Part 6
»Ja, wir haben allen Anlaß, ihr dankbar zu sein in dieser schweren Zeit«, antwortete der Vater. »Ich weiß nicht, wer durch diese treue Freundschaft mehr geehrt wird, die Mutter, der die fromme Frau auch unter dem Schleier noch die Zuneigung bewahrt, oder jene selbst, deren edle Eigenschaften durch diese Pflege alter Beziehungen in ein um so schöneres, helleres Licht gerückt werden. Aber jetzt geht es ihr doch besser, der Armen, Leidgeprüften?« fragte er besorgt.
»Sie schläft. Ich mußte sie über Euer langes Ausbleiben beruhigen, wolltet Ihr doch schon am Nachmittage zurück sein.«
»Wollte ich auch, und wäre ich auch, wenn ich nicht den Montanen, Herrn Bandelow, getroffen hätte, mit dem es ein langes und breites über Holzleistungen und -lieferungen zu besprechen gab, und auch sonst ist noch manches zwischen uns beredet worden.«
»Dachte ich's mir doch, daß Ihr einem Schwätzer wie dem in die Hände gefallen wäret. Laßt Euch mit dem nur nicht zu sehr ein; ich werde die Sorge nicht los, daß Euch und uns durch seine Einmischung zuletzt noch Übles widerfährt«, hielt Venne dem Vater entgegen.
In Richerdes' Augen war ein froher Glanz getreten, als er die Tochter bei ihrem Eintritt ins Zimmer mit dem Blick umfaßte. Der ganze Mann schien geändert, seitdem er das Zimmer betreten hatte; nichts mehr von der düsteren, grämlichen Stimmung, die ihn im Gespräche mit Bandelow beherrschte. Es war für ihn ein ungeschriebenes Gesetz, alles, was er an Verärgerung draußen erlebte, nicht über die Schwelle des Hauses dringen zu lassen. Nur über seine Gegensätze zu dem regierenden Bürgermeister war die Tochter durch die Mutter unterrichtet. Darauf bezogen sich auch wohl ihre besorgten Worte. So lautete auch die Erwiderung auf Vennes letzte Worte mehr zärtlich freundlich als abweisend:
»Du gibst es ja Deinem alten Vater tüchtig, kleiner Schulmeister; doch sei unbesorgt, was ich mit Bandelow besprochen habe, brauchte nicht das Licht zu scheuen. Daß er den Mund gern etwas voll nimmt, weiß ich besser als Du und richte mich von vornherein darnach. Aber das Geschäftliche muß schon mit ihm beredet werden; und Du weißt ja, daß er mein hauptsächlicher Holzlieferant ist. Die Verhältnisse im Berge liegen leider so, daß ich mehr auf ihn angewiesen bin, als mir lieb ist. Doch nun genug vom Geschäft und seinem Ärger.«
Venne strich ihm zärtlich über das Haar. Es war ein großes, schlankes Mädchen, das hier von dem gelben Lichte der Kerze übergossen wurde.
Wer die Venne Richerdes nach dem Bilde sich vorstellte, welches Heinrich Achtermann von ihr mit in die Fremde nahm, würde sie kaum wiedererkannt haben. Nur die stolze Haltung des Köpfchens und die seelenvollen Augen, über die im Augenblick noch ein Schatten der Trauer um die kranke Mutter gebreitet lag, erinnerte an die Venne von ehemals. Aus der unscheinbaren Puppe hatte sich ein glänzender Schmetterling entwickelt. Nichts mehr gemahnte bei Venne an das eckige, unbeholfene Ding, das vor Heinrich Achtermann davongelaufen war.
Das lang herabwallende, faltige Hausgewand, das sich lose um die königliche Gestalt schmiegte, ließ die edlen Formen des Körpers erraten. Mit lässiger Anmut bewegte sie sich um den Vater, während sie mit der klangvollen Stimme ihm Rede und Antwort stand auf seine Fragen.
»Soll ich uns den Abendtisch decken lassen?« fragte sie weiter. In diesem Augenblick erklang durch die angezogene Tür des Schlafgemaches die Stimme der Kranken, die nach dem Vater fragte. Statt der Antwort trat dieser sogleich zu ihr herein. Behutsam beugte er sich zu ihr nieder, und alle Zartheit und Liebe, die er für diese Frau empfand, klang aus seiner Stimme. Sie mußte ehedem eine schöne Frau gewesen sein; jetzt lagen die Schatten der langen Krankheit auf ihrem blassen Gesicht. In Venne stand ihr verjüngtes Ebenbild vor ihr. Nur ein leichter, kritischer Zug um den Mund unterschied diese von der Mutter. An der Kranken war, von dem leidenden Zug abgesehen, der seine Runen in ihr Antlitz gegraben hatte, alles Weichheit, Hingabe, während Venne über eine nicht alltägliche Entschlossenheit gebot, die ihr, dem jungen Mädchen, den Gehorsam des Hauspersonals sicherte, vom letzten Eseltreiber bis zur alten Katharina in der Küche, ihrer Kindsmagd, mit der sonst niemand anzubinden wagte und von der selbst der gestrenge Hausherr ein Wort mehr annahm, als er sonst von irgend jemand gelten ließ.
»Wie geht es Dir, Liebste? Ich höre von Venne, daß Du wieder besonders mit Dir zu tun gehabt hast. Schwester Jutta hatte ja, wie so oft, ihr Bestes an Dir getan, aber soll ich nicht doch noch den Doktor Henning holen lassen?«
»Nein, nein, ich bitte Dich. Mir ist jetzt nach dem kurzen Schlaf sehr wohl. Es war auch weniger das Leiden, das mir zusetzte, als eine innere Unruhe, die wuchs, je länger Du ausbliebest. Es lag auf mir wie die Vorahnung von einem Unheil.«
»Nun bekomme ich von Dir auch noch eine Strafpredigt,« scherzte Richerdes gutlaunig. »Vorhin hat mich Venne schon ins Gebet genommen. Wenn ich nun Besserung gelobe für die Zukunft, willst Du dann auch mein braves Weib sein und Dich alsogleich völlig beruhigen?«
Ihm zärtlich von ihrer Lagerstätte zunickend, ließ sie den Blick an seiner hohen Gestalt emporgleiten. Ein leiser Seufzer entrang sich ihrer Brust. »Was hast Du noch?« fragte er aufs neue besorgt. »Nichts, es ist nur der Kummer, daß ich Euch das Leben mit meinem Siechtum belaste. Ihr könnt das gar nicht auf die Dauer ertragen.«
»Das ist mir das rechte Medikament«, rief der Gatte gutmütig polternd. »Jetzt habe ich meine ganze ungeschlachte Liebenswürdigkeit an diese eigensinnigste aller Frauen verschwendet, um nun zum Dank von ihr zu hören, daß sie uns lästig falle. Nun sprich Du ein Machtwort, Venne; vielleicht, daß Du Dir mehr Respekt verschaffst.«
Venne umschlang die geliebte Mutter zärtlich behutsam und barg ihr Gesicht an der Wange. »Ach, böses, liebes Mütterlein, der Vater hat nur zu recht. Wie sollten wir unsere Liebe zu Euch besser zum Ausdruck bringen, als daß wir Euch umhegen und umgeben mit unserer Pflege. Ihr sollt uns ja bald gesund sein und werdet uns gesunden; aber, daß ich's sage, Gott verzeihe mir die Sünde: ich wünschte nicht, daß Ihr krank gewesen wäret oder je wieder würdet; doch desungeachtet möchte ich, und der Vater gewiß mit mir, nicht diese Zeit missen, wo wir Euch Eure Liebe wenigstens zu einem kleinen Teile vergelten konnten. Nun fügt Euch nur noch eine kurze Zeit unserer strengen Vormundschaft, und dann wird eines Tages mein Mütterlein wieder rüstig und flink durchs Haus trippeln, und wir werden uns auf die Bärenhaut legen; gelt, Vater?«
Gerührt blickte die Kranke auf ihr Mägdelein, und eine Träne rann über die blasse Wange.
Ach, wenn es doch so käme, wie Venne es ihr prophezeite!
In diesem Augenblick wurden sie durch wirren Lärm von der Straße aufgescheucht. Stimmen und Schreie erklangen durcheinander, und alsbald erhob die Sturmglocke der benachbarten Marktkirche ihre wimmernde Stimme. Angstvoll schrak die kranke Frau zusammen und griff nach dem Herzen. Venne eilte ihr sogleich zu Hilfe. Auch ihr wie dem Vater war sehr bange, denn man glaubte nicht anders, als im nächsten Augenblick das gefürchtete »Feuerjo« draußen zu hören, welches verriet, daß der schlimmste Feind der mittelalterlichen Städte sein rotes Banner auf den Dächern der Stadt aufgepflanzt habe. Richerdes, der zu den Führern der Feuerwehr gehörte, die pflichtmäßig alle nicht bresthaften Bürger mit den ledernen Feuerlöscheimern zur sofortigen tätigen Hilfe bei Ausbruch eines Brandes veranlaßte, stürzte nach einem kurzen, hastigen Abschiedswort davon und ließ die Frauen in banger Spannung zurück. Der Lärm draußen verlor sich bald, und auch das Gewimmer der Glocke erstarb. Die Annahme, daß eine Feuersbrunst ausgebrochen war, schien demnach irrig zu sein; wahrscheinlich handelte es sich um irgendeinen Angriff oder Überfallversuch, wie die unruhigen Zeiten ihn nicht selten brachten. In angstvoller Erwartung harrten die beiden Frauen der Rückkehr des Vaters und Gatten. Endlich, viel zu spät für ihre Ungeduld, ertönte der Klopfer, und Venne beeilte sich, zu öffnen, da das Gesinde inzwischen zur Ruhe gegangen war. Der Überfall auf die flandrischen Kaufleute bei Riechenberg hatte den Tumult veranlaßt. Noch kannte man nicht alle Einzelheiten. Es sollte viele Tote und Verwundete gegeben haben und Plünderung der Waren, wie das Gerücht bei solchen Anlässen zu wüten pflegt. Die Kunde war von einem Knechte überbracht worden, der auf schweißbedecktem Roß vor dem Sankt-Viti-Tor in der Dunkelheit auftauchte und um eilige Hilfe und Schutz bat. Die Stadtsoldaten unter ihrem Hauptmann und ein großer Haufen bewaffneter Bürger waren sofort ausgezogen, und zur Stunde, so durfte man hoffen, hatten die Bedrängten schon Hilfe gefunden, und sie selbst waren unter sicherer Bedeckung im Anzuge gegen die Stadt.
Richerdes kehrte nur zurück, um die Frauen zu unterrichten und sie zu beruhigen. Er verließ bald darauf wieder das Haus, um den Ausgang und weitere Aufklärung des Falles zu erfahren. Auch bei ihm sprach seit Jahren einer der Kaufleute vor, der auch dieses Mal dabeisein mußte. Noch mehr Grund also, zur Stelle zu sein, wenn die Überfallenen ankamen, um dem alten Geschäftsfreunde zugleich hilfreich zur Seite zu stehen, wenn er die Stadt betrat.
Im Kamin prasselte ein lustiges Feuer und verbreitete eine angenehme Wärme über den Raum, in dem die Familie Richerdes am reichgedeckten Frühstückstisch mit dem Gaste, Herrn Emile Delahaut aus Dinant, saß. Das Gespräch drehte sich natürlich um den gestrigen Überfall. Er war so weit geklärt, daß man wußte, das Stücklein ging, wie man gleich vermutete, von dem berüchtigten Bandenführer Hermann Raßler aus, der, wie jedermann bekannt war, im geheimen Dienste des Herzogs von Braunschweig stand und die Goslarer schatzte, daß ihnen der Atem auszugehen drohte. Zwei seiner Knechte, mit denen er den frechen Überfall gewagt hatte, blieben verwundet in den Händen der Goslarer, und aus ihrem Munde erfuhr man alle Einzelheiten. Demnach war der eigentliche Urheber des verruchten Planes jener Händler aus Helmstedt, der selbst bei der Tat seinen Lohn erhalten hatte. Er traf morgens in aller Frühe in Riechenberg ein, wo man ihm den Schlupfwinkel Raßlers anzeigte. Die Knechte, die beim Herannahen des Zuges in Langelsheim so eilig Fersengeld gaben, waren Kundschafter, die melden sollten, wann mit dem Eintreffen am Hohlwege zu rechnen sei. Es stellte sich nunmehr als sicher heraus, daß der ganze Überfall nicht den Kaufleuten, sondern Heinrich Achtermann gegolten hatte und jedenfalls dazu dienen sollte, ihm das wichtige Dokument abzunehmen. Was unterwegs mit List nicht gelungen, das wollte man zum Schluß mit Gewalt herbeiführen.
Damit war auch der Auftraggeber ohne weiteres erkannt: es konnte nur der Braunschweiger sein, dem an der Vernichtung des päpstlichen Schreibens allein lag. Durch seine Spione in der Stadt mußte er irgendwie von dem Auftrage und dem Wege der Heimreise Heinrichs Kunde erhalten haben und hatte danach seine Maßnahmen getroffen. Sein unmittelbarer Vorfahre, Heinrich der Ältere, hatte den besonderen Schutz der Stadt Goslar noch für 400 Gulden im Jahre 1497 auf zehn Jahre übernommen. Die Herzöge Philipp und Erich ließen sich noch vom Jahre 1500 ab zehn Jahre lang für die gleiche Leistung 1200 Gulden im voraus geben. Heinrich der Jüngere trat in diesen Vertrag ein. Das hinderte ihn aber nicht, im geheimen seine Blut- und Beutehunde gegen die Stadt loszulassen. Der Streich war mißglückt, doch man wußte, wessen man sich in Goslar von dieser Seite zu versehen hatte trotz aller Schutzbriefe. Da der Angriff auf herzoglichem Gebiete erfolgte, der Nachweis geführt war, daß Raßler der Anstifter gewesen und offenbar bei den dem Herzoge befreundeten Mönchen von Riechenberg Unterstützung genossen hatte, ging ein geharnischter Protest des Rates nach Wolfenbüttel ab, wo der Herzog residierte. Der Erfolg war freilich vorauszusehen. Der Herzog lehnte mit der für diesen Fall gebotenen Entrüstung jede Mitwissenschaft und Teilnahme ab. Die wirklich Leidtragenden waren die beiden Schelme, die man gefangen hatte; sie baumelten bald darauf am Galgen, der sein Gerüst auf dem Georgenberge drohend ins Land reckte.
Auch der Fremden wegen erhob man den Einspruch beim Herzoge, um ihnen zu zeigen, daß man alles tue, um ihnen Genugtuung zu geben. Denn sie führten natürlich auch ihrerseits, sei es auch nur, um ihr Geschäft günstig zu beeinflussen, bewegliche Klage über die erlittene Unbill und die Unsicherheit der Wege in unmittelbarer Nähe der Stadt; Schaden an Eigentum war kaum erlitten, abgesehen von einigen Warenballen, die von den Wagen gestürzt und etwas beschädigt waren. Dem Anschein nach hatten die Raubgesellen, obwohl ihr Auftrag nur dahin ging, sich des goslarschen Gesandten zu bemächtigen, doch ihrer oft bewiesenen Beutelust nicht widerstehen können, zu nehmen, was sich ihnen bot. Der steile Hang und der fluchtartige Rückzug hinderten sie dann aber an der Mitnahme.
Über der Besprechung des gestrigen Ereignisses vergaß man nicht, den guten Sachen Ehre anzutun, die der Tisch bot. Venne ging ab und zu, um nach der Mutter zu sehen und den Mägden eine Anweisung zu geben. Im hellen Licht des Tages sah man erst, welch vollendete Schönheit sie war. Die Anmut ihrer Bewegungen, der Wohllaut ihrer Stimme vereinigten sich gleichermaßen, um den Fremden gefangenzunehmen.
»Wetter noch einmal,« warf er dem Gastfreunde zu, als Venne sich auf einen Augenblick entfernt hatte, »ist das ein Mädel geworden, seit ich sie zuletzt sah! Wie das den Kopf trägt und sich bewegt! Wahrhaftig, wenn ich nicht schon ein alter Knabe wäre, könnte mich Eure Venne noch zu Abenteuern verleiten. Verwahrt den Schlüssel zu ihrem Herzen gut, sonst fliegt sie Euch über Nacht davon. Lange werdet Ihr sie sowieso nicht mehr halten, sonst müßten Eure Jungen hier Fischblut in den Adern haben.«
Richerdes lächelte behaglich zu dem Lobe der Tochter: »Vorläufig scheint ihr selbst noch wenig an dem Ausfluge aus dem Elternhause zu liegen, dazu hält sie die Pflege der kranken Mutter viel zu fest. Findet sich aber einmal der Rechte, so werden wir sie nicht halten wollen. Denn es ist der Eltern wie der Kinder Los, sich trennen zu müssen, wenn sie des anderen Wert erkennen.«
Man kam noch einmal auf das gestrige Abenteuer zu sprechen und auf die Goslarer, die dabei zu Schaden gekommen, Heinrich Achtermann und Erdwin Scheffer. Dieser, der Sohn eines achtbaren Mitgliedes der Schustergilde, war am übelsten davongekommen, und man wußte nicht, ob er am Leben bleiben werde. Heinrich Achtermann dagegen hatte, wie es hieß, keinen ernsten Schaden erlitten. Durch das Würgen der Angreifer und den Sturz auf einen Stein verlor er die Besinnung. Als die Hilfe aus der Stadt kam, war er schon wieder zum Bewußtsein zurückgekehrt.
Nach dem Frühstück gingen die Herren zum Geschäftlichen über. Da schlüpfte Venne aus dem Hause, um sich in der Stadt umzuhören und bei den Achtermanns vorzusprechen, die mit ihrer Familie befreundet waren. Sie wurde beim Eintritt ins Haus von der Schwester Heinrichs begrüßt. Von ihr vernahm sie, daß es dem Bruder schon wieder leidlich gehe, und sie konnte sich selbst davon überzeugen, denn sie traf ihn im Zimmer, wo er mit den Eltern und dem flandrischen Gastfreunde zusammen saß. Die überstandene Gefahr hatte keine Spur zurückgelassen, außer einer leichten Blässe im Gesicht.
Als Venne ihn unvermutet vor sich sah, war sie einen Augenblick befangen, denn die Stunde stand ihr vor Augen, als sie zuletzt die Flucht vor ihm ergriff. Sogleich stieg auch der alte Trotz wieder in ihr auf, und das herzliche Wort, das sie ihm zur Begrüßung gönnen wollte, wurde zu einem kühlen Gruß. Heinrich glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen, als Venne eintrat, ja, er, der nie Verlegene, starrte sie einen Augenblick wie entgeistert an: War denn dieses Mädchen von vollendeter Schönheit das hagere, eckige Ding, das er vor langem verlassen hatte? Und er wäre nicht der Mann mit dem für Frauenschönheit empfänglichen Herzen gewesen, wenn nicht dieses holde Menschenkind sogleich in ihm höchste Bewunderung mit der Regung jener Sehnsucht gepaart hätte, die der Schönheit im eigenen Herzensschrein einen Altar zu errichten gewillt ist. Er war bisher der Schmetterling, der an allen Blüten naschte. Für die reizenden Bologneserinnen schwärmte er, der lebensfrischen Richenza Walldorf flog sein Herz entgegen, aber ihre Spur war verwischt, ausgelöscht vor dem wundersamen Geschöpf, das da vor ihm stand. Wie ein Schlag durchzitterte es seine Brust: Die hält Dein Schicksal in ihrer Hand, Venne Richerdes mußt Du besitzen oder keine!
So standen beide sich einen Augenblick verwirrt gegenüber. Venne sah seine Blicke auf sich gerichtet, aber sie ahnte nicht, welche Gefühle ihn durchzitterten. Da fand Heinrich zuerst das Wort. Um seine Befangenheit zu meistern, griff er zu dem alten Mittel tändelnden Scherzes und war dabei in Gefahr, alles schon im ersten Augenblick zu verderben.
»Euch trieb gewiß die Angst um mein Befinden hierher, aber Ihr seht ja, Unkraut vergeht nicht.« Venne suchte sich sogleich mit ihrer ganzen kühlen Unnahbarkeit zu wappnen. »Ihr irrt Euch; ich kam vor allem, um Eure Schwester zu besuchen. Daß mich auch Sorge um Euch erfüllte, will ich nicht leugnen; aber ich sehe ja, daß Ihr wohlauf seid, so will ich Euch auch mit meiner Teilnahme nicht lästig fallen.«
»Gut gegeben, Jungfer Dornenhag«, antwortete Heinrich munter lachend. »Aber um Euch zu versöhnen, will ich Euch auch etwas Angenehmes sagen. Ratet nur, was!«
»Ich bin nicht allzu begierig darauf, denn ich versehe mich keiner besonderen Schmeicheleien von Euren Lippen«, entgegnete Venne halb ablehnend.
»Eine Schmeichelei ist's auch nicht, aber ein schöner, herzlicher Gruß von Eurem Oheim Ernesti. Eigentlich sollte ich auch den dazugehörigen Kuß mit überbringen,« log er hinzu, »aber das habe ich als lebensgefährlich abgelehnt.« Venne achtete auf die letzten Worte kaum noch. »Vom Oheim Ernesti und der Muhme wahrscheinlich? Oh, das ist schön. Erzählt doch nur gleich, wo Ihr ihn trafet und wie Ihr sie fandet.« Und Heinrich berichtete ausführlich über sein Zusammensein mit dem Oheim und seine Aufnahme in Soest.
In diesem Augenblick trat Johannes Hardt ins Zimmer, der ebenfalls kam, um sich nach dem Befinden des Freundes zu erkundigen. Der Ratsherr forschte nach allen Einzelheiten der Reise und kam dann von Ernesti und dem gestrigen Überfall auf die Zeitläufte zu sprechen. Da überließ die Jugend die Alten ihren ernsten Gesprächen. Die Mädchen schlüpften hinaus in das Zimmer der Schwester. Für heute erhielten auch Heinrich und Johannes dort Zutritt, denn man war doch gar zu begierig, über ihre Erlebnisse im Wunderlande Italien Einzelheiten zu erfahren. Und die beiden Wanderer erzählten und erzählten, und ihre Zuhörerinnen wurden nicht müde, ihnen zuzuhören.
»Aber eins fällt uns auf,« warf Venne, zu Johannes gewendet, schalkhaft ein. »Von den schönen Bologneserinnen haben wir bis jetzt gar nichts vernommen. Sind sie ausgestorben, oder habt Ihr ihnen dauernd Eure Gunst vorenthalten? Das wäre ja ein gräßliches Verbrechen.« Einen Augenblick wollte der junge Mann erröten, aber schon kam ihm Heinrich zu Hilfe: »Es gibt ihrer noch genug,« antwortete er, »sogar recht liebreizende, aber unsere Beziehungen zu ihnen werden wir Euch erst enthüllen, wenn Ihr uns verratet, in welchen Herzen Ihr Vernichtung angerichtet habt.«
»Da werde ich lange auf Eure Enthüllungen warten können, denn ich bin mir nicht bewußt, irgendeinem Herzen Unglück zugefügt zu haben.«
»Na, na,« warf da die Schwester lächelnd ein, »glaubt ihr nicht so ohne weiteres. Sie ist eine Heimliche. Ich möchte die Seufzer nicht auf meinem Herzen tragen, die ihr nachgeklungen sind. Und sie ist auch selbst nicht unversehrt geblieben, will mir scheinen. Ich müßte sonst die mancherlei Fragen mißdeuten, die sie immer wieder über einen gewissen abwesenden jungen Herrn stellte. Soll ich Namen nennen, Venne?« fragte sie neckend.
»Daß Du Dich nicht unterstehst, du Garstige«, wehrte diese lachend ab, während ein tiefes Rot über ihre Wangen flammte. Die Verwirrung erhöhte noch ihre Lieblichkeit. »Zur Strafe für diese Verleumdung will ich auch gleich aufbrechen.« Aber sie gab doch dem Widerspruch der anderen nach; es hätte ja auch zu sehr nach einem Zugeständnis ausgesehen; und man blieb noch eine kurze Zeit in traulichen Gesprächen beisammen. Dann mußte sie Abschied nehmen, da die Mutter nicht lange ohne Wartung bleiben durfte. Auch für Johannes war es an der Zeit, sich festlich anzukleiden, denn er sollte mit Heinrich zusammen die besondere Ehre genießen, dem Hohen Rat die Schrift des Papstes, die sie mit Gefahr des Lebens verteidigt hatten, in der für die Mittagsstunde anberaumten Sitzung überreichen zu dürfen.
