Urwald

Part 4

Chapter 43,402 wordsPublic domain

Fremd und unverständlich erscheint alles, fremd und fast grauenerregend sind auch die Menschenbewohner dieser unbewohnbaren Gegenden. Man hat sie früher mißverständlich Australneger genannt; sie sind aber eine Rasse für sich, nach der Überzeugung des Anthropologen H. +Klaatsch+ (Anmerk. 11 ~b~) sogar die tiefststehendste aller Menschenrassen, die in jedem Merkmal dem europäischen Urmenschen, dem sogen. Neandertaler, näher steht als den jetzt lebenden Menschenformen. In kleinen Horden schweifen diese Halbtiere im großen Scrub als Nomaden umher. Sie gehen völlig unbekleidet, kennen keine Viehzucht, errichten keine Häuser, nur Windschirme und Dächer aus Zweigen, nicht viel anders als die Orangs im benachbarten Insulinde. Sie haben es nicht so weit gebracht, Boote zu bauen, um das Meer befahren zu können. Sie sind zwar friedfertig; aber sie arbeiten nicht und hungern lieber, als daß sie irgend eine Zivilisation annehmen würden. Vor dem Weißen ziehen sie sich immer tiefer in den Busch zurück, und es gibt im Norden des Erdteiles, auf der Yorkhalbinsel noch genug Stämme, die nie einen weißen Mann gesehen haben.

Sie sind einfach ein Bestandteil dieses großen Urwaldes, ein Geschöpf mehr, das von ihm abhängt, ihn genau kennt, alle seine eßbaren Früchte verkostet, auf geheimnisvolle Weise aus Baumwurzeln Trinkwasser zu saugen weiß, mit Wurfhölzern das Känguruh und den Emu, den australischen Strauß, zu jagen versteht, aus dessen wunderbar schönen Straußenfedern sich dann diese schwarzen Frauentiere eitel und glückstrahlend Federschürzen und Kopfschmuck anfertigen. Denn auch ihr Herz schlägt und sie merken es nicht, daß ihre Rasse die häßlichste aller Menschen ist.

Die Tropennacht ist hereingesunken, ein paar von den schwarzen Gestalten haben sich eingefunden, starren verwundert auf unser Lagerfeuer, strecken bettelnd und stumm die schwarzen Hände aus ihrem großen Dunkel in den ungewohnten Lichtkreis. Draußen schnattern und kreischen die Kakadus, es raschelt und piepst, die Opossums und Beutelmäuse pfeifen, in den ungeheuren Kronen der Eukalypten rauscht der Nachtwind und darüber steht sternenbestickt in unsagbarem Glanze der australische Südhimmel. Nicht einmal die Sterne haben wir mit ihm gemeinsam. Nur der Sirius funkelt in allen bunten Farben, und ganz im Norden steht hier unser Südgestirn, der Orion. Sonst ist alles fremd auch in dieser Nacht. Unbekannte Sternbilder sind wie ein großer Lichterbaum aufgerichtet, die Milchstraße strömt breit in einem unbekannten Glanze, verwirrend schön leuchtet hier eine zweite Milchstraße hernieder: die Magelhaensche Wolke, die vielleicht ein ähnliches Weltsystem wie das unsere ist. Und ruhig strahlt das schöne Kreuz des Südens.

Die Stimmen des Urwaldes tönen hinauf in ihrem wilden und phantastischen Gesang, bis auch sie einschlafen, und nur mehr das Geheimnis der Nacht wacht über diesem geheimnisvollen Niemandsland.

V. Die Tropennatur auf den Südseeinseln

Nimmt man eine Karte des Stillen Ozeans zur Hand, so starrt man immer wieder erstaunt auf diese sogar auf der Landkarte erstaunlich große blaue leere Fläche. Man kann den Globus so drehen, daß man von der Erde nur eine Wasserhalbkugel sieht. Nur am Westrand verschwimmt dann ein Streifen Australien am Rand, und gleichsam von ihm lösen sich ein paar ansehnliche Inseln ab, Papua, wie das einstige Neu-Guinea heute heißt, Neu-Britannien, die Salomonen, die Neuen Hebriden, Neukaledonien, alle in einem Zuge und offenbar zusammengehörend. Der Rest ist „Inselstaub“, verstreute Körnchen im großen Blau, dem großen Salzwasser, dem größten Ozean der Erde.

So ist auch in Wirklichkeit der Eindruck, wenn der Dampfer Tag und Nacht diese Fluten furcht. Die Tage und Wochen schwinden und nichts ist am Himmelsrand als leerer Glanz, Meeresblau, träumerische Einsamkeit, die große Stille der Leblosigkeit. Siebzehn Tage sind wir von den Marquesas-Inseln, die selber nur ein Staubkörnchen sind im unermeßlichen Wasser, gefahren bis Südamerika, Tag und Nacht mit Eisenbahngeschwindigkeit und haben kein Fußbreit Land gesehen, nicht einmal ein anderes Schiff.

Um so köstlicher ist dann der Anblick, wenn endlich einmal wieder eine Insel aus der großen Flut taucht, mit Grün und Leben und der Hoffnung auf Menschen, seien sie wie immer. Zuerst sieht man da fast stets eine große Wolke von ganz bestimmter Gestalt. Ganz anders wie die sattsam betrachteten nassen, formlosen Wolkenschwämme im „schwarzen Topf“, wie die Seeleute die Äquatorzone dieser Meere nennen wegen der dort ununterbrochen die Luft verfinsternden kleinen Gewitter. Die Wolken, die ein Land anzeigen, sind langgedehnte Dunststreifen, aus denen senkrecht hohe, blendendweiße Türme aufsteigen, oder schneeige Schwanenflügel hervorwinken, gleichsam als rufe das Leben uns schon seinen Gruß zu.

Das nächste, was man sieht, ist ein Hauch, über den immer gestritten wird: ist es schon Land oder noch eine Täuschung der Ungeduld? Und dann schwimmt es heran. Ist’s eine bergige Insel, dann erscheinen die Berge immer erstaunlich hoch, ist es ein Atoll, dann dehnt sich eine ganz flache Linie. Aber sie ist gezackt wie ein Kamm. Bald lösen sich die einzelnen Kokospalmen im Bilde und nun steht es unsäglich lieblich und idyllisch vor Augen. Ein flacher Strand, schneeweiß blinkend, der goldgrüne Saum des Kokoswaldes und dahinter duft-graugrün wunderlich geschnittene Berge, den schweren Mantel des Waldes auf ihren Schultern und das Geheimnis des unbetretenen Landes in ihren Tälern, denn von allen diesen Berginseln mit ihren klangvollen und schönen Namen: Bougainville, Isabel, Choiseul, Vanikoro, Baladea, Mallikolo, Aurora, Toman, Uala, Aragh, Pentecôte, Efate, Uvea, und wie sie sonst heißen mögen, ist immer erst der Uferrand betreten und besiedelt, so weit er es überhaupt ist und das Innere jungfräulich wild, ein weißer Fleck auf der Seekarte auch heute noch. Was Wunder, wenn da fieberhafte Erregung ein Naturforscherherz höher schlagen läßt! Man soll das erleben können, heute noch, im 20. Jahrhundert, im Zeitalter von Weltzivilisation und Radio und Fernbild! Ein Land, Wälder, Menschen, die noch unentdeckt sind, paradiesisch urweltlich, so echt und unberührt vom Weißen, als sei es nicht 1927, sondern zweihundert oder tausend Jahre früher und wir die ersten Europäer, die diesen Küsten nahen! Glücklicher Aufschwung der Seele, die noch ahnungslos und unbekannt ist mit den Wirklichkeiten!

Man will landen voll brennender Ungeduld, aber man muß sie zügeln, stundenlang, eine ganze Nacht hindurch. Oder endgültig. Denn der Kapitän des großen Frachtschiffes (Passagierdampfer fahren in diesen unbekanntesten Inselwelten Melanesiens überhaupt nicht) erklärt oft genug, für mein Schiff gibt es hier keinen Eingang in die Riffe und unsere Schaluppe würde in dieser Brandung zerstört werden wie ein Schächtelchen. Der Neuling in dieser Welt sieht zwar keine Riffe, wohl aber ein weiße Linie zwischen dem Schiff und der Küste, die sich hebt und senkt. Und was er zuerst für Murmeln eines fernen Gewitters gehalten hat, ist das Donnern dieser Brandung. Man steht stundenlang davor und wartet ruhigeres Meer ab. Oder sucht auf Umwegen einen passenden Kanal zwischen den Riffen zur Einfahrt. Kaum ist man in der Lagune, da ziehen auch schon wie große schwarze Stabwanzen die langen Auslegerboote der Eingeborenen herbei. Sie sind die einzigen bewährten Fahrzeuge, die in diesen Inselbrandungen, die bis zwanzig Meter hoch aufschlagen, nicht umkippen. Man erschrickt, wie häßlich und tierisch diese Papuas sind. Rotschwarz, mit platten, breitflügeligen Nasen, mit wulstigen Lippen und krausem Haar. Meist von herkulischem Wuchs, mit Muscheln geziert, einem Gürtel von Palmenbast um den Leib oder angetan mit einem Grasrock, sonst nackt, glänzend, von Kokosöl triefend, dessen ranziger Duft den Raubtiergeruch verdeckt, den diese finsteren und unfreundlichen Menschen ausströmen. Man weiß, daß sie Kannibalen sind (Anmerk. 12) und glaubt es ihnen auch anzusehen. Schon vorher wurde man von erfahrenen Tropenweißen gewarnt: Trauen sie ihnen nie! Drehen sie ihnen niemals den Rücken! Den Revolver muß man hier immer schußbereit halten ... Und dem Boot dieser Insulaner muß man sich anvertrauen? Eine Minute der weißen Wasserhölle brüllt auf. Man klammert sich an das Stangengerüst. Was macht es, daß man bis auf die Haut durchnäßt wird? Wenn man nur durchkommt. Die Schwarzen haben unübertrefflich geschickt gesteuert, das Boot wird hoch auf den Strand hinaufgeworfen. Man steht schon auf dem Sand. Draußen lärmen stockhohe Wellen ohrenbetäubend.

Das ist der Empfang. Eine Faktorei. Das Wellblechhaus eines Weißen. Darum ein Wäldchen von Bananen, Auberginen, Mangobäume, ein Feld, das wie Lupinen aussieht, aber Maniok ist, Gitter voll rankender Bohnenblätter, die Igname heißen, Riesenblätter von Arum und Kokospalmen. Ein Wald von Kokos, hundert und tausend kleine, ganz junge, wie in den Kübeln europäischer Gärtner und schlanke Riesenbäume mit silbergrauem Stamm und einer fließenden goldschimmernden Krone, die immer raschelt und das Schönste ist, was Palmennatur nur hervorgebracht hat.

Dieser Fleck Erde ist „die Kultur“. Noch zwei Wellblechhütten voll von Kokosnüssen, denn der Pflanzer, bei dem wir landen, ist Kokoshändler, wie alle in jener Welt, und unser Schiff kommt alle vier Monate einmal, um seine „Kopra“ abzuholen. Dann ein paar elende aus Palmblättern errichtete Rundhütten für seine Kulis und dann dahinter -- der weiße Fleck auf der Karte, das niebetretene Gebirge, der große Südseeurwald.

Hier können wir nun zwei Tage streifen oder auch drei oder vier, denn man wird nun von allen benachbarten Pflanzungen in Booten Kopra bringen und einladen, damit diese so fern gereiften Früchte nach Hamburg oder Marseille wandern können in die Palminfabrik und von da auf die Tische von ganz Europa als Palmfett und Margarine für Menschen, die keine Vorstellung haben, wie die Welt aussieht, die ihnen dieses Nahrungsmittel sandte.

