun,« damit schied der Einflußreiche und versetzte ihm einen leichten Schlag auf die Schulter, »alter Murrkopf, einen schönen Gruß auch dem Töchterlein!« Lächelnd schied er, und lächelnd gab ihm Richerdes das Geleite. Dann kehrte er in die Stube zurück.

Die Worte Heinrich Achtermanns gingen ihm durch den Kopf, und die Sorge wurde damit nicht geringer. Wenn die Befürchtungen des Ratsherren eintrafen, stand es allerdings schlecht mit ihm und den Seinen, und er selbst war dann, wenn kein Bettler, doch ein armer Mann, dessen Tochter zu freien, mancher sich scheuen würde. Was Achtermann von den Beziehungen zwischen den Kindern sagte, war ihm neu. Er beschloß, mit der treuen Lebensgefährtin auch dieses zu besprechen. Sie, die ihm so manches Mal schon guten Rat gewußt hatte, würde gewiß auch dieses Mal das Rechte treffen. Das Glück ihrer Venne stand beiden am höchsten, und diesem Glück sollte auch sein Eigensinn und sein Widerwillen gegen Karsten Balder nicht entgegenstehen; das nahm er sich vor.

Der Tribut des Alters an die Zeit ist Verblassen und Verblühen, ist Schwinden von Schönheit und Kraft. Was im Werden und Vergehen des Menschen gilt, hat auch im Leben der Städte nur allzuoft eine traurige Bestätigung gefunden. Von der Herrlichkeit einer alten großen Zeit zeugen heute nur noch kärgliche Reste, hier und da ein brüchiger Turm oder die ins Leere starrenden Zinken einer Turmruine, ein Stückchen Stadtmauer, eine hochragende Kirche, welche die Armseligkeit der sie umlagernden Häuserzeilen nur um so greller hervortreten läßt. Das ist das Schicksal so mancher Stadt geworden, die einst wohlgegürtet hinter Wall und Mauer ihre Rechte verteidigte und mit Herzögen und Königen auf der Stufe des Gleichberechtigten verhandelte. Das schien auch Goslars Los zu sein. Von der Höhe seiner mittelalterlichen Macht war es durch schlimme Kriegsläufe und, damit zusammenhängend, durch das Versiegen seiner Geldquellen, des Bergwerkes und der endlosen Forsten, Stufe um Stufe herabgeglitten. Was um die Wende des neunzehnten Jahrhunderts übrigblieb, wies alle Anzeichen eines schnellen unaufhaltsamen Verfalles auf. Die Zahl der Einwohner war erschreckend gesunken, in den weiten Mauern wohnte ein armseliges, müdes Geschlecht, das in seinem Elend mit dem Erbe einer großen Vergangenheit nichts Besseres anzufangen wußte, als daß es sich aus dem alten Gewande neue Stücke schnitt, um seine Blöße zu verbergen. Es ist die böse Zeit, wo die Brüderkirche niedergelegt, wo der ehrwürdige Dom auf Abbruch verkauft wurde. Die Domkapelle, die allein von dem alten Münster noch Zeugnis ablegt, läßt uns ahnen, was in jenen Jahren unwiederbringlich verlorenging. Gar manches Kapitäl oder Gesims, an verlorener Stelle in eine Gartenmauer eingefügt oder einem Speicher als Eintrittsschwelle dienend, erinnert an diese schlimme Zeit, wo das sterbende Goslar sich seines Schmuckes zu entkleiden begann, um als Bettler ins Grab zu steigen.

In dieser Zeit des Verfalles, und noch später, ist vieles dem Unverstande wie der Not zum Opfer gefallen, auch von den ehemals geschlossenen Festungsanlagen; aber vieles blieb doch auch erhalten und legt noch heute Zeugnis ab von dem wehrhaften Sinn der Altvordern, so die gewaltigen Tortürme, deren am Breiten Tore, die Stirn dem Braunschweiger zugewandt, gleich ein ganzes Rudel auftritt. Sie ragen noch heute ebenso trutzig wie zur Zeit ihrer Errichtung in die Lüfte.

