Part 11
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Von dem Nordabhang des Lindthalskopfes, der seine steile Stirnseite dem tiefen Graben des Innerstetales zukehrt, hüpft eilenden Laufes der Steimkerbach herab. Die Sonne bekommt dieser muntere Geselle erst zu sehen, wenn er den Gebirgswald verläßt; denn bis dahin überschatten ernste Tannen und laubdunkle Buchen und Eschen sein schmales Bett. Verträumt blinzelt er auf und eilt dann, im vollen Lichte des Tagesgestirns und doch ungesehen, unter Lattich und hängenden Weidenbüschen durch die Wiesen dahin, bis unfern des Dorfes Lutter am Barenberge er sich der Neile vermählt.
Frei geboren und frei geblieben bis zu der Stelle, wo er seinen Lauf beendet, darf das Wässerchen von sich rühmen; denn des Menschen Hand hat ihm kein Joch auferlegt. Dasselbe gilt auch von dem Dolgerbach, der in kurzem Lauf mit dem Kiefbach zusammen den Steimkerbach aufsucht. Aber der Dolgerbach war nicht immer frei. Vor Jahrhunderten, als noch das Dorf Dolgen stand, mußte er eine Mühle treiben, die unweit des Dorfes gelegen war.
Damals war das Tal des Steimkerbaches noch düsterer und finsterer als heute. Urwaldartig deckte der Wald die Hänge und die Talsohle, und den Eingang am Waldessaum versperrte dichtes Gestrüpp. Nur der Hirsch, der zur Tränke zog, und der Eber, der in seinem Sumpf suhlte, störten die Stille, welche das Tal füllte. Menschen verirrten sich nicht dorthin, und selbst der herzogliche Jäger, der im Dorf Dolgen hauste, mied die Stätte, denn es war dort nach seinen eigenen Wahrnehmungen nicht geheuer. Wer Mut besaß, die Geister zu bestehen, die dort ihren Spuk treiben sollten, der fand an diesem Tal eine Stätte, in die ihm keines Fremden Neugier folgte. Und es gab solche Männer, die einen Unterschlupf fanden, wenn ihnen der Boden draußen in der Ebene zu heiß wurde, wilde Gestalten, denen das Wasser ein Feind und der Bartscherer eine unbekannte Größe waren.
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Man mußte wohl eine Stunde weit das Tal hinaufdringen und durfte ein zerschundenes Gesicht nicht scheuen, wollte man an das seltsame Heim dieser Menschen gelangen. Aber dann war man auch überrascht über das, was die Wildnis bot. Unter einem überhängenden Felsen, etwas abgekehrt vom Bache, erhob sich eine feste Hütte, aus Stämmen roh aufgeführt, die Fugen mit Moos verstopft.
Kleine Öffnungen, die verschlossen werden konnten, ließen etwas Helligkeit in das Innere, aber man war unabhängig davon: Fackeln und Kerzen ersetzten das Tageslicht, und wenn man nicht allzu große Ansprüche stellte, konnte man es sogar wohnlich drinnen finden. Die Wände waren mit Teppichen verhängt; mit Teppichen verschloß man auch die Fensteröffnungen im Winter, noch hinter den vorgelegten Läden, um die kalte Luft abzuwehren. An den Seiten liefen Bänke entlang, vor denen festgefügte Tische standen. Ebenso rohgezimmerte Holzschemel vervollständigten die Inneneinrichtung, abgesehen von einem offenen Herde, in dessen Nähe eisernes Kochgeschirr, Bratpfannen und irdene Näpfe verrieten, daß man ihn zu benutzen verstehe.
Der Rauch suchte sich einen Ausweg nach oben, wo und wie es ihm gefiel. Freiheit zu tun und zu lassen, was dem einzelnen beliebte, war überhaupt oberster Grundsatz in dieser Behausung. Wer schlafen wollte, erhob sich vom Tisch und suchte sein Lager auf Heu und Decken, wo es ihm gefiel und wo ein Platz sich bot. Nur ein kleiner Verschlag blieb davon ausgenommen, wo die Hausfrau ihr Lager aufschlug. Diesen Raum wagte ohne besondere Erlaubnis keiner der Gesellen zu betreten, denn die Eigentümerin war eine Respektsperson, selbst für diese wilden Männer.
Ein seltsames Frauenzimmer, das mit ihnen hier in der Wildnis wirtschaftete. Mit Schönheit war die Frau nicht überladen. Aus verrunzeltem Gesicht blickten schwarze, scharfspähende Augen den Besucher an. Die beiden gelben langen Eckzähne, die ihr von dem einstmaligen Reichtum geblieben, trugen auch nicht gerade zur Erhöhung ihrer äußeren Reize bei.
Hätte sie unter Menschen gelebt in einer Stadt, so wäre sie durch den Leumund der lieben Nächsten gewiß schon der Hexerei geziehen und dem hochnotpeinlichen Gericht wie dem Henker vorgeführt worden. Danach trug sie aber kein Verlangen, denn sie war Meister Rotmantel schon einmal überantwortet gewesen. Damals hatte man ihr allerlei Untugenden vorgehalten, wie zum Exempel, daß sie es mit der Ehrbarkeit nicht allzu genau nehme; sie war gestäupt und gebrannt worden, und man entließ sie mit der ernstlichen Vermahnung, immer eine gewisse Entfernung zwischen sich und der Stadt zu beobachten.
Diesen Rat befolgte Luke Meyse ehrlich, denn ihr lag wenig daran, sich bei Meister Rotmantel und seinen Knechten noch einmal in Behandlung zu geben.
Luke Meyse war wirklich einmal schön gewesen, sehr schön sogar, aber die Schönheit wurde ihr zum Verderben. Sie stieg ihr so sehr zu Kopfe, daß sie, ehrlicher, einfacher Leute Kind, meinte, sie sei zu etwas Höherem geboren, als des Nachbars Sohn Tyle zu freien. Es kam auch ein Höherer und nahm sich ihrer Schönheit an, ein richtiger Edelmann. Aber als er sie genossen hatte, warf er sie beiseite. Nun war sie auch Tyle nicht mehr schön genug, und sie ging mit ihrer Schande auf und davon. Es fanden sich auch nachher noch Männer, denen die Reste ihrer Schönheit zusagten, doch sie sank dabei immer mehr, bis der Henker ihr das Mal aufbrannte.
Nun lebte sie schon seit vielen Jahren in dieser Wildnis, und ihre Gesellschaft waren Gesellen, die vor einer Berührung mit den Behörden oder mit Meister Rotmantel nicht minder bescheiden zurückwichen. Ihre Zahl schwankte je nach der Jahreszeit und ihren »Geschäften«. Nur selten erlitt sie auch eine plötzliche Einbuße, weil einem ihrer Genossen bei seinen »Geschäften« ein Stück Blei zwischen die Rippen gefahren war oder er seine Widerstandsfähigkeit gegen einen Hieb mit Schwert oder Hellebarde überschätzt hatte. Dann blieb sein Platz unbesetzt, oder ein anderer rückte an seine Stelle. Lange Gedächtnisreden wurden nicht gehalten. Ein Fluch über das Mißgeschick, und die Sache war abgetan. Kehrte einer oder der andere mit einer Wunde zurück oder litt er sonst an einer Gebreste, so brachte ihn Luke wieder zuwege.
Langeweile litt Luke Meyse nicht; denn einer oder der andere der Gesellschaft war immer anwesend, mindestens der einarmige Brand Cramer, dem sie bei einem Zusammentreffen mit Bauern dieses wertvolle Körperglied zerschmettert hatten. Er war Schaffner des Hauses und Stallmeister in einer Person. Denn auch Pferde fanden in einem an den Felsen gelehnten Schuppen Unterkunft.
Und dann gab es da noch ein junges Ding, Ylsebe genannt. Wie sie sonst noch hieß, wußte niemand. Man hatte sie an der Straße aufgelesen, wo sie neben der erschlagenen Mutter jämmerlich schrie. Sie war der Liebling Luke Meyses und der Verzug der ganzen Bande. Wild und lustig, mit krausem Haar und schwarzfunkelnden Augen, bildete sie das belebende Element der Hütte. Übergriffe gegen sie wußte Luke kurz und bündig abzuweisen. Wurde es Ylsebe zu langweilig im Steimkerbachtale, dann eilte sie wohl auf einen Sprung und einige Stunden nach der Dolgermühle zu ihrer Freundin, der roten Aleke Swarte, des Müllers Tochter, die ihr an Wesen gleichkam.
In der Dolgermühle traf sie sicher auch noch andere lustige Gesellschaft, denn dort fand sich auch gemeinlich allerlei Volk zusammen, ähnlich dem im Tale des Steimkerbaches. Die Mühle war verwahrlost, die Bauern gingen mit ihrem Korn lieber zur entfernten Pöbbeckenmühle, wo sie schneller und redlicher bedient wurden. Der Müller zürnte ihnen deshalb nicht allzu sehr, denn an der Ausübung seines Handwerks lag ihm wenig: Wozu sollte er die Mahlgänge bedienen, nachts den Schlaf versäumen, wenn er auf andere Weise bequemer und lustiger zu Gelde kam? Denn lustig ging es her bei ihm bei Essen und Zechen und Würfeln. Die Besucher ließen sich nicht lumpen für die schönen Sachen, die ihnen des Müllers Weib briet oder der Müller selbst aus dem versteckten Keller hinter der Scheune vorsetzte. Aber das waren nur die Nebeneinnahmen.
Den Hauptteil warfen die »Geschäfte« ab, die mit den Besuchern von ihm als vollgültigem Partner abgeschlossen wurden. Bei ihm wurde nämlich alles geplant, was heranreifte oder was sich zufällig bot. Wenn irgendwo in der Umgebung ein Überfall vor sich ging, ein Haus in Flammen aufloderte, ein reicher Bauer in seinem Bett erschlagen aufgefunden wurde, wenn die Städter mit ihren Herden in Seesen und Goslar geschatzt, ihre Wagenzüge angehalten und überfallen wurden, so war der Plan dazu sicher in der Dolgermühle ausgeheckt worden.
Hin und wieder tauchte ein Mann auf, der ein besonderes Ansehen besaß. Daß er unter den Gesellen eine bevorrechtete Stellung einnahm, ging schon aus der Anrede hervor. Er wurde als »Herr Hermann«, auch »Herr Raßler« angesprochen. Raßler war ein Mann von gedrungener Gestalt, dem die wilde Entschlossenheit aus den Augen leuchtete. Das gebräunte Gesicht wäre hübsch zu nennen gewesen ohne eine tiefe Narbe, welche die Stirn fast wagerecht durchzog. Er besaß alle Eigenschaften eines Führers: scharfes Urteil, schnelle Beobachtungsgabe und einen großen Mut.
Als Sohn eines Arztes in Hildesheim hatte er das juristische Studium ausüben sollen, wurde aber durch viele böse Streiche anfangs schon aus dieser Bahn herausgeschleudert und relegiert; doch er war kein Verbrecher von gewöhnlichem Schlag wie seine Leute. Er sah in sich ein Rachewerkzeug gegen die menschliche, verderbte Ordnung. Auf den Erwerb von Beute und Reichtum legte er nur insoweit Wert, als sie ihn befähigten, seinen Weg zu gehen.
Deshalb, weil er nie einen besonderen Anteil beanspruchte und seine Hilfsbereitschaft jederzeit sich äußerte, erkannten sie in ihm die Führernatur, die ihnen Gewähr bot, daß die ausgeheckten Pläne meistens ohne große Opfer durchgeführt werden konnten.
Hermann Raßler war kein Wegelagerer gewöhnlichen Schlages. Das erwies sich aus der Kühnheit seiner Pläne, wie der Art ihrer Durchführung. Er selbst trat nur bei den großen und wichtigen Sachen in Tätigkeit, die Kleinigkeiten überließ er seinen zahlreichen Helfershelfern. Wo sein eigentlicher Wohnsitz war, wußten nur wenige Vertraute. Er kam und verschwand, und niemand fragte, wo er bleibe. Daß er zur rechten Stunde zur Stelle sein werde, war ihnen Gewähr genug.
