Part 12
Es war dem ehrenfesten, angesehenen Bürger und Bergherrn Richerdes ein hartes Angehen, den Weg zu dem Juden Asser anzutreten. Dieser wohnte mit seinem Weibe Lusse in einem dunklen Hause nach dem Fleischscharren zu.
Er trat dem ernsten Mann, der da in der Dämmerung ins Haus trat, mit all der unterwürfigen Geschmeidigkeit entgegen, die den Leuten seines Stammes eignet im Verkehr mit anderen, vor deren Stellung und Person sie sich noch eine Förderung oder Schädigung ihrer Interessen versehen.
Auf dem Untergrunde seiner lebhaften, dunklen Augen glomm ein Schimmer wilder Freude, daß wieder einer der Andersgläubigen den Weg zu ihm, dem Verachteten, Geschmähten, fand in seiner Not und daß er auch in dessen Schicksal werde eingreifen können, um, wenn die Stunde gekommen war, den Anteil seiner Rache an dem verfluchten Christenvolk zu üben, zu der die ein Leben lang getragene Schmach und der durch Jahrhunderte vererbte Wunsch, den unauslöschlichen Haß zu löschen, trieben. Über die mißliche Lage seines Gegenübers, den er mit vollendeter Höflichkeit auf den Ehrenplatz nötigte, war er längst unterrichtet.
Asser -- die Juden hatten zu jener Zeit noch nicht das Recht, sich andere Namen zuzulegen -- hörte den Bergherrn ruhig an. Nur das nicht bezwungene Spiel seiner Augen verriet, daß er bei der Sache war. Richerdes schloß fast barsch: »Also, Jude, willst Du mir Geld leihen oder nicht? -- Daß es Dein Schade nicht sein wird, weißt Du selbst am besten.«
Auf einmal war Asser ganz zurückhaltender, kühler Geschäftsmann, wenn er auch in seinen Worten der geschmeidige, unterwürfige Jude blieb.
»Herr, es ist mir eine große Ehre, die Ihr mir Unwürdigem wollt antun; aber ich fürchte, ich werde Euch müssen enttäuschen. Jahve hat meiner Hände Arbeit gesegnet, das ist wahr. Aber was Euch erzählt haben andere Menschen von meinem Reichtum, ist Fabel. Gott der Gerechte soll mich strafen an meinem Samen, wenn ich habe in Besitz, was Ihr begehrt. Ihr wißt, daß der Hohe Rat, daß der Herr Kaiser in Wien haben auferlegt den armen Juden, große, schwere Lasten zu tragen, als wie will heißen, daß wir müssen zahlen große Summen, nur daß wir dürfen wohnen an solchem Ort wie Goslar. Wie soll ich da kommen zu Geld, um es zu geben Ew. Edelgeboren!
Auch ist mir bekannt, wie ich habe gehört, daß Eure Sach' nicht stehet zum besten, daß Euer Bergwerk nicht mehr lohnt die Kosten. Wie heißt da Geschäft, wenn nichts ist da, als womit man kann sich assekurieren gegen Verlust?«
Richerdes schwoll die Ader über dieses Wort, die seine Zahlungsfähigkeit in Frage stellte.
»Glaubst Du, verfluchter Jude, ich wäre zu Dir gekommen, um Dich zu betrügen?«
»Gott soll mich bewahren, daß ich sollte haben solch schwarzen Gedanken,« antwortete der andere geschmeidig, »aber man wird doch dürfen sprechen vom Für und Wider, wenn es sich handelt um ein Geschäft. So muß handeln ein ehrlicher Jud, der ich bin gewesen all mein Leben lang, und so wird sprechen jeder Kaufmann, der etwas versteht vom Geschäft. Mag sein, daß man mir hat geschildert viel zu schwarz Eure Lage, aber ich muß rechnen, was spricht dafür und was spricht dagegen.
Doch ich will Euch helfen, beim Gotte Abrahams, was steht in meinen Kräften. Wieviel wollt Ihr haben? Vielleicht, daß ich bringe zusammen das Geld von Freunden unter unseren Leuten. Doch müßt Ihr Euch begnügen mit weniger. Was wünschtet Ihr doch zu haben, günstiger Herr, daß ich's noch mal höre?«
»Hundert Mark Silber«, entgegnete Richerdes kurz, doch etwas besänftigt.
»Hundert Mark«, klagte der Jude. »Wo sollte ich hernehmen hundert Mark! Sagen wir fünfzig, fünfzig Mark. Das ist eine ansehnliche, glatte Summe, mit der Ihr werdet wirtschaften, bis daß es Euch geht besser oder Ihr habt Euer Geld vom Hochweisen Rat.«
»Was weißt Du, Jude, von meinen Verhandlungen mit dem Rat?« fragte der Bergherr unangenehm überrascht. »Nun nichts für ungut, Ew. Gnaden«, wandte Asser demütig ein. »Aber man hört ja dies und jenes; es braucht ja nicht immer zu sein wahr, aber man weiß doch gern, was geht vor sich.«
»Also, dann her mit dem Geld«, begehrte Richerdes barsch.
»Gott der Gerechte,« jammerte da der Jude, »wie soll ich kommen zu so grausam viel Geld, und wenn ich wollte kehren um mein Haus vom Dach bis zum Keller. Ich muß es mühselig mir selbst borgen zusammen. Kommt also morgen oder übermorgen, es abzuholen. Und, daß es nicht werde vergessen, der Ordnung halber, bringt auch gleich mit das Geschriebene, daß ich mag ruhig schlafen.«
»Es ist gut, Asser, ich werde morgen hier sein. Halte das Geld bereit, der Pfandschein soll Dir nicht fehlen.«
* * * * *
Auch das Geld des Schutzjuden Asser vermochte den Lauf der Dinge nicht aufzuhalten. Das Erzlager in der Richerdesschen Grube lief immer spitzer zu, und es war der Tag abzusehen, wo sie gänzlich zum Erliegen kommen würde.
Mit dem geliehenen Gelde konnte der Bergherr noch einige verzweifelte Versuche machen, durch Seitenschläge eine andere Erzader zu erschließen; doch auch diese Anstrengungen verliefen erfolglos. Nun drängte Richerdes selbst darauf, daß der Rat den Ankauf vollziehe, aber die Ratsherren waren auch über die Sachlage unterrichtet und trugen Bedenken, ein so unvorteilhaftes Geschäft für die Stadt abzuschließen. Vergeblich wies Richerdes darauf hin, daß der Verkauf ohne Vorbehalt hätte abgeschlossen werden sollen; vergebens auch bemühte er sich, darzutun, daß in vielen anderen Fällen schon neben einem sich totlaufenden Lager eine neue Ader gefunden sei, daß mindestens Aussicht bestehe, auf einer tieferen Sohle zu finden, was auf der jetzigen abgebaut sei; die Herren blieben bei ihrer Ansicht bestehen, daß der Vertrag noch nicht abgeschlossen sei und also die daraus für Richerdes erwachsenden Vorteile nicht gewährt zu werden brauchten.
Was der Ratsherr Heinrich Achtermann ihm früher als drohendes Gespenst vorgehalten hatte, um ihn zu einem Verkauf gefügig zu machen, das trat jetzt trotz seiner Nachgiebigkeit ein: Richerdes, der angesehene Bürger und Montane, war ruiniert, zahlungsunfähig.
Das lauteste Geschrei erhob der Schutzjude Asser, der sich um sein Geld sorgte. Jetzt, wo er glaubte, keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen auf den einst angesehenen Bürger und Christen, zeigte sich der ganze aufgespeicherte Haß seines Volkes. Er raufte sich das Haar, nannte sich den unglücklichsten aller Söhne Abrahams und schimpfte seinen Schuldner einen abgefeimten Spitzbuben und Betrüger. Diese Tonart wurde ihm allerdings bald verleidet durch eine Buße von mehreren Mark Silber, die der Rat über ihn verhängte wegen Kränkung eines Christen und bis dahin unbescholtenen Bürgers.
Er erhielt auch sein Geld, und zwar zahlte ihn der Ratsherr Heinrich Achtermann aus. Das geschah allerdings nicht aus christlicher Barmherzigkeit; er tat es auch nicht der nahen verwandtschaftlichen Beziehungen wegen, die durch das Verlöbnis nach der Anschauung jener Zeit als damit bestehend angesehen wurden. Er zahlte, weil er nicht wollte, daß der Vater der mit seinem Sohne verlobten Tochter in den Schuldturm wandere. Über die weitere Entwicklung der Dinge war er sich für seine Person völlig im klaren. Im übrigen sicherte er sich gegen Verlust durch ein Pfand auf das Anwesen des Bergherren.
Richerdes war durch das Unglück völlig niedergebrochen. In diesen Tagen, da das Unheil wie eine schwere Wolke über dem Hause in der Bergstraße lastete, zeigte sich Venne als eine wahre Heldin. Sie suchte den Vater aufzurichten, und sie pflegte die Mutter, deren Zustand sich infolge der Aufregungen immer mehr verschlimmerte.
Venne hatte niemand, um ihm ihr übervolles Herz auszuschütten, als die alte Vertraute ihrer Kindheit, die brave Katharina. Noch einmal wurde die Gittermannsche zu Rate gezogen, noch einmal versuchte es diese mit einer neuen Salbe, einem neuen kräftigen Spruch; aber das Ende war nicht aufzuhalten. Als die Blätter im lustigen Todestanze zur Erde wirbelten, schloß auch diese müde Erdenpilgerin die Augen für immer. Und es war zu erkennen, daß der Vater, an dem die Schmach der unschuldig erlittenen Verarmung und Erniedrigung zehrten, sie nicht lange überleben würde.
Auch die tapfere Venne drohte dem ungleichen Kampfe mit dem widrigen Schicksal, in dem sie allein auf dem Plan stand, zu unterliegen. Die einzige Wohltat, die ihr in dieser Zeit widerfuhr, war die treue Freundschaft, welche ihr von den Hardts entgegengebracht wurde.
Auch Immecke Rosenhagen bewies in diesen Tagen der Not, daß sie zur Stelle sei, wenn man sie brauchen konnte. Sie hatte längst erkannt, daß der Mutter nicht zu helfen war. Sie half mit einem stärkenden Trank, mit einer schmerzstillenden Salbe. Was die Gittermannsche anpries, war in ihren Augen und nach ihren Worten Schwindel. Sie redete den Frauen auch ab, sich mit der Person einzulassen, da man daraus Unannehmlichkeiten haben könne. Wenn Venne gegen ihren Rat handelte, so geschah es aus dem heißen Wunsche heraus, das teure, schwindende Leben so lange festzuhalten, wie sie konnte.
Und wo blieb Heinrich Achtermann, der Verlobte Vennes?
Seine Liebe war nicht geschwunden. Der Schmerz, der über dem süßen Antlitz Vennes lagerte, je trostloser der Zustand der Mutter wurde, machte sie ihm noch begehrenswerter. Doch die Pflege der Mutter nahm sie so in Anspruch, daß sie nur selten Gelegenheit fand, ihn zu sprechen. In heißem Mitleid schloß er sie dann in die Arme.
»Mein armes Herz, was kann ich nur tun, um Dir die Last tragen zu helfen, die Dich erdrücken muß? Laß mir doch den mir gebührenden Anteil an Deinem Leid. Du weißt, geteilter Schmerz ist halber Schmerz.«
Venne lächelte ihm dankbar unter Tränen zu. »Du kannst mir nicht helfen, jetzt noch nicht. Wer weiß, ob es nicht noch schlimmer kommt. Versprich mir nur das eine, daß Du mich nie verlassen wirst.«
»Deine Worte verdienen eigentlich Strafe,« zürnte Heinrich. »Hältst Du mich für einen solchen Schurken, daß ich Dich im Unglück aufgeben könnte?«
Beseligt nickte Venne ihm zu: Nein, sie war beruhigt, Heinrich Achtermann war einer solchen Sünde wider göttliches und menschliches Recht nicht fähig!
Der junge Achtermann, dem die Ratsherrnwürde in der Reichsstadt Goslar so sicher zufallen mußte wie das Erbe seines Vaters, war von der Aufrichtigkeit seiner Worte selbst völlig durchdrungen. Er liebte Venne mit all der Innigkeit und Glut, mit der er zuerst die Holde an sein Herz gezogen hatte. Wer ihm gesagt hätte, er werde die Braut verlassen, den würde er als persönlichen Feind behandelt haben. Aber er konnte nicht hindern, daß der Vermögensverfall des Vaters seiner Venne auch ihn in seine Kreise zog. Es fanden sich gute Freunde, die ihm unter dem Mantel teilnehmender Worte das Gift ihres Hohnes einträufelten. Manche vermeintliche oder wirkliche Kränkung, die ihnen von Venne in der harmlosen Sieghaftigkeit ihrer jugendlichen Anmut unbewußt zugefügt war, manche Zurücksetzung, die ihretwegen neidische Freundinnen erfahren hatten, fanden jetzt Gelegenheit zu unschöner Vergeltung.
Heinrich Achtermann widerstand tapfer; er wies alle Andeutungen, daß er Venne aufgeben müsse, entrüstet zurück. Aber der Stachel blieb doch sitzen, und die Überlegung in den stillen Stunden der Nacht konnte jenen nicht unbedingt unrecht geben: Hatten sie nicht recht, war es nicht eine sehr zweifelhafte Sache, die Tochter eines verarmten Mannes zu freien, welcher der schimpflichen Schuldhaft nur durch die Hilfe des Vaters entgangen war? Und würde es je gelingen, die Lästermäuler zum Schweigen zu bringen? -- alles Gedanken, deren Gewicht er nicht verkannte. Ein gewichtiger Helfer aber erwuchs denen, die aus Bosheit oder Rachsucht das Band zwischen ihm und Venne Richerdes zu zerreißen suchten, im Vater.
Der Ratsherr Heinrich Achtermann hatte selbst den Freiwerber für seinen Sohn gemacht, so hätte ihm Richerdes entgegenhalten können. Er zeigte sich der Vereinigung geneigt, denn die hübsche Venne tat es auch ihm mit ihrem Liebreiz an. Zwar war der Bergherr kein reicher Mann, aber das brauchte bei der eigenen Vermögenslage kein Hindernis zu sein. An Ansehen standen ihm die Richerdes nicht nach; auch ihre Familie hatte der Stadt mehr als einen Ratsherrn und Bürgermeister gegeben.
Das alles änderte sich indes, als der angehende Schwäher ein armer Mann wurde mit all den unglückseligen Begleitumständen, die wir kennen. Wandte er auch mit eigenem Gelde das Schlimmste von jenem ab, so kam der Montane als Verwandter für ihn nicht mehr in Betracht. Sein Patrizierstolz hätte es nie verwunden, daß man hinter der Schwiegertochter, wenn auch im geheimen, herzischelte als der Tochter eines fallit gewordenen Bürgers.
Achtermann hoffte, daß der Sohn selbst so viel Einsicht haben werde, das Band zu lösen; er, der Vater, wäre dann wohl auch noch zu besonderen Opfern bereit gewesen, um die Angelegenheit möglichst geräuschlos zu regeln. Als er aber zum ersten Male mit Heinrich darüber sprach, brauste dieser auf und erklärte, er werde nun und nimmer die Braut im Stich lassen. Der Vater ließ ihn ruhig reden, in der Überzeugung, daß der Überschwang seiner Gefühle sich unter dem Einfluß der Zeit schon ausgleichen werde.
Es war dem Sohne, als ob die kühlen Worte des Vaters, der die Sache wie ein Geschäft behandelte, Venne selbst in ihrer Abwesenheit träfen, und er suchte noch am selben Abend Gelegenheit, die Geliebte seiner unwandelbaren Treue zu versichern. Er fand sie nicht, denn der Zustand des Vaters -- die Mutter hatte man wenige Wochen vorher zu Grabe getragen -- erschien ihr gerade an diesem Abend besonders besorgniserregend. Heinrich ging davon, etwas verstimmt, daß seine gute Absicht nicht zur Ausführung kam.
Auch Venne selbst war die Sorge gekommen, ob die Vereinigung mit dem Geliebten werde zustande kommen; denn auch ihr blieben natürlich die Demütigungen nicht erspart und versteckte Anspielungen, es sei ihre Pflicht, den Ratsherrnsohn freizugeben. Es tauchte ihr auch wohl selbst der Gedanke auf, das Opfer nicht anzunehmen, und herber Trotz gegen alle Welt, auch gegen den Geliebten, ließ sie mit dem Gedanken spielen, Verzicht zu leisten. Aber dann quoll die Angst um so heißer in ihr auf und die Sehnsucht nach dem Geliebten.
In diesem Widerspruch der Empfindungen traf sie eine Botschaft des alten Achtermann ins Herz, der ihr zuraunen ließ, sie möge den Sohn freigeben, er werde sich die Sorge um ihre Zukunft angelegen sein lassen. Das wirkte wie ein Schlag ins Gesicht auf die stolze Venne. In ungebändigtem Trotz ließ sie dem Ratsherrn sagen, sie werde sich dem Sohn nicht an den Hals werfen; das Anerbieten aber, für sie sorgen zu wollen, weise sie als eine besondere Kränkung zurück. Der Alte ließ sich dadurch nicht beirren, »Mädchenüberschwang«, dachte er. »Das wird sich schon zurechtgeben.«
Heinrich, der Sohn, wußte von dem Vorgehen des Vaters nichts. Er versuchte mehrmals die Geliebte zu sprechen, erfuhr aber durch Katharina jedesmal eine mehr oder weniger mürrische Abweisung. Da setzte er es einmal doch durch, daß er vorgelassen wurde. Venne empfing ihn mit verweinten Augen. Auf seine Frage, was ihr sei, hielt sie zunächst zurück. Doch dann durchbrach das aufgehäufte Weh und der Zorn über die Demütigung die Schranken, und sie klagte mit bitteren Worten den Vater an. Heinrich war erschrocken und empört, und er bat Venne, ihm zu vertrauen.
»Ich schwöre Dir bei allem, was mir heilig ist, daß ich von dieser Niedertracht nichts weiß und nichts ahnte. Glaube mir doch, Geliebte, ich stehe zu Dir, und wenn sich alles gegen Dich vereint.«
Mit heißen Küssen besiegelte er seine Schwüre, und in Venne stieg ein Gefühl des Glückes auf, blieb ihr doch wenigstens dies Allerschwerste erspart!
Zu Hause stellte Heinrich den Vater zur Rede. Der Ratsherr leugnete gar nicht, daß er wirklich die Botschaft geschickt habe.
»Wenn die Kinder die Vernunft verlieren, müssen die Eltern für sie denken und handeln.«
Heinrich begehrte auf und erklärte, daß er nie und nimmer von Venne lassen werde, der Vater blieb ganz kühl und ruhig.
»Vorläufig ist es bei uns noch Sitte und Gesetz, daß die Eltern bestimmen, was aus ihren Kindern werden soll, und ich lasse mir dieses Recht nicht schmälern.«
»Und doch wirst Du mich nicht zwingen. Zuletzt steht mir der Weg in die Welt offen, und ich werde mit Venne davongehen«, antwortete Heinrich um so erregter. Da lachte der Vater spöttisch auf: »Das gäbe eine nette Wandergesellschaft: Du ein Junker Habenichts und sie eine Jungfer Bettlerin. Da werdet Ihr Euch allabendlich Euer Nest am Straßenrain bereiten müssen. Aber wir wollen das Thema heute abbrechen, es führt im Augenblick doch zu nichts.« -- Er wußte, daß die Zeit für ihn arbeiten werde.
Das Leben des Bergherrn Richerdes war seit dem Hinscheiden seiner Frau nur noch ein langsames Sich-zu-Tode-Quälen. Der schon in gesunden Tagen hagere, große Mann war abgemagert zum Skelett. In gelblichen Falten lagerte die Haut auf dem Gesicht, aus dem die spitze Nase drohend hervorragte. Neuerdings litt er an Verfolgungsideen, in denen der Jude Asser, Achtermann und Karsten Balder die Schreckgestalten waren. Er weigerte sich, Nahrung zu nehmen, weil er seine Schulden nicht vermehren wolle; dann wieder hielt ihn der Argwohn davon ab, seine Feinde könnten Gift hineingetan haben. Die arme, tapfere Venne durchlebte eine Zeit schlimmsten Martyriums. Endlich, ein halbes Jahr fast nach dem Heimgange der Frau, glitt auch ihm der Pilgerstab aus den müden Händen. In seinen letzten, lichten Augenblicken mahnte er noch Venne, sie solle sein Recht dem Rat gegenüber nie vergessen. »Bedenke, mein Kind, daß Du es meinem Andenken schuldig bist, dieses Recht zu verfechten. Versprich es mir in die Hand, es nie aufzugeben, damit ich ruhig sterben kann.«
Nun war Venne ganz allein in ihrer Trostlosigkeit und dem Bewußtsein, daß sie aus dem Kreise aller derer ausscheide, bei denen sie bis zu dem Unglück ihres Vaters ein gern gesehener und umworbener Gast gewesen.
Das alles hätte sie noch ertragen, wäre nicht die Angst und die quälende, beschämende Sorge gewesen, daß auch Heinrich, der Verlobte, ihr entgleite. Noch halten ihn seine Schwüre, noch kommt er, sie zu sehen, noch ist er voller Liebe und Mitleid. Sie trinkt seine Küsse wie eine Verdürstende, wenn er sie umschließt, und hängt an seinem Munde, um von ihm immer wieder zu hören, daß er sie noch liebe. Begütigend, tröstend, voll zarter Teilnahme streicht er über ihr Haar und versichert sie seiner Treue. Und immer wieder drängt es sich aus ihrem Munde: »Verlaß mich nicht, bleibe mir treu!«
Und er schwört ihr mit neuem, heiligem Schwur, daß nichts sie trennen soll, nicht der Vater, nicht die hämische, neidige Welt. Dann seufzt sie glücklich, wie aus tiefster Seele befreit, auf, und sie schwört ihm und sich selbst zu, Vertrauen zu haben. Aber kamen dann die dunklen Stunden der Nacht, lag sie schlaflos auf ihrem Lager, dann stürzten sich die Zweifel wie gierige Wölfe auf sie und zermarterten ihr armes Herz.
Seit dem Tode des Vaters hauste sie allein mit Katharina in dem großen, leeren Hause. Die Mägde waren entlassen, die Knechte gegangen. Sie fürchtete sich und hatte die alte Magd gebeten, bei ihr zu schlafen. Katharina hörte, wie die von ihr über alles geliebte Herrin sich ruhelos auf ihrem Lager wälzte, sie vernahm ihre Seufzer und ihr stilles Schluchzen. Sie wäre für Venne in den Tod gegangen, hätte sie ihr damit das Glück erkaufen können. Verzweifelt drängte sie in Venne, ihr zu sagen, was sie bedrücke, Venne schwieg.
»Ist Heinrich Achtermann auch von Dir abgefallen?« fragte sie mit verbissenem Grimm.
»Nein, nein, er ist mir treu und wird mich nicht verlassen, wenn man ihn nicht dazu zwingt.«
»Wie soll man ihn zwingen, wenn er selbst nicht will? Oder meinst Du, man könne ihm im geheimen Zwang antun?«
Venne antwortete nicht darauf, aber Katharina schloß daraus, daß diese Befürchtung zutreffe.
»So wird man unsererseits darauf sehen müssen, daß er nicht von Dir lassen kann«, murmelte sie für sich. Und es ward ihr zur fixen Idee, daß sie alles daransetzen müßte, um Heinrich bei ihrer Venne zu halten. Dieser durfte sie von ihren Plänen nichts sagen, Venne würde es ihr verbieten; aber sie wußte, was sie zu tun hatte. Klang ihr nicht ein Wort der Gittermannschen in den Ohren: »Ich habe auch Mittel anderer Art zu Gebote; gilt es zum Beispiel den ungetreuen Liebsten zurückzubringen oder einen, den man begehrt, an sich zu fesseln, so ist die Gittermannsche da mit ihrem Spruche.«
Damals belächelte Katharina diese Anpreisung ihrer Kunst, sie, wie Venne: Wie sollte sich für diese je die Notwendigkeit bieten, von der Gittermannschen dunkler Kunst Gebrauch zu machen, da doch Venne auf dem Gipfel der Glückseligkeit zu stehen und ein Sturz von dieser Höhe unmöglich schien.
Jetzt aber war es so weit, und sie suchte die verrufene Alte aufs neue auf. Zunächst sperrte sie sich und redete von Undank und Gefahr, in die man sie bringe, denn die alte Katharina hatte ihr, als ihre Mittel sich bei Frau Richerdes doch nicht bewährten, mit drastischen Worten ihre Meinung gesagt. Als sie indes vor den Augen der habgierigen Hexe ein Stück Geld glänzen ließ, änderte sich Wort und Miene der Gekränkten. Man verabredete die Einzelheiten.
Natürlich müsse sie den Namen desjenigen wissen, dem das Mittel gelte. Ungern nannte Katharina den Namen Heinrich Achtermanns, aber die Gittermannsche bestand darauf.
»Dachte ich's mir doch«, höhnte die Alte. »Solange das Täubchen im Glück saß und sein Gefieder goldig schimmerte, war das Herrlein begeistert; nun, da der Glanz erblichen ist, tritt er den Rückzug an.«
»Ihr tut ihm vielleicht unrecht«, warf Katharina ein. »Nach dem, was meine Venne meint, ist es vielmehr der Vater, der sie trennen will.«
»Natürlich, der dickgeschwollene Protz fürchtet, daß sein Geldsack eine Falte bekommt, wenn er dem armen Mädchen beisteht. Doch zum Glück sind wir noch da, wir, die Gittermannsche, und wir wollen es ihm schon zeigen. Also, die Sache ist so: was ich Euch geben werde, muß Eure Venne dem Liebsten heimlich beibringen.«
»O nein, o nein,« wehrte Katharina ab, »das ist schon gefehlt. Die Venne bringe ich nie dazu, daß sie Heinrich Achtermann etwas eingibt, um ihn zu fesseln. Das verbietet ihr der Stolz und auch ihr Trotz.«
»Ei, ist die Schöne noch so wenig kirre?« höhnte das Weib. »Ja, da wird wenig zu machen sein, wie ich's im Augenblick übersehe. Ich kenne es bis jetzt nicht anders, als daß das Liebchen sich selbst der Sache annimmt. Und ich begegnete auch bisher nie einem Widerstreben. Im Gegenteil, keine hätte einem anderen anvertraut, was ihr selbst dienen sollte.«
»Sie ist auch nicht ›keine andere‹, sondern meine stolze Venne,« entgegnete Katharina, »und was auf andere zutrifft, paßt auf sie noch lange nicht. Also besinnt Euch, ob es nicht einen anderen Weg gibt, sonst muß ich auf Euren Dienst verzichten.« Damit ließ sie das Geld in ihrer Tasche verschwinden.
Habgierig folgten die Augen der unholden Frau ihrer Bewegung. »Nun, vielleicht geht's doch, laßt mir nur einen Augenblick Zeit zum Nachdenken. -- Doch, so wird es sich machen lassen. Venne ist, so sagt Ihr, dem Verlobten in heißer Liebe zugetan; ihre Gedanken bewegen sich um ihn. Da kommt es darauf an, daß sie zu der Stunde, wo dem Bräutigam mein Trank gegeben wird, all ihr Sinnen auf ihn richtet. Vermögt Ihr das, indem Ihr selbst das Gespräch auf Heinrich Achtermann bringt, so ist uns geholfen. Und dann bedarf es natürlich noch, was die Hauptsache ist, einer zuverlässigen dritten Person, die jenem den Trank verabreicht. Habt Ihr oder kennt Ihr jemand im Hause Achtermann, dem wir das anvertrauen können?«
»Daran habe ich schon gedacht, als ich zu Euch kam. Eine alte Bekannte von mir lebt als Magd im Hause der Achtermanns. Wie ich die kenne, so hat sie den Heinrich großgewartet. Ihr darf ich mich anvertrauen, und sie wird sich bereit finden, ihm den Trank zu reichen, vorausgesetzt, daß er nichts die Gesundheit Schädigendes enthält. Dann würde übrigens auch ich dazu die Hand nicht bieten«, antwortete Katharina.