Part 5
Man versteht also, warum man auch hier Landschaftsbilder von australischer Prägung, freilich wieder von besonderer Eigenart findet. Der Niauliwald auf der Westseite von Baladea ist ein Bild, das auf Erden zum zweitenmal nicht wiederkehrt. Ganz einförmig stehen die meist nicht allzu hohen, romantisch verkrümmten Bäume mit der grauweißen oder gelben Rinde, fast an Birken erinnernd, im hohen, trockenen Gras. Unbeschreiblich dürr und trockenheiß ist es in diesem ätherisch riechenden Wald. Kleine Papageien beleben ihn -- aber keine Känguruhs mehr (nur Papua hat noch welche), auch die Emuschar fehlt. Dafür gibt es einen ganz eigenartigen Vogel von Pfauengröße, den graubraunen, mit Trockengras und Niauli in Schutzfärbung lebenden +Kagu+, der wie ein Truthahn ein Rad schlagen kann, aber das Fliegen verlernt hat und als prächtiger Renner in dem offenen Busch gleichsam den Strauß dieser phantastischen Insel darstellt. Leider stirbt er nun unaufhaltsam aus, seitdem man die Hunde eingeführt hat, denen gegenüber er ganz wehrlos ist. Und noch ein eigenartiges Tier belebt den schattenarmen Niauliwald, dessen mattgrüne, rotstengelige Lederblätter gleich denen der Eukalypten senkrecht hängen. Das sind die größten Landschnecken der Erde, die faustgroßen und noch größeren Bulimusschnecken, die braun oder schneeweiß an unsere Weinbergschnecken erinnern. Überall sitzen sie im Grase (Anmerk. 15) und zwischen dem Gestrüpp der Lantanen, die reizend bunt blühend in diesem Sonnenland jede kahle Stelle überziehen und als fremde Einwanderer aus Amerika die einheimische Vegetation unterdrücken.
Es ist der denkbarst schroffste Gegensatz zwischen der Dürre dieser Gegenden und dem regentriefenden Sumpfurwald, der oft nur einige Dutzend Kilometer weiter den anderen Hang der Gebirge unter seinem fieberhauchenden Mantel begräbt. Hier stehen ernst und feierlich die riesigen, bis 70 Meter hohen tausendjährigen Schmucktannen, die man auch Kaurifichten nennt, nach ihrem Eingeborenennamen Kaori, ein wunderbares Geschöpf, der älteste lebende Nadelbaum der Erde, ein Überbleibsel der Steinkohlenzeit, mit deren Siegel- und Schuppenbäumen er mehr Ähnlichkeit hat als mit unseren Fichten und Kiefern. Er ist fast immer unverzweigt; wie grüne Schlangen ringeln sich mit Schuppen besetzte Triebe um ihn; gelbweißes Harz (eben Kauriharz) tropft an seinem graubraunen Stamm entlang. Stumm und steif, düster, von der Ferne schwarz anzusehen, ragt er in seine heitere Umgebung wie eine Statue der Längstvergangenheit. Wo viele Kaurifichten stehen -- und kleinere Inseln sind ganz mit ihnen bedeckt -- wandelt man seltsam bedrückt, gespenstig wie in einer Mondlandschaft, zu der die steifen, fast meterlangen Stabheuschrecken, die darunter sitzen, gut passen.
Auf der anderen Bergseite wieder brauen Dünste und Sprühregen. Aber hellgrün, wie lachendes Leben, baden sich im Naß dort auf den Berghöhen die Farnbaumurwälder, die ich mit zu dem Schönsten rechnen muß, das mir, der ich doch von der gesamten Pflanzenwelt der Erde einen Eindruck habe, auf meinen vielen Reisen entgegengetreten ist. Berückend ist so ein Farnbaumwald, wie er z. B. auf Tahiti oder Eimeo in der Gesellschaftsinsel-Gruppe in allerschönster Ausprägung, noch schöner wie in Ostaustralien grünt. Ein helles Goldgrün ist dann die Grundfarbe der Natur. Zartes, leuchtendes, in Spitzengewebe aufgelöstes grünes Gold flirrt, leuchtet, glänzt, erfüllt die Luft mit einem unwahrscheinlichen grünen Licht, in dem sogar die Schatten leuchten. In seltsamstem Kontrast stehen dazu die tiefschwarzen und braunen feuchtüberronnenen Farnstämme, schuppig oder narbig, je nach der Baumart (Anmerk. 15), manche wie in braune Tücher eingeschlagen, die einen klein, knorrig, die anderen schlank, von der Grazie und Anmut einer Tänzerin, unter ihnen Farnwildnis, zwischen ihnen Lianen und Gerank, über ihnen die hohen Urwaldbäume, das ganze belebt von wie blaues Glas leuchtenden Honigvögeln, Papageien und den wie schwarze Teufel umherflatternden fliegenden Füchsen, dem einzigen größeren Säugetier dieser Inseln. Dicht neben einer solchen Gruppe steht dann vielleicht ein Würger, dieser schreckliche Mörder der Pflanzenwelt, der wie ein Medusenhaupt schlangengleich sich ringelnde bleiche Arme nach den Bäumen streckt, sie umfaßt, aussaugt, völlig umspinnt, bis sie sterben, vermorschend, zerfallend in seinen Armen als elende Ruine vergehen, während er längst zum Nachbar hinübergeklettert ist. Oder aber das Opfer stürzt hin, reißt ihn mit sich, schlägt eine große breite Lücke ins Urwalddunkel. Dann tanzt Sonnenschein über all diesen stummen und doch schrecklichen Kämpfen und mit ihm köstlich gefärbte Falter, namentlich in der Papuawelt, wo sich noch ein Juwel der Natur dem allen zugesellt, die edelsteinschimmernden Paradiesvögel, von denen es einen schon auf Baladea gibt. Fliegende Blumen sind das, die den Samthauch der schönsten Orchideen mit dem Metallglanz der Pfauenfedern, dem Adel der Reiher und den sprühenden Lichtern und Funken der Edelsteine zu einem Gesamtkunstwerk vereinen (Anmerk. 16).
Aber die Wirklichkeiten dieses Waldes dulden kein ästhetisches Genießen und keine Naturschwärmerei, außer man sei denn auf Tahiti, wo eine harmlose Bevölkerung und das völlige Fehlen von Fieber und irgendwelchen schädlichen Tieren wirklich das Wort vom Paradies der Südsee rechtfertigen, das man neben einem anderen, etwas weniger harmlosen, für diese Inselgruppe geprägt hat. Im Dunkelland bleibt keine Zeit zum Naturgenuß. Täglich gehen im größten Teil des Jahres, zumindestens in den zwei Regenzeiten, zehn- bis zwölfmal heftige Gewitter mit Wolkenbrüchen nieder, die man mit dem Gefühl über sich ergehen lassen muß, daß jede Durchnässung einen Fieberanfall bedeutet. Sonst wäre der Wasserreichtum des Landes und die unerhörte Üppigkeit der Flora auch nicht denkbar. Aber in dem Garten Eden schleichen hier die dunklen, auf Menschen Jagd machenden Gestalten umher (Anmerk. 17), befangen in wüstestem Zauberglauben, der sie heißt, sogar die Körper von ihren teueren Toten auszugraben, die Schädel in grausig phantastischer Weise mit Muscheln zu schmücken, zu dörren und zu bemalen. Dann wird aus Rinde und Bast ein Krüppelkörper dazu gemacht und das ganze Schreckgespenst als Familienheiligtum vor der Hütte aufgestellt. Oder die Hütte wird geschmückt mit den schaurig bemalten Schädeln von aufgezehrten Erschlagenen; Tanzplatz und Männerhaus werden mit grotesken Schnitzereien umstellt, mit Riesenbaumstämmen, die man in Trommeln mit Menschengesichtern umgestaltet hat. Das ganze Dasein wird durch Zauberverbote, Dämonenangst, Feindseligkeit, gegenseitiges Abschlachten, Hungersnöte aus Unkenntnis der Natur und Eifersucht verdüstert, Pfeile werden mit der Spitze in faulendem Fleisch gehalten, um den Gegner auch schon durch die geringste Verletzung tödlich zu treffen, die Frauen werden wie Sklavinnen zu lebenslänglicher Arbeit verurteilt, während die Männer faulenzend mit lächerlichen Wichtigtuereien ihre Tage vertändeln. Haß gegen jeden Fremden erfüllt ihre Seele, steter Krieg von Stamm zu Stamm ihren Tag. Es gibt keine wilden Tiere in jenen Ländern, denn der Mensch ist dort das wildeste Tier; aber er rottet sich aus, geht unter in einem selbstgeschaffenen Pandämonion, während die Natur um ihn zauberhaft mild von einem Jahrtausend ins andere grünt und das Land mit einem Feuerwerk von Schönheiten überschüttet.
VI. Der Amazonaswald
Der südamerikanische Urwald ist anders als alle Tropenwälder der ganzen Erde. Sind die indischen Regenwälder durch das Gigantische der Laubmassen, die Raumerfüllung und durch Blattgrün ausgezeichnet, der australische Trockenwald durch die Einförmigkeit, die Fremdartigkeit seiner Pflanzenwelt und die alle Vorstellungen übersteigenden Riesenmaße seiner Bäume, der Urwald der Südsee durch die Anmut und gleichsam Harmlosigkeit seiner Natur, so ist Tropenamerika von Mexiko bis tief nach Brasilien hinein das Land des +schrecklichen+ Urwaldes. Ich möchte sagen, er ist der tierischste von allen, während der südasiatische der giftige, der australische der menschenfeindliche und der Südseewald der unschuldige ist.
Ameisen, Termiten, Schlangen, Alligatoren, Katzen, Kolibris, Papageien, Affen, Lianen, Orchideen, Palmen, Überpflanzen, überhaupt Blumen und dazwischen Riesenbäume, das ist der Wald von Tropenamerika.
Ein Wald, der unausrottbar ist. Während man ihn niederbrennt, sprießt er schon auf. Ich glaube, er wird nie gezähmt und ausgerottet werden. Er ist so groß wie ganz Europa. In dem riesigen Talbecken, das der Amazonenstrom mit seinen großen Nebenflüssen, dem Rio Negro, dem Madeira, dem Purus, dem Rio Branco in ein wasserdurchflutetes, neun Monate im Jahr überschwemmtes Sumpfland umgewandelt hat, umfaßt dieser Urwald allein fünfzehnmal so viel Raum als Deutschland. Österreich kann man hundertzwanzigmal in ihn hineinstellen. Er und der australische Scrub, der auch mehrere Millionen Quadratkilometer in einem bedeckt, sind die zwei größten Wälder des Erdballs.
Ich weiß nicht allzuviel von ihm, denn ich habe den Eindruck gewonnen, man müsse jahrelang in ihm leben und forschen, bevor man sagen kann, ich kenne seine Lebensgemeinschaft wirklich. Es ist auch unmöglich, ein umfassendes Gemälde von ihm zu geben, so mannigfaltig ist er. Auch +Humboldt+ ist das nicht geglückt, trotzdem er einige Jahre lang mit ihm kämpfte. Er fuhr noch in einer Piroge von einigen Kariben begleitet an den Waldrändern entlang auf der einzigen Straße, die durch die Wildnis führt, nämlich auf den tausendfach verzweigten Gewässern dieses Sumpfwirrsals. Heute gibt es zwei Großstädte im Amazonasurwald: +Pará+ und +Manáos+, zu denen man auf eleganten Salondampfern gelangt, und in englischen Zeitungen wird von Touristenagenturen geworben: „~Come and see the Amazonas. A very nice trip.~“ Wenn man aber in Manáos aussteigt und an den paar Großstadtstraßen und dem prächtigen Opernhaus, in dem nie gespielt wurde, vorbeigeht, endet schon die Stadt selbst vor einer grünen Mauer. Brennend rote Lianenblüten gleißen herab, Brüllaffen kreischen, Orchideen stehen im Dunkel, die Papageien schreien ohrenbetäubend, Züge von Blattschneiderameisen wandern, und der alte geheimnisvolle unbetretbare Urwald +Humboldts+ steht immer noch vor den Toren dieser merkwürdigen Gummigroßstadt, die jetzt wieder allmählich vom Wald aufgezehrt wird. Man kann nicht hinein, muß ein Piroge nehmen mit zwei Indianern, die das Irrsal der Wasser kennen. Und dann fährt man wieder an den Waldrändern wie +Bates+, der große Naturerforscher dieser Welt vor siebzig Jahren, und +Humboldt+ vor hundertdreißig und +Orellana+ vor vierhundert. Und nichts ist anders, als sie es gesehen haben. Der ungeheure Wald verschlingt mit seiner unüberwindlichen Größe alles Menschentum (Anmerk. 18).
Man kann nur Einzelbilder aus seinem Riesenerlebnis ausschneiden und versuchen, aus ihrem Mosaik etwas von dem Eindruck des Ganzen nachempfinden zu lassen.
Da sind die südamerikanischen Palmen. Sie durchsticken den Wald viel häufiger als sonst irgendwo. Sie sind jedenfalls seine hervorstechendsten Pflanzen. Trotzdem gibt es keinen eigentlichen Palmenwald. Sie sind nur eingesprengt, wie etwa die Linden bei uns. Trotzdem manchmal die +Palmyrapalme+, in Busch und Wüstungen strauchartig wachsend, ganze Gestrüppe bildet. Auch die kleine Nipapalme bildet einen Saum um die hier ebenso unvermeidliche und in breitestem Maße ausgebildete und von Tausenden von Alligatoren belebte Mangrovenzone. Überall aber bricht aus der Baumwirrnis die +Sabalpalme+ stachelig hervor, die +Mauritia+, die +Piassave+, die +Carnauba+, natürlich die unvermeidliche von den Antillen stammende stolze +Königspalme+, ohne deren Allee heute kein Südamerikabild denkbar ist, trifft man überall.
Das nächste, was man nicht übersehen kann, ist der Reichtum an Überpflanzen, überhaupt an Blumen. Besonders rote Blumen vom Typus der Fuchsie und Kapuzinerkresse erfüllen die ganze Welt von Tropenamerika. Eigentlich ist das verwunderlich, da im Sumpfwald fast nie die Sonne scheint. Nur in den Gegenden, wo es roten Lateritboden gibt, diesen ziegelroten Lehm, den man sich nicht anders deuten kann, als daß er unter dem Sonneneinfluß durch überrasche Verwitterung zustande kommt, dort ist auch viel Tropensonne. An den Flüssen aber wogt tagaus, tagein ein weißlicher Nebel, aus dem ohne Wolken Regen sprüht, ein Dampf, der die Sonne am Himmel verdeckt, die nur durch grelles Licht wie von Jupiterlampen, ohne Schatten blendend, merkbar wird. Diesem düsterverhangenen Himmel schreibt man es zu, daß an den großen Strömen der Sonnenstich unbekannt ist, während er am Roten Meer und in Indien manchmal durch den Tropenhelm hindurch droht. Vierzig und sechzig Meter hoch aufgerichtet steht die Waldwand, und von oben bis zum Boden wallt fast senkrecht ein Vorhang von Lianen über die Bäume herab, seiner ganzen Länge nach bestickt von rosapurpurnen Fuchsienblüten, derselben Fuchsie, die bei uns als winziges Bäumchen mit ihren lieben Glöckchen erfreut. Oder ein gewaltiger Baum steht tot, verdorrt und einsam und auf ihm sitzt ein Blütenzelt, lilarot brennend, tausende Blüten neben- und übereinander. Die ~+Bougainvillea+~-Liane ist es, die den Baum getötet hat, allmählich mit sanfter Blumenschönheit erdrückt und erwürgt. Man hat diese Bougainvillea in alle warmen Länder verpflanzt, und ein Abglanz ihrer Blütenschönheit ist auch schon an die Riviera, sogar an die südalpinen Orte vorgedrungen. Aber nur in ihrer Heimat ist sie so überwältigend schön.
Ebenso überschäumend sind hier alle „Affentreppen“ und Lianen, die rote, gelbe Garben über die Wipfel schütten und mit Tauwerk, Schlangennestern, Verhauen, Gittern das Waldesinnere versperren. Sie selbst wieder sind besetzt mit Überpflanzen, Nest an Nest. Orchideen, Bromeliazeen und Tillandsien drängen sich, wachsen aufeinander. Hier hängt das „pflanzliche Roßhaar“ in dichten Fransen herab, dort wieder strahlen Blumenrispen in niegesehener Schönheit. Tropenamerika ist das Land der Orchideen. In diesen Ländern ist es Beruf, die Berg-Wälder der Kordillere zu durchstreifen auf der Jagd nach Orchideen, denen zuliebe Bäume gefällt werden, wenn die Wunderblumen zu hoch sitzen, als daß man sie erreichen könnte. Wie lila Flammen glühen die ~+Cattleya+~blüten, ~+Odontoglossum+~ brennt gelb und rot über unserem Kopf, ~+Epidendrum+~, ~+Masdevallia+~, ~+Laélia+~, ~+Catasetum+~, ~+Stanhopea+~, alle diese in Europa mit Gold aufgewogenen kostbaren Dinge sind gemeine Dinge des Alltags. Wirklich häufig, an einem Baum manchmal zu Dutzenden und mit Tausenden von Blüten geschmückt. Man begreift, wenn man diesen überwältigenden Reichtum erst einmal gesehen hat, daß von Zentralamerika besondere Orchideenschiffe diese kostbare Fracht nach Europa bringen.
Alle Orchideennester aber sind bewacht von wie Feuer brennenden Ameisen und alle sind umschwirrt von Kolibris. Lange hatte ich sie schon gesehen und, verwirrt von so viel unerhörten Dingen, es zunächst ganz gedankenlos hingenommen, daß eben grün und rubinglänzende schwärmerartige Schmetterlinge all diese Blumen besuchen, bis mir plötzlich aufging, diese hurtigen, so zart schwebenden Falter sind ja Vögel! Kolibris, so groß wie ein Insekt, zierlichste, in eitel Smaragd und Amethyste gekleidete Blumenfreunde, so zahm und zutraulich, daß sie selbst in die Städte hereinkommen und auf den Märkten aus- und einfliegen.
Blüten, Kolibris, Ameisen bilden überhaupt eine Dreiheit von besonderer Bedeutung in dieser Welt. Die Mehrzahl der Blumen im heißen Amerika sind Vogelblumen, aber gerade die Kolibris befruchten sie nicht. Sie sind überhaupt keine Blumenbestäuber, sondern halten sich an den Blüten nur der vielen Insekten halber auf (Anmerk. 19). Blütenbesucher sind vielmehr die Honigvögel und man schreibt die Röhrengestalt der Blüten, die in der südamerikanischen Flora so häufig ist, ebenso das Überwiegen der grellroten und gelben Blumenfarbe dem Umstand zu, daß in diesem Erdteil die Vögel eine größere Rolle als Blumenbefruchter spielen, denn anderswo. Kapuzinerkresse und Fuchsie, diese zwei Sendlinge aus der „~Hylaea~“, wie man wissenschaftlich dieses Lebensgebiet genannt hat, sind echte und richtige Vogelblumen (Anmerk. 20).
Sonst fehlt es natürlich an Faltern, Käfern und Ameisen nicht als Blumenbestäubern und alle drei Gruppen haben gerade im „Etéwald“, dieser höchsten Form des äquatorialen Urwaldes, auch das Maximum ihrer Ausbildung in jeder Hinsicht erreicht. Sowohl was die Zahl der Arten wie der Einzeltiere, wie die Größe und Schönheit der Insekten betrifft. Die Waldlichtungen sind die Heimat der Riesenkäfer, hier hausen die farbensprühenden Prachtkäfer, die unvergleichlich schönen Feuerfliegen und Cucujos, die die südamerikanische Nacht erhellen; unerschöpflich ist die Zahl der Tropenfalter in der Neuen Welt, und was nur an Ameisenwundern überhaupt bekannt geworden ist, das spielt sich alles zwischen den in Waldesnacht begrabenen Mayatempeln der Yukatanhalbinsel und dem großen Urwald ab, der auf der Landkarte heute noch als ein weißer Fleck sich tief nach Brasilien hineinzieht. Die Blattschneider und Sonnenschirmträger unter den Ameisen, die Wachen, welche die durch zauberhafte rosa und zartgelbe Farben geschmückte „Laubausschüttung“, nämlich die Entfaltung des jungen Laubes, behüten, die in der Tropennatur allgemein üblich ist, die Ackerbauameisen mit ihren „Ameisenreis“, die Pilzzüchter, kurz alles, was aus dem Fabelbuch der Ameisenkultur bislang bekannt geworden ist, das hat seine Heimat in Tropenamerika. Auch die Wunderdinge der Nachäffung unter Faltern, Käfern, Geradflüglern, Wanzen können nirgends besser studiert werden. Denn hier fliegt +Kallima+, der Schmetterling, der ein vergilbtes Blatt auf seinen Flügeln so übervollkommen nachahmt, daß nicht nur Farbe, Form, Blattadern zur Täuschung verführen, sondern (gleich gewissen Heuschrecken) auch Regentropfen, Pilzflecken und Fraßstellen darauf wiedergegeben sind, an einzelnen Stellen sogar wuchernde Schimmelpilze, was doch gewiß nicht nötig wäre, wenn es bei dieser Erscheinung nur auf Irreführung der Vögel berechnet wäre, die nach der +Kallima+ schnappen. Sie unterließen dies auch ohne diese feinen und feinsten Einzelheiten und würden das Beutetier nicht schonen, wenn sie nicht schon durch die Tarnkappe der groben äußeren Nachahmung getäuscht wären.
Hier ballen sich alle Wunder der Natur und man kann Jahre als Naturforscher in dieser Welt zubringen und doch wieder Neues, Niegedachtes finden. +Humboldt+ hat fünf Jahre lang mit unvergleichlichem Eifer und Glück die Amazonaswälder durchzogen und nicht eine der ~Victoria regia~-Blumen, das größte Blumenwunder dieses Waldes, gesehen. Hunderte von Forschungen und Beschreibungen sind vorübergegangen an der entzückend-schrecklichen „Dame mit dem Schleier“ in Brasilien, dieser wahren Pilzblume, welche ein in der Nacht weißleuchtendes Reifröckchen trägt und dadurch wohl die reizendste aller Waldschwämme ist, aber zugleich so schrecklich stinkt, daß ihr Entdecker bei der Beobachtung fast ohnmächtig wurde (Anmerk. 21).
Die gigantische königliche Wasserrose ist an den Nebenflüssen und stillen Teichen des Amazonas so häufig, daß man heute die Touristen mit besonderen Motorbooten zu ihrer Besichtigung führt. Ein derartiger Sumpfwald ist so ziemlich der Höhepunkt dessen, was man an überwältigendem Pflanzenleben auf Erden sehen kann.
Ringsum steht die kolossalische Baumwelt des Igapó-Waldes, wie die Spanier den Überschwemmungswald, das eigentliche Auengebiet des Amazonas nennen. Zahllose Palmwipfel schaukeln, die ungeheuren Plankenwurzeln der Sterculiabäume bilden wahre Horste, da und dort erhebt sich blattlos einer der Riesenwollbäume, wie ein Turm über der Waldstadt. Bunt, geradezu scheckig, ist dieser südamerikanische Wald. Neben dem frischesten und dem dunkelsten Grün ist Grau, Gelb, Herbstbraun, Rosa, Weißgrau, grelles Rot vertreten. Eigentlich ist es das Bild eines ewigen Herbstes. Immer gibt es Bäume darunter, die jetzt Herbstlaubfall haben, um in zwei Wochen wieder zu grünen, immer blühen andere über und über oder entfalten das junge, schlaff herabhängende Laub in den buntesten Farben. Ohrenbetäubendes Geschrei erfüllt hier die Lüfte. Eine Wolke von Vögeln, besonders Urubus, jagt umher. Sie merken die Anwesenheit von Menschen und sind beunruhigt. Darum haben sich auch alle Alligatoren zurückgezogen, als jetzt das Schiff zwischen das Inselgewirr stiller Buchten einbiegt. Uralte Bäume, besetzt mit weißen Reihern, sind gefallen und treiben mit weißem Geäst im Fluß, in malerischsten Laubengängen überwuchern Lianen, ganze Baumgruppen; Orchideen leuchten, rot blüht es und da ist jeder Weg im Wasser versperrt. Eine grüne, gleißende Blattwiese breitet sich mit runden Sumpfblättern. Die lila blühende Wasserhyazinthe ist es, die von der Igapó ausging, um die ganze Tropenwelt als schiffahrthinderndes Wasserunkraut zu erobern. Auch hier stemmt sich ihr dichter Teppich gegen das Weiterdringen. Aber man wagt nicht ins Wasser zu steigen; es könnte doch der furchtbare Piranha-Fisch hier hausen, der einem das Fleisch in Fetzen aus dem Leibe reißt und in einigen Minuten ein unglückliches Opfer in ein Gerippe verwandelt. Das Vordringen würde auch nichts nützen, denn ein haushohes Dickicht von Orchideen versperrt jede Aussicht. Urwald riesiger grüner Pfeilblätter an schenkeldicken Stengeln, lebende vorsintflutliche Schöpferkraft der Natur, nie gesehen, die Luft von einem intensiven Blattgrüngeruch erfüllt. Und dahinter die große Seerose, die violettschimmernden Blattränder hoch aufgesetzt und mit Stacheln bewehrt. Blätter, mehrere Meter groß, die rosa Blütenköpfe wie ein Kohlkopf mächtig. Sie wird erst in der Nacht aufblühen, um die Stunde, da die Anakondaschlangen auf die Affenjagd gehen, die Pumas brüllen, der Gesang der Moskitos wie ein wütender Chor das dumpfe Bellen der Riesenfrösche begleitet, der Tanz der Feuerfliegen über all dem Treiben leuchtet und das gelbe Fieber in bleiche Nebelschwaden gehüllt durch den Wald schreiten wird.