Die stattlichsten unter ihnen, der große Turm am Breiten Tor, der Dicke Zwinger in der Nähe der Kaiserpfalz, dessen 24 Fuß starke Mauern noch heute das Staunen der Besucher erregen, der Papenzwinger, sie verdanken ihren Ursprung der Zeit, da unsere Geschichte spielt. Die Goslarer wollten ihre Stadt zu einer uneinnehmbaren Festung ausbauen. Sie hatten Anlaß dazu; denn die Zahl ihrer Feinde und Neider wurde größer in dem Maße, wie der Wohlstand und die Macht der Stadt wuchs. Ernesti hatte Johannes Hardt die Lage richtig geschildert, aber auch der Rat war sich der Gefahr wohl bewußt und suchte ihr durch geeignete Maßnahmen zu begegnen.

Schon im Anfang des neuen Jahrhunderts war der Grundstein gelegt zu einem weiteren, mächtigen Bollwerk. Um die Herstellung der Anlagen, besonders der Zwinger, hatten sich jeweils einige Bürger verdient gemacht; so war der Papenzwinger der Aufsicht des Worthalters der Gemeinen, wie die Versammlung der Vertreter der Bürgerschaft hieß, Kips anvertraut gewesen. Das neue Bauwerk, das am neuerbauten Rufzen- oder Rosentor sich zu dessen Verstärkung erheben sollte, unterstand dem Schutze des Ratsherrn Achtermann. Er war nicht nur um die Weiterführung besorgt, sondern steuerte auch zu den Kosten einen erheblichen Teil bei. Es entsprach daher nur einem Akt der Dankbarkeit, wenn man das gewaltige Bauwerk ihm zu Ehren als ›Achtermann‹-Zwinger benannte. Es ist der dicke, ungefüge Geselle, der dem Rosentor vorgelagert ist und heute noch die Besucher Goslars beim Eintritt in die Stadt als erster Zeuge seiner ehemaligen Wehrhaftigkeit begrüßt.

Mehrere Jahre hatte der Bau gedauert, einige Male mußte er unterbrochen werden. Jetzt stand er da, riesig und gewaltig, und das Ereignis der Beendigung sollte durch ein Fest besonders gefeiert werden. Die untere Halle, ein gewaltiger Rundraum, war mit Tannengrün festlich geschmückt. Kerzenglanz erhellte den düsteren Raum und ließ einen Abglanz auf den freudig erregten Gesichtern der Festteilnehmer.

Ein üppiges Festmahl, ohne das in jener genußfreudigen Zeit ein Fest schwer denkbar war, leitete die Feier ein. Der Wein floß in Strömen, und die fremden Gäste, die flandrischen Kaufleute, die vertreten waren, konnten sich von der Freigebigkeit ihrer Wirte überzeugen. Auch das Volk draußen, welches den Turm umlagerte, erhielt seinen Anteil, und nach der Stärke des Jubels und freudigen Lärms zu urteilen, mußte es gleichfalls befriedigt sein. Der Rat saß zu oberst an besonderer Tafel. Die Reden, welche gewechselt wurden, galten der Wichtigkeit des neuen Bauwerks und dem Mann, dessen Tatkraft es in erster Linie zu verdanken war.

Achtermann, der im Mittelpunkte der Feier stand, ließ die vielen Lobeserhebungen mit einem gewissen freudigen Gleichmut über sich ergehen; er wußte, was er geschaffen und weshalb er es geschaffen. Das neue Bollwerk bildete einen Markstein in der Befestigungskunst seiner Stadt, der Stadt, die er liebte, weil sie seine Heimat war und ihn zu Ehren und Ansehen gebracht hatte. Mit ihrer Wehrhaftigkeit, des war er sich in all dem Trubel sehr wohl bewußt, erhöhte er aber nicht nur ihre Sicherheit, sondern auch den Schutz des eigenen Besitzes, des Erbes der Väter, das er gut verwaltet und vermehrt hatte, so daß er es seinerzeit mit Stolz den Kindern überlassen konnte.

Je länger die Feier dauerte, desto größer wurde die Ungeduld der Jugend, die den langatmigen und gewichtigen Reden der Alten nur wenig Geschmack abzugewinnen wußte. Hier und da hatten sie sich zu Gruppen zusammengefunden, liebreizende, weißgekleidete Jungfrauen und hübsche Jünglinge, denen das grüne oder schwarze Samtjäckchen mit den Längspuffen und den lang herabwallenden Ärmelschlitzen trefflich zu Gesicht stand, wie der Degen, auf dessen goldenen Knauf sie die Linke stützten. Alte Bekannte hatten sich gefunden, Johannes Hardt, der mit der Tochter des Bürgermeisters lebhaft plauderte und von Heinrichs Schwester Maria geneckt wurde, Venne Richerdes, die wie eine Lichtgestalt aus dem Schatten der Seitenwand mit Heinrich Achtermann heraustrat, gleichfalls in ein angelegentliches Gespräch versunken. Langsam schreitend kamen sie durch die Halle auf die anderen zu. In Marias Augen blitzte es schalkhaft auf, während die Tochter Karsten Balders verstimmt zur Seite blickte. Ihr Herz schlug dem schlanken Jünglinge entgegen, der an Vennes Seite in anmutiger, jugendlicher Kraft daherschritt. Bitter stieg es in ihr auf, als sie die beredten Blicke sah, mit denen Heinrich Achtermann auf die blühende Gestalt an seiner Seite blickte: Warum blieb ihr versagt, was jener mühelos, wie es schien, zufiel? -- Oder spielte sie nur die Spröde, um ihn um so sicherer an sich zu ketten?

»Nun, Ihr Unzertrennlichen,« redete Maria sie mit liebenswürdigem Spott an, »wollt Ihr uns auch einmal die Ehre schenken?«

Auf Vennes Stirn zeigte sich eine Falte des Unmutes. »Maria«, sagte sie nur vorwurfsvoll.

»Nun ja, nur nicht gleich so empfindlich, Närrin«, fiel Maria ein. »Ist's denn eine Beleidigung von mir oder eine Sünde von Euch, wenn ich Euch nachsage, daß Ihr die letzten Male, da wir uns trafen, oft zusammenhocktet?«

»Von mir ging das ›Zusammenhocken‹ sicher nicht aus«, erwiderte Venne empfindlich.

»Die Jungfer Venne hat recht«, mischte sich da Heinrich Achtermann ein. »Ihr kann niemand nachsagen, daß sie sich aufdrängt. Ich will also reumütig alle Schuld auf mich nehmen; auch für heut bekenne ich mich schuldig. Übrigens ist es kein Geheimnis, was wir verhandelten. Ich möchte sogar Eure Hilfe in Anspruch nehmen, um ein unparteiliches Urteil herbeizuführen.«

»Wir geloben feierlich, unbestechlich zu sein, selbst wenn es auf unsere, der Frauen, Kosten geht«, erklärte Maria übermütig, ehe noch die anderen ein Wort sagen konnten.

»Das ist gut,« entgegnete Heinrich Achtermann, »denn um sie handelte es sich tatsächlich. Wir waren nämlich dabei, die hochwichtige Frage zu lösen, ob wohl die hiesigen Jungfrauen den neuen französischen Reigen, von dem Herr Dehard so begeistert sprach, nicht ebenso zierlich aufführen möchten wie die Pariserinnen. Jungfer Venne bestreitet es; ich plädiere dafür, daß sie es können.«

»Natürlich können wir es«, rief Maria und andere junge Mädchen, die noch zu dem Kreise getreten waren. »Gebt uns nur einen richtigen Tanzmeister, dann werden wir es jenen schon gleichtun. Von Venne aber ist's eine Ketzerei, uns so herabzusetzen.«

»Ich bekenne mich schuldig,« rief sie lachend, »aber ich dachte dabei nur an meine Ungeschicklichkeit.«

»Ungeschicklichkeit, hört ihr's?« drohte Maria mit verstelltem Zorn, »ungeschickt sie, die uns immer voranschreitet im Reigen. Aber sie bekennet sich schuldig, und auf Schuld gehört Sühne. Wer nennt die Buße?«

»Einen Kuß«, rief der Chor. »Wem?« fragte eine andere. »Uns allen«, hieß es von anderer Seite. »Nein, mir«, begehrte Achtermann kühn. »Also ihm,« entschied Maria, »denn er hat die Beleidigung gehört.«

»Laß die Scherze«, sagte Venne unmutig. Aber Maria, welche die beiden zusammenbringen wollte, bestand darauf, auch daß die Buße heute abend noch gezahlt werden müsse. Da legte sich Heinrich selbst ins Mittel. »Ich schlage vor, daß wir den Ausgang abwarten. Zum Langen Tanz wird es sich zeigen können. Dann aber bestehe ich auf meinen Schein.«

»Ich für meinen Teil erlasse Euch die Strafe schon jetzt«, entgegnete Venne spöttisch.

Die Tafel war aufgehoben; die Jugend forderte nun ihr Recht. Die Paare traten zum Reigen an. Zunächst erschienen auch die Alten mit auf dem Plan. Wie die Ehre des Abends es gebot, führte den Reigen der regierende Bürgermeister, Karsten Balder. Ihm zur Seite schritt, der Auszeichnung sich wohl bewußt, die Frau des besonders zu Ehrenden, des Ratsherrn Achtermann.

Das stattliche Paar fesselte nach Gestalt wie Gewandung die Aufmerksamkeit aller. Der strengen Kleiderordnung entsprechend, deren Übertretung durch eine Puffe oder eine Verbrämung man streng ahndete, durften nur diese vornehmsten der Frauen an sich zeigen, was die Kleiderkünstler an Glanz und Pracht für die Umrahmung weiblicher Schönheit oder Schwäche ersonnen. Gar stolz schritt die Patrizierin einher, zierlich geführt von dem hochmögenden Partner. Die Linke hielt den Überwurf, der auf der Unterseite blau abgefüttert war, zugleich mit dem gleichfarbigen bauschigen Kleide gerafft empor, um ein Schreiten zu gestatten. Goldene Sterne über das Ganze gesät, hoben sich leuchtend von dem Untergrunde ab.

Die Büste war durch ein goldenes Band wirkungsvoll abgegrenzt. Um den weit ausladenden Halsausschnitt legte sich edles Geschmeide. Gleich kostbare Ketten hingen von der weißen, mit Goldstreifen verzierten Kappe herab, auf der ein goldener Bausch den stimmungsvollen Abschluß bildete.

Der Bürgermeister war angetan mit einem schweren, dunkelverbrämten Samtmantel, mit breitem, umgelegtem Kragen seltensten Pelzwerkes. Die Linke hielt den weiten Mantel über der Brust verschränkt, indes die Rechte, auf deren Zeigefinger ein gewaltiger Siegelring im Flimmer der Kerze strahlte, die Dame zierlich geleitete.

Langsam und stattlich bewegten sie sich dahin im Reigen. In bedächtigen Intervallen lud die Musik zum Schreiten, Sichneigen und Sichwenden, langsam, viel zu langsam für die Ungeduld der Jugend, die in verbotenem Übermut wohl das Kichern sich verbiß und sich heimlich stieß, in abfälliger Kritik über dieses oder jenes Paar der Würdigen, deren schlecht getragene Majestät der Bewegung ihre Lachlust reizte. Dann war dem Brauch Genüge geschehen, und das Alter wie die Würde zogen sich zurück zu der ihm besser anstehenden Art des Zuschauens. Die Herren verschwanden auch wohl in einer Ecke, einen ungestörten Trunk zu tun und in ernstem oder eifrigem Disput zu bereden, was ihnen am Herzen lag; wieder andere hockten an herbeigeholten Tischen, auf denen das Schachzabel aufgestellt wurde.

Die Reigen, welche die Jugend aufführte, waren die alten, schönen Tänze unserer Altvordern, die der Persönlichkeit freien Spielraum ließen, sich im Rhythmus auszugeben. Ein Sichneigen, Sichheben und Drehen mit der Anmut und Geschmeidigkeit der Jugend, ein Sichfinden und Sichmeiden, das die Gefühle der jungen Herzen in liebreizendster Weise verkörperte. Die Stadtzinkenisten bliesen, die Geigen seufzten und jubilierten in einem Atem, die Flöten tirilierten, als wollten sie zerspringen vor Lust über so viel Jugend und Anmut, die sich zu ihren Füßen im Saal im Rhythmus durcheinanderwand.

Immer höher stieg die Lust, immer kühner wurden die Blicke der Jünglinge, hingebender die Bewegungen der Jungfräulein; Terpsichore sank die Leier aus der Hand, Bacchus drohte die Herrschaft zu gewinnen, da gab Karsten Balder das Zeichen zum Schluß des Festes. Ungestüm bat und drängte die Jugend, man möge noch ein kleines verweilen; das eigene Töchterchen Karsten Balders wurde zum Ansturm auf das väterliche Herz vorgeschickt, aber der Angriff scheiterte an seinem Willen. Sein unbeugsames »Nein« verhinderte, daß das schöne Fest wie so viele seinesgleichen in jener Zeit wilden Genußlebens in eine Bacchanalie ausartete.