Part 3
So entstehen riesige phantastische Gebäude, zusammengesponnene Pflanzenklumpen, von ferne wie malerische Ruinen morgenländischer Tempel anzusehen, wobei sich auch die Lianengewächse auf das kräftigste betätigen. Sie senden wallende grüne Vorhänge von oben, greifen mit eisengrauen Seilen von Baum zu Baum, knäueln sich ineinander oder hängen mit Schlingen und Taubrücken nieder. Manchmal wälzen sie sich schlangengleich am Boden, schenkeldick da, fadendünn dort, unbeschreiblich vielförmig im Kampf ums Licht. Manchmal sieht so eine Waldlaubhöhlung aus wie ein Theaterschnürboden voll herabhängender Seile. Gliedketten von knochenbleichen verholzten Lianentauen bilden die +Bauhinien+, die mit +Bignonien+, +Cissus+ und +Calamus+ in dieser Verflechtung immer wieder kehren. Viele sind dazu mit Hackensprossen, Widerhaken und Dornen besetzt, legen die gefährlichsten Fußangeln aus und ziehen sich mit Vorliebe querspiralig über den Weg.
Manchmal steht an Stelle des Waldes eine ganze Zeltstadt, unten braun, oben grün, die Bäume erstickt, übersponnen von Farnen und Lianen, die sie überstiegen haben und erdrückt mit Blattdecken ohne jede gegenseitige Anpassung und Rücksicht. In der blausonnigen Höhe sind dann diese Zelte übersprenkelt von bunten Blumen, dort oben ist Faltergegaukel und Vogeljubel, unten aber webt Moder, Stille breitet sich in den dunklen schmalen Nischen, die in die Unterwelt dieser Heiligtümer der Natur führen, deren Gesamteindruck überraschend an die buntbemalten figurenstrotzenden Tempeltürme der indischen Wallfahrtsstätten erinnert.
Man tritt heraus, verwirrt, übermüdet durch zu viel des Schauenswürdigen, bedrückt durch all das Fremdartige und Gefährliche, das in diesem indischen Walde haust, der wohl unseren Sinnen Tausendfältiges, unserer Seele aber nichts zu sagen weiß, als das eine: Geh, hier ist nicht deine Heimat ... Fremd bist du mir, in mir kann der Mensch nicht leben, außer er wird zum Urwaldtier ...
IV. Die Urwälder Australiens
Australien ist heute immer noch der unbekannteste Teil der Erde. Nicht nur etwa deshalb, weil gut zwei Drittel dieser Fläche von fast zehn Millionen Quadratkilometern auf allen Karten weiß gelassen oder mit den so vielsagenden Punktlinien angedeutet sind, sondern auch weil die europäische Bildung bisher zu wenig Kenntnis von dem australischen Leben genommen hat. Die wahre Ursache ist die Entfernung. Es sind fast unsere Gegenfüßler. Die schnellste Reise dorthin umschließt immer noch vierzig Tage Schiffahrt.
Um so größer ist die Überraschung, wenn man dort ein Neu-Amerika findet, Millionenstädte mit Wolkenkratzervierteln und Straßen, die im Verkehr Berlin übertreffen, weite, an Thüringen erinnernde Landschaften voll Weizengold, mit Landstädtchen voll Idyllen, Blumengärten, heiteren, bildungsfrohen Menschen, die jedem Fortschritt zugetan sind, Luxusbadeorte wie am Ostseestrand, nur überwölbt von einem Himmel, der mehr denn neun Monate im Jahre fast wolkenlos ist und dessen Winter mit der Wärme eines lieblichen Maientages umschmeichelt.
So ist aber nur der Rand eines Landes beschaffen, das -- noch hat man es nicht ausgemessen -- nach einigen fünfmal, nach anderen zwölfmal so groß wie Deutschland von der furchtbarsten Wüste und vielleicht dem größten Urwald der Erde bedeckt ist.
Ich bin durch die arabische Wüste gezogen und habe die Sahara gesehen; ihr Anblick ist viel herzbeklemmender als jener der australischen Binnenwüste, denn sie entbehren auf tageweiter Flur manchmal aber auch buchstäblich jeden Grashalm, während hier Millionen von Sträuchern wuchern und ein Blumenmeer leuchtet. Trotzdem ist das australische „Scrubland“ oder der Busch, wie die Leute dort kurzweg sagen, viel menschenfeindlicher, denn es entbehrt vollständig des Wassers, es gibt gar keine Oasen darin und überhaupt keine natürliche Lebensmöglichkeit für einen weißen Menschen, während in Afrika und Arabien tropenüppige Landstriche als Oasen grünen, so groß oder größer als manches ehemalige deutsche Herzogtum.
In der Nullarborwüste und im großen Buschland regnet es nicht viel weniger als in Berlin, sonst könnte dort doch nicht ein Gras- und Waldgebiet bestehen, aber durch die eigentümliche Beschaffenheit der oberen Erdschichten, die aus vollkommen wasserdurchlässigen Gesteinen aufgebaut sind, hält sich kein Wasser oben. Es gibt keine Quelle, keinen Bach, keinen Fluß auf vielen tausend Kilometer Runde, alles Wasser rinnt in die Tiefe und kann von dort nur mit artesischen Brunnenbohrungen heraufgeholt werden. Die gibt es aber im Scrub schon aus Menschenmangel nicht, denn der europagroße fünfte Erdteil ernährt nicht 450 Millionen Menschen wie der unsere, sondern nur etwas mehr als sechs, von denen sich mehr als drei Millionen in den paar Großstädten drängen. Man kann, trotz der statistischen Form, anschaulich sagen: auf je drei Millionen Quadratmeter kommt dort im Lande +ein+ Mensch.
Das Land ist also fast menschenleer und der Scrub ist es vollkommen. Man könnte wochenlang wandern, ohne einem Menschen zu begegnen. Aber man wandert nicht, denn man würde verdursten. Mitten im Buschland liegen einige Goldgräberorte, Kalgoorlie, Coolgardie, Boulders, aber sie leben nur von Gnaden einer vierhundert Kilometer langen Wasserleitungsröhre, die ihnen Wasser von einem gestauten Gebirgsbach bringt. Sie würden an dem Tag verschmachten, an dem diese Röhre springt und ausläuft.
Von Kalgoorlie wanderten wir mit einem kleinen Wasservorrat in den Busch hinein, geführt von einem alten Waldläufer, der diese Welt auf der Jagd nach Känguruhs und Gold seit dreißig Jahren kennt.
Noch sieht man das letzte Wellblechhaus mit einem Pfefferbaum und einem winzigen Rasenstück davor, über dem sich der von der großen Röhre gespeiste Zerstäuber mit silbernem Sprühen dreht, dann staubige, gesprungene, harte Erde, eine Stunde lang kein Baum, kein Halm, dafür unbarmherzig brennende Sonne und Schuttrümmer der Goldwäschereien, die den Boden aufgewühlt haben. Wunderbar, dieses goldige Flimmern im Sand allüberall. Man hebt kein Stückchen Gestein auf, in dem es nicht in winzigen goldgelben Schüppchen gleißte. Gold rings umher. Aber mit den Mitteln dieser wenigen Menschen nicht abbauwürdig, nur dort, wo eine Ader angeschlagen werden kann oder -- was noch ganz selten vorkommt und vor dreißig Jahren häufig war -- wenn gediegene Goldklumpen im Sande liegen. Bis zum Abend gehen wir über den Goldsand. Unsere Füße haben sicher ein Millionenvermögen überschritten, das man einst gewinnen wird, aber heute noch dem Boden nicht entreißen kann. Inzwischen hat uns der Buschwald aufgenommen und seine Wunder lassen auf Goldfieber und Menschendinge vergessen.