Die kleinen Untaten fielen nicht eigentlich auf sein Konto; er duldete sie, weil er seine Leute bei Laune halten mußte. Meistens richteten sie sich gegen Menschen, die sich durch Habsucht oder eine ähnliche Untugend verhaßt gemacht hatten. Sie bedauerte er nicht; denn er gefiel sich je länger desto mehr in der Rolle des Schicksalswalters, der berufen war, über die Ungerechtigkeit der Welt zu Gericht zu sitzen.
Raßler war ein weithin gefürchteter Bandenführer, und der Ruf seiner kühnen Streiche veranlaßte mehr als einen der Großen, sich seiner Dienste zu bedienen, um einem Gegner im geheimen Abbruch zu tun an seinem Eigentum. Kleine Städte und reiche Dörfer sollten ihm, so hieß es, um sich seiner Huld zu versichern, Tribut zahlen.
Zu seinen »Kunden« zählte auch der Herzog von Braunschweig. Er bediente sich seiner gegen die Stadt Braunschweig, namentlich aber gegen das reiche Goslar, um die Bürger mürbe zu machen zur Annahme seines fürstlichen Schutzes. Raßler übernahm diese Aufgabe besonders gern und willig, denn mit dem Rate in Goslar hatte er ein Hühnchen zu rupfen. Die Goslarer hatten ihm nicht nur, wie bei dem Treffen im Hohlwege bei Riechenberg, wertvolle Leute erschlagen oder aufgeknüpft, sondern er war ihnen besonders deshalb gram, weil bei einer dieser Gelegenheiten auch sein einziger, wirklicher Freund, der gleich ihm aus der Bahn geriet, in ihre Hände fiel und schimpflich gerichtet wurde.
Im Schlosse zu Wolfenbüttel war Raßler keine unbekannte Persönlichkeit, wenn er dort auch unter anderem Namen aus- und einging. Durch des Herzogs Spione in Goslar, die zum Teil recht angesehene Bürger waren, wie auch aus eigenen Quellen wurde Raßler über die Vorgänge in der Stadt immer im voraus gut unterrichtet. In seiner Kühnheit hatte er sich auch mehrmals selbst in die Höhle des Löwen gewagt, um an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen. Allerlei geschickte Verkleidungen ermöglichten es ihm, ungefährdet und unerkannt in die Stadt zu gelangen und aus ihr wieder zu entweichen. Verrat von der Seite seiner Spießgesellen in Goslar brauchte er nicht zu fürchten, denn im Falle der Entdeckung war ihr eigener Kopf auch verwirkt.
Um Magda Richerdes, die Ehefrau des Bergherren, stand es nicht gut. Auf eine geringfügige Besserung, kurz nach Vennes Verlobung, folgte bald eine Verschlimmerung ihres Zustandes. Der Arzt war ratlos, die Familie nicht weniger. Venne ging mit verweintem Gesicht einher; auch der Zuspruch ihres Verlobten vermochte sie nicht über die Angst und Sorge um das Leben der Mutter wegzubringen.
Die Kunst der Ärzte jener Zeit stand nicht hoch. Soweit sie sich über den Rahmen bloßer Scharlatanerie erhob, reichte sie doch nicht im geringsten aus, um durch eine von Sachkenntnis getragene Diagnose und die danach anzusetzenden Mittel eine Krankheit zu bekämpfen, deren Wesen nicht durch äußere Merkmale sich von selbst verriet.
Die Reinigung des Blutes durch Purganzen aller Art galt als Mittel zur Verhütung von Krankheiten, wie zur Erhaltung der Gesundheit. Schlimm wurde es erst, wenn der Aberglaube im Verein mit der Dummheit auf der Seite der Kranken diese einem der dunklen Kurpfuscher in die Hände gab, die mit albernen Beschwörungsformeln und Mitteln aus pflanzlichen und anderen Stoffen heilen wollten, deren Wirkung auf den Körper des Menschen durchaus nicht feststand.
