Part 2
Tritt man näher, entdeckt man, daß der Urwald keinen ausgesprochenen Waldrand besitzt, außer er sei denn künstlich vom Menschen erhalten durch stetes Roden und Brennen. Es gibt in der heißen Zone so erstaunliche Kontraste, wie z. B. auf manchen Südseeinseln oder auch auf Ceylon selbst, wo tadellos gehaltene Autostraßen einige Dutzend Kilometer vor eine Ansiedlung leiten, dann jäh abbrechen und den Reisenden vor einer Hecke stehen lassen, die Urwald, aber gleich auch den dichtesten und undurchdringlichsten seiner Art bedeutet. Unter natürlichen Verhältnissen aber geht der Hochwald der Tropen immer erst in ein schönes Parkland über, wo Riesenbäume oder Bambus, meist mehr der Ausdehnung wie der Höhe nach, in nicht weniger riesigen Gräsern und üppigem Buschwerk stehen. Meist sind in diesem sonnigen und besonders schlangengefährlichen Gebiet auch reichlich die lichtliebenden Palmen angesiedelt. Oft aber tritt da auch der nackte und dann fast immer ziegelrote Boden zutage, dem die Wissenschaft den Namen Laterit (Anmerk. 3) gegeben hat. Aber einige Schritte weiter und schon taucht alles in leuchtendes Grün und Dämmerschatten, die aber nie so tief werden, wie etwa im heimischen Fichtenwald.
Es gehört zu den größten Schönheiten des tropischen Regenwaldes, daß ihn ein wahrhaft magisches Helldunkel durchflutet, trotzdem sich der Pflanzenwuchs auf engstem Gebiet zu unerhörten Massen zusammenballt. Es ist aber vielerlei Vorsorge getroffen, daß eines nicht dem anderen das Lebenslicht raube. Fast alle Baumkronen sind klein, die Blätter allerdings groß, aber sehr vielgestaltig, schon durch den Artenreichtum. Selten erblickt man im Umkreis eine große Zahl gleichartiger Bäume, wie in unseren Wäldern. In der Regel ist alles von einander verschieden und darum auch anders gestaltet. Nur in einem sind auch die verschiedensten Baum- und Buscharten gleich: sie sind spärlich verzweigt und besitzen glänzende Blätter. Schlangenartig gewunden, überaus malerisch strecken sich die Zweige auseinander und sichern schon dadurch ihrem Laub genügendes Licht. Noch vorteilhafter hierfür ist die Neigung zur Wolkenkratzerbildung gewisser Bäume, die gleichsam als Wald über dem Walde stehen, mit hohen Stämmen über den Dschungel hinwegragen, dadurch selbst Licht genießen und den Genuß anderen gestatten. Die Zerrissenheit der Waldkontur, die uns schon von ferne auffiel, erweist sich so als lebenswichtiges Prinzip.
Im Waldesschatten erkennt ein beobachtunggewohntes Auge noch zwei Charakterzüge, welche für die Lichtverteilung ausschlaggebend sind. Fast alles Laub ist geneigt, wodurch der Lichteinfall besonders begünstigt wird. Und der Glanz der vielen glatten, oft lackierten Blätter erfüllt auch den Schatten mit Funkeln und Blitzen. Das zweite große Merkmal des Tropenwaldes ist die Auflösung in Gruppen. Nirgends fehlen daher Lichtinseln. Mag unten auch undurchdringlichste Wildnis, Verhau und Dickicht wuchern, immer wieder fällt von oben in breiten Bächen Sonnenlicht ein und vertreibt das Waldesdüster in einzelne Winkel, wo es dann allerdings schon durch den Gegensatz unglaublich finster ist.
Aus alledem webt sich die feierliche Kirchenstimmung eines Halbdunkels, die den Wanderer nicht mehr verläßt, wenn sich einmal die Kronen des Urwaldes über ihm zusammenwölbten. Ein geheimnisvolles, wunderbares kühles, grünes Licht, das in jeder Hinsicht erfreut außer in dem Augenblick, in dem es das Photographieren geradezu verhindert. Das Tropengrün auf die Platte zu bannen, gehört zu dem mißlichsten Beginnen, das man vornehmen kann.
Da steht man nun umflossen von grünem Zauberlicht und weiß vor Verlegenheit über die unerhörte Fülle der Erscheinungen nicht, was zunächst der Aufmerksamkeit würdig sei. Bald drängt sich aber doch eine immer wiederkehrende Erscheinung unabweislich hervor. Das sind die vielen buntfarbigen und die samtartig schimmernden Blätter.
Überall, wo sich die Schatten verdichten, stehen Blattpflanzen in den entzückendsten Farben. Das ist eine unserer Heimat völlig fremde Erscheinung. Wir kennen nur auf den Schattenblättern des Holunders blaue Glanzlichter, und der Waldwachtelweizen ist das einzige Gekräut, dessen Hochblätter am Blütenstand, da allerdings berückend schön, goldgelb und amethystfarben angelaufen sind. Solches aber ist im Wald heißer Länder und besonders im indischen Regenwald die Regel.
Braun und Rot, zarte Cremefarben, leuchtendes Violett wiegen dabei vor, purpurrote Säume umflammen fast alle Blätter, die im tiefen Schatten des Grundes hausen müssen. Auch ein schweres Grün neben einem zarten Smaragdschimmer stellt sich namentlich auf feinsten Farnwedeln ein, das ganz unvergleichlich ist. Silberflecken oder schneeweiße Stellen auf den Blättern sind ebenso häufig, wie der schöne Gegensatz einer roten Nervatur auf tiefsamtgrüner Spreite. Oft mengen sich auf dem gleichen Blatt die verschiedensten Farben; ich konnte sieben unterscheiden auf einem einzigen Laubblatt des Krotonstrauches, der ja überhaupt der Meister bunter Bemalung seines Laubes ist und darum mit den Begonien, mit Anthurium und verschiedenen anderen aus dem Tropenwald eingeladen wurde, in die Gärten zu übersiedeln, ja sogar als Sommergewächs nach Europa auszuwandern. Bei uns verlieren aber diese feenhaften Gewächse den Schmelz, das Prangende und Glühende ihrer Farben und geben nur einen sehr abgeblaßten Begriff von der Pracht ihrer Heimat (Anmerk. 4).
Man hat die Buntblätterigkeit als Anpassung an das Regenklima gedeutet, und Versuche haben es bewiesen, daß an den bunten Stellen leichter Wasser abgegeben wird als an den grünen. Der Wasserhaushalt dieser in Feuchtigkeit fast erstickenden Gewächse wird daher auf solche Weise sehr erleichtert.
Während wir sie betrachten, sind ihre Farben aber merklich dunkler geworden. Schwere Wolken des täglichen Nachmittaggewitters sind aufgezogen, und bevor wir noch aus dem Walde herausgefunden, geht prasselnd wie ein Hagelschlag ein Guß nieder, der durch die Auflockerung des Laubdaches ebenso leicht wie das Licht bis zum Boden dringt. In einer Minute ist man bis auf die Haut durchnäßt; in der nächsten fröstelt man schon, trotzdem die Temperatur bei Regen steigt, und weiß nun, daß ein Fieberanfall fast unvermeidlich sein wird. Alles tropft. Sofort steigt ein Nebeldampf vom warmen Boden auf, und ein fauliger Humusgeruch verdrängt alle Düfte. Silberblitzende Schnüre hängen zu Tausenden von den Laubkronen, und hätte man es nicht schon gewußt, so würde man die Einrichtung der Träufelspitzen jetzt unfehlbar entdecken. Diese Ficusblätter vor mir haben wahre Schnabelspitzen, zu denen in tiefen Rinnen das Wasser von der ganzen Blattspreite geleitet wird, nur damit es so rasch als möglich abfließe. Selbst wir atmen mühsam in dem heißen, dampfgesättigten Brodem, der durch den Regen entstanden ist, und das durch die Feuchtigkeit der Luft verhinderte Trocknen des Schweißes erzeugt das unbehaglichste Gefühl. Wie sollte man da nicht das Streben eines Blattes verstehen, die Ausscheidung des Wassers durch alle nur denkbaren Mittel zu fördern! Die Träufelspitze ist davon das naheliegendste, und so geht sie denn auch sozusagen keiner einzigen Pflanze im Regenwalde ab. Die Meisterin darin ist gerade die heilige Feige, der Bôbaum der Inder, der, bei jedem Tempel angepflanzt, oft mit weißen Lappen und bunten Fähnchen behängt, in einem wahren Baumkultus verehrt wird. Der religiösen Legende nach deshalb, weil er der Baum gewesen sei, unter dem der Buddha zuerst seine Lehre verkündete. In Wirklichkeit wird wohl die unsterbliche Pflanzenkraft in diesem Symbol geheiligt seit Zeiten, in denen es noch keinen Buddhismus gab. Ich bewahre ein solches Blatt, das mir ein freundlicher indischer Priester zum Andenken vom 2300 Jahre alten Bôbaum gab. Es hat die Länge von zwei Drittel dieses Buches, aber gut die Hälfte daran ist Schnabelspitze.
Aber schon entschwinden uns alle Träufelblätter, Baumkronen und Botanik zusammen, so dichter Nebel hat in diesem Bergwald eingesetzt durch die intensive Verdunstung. Und jäh werden wir von allem Pflanzenstudium abgezogen durch den glühenden Schmerz auf Hand und Hals, der uns jäh überfällt. Was ist geschehen? Haben wir unversehens im weißen Düster eine der schrecklichen ~Loasa~-Nesseln berührt, deren Gift einen Menschen töten, zumindestens lähmen kann? Aber nein, auf uns kriecht ein ekliger dunkler Blutegel, zwei, sechs sind es -- von den Bäumen haben sie sich auf uns fallen lassen und saugen nun unser Blut. Landplanarien sind es, eine wahre Landplage des ceylonischen Waldes und, wie wir uns erst jetzt erinnern, die ersten Tiere, die sich uns darin bemerkbar machten.
Auffällig, namentlich im Vergleich zu Südamerika, ist die Tierarmut des indischen Urwaldes. Nach den Beschreibungen war man auf anderes gefaßt, und in sonnigen Morgenstunden tritt denn auch manches besser hervor, denn jetzt in dieser regnerischen Spätstunde. Da erschallt dann herrlicher Vogelgesang überall, und hoch oben in den Wipfeln, wo Sonne, Blüten, Orchideen und Laubgrün die köstlichsten Zelte bauen, schwirrt es von Honigvögeln, Rollern und auch kleinen grünen Papageien. Indien entbehrt ja der Kolibris, aber ~Cissa ornata~ ist fast ein Ersatz für sie, so herrlich ist dieser langschwänzige zierliche Waldvogel mit seinen blauen und braunen Schwingen und dem hellroten Schnabel. Dort tanzen und schweben denn auch die fliegenden Edelsteine Indiens, die ich neben den Blumen, vielleicht fast noch vor ihnen, als das schönste preisen muß, mit dem mich das „Land, wo der Pfeffer wächst“ entzückte. Manchmal schwirren um einen einzigen Blütenstrauch herum an zwanzig bis dreißig Falter, woraus allein man schon entnehmen mag, wie sehr der Urwald an Schmetterlingbestäubung angepaßt ist. Trauerbraune, hellgelbe, wie Honig schimmernde, fuchsgelbe beachtet man gar nicht, erst wenn sie zu Hunderten wirbeln, aber der gelbrotschwarze ~+Ixias cingalensis+~ oder die köstlich metallblau schimmernde riesige +Kallima+, türkisfarbene +Papilios+ führen wahre Elfentänze auf an Farben- und Formenschönheit und bleiben unvergeßlich, so wie die Orchideen und blühenden Lianen, als das entzückendste Erlebnis, das diese Wälder boten (Anmerk. 5).
In diesem Augenblick ist zwar von Entzücken keine Rede, denn im Zwielicht ist man über das unglaubliche Wurzelgewirr einer +Jacaranda+ gestolpert, mit dem einen Fuß tief in den dunklen Humusbrei eines wahren Wurzeltopfes getreten, wobei einige handlange bewehrte Tausendfüßler wie Schlangen hoch auffuhren. -- Schmerzlicher als das aber ist man mit den den Sturz abwehrenden Händen in das grüne Überpflanzendickicht einer Baumruine gefahren, die darunter verborgen war. Und sofort schlugen die peitschendünnen Schösse der Rotangpalme zu, die dort unter den Blättern ringelte. Ein paar Sekunden des vergeblichen Kampfes, sich von ihren Dornenranken zu befreien, und schon hängen aus den Kleidern herausgerissene Dreiecke, die Hände bluten. Plötzlich ist man von Ameisen bedeckt und froh, nicht mit einer Schlange Bekanntschaft gemacht zu haben, wie jene dreißigtausend armen Teufel von Indern, die jährlich im Walde am Biß giftiger Schlangen sterben. Eine halbe Minute lang lachte der ganze Urwald höhnisch auf, daß es ihm wieder gelungen ist, den Eindringling und Feind Menschen zu besiegen. Das Gebüsch krachte, der Schlamm spritzte, Vögel kreischten und hoch oben erschienen für den Augenblick neugierige dunkle Affengesichter. Aber dann ist wieder bleierne Ruhe und Leblosigkeit, als ob nicht hinter den grünen Vorhängen tausendfältiges Leben hungrig und unruhig lauerte.
Nun, wenigstens haben wir mit der Tierwelt dieser unheimlichen maskierten Idylle doch Bekanntschaft gemacht. Bis man die wütend beißenden großen braunen Ameisen, die Zecken und Blutegel abgeklaubt, die blutenden Hautrisse gesäubert, die Fetzen der Kleidung ein wenig mit Nadeln zurechtgesteckt hat, ist die Dämmerung eingebrochen, jene rasche, in zehn Minuten vom Tageslicht zum Sternenglanz übergehende Tropendämmerung, in der man eiligst trachten muß, den Wald zu verlassen. Schon raschelt es überall im Laube, die Stunde der Schlangen beginnt. Jetzt wäre die Zeit, in der auch die Raubtiere mutig werden. Ein langes schmerzliches Geheul im Hintergrunde treibt zur Eile. Ist’s ein Hanuman, einer der von den Indern als heilig geschonten Affen, dem die Untiere den Garaus machen? Der Fluß schimmert am Rande, die dunklen langen Schatten sind wohl Krokodile? Ohne es zu wissen, sind wir in dieser Nacht über den Deich eines Sumpfes gegangen, der voll der gefräßigen Reptilien lag. Am nächsten Morgen waren wir Reiter überm Bodensee. Das Zauberland des Sonnentages wird zum dunklen Schreckensreich. Aber versöhnend oder auch nur täuschend schwirren jetzt Dutzende, nun sind es schon Hunderte von Leuchtkäfern. Wie ein Reigen von Sternen tanzen sie um die Palmenkronen, haschen sich, erlöschen, leuchten wieder auf, blaßblau und magnesiumweiß, da zartgrün, ein Himmelszelt brennenden Lebens, stumm, feierlich, während die großen Frösche im Sumpf einen dumpfen Chor anstimmen und viele ferne Stimmen drüben im zackigen Schattenriß des Urwalds zusammenheulen, als wäre dort die Hölle der Verdammten ...
Zu den schönsten Erinnerungen meiner Wanderungen in den innersten, fast unzugänglichen Gebirgen Ceylons gehören die Morgen an dem Mahavelli Ganga, einem der wenigen großen Flüsse, die von den hohen Bergen, in manchmal paradiesisch schönen Wasserfällen und zahllosen Stromschnellen herabbrausen, um dann allmählich in den lotosumsäumten Sumpfniederungen, zwischen Palmen und Dickichten sich in breite Teiche aufzulösen, die unmerklich in Reisfelder und Pflanzungen übergehen.
Hohe, schön geformte Gebirge säumen den brausenden Fluß. Sie steigen Kette um Kette höher, bis sie in das Hochgebirgsland der Zauberinsel übergehen, das zwar keinen Schnee kennt, wohl aber ein europäisch erfrischendes Klima, weshalb in Nuwara Elyia (spr. Neurelia) und anderen Orten „Tropenfrischen“, Gesundheitsstationen für den in der Glut des Tieflandes verschmachtenden Europäer entstanden sind, wo sich im Sommer die ganze englische Regierung des Landes versammelt.
Es entspricht aber dem scharfen Kontrast, in dem sich das Leben hier bewegt, daß dicht neben dem wahrhaft schweizerischen Hoteldorf dieser „englischen Inseln“ die unberührte indische Urwelt grünt, als wäre noch nie ein Europäer im Land gewesen. Büßer hausen dort als Einsiedler auf den Bergen, in geheimnisvollen Höhlentempeln verehrt man liegende Riesenstatuen von „schlafenden Buddhas“, in einer von der Regierung zur Erhaltung des Klimas geschützten Zone breiten sich gerade hier die dichtesten Wälder, und an ihrem oberen Saum tritt ein neues Wunderwerk pflanzlicher Lebenskraft zu den bisherigen: ein breiter Saum schönster goldiggrüner Farnbäume, die sich nur in den häufigen Nebeln und dem fast steten Regengeriesel dieses Hochlandes wohl fühlen.
Dort am Mahavelli Ganga und in den Waldeinsamkeiten des Hunasagyria-Gebirges gibt es auch noch wilde und halbwilde Elefanten, dieses Charaktertier des südasiatischen Urwaldes, das zu ihm gehört wie der Tiger zum Dschungel oder der Löwe zur afrikanischen Steinwüste. Man sieht die großen Tiere in der Morgenkühle im Flusse baden, wobei sie sich in drolligster Weise mit ihrem Rüssel gleichwie mit einer Brause den Rücken abgießen und durch großes Geplätscher dafür sorgen, daß sich kein Krokodil in die Nähe wagt. In der Mittaghitze ruhen sie dann im Laubschatten und fächeln sich mit ihren großen Ohren Kühlung zu. Erst in den späteren Stunden wird geäst, in einer rücksichtslosen, waldzerstörerischen Weise sondergleichen. Breite Gassen bahnen sich die Kolosse im Grün; junge Bäume werden ausgerissen, armdicke Stämme werden geknickt oder mit dem Rüssel abgedreht, ein Lagerplatz von Elefanten hinterläßt eine Wüstenei! Aber das schadet im Gesamtbild dieses unvergleichlich üppigen Lebens nicht im mindesten. Ein Elefantenpärchen hat im Laufe seines langen Daseins nur wenige (man sagt sieben) Nachkommen, die Tiere wären also selten, wenn sie auch vom Menschen nicht gejagt oder eingefangen würden, und ihre Verwüstungszüge sind für diese Wälder die einzige Möglichkeit einer Umgestaltung und Erneuerung im ewigen Gleichmaß ihrer Üppigkeit.
Wären nicht Baumverwüster da, dann kämen viele der schönen Gewächse und Überpflanzen, welche die Lichtinseln besiedeln, vielleicht niemals zum Leben. Denn der indische Regenwald hat noch mehr als die anderen Tropenwälder die Neigung, undurchdringlich zu werden. Ein ausgezeichneter deutscher Forscher, +Fr. W. Junghuhn+, der in holländischen Diensten Java und Sumatra durchforscht hat und dem wir außer +Humboldt+ wohl die besten Schilderungen der Tropenländer verdanken (Anmerk. 6), hat das Wort geprägt, daß die Natur der Tropen einen wahren „~horror vacui~“, eine Angst vor dem Leeren habe, womit er sagen wollte, es gebe in diesen indischen Wäldern auch nicht ein Plätzchen, das nicht von Pflanzen besetzt sei. Tatsächlich ist vom Boden bis zu den dreißig bis siebzig Meter hoch ragenden Wipfeln an vielen Stellen alles von Pflanzengrün erfüllt. Namentlich an den feuchteren Abhängen, wo Lianen und Baumfreunde, Würger und Kletterpalmen üppig wuchern können, ist die Welt einfach mit Blättern verhängt. An solchen Stellen wird einem einer der wesentlichsten Unterschiede zwischen dem Wald der gemäßigten und der heißen Zonen klar. Wenn bei uns die Bodenwelt der Kleinpflanzen und Humustiere von den Polstern der Moose zugedeckt wird, über die sich dann die Stockwerke der Farne und Waldgräser, der Büsche und schließlich die oberste Etage der Laubkronen erhebt, wenn es also bei uns an fünf Stockwerke von Leben im Walde gibt, zwischen deren oberstem und den Büschen meist, im Hochwald immer, viele Meter freier Raum klafft, so zählt der Tropenwald an sieben bis neun solche Lebenszonen, deren jede einzelne in ganz anderer Weise besiedelt ist wie bei uns (Anmerk. 7).
Da ist zuerst der ungeheure Reichtum an verschiedenen Baumarten. Der aufmerksame Leser wird die Nennung einzelner Baumgestalten schon bisher in dieser Schilderung vermißt haben. Das hat seinen guten Grund. Es ist nicht möglich, vom Wald der heißen Zone Ausdrücke zu gebrauchen, die den Bezeichnungen Buchen- oder Nadelwald entsprechen würden. Dieser tropische Urwald hat keinen Charakterbaum. Man hat auf einem Gebiet von 150 Quadratkilometer in Brasilien beiläufig 400 Arten von Holzgewächsen festgestellt, und nicht anders ist es auf Ceylon, Java oder in Hinterindien. Wenn ich etwa aufgezeichnet habe, daß Eisenholz, Amherstien, Spathodeen, Feigenbäume mir besonders auffielen, so bezieht sich das nur darauf, daß diese Bäume durch Mächtigkeit, bunte Blätter oder herrliche Blüten im großen Grün hervorstachen; sonst aber müßte ich ein seitenlanges Verzeichnis hersetzen, um sagen zu können, woraus sich so ein Baumbestand zusammenfügt. Das hat unten seine Planken- und Stelzenwurzeln und in Kirchturmhöhe (40-50 Meter!) goldiges Grün, kleine buschige Kronen, Licht und Leben. Man stolpert als Erdkriecher, die wir Menschen nun einmal sind, über ganze Wurzelgebirge, scharfe Holzgrate und Kamelbuckel, Nester von Wurzeln mit tiefen Höhlen dazwischen, die mit kaffeebraunem Mulm ausgefüllt sind. Es gibt da Untiere von Wurzeln, Labyrinthe, in denen man sich kaum zurechtfindet, und damit der Verwirrung kein Ende sei, hängen, namentlich von dem herrlichen Banyan, eine der schönsten Pflanzengestaltungen, welche die Erde beherbergt, auch noch arm- oder mannsdicke Luftwurzeln herab, fassen Boden, bilden Säulengänge, Zelte, lauschige Nischen, dunkle Grotten, die zu betreten allerdings hundertfache Gefahr hindert.
Das ist die erste vielgegliederte Etage. Auf den Hochbäumen aber sitzt das zweite Stockwerk. Bei uns ganz kümmerlich vertreten durch manchen Farn oder ein Ruprechtskräutlein, das es wagt, in das Moosicht alter Astgabeln zu steigen, ist diese Welt der Überpflanzen ein Wald im Regenwald. Da breitet sich als erstes ein rücksichtsloser stacheliger Geselle aus, vielleicht das unangenehmste Geschöpf dieser Genossenschaft. Die Kletterpalme ~Calamus~ ist es, die man mit einem malaiischen Wort Rotang nennt und aus der man die Klopfstöcke des „spanischen Rohres“ schneidet. Ihr schönes Palmenlaub breitet sie erst oben im Licht aus, für den Menschenbereich besteht sie nur aus einer unglaublichen Verfilzung von Tauen, Schnüren, Schlingen und Angeln voll eisenharter Widerhaken, welche die Haut wie mit einem Messer aufschlitzen. Wer ins Rotangdickicht gerät, kann darin hängen bleiben wie in einem Stacheldrahtverhau. Die Dickhäuter Elefant, Tapir und Nashorn sind wohl dieserhalb so dickhäutig geworden, sonst wären sie längst verloren in den Rotangdickichten ihrer Heimat.
Der wunderbare Baumfreund hat hier sein eigentliches Reich. Er wieder behängt die Baumstämme mit Girlanden und läßt dann ein ganzes Tauwerk von Luftwurzeln herabpendeln. So dicht wölbt er Blatt über Blatt, daß die unteren nie einen Lichtstrahl empfangen würden, wären die oberen Blätter nicht durchlöchert, eine Anpassung, bei deren Deutung, man mag die Sache drehen und wenden wie man will, man nicht ohne die Begriffe gegenseitige Hilfe und Intelligenz auskommt. Die Baumfreunde verändern die natürliche Gestalt der Bäume, sie verwandeln sie in grüne Zelte, sie bauen Mauern und schiefe Dächer auf. Banyan, Rotang und Baumfreunde können, wenn sie zusammen wirken, jedem Vordringen ein Ende bereiten, man mag das Hackmesser gebrauchen wie man will. Zwei weitere Gruppen von Überpflanzen können aber im indischen Urwald nicht übersehen werden, so vordringlich auch die schon genannten sein mögen. Das sind die Nischenfarne und die Orchideen. Zahlreiche krautige Farne aus den Gattungen der Engelsüß- und Tüpfelfarne hängen in großen Büschen von den Ästen herab oder siedeln sich in einigen Metern Höhe an alten Baumstämmen an, wobei die unteren absterbenden Wedel, eng zusammengedrückt, Nischen bilden, in denen sich reichlich Humuserde ansammelt. So bilden sie ein Nest, einen Korb voll Erde, in dem die Wurzeln des Farnes begierig wuchern. Wunderliche Pflanzen, die ihren eigenen Blumentopf da in der Luft oben aufbauen. Meister der Anpassung und Musterbeispiele, wie man eine kümmerliche Lebenslage ausnützen muß. Oberhalb ihrer fantastischen Nester, die übrigens fast stets von Ameisen, Tausendfüßlern, Regenwürmern kolossalischer Art und Termiten bewohnt sind, pendeln die dicken plumpen Blattampeln der Baumorchideen. Ceylon ist ein berühmtes Orchideenland, wenn auch das allerschönste an indischen Orchideen erst im Vorland des Himalaja wuchert, von wo zwei Engländer in ihrem berühmten Werk an die 480 Arten abgebildet haben, eine zauberhafter als die andere. Auch hier gibt es feenschöne Blumen, besonders aus den Gattungen ~Dendrobium~ und ~Vanda~, die beide echt südasiatisch sind. Leider sitzen die meisten nach Art von Hexenbesen so hoch im Geäst, daß man weder ihren Duft noch ihre Lieblichkeit genießen kann.
Viele Bäume sind auch mit triefenden Moosen behangen, auf denen erst die blühenden Überpflanzen sitzen; manchmal machen sich Moose und Flechten sogar auf den Blättern der Bäume breit und bedecken sie mit Fransenbärten.