„Waren Sie im Innern?“ fragt man den Pflanzer. „No,“ sagt der erstaunt, „wozu? Wild gibt’s nicht auf diesen verdammten Inseln, die Kokos wächst nur am Strande. Um mir das Fieber zu holen oder einen giftigen Pfeil von diesen Affen da? No, viel Glück ...“

So ist die Insel Toman beschaffen, so ist Mallikolo, genau so ist Aoba oder Epi oder Malaita, oder die Bai Unia auf Neu-Kaledonien oder jede beliebige der vielen hundert Inseln von den Malaienstaaten südlich auf viele tausend Meilen hin, jene, die die vielen Namen führen: Papua, Neu-Britannien, Auru, Salomonen, Santa-Cruz-Inseln, Louisiaden, Neue Hebriden, Neu-Kaledonien, und von denen Papua, die größte, mehreremal ausgedehnter ist als Deutschland, ein ganzer unbekannter Erdteil, aber auch Neu-Kaledonien, noch so groß wie Württemberg, oder Birara, fast so umfangreich wie Preußen.

So stoßen Ideal und Wirklichkeit zusammen. Denn der Weg in den unbekannten Urwald, auf den man natürlich nicht verzichtet, ist ein Martyrium und eine Kette von Gefahren.

Ich bin in Gebirgen gewesen, die keinen Namen tragen, sah Berggipfel im Abendschein glühen, alpenschöne Felsenhäupter, die nie jemand betreten hat, denn die Eingeborenen fürchten sie wegen der Dämonen, die auf ihnen hausen sollen, bin durch Täler geschritten, die keinen Eigentümer haben, habe die köstliche Luft eines Landes eingeatmet, das wirklich frei ist -- denn die Neuen Hebriden sind noch nicht in Besitz genommen -- wo es keinen Staat gibt, kein Eigentum, wo man selbst alles in Besitz nehmen kann, was man sieht und haben will ...

Da ist zunächst die Mangrove, der große Wald, den man durchschreiten muß, um von den sumpfigen Meeresbuchten an den Fuß des Gebirges zu kommen.

Was ist Mangrove? Eine Wald- und Sumpfform, mehr als das: eine Lebensgemeinschaft, die an das Brackwasser und die Existenz gewisser Bäume geknüpft ist (Anmerk. 13). Eigentlich sind alle diese Bäume nur riesige Gebüsche, an den Massen der Tropenvegetation gemessen, dafür jedoch von einer Üppigkeit, die das Durchkommen im Mangrovedickicht zu den qualvollsten Aufgaben macht, die einem Reisenden gestellt sein können. Ein sinnverwirrendes Gestrüpp von zähen Ästen und bogig gekrümmten, vielverzweigten Wurzeln, die alle die Neigung haben, in den Schlamm und das Wasser hinab Senker zu bilden, so daß die Bäume auf zahlreichen Stelzen stehen, schwankend und beweglich, aber doch sicher vor allen Wasserstandsschwankungen und Flutwellen. Die Mangroven lieben das Salzwasser, ihre Grenze an den Tropenflüssen ist stets an dem Punkt erreicht, bis zu dem die Flut wirksam ist. Oft genug wandern sie aber in seichten Buchten auch einfach in das Meer hinaus und bilden dort seltsam schnurgrade Alleen. Eine zweite Merkwürdigkeit aller dieser Gewächse sind die sog. Atem- oder Kniewurzeln. Jeder Mangrovebaum ist mit einem ganzen Verhau von senkrecht aus dem Boden starrender schneeweißer oder dunkler spitzer Wurzeln umgeben. Diese nach aufwärts wachsenden Wurzeln sehen wie Spargelspitzen aus und sind nichts anders als die Wurzeln der Bäume, die in den mit giftigen Gasen erfüllten Schlick einfach umkehren und die Atemluft aufsuchen, als Zeichen, wie zielsicher die Instinkte der Pflanzen sind. Die dritte große Merkwürdigkeit der Mangrovebäume, die mit ihren meist saftiggrünen, lederigen Blättern die echten Salzpflanzen sind, besteht darin, daß sie gar keine Samen bilden. Aus der jungen Frucht wächst sofort die Wurzel des neuen Keimlings etwa einen halben Meter lang nach abwärts. Hat man das noch nicht gesehen, ist man zunächst ganz überrascht über den merkwürdigen Anblick der Bäume mit ihren abwärts gekehrten grünen Kerzen, bis man nicht gelegentlich den einen oder anderen Keimling beobachtet, der senkrecht ins Meer gleitet und dort im zähen Schlick sich wie ein Fliegerpfeil einbohrt. Er kann sofort Wurzel fassen, denn Ankerauswüchse, die reinen Enterhaken, waren schon vor der Ablösung von der Mutterpflanze bereit. So bepflanzt jeder Baum, der einmal Wurzel geschlagen hat, seinen ganzen Umkreis auf eine merkwürdig intelligente Weise mit Nachkommenschaft, denn auch jene Jungmangroven, die nicht sofort Fuß fassen können, sind schwimmfähig, treiben tage- und wochenlang im Meer umher, überstehen die wütendste Brandung, werden von den Strömungen an andere Inseln verschleppt und verbreiten so die Mangrovevegetation in der ganzen Tropenzone.