Die Mitglieder des Goslarer Rates hatten in feierlicher Amtstracht sich im Sitzungsraum versammelt, und nun warteten sie des päpstlichen Boten mit der Antwort auf ihr Begehren.
Die Jünglinge wurden von dem Ratsboten hineingeführt, die Ratsherren erhoben sich, und der regierende Bürgermeister, Karsten Balder, begrüßte sie mit freundlichen Worten.
»Ihr seid Träger der Botschaft vom Heiligen Vater, die uns Herr Henricus Ernesti freundwillig vermittelt hat. Wir hören,« wandte er sich dann im besonderen an Heinrich Achtermann, »daß Euch zuletzt noch arges Ungemach getroffen hat. Empfangt mit unserem Bedauern über die erlittene Unbill zugleich unseren Dank für den wichtigen Dienst, den Ihr Goslar geleistet habt.
Es geht um nichts Geringes in dem Schreiben, wie Ihr Euch denken könnt. Ihr habt das Geheimnis treulich an Eurer Brust gewahrt und mit Eurem Leibe verteidigt, so sollt Ihr und mit Euch Euer Freund auch der erste sein, der außer uns von dem Inhalt Kenntnis erhält.«
Damit öffnete der Bürgermeister und gab den Inhalt der päpstlichen Bulle preis.
Demnach versicherte Papst Leo X. seine fromme und getreue Stadt Goslar mit seinem Segen zugleich seines Schutzes, bestätigte in Erneuerung der Briefe des Königs Wenzel ihre ausschließlichen Vorrechte und Ansprüche auf das Bergwerk und die Forsten, versprach ihr seinen Beistand und drohte allen denen mit schweren Kirchenstrafen, welche sie im Genuß dieser Rechte stören oder sie ihnen streitig zu machen versuchten.
Das war ein voller Erfolg. Befriedigt sahen sich die Ratsherren an: Dieses Schriftstück lohnte den Eingriff in den Stadtsäckel, den man getan hatte, um Henricus Ernesti in den Stand zu setzen, sein Anliegen nachdrücklich zu unterstützen. Nun mochten die Braunschweiger kommen; diese Stunde machte die letzte Nichtswürdigkeit wett, deren man den Herzog hier im Rate offen zieh.
»Ihr habt Euch, Herr Heinrich Achtermann, und Ihr ingleichen, Herr Dr. Johannes Hardt, als ehrenfeste, tapfere Männer gezeigt. Der Stadt ist durch Eure Hilfe ein sehr wichtiger Dienst erwiesen, wie Ihr soeben hörtet. Sie wird sich ihres Dankes gegen Euch geziemend zu entledigen wissen. Ihr aber werdet, wie Euer Verhalten beweist, treue, zuverlässige Bürger sein, auf die sie allezeit mit Zuversicht zurückgreifen kann.«
Rot und stolz vor Freude verließen die Freunde das Rathaus und kehrten zu den Ihrigen zurück.
An ihre Stelle trat bald darauf eine Abordnung der fremden Kaufleute, um Beschwerde vorzubringen über den Unglimpf, der ihnen hart vor den Mauern der Stadt widerfahren war. Der Rat wies nach, daß der Überfall nicht auf Goslarer Gebiet vor sich gegangen sei, daß geharnischte Beschwerde an den Herzog abgehen, die ergriffenen Übeltäter hingerichtet werden würden und im übrigen er, der Rat, es als eine selbstverständliche Pflicht übernehme, allen erlittenen Schaden zu ersetzen. Daneben verhieß er tatkräftige Unterstützung bei dem Abschluß ihrer Handelsgeschäfte, bei denen der Rat ja zu einem großen Teile selbst in Frage kam. So zogen auch diese Männer befriedigt ab.