Unterricht in der Beredsamkeit

Part 3

Chapter 33,620 wordsPublic domain

Was soll ich die Anmut des Xenophon[84] erwähnen, die frei ist von jeder Affektation und durch keine solche zu erreichen? Scheinen doch die Grazien selbst seine Sprache gebildet zu haben, und man könnte auf ihn mit Recht das übertragen, was die alte Komödie über Perikles bezeugt: „Auf seinen Lippen habe die Göttin der Überredung gethront.” Wozu soll ich an die Eleganz der übrigen Sokratiker erinnern, wozu an Aristoteles[85]? Muß man doch bei ihm zweifeln, ob er sich durch seine wissenschaftlichen Kenntnisse oder durch die Menge seiner Schriften oder durch die Kraft und Milde seiner Beredsamkeit oder durch den Scharfsinn seiner Neuerungen oder durch die Mannigfaltigkeit seiner Werke einen größeren Ruhm erworben hat.

Theophrast[86] aber besitzt in so hohem Grade jenen göttlichen Glanz der Rede, daß er davon auch seinen Namen erhalten haben soll. Weniger Wert auf die Beredsamkeit legten die alten Stoiker; aber auf der einen Seite sind ihre Vorschriften von sittlichem Gehalt, und auf der andern Seite sind sie in Sammlung von Beispielen und Beweismitteln für ihre Vorschriften besonders stark, jedoch mehr scharfsinnig in Verwendung der Tatsachen, wie glänzend in der Darstellung – ein Vorzug übrigens, nach welchem sie nicht strebten.

Die gleiche Anordnung, wie bei der Durchmusterung der griechischen Schriftsteller, werden wir auch bei der Behandlung der römischen innehalten.

Wie also bei jenen Homer, so wird bei uns Vergil[87] die beste Bürgschaft für einen glückverheißenden Anfang bieten, er, der von allen Dichtern dieser Gattung, von griechischen sowohl wie von unseren, ihm unstreitig am nächsten steht. Ich möchte in bezug auf ihn dieselben Worte gebrauchen, die ich als junger Mann von Domitius Afer[88] gehört habe, der mir auf meine Frage, wer seiner Meinung nach dem Homer am nächsten käme, antwortete: „An zweiter Stelle steht Vergil, so jedoch, daß er dem ersten Platze näher als dem dritten steht.” Und in der Tat, mag er auch – und mit ihm unsere Nation – dem himmlischen und unsterblichen Genie jenes nachstehen, so besitzt er doch um so mehr Sorgfalt und Fleiß schon deshalb, weil er sich mehr abmühen mußte; wieweit wir daher auch an hervorragender Kraft den Griechen nachstehen mögen, so gleichen wir doch diesen Mangel vielleicht durch Gleichmäßigkeit wieder aus. Alle übrigen folgen erst weit später. Denn Macer[89] und Lucretius[90] soll man zwar lesen, aber nicht um seinen Stil zu bilden, d. h. einen festen Grund für die Beredsamkeit zu legen, da sie zwar beide auf ihrem Gebiete elegant sind, der eine aber gewöhnlich, der andere schwierig im Ausdruck. Der Ataciner Varro[91] ist in dem Werke, durch welches er einen berühmten Namen erlangt hat, Übersetzer, zwar schätzenswert als solcher, aber zur Bildung der Beredsamkeit nicht reich genug. Den Ennius[92] wollen wir verehren wie einen durch sein Alter ehrwürdigen Hain, in dem gewaltige und uralte Eichen weniger ästhetisches Wohlgefallen wachrufen als heilige Scheu. Andere stehen uns näher und sind für den in Rede stehenden Zweck wichtiger. Voll Schelmerei ist zwar auch in seinen epischen Gedichten Ovid[93] und voll Bewunderung für das eigene Genie, aber in einzelnen Partien verdient er doch Lob. Wenn aber für Cornelius Severus[94] auch gilt, daß er mehr ein geschickter Verskünstler[95] als ein guter Dichter ist, so würde er doch mit Recht den zweiten Platz in Anspruch nehmen, wenn er nach dem Muster des ersten Buches den Sizilischen Krieg zu Ende geschrieben hätte. Den Serranus[96] ließ ein frühzeitiger Tod nicht zur vollen Entwicklung kommen; die Werke aus seiner frühesten Jugendzeit verraten jedoch sowohl eine außerordentliche Begabung als auch ein für dieses Alter bewundernswertes Streben nach richtiger Schreibart. Einen großen Verlust hatten wir kürzlich durch den Tod des Valerius Flaccus[97]. Voll jugendlicher Heftigkeit war auch die poetische Anlage des Saleius Bassus[98], welche auch in seinem Greisenalter nicht zur Reife gelangt ist. Auch Rabirius und Pedo[99] verdienen gelesen zu werden, wenn Zeit dazu vorhanden ist. Lucanus[100] ist feurig, schwungvoll und reich an wertvollen Gedanken, aber er verdient, um mich frei auszusprechen, mehr von den Rednern als von den Dichtern nachgeahmt zu werden. Soviel epische Dichter haben wir aufgezählt; den Germanicus Augustus[101] haben wir übergangen, weil ihn von den begonnenen dichterischen Bemühungen die Sorge für Länder und Völker abrief, und es den Göttern nicht gefallen hat, ihn zu dem größten Dichter zu machen. Was jedoch übertrifft die Werke, in denen der Jüngling Erholung von Regierungssorgen suchte, an Erhabenheit, feiner Bildung und Vorzügen jeder Art? Wer hätte auch Kriege besser besingen können, als ein Feldherr, der sie so geführt hat? Wem hätten die Kunst beschützenden Göttinnen ein willigeres Ohr leihen sollen? Wem hätte die befreundete Gottheit der Minerva lieber ihre Kunst offenbaren sollen? Es werden dies künftige Jahrhunderte mit größerer Fülle preisen, jetzt wird sein Ruhm auf diesem Gebiete durch den Glanz seiner übrigen Tugenden verdunkelt. Uns jedoch, die wir das Heiligtum der Poesie verehren, wirst du, Cäsar, verzeihen, wenn wir darüber kein Stillschweigen beobachten, sondern mit den Worten Vergils bekennen:

„Daß unter siegendem Lorbeer hindurch sich dir schlinge der Efeu[102].”

Auch in der Elegie nehmen wir es mit den Griechen auf, für deren reinsten und elegantesten Vertreter ich den Tibull[103] halte; manche ziehen den Properz[104] vor. Ausgelassener als beide ist Ovid, strenger Gallus[105].

Die Satire freilich gehört uns vollständig an. -- In ihr hat sich zuerst Lucilius[106] hohen Ruhm erworben, er, der bis auf den heutigen Tag so ergebene Bewunderer hat, daß sie kein Bedenken tragen, ihn nicht allein den auf dem gleichen Gebiete tätigen Schriftstellern vorzuziehen, sondern allen Dichtern überhaupt. Ich bin von der Meinung dieser ebenso weit entfernt, wie von der des Horaz, welcher die Rede des Lucilius einem schlammigen Bache vergleicht und behauptet, sie enthalte überflüssige Zutaten. Denn er besitzt eine wunderbare Bildung und hohen Freimut und Schärfe und reichen Witz. Viel geglätteter und reiner ist Horaz[107] und, wenn ich nicht durch zu große Vorliebe für ihn bestochen werde, von hoher Vollendung. Vielen berechtigten Ruhm hat sich auch allerdings durch ein einziges Buch Persius[108] verdient. Auch in der Gegenwart gibt es bedeutende Schriftsteller auf diesem Gebiete, die sicher einen Namen haben werden. Eine andere Art von Satire, die ihr buntes Aussehen nicht durch die Anzahl verschiedener Rhythmen erhält, hat Terentius Varro[109] geschaffen, der gelehrteste von allen Römern. Er hat eine große Anzahl sehr gelehrter Werke verfaßt und sich als ein Meister der lateinischen Sprache und ein Kenner der Altertümer jeder Gattung und der griechischen Geschichte sowohl als der unsrigen gezeigt, jedoch ist er von höherem Werte für die Wissenschaft als für die Beredsamkeit. Der Jambus als besondere Gattung ist von den Römern nicht sehr kultiviert worden, sondern von wenigen in Sammlungen anderer Gedichte eingereiht worden; seine Schärfe wird man finden bei Catull[110], Bibaculus[111], Horaz, obwohl bei jenem der epodische (ein kürzerer) Vers eingelegt ist. Von den lyrischen Dichtern ist aber Horaz fast der einzige, welcher gelesen zu werden verdient[112]; denn zuweilen steigt er an bis zum Erhabenen und ist voll Anmut und Grazie und voll Abwechslung in den Wendungen und im Ausdruck mit dem glücklichsten Erfolge kühn. Will man noch einen hinzunehmen, so wird es der kürzlich gestorbene Cäsius Bassus[113] sein, aber ihn übertreffen bei weitem an Genie die Lebenden.

Von tragischen Dichtern aus der alten Zeit wirken Attius und Pacuvius[114] durch das Gewicht ihrer Gedanken und durch die Wucht ihres Ausdrucks, sowie durch das würdige Auftreten ihrer Personen erhaben. Wenn ihnen aber der Glanz und in dem Ausbau ihrer Werke die letzte feilende Hand fehlt, so scheint das mehr ein Fehler ihrer Zeit als ihres Talentes gewesen zu sein. Eine größere dichterische Kraft schreibt man dem Attius zu, während die, welche Anspruch auf Gelehrsamkeit machen, den Pacuvius für den gelehrteren erklären. Der Thyestes des Varius[115] aber kann jedem griechischen Trauerspiel an die Seite gestellt werden. Ovids Medea scheint mir zu zeigen, wieviel dieser Mann hätte leisten können, wenn er sein Genie gezügelt und nicht statt dessen verwöhnt hätte. Von meinen Zeitgenossen ist bei weitem der hervorragendste Pomponius Secundus[116], welchen die älteren Leute allerdings für zu wenig tragisch hielten, dem sie jedoch Bildung und Schönheit des Ausdrucks in hohem Grade zugestehen mußten. In der Komödie bleiben wir am weitesten zurück. Wenn auch Varro der Meinung des Älius Stilo[117] folgend sagt, die Musen würden in der Sprache des Plautus[118] geredet haben, wenn sie lateinisch hätten reden wollen, wenn auch die Alten den Cäcilius[119] mit hohem Lobe feiern, wenn auch die Komödien des Terenz[120] auf Scipio Africanus zurückgeführt werden (welche auf diesem Gebiete die geschmackvollsten sind und bis heute noch mehr in Gunst stehen würden, wenn sie sich in den Schranken des Trimeters gehalten hätten), so erreichen wir doch kaum einen leichten Schatten der griechischen Vorbilder, so daß ich zu der Überzeugung gekommen bin, daß die römische Sprache nicht fähig sei, jene Anmut in sich aufzunehmen, welche allein den Attikern vorbehalten war, wie auch die Griechen sie in anderen Dialekten ihrer Sprache nicht erreicht haben. In der Togata (der nationalen römischen Komödie) zeichnet sich Afranius[121] aus: hätte er nur nicht – die eigenen Sitten verratend – durch Darstellung widriger Knabenliebe häßliche Stoffe verwertet.

Unsere Geschichtschreibung dagegen steht der griechischen nicht nach. So würde ich mich nicht scheuen, dem Thukydides Sallust[122] gegenüberzustellen, auch wird es Herodot nicht übelnehmen, wenn ich ihm T. Livius[123] gleichstelle, welcher in der Erzählung wunderbar anmutig und äußerst klar ist, besonders aber in den Reden mehr, als sich ausdrücken läßt, beredt, so sehr ist alles, was ausgesprochen wird, den Ereignissen und besonders auch den Personen angepaßt; und die Regungen des menschlichen Herzens, zumal die sanfteren, hat, um hier nur wenig hervorzuheben, gewiß kein Historiker passender ausgedrückt. So hat er jene göttliche Lebhaftigkeit Sallusts durch eine Reihe verschiedener Vorzüge erreicht. „Sie seien einander mehr ebenbürtig als ähnlich” – scheint mir daher auch äußerst treffend Servilius Nonianus[124] gesagt zu haben, unter dessen Zuhörern auch ich mich befunden habe. Er war ein Mann von gutem Kopfe und reich an geistreichen Gedanken, aber weniger knapp, wie es die Würde der Geschichtschreibung fordert. Diese wußte vorzüglich zu wahren der ihm der Zeit nach etwas vorausgehende Bassus Aufidius[125], wenigstens in den Büchern über den Germanischen Krieg, er, der durch seine Darstellungsweise vollen Beifall verdient, in einigen Werken jedoch hinter seinen Kräften zurückbleibt. Es lebt noch und krönt den Ruhm unseres Zeitalters ein Mann[126], welcher der Erinnerung späterer Jahrhunderte würdig ist; einst wird sein Name genannt werden, jetzt dürfen wir ihn nur andeuten. Liebhaber findet auch nicht mit Unrecht der Freimut des Cremutius[127], obwohl jetzt das beseitigt ist, was jenem einst geschadet hatte; aber einem hohen Gedankenflug und kühnen Wendungen wird man auch in dem begegnen, was übriggeblieben ist. Auch sonst würden noch treffliche Schriftsteller zu nennen sein; aber wir geben eine Übersicht über die Gattungen und durchmustern nicht ganze Bibliotheken.

Was nun unsere Redner anbetrifft, so haben sie es dahin gebracht, daß sich die lateinische Beredsamkeit auf einer Höhe befindet, auf welcher sie sich mit der griechischen messen kann; denn den Cicero[128] würde ich jedem ihrer Redner kühnlich an die Seite stellen. Ich weiß auch recht wohl, wie viele Widersacher ich mir dadurch wachrufe, zumal da ich es mir nicht vorgenommen habe, jetzt eine Vergleichung zwischen ihm und Demosthenes anzustellen, denn diese gehört nicht hierher, da ich glaube, daß Demosthenes vor allen gelesen oder besser auswendig gelernt werden muß. Die Vorzüge dieser beiden Redner scheinen mir meist die gleichen zu sein, so Anlage, Anordnung, Einteilungsmethode und die Art der Vorbereitung und Beweisführung, alles endlich, was zur Erfindung gehört. In der Wahl des Ausdrucks besteht jedoch eine nicht unbedeutende Verschiedenheit. Jener ist gedrängter, dieser wortreicher, jener in seinen Schlußfolgerungen knapper, dieser breiter, jener kämpft immer mit scharfsinnigen Worten, dieser häufig auch mit gewichtigen; auf der Seite jenes läßt sich nichts hinwegnehmen, auf der Seite dieses nichts hinzusetzen, jener besitzt mehr Sorgfalt, dieser mehr natürliche Begabung. An Witz und Rührung, jenen beiden so überaus wirksamen Affekten, übertreffen wir auf jeden Fall die Griechen. Und zugegeben, daß jenem die Sitte des Staates, Epiloge zu halten[129] unmöglich machte, so hat doch auch uns die Verschiedenheit der lateinischen Sprache (von der griechischen) vielerlei, was die Attiker bewundern, nicht erlaubt. In betreff der Briefe[130] freilich, welche von beiden existieren, und der Dialoge[131], in welchen der Grieche nichts geleistet hat, gibt es keinen Wettstreit. In dem Punkte müssen wir jedoch nachstehen, daß jener früher lebte und größtenteils Cicero zu seiner Größe herangebildet hat, denn mir scheint M. Tullius, indem er sich ganz der Nachahmung der Griechen hingab, die Kraft des Demosthenes, die Fülle des Plato und die Anmut des Isokrates nachgebildet zu haben. Jedoch eignet er sich nicht allein das, was an jedem das Beste ist, durch Studium an, sondern die meisten oder vielmehr alle glänzenden Vorzüge gewann er aus dem glücklichen Reichtum seines unsterblichen Genies. Denn er sammelt nicht, wie Pindar[132] sagt, Regenwasser, sondern in lebendigem Strahle strömt er Fluten aus; er, der uns durch ein Geschenk der Vorsehung geboren wurde, damit die Beredsamkeit in ihm alle ihre Kräfte erprobe. Denn wer kann sorgfältiger belehren, wer stärker bewegen? Wer hat je eine so große Anmut besessen? So erscheint es, als ob er das, was er erzwingt, durch Vorstellungen erreichte, und als ob der Richter, wenn er durch die Gewalt seiner Rede mit fortgerissen wird, nicht von ihm gewaltsam ergriffen würde, sondern ihm folgte. Dann ist in allem, was er sagt, eine so gewichtige Bestimmtheit, daß man sich schämt, anderer Meinung zu sein, und daß er die Glaubwürdigkeit nicht eines Anwalts, sondern eines Zeugen oder Richters besitzt, indem ihm zugleich alles dies, wovon kaum jemand das eine oder das andere bei angestrengtester Arbeit erreichen könnte, ohne Mühe von der Hand geht, wobei sein Stil, an dessen Schönheit nichts heranreicht, gleichwohl die glücklichste Leichtigkeit an den Tag legt. Deshalb sagten seine Zeitgenossen nicht mit Unrecht, er sei ein König in den Gerichten, und deshalb wird der Name Cicero bei der Nachwelt schon nicht mehr für den Namen eines Menschen, sondern für den Namen der Beredsamkeit selbst gehalten. Auf ihn wollen wir daher blicken, er sei unser Vorbild; und wem Cicero ausnehmend gefällt, der kann sich sagen, daß er in der Beredsamkeit Fortschritte gemacht habe. Einen großen Reichtum an Erfindung besitzt Asinius Pollio[133], auch eine große Sorgfalt, so daß er darin manchen sogar zu weit zu gehen scheint, endlich Klugheit und Lebendigkeit genug: von der Schönheit und der Anmut des Cicero ist er jedoch so weit entfernt, daß er um ein Jahrhundert früher gelebt zu haben scheinen könnte. Messalla[134] hingegen ist glänzend und durchsichtig und in seiner Rede gewissermaßen ein Bild seiner Vornehmheit (vornehmen Gesinnung), an Kräften jedoch schwächer. Wenn C. Cäsar[135] aber sich ausschließlich dem Forum gewidmet hätte, so würde kein anderer von den unsrigen gegen Cicero in Betracht kommen. Eine so bedeutende Kraft besitzt er, so viel Scharfsinn, so viel Feuer, daß man deutlich sieht, er habe mit dem Geiste Reden gehalten, der ihm seine Siege gewinnen ließ; er schmückt dies jedoch alles mit einer wunderbaren Eleganz der Diktion, in welcher er ganz besonders Meister war. Viel Geist und besonders in der Anklage ein feiner, weltmännischer Sinn war dem Cälius[136] eigen, einem Manne, der verdient hätte, eine bessere Gesinnung und ein längeres Leben zu haben. Ich habe Leute gefunden, welche den Calvus[137] allen vorzogen, ich habe aber auch solche gefunden, die dem Cicero glaubten, wenn er sagt, jener habe durch fortgesetztes Schmähen auf ihn das Blut der Wahrheitsliebe verloren, aber seine Redeweise ist feierlich und würdevoll, streng und häufig auch leidenschaftlich. Er war ein Nachahmer der Attiker, und sein frühzeitiger Tod hat Unrecht an ihm verübt, da er im Begriff war, noch etwas Höheres zu leisten. Auch Servius Sulpicius[138] hat nicht mit Unrecht sich einen hohen Ruhm durch drei Reden erworben. Viel Nachahmenswertes bietet, wenn man ihn mit Urteil liest, Cassius Severus[139]. Wenn dieser seinen übrigen Vorzügen Abwechslung und Würde des Ausdrucks hinzugefügt hätte, würde er unter die Vorzüglichsten zu zählen sein. Denn er besitzt sehr viel Talent, außerordentliche Schärfe, weltmännische Bildung und große Glut, aber er folgt mehr seiner Laune als einem wohlüberlegten Plane. Wie übrigens bittere Witze, so ist häufig die Bitterkeit schon allein imstande, Lachen zu erregen. Die große Menge der anderen bedeutenden Redner aufzuzählen würde zu weit führen: von meinen Zeitgenossen sind Domitius Afer und Julius Africanus[140] bei weitem die bedeutendsten. Was die Kunst der Diktion und die ganze Ausdrucksweise betrifft, so ist jener vorzuziehen und unbedenklich in die Reihen der Alten zu stellen. Dieser dagegen ist affektvoller, er geht aber in der Anwendung von Wortspielen zu weit, ist in der Komposition häufig zu breit und mit übertragenen Ausdrücken nicht sparsam genug. Auch noch in jüngster Zeit gab es (auf diesem Gebiete) bedeutende Geister. So war Trachalus[141] meist erhaben und ziemlich leicht verständlich und erfüllt von dem besten Streben; wenn man ihn hörte, erschien er jedoch noch bedeutender. Denn er besaß ein so glückliches Organ, wie ich es bei keinem andern Redner gefunden habe, und eine Aussprache und Haltung, wie sie auch für die Bühne ausgereicht haben würde, kurz alles Äußerliche war in reichem Maße bei ihm vorhanden. Auch Vibius Crispus[142] ist ein klarer, angenehmer und dem geistigen Genuß dienender Redner, geeigneter jedoch für Privat– als für Kriminalprozesse. Julius Secundus[143] würde sich, wenn er länger gelebt hätte, einen wahrhaft berühmten Namen bei der Nachwelt erworben haben; zu seinen übrigen Vorzügen hätte er nämlich, wie er schon im Begriff stand, das, was er vermissen läßt, hinzugefügt: die größere Kampfbereitschaft und eine Sorgfalt, die sich nicht allein auf den Ausdruck, sondern auch auf den Inhalt erstreckt. Obgleich er aber durch den Tod daran verhindert wurde, behauptet er doch einen bedeutenden Platz: so groß ist seine Redegabe, so bestechend seine Anmut bei der Behandlung jedes beliebigen Stoffes, so durchsichtig, maßvoll und glänzend seine Art sich auszudrücken, so treffend die Wahl seiner Worte, auch wenn sie entlehnt sind, so anschaulich sind einzelne seiner gewagten Redewendungen.