An diese sonderbaren Bäume heftet sich nun aber eine ganze Lebensgemeinschaft, deren Studium mir unerschöpfliches Vergnügen gewährte. Wo der Boden trockener ist, schließen sich die ebenso stelzenwurzeligen Schraubenpalmen, nämlich die +Pandanus+bäume an. Mit ihrem wirren Schopf langer grüner Grasblätter, die in den Tropen als Flechtmaterial hochgeschätzt sind, erinnern sie wirklich an Palmen, mit denen sie verwandtschaftlich nicht das geringste gemeinsam haben, aber ihre malerisch gekrümmten Stämme sind auf einem oft stockhohen vielverzweigten Gerüst und Stelzenwerk aufgebaut, daß man darin manchmal auch wie in Hallen spazieren gehen kann. Gespenstisch grau ragen diese schwankenden Bauten; die kleine +Nipa+palme, und eine unglaublich dichte Wildnis von Farnen (das gilt namentlich für die südamerikanische Mangrove) füllt jede Lücke aus, glucksende tiefschwarze Schlammkuhlen gleißen in kleinen Teichen, an denen in Papua und Tropenamerika Horden von trägen Krokodilen lagern, der herrlich blaue Königsfischer und Eisvögel lungern und spähen auf den Wipfeln, und Scharen von Kletterfischen, allen voran der Schlammspringer, sonnen sich auf den Stelzen und lauern auf Moskitos. Diese dickköpfigen drolligen Tiere vermögen eine Zeitlang auf dem Land zu atmen; sie klettern durch Spreizen ihrer Schuppen heraus, schnellen sich aber in eiligstem Kopfsprung ins Wasser, wenn man sich dem Sumpfrand naht. Da sind die geradezu komischen Winker-Krabben; sie gewähren dem Besucher dieser von allen Menschen scheu gemiedenen Welt stets neues Vergnügen der Beobachtung. Die großen blassen, roten oder lila Krabben hausen in sorgfältig offen gehaltenen Schlammlöchern, um die sie eine ganze Röhre bauen. In steten gegenseitigen Fehden machen sie sich rastlos zu schaffen, bis sie den seltenen Besucher erspäht haben. Dann stürzt jede Krabbe zu ihrer Röhre, schlüpft behend hinein, hält aber schützend die gewaltige Schere verteidigungsbereit heraus und vollführt mit ihr heftige Schreckbewegungen. Man muß laut auflachen, denn wie ein freundliches, abschiednehmendes Zuwinken mutet dieser Reflex an. Aber das Lachen vergeht einem, wenn man nur genügend nahegekommen ist und die Scharen von Moskitos zu spüren bekommt, die den Mangrovesumpf beleben. Tausende, das ist gar kein Vergleich. Es sind Millionen. Ein Rauch, Wolken von Mücken, ein Moskitonebel, der stellenweise die Landschaft unsichtig macht. Die Mückenlarven leben unten im Schlamme, der köstliche Kleindinge birgt. Viele Tage habe ich mit der Untersuchung dieses schwarzen Mangrovefaulschlammes zugebracht, aus dem so viel Unheil für die Menschen kommt, der in Wahrheit die Ursache ist, warum das Amazonasgebiet, das Flußtal des Magdalenenstromes in Südamerika, ganz Guayana, das schönste Zentralamerika, große Teile von Hinterindien, ganz Papua, alle melanesischen Inseln, Nordaustralien, das Kongogebiet, also die schönsten und fruchtbarsten Teile der Erde, Erdteile weit größer als Europa, unbewohnbar und unnutzbar sind, als Herd der gefürchteten Malaria und der schrecklichen Tropenfieber. Die köstlichsten Riesenkieselalgen habe ich in diesem Schlamm gefunden und eine der merkwürdigsten Algenvegetationen, aber gerade von diesen leben die Myriaden von Mückenlarven, unter denen auch die fieberbringende ~Anopheles~ ist, die uns die tötenden blutverzehrenden Blutamöben einimpft. Neben ihr ist gerade hier in Melanesien ein kleiner schwarzer Moskito (der ~Culex nocturnus~) besonders häufig, der zwar keine Malaria verursacht, aber mörderisch sticht und ein temperaturloses Fieber nach sich zieht mit Mattigkeit, nervösen Störungen, Magenleiden und allgemeiner Apathie. Keiner entgeht in diesem Land diesen Übeln; weder Feuer, noch Räucherwerk oder Moskitonetze, nichts nützt. Der kalte Fieberhauch der Mangrove kriecht überall hin, und alle Weißen, die nur einige Monate auf den Inseln sind, werden blaß, aufgezehrt von den Fiebern; dann kommt die Tropenkollerzeit, dann die matte, kraftlose Periode, und fliehen sie dann noch nicht, endlich das kunstlose Kreuz am Urwaldrand. Ein Kreis von Kreuzen umgibt jede Europäersiedlung in diesem Menschenfresserland, das man von ferne ein ideales Paradies nennt.

Das ist die Lebensgemeinschaft der Mangrove. Nun haben wir sie durchschritten und sind im eigentlichen Südseeurwald, der namentlich in den Gebirgsschluchten an Reichtum, Schönheit der Formen und Phantastik alles übertrifft, was sonst Waldesschönheit zu bieten vermag. Er ist weder so übermächtig riesenhaft wie der indische Regenwald, noch so erdenfremd wie der australische Scrub. Sein Charakterbaum heißt Banyan, einige nur hier lebende ~Ficus~-Arten mit Luftwurzeln und Säulen, ein verworrenes Gespinst von Stämmen, Wurzeln, großen, dicken, frischgrünen Blättern, das, noch mit Lianen und Baumwürgern zusammengesponnen, jedes Vordringen hemmt. Dicht daneben eine Steppe von hohem Alang-Alanggras oder eine Flur voll von entzückenden gut deutschen Adlerfarnen. Der heimische Adlerfarn ist auch in der Südsee zu Hause, in einer Abart, deren Wedel, wenn sie abgestorben sind, silbergrau werden. Für den Augenblick glaubt man eingetaucht in die Farnwildnis die 25000 Kilometer, die uns hier von der Heimat trennen, überflogen zu haben und auf deutschem Boden zu stehen, bis die ~Cycas~-Palmen, die mit unbeschreiblich feinfransigen, dunkelgrünen Wedeln die Farne überschatten und die Riesenbüsche von Kannenpflanzen, die sich nun über den tiefen Riß eines Bachbettes beugen, die Wirklichkeit der exotischsten Ferne zurückrufen. Das zarte kostbare, gehegte Kind der Warmhäuser, die insektenfressende ~Nepenthes~ ist hier ein wilder, gemeiner Busch, so wie die Mimosen ein lästiges Unkraut, das man mit Füßen tritt, mag das zartgefiederte Laub auch schmerzlich zusammenklappen. Hunderte der goldgrünen, rotüberlaufenen Kannen hängen ringsum, manche schwergefüllt mit dem „Magensaft“, in dem ein ganzer Klumpen gefangener und zerlöster Ameisen den Bodensatz bildet. Erschütternd wirkt so ein Pflanzenwunder, wenn man es mit der Selbstverständlichkeit alltäglicher Umgebung vor sich aufgerichtet sieht, obwohl ja alles, was Pflanze, Tier, Leben, Natur heißt, das gleiche unbegreifliche Wunder ist und nur abstumpfende Gewohnheit darüber hinwegsehen läßt, dieselbe Gewöhnung, die auch bald im Tropenwalde das Merkwürdigste mit einem Achselzucken hinnehmen läßt: Nun ja, Kletterfarne sind eben auch da. Und dort die Hirschgeweihfarne, von denen man so viel gelesen. Dabei sind diese Kletterfarne ein unbegreifliches Ding mit dreieckigen, auf der Unterseite dick mit Sporenpulver bedeckten Blättern, von deren Rändern fransig der Goldstaub quillt. Und dornig, wie eine Ranke, klettert das buschartige Pflänzchen über Strauch und Baum, ein Farn als Liane, nie vorgestellt und nie gesehen. Und die Geweihfarne kleben an den dicken Waldstämmen, als seien sie aus grüner Pappe ausgeschnitten. Unten zunächst eine Reihe von Tellern, die sich an den Stamm anschmiegen und fetten, edaphonerfüllten Humus in sich schließen, in dem ein Wurzelfilz haust. Aus dieser grünen Manschette aber hängen die langen gegabelten, ochsenzungenartigen Blätter heraus. So lebt dieses seltsame Gewächs zwischen Himmel und Erde und braucht von der Welt nichts als Wasser, das ihm freilich auf den Südseeinseln reichlichst zuteil wird, gibt es doch hier in den Bergen bis 20000 Millimeter Niederschläge im Jahr, und jeden Abend brauen die Wolken und Nebel um die Spitzen, und tropfender Sprühregen bei 40° Hitze erhält alles in der Üppigkeit eines Glashauses.

Streng scheiden sich allerdings -- wie man das besonders lehrreich auf Papua und Neu-Kaledonien sehen kann -- Lee- und Luvseite der Inseln. Die meist östliche Regenseite ist mit dem dichtesten Tropenurwald bedeckt, die andere Seite ist gewöhnlich durch Bergketten von ihr geschieden. Sie sind auf Baladea (denn das ist der richtige Namen von Neu-Kaledonien) zweitausend, auf Papua aber fünf- bis sechstausend Meter hoch (ganz ist ja dieses Land noch nicht erforscht). Diese Seite hat ganz wenig Regen und ist daher nur mit Savannen oder einem Trockenwalde bedeckt, der sich auf Baladea und den benachbarten Inseln aus Niauli und Schmucktannen sowie die schachtelhalmartigen Casuarinen zusammensetzt. Australien reicht da +einfach+ herüber und so wird auch von der Pflanzenwelt die von der Erdforschung neuerdings mit größter Mühe festgelegte Tatsache bestätigt, daß bis etwa zur Braunkohlenzeit an Stelle dieser blauen Meere ein ganz großer Erdteil bestand, der von Hinterindien über Papua und Australien bis Baladea, wahrscheinlich sogar bis zu den Fiji- (sprich Fidschi-) Inseln reichte und allmählich zerbrach und versank, diese Tausende von Inseln als zerbröckelte Reste übriglassend, an denen übrigens die Änderungen und Erderschütterungen ununterbrochen seitdem weitergehen. Dieser Teil der Erde ist einer der reichsten an Vulkanen und das größte Schüttergebiet der Erde. In einem Vierteljahr haben wir Dutzende von großen Erdstößen mitgemacht und an gewissen Inseln (so Ambryn, Efate) sind sie ein tägliches Ereignis (Anmerk. 14).