Urwald

Part 1

Chapter 13,136 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1928 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Sofern der Sinn dadurch nicht verfälscht wird, wurden fremdsprachliche Ausdrücke so belassen wie vom Autor formuliert.

Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter erstellt. Seiten mit Buchwerbung wurden am Ende des Bandes zusammengefasst.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:

gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~ unterstrichen: _Unterstriche_

Im Sachregister (hier ‚Sachweiser‘ genannt) wurden Begriffe mit den Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ nicht separat angegeben, da in Frakturschrift zwischen diesen nicht unterschieden wird. In der vorliegenden Fassung werden die Begriffe jedoch getrennt aufgeführt.

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~KOSMOS-BÄNDCHEN~

~URWALD~

Urwald

Von R. H. Francé

Mit einem farbigen Umschlagbild von Rud. Oeffinger nach einem Original des Verfassers und 19 Abbildungen

Stuttgart

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde

Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung

Nachdruck verboten Alle Rechte, auch das Übersetzungsrecht, vorbehalten

~Copyright 1928 by Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart Printed in Germany~

Druck von Holzinger & Co., Stuttgart

Inhalt

I. Ankunft in den Tropen 5

II. Wo gibt es noch Tropenurwälder? 6

III. Der Anblick der Wälder Indiens 12

IV. Die Urwälder Australiens 27

V. Die Tropennatur auf den Südseeinseln 39

VI. Der Amazonaswald 56

VII. Das wirkliche Bild der Tropennatur 64

Anmerkungen und Erläuterungen 71

Sachweiser 76

I. Ankunft in den Tropen

Seltsam ferner Duft, der aufsteigt aus alten Erinnerungen von Reisefieber und Naturschwärmerei, immer noch, wenn der Blick auf gewisse Worte fällt, wie Tropenurwald oder Südsee oder Ceylon und Amazonenstrom. Wer hat nicht mit glühenden Wangen und still verbissenem Sehnsuchtsneid davon gelesen in alten und neuen Büchern und sich gewünscht, auch einmal diese Zauberländer der Natur betreten zu können, das Urwalddunkel, in dem Untiere lauern, aber die herrlichen Orchideen auf den Bäumen brennen, das unschuldige Paradies der Südseeküsten, wo im heiter-kindlichen Spiel schöne braune Menschen unter Kokospalmen Blumenkränze flechten und auf Schritt und Tritt unbekannte Wunderdinge ihres Entdeckers harren?

Vierzig Jahre lang habe ich so gelesen und gelernt über den Tropenurwald und die Tropenwelt und mir ein Bild gemacht aus hundert Werken, die in langer Reihe auf meinem Bücherschrank stehen, angefangen von +Cooks+ und +Chamissos+ Reisen, von +Humboldts+ Aequinoktial-Amerika, +Bates+’ Naturforscher auf dem Amazonenstrom, +Martius+ und +Stanley+, +Junghuhn+, +Ransonnet+ und +Haeckels+ Insulinde, bis zur botanischen Tropenreise von +Haberlandt+, den gelehrten Werken von +Schimper+, +Karsten+ und +Winkler+. Bis dann endlich nach vierzigjährigem Warten ein Morgen kam, an dem am silberigen Himmelsrand vor mir ein blauer Riesenberg aus dem Meer tauchte. Ganz spitz und zackig aus einem Gewirr von Gebirgen und alle Gipfel zusammenschwebend über einer luftigen Wolke. Und ich wußte, an diesem Morgen, nach achtzehntägiger Seefahrt, das ist der Adams-Pik auf Ceylon. Und dieser ferne feine Blumenduft, der da auf einmal herüberwallt über die Salzflut, das sind indische Düfte. Und das Heer der schönsten gelben, himmelblauen, dunkelsamtgrünen Schmetterlinge, die nun plötzlich das Schiff überfallen, so zahm und matt, daß man sie mit Händen greifen kann, das sind die Tropenfalter der Urwälder, die da langsam und feierlich am Himmelssaum emporsteigen. Wahrhaftig, da stehen Kokospalmen, dieses echteste Kind der Tropen, ein ganzer goldiggrüner Saum, jetzt unermeßlich viel, ein Kokospalmenwald, und wenige Stunden später stehe ich drin klopfenden Herzens, und vor Ergriffenheit steigt mir das Wasser in die Augen, die blühende Lotusblumen vor sich sehen und Lianen und den heiligen Hain des ersten Banyanbaumes, starr und feierlich wie ein Tempel mit den hundert Säulen seiner Stämme, zwischen denen tiefbraune Singhalesen lagern, bunt und märchenhaft ..... Und der erste Blick auf die endlich erlebte Tropennatur sagt mir, was dann hundert andere Erfahrungen in Indien, in Australien, auf den Südseeinseln, im Tropenwalde Zentralamerikas immer wieder bestätigten: Alles ist anders, als ich es mir vorgestellt habe; in den Büchern war noch nie ein lebendiges, künstlerisch wahres Bild der Tropenwelt enthalten. Man muß alles selbst erleben, um es wirklich zu kennen. Und von diesem Tag an beginnt, trotz allem, was ich weiß, für mich doch ein neuer Welt- und Naturbegriff.

Ihn will ich versuchen, hier wiederzugeben, soweit er sich auf den Wald der tropischen Länder bezieht. Ein erlebtes Bild des Tropenurwaldes, wie ich es sah.

II. Wo gibt es noch Tropenurwälder?

Viele von der Naturzerstörung in unserer Heimat schon kleinmütig Gewordene meinen, es gebe vielleicht überhaupt keine Natur mehr, wie sie +Humboldt+ am Amazonenstrom oder +Junghuhn+ in Java sah. Java heißt nicht umsonst die sterbende Insel. Sie verweisen darauf, daß heute im Zeitalter des Weltverkehrs Vergnügungsdampfer den größten aller Ströme befahren und die entlegensten Orte, wie Rio de Janeiro in Brasilien oder Habana auf Kuba, Weltstädte geworden sind mit Wolkenkratzern, Trambahnen, Riesenhotels und Fremdenbüros. Daß in Manaos im Herzen des geheimnisvollen Amazonaslandes ein Opernhaus steht, und in Singapore ein wunderbares Museum, daß man durch ganz Afrika jetzt mit +Cooks+ Reisebüro auf der Bahn fahren kann und daß Kinos in den Negerdörfern spielen.

Das ist alles richtig, und ich kann aus eigener Erfahrung hinzusetzen, daß man überall, auch in den entlegensten Teilen der Insel Ceylon -- viel mehr noch in Indien selbst -- gewärtig sein muß, auf eine herrschaftliche englische Villa zu stoßen, daß es auf Südseeinseln, deren Namen in Europa kaum gehörte Worte sind, wie Viti Levu oder Raratonga, Städte gibt, daß man dort, wo noch +Humboldt+ unter Lebensgefahr durch unwegsamen Sumpfwald in Zentralamerika zog, heute Golf spielt und im Clubhouse Radiomusik hört --, und trotzdem ist die Erde noch erfüllt von Einsamkeit, unentdeckten Ländern, Völkern, Inseln, Urwäldern, Köstlichkeiten, so frisch und unberührt, als wäre es noch die Zeit der Schreckenstiere und Braunkohlenwälder, und die ersten Menschen zögen furchtsam zum erstenmal durch ihr Land der Wunder.

Wenn einer mit Naturforscheraugen um die Erde gefahren ist, so hat er zwar zunächst nicht den Eindruck, als sei die alte Kugel gerade waldgrün. Im Gegenteil, er muß sein Urteil dahin zusammenfassen: Wasser ist sie und nochmals Wasser, und die Länder darin sind meistens Wüsten. Man erinnere sich, wie merkwürdig öde die Erde schon vom Flugzeug aus wirkt. Daß ihr Gesamtbild da mehr Grau und Gelb, denn Grün ist, wenn man nur erst einmal von tausend Meter aus auf sie herabschaut. Ich habe die ganz bestimmte Vorstellung, daß die Erde, etwa vom Mond aus gesehen, hauptsächlich zweierlei Anblicke bietet. Einmal ist sie blaugrün. Dann sieht man auf die Wasserhalbkugel etwa mit der Inselwelt Polynesiens als Mittelpunkt. Das anderemal ist sie rotgelb wie der Mars, den man ja auch deshalb für einen Wüstenstern hält. Dann sieht man auf die Landhalbkugel, und auf ihr überwiegen die großen Wüsten der Sahara, von Südafrika, Arabien, Persien, die Steppen und Wüsten, die den Russen und Mongolen gehören, alles andere.

Der Großteil aller Länder ist Wüste und Steppe. Nur Europa ist grün, so wunderbar grün und üppig, daß man ganz bezaubert ist, wenn man aus den andern Weltteilen zurückkommt. Und noch ein Weltteil ist grün: die heißen Gegenden Amerikas. Dort, in der ganz ungeheueren einstigen Meeresbucht, die heute von den Anschwemmungen das Amazonas und Orinokos ausgefüllt ist, erstreckt sich das größte Waldgebiet der Erde. Es ist so ausgedehnt, daß man ganz Europa samt dem Koloß Rußland darin verstecken könnte, und alle die Urwälder Indiens, der großen Sundainseln, sogar der riesige Kongourwald Afrikas schrumpfen dagegen zusammen. Dieses Waldgebiet hat an Ausdehnung nur zwei bekannte Rivalen. Das sind die riesige Nadelholzwildnis von Kanada und Alaska in Nordamerika und der ungeheure Tannenwald, der sich von Rußland durch ganz Sibirien bis an den Stillen Ozean erstreckt. Diese beiden sind aber kein Tropenwald, und so mag man dem Amazonaswald die Krone reichen. Denn er ist auch noch jungfräulich und in reichlich drei Viertel seiner Gründe vom Weißen auch unerforscht. Nur in ihm und um ihn herum sind alle fünf Möglichkeiten entwickelt, in denen Tropenwälder auftreten können. Da ist zunächst der +Regenwald+, der eigentliche Urwald, den die zahllosen Reisebeschreibungen meinen, wenn sie ohne Sachverständnis vom Urwald sprechen. Neben ihm nicht weniger entwickelt grünen die +Galeriewälder+, die in der Tropenwelt die Flüsse begleiten und weniger von dem Klima als von dem Grundwasser grün erhalten werden. Alle großen Ströme der heißen Zone in allen vier Erdteilen, die in Betracht kommen, der Niger und der obere Nil so gut wie der Brahmaputra und Mekong, der Orinoko und Magdalenenstrom, der Flinders und Mitchell in Nordaustralien sind von solchen +Galeriewäldern+ begleitet, die zu den üppigsten der Erde gehören, weil sie in Wasserüberfluß schwelgen. An sie schmiegt sich überall dort, wo in den Flüssen sich noch der Einfluß von Flut und Ebbe bemerkbar macht und Salzwasser eindringt, ein besonders merkwürdiger Waldgürtel, den man mit einem englischen Wort: die +Mangrove+ (sprich Mängro) nennt, das gefürchtete und unheimliche Land der Moskitos und Fieber, dessen Bäume sich alle dadurch auszeichnen, daß sie „lebendig gebären“, d. h. nicht Früchte, sondern schon entwickelte junge Pflanzen von sich abwerfen.

Neben diesen drei immergrünen Baumzonen dehnen sich aber dann im Wärmegebiet der Erde noch länderweite Wälder, die ebenso wie bei uns einen Teil des Jahres entblättert stehen. Das sind die +regengrünen Tropenwälder+, dürr und ohne Laub in der Trockenzeit, aber auch im feuchten Halbjahr nie so grün und üppig wie die vorgenannten. Die Katingas Brasiliens und ein großer Teil des Waldes in Afrika und Indien gehören zu diesem meist nicht sehr erquicklichen Landschaftsbild. Mit ihnen bilden die afrikanischen und amerikanischen +Kampines+ einen Übergang zum Grasland. Eine oft reizende Parklandschaft ist das, weite Wiesen, Steppenflächen, in die Gehölze oder auch einzelne Riesenbäume eingesprengt sind (Anmerk. 1).

Von all diesen Unterschieden aber weiß die Allgemeinheit nichts. Ihr ist Tropenwald schlechthin: Regenwald und der Galeriewald durcheinander, und alles ist Urwald, worin Lianen hängen und Riesenbäume stehen, und zu ihrem Begriff des Urwaldes gehört nichts anderes als „Urwaldriesen“, wie es in den Romanen so schön und so gleichmäßig zu lesen ist, dazu Dickicht (Busch oder Dschungel [sprich Dschangl] sagt der Reiseschriftsteller, wenn er Engländer ist), Lianen und je nach dem Erdteil, um den es sich handelt, Abenteuer mit Tigern, Leoparden, Riesenschlangen oder Elefanten. Dann ist das Urwaldbild fertig und strotzt von „Echtheit“.

Die Wirklichkeit ist aber nicht so, und es ist Zeit, daß diese falsch gesehenen und oberflächlichen Naturschilderungen dem verdienten Belächeltwerden anheim fallen.

Jeder dieser Tropenwaldtypen, zu dem ich als fünften und ganz besonderen noch den australischen +Scrub+ (sprich Skröb) gesellen möchte, hat seinen Sonderlebenskreis, in dem außer den Bäumen und großen Jagdtieren, die nebenbei gesagt, für die Natur dieser Wälder ebenso wenig Bedeutung haben, wie etwa Hirsch und Adler für die unseren, eine große Zahl von Farnen und Humusgewächsen sowie Kleinpflanzen und eine nicht geringere von Kleintieren, namentlich Ameisen, Termiten, Kleinvögeln und merkwürdigen Bodentieren die allergrößte Rolle spielen.

Selbst in wissenschaftlichem Schrifttum ist dieser Lebenskreis des Tropenwaldes noch nicht klar dargestellt; er ist nämlich überhaupt noch gar nicht richtig erforscht, denn es waren noch zu wenig Naturforscher da, die solchen Dingen ihre Beachtung zugewendet hätten. Die meisten Reisenden haben vorwiegend geographische oder völkerkundliche oder auch nur auf Sondergruppen, nur auf Pflanzen- oder Insektensammeln gerichtete Interessen, oder sie sind bloß Jäger und Sammler. Man hat zum Beispiel noch nicht klar herausgestellt, daß sich -- um in der am besten bekannten Natur des Regenwaldes zu bleiben -- in ihm Natureigentümlichkeiten sehr verschiedener Art mengen.

Da sind zunächst die jedem Urwald, sei er nun tropisch oder nicht, zukommenden Eigenheiten. Das Unberührte der Natur, das jedem Baum gestattet, bis an die natürliche Grenze seines Lebens zu grünen, sich mit Plankenwurzeln und allerreichlichster Verzweigung auszubreiten. Solche „Urwaldriesen“ bewundern wir auch in den Alpentälern, die noch geschützte Natur bergen, oder im Böhmer Wald. Dort sind genau so wie in den Tropen Blumenarmut, Humuspflanzenreichtum, reichste Entfaltung von Leben in allen Stockwerken, eine ungemeine Anreicherung des Bodens mit Humus, reichliche Lianenbildung Hauptcharakterzüge des Naturbildes. Diese haben somit nichts zu schaffen mit der Tropennatur als solcher.

Ebensowenig wie gewisse Züge, die zu dem Begriff des Waldes überhaupt gehören. Die Mannigfaltigkeit des Lebens vom Boden bis in die Wipfel, die Verkettung und gegenseitige Anpassung von Pflanzen und Tieren, überhaupt die Bildung einer in viele Untergruppen zusammenhängenden Lebensgemeinschaft, das sind Waldeigentümlichkeiten, die um die ganze Erde gehen und nicht bloß den Tropen eignen.

Echt tropisch dagegen sind gewisse Anpassungen, die nur im Zauberbereich des Feuchtwarmen zu finden sind, als da wären: die vielen bunten Blätter, der Samthauch so vieler Pflanzen, die verwirrende Luftwurzelbildung, die wunderbare Farbigkeit von Blumen und Tieren, der besondere Riesenwuchs (man denke doch nur an die Bambusgräser, und die 150 Meter hohen Eukalypten), die Vogelblumen, die Überpflanzen, die Sonderbindungen zwischen Ameisen und Pflanzen, die übermäßig rasche Verwesung und viele andere merkwürdige Dinge.

Diese Tropencharaktere aber sind wieder hundertfach abgewandelt, je nach der örtlichen Ausprägung der jeweiligen Flora und Fauna, die dem Tropenwald jene verschiedenen Gesichter verleiht, die auch dem Naturunkundigen bekannt sind, als indischer Dschungel, afrikanische Steppe, Amazonasurwald, der Farnbaumurwald Ceylons, als der Palmenwald der Südsee oder der schreckliche Busch Australiens. Diese Unterschiede, zu denen man noch viele hinzusetzen könnte, sind hier geographisch bedingt. Im alten Australien gedeihen eben andere Geschöpfe als in Afrika. Und Indien ist anders besiedelt als Tropenamerika. Infolgedessen hat der Regenwald am Amazonenstrom einen anderen Erlebniswert als die gleichen Regenwälder auf Java. Hier überwiegen Palmen, Orchideen, ein Reichtum an Überpflanzen, Brüllaffen, Schmetterlingen, Papageien, Ameisen, Pantherkatzen und Alligatoren; im Märchenland von Insulinde dagegen gibt es im natürlichen Wald weniger Palmen, dagegen mehr Riesenbäume, Pandanen, die großen Schmarotzerblumen, einen großen Reichtum an Eidechsen, an sich aber weniger Tiere, dafür Bambus, viel mehr Moose, Tiger, Dickhäuter und mehr Termiten als Ameisen.

Aus diesen vier Hauptfarben mischt sich das Bild des Tropenurwaldes und, in unendlich vielen Einzelansichten verwirrend durcheinandergestellt, bereiten Urwaldnatur, Waldcharakter, tropische Sonderanpassung und geographische Sonderbildung auch dann, wenn man diese Gesetzmäßigkeiten einmal durchschaut hat, die allergrößten Schwierigkeiten für das Verständnis durch das Übermaß, in dem alles da ist (Anmerk. 2). Ob man nun Naturforscher ist oder nicht, immer wird man beim ersten Anblick dieser urgewaltigen Natur im tiefsten gepackt und überwältigt. Auch ohne daß man es zuvor in gelehrten Büchern gelesen hat, weiß man es instinktiv, daß man in diesem Waldesgrün in die Urzeit der Erde zurückversetzt ist und hat unwiderstehlich immer wieder den Eindruck, gleichsam der erste Mensch im Paradiesesgarten zu sein, in den das Eindringen etwas noch nicht Dagewesenes und Verbotenes bedeutet. Tatsächlich ist die Lebewelt der Tropen der Zufluchtsort der ältesten Tier- und Pflanzenformen. Um den Äquator herum scheinen niemals große klimatische Änderungen stattgefunden zu haben, welche ja wohl die Hauptveranlasser des Aussterbens der Lebensformen sind. Dort konnten daher viele Geschöpfe ihren Lebensfaden bis in die Gegenwart spinnen, die sonst schon das Zeitliche gesegnet haben. Farnbäume, im Steinkohlenalter auch auf deutschem Boden einheimisch, sind überall ausgestorben mit Ausnahme der Gebirge des Tropengürtels. Die Riesenschachtelhalme, einst in Schwaben und Franken zur Saurierzeit Dickichte bildend, leben in wenig bekannten Urwäldern Tropenamerikas noch in fünf und zwölf Meter hohen Riesen nach. Die Zapfenpalmen, ein Charakterbaum der europäischen Kreidezeit, haben sich in die Tropen zurückgezogen. Gürteltiere, die uralten Lebensformen der Halbaffen, der Beuteltiere, die großen Echsen, die altertümlichen Formen der Großsäuger gibt es nur dort. Kein Wunder daher, wenn der Tropenwald vorzeitlich, uralt, beinahe weltfremd wirkt. Dazu kommt, daß wohl etwa die Hälfte sämtlicher in ihm grünender und kriechender Geschöpfe noch unbeschrieben ist. Dadurch bedeutet er auch ein Neuland des Wissens, trotzdem man z. B. aus dem wohldurchforschten Ceylon bereits dreimal so viel Arten von Blütepflanzen und Farnarten, als England beherbergt (nämlich 3000 Arten), beschrieben hat.

So ist denn der Tropenurwald tatsächlich für jeden, den Wissenden und den Neuling im Lande der Natur das Rätselvolle, Unbekannte, mit hundert Entdeckungen Lockende. Mit Recht ist er der Paradiesesgarten unserer Sehnsucht und Naturfreude und das schönste Erlebnis, auf das ein Naturfreund hoffen kann.

III. Der Anblick der Wälder Indiens

Wenn auch Indien im ganzen genommen landschaftlich ebenso enttäuscht wie es völkerkundlich und kulturell entzückt, so werden doch auch die am höchsten gespannten Erwartungen von einem seiner Teile, nämlich der Natur Ceylons, übertroffen. Diese Insel, die fast so groß ist wie Bayern, aber bedeutend weniger Einwohner zählt, die sich noch dazu auf sechs Völker verteilen, hat wunderbar malerische Mittel- und Hochgebirge, aber auch wald- und wasserreiche stimmungsvolle Ebenen, deren Üppigkeit vielleicht von keinem Teil selbst der Tropenwelt, übertroffen wird. Den Seestrand umsäumt ein Kokospalmengürtel, dann folgt eine reich bebaute Zone, jene, die Bananen, Zimt, Pfeffer, Kaffee, Reis, Tee, Kakao und Kautschuk liefert, was aber bei der Art der Tropenplantagenwirtschaft nicht anders wirkt, als wandle man da durch üppige Fürstengärten. Darüber erhebt sich die Region der Gebirgswälder, die eigentliche Heimat der Kaffee-, Tee- und Gummiplantagen. Hier sind auch die wahren Urwälder, die nach oben zu in Farnbaumdickichte und alpine Bergweiden übergehen, sich aber in zwei ländergroße Gebiete auch in die fieberigen Ebenen hinabziehen. Das eine dieser Gebiete ist der ungeheure Sumpfwald, in dem die märchenhafte Ruinenstadt Anuradhapura liegt mit dem ältesten Baum der Welt, einer urkundlich nachweisbar vor 2300 Jahren gepflanzten Riesenfeige, und mit Bauwerken, die den ägyptischen Pyramiden nicht nachstehen. Hier ist ein Waldland, in dem wirklich noch Tiger auf den Reisenden lauern, wo in den Teichen sich Krokodile sonnen, die Bäume von lärmenden Affen belebt sind und sich Millionen, aber buchstäblich Millionen schönster Tropenfalter über wahren Blumenmeeren jagen. Der andere große Urwald wird von Weißen fast nie besucht. Er ist ein Bann- und Schutzgebiet im Südosten der Insel zwischen dem Gebirge und Meer, ein undurchdringlicher fieberatmender Dschungel voll Schlangen und wilder Tiere, in dem nomadisierend die Weddahs, eine Menschenrasse, die man, trotz ihrer feinen und edlen Körpergestaltung, für eine der am tiefstehendsten halten muß, umherziehen.

Das Klima dieser Niederungen ist unbeschreiblich heiß und regenreich. Mit Gewittern niedergehende Regenmengen an einem Tage, die dem Vierteljahresdurchschnitt von Berlin entsprechen, sind keine Seltenheit. Eine Durchschnittstemperatur von 35 °~C~ im Schatten ist die Regel. Und sie wird wahrhaft unerträglich dadurch, daß sie auch des Nachts nicht sinkt, dafür aber in den Mittagstunden noch gewaltig ansteigt. Wie ein ungeheures dampfendes Warmhaus, so liegt im weißlichen Sonnenglast dieses Märchenland voll alter verzauberter Geschichten, blumenduftend, farbig, erfüllt mit stillen Stimmungen, halb europäisiert, halb wahrhaft mythologisch und urweltlich, wirklich eine Götterinsel, wie ihr eingeborener Name Lankadiva besagen soll.

In diesem wunderbaren Land gibt es auch nicht eine Stelle, von der man nicht ein Stück Wald, zumindestens eine Anpflanzung sehen kann. Schon nach ganz kurzer Zeit lernt man diese aber von dem wirklichen Urwald, von dem es viel weniger gibt, unterscheiden. Selbst auf die größten Entfernungen hin erkennt man ihn an einem ganz untrüglichen Merkmal, das für alle Tropenwälder der Erde gilt. Diese haben nämlich einen überaus malerischen, unregelmäßigen Schattenriß, während Pflanzungen, z. B. Kokoshaine oder die Wälder von Bambus, Kaffee- und Gummibäumen, geschlossen einheitlich zusammenstehen, nicht viel anders als unsere heimischen Forste.

Nur der Urwald ist zerrissen. Riesenbäume, die alle um das Drei- oder Vierfache überragen, stehen neben wahrhaften Büschen; Baumruinen, von Lianen überwuchert, trauern einsam in Lichtinseln; an anderer Stelle wieder sind sie zu grünen Mauern zusammengesponnen. Wie Haus- und Festungsruinen verwehren diese Wälle sogar dem Blick den Eintritt. Dicht daneben aber klaffen ganze Gassen, die unlängst ein Windbruch gerissen hat, die allerdings in einem Jahr wieder ausgefüllt sein werden durch die unerhört gesteigerte Lebenskraft eines Landes, das zwei, manchmal sogar drei Ernten im Jahre gestattet.