Die, welche nach uns über die Redner schreiben werden, haben eine reiche Gelegenheit, die jetzt Lebenden mit vollem Rechte zu loben; gibt es doch auch heute noch ausgezeichnete Talente, welche des Forums Glanz verherrlichen[144]. Denn die schon älteren Redner vor Gericht streben den altbewährten nach, und in deren Fußtapfen tritt wiederum der betriebsame Fleiß der jüngeren, welche das Beste erstreben.

Noch sind die übrig, welche über Philosophie geschrieben haben, ein Fach, in welchem die römische Literatur bis auf den heutigen Tag nur sehr wenig formgewandte Schriftsteller aufzuweisen hat. In gleicher Weise, wie sonst überall, ist in diesem Fache M. Tullius als ein Nebenbuhler Platos aufgetreten. Ganz vorzüglich und weit mehr, wie in seinen Reden, hat Brutus dem gewichtigen Inhalt die rechte Form verliehen; man merkt, daß er glaubt, was er sagt. Eine Reihe Schriften hat auch Cornelius Celsus verfaßt als Nachfolger der Sextier[145], nicht ohne Geschick und Anmut. Plautus[146] ist in der stoischen Philosophie für die Kenntnis des Systems brauchbar, für die epikureische Philosophie ist ein zwar nicht bedeutender, aber äußerst lesbarer Gewährsmann Catius[147]. Absichtlich habe ich Seneca[148] bei Besprechung der einzelnen Arten der Beredsamkeit bisher übergangen wegen der fälschlich über mich verbreiteten Meinung, daß ich ihn verurteile und ihm feindlich entgegentrete. Dieser Vorwurf traf mich, während ich bemüht war, die verfallene Beredsamkeit, welche durch Unarten aller Art entstellt war, zu strengeren Regeln zurückzuführen; damals befand sich aber fast nur dieser Schriftsteller in den Händen der jungen Leute. Ihn wollte ich nun nicht vollständig verbannt wissen, aber ich wollte auch nicht dulden, daß er besseren Schriftstellern vorgezogen würde, welche jener unaufhörlich angriff, da er sich bewußt war, daß er Beifall ernten könne, wenn er von jenen in der Redeweise abwich, daß er aber auf denselben verzichten müsse, wenn er in den gleichen Stücken wie jene gefallen wolle. Sie liebten ihn aber mehr, als daß sie ihn nachahmten, und blieben in demselben Grade hinter ihm zurück, wie jener sich von den Alten entfernte. Denn es wäre nur zu wünschen, daß sie jenem Manne ebenbürtig oder wenigstens ähnlich geworden wären, aber er gefiel ihnen nur durch seine Fehler, von welchen ein jeder diejenigen, welche er gerade kannte, nachzubilden bemüht war; und wenn sich dann einer rühmte, er schreibe denselben Stil, so brachte er den Seneca in schlechten Ruf. Seneca hat auch im ganzen betrachtet viele bedeutende Vorzüge: Reichtum des Geistes und Leichtigkeit der Produktion, einen unermüdlichen Fleiß und viele Kenntnisse, wobei es ihm jedoch häufiger widerfuhr, daß er von denen, welchen er Einzeluntersuchungen übertragen hatte, getäuscht wurde. Er hat übrigens fast jedes Gebiet des Wissens in seine Behandlung gezogen; denn man hat von ihm Reden, Gedichte, Briefe und Dialoge. In der Philosophie ist er zwar nicht sorgfältig genug, durch seinen Kampf gegen die Unsittlichkeit jedoch von hervorragender Bedeutung. In seinen Werken finden sich viele herrliche Aussprüche und vieles, was seines sittlichen Gehaltes wegen lesenswert ist; aber in seinem Stile ist viel Verschrobenes, was deshalb so äußerst verderblich wirkt, weil es voll von anziehenden Fehlern ist. Man möchte wünschen, daß er mit seinem Geiste, aber mit dem Urteile eines andern geschrieben habe; denn wenn er manches als geringwertig erkannt hätte, wenn er das Auffallende nicht bevorzugt hätte, wenn er nicht alles ihm Entsprungene gut befunden hätte, und wenn er den gewichtigen Inhalt nicht durch die Fülle kleinlicher Details verdeckt hätte, dann würde er mit der allgemeinen Beistimmung der Gebildeten und nicht mit der Vergötterung von Knaben belohnt werden. Gleichwohl ist er auch so den schon Sicheren und durch strengere Lektüre Gefestigten zum Lesen zu empfehlen, schon deshalb, weil er immerhin das Urteil zu üben vermag. Denn vieles ist an ihm billigens–, vieles auch bewundernswert. Nur treffe man die richtige Auswahl, was er selbst hätte tun sollen; denn seine natürliche Anlage berechtigt uns zu dem Wunsch, daß ihm ein edleres Ideal vorgeschwebt hätte; was ihm als künstlerisches Ideal erschien, hat er auf jeden Fall zum Ausdruck gebracht.

≈ZWEITES KAPITEL≈

Von der Nachahmung