Noch nie diese Freiheit der Erde! Alles ist dein, so weit das Auge blickt. ~Nomans land.~ Der schöne englische Ausdruck berauscht die Seele. Hier ist die Erde noch frei, ganz unbefleckt von Menschenhand. Der Himmel unbeschreiblich rein, der Boden tiefrot, und ernste Riesenbäume ganz locker und einzelnstehend, zwischen ebenso riesigen Büschen und nicht weniger kolossalischen Gräsern ringsumher.
Kein lebendes Wesen. Totenstille. Kein Vogel kreischt, selbst Fliegensummen fehlt. Hier gaukeln keine Falter. Seitdem die Erde besteht, ist hier vielleicht noch nie ein Mensch gewesen. Das wirkt gespenstig, verwirrend, gleichsam beängstigend. Man weiß, warum kein Mensch da ist in diesem Niemandsland. Denn er würde verdursten. Und unruhig fühlt man nach dem Blechtank, den man am Rücken trägt, wie ein Taucher seinen Luftvorrat.
Diese turmhohen Bäume sind also die weltberühmten australischen Eukalypten. Die ersten australischen Kolonisten haben diesen Baum ~gum-tree~ (Gummibaum) genannt und er, die Schwarzen und die Känguruhs sind nach ihrem ungerechten Sprichwort die drei verachtetesten Dinge gewesen. Aber wohl nur deshalb, weil man das Gewohnte nicht schätzt, und die Eukalypten den größten Widerstand leisteten, als der Weiße ins Innere des Landes dringen wollte. Hundertgestaltig oder, ganz richtig gesagt, in 131 Arten und mit dem nahverwandten ~Melaleuca~-Baum zusammen in 228 verschiedenen Arten besiedeln diese Pflanzen aus der Gruppe der Myrtengewächse das ganze Innere Australiens, namentlich den Westen und den Süden. Es sind zähe Büsche darunter, die den Hauptbestandteil des undurchdringlichen gefürchteten „~mallee scrub~“ ausmachen, andere Arten (so ~E. amygdalina~) bilden die höchsten und stolzesten Bäume, welche die Erde überhaupt kennt. Ihr Wachstum ist erstaunlich. Achtzehn Monate alte Eukalypten sind schon 6-8 Meter hoch und achtzigjährige an 100 Meter. Aber man hat 140 Meter hohe, ja sogar solche gemessen, deren Krone sich in 156 Meter Höhe schaukelte. Der Kölner Dom ist nur 153 Meter hoch. Bäume, höher als ein Domturm. Waldesalte, die man auf zweitausend Jahre geschätzt hat, mit turmdicken, glatten, hellen, eisengrauen oder cremefarbenen Stämmen, die mit Vorliebe hohl werden und dann Wohnungen für Känguruhs und Beutelbären oder manch einen Buschläufer bieten, so groß wie ein Wochenendhäuschen, kann man in diesem Busch zu Tausenden sehen.
Alles ist staunenswert und fremd an dem Eukalyptusbaum. Sein hartes Holz, das nicht umsonst den Namen Eisenrinde führt, das Öl, das alle Blätter durchdringt und nach Ansicht, die ich nicht bestätigen kann, die Moskitos verscheuchen soll, weshalb man den Baum für fieberwidrig hält. Tatsache dagegen ist, daß man ein gutes Leuchtgas daraus bereiten kann und die Stadt Melbourne einst mit diesem Baumgas beleuchtete. Wunderbar ist auch die Erzählung von den schattenlosen Eukalyptenwäldern und tatsächlich, wenn auch nicht buchstäblich, so gibt es doch eine große Verminderung des Schattens unter diesen Bäumen, denn ihre Blattstiele bewirken durch eine eigentümliche Drehung, daß die Blätter fast nahezu senkrecht stehen. Ein Schutzmittel gegen allzu starke Besonnung, von Gräsern und Schwertlilien auch bei uns bekannt, hier aber in wälderweiter Anwendung mehr als von merkwürdiger Wirkung.
Herrliche Geschöpfe sind diese Bäume; trotz ihrer Mächtigkeit wirken sie überschlank. Die regelmäßig gegabelten Stämme haben lockere Laubbüschel in drei bis vier Stockwerken schirmartig übereinander. Diese Schirmbildung, die in allen tropischen Steppen wiederkehrt und auch für Afrika überaus kennzeichnend ist, bedeutet natürlich Windschutz. Das Laub selbst ist je nach der Baumart frischgrün, oft namentlich in der Höhe rötlich überlaufen, oder die säbelförmig gekrümmten Blätter sind taubengrau, mit einem blauen Schimmer (daher Blaugummibaum), der den „Blauen Bergen“ bei Sydney den Namen verschaffte. Tatsächlich legen die ungeheuren Wälder jenes schönen Gebirges dort um manche Hänge und Bergflanken einen unsäglich sanften, herrlichen blauen Hauch, der jene Landschaftsbilder ganz einzig gestaltet. Dieses Blau entstammt einem Wachsüberzug der Blätter, gleich jenem der Pflaumen, um sie vor dem Verdorren zu hüten.
In scharfem Gegensatz zu diesem mächtigen, gefestigten Leben aber liegen allüberall unter diesen Baumriesen knochenbleiche oder silbergraue gefallene Stämme. Baumleichen, wunderlich verkrümmt, schneeweiß gebleicht von dieser unerbittlichen Sonne, starren sie, zerfallen in großen Horsten, bilden undurchdringliche Verhaue, zwischen denen im grauen Moder schon wieder siegreich das frische Grün der jungen Generation das Leben von einem Jahrhundert ins andere hinüberträgt.
Aber die Eukalypten sind nicht die einzigen Gewächse in diesem Urwald (Anmerk. 8), wenn auch die absoluten Herrscher, so daß man mit Recht von einer Eukalyptenformation sprechen kann. Mit ihnen mengt sich ein Verwandter, mit dem wohlklingenden Namen aus der Südseesprache: Niauli. Es ist die ~Melaleuca~, die dann auf den Australien im Osten vorgelagerten Inseln die Wälder bildet und in allem dem Eukalyptus ähnlich ist, nur nicht so mächtig wird. Da ist ferner das uralte Pflanzengeschlecht des Casuarinen, das wie ein Mittelding zwischen Weide und Zypresse, trauergedämpft, immer nur eingesprengt, aber niemals fehlend, den australischen Binnenurwald besiedelt. Unglaublich malerische Verzweigungen und die dunklen Rutenäste mit den quirlig reduzierten Blättern geben ihnen ein ganz eigentümliches Kleid, und man hat mit Recht von ihnen gesagt, daß sie an Schachtelhalme erinnern. Es sind die altertümlichsten Laubbäume, die die Erde kennt, man sieht es ihnen an, daß sie wohl schon zur Steinkohlenzeit die Erde bevölkert haben und als eine Art „lebendes Fossil“ hier und in Indien, wo sie auch noch vorkommen, ein letztes Asyl gefunden haben. Das hat die Untersuchung ihrer Entwicklung denn auch bestätigt, denn sie sind eine Art Pflanzenrätsel. Ihre Vermehrung vollzieht sich ganz anders als die aller bekannten Blütepflanzen (Anmerk. 9), nach Art von schon längst ausgestorbenen Pflanzen, weshalb man sie denn sogar als einen Übergang zwischen Farnen und Blütepflanzen hat ansehen wollen, was ganz gewiß nicht richtig ist.
