Venne Richerdes

Part 5

Chapter 53,766 wordsPublic domain

Verdrossen glitt der Blick Erdwin Scheffers über das Treiben am Strande. Unschlüssig stand er da über seine Hellebarde gebeugt, in seiner Lässigkeit doch die Kraft verratend, die in seiner schlanken, sehnigen Gestalt gefesselt stak. Das hübsche Gesicht wurde nicht einmal durch die schwarze Binde merklich entstellt. Die Hand glitt verloren durch das Bärtchen, welches die Lippen zierte. Monikas Blick folgte dem Abseitsstehenden. Sie wischte sich verstohlen die Augen, die ihr feucht geworden waren im Gedanken an sein Unglück; was war aus dem lustigen Gesellen geworden, der zu ständiger Kurzweil früher geneigt war. Ihr selbst kaum bewußt, schlug ihm ihr junges, unschuldiges Herz entgegen.

Erdwins Gedanken weilten indes weitab von ihr und vom Rhein. Die Berge des Harzes stiegen vor ihm auf und die Stadt mit den vielen Türmen, aus der er in trotzigem Übermut und Groll entwichen war. Wie mochte es jetzt daheim aussehen, was die Mutter sagen und der Vater denken, dessen starrer Sinn ihn beim eigenen Handwerk festhalten wollte, um ihn durch die Hand der Nachbarstochter noch unlöslicher mit der Heimat zu verbinden? Denn er kannte den unruhigen Sinn des Sohnes, der in die Ferne strebte und in unklarer jugendlicher Abenteurerlust jenseits der Berge die blaue Blume zu pflücken hoffte, von der die Mär erzählte. Erdwin hatte längst eingesehen, daß diese Blume im Lande Nirgendwo blühe und daß der ehrsame, gestrenge Vater zuletzt doch das Richtige mit ihm im Sinn hatte. Aber Trotz und Scham hielten ihn davon ab, als reuiger Sohn zurückzukehren, und auch die Aussicht, doch noch das Opfer der väterlichen Heiratspläne zu werden. Die breithüftige Maria Hellvogt, die man ihm zugedacht hatte, mit den guten, blauen Augen im rundlich-dummen Gesicht, konnte ihn auch heute noch nicht locken, zumal wenn er sie mit der zierlichen Monika verglich, die ihm in den Jahren der gemeinsamen Kriegsfahrt mehr als ein guter Kamerad geworden war. Nun kehrte er als ein Schiffbrüchiger heim, und er mußte vorliebnehmen, was ihm von der Eltern Gnade übrigblieb, wenn sie ihm nicht gar ganz die Tür verschlossen.

Ingrimmig stampfte er mit der Waffe auf; da fiel sein Blick auf einen der Männer, die ihre Rosse von der Fähre die Uferböschung hinaufführten: Wenn's nicht gar so närrisch wäre, sollte man meinen, das sei ein alter Bekannter von daheim. Noch einmal sah er hin und noch einmal. Wahrhaftig, kein Zweifel, das war ja der Heinrich Achtermann, des Ratsherrn Sohn, und der da neben ihm, war das nicht Johannes Hardt von der Poppenbergstraße? Und schon klang es auch von seinen Lippen: »Heinrich Achtermann, Johannes, Herr Johannes Hardt, bist Du es, seid Ihr es wirklich?«

Hallo, wer rief hier, in der Fremde, ihren Namen? Heinrich blickte sich erstaunt um.

Die Freude, einen Bekannten aus der alten Heimat, einen Jugendgespielen unvermutet zu sehen, überwog bei Erdwin jedes andere Gefühl. Eilig trat er näher. »Bei Gott, das nenn' ich eine Freude in all der Trübsal«, sprudelte er hastig hervor. »Aber sagt, erkennt Ihr mich denn immer noch nicht, den Erdwin Scheffer von Sankt Ägidien, mit dem Ihr so oft in des Nachbars Garten auf Raub gezogen und der ebensooft vom Vater den Buckel zerbleut bekam, weil er dem Stadtweibel eine Nase gedreht oder die Zöpfe der dummen Mädel aneinander festgebunden hatte, daß sie zeterten und schrien, als sei der Habicht unter die Hühner gestoßen?«

Nun erkannten auch sie den Jugendgespielen, und die Freude war nicht minder groß. Das gab ein Fragen hin und her. Über die Heimat wußten sie freilich beide wenig Neues; im Vordergrunde standen die Erlebnisse in der Fremde.

»Was hast Du denn mit dem Auge?« fragte Johannes.

»Das ist das traurigste Kapitel aus meiner Irrfahrt. Es ist dahin, und nicht einmal im ehrlichen Kampfe vor dem Feinde verloren, sondern ein eidbrüchiger Schuft stieß mir sein Messer hinein, als ich einen ehrlichen Mann, unsern Hauptmann, aus den Krallen der meuterischen Knechte befreien wollte. Er hat zwar seine Tat mit dem Leben gebüßt, denn die Kameraden schlugen ihm gleich danach den Schädel ein, aber ich bin ein Krüppel fürs Leben und weiß noch nicht, wie ich es trage und vor die Eltern treten soll, denen ich im aufgeblähten Stolz vor mehr als fünf Jahren davonrannte.«

Man sprach ihm gut zu, und die düstere Falte auf der Stirn glättete sich allmählich unter dem lebhaften Austausch von gemeinsamen Erinnerungen und dem »Weißt Du noch?« »Besinnst Du Dich?« Niemand aber war froher als das wackere Paar am Marketenderwagen, als sie sahen, daß ihr Liebling wieder etwas frohmütiger dreinblickte, und Monika rechnete es dem Heimatsgenossen als besonderes Verdienst an, daß ihm dies gelungen war.

Der Zug der Kaufleute hatte das Bergische Land durchquert und war in die Soester Börde hinabgestiegen, vorbei an mehr als einem der Raubnester, die über den tiefen Taleinschnitt am Felsen klebten wie das Nest der Mauerschwalbe. Manch begehrlicher Blick eilte ihnen von da oben entgegen und geleitete sie im Vorbeiziehen, aber man wagte sich nicht an die Fremden heran, die wie ein kleiner Heereszug stattlich und sicher dahinzogen. Es waren der Kaufleute gar viele, die aus Flandern und Frankreich solchergestalt ins Reich zogen, denn manche von ihnen zogen noch über Goslar hinaus bis Leipzig, um dort auf den großen Märkten, den Vorläufern der heutigen Messe, den Warenaustausch bis nach dem fernen Osten hin zu vermitteln. Gemeinlich fand nur einmal im Jahre ein solcher Zug aus dem Westen her statt. In Goslar hielt man sich monatelang auf und handelte dort wie in Braunschweig und anderen Städten der Nachbarschaft, bis die Ostgänger wieder zurück waren und man nun mit dem begehrten Kupfer und anderen Schätzen die Rückreise antreten konnte.

In Goslar pflegten die Fremden bei ihren Geschäftsfreunden abzusteigen, während die Knechte und Handlungsgehilfen in den Herbergen Unterkunft fanden. Manche engen Beziehungen waren so entstanden zwischen Goslarer Familien und Häusern in Brabant oder Nordfrankreich. Fäden liefen hin und her, die nicht leicht zerrissen. Der bedächtige Kaufmann vertraute seine Sachen nicht gern fremden Händen an, und erst wenn das Alter zu sehr drückte oder der Sohn und Nachfolger Gewähr bot, daß die Geschäfte mit gleicher Gewissenhaftigkeit erledigt werden würden, trat der Alte zurück und überließ der jungen Kraft die Beschwerden der Reise. So kam es, daß Heinrich und Johannes Hardt auch Bekannte unter ihnen antrafen. Da war der weißhaarige Herr Jan Uytersprot aus Brügge, der beim Nachbar Borchardt abzusteigen pflegte und sich so gern mit den Kindern beschäftigte. Noch heute rechnete es ihm Heinrich hoch an, daß er sein Versprechen, ihm einen richtigen Bogen mit Köcher aus Brabant mitzubringen, getreulich gehalten hatte. Und Herr Gérard Dietvorst aus Dinant und Felix Vandepere aus Löwen und noch andere, sie alle tauchten vor ihm mit bekannten Gesichtern auf. Er selbst mußte sich freilich ihnen erst wieder in Erinnerung bringen, denn seit der Kindheit war manches Jahr dahingerauscht, und den aufwachsenden und in die Fremde ziehenden Jüngling hatten sie aus dem Gesicht verloren. Von seinem Auftrage war natürlich nicht die Rede, und ihre Geschäfte nahmen sie mehr in Anspruch als der Gedanke, wie die jungen Goslarer hier in ihren Zug kamen.

In Soest fand Heinrich Achtermann Gelegenheit, die Grüße des Vaters im Hause Ernestis zu bestellen und sich zu überzeugen, welches geschäftige Leben in der alten Hansestadt pulsierte. Ernestis Wohnwesen stellte mit seinen Höfen, Speichern und Stallungen eine Handelsburg für sich dar. Der Mann mußte ein ganz Großer unter seinen Berufsgenossen sein!

An der Weser gab es unerwünschten Aufenthalt, denn die Brücke bei Höxter war wieder einmal abgetragen oder davongeschwemmt. Argwöhnisch schielte man sich von beiden Ufern an: hier die kurmainzischen Mönche von Corvey mit den erzbischöflichen Knechten in der Stadt, drüben die Mannen des braunschweigischen Vogts. Also galt es, noch einmal auf der Fähre den Fluß zu überqueren.

In Köln hatte sich dem Zuge auch ein Händler Hans Römer aus Helmstedt angeschlossen, der die günstige Gelegenheit zur Heimreise benutzen wollte. Seine Gewandtheit und seine Kenntnis des Flämischen wie des Französischen machte ihn zu einem willkommenen Begleiter für diesen und jenen der Kaufleute, denen das Deutsch etwas polterig vom Munde floß. Dabei war er am Rhein mit Land und Leuten ebenso vertraut wie in Westfalen, und seine Beweglichkeit half manchen Zusammenstoß mit den Landesbewohnern wie mit Behörden vermeiden. An Heinrich und Johannes schien er einen besonderen Gefallen gefunden zu haben. Wo es nur anging, hielt er sich in ihrer Nähe auf und verstand es auch meistens, in derselben Herberge mit unterzuschlüpfen. Johannes vergalt diese Freundlichkeit nicht mit gleichem Entgegenkommen. Es lag etwas im Wesen des Mannes, was ihn abstieß; war es der unsichere Blick der ewig auf der Wanderung befindlichen Augen oder die aufdringliche Zutraulichkeit; er wußte es selbst nicht. Heinrich war weniger mißtrauisch. Seine Vertrauensseligkeit hatte bisher noch keinen groben Stoß im Leben erlitten. Einmal wurde allerdings auch sein Argwohn rege, als er den Helmstedter im Morgengrauen, da alles noch schlief, bei seinen Habseligkeiten fand. Römer war um eine Ausrede nicht verlegen, als Heinrich ihn fragte, was er an seinen Sachen zu tun habe. Es lag natürlich ein Versehen vor, das sich aus dem unsicheren Licht erklärte, und tatsächlich befand sich das Bündel des Mannes dicht dabei, so daß ein Irrtum möglich war.

Der Argwohn erhielt aber neue Nahrung durch eine Mitteilung Erdwin Scheffers, dem es Monika Rosenhagen sagte. Sie hatte Römer mehrere Male im geheimen Gespräch mit einigen Landsknechten gesehen und dabei auch den Namen »Achtermann« deutlich vernommen. Da jener Wüstemann dabei gewesen war, dem die Mutter eine unreine Hand nachsagte, so nahmen sie an, daß irgendein Schelmenstück geplant werde. Man konnte aber zunächst nichts weiter tun, als die Augen offen halten. Und das taten Monika mit ihrer Mutter wie Erdwin Scheffer und Johannes Hardt seitdem noch mehr als Heinrich selbst.

Die Zahl der Landsknechte verringerte sich inzwischen mählich, aber stetig in dem Maße, wie die Heimat des einzelnen näher kam. Als man sich dem Harz zuwandte, waren es nur noch ihrer dreißig. Man mußte der wilden Schar nachrühmen, daß sie ihre Aufgabe auf der langen Reise redlich erfüllt hatte. Freilich hatten die Kaufleute tüchtig in den Beutel greifen müssen, aber die Vorsicht lohnte sich doch, und man konnte hoffen, die Mehrkosten wiedereinzubringen, sei es durch vorteilhafte Einkäufe in Goslar oder durch Aufschlag auf die Waren daheim. Ein Jauchzen rang sich von den Lippen Heinrichs, als die Berge des Harzes jenseits Gandersheim in der Ferne aufblauten.

»Die Heimat, Kinder, die Heimat winkt uns«, rief er den Gesellen zu, die in seiner Nähe gingen.

»Für Dich ja, aber für mich?« erwiderte Erdwin traurig. »Auch für Dich, guter Erdwin«, redete Johannes ihm tröstend zu. »Auch für Dich wird sich noch alles zum besten wenden. Jetzt freue dich mit uns, daß wir dem alten, lieben Goslar näher kommen.«

Man kam durch Ildehausen, wo ehedem Ernestis Ahnen hausten. Vor ihnen erhoben sich die Berge in immer machtvollerer Fülle, und dann zogen sie in das kleine Städtchen Seesen ein, das die letzte Raststätte vor Goslar sein sollte.

In Seesen verließen noch einige Landsknechte die Gesellschaft. Da man aber dem Ziel nahe war und die unsicheren Gebiete hinter sich wußte, glaubte man das Endstück der Reise unter dem Schutze der eigenen Bewaffneten und des Restes der Soldaten wohl zurücklegen zu können.

In diesem Städtchen verschwand auch Römer, und man trauerte dem unleidlichen Gesellen nicht nach. Erdwin Scheffer war noch immer nicht ganz beruhigt. »Ich kann mir nicht denken, daß der Kerl irgendeinen Plan hegte und nun ohne weiteres auf die Ausführung verzichtet, ohne den ernstlichen Versuch zu seiner Ausführung unternommen zu haben.« Aber Heinrich, wie jetzt auch Johannes, waren guten Mutes, und man verließ anderen Morgens die kleine Stadt. Sie hofften, schon in den frühen Stunden des Nachmittags in Goslar einzutreffen; doch ein Radbruch beim Neuen Kruge gab unliebsamen Aufenthalt, und es sanken schon die frühen Schatten des Novembertages herab, als man sich den Goslarer Bergen näherte.

Der Vogt des festen Hauses in Langelsheim, das den Braunschweigern gehörte, gab mürrischen Dank auf den Gruß, den man ihm bot.

»Wie seine Herren«, sagte Heinrich lachend, dessen frohe Ungeduld mit jedem Schritt wuchs. Vor ihnen verließen ein paar Bewaffnete den Ort, wahrscheinlich Knechte des Herzogs, die mit Botschaft nach Langelsheim gekommen waren oder solche mit sich nahmen. Sie ritten, daß die Funken stoben. »Die haben es eilig, daß sie unsere Gesellschaft meiden«, rief Erdwin hinter ihnen her.

Als man in den hohlen Fahrweg einbog, der das letzte Stück des Weges vor Goslar bildete und etwas westwärts vom Kloster Riechenberg begann, war die Dunkelheit völlig hereingebrochen. Der Weg führte in der tiefen Rinne dahin, die vom Wasser in der Hauptsache gegraben war und ihm auch weiter als Abflußrinne diente. Die Wagenknechte suchten fluchend die Laternen hervor und hieben auf die müden Gäule ein. Da durchschnitt plötzlich ein schriller Pfiff die Luft. An der Spitze des Zuges krachten Schüsse, und alles geriet ins Stocken. Von der Höhe sprangen Bewaffnete herab und schleuderten Feuerbrände in den Wirrwarr auf der Talsohle. Die Pferde scheuten und suchten durchzubrechen. Überall Kampfeslärm und Waffengeklirr. Man dachte zunächst nichts anderes, als daß man zuletzt doch noch das Opfer eines Überfalls von Strauchdieben geworden sei.

Heinrich ritt mit Johannes ziemlich an der Spitze des Zuges; denn die Ungeduld trieb sie voran. In ihrer Nähe war auch Erdwin Scheffer mit noch anderen Knechten. Sie wollten umkehren, um die Wagen zu schützen; aber da traten ihnen mehrere Bewaffnete entgegen. »Der da ist es«, rief einer der Fremden mit einer Stimme, die Heinrich bekannt vorkam. Sie warfen sich auf ihn und suchten ihn zu überwältigen. Heinrich wehrte sich kräftig, doch die Überzahl war zu groß. Ihm schwanden die Sinne, er merkte nur noch, daß ihm die Brusttasche entrissen wurde. Da kam Hilfe von Erdwin und Johannes, die sich bis jetzt selbst ihrer Gegner zu erwehren gehabt hatten. »Dachte ich's doch, daß der Schuft seine Hand im Spiele habe.« Damit warf er sich auf die Angreifer und drang bis zu Heinrich vor; denn er sah, daß der, den er meinte, es war der Helmstedter, mit seiner Beute davonwollte. Da holte diesen ein Schlag mit der Hellebarde herab. Mit gespaltenem Schädel sank er zu Boden.

Mit dem Falle des Anstifters schwand auch die Angriffslust der übrigen. Sie suchten nur noch ihren Rückzug zu decken und klommen kämpfend den steilen Hang hinan. Erdwin, in dem die alte Kampfeslust erwachte, drängte hitzig nach. Hier und da krachte noch ein Schuß, zersplitterte noch ein Lanzenschaft. Noch ein Feuerstrahl zuckte aus einer Hakenbüchse auf, er galt und traf Erdwin Scheffer. Als letzter im Kampfe sank er dahin. »Die Tasche!« flüsterte er noch dem Nächsten zu, dann brach er zusammen. Man hörte den Galopp von fortjagenden Reitern, dann blieb die Nacht allein mit den Überfallenen zurück. Man suchte zu ordnen, so gut das bei dem Wirrwarr und der Dunkelheit ging. Johannes war um Heinrich Achtermann bemüht, den er für schwerverletzt hielt; Erdwin Scheffer blieb zunächst sich selbst überlassen.

Der nächtliche Kampf hatte leider nicht nur blutige Köpfe gekostet, einige Knechte waren tot. Verwundete ächzten und riefen um Hilfe. Herabgezerrte Warenballen sperrten den Weg. Angstvoll suchte Monika im Hohlwege vorzudringen. Ihnen war nichts geschehen, der Angriff hatte sich von vornherein auf die Stelle gerichtet, wo man Heinrich Achtermann vermutete. Ihre Sorge galt Erdwin Scheffer, dem fröhlichen Gesellen mancher kurzweiligen Stunde im Tumult des Krieges, dem Geliebten ihres Herzens, wie sie in der Stunde der Gefahr mit blendender Klarheit erkannte. Ihr Fuß strauchelte über Wurzeln, sie versank in Rinnsale des Weges, aber sie ruhte nicht, bis sie ihn gefunden hatte. Und als sie ihn vor sich liegen sah, mit wunder Brust, aus dem der warme Strahl hervorsickerte, da sank sie mit einem Aufschrei über ihn hin.

»Erdwin, mein Erdwin, bleibe bei mir, verlaß mich nicht, Einziger Du!« Irre, hilfesuchend blickten ihre Augen umher im Dunkel der Nacht. War denn niemand da, der helfen konnte? Da kam die Mutter heran, die Vielerfahrene. »Laß ihn mir, Monika. Wenn ihm zu helfen ist, bringe ich ihm Rettung.«

Die steile Höhe des Erzweges hinauf, der vom Granetal über das Joch zwischen Hessenkopf und Thomas-Martinsberg ins Tal der Gose führt, erklangen die Glöckchen der Grautiere, die ihrer Last ledig waren, welche sie auf dem geduldigen Rücken von den Gruben des Rammelsberges zu den Erzrösten im Granetal geschleppt hatten. Rüstiger schritten sie aus, als die Höhe erreicht war. Auf dem Rückwege drückte nur leichte Bürde ihren Rücken: Kupferbarren, Bleibrote, der Gewinn aus der umständlichen und unvollständigen Art der Verhüttung, waren ihnen anvertraut. Vergnüglich klang das »I--ah« des Leitesels in die kühle Novemberluft, als wolle er seiner Freude Ausdruck geben über den warmen Stall und die gutgefüllte Krippe, die seiner harrten.

Unten im Granetal verhallten die letzten Axtschläge der Holzfäller an den Berghängen, die in den Waldungen der Silvanen, der Waldherren, das Holz fällten, welches zum Rösten und Sintern des Erzes nötig war. Vom Glockenbrunnen her, der das klare Wasser des Glockenberges dem Tage wiedergibt, lagerten sich die dicken Schwaden schwefligen Rauches über der Talsohle, wo die Rosthaufen des Erzes unter der Hut rußiger Wächter schwelten.

Zwei Männer verließen die Stätte und wandten sich ebenfalls dem Erzwege zu. Mager und langstelzig der eine, kurz und rundbäuchig der andere.

»Gemach, gemach, Nachbar Richerdes«, mahnte der kleine Dicke. »Wir wollen kein Wettrennen veranstalten. Ihr kommt noch rechtzeitig in der Bergstraße an, um Euch von der Eheliebsten den Abendtrunk kredenzen zu lassen.«

Der Lange verhielt etwas im Schritt, bis der Begleiter ihn wieder eingeholt hatte. »Wollte hoffen, es wäre so«, sprach der Hagere grämlich. »Aber Ihr wißt doch, daß die Frau seit Monaten siecht. Zu Hause sehe ich schon lange kein fröhliches Gesicht mehr.«

»Entschuldigt, Nachbar, es war nicht böse gemeint«, begütigte der Waldherr Ludecke Bandelow. »Ihr habt aber doch wenigstens die Venne; die muß Euch doch ein wahrer Augentrost sein in diesem Ungemach, Euch und Eurer Frau.«

»Ich will es nicht leugnen und danke Gott, daß er sie uns schenkte für diese Zeit der Trübsal, doch lange wird ihr jugendlicher Frohsinn auch nicht mehr vorhalten, fürchte ich. Die Mutter aufheitern und den grämlichen Vater beruhigen, das ist nicht Jugendarbeit auf die Dauer. Ihr seht, ich male mich selbst nicht schöner, als ich bin. Aber der Henker soll auch die gute Laune behalten bei all dem Ärger mit dem Berge und dem Rat.«

»Wie steht Ihr denn jetzt mit ihm?« forschte Bandelow.

»Das könnt Ihr Euch leicht vorstellen, solange Karsten Balder regierender Bürgermeister ist. Ihr wißt ja, wie er es, offen und versteckt, gegen mich hat, er wie seine Freunde. Sein Gelüste kenne ich, ihm steht der Sinn nach meiner Gerechtsamen; die Ursachen liegen tiefer: mich trifft er, aber eine andere will er treffen.«

»Ich weiß, ich weiß, es gilt Eurer ...«

»Wozu die Namen?« unterbrach ihn Richerdes, »das ändert nichts an der bestehenden Gegnerschaft. Die Hauptsache ist, daß man den Gegner als solchen kennt.«

»Ja, das ist das schlimme, daß es möglich ist, ehrsamen und pflichttreuen Bürgern das Leben schwer zu machen unter der Flagge der Fürsorge für die Stadt. Eine nette Fürsorge das, die darauf hinausläuft, einem das bißchen Eigentum zu nehmen. Das scheint ja freilich im Zuge der Zeit zu liegen; denn wie man bestrebt ist, Euch die Berg- und Grubengerechtsame abzujagen, so will man uns unsere wohlerworbenen Anrechte auf die Forst abnehmen. Aber gebt nicht nach, keinen Zoll breit. Mit uns hat es der wohlweise Rat ja ähnlich vor; solange ich jedoch da bin, erhält er nichts.«

»Nun, ›abjagen‹ ist vielleicht nicht das richtige Wort,« fiel Richerdes ein, »Ihr wißt ja, daß er mich und andere auskaufen will. Daß der Preis nicht zu hoch gehalten ist, dafür sorgt aber schon der Regierende. Es sei im Interesse der Stadt, der Allgemeinheit, so bemänteln sie es gar schön. Aber ich kann und will das nicht einsehen. Weshalb soll denn jetzt auf einmal verkehrt sein, was man vor nicht gar zu langer Zeit selbst betrieb. Damals, als es hieß, Geld zu finden, Gewerke zusammenzubringen, war mein Vater gut genug zur Hergabe des Geldes. Ich weiß von ihm selbst, wie er sich gesperrt und gesträubt hat, ehe er den Beutel zog. Damals drängte und mahnte der Rat, es sei eine Tat für das Gemeinwohl; jeder Bürger, der es könne, müsse einspringen. Jetzt wollen sie es nicht recht haben, jetzt, wo die Sache nach den vielen Scherereien und Opfern sich als ergiebig zeigt.«

»Das ist's, damit habt Ihr ins Schwarze getroffen: sie gönnen Euch den Gewinn nicht, und da muß das Gemeinwohl herhalten. Bleibt nur fest wie ich. Meinen Anteil an der Forst bekommen sie nicht, und wenn sie noch so viel darum tun. Recht muß Recht bleiben.«

So tauschten die beiden wackeren Bürger ihre Meinungen aus über den habgierigen Rat, wie sie sein Vorgehen deuteten, und stiegen von der Höhe herab, vorbei an der Ratsschiefergrube, die schon von den Werkleuten verlassen wurde; denn die Schatten des Abends sanken immer mehr herab. An der Gose entlang klapperten der Wassermühlen unermüdliche Räder.

An dem Stadtgraben trennten sie sich mit einem Handschlag, denn Bandelow hoffte noch durch das Mauerpförtchen an der Frankenberger Kirche Einlaß zu gewinnen, die ragend und dräuend von der Höhe durch das Grau des Abends herabdämmerte. Richerdes aber folgte der Fahrstraße zum Klaustor, die seiner Wohnung in der Bergstraße näher lag.

Das Haus in der unteren Bergstraße war schon versperrt. In der Dunkelheit des Abends konnte man von ihm nicht mehr erkennen als die gewaltigen Umrisse, die in der engen Straße doppelt stark wirkten. Ein großer Torweg zu oberst war schon verschlossen, wie Richerdes feststellte; also mußte er den Klopfer des Haustores in Bewegung setzen, daß ihm Einlaß wurde. Die Hausglocke schnepperte noch eine Weile in immer mehr verklingenden Tönen nach, als er über den mit Steinplatten abgedeckten Hausflur schritt, um noch einen Blick auf den Hof und in die Stallungen zu werfen.

»Ist Besonderes vorgekommen?« fragte er eine Magd, die ihm begegnete. »Nein, nur die Frau hat des öfteren nach Euch gefragt.« Da gab er sein Vorhaben auf und wandte sich sogleich der Wohnung zu, die um wenige Stufen höher, zur Seite des Flures lag. In dem großen Wohnzimmer sandten die Kerzen eines mehrarmigen Leuchters ihre Strahlen umher. Sie scheiterten indes bei dem Versuch, bis in die dunkeln Ecken des Gemaches zu dringen. So dunkel war es nach der Rückwand zu, daß man kaum die Tür bemerkte, welche dort in die Schlafkammer führte. Sie öffnete sich in diesem Augenblick, und Venne, die Tochter, trat heraus, um den Vater zu begrüßen, da sie die Hausglocke gehört hatte.

»Wie geht es der Mutter?« war die erste Frage.

»Sie ist etwas unruhig, seit Ihr fort seid. Ich war froh, daß in Eurer Abwesenheit Schwester Jutta vom Kloster Mariengarten hier war. Ihr wißt ja, daß sie auf Mutter immer einen wohltätigen Einfluß ausübt. Auch heute legte sich unter ihrem gütigen Zuspruch die Gespanntheit der Nerven. 's ist eine gute Frau, diese Jutta; wir schulden ihr einen Gotteslohn. Ist es nicht gerade, als ob unter ihrer kühlen Hand und dem gütigen Trostwort alles Ungemach davonfliege?«