Venne Richerdes

Part 10

Chapter 103,758 wordsPublic domain

Aber dann kam doch der Abschied. In einem langen Kuß trank ihre Sehnsucht sich satt; Venne schlüpfte ins Haus. Zum ersten Male seit langem eilte sie an der Kammer der Mutter vorbei, ohne ihr noch gute Nacht zu wünschen; ihr Herz war zum Zerspringen voll von dem, was sie erlebt. Geräuschlos gewann sie ihr Stübchen. Doch eine wachte noch wie immer im Hause und kam, um ihr beim Auskleiden zu helfen. Katharine war es, die alte Magd, die sie als Kind schon gewartet hatte. Trotz des Widerspruchs Vennes machte sie sich daran, die Bänder zu lösen und die goldenen Schnallen der Schuhe zu öffnen. Versonnen lächelnd blickte Venne in die Weite, die Hand auf das ungestüm pochende Herz gedrückt.

»Du bist so seltsam heute«, unterbrach die alte Vertraute die Stille. »Darf Deine alte Katharine nicht wissen, was Dich bewegt?«

»Ach, Katharine, Du verstehst mich doch nicht, was soll ich Dir also bekennen?«

Da entgegnete die Alte unwillig: »Ich soll Dich nicht verstehen, da ich doch Deine Regungen und Gefühle von Deinem ersten Tage an in Dir habe entstehen und sich regen sehen? Meinst Du, ich bin blind? Also, hat er endlich gesprochen, der Herr Heinrich?«

Erschrocken blickte Venne sie an. »Aber woher weißt Du denn ...?« »Also habe ich doch recht«, fuhr Katharine unbewegt fort. »Seine Wünsche kenne ich von anderen, und was Du für ihn empfindest, war mir auch längst bewußt. Aber er soll sich hüten,« fuhr sie fast drohend fort, »sich Deiner unwert zu zeigen oder Dich zu kränken, dann komme ich über ihn.« Lächelnd, voller Zuversicht wehrte Venne ab: »Wie kommst Du zu solchem Argwohn, Katharine?«

»Ich hatte einen bösen Traum. Aber es steht bei ihm, daß der Traum sich nicht erfülle.« Damit verließ sie die Glückliche.

Zweites Buch

Vor den offenen Arkaden des +Collegio di Spagna+ lösten sich die Sänften und Karossen der Bologneser in ununterbrochener Folge ab und entleerten sich ihres lebendigen Inhalts. Schöne Frauen schlüpften heraus in kostbarsten, duftigen Gewändern, das liebliche Antlitz den gaffenden Zuschauern unter einem leichten Schleier verbergend. Würdenträger schritten die Stufen hinan in ihrer reichen Amtstracht. Würdige Gelehrte, Geistliche im schlichten dunklen Gewande, kühn blickende Jünglinge in der modischen Tracht der Zeit, sie alle hatten dasselbe Ziel: die Festgemächer in dem spanischen Kollegium der Universität, in denen heute, wie alljährlich, der neue Dekan seinen Amtsantritt festlich beging.

Im Empfangssaale, dessen kristallene Kronleuchter das Gold der Decke wie das Marmorgetäfel der Wände widerspiegelten, wartete der Hausherr mit seiner Familie der Gäste und begrüßte sie, je nach Rang und Stand, mit besonderer Höflichkeit oder freundlicher Herablassung, aber immer mit der unnachahmlichen Zuvorkommenheit und Würde, die dem Spanier vor anderen eignet.

Ein lebhaftes Stimmengewirr in vielen Sprachen durchzog bald den Raum, gedämpft indes durch die Rücksicht, die man sich und den anderen schuldete, um nicht als unhöflich aufzufallen.

Das Festmahl, das in einem herrlich geschmückten, großen Saale vor sich ging, sah alles vertreten, was die alte Stadt an Anmut und Würde, an Reichtum und Gelehrsamkeit in ihren Mauern barg. An der Tafel wechselten die auserlesensten Gerichte, in den Kelchen funkelte edler Wein.