Zahlreich sind im Eukalyptenwald auch die Akazien mit blattartigen Blattstielen, das schöne Veilchenholz und vor allem die herrliche ~Acacia dealbata~ mit ihren goldgelben Blütenkügelchen, die vom fernen fünften Erdteil eine Weltreise angetreten hat zu uns, ist sie doch der Frühlingsbote der Riviera geworden, die man als „Mimose“ auch im Berliner und Münchner Blumenladen verkauft. Keine Dame, die mit ihnen den Gästetisch schmückt, weiß, wo die Heimat des seltsamen feingliedrigen Geschöpfes ist, daß es im weltenfernen australischen Buschwald ein Liebling auch der schwarzen Waldmenschen ist, deren Frauen oft einen blühenden Akazienzweig ins wollig-krause Haar stecken.
Zwischen den Bäumen und Baumbüschen wuchert eine Menge merkwürdigster Kleinbüsche und Riesengräser, vor allem das schreckliche, wunderschöne, mannshohe, hellgrüne, hügelbildende +Spinifex+-Gras, das mit seinen Stachelspitzen jeden zerreißt, der unversehens daran rührt. Der tiefgrau schimmernde Salzbusch, der wirklich wachsblaue „~blue-bush~“, sind die allergewöhnlichsten Gestalten dieser Einöden, die auch noch weit über den Waldbereich hinausgreifen, in die Wüste eindringen und dort auf tageweiten Ländern die Alleinherrscher sind.
Im eigentlichen Scrub aber teilen sie sich in der Herrschaft mit noch zwei Pflanzenwundern, die auf Erden nirgends mehr wiederkommen als in dieser seltsam schön-schaurigen Urwelt, die in manchem mehr an einen fremden Stern erinnert als an die gewohnten Bilder des Erdballs.
Das sind die Grasbäume und die über alle Maßen schönen, wilden Blumen Westaustraliens (Anmerk. 10). Die Grasbäume sind für Australien kennzeichnende Frühlingsblüher. Sie stehen stets auf sandigem und unfruchtbarem Boden und dem mag ihr überaus langsames Wachstum zugeschrieben werden. Einer dieser buckeligen Zwerge, denn an diese Gestalt erinnert ihr tief braunschwarzer, niedriger Stamm mit dem hellgrünen feinen Grasröckchen, hat das respektable Alter eines alten Mannes, dem auch seine Größe entspricht. Oft genug aber steigt der schuppige Stamm nicht über einige Dezimeter empor. Den armlangen schmalen spröden Grasblättern würde niemand ansehen, daß dieses Gewächs zu den Lilien gehört, aber im fünften Erdteil ist alles verwandelt und anders als bei uns und wenn es auch Wälder, Heiden, Wiesen gibt, so sind doch darin von je zehn Pflanzen acht solche, die in unserer Heimat nicht leben und uns fremd und wild anstarren. Das Lilienartige des Grasbaumes meldet sich erst, wenn er im September, in dem wunderlichen Land also im Frühling, nach Art der Palmlilien eine oder zwei mannshohe Blütenschäfte ausstreckt, die von der Ferne zwar wie Rohrkolben anzusehen sind, sich aber in der Nähe doch mit lilienartigen Blüten besetzt erweisen.
Ganz phantastisch ist so ein Grashang, an dem eine Schar Grasbäume beisammen hockt, als sei es ein Trupp von Schwarzen in ihren Palmenröckchen. Man kann gar nicht an bekannte Bilder anknüpfen, sondern ertappt sich immer wieder dabei, daß man sich das Leben auf anderen Gestirnen so vorgestellt habe, wie es hier im Lande der lebenden Fossilien wirklich ist.
Da watschelt flink auch schon so ein lebender Vorweltler herbei; der stachelbewehrte australische Ameisenigel ist es, und erst jetzt, wo man ihn in der Natur beobachten kann, wie er mit seiner langen klebrigen Zunge wie auf einer Leimrute Termiten fängt, erkennt man, welch wunderbare Schutznachahmung ihn mit den Grasbäumen, zwischen denen er mit Vorliebe lebt, verbindet. Nun, da er unbeweglich kauert, ist er von einem verdorrten Grasbaumschopf nicht zu unterscheiden. Pfiffig, wirklich wie ein kleiner Igel blinzelt er mich an, als wollt’ er sagen, ich weiß, du wirst mich schonen, bin ich doch ein ganz Seltener, ich, eines der letzten eierlegenden Säugetiere, das in kleine Sandhöhlungen jetzt bald fünf bis sechs Eier wie ein Vogel ins Nest legen wird, um dann die auskriechenden Jungen noch zu säugen.
Natürlich wurde der lustige kleine Bursche auch verschont, man wagte überhaupt kaum in diesem Zaubermuseum der Natur etwas zu berühren, auch nicht die köstlichen blaublütigen Graslilien (~Dianella~), die allerliebsten kleinen Goldsterne (~Hypoxys~), die zartblühenden Erdorchideen (~Caladenia~ und ~Glossodis~), lauter Wunderblumen mit vertrauten Heimatnamen, hinter dem sich, so wie hinter den australischen Heidekräutern (besonders die Gattungen ~Styphelia~ und ~Leucopogon~ sowie ~Lissanthe~) lauter wildfremde, wenn auch reizende Blumengesichter verbergen.
Ein blütenreicher aber ganz duftloser, dafür um so mehr bunter Teppich unterbricht den Scrubwald und hier, wie immer von den Blumen untrennbar, tummeln sich auch Scharen von Insekten. An diese wieder sind Reptilien geknüpft und von beiden leben Kleinsäuger, so daß man unmittelbar vom toten, traurig starrenden Busch in ein reiches, aber wieder völlig ungewohntes Tierleben gerät.
Auch die Insekten sind durchaus andere als bei uns. Wohl glaubt man in Ameisen und Fliegen zunächst die Gefährten unserer Naturwanderungen wieder zu begrüßen, aber man täuscht sich darin: gar nicht verwandte Familien sind ganz ähnlich gekleidet und diese „Konvergenzerscheinung“ kehrt in ganz Australien wieder. Schon im Bereich der Gewächse fiel es auf, daß viele Akazien das Gewand der Weiden tragen, sie sind auch die Frühlingsboten wie jene. Die ~Epacrideen~ sehen aus wie Heidekräuter und so ist durchaus alles. So huschen nun hier auf dem weiten Blumenfeld Springmäuse, es schlüpfen Füchse und Dachse, von den Bäumen flattern Eichhörnchen, die alle keine Mäuse, Dachse, Füchse, überhaupt keine Säugetiere sind, sondern ganz fremde, mit jenen in keiner Verwandtschaft stehende Tiere aus dem uralten Geschlecht der Beutler (Anmerk. 10). Sie alle ziehen ihre Jungen gleich dem Känguruh, das der bekannteste aller Beutler ist, aber in diesem verwandelten Land auch nicht mit diesem Namen, sondern „~wallaby~“ genannt wird, in einem Hautsack, dem sog. Beutel, groß, in dem die Kleinen munter aus und ein klettern, um unter seinem Schutze Milch zu trinken. Trotzdem haben diese Tiere auch die Lebensweise und infolgedessen die äußeren Formen von Dachs, Fuchs, Bär, Maus und Marder. Hunderterlei solcher Beuteltiere beleben die australischen Einöden und es sind die entzückendsten fingerlangen Tierchen, aber auch Ungeheuer darunter, wie das Riesenkänguruh, das größer als ein Mensch ist und bis an zweieinhalb Meter mißt. Wer da glaubt, die Känguruhs seien schon selten oder gar ausgestorben, der wird im westaustralischen Scrub eines besseren belehrt. Manchmal hüpfen Scharen der drollig flüchtigen Tiere auf, jagen wie geschleuderte Fußbälle dahin, kauern sich dann nieder und sind unter Umständen so harmlos und zahm, daß sie sich ihr freundliches graues Eselsköpfchen krauen lassen. Känguruhjagd zu Pferde gehört heute noch zum Lieblings-Sonntagsvergnügen des westaustralischen Farmers. Wie die wilde Jagd fliegen Reiter und die armen gehetzten Tiere dahin, aber die Jagd ist gefährlich, nicht weil es wehrhafte Wallabys gibt, sondern weil immer wieder Roß und Mann im weglosen, überall gleichen Buschwald die Orientierung verlieren und nimmer wiederkehren. Ein furchtbarer Tod des Verdurstens wartet ihrer. Fleisch liefert der Wald hier dem Jäger genug und auch Früchte die Eukalypten. Aber da die Weißen nicht das unbegreifliche Kunststück der australischen Ureinwohner gelernt haben, die Wurzeln herauszufinden, aus denen man Wasser saugen kann, kommt jeder um, der hier den Weg verloren hat. Die Buschläufer erzählen, daß sie zuweilen Skelette gefunden haben in Resten von altertümlicher Tracht als Zeichen, daß seit Jahrhunderten niemand mehr an jenem Ort gewesen war.
Aber alle diese unheimlichen Geschichten verflattern unbeachtet, da in diesem Augenblick eines der ganz großen Naturwunder dieses Wunderlandes langsam, mit gleichsam zornigen Bewegungen hervortritt und einen seltsamen Bückling macht. Was ist das nur für ein Tier? Man kramt im Gedächtnis und stößt dann einen Freudenschrei aus. ~Chlamydosaurus Kingii~, die Kragenechse ist’s, ein kleiner nachlebender Saurier, auch so eine Art lebendes Fossil. Eine grüne, braun gesprenkelte Eidechse mit bösem Basiliskenkopf, um den der gezackte Kragen jetzt noch schlaff hängt, im nächsten Augenblick aber, da sie uns sieht und fürchtet, zur Schreckstellung prall aufgerichtet wird, wobei ihn rötlich-violette Wellen überzittern. Eine von den vielen merkwürdigen Eidechsen der Halbwüste, die auf der Jagd nach den zahllosen Insekten sind, die uns nun, da wir an die Freiung herausgetreten sind, auf einmal umschwirren. Die blauen Schmeißfliegen und die +Trigona+bienen, die kleinen widerlichen Stechfliegen, von denen Australien wimmelt, aber auch die berückenden Schmetterlinge, die großen Papilionen, von denen einer der berühmtesten dieser uralten, neuesten Welt, der ~Papilio Ulysses~, schon vor dem Kriege bei den europäischen Schmetterlingshändlern um fünfzig Mark gehandelt wurde. Von allen diesen Tieren fällt als besonders merkwürdig die rote Riesenfliege ~Craspedis~ auf, die von Busch zu Busch schwirrt und fast Daumenlänge erreicht. Ein unangenehmes bremsenähnliches Tier mit großen Glotzaugen und dickem aufgetriebenem Hinterleib. Auch ungeheure dunkelbraune Ameisen mit dreieckigem Kopf und glänzendem Bruststück laufen unermüdlich über den Sand. Sie sind so groß wie ein Junikäfer, ein für Ameisen ganz unerhörter Riesenwuchs. Noch seltsamer ist es, zu vernehmen, daß diese Tiere ungesellig sind, keine Nester bauen, sondern nach Raubkäferart sich allein durchs Leben schlagen.
Viele seitenlange Schilderungen dieser merkwürdigen Welt könnte ich hersetzen; von den Vogelspinnen, die kleine Vögel überwältigen können, den seltsamen Käfern des Scrubs, den Stabheuschrecken und den Vögeln, die da und dort den Busch mit lärmenden Scharen erfüllen, worunter sich besonders die scharlachroten +Rosella+papageien und die stets zornig-geschwätzig weißen Kakadus im Süden auszeichnen. Aber das Bild würde nur durch gehäufte Einzelheiten unübersichtlich und nicht mehr im Wesen anders werden (Anmerk. 11 ~a~).