Überall im Lande saßen die Männer und Frauen, die auf die Unerfahrenheit und die Angst um die Erhaltung des Lebens ihrer Nächsten spekulierten und ein Wissen ärztlicher Art vortäuschten, das günstigstenfalls nichts nützte, oft aber die vielleicht noch heilbare Krankheit in lebenslängliches Siechtum verwandelte oder gar den Tod herbeiführte. Der Scharfrichter, die Schäfer, alte Weiber üblen Rufes, denen man Umgang mit dem Bösen, auch übernatürliches Wissen nachsagte, das waren die am meisten begehrten Berater der Kranken jener Zeit.
Auch in Goslar gab es solche »Wissende«, und zu ihnen zählte die Gittermannsche in der Fröweckenstraße, wie auch der Schäfer Hennecke Rennenstich auf dem Ymminghove. Ihre Kunst und ihr Wissen gründeten sich auf überkommene Sprüche und Tränke aller Art, zu denen sie die Kräuter selbst suchten oder sich zu verschaffen wußten. Ihre Hauptberaterin und Lieferantin war Luke Meyse vom Steimkerbach, die einstmals von Goslar einen wenig befriedigenden Abschied nehmen mußte.
Die Zeit hatte die Beziehungen zwischen ihr und der Gittermannschen nie ganz zerstört, und die geheimen Boten, welche Goslar von Zeit zu Zeit im Auftrage Hermann Raßlers aufsuchten, sorgten dafür, daß die Fäden zwischen diesen beiden würdigen Frauenzimmern und Freundinnen nicht zerrissen. Sie überbrachten auch jeweils Mittel, die von der Gittermannschen bei ihren Gewaltkuren benutzt wurden.
Venne wie den Vater bedrückte es über die Maßen, daß der Mutter nicht geholfen werden konnte, und als der Arzt seine Ohnmacht erklärte, waren sie bereit, wenigstens Venne, auch andere Mittel zu nehmen, wenn es hülfe. Zunächst wurde Immecke Rosenhagen zu Rate gezogen, von deren heilkundiger Hand sie von den Hardts gehört hatten. Immecke kam, besah sich die Kranke, gab auch einige schmerzlindernde Mittel an, gestand aber im übrigen, daß sie des Leidens nicht Herr werden könne. Da verfiel die alte Katharina, die nächst Venne ihrer Herrin über alles zugetan war, auf den Plan, die Gittermannsche zu befragen, die ihr von guten Bekannten empfohlen wurde.
Katharina mußte die Art der Krankheit genau beschreiben, doch erklärte jene, es sei äußerst wichtig, daß sie die Kranke selbst sehe und spreche. Da wurde die treue Alte vor dem eigenen Mut bange, denn sie handelte ja ohne Ermächtigung ihrer Frauen. Doch die Liebe zu diesen und der brennende Wunsch, der Kranken Heilung zu verschaffen, überwog zuletzt die Bedenken. Was sie aber selbst noch an Mißtrauen gegen die geheimnisvolle Frau hegte, verscheuchte sie durch die drohenden Worte: »Das sage ich Euch, Gittermannsche, tut Ihr meiner Frau ein Leid an, so habt Ihr es mit mir zu tun, und mit mir ist nicht zu spaßen.«
Jene antwortete nur mit einem überlegenen Lächeln, als ob ihre Kunst für sie außer Zweifel stehe.
Venne schalt die alte Magd tüchtig, als sie von dem Besuche hörte, und die Kranke weigerte sich, mit der Frau in Berührung gebracht zu werden, die doch eine Hexe sei. Aber das Leiden wurde schlimmer, und Katharina kam hartnäckig immer wieder auf die Sache zurück. Schließlich gaben die beiden nach, und man einigte sich, daß zunächst Venne mit der Getreuen -- im Dunkel des Abends natürlich -- die Gittermannsche aufsuchen solle.
Die alte Vettel war von einer überraschenden Liebenswürdigkeit, denn ihr lag viel daran, in dem angesehenen Hause Zutritt zu erhalten. Auf Venne wirkte indes gerade diese Art widerlich und abstoßend, aber sie bezwang ihren Abscheu, um der Mutter zu helfen. Mit großer Zungenfertigkeit pries die Gittermannsche ihre Kunst und zählte tausend Mittel und Sprüche auf, die unfehlbar, schnell oder langsam helfen müßten.
Venne wirbelte der Kopf von all dem Gehörten, aber sie gewann doch die Hoffnung, daß das Weib vielleicht die Heilung in der Hand habe. Es wurde also verabredet, daß sie auf besondere Botschaft hin kommen solle. Nun galt es noch, der Mutter endgültige Zustimmung zu erlangen. Der Vater wurde nicht ins Vertrauen gezogen; man hoffte es so einrichten zu können, daß er nichts von dem Besuche erfuhr. Später, wenn, wie Venne hoffte, eine Besserung eingetreten war, sollte auch er davon hören.
Als die Gittermannsche an dem verabredeten Abend vorkam, hätte Venne ihre Zusage am liebsten zurückgenommen, denn sie sah hier in der sauberen Wohnung fast noch unheimlicher und schmutziger aus als in ihrer Behausung. Die Mutter tat ihr doppelt leid, die sich von diesem Geschöpf behorchen und befühlen lassen mußte. Aber die ließ alles so teilnahmslos über sich ergehen, daß sie die Einzelheiten gar nicht wahrzunehmen schien.
Als die Megäre mit der Untersuchung fertig war, sann sie nach, wobei sie den schmutzigbraunen Finger an die Nase legte. Venne sah ihr angstvoll zu, als ob ihr eigenes Leben von dem Ausspruch abhänge. Dann kramte jene ihre Weisheit aus.
»Der Fall liegt schwer; doch ich hoffe, das Übel mit der Wurzel zu fassen. Habt Ihr, Frau, etwa böse Neider oder eine Feindin, die Euch das Übel angetan hat? Denn ohne Zweifel seid Ihr versehen worden.«
Frau Richerdes antwortete, sie sei sich nicht bewußt, sich jemandes Feindschaft zugezogen zu haben, auch wisse sie keinen Menschen, dem sie so Böses zutrauen könnte. Da legte sich aber Katharina ins Wort. »Ihr vergaßet das Zigeunermensch, das wir damals fortjagten, weil die Frau, als sie, Euch wahrzusagen, sich in die Stube gedrängt hatte, es verstand, sich ein seidenes Tuch anzueignen, das in ihrer Nähe lag. Ihr waret gutmütig genug, sie straflos laufen zu lassen. Aber ich erinnere mich noch genau des bösen Blickes, den sie auf Euch warf, und geheime Worte murmelte sie auch im Weggehen.«
»Dacht' ich mir's doch,« sagte die Gittermannsche. »Die Zigeunerinnen verstehen sich besonders auf die Kunst des bösen Blickes, und einen Zauberspruch wird sie Euch auch noch auf den Hals geschickt haben, ohne daß Ihr es merktet. Da werden wir es gleich mit kräftigen Mitteln versuchen müssen, um der Sache Herr zu werden. Und es soll mit dem Teufel zugehen, wenn es uns nicht gelingt.«
Bei dem Worte ›Teufel‹ fuhren die Frauen zusammen, und die ängstliche Katharina erklärte energisch: »Wir sind gute Christen und wollen mit dem Gottseibeiuns nichts zu tun haben.«
»Ach, geht mir mit Euren Einwänden,« entgegnete die Gittermannsche. »Meint Ihr, ~ich~ habe mit dem Teufel zu tun oder will Euch ihm verschreiben? Aber was von ihm kommt, muß zu ihm zurück. Das werdet Ihr doch auch wohl gelten lassen, oder wollt Ihr's für Euch behalten? Ich werde Euch eine Brühe kochen, mit der Ihr Eure Schwelle besprengt. Daneben reibt Ihr der Kranken die Herzgrube mit der Salbe, die Ihr gleichfalls bekommen sollt. Die Salbe ist wunderlich zusammengesetzt, und ihr Geheimnis behalte ich für mich. Die Brühe aber mögt Ihr selbst kochen; also wisset, wie man's macht.
Kauft in Gottes Namen eine Muskatnuß, ohne um den Preis zu feilschen, schneidet sie durch und zerstoßt sie mit Buchenasche, die im Sommer gewonnen ist. Kocht das Ganze in einem Eimer fließenden Wassers und gießet es an einem Donnerstag in Gottes Namen auf Eure Schwelle, indem Ihr also sprecht:
›Dat et nu vorgae unde dem duvel nicht bestae. Im Namen des vaders unde des sones unde des hilghen gheistes.‹ Handelt genau nach meiner Vorschrift und wartet die Wirkung ab.«
Eine Belohnung wollte die Gittermannsche nicht nehmen, nein, es war ihr nur um die christliche Barmherzigkeit zu tun, und sie freue sich, einer so ansehnlichen Frau zu helfen. Katharina aber sorgte dafür, daß ihre Schürze in der Küche mit allen möglichen nützlichen und schönen Sachen gefüllt wurde.
So gewann die Gittermannsche Zutritt und Einfluß im Hause Richerdes. Hätte die gute Katharina geahnt, welchem Unheil sie damit die Tür öffnete, sie hätte jene nicht gerufen, selbst nicht um den Preis der Wiederherstellung ihrer Frau.
Auf dem Vater Vennes lasteten noch mehr Sorgen als die Krankheit der Frau. Was er damals dem Ratsherrn Achtermann zugesagt hatte, war in Verhandlungen mit dem Rate der Stadt herangereift. Richerdes wollte sein Grubenrecht um zweitausend Mark lötigen Silbers abtreten. Es handelte sich noch darum, die genaue Abgrenzung seiner Gerechtsame im Berge markscheiderisch festzulegen. Solange ging der Betrieb auf seine Kosten weiter.
Er konnte sich nicht verhehlen, daß der Ertrag immer geringer und zweifelhafter wurde, und es fiel ihm schwerer und schwerer, die Löhne und Gelder für Grubenholz aufzubringen. Der Silvane Bandelow, der ihm so viel von Freundschaft und nachbarlicher Gesinnung vorgeredet hatte, drohte mit der Einstellung der Holzlieferungen. Die Verhandlungen mit dem Rat kamen ihm dabei als Ausrede sehr gelegen. »Er habe ja abgeredet, zu verkaufen; ja, wenn Richerdes das Werk weiterbehalten wolle, aber so ...« Es mußte also Geld beschafft werden. Die Bekannten zeigten sich nicht geneigt, zu helfen; auch Achtermann gab unter allerhand Ausreden nichts her. Da blieb kein anderer Weg offen, als sich an die gewerbsmäßigen Herleiher zu wenden, wenn es auch vielleicht unchristliche Zinsen kostete.
Der Zuzug der Juden nach Goslar wurde von dem Rat immer von Fall zu Fall und mit zweckdienlicher Zurückhaltung geregelt. Er hatte sich dabei bislang immer durchaus als ein guter Geschäftsmann gezeigt, der eine Leistung nicht tut ohne Gegenleistung. Das bedeutet für die vielgejagten und verfolgten Kinder Israels nichts anderes, als daß sie zahlen und nochmals zahlen mußten, um die Erlaubnis zur Ansiedlung zu erlangen. Und da der Kaiser auch für seinen Schutz noch eine besondere Steuer ihnen auferlegte, so ergab sich für diese Schutzjuden des Rates und des Kaisers die Pflicht, zu zahlen und zu zahlen, um nur ein Obdach zu haben. Was Wunder also, daß sie daraus für sich die Erlaubnis ableiteten, zu nehmen, wo sich's ihnen bot, das heißt, ihren christlichen Mitmenschen ihre Hilfe in Form von Darlehen um Zinsen zu gewähren, bei denen jenen leicht der Atem ausgehen konnte.
Das Ghetto der goslarschen Juden war die Hokenstraße. Dort hausten sie zusammen, so viele oder so wenige ihrer in der großen Reichsstadt wohnten, gemieden von den Einwohnern, nur sich selbst lebend und ihren Geschäften. Verirrte sich ein Christ in diese enge, dunkle Straße, so geschah es sicher nur, um die Hilfe der Hebräer in Geldsachen in Anspruch zu nehmen.