Wo die Jugend saß, ging die Unterhaltung am lebhaftesten vor sich. Perlend flossen die Neckereien vom Munde der schönen Damen, mit witziger Anmut übten die Herren die Gegenwehr aus. Ernster floß der Rede Strom, wo Gelehrte über Fragen der Zeit das Wort führten. Hier schwärmte ein Jünger im Apoll seiner Dame von der Schönheit Petrarkischer Sonette vor, dort bewies ein Kriegsmann in glänzendem Gewande, daß sein Beruf der allein des strebenden Menschen würdige sei.

Gisela von Wendelin mit ihren Eltern zählte zu den Gästen. Ihr Kavalier, der Sohn des Podesta, unterhielt sie lebhaft, aber sie schenkte ihm nur zerstreut Gehör. Ihre Gedanken eilten über die Alpen in die norddeutsche Stadt, wo der heimlich Geliebte, nie Vergessene nun schon seit langem weilen mußte. Noch hatte sie kein Lebenszeichen von ihm wieder erhalten. Und außerdem lastete es auf ihr wie ein Druck, wie die Vorahnung kommenden Unheils, ohne daß sie sich Aufschluß über ihre Gefühle zu geben vermochte. Ihre Blicke kreuzten sich mit dem des Vaters, der ihr in einiger Entfernung gegenübersaß. Gütig lächelnd nickte er ihr zu, da wuchs auch ihr wieder die Zuversicht.

Die Freude des Abends stieg mit der Dauer des Festes; sie schimmerte wieder in den glänzenden Augen der Damen, sie erklang aus den frohen angeregten Gesprächen der Männer. Da ging noch ein letzter, einsamer Gast in das Haus. Unhörbaren Schrittes und ungesehen schritt er an der Reihe der Diener vorüber, ungesehen betrat er den Saal.

Sein glühender Blick überflog die Gäste. Dann näherte er sich der Festtafel. Hinter der schönsten der Damen hielt er an und beugte sich zu ihr nieder. Sie erblich unter seinem Hauch, und der zarte Leib erschauerte in Entsetzen. Und weiter ging der Gast. Dieses Mal war ein würdiger Ritter sein Ziel. Der zuckte zusammen und griff nach dem Herzen, aber er behielt sein Geheimnis für sich. Und weiter schritt der Unheimliche und beugte sich hier und beugte sich da. Und wo immer sein Hauch das Antlitz eines Gastes streifte, da erblichen die Wangen und erlosch die Freude. Und dann ging der Fremde davon, wie er gekommen, ungesehen und ungehört von den Dienern und nicht erkannt von der Menge der Gaffer. Das Fest aber wurde abgebrochen, weil, unbegreiflich und unerklärlich, ein Unwohlsein die Gäste befiel, die der Fremde gezeichnet. Am nächsten Tage schon in der Frühe, da wisperte es in der Stadt und raunte und ging in laute Wehklagen über: »Der Schwarze Tod ist da, die Pest ist in der Stadt!«

Wir nüchternen und klugen Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts wissen, wo diese Geißel des Menschengeschlechts ihre Heimat hat, wenn wir ihrer auch noch nicht Herr geworden sind. Zwischen dem Tianschan-Gebirge und dem Altai, im fernen Asien, im Osten auf das Sandmeer der Wüste Gobi blickend, im Westen auf die Kirgisensteppe herabschauend, erhebt sich der Tarbagatai, das Murmeltiergebirge, nach dem Tarbagan, dem Murmeltier, benannt. Dieses Tierchen, das zu Millionen dort haust, ist der Träger des Pestkeimes. Und wenn es selbst dieser Seuche erlegen, wirkt noch sein kleiner Leichnam als Überträger an allem, was in seine Nähe kommt, Tier und Mensch. Die Menschen fliehen aus ihren Siedlungen und tragen den Krankheitsstoff zu ihren Nachbarn. Und alles muß der Schrecklichen dienen, was Bewegung hat, Wind und Wasser, um ihre Herrschaft auszubreiten.

Unsere Vorfahren standen dem furchtbaren Würger in ohmächtigem Grausen und Entsetzen gegenüber; nichts anderes wußten sie ihr entgegenzusetzen als dumpfe Verzweiflung, wildes Wehklagen, brünstige Frömmigkeit oder tierische Lust. Wehe dem Ort, den diese Geißel überfallen, wehe der Stadt, in deren enge Gassen und dumpfe Häuser sie Einkehr hielt.

Sie kam nicht ohne Vorzeichen, so wußte es das Volk: Geflügelte Rosse am nächtlichen Himmel, mit seltsamen Reitern auf ihren Rücken, zogen unter Horrido mit der Meute auf den Wolken dahin. Öffnete man einen Rosenapfel, so entwich daraus wohl eine winzige Spinne. Dann war die Pest nahe. Sie wurde von Teufeln und bösen Geistern in die Brunnen gepflanzt; auch schlimme Menschen, Hirten, Hexen, Zigeuner und Juden vergifteten das Wasser.

Man suchte sie abzuwehren durch verdoppelte Frömmigkeit, Fürbitten der Heiligen und Wallfahrten. Aber eines guten Tages war der unheimliche Gast da. Wer es konnte, floh von der Stätte, wo sie einbrach, doch er war seines Lebens darum nicht viel sicherer; denn die anderen draußen erschlugen ihn, wenn sie erfuhren, daß er aus einem verseuchten Orte kam, um mit dem Träger die Krankheit am Vordringen zu hindern.

Wehe, dreimal wehe aber den Kranken selbst und den Häusern, in die der Schwarze Tod Einzug gehalten! Sie wurden gezeichnet, versperrt, daß niemand hinaus oder herein könne. Der Kranke mit seinen Angehörigen war von aller Welt abgeschlossen, und sie konnten verhungern, wenn sich nicht eine barmherzige Seele fand, die ihnen heimlich Nahrung zutrug.

In Bologna wütete die Seuche wie nie zuvor. Anfangs kündeten noch die Glocken, daß wieder ein Bewohner der Stadt ihr zum Opfer gefallen sei; aber dann schwiegen auch sie, denn ihr klagendes Gewimmer hätte sonst den Tag und die Nacht durchgellt. Die Stadt war tot. Vermummte Träger durchzogen mit Bahren und Karren die Straßen und lasen die Toten auf, die aus den Fenstern gestürzt wurden. Es lag auch wohl einmal einer unter ihnen, aus dem noch nicht alles Leben entflohen war: sie achteten des nicht, wer auf den Bahren und Karren lag, wanderte auch in die großen, mit Kalk gefüllten Gruben vor den Toren.

Die Pest, die wie ein hungriges Raubtier sich auf die unglückliche Stadt gestürzt hatte, zog nach Monden wie ein satter Gläubiger davon, der dem armen Schelm den Rest der Schuld stundet, bis es ihn gelüstet, wiederzukehren, um sich auch das Letzte als verfallenes Pfand zu holen. Verödet lagen die Häuser, verlassen die Straßen. Familien waren ausgetilgt, Geschlechter erloschen. Noch wich der Nachbar dem Nachbarn aus, wenn er ihn von fern sah. Aber leise, leise regte sich doch die Hoffnung, daß der Würger gegangen, und langsam keimte die Freude, daß der eigene Leib nicht von der Geißel geschlagen sei.

Giselas Vater war einer der ersten gewesen, welche dem grausigen Gaste auf seinen Wink folgten. Wenn das Wort nicht trügt, daß die Ängstlichen der Krankheit am ersten verfallen, so bewahrheitete es sich auch an der Mutter. Scheu hielt sie sich von dem einst so sehr geliebten Gatten fern, und laut ertönte ihr Jammern, als die ersten Anzeichen der Seuche sich auch bei ihr zeigten.

»Ich will nicht sterben, ich will nicht sterben!« so gellte ihr klagender Ruf durch das Haus. Aber vergeblich erklang ihr Flehen und Wimmern, auch sie trugen die schwarzen Männer nach einigen Tagen davon.

Nun war Gisela ganz allein in dem großen, leeren Hause. Sie hatte den Vater gepflegt, und sein letzter, dankbarer und trauriger Blick galt der treuen Tochter. Sie wich auch nicht vom Lager der Mutter, bis diese die Augen schloß. Unheimlich war es in dem öden Hause. Die Diener geflohen, die Mägde gestorben oder davongelaufen. Sie wäre verhungert, hätte ihr nicht eine fromme Frau aus dem Kloster der Ursulinen, erwiesener Guttaten eingedenk, heimlich Nahrung gebracht. Als die Sperre von den Häusern genommen wurde, als die Tore sich öffneten, da fand sie sich als eine einsame Waise unter Fremden; die Befreundeten und Verwandten tot, die Bekannten, soweit sie lebten, an fernen Orten. Hilflos, einsam wohnte sie im Hause der Eltern und hätte des Trostes mitleidiger Menschen doch so sehr bedurft.

Was hielt sie noch in dieser Stadt, die ihr fremd geworden, wo die gespenstig leeren Häuser und Straßen ständig an das Unglück gemahnten, das sie betroffen? -- Da stieg die Sehnsucht in ihr auf nach dem fernen Deutschland, nach der liebevollen Base und die Erinnerung an den Mann im selben Lande, dem ihr Herz noch in gleicher Liebe entgegenschlug wie einst. Und sie faßte den Plan, der Freundin zu schreiben, sie um Obdach zu bitten, und so kam dieser Plan zur Ausführung.

Nachdem das Gebirge die Oker aus der engen Haft entlassen hat, in der sie sich, vom Bruchberge herabhüpfend, zwischen steilen Bergen und jäh abstürzenden Felswänden dahinwand, lacht bei dem rauchigen Hüttenort Oker die Freiheit. Fröhlich eilt sie in die lockende Weite, und über dem Staunen ob der neuen, fremden Welt, entgleitet ihr alles, was sie tändelnd und spielend an sich hielt, glattrunde Kiesel und feinkörniger Kies. Denn die Wasserfrauen haben ihr ins Ohr geraunt, da draußen, unter den Menschen, müsse man sich ehrbar und gesittet benehmen, wolle man Achtung genießen.

So wird aus dem wilden Gebirgskinde ein ruhig dahinziehendes Wasser. Aber hat es die Wildheit abgetan, so ist ihm dafür die Eitelkeit in die Glieder gefahren. Kokett sich drehend und windend, als wolle es mit eigenen Augen die rückwegige Schönheit bewundern, durchmißt es das Stück von Börßum bis nordwärts Braunschweig. So geht der Weg dahin zwischen flachbordigen Talwangen, bis es weiter nordwärts in die Heide kommt und nun sich vollends den Erwachsenen zurechnet. Unter dem ernsten Heidevolke ist auch die Oker ein stilles, ernstes Gewässer geworden.

Doch bevor sie das beschauliche Dasein eines besinnlich und bedächtig seines Weges schreitenden Alten erreichte, hatte sie schon zu jener Zeit nützliche Arbeit unter den Augen der Menschen zu leisten. Vor der Festung Wolfenbüttel wurde sie in viele Arme zerteilt, die das Schloß der braunschweigischen Herzöge, wie die Festung selbst mit einem schützenden Wassergraben umzogen oder in der Stadt die Mühlen trieben.

Gleiche Dienste fielen ihr auch in der einige Wegstunden nordwärts gelegenen Stadt Braunschweig zu. Suchte sich der Herzog gegen Angriffe von seinesgleichen zu schützen, so trieb die Braunschweiger bei der Sicherung ihrer Stadt, je länger, desto ausgesprochener, der Wille und Wunsch, dem eigenen Landesherrn Trutz bieten zu können. Wenn der Welfe auf die Höhe des Lechelnholzes ritt, eine halbe Stunde nordwärts seines eigenen Schlosses, konnte er den Turm von St. Andreas in die Lüfte ragen und die Stümpfe des Domes Sankt Blasius, wie das Heer der anderen Kirchen sich erheben sehen. Dann wallte wohl in ihm der Groll auf über die ungehorsame Tochter, die sich ihm verschloß und seine Gesandten abschlägig beschied auf sein an den Rat gerichtetes Ansinnen oder sie gar mit höhnischer Antwort heimschickte.

Und dabei mußte er seinen Zorn in sich hineinwürgen, denn es gab kein Mittel, um die Widerspenstige zu zähmen oder zu überwinden, im Gegenteil, die Erfüllung dieses Wunsches rückte in immer größere Fernen, je mehr die Macht der Stadt stieg. Übel lohnte sie es den Nachfolgern Heinrichs des Löwen, der ihr die erste Befestigung gegeben und den prächtigen Dom errichtet hatte, so mochte der Nachfolger selbst urteilen.

Aus der kleinen Siedlung, die der Herzog Bruno zur Zeit der Karolinger gegründet haben sollte, war ein mächtiges und volkreiches Menschenzentrum geworden. Die große Heerstraße, die nördlich des Harzes und hart am Südrande der menschenleeren, unwirtlichen Lüneburger Heide das Deutsche Reich von Westen nach Osten durchzog, wie die Wege nordwärts zu den Handelsplätzen der Nord- und Ostsee schrieben ihr die Rolle vor, die sie zu spielen berufen war. Der Anschluß an die Hansa, deren Quartierstadt im niedersächsischen Kreise sie bald wurde, hob ihr Ansehen und ihre Schönheit.

Mit Goslar, zu dem es viele Handelsbeziehungen unterhielt, verbanden es freundnachbarliche Bande, die um so enger wurden, je mehr der Ärger des Herzogs auf sie selbst und sein Neid auf die reiche Stadt am Harz, ihr Bergwerk und ihre Forsten offenbar wurde und gleiche Gefahr für beide kündete.

Der Reichtum seiner Bürger war fast sprichwörtlich geworden, und sie steuerten davon gern und willig nach den Schatzungen ihres Rates, um die Selbständigkeit der Stadt zu sichern. Wohl ausgestattete Arsenale, eine stattliche Zahl von Söldnern unter kriegserprobten Offizieren, denen im Falle der Not die wehrhafte Bürgerschaft sich noch zugesellte, hatte sie befähigt, den Herzögen auch im offenen Felde mehr als einmal standzuhalten.

Groß war die Zahl seiner Einwohner, zu groß fast für die Enge der Mauern und die Erwerbsmöglichkeit. Daher zogen viele seiner Söhne hinaus in die Fremde, um als tapfere Landsknechte Beute und Reichtümer zu erwerben. Ganze Fähnlein marschierten aus den Toren, unter heimischen Hauptleuten. Viele gingen in den Wirren und Kämpfen auf den Kriegsschauplätzen in aller Herren Länder zugrunde. Manche kehrten zurück nach einem Leben der Wanderung und Mühsal, um in der Heimat, fern dem Kampfeslärm, ihre Wunden zu heilen und der Ruhe zu pflegen; wenige nur unter ihnen sahen ihre Träume erfüllt.

Von den Offizieren stieg mancher zu hohem Ansehen. Der Name ›Braunschweigischer Hauptmann‹ hatte draußen einen guten Klang. Mehr als einer von ihnen führte ein Regiment oder war gar zum General aufgerückt. Verschlang sie nicht der Krieg, so kehrten sie wohl zuletzt auch in die Heimatstadt zurück, um in behaglicher Ruhe von erkämpften Siegen und gewonnenem Ruhm zu träumen. Zu ihnen gehörte auch der Obrist von Walldorf, dessen Damen in Bologna den neugebackenen Doktor juris Johannes Hardt von dem Hause Wendelin Abschied nehmen sahen.

Die Walldorfs wohnten in einem behaglichen Patrizierhause an der Echternstraße. Die Wallfahrt nach Rom hatte gute Dienste getan, und Glück und Zufriedenheit herrschten in dem gastlichen Hause. Johannes hatte einmal bei ihnen vorgesprochen. Er war schon seit Jahresfrist in den Dienst seiner Stadt getreten, und der Rat schickte ihn, in Erinnerung seiner bewiesenen Zuverlässigkeit, mit einem wichtigen Schreiben an die Braunschweiger dorthin.

Wenn Johannes gehofft hatte, bei dieser Gelegenheit etwas von Gisela zu hören, so sah er sich in dieser Erwartung getäuscht, denn es war noch kein Lebenszeichen von den Wendelins über die Alpen gekommen, seit die Damen zurückkehrten.

Trauer bemächtigte sich seiner, wenn er sah, wie die Erfüllung seiner Hoffnungen in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt blieb, während alle diejenigen daheim, denen er nahestand, dem Ziele ihrer Wünsche nahegekommen oder es erreicht hatten. Venne Richerdes war dem Heinrich Achtermann verlobt, und es schien nur noch eine Frage von kurzer Zeit, daß die Hand des Priesters sie zusammengab. Erdwin Scheffer hatte seine Monika heimgeführt und war wohlbestellter Weibel des Rates. Wenn die Zeit es erlaubte und die Gäste im ›Goldenen Adler‹ sie nicht zu sehr in Anspruch nahmen, schlüpfte Immecke Rosenhagen in die Wohnung des jungen Paares, um sich des Glücks ihrer Kinder zu freuen und das kleine Großtöchterchen auf ihren Armen zu wiegen, das das leibhafte Ebenbild ihrer Monika zu werden versprach. Allen hatte das Glück seine Tore geöffnet, nur ihm blieben sie verschlossen. Traurig und niedergeschlagen kehrte Johannes nach Goslar zurück.

Wenige Wochen darauf traf in Braunschweig der Brief Giselas mit der erschütternden Kunde des Todes ihrer Eltern ein. Die Antwort, daß sie bei den Walldorfs herzlich willkommen sei, ging sogleich nach Bologna ab, aber es verlief doch der Winter, ehe sie selbst ankam.

Richenza hielt es für selbstverständlich, an Johannes Hardt sogleich Nachricht von der bevorstehenden Ankunft der Geliebten gelangen zu lassen. Aber hieß es für ihn sich in Geduld fassen, bis der hoffentlich nicht ferne Tag gekommen, wo er sie selbst von Angesicht zu Angesicht schauen würde. Als dann der Ruf der Freundin kam, fand er ihn voller Ungeduld. Dieses Mal wartete er keinen besonderen Auftrag des Hochmögenden Rates ab, sondern er brach nach Braunschweig auf, sobald es sich einrichten ließ. Bevor er abreiste, sprach er mit den Eltern über seine Pläne und Wünsche.

Des Vaters Absichten gingen andere Wege. Er hätte es lieber gesehen, daß der Sohn eine Einheimische freite, aus alter Familie, deren Einfluß und Ansehen dem Sohn gewiß auch für seine weitere Laufbahn förderlich gewesen wäre. Aber sein Zureden scheiterte an der Entschlossenheit des Sohnes, der erklärte, daß er Gisela zum Weibe wolle oder gar keine. Mit einem Seufzer gab jener zuletzt nach. Ob er einen besonderen Wunsch dabei zu Grabe trug, blieb Johannes verborgen.

Noch war er freilich auch der Zusage Giselas selbst nicht sicher. Wenn er aber des Abschieds in Bologna gedachte, schwanden alle Zweifel. Zu offen hatte ihr Herz ihm damals entgegengeschlagen, und er durfte hoffen, daß kein anderer inzwischen von ihm Besitz ergriffen hatte, sonst hätte sie wohl kaum den Weg nach dem fernen Deutschland eingeschlagen.

Die Brust geschwellt von seliger Erwartung und im Herzen tiefes Mitleid mit der vom Schicksal so Schwergeprüften, brach er nach der alten Stadt an der Oker auf.

Johannes war erschüttert, als er der Geliebten zuerst entgegentrat: Was hatte die Zeit aus dem lebensfrohen, lieblichen Geschöpf gemacht, das er vor einigen Jahren in Bologna verließ? Ein blasses Gesichtchen, aus dem die dunkeln Augen von tiefen Schatten umlagert, Mitleid heischend und hilfesuchend ihn anblickten, tauchte vor ihm auf. Als sie den Langersehnten, immer Geliebten vor sich sah, den Zeugen ihrer glücklichen Jugend im trauten Familienkreise, kamen ihr die Tränen aufs neue. Ein stilles Schluchzen erschütterte ihren zarten Körper. Johannes trat zu ihr und ergriff stumm ihre Hände. Aber als sie allein waren, da fanden sie Worte. Vor ihm entrollte sich das furchtbare Bild der Seuche in Bologna, und er vernahm aus ihrem Munde, wie grausig das Ende ihrer Eltern gewesen war. Da hielt er nicht länger an sich. Sanft zog er sie an sein Herz und träufelte ihr süßen Trost in die schmerzerfüllte Brust.

»Habe Vertrauen zu mir, Geliebte. Unter meinem Schutz wirst Du vergessen lernen, und die Vergangenheit liegt bald wie ein böser Traum hinter Dir. Mein Mütterchen wird Dich an ihr Herz schließen als zweite Tochter, und in der Schwester gebe ich Dir eine Freundin, die mir beistehen wird, den letzten Gram in Deiner Brust zu tilgen.« Da lächelte sie ihn unter Tränen an. Doppelt liebreizend war sie in ihrer rührenden Hilflosigkeit. Aber eine leise Röte der Zuversicht und Freude stieg in die blassen Wangen.

»Oh, wie danke ich dem Himmel, daß er Dich mir schenkte. Ich weiß nicht, wie ich die furchtbare Bürde allein weiter hätte tragen sollen. Habe Dank mein einzig Geliebter, habe Dank!«

Innig drückte sie sich an ihn, und Johannes besiegelte seine Schwüre mit einem heißen Kuß.

Diesmal war der Abschied für ihn nicht so schwer. Er ließ die Geliebte in treuer Hut zurück. Es galt nur noch, das Nest zu bereiten für ihr Glück. Bald, so hoffte er und vertraute sie, hatte auch für sie die Zeit der Trennung ein Ende für immer.

Neben den Beziehungen freundschaftlicher und politischer Art, die zwischen den Städten Braunschweig und Goslar bestanden, liefen Fäden hin und her vom Schlosse des Welfenherzogs zu Wolfenbüttel nach der alten Reichsstadt am Fuße des Rammelsberges, von denen der Rat nichts wußte oder die doch so geheim gesponnen wurden, daß er sie nicht zerschneiden konnte. Nach Wolfenbüttel und noch nach einer anderen Stätte hin reichten sie, die wiederum nur dem Herzog und seinem Vertrauten und einigen wenigen bekannt waren. Die aber hüteten sich weislich, mit ihrer Kenntnis hervorzutreten; denn es wäre ihnen nicht nur eine angenehm fließende Geldquelle dadurch verschüttet worden, sondern sie hätten sich auch der Gefahr ausgesetzt, daß sich Meister Rotmantel ihrer annahm, der in jener Zeit, wie seine Berufsgenossen andernorts, in Goslar sein gutgehendes Geschäft ausübte, darin bestehend, daß er die Neugier eines wohlweisen Rates über ihre Tätigkeit in Gegenwart von den Bevollmächtigten des Rats zu befriedigen suchte, wobei er nur durch freundliches, aber dringendes Zureden zur Antwort mahnte.

Es gab da allerhand Mittel und Mittelchen, um auch die Schweigsamsten zum Reden zu bringen, von den Daumenschrauben bis zum Strecken des Körpers, wobei die Glieder allerdings aus ihren Gelenken gerissen wurden. Und half das noch nichts, so griff man noch zu gröberen Mitteln, die wir auszuführen Bedenken tragen, um nicht die nächtlichen Träume leicht erregbarer Leserinnen mit allerhand fragwürdigen Gestalten zu erfüllen.

Im übrigen ging alles nach einer peinlich festgesetzten Ordnung, auch das Bezahlen. Der Henker wußte genau, was er nach getaner Arbeit vom Säckelmeister eines Hochmögendes Rates zu erwarten hatte oder was er, nachdem das Erforderliche der Frau Eheliebsten abgeliefert war, in der Herberge oder im Ratskeller aus dem angeketteten Becher sich zugute tun durfte.

Zu solchen Personen, welche ihre Tätigkeit vor der Neugier des Rates ängstlich verbargen, gehörte zum Beispiel die Gittermannsche aus der Dröwekenstraße, wie ihr Vetter, der Schäfer Hennecke Rennenstich, der »Up den Ymminghove« Wohnung und Beschäftigung fand.