Unterricht in der Beredsamkeit
Part 2
Von höchstem Nutzen für den Redner, behauptet Theophrast[22], sei das Lesen der Dichter, ein Urteil, dem sich viele anschließen. Und das mit Recht. Denn bei ihnen kann man den hohen Gedankenflug, Erhabenheit im Ausdruck, mannigfache Bewegung im Affekte und angemessene Behandlung der Charaktere erwerben. Besonders sind es die durch tägliche Anwaltstätigkeit auf dem Forum abgenutzten Talente, welche durch die Süßigkeit der Poesie ihre Frische wiederfinden, und das ist der Grund, weshalb Cicero meint[23], man müsse in dem Lesen der Dichter Erholung suchen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß der Redner nicht in allen Stücken dem Dichter folgen darf, nicht in der freien Wahl der Worte und der Ungebundenheit der Konstruktionen. Die Poesie ist der Darstellung des schönen Scheins gewidmet, und sie hat – abgesehen davon, daß sie nur dem Genusse dient und diesem Ziele zustrebt, indem sie Nichtwirkliches, ja sogar Nichtglaubliches darstellt – auch darin einen besonderen Schutz, daß sie, gebunden an die Gesetze der Metrik, nicht immer den treffendsten Ausdruck benutzen kann, sondern gezwungen ist, von dem geraden Wege abweichend auf gewisse Auswege im Ausdruck zu verfallen, wobei nicht allein einzelne Worte mit anderen vertauscht werden müssen, sondern auch Verlängerungen, Verkürzungen, Umstellungen und Teilungen einzutreten haben. Doch wir (Redner) müssen kampfgerüstet im Felde stehen, über die wichtigsten Dinge entscheiden und nach dem Siege streben. Dann dürfen freilich die Waffen durch langes Liegen und Rosten nicht leiden, sondern sie müssen einen schreckenverbreitenden Glanz haben, wie es der des blinkenden Stahles ist, welcher Sinn und Auge blendet, nicht wie es der des Goldes und Silbers ist, welcher – unkriegerisch, wie er ist – dem Besitzer eher Schaden als Nutzen bringt.
Auch die Geschichtswerke, wie sie in breitem, erfreulichem Strom dahinfließen, können dem Redner Nahrung zuführen; allein auch sie muß man mit dem Bewußtsein lesen, daß die meisten ihrer Vorzüge für den Redner Fehler bedeuten. Denn die Geschichte steht der Poesie[24] sehr nahe, und was sie bietet, ist gewissermaßen ein Gedicht in ungebundener Sprache, ihr Zweck ist Erzählung, nicht aber Beweise zu geben, und ihr ganzes Ziel richtet sich nicht auf gerichtliche Tätigkeit oder auf eine Kampfbereitschaft für den Augenblick, sondern ihre Werke werden verfaßt der Nachwelt zum Gedächtnis, dem Verfasser zum Ruhm. Deshalb muß sie durch seltenere Ausdrücke und freiere Konstruktionen Abwechslung in die Darstellung zu bringen suchen. Daher müssen wir (die Redner) dem Richter gegenüber, der von vielerlei Gedanken eingenommen und häufig auch ungebildet ist, nicht, wie gesagt[25], nach der Kürze des Sallust greifen, die dem Ohre des unbeschäftigten und gebildeten Zuhörers in so hohem Grade vollkommen erscheint, ebensowenig wird der Richter, dem es nicht sowohl auf den Glanz der Darstellung als auf die Zuverlässigkeit des Gesagten ankommt, bei einem Redner von der reinen, gesunden Fülle des Livius hinreichend Aufklärung finden. Deshalb hält M. Tullius[26] nicht einmal Thukydides oder Xenophon zur Ausbildung des Redners für nützlich, obwohl er von dem einen sagt, daß er „die Kriegstrompete blase”, von dem andern, daß „die Musen durch seinen Mund gesprochen hätten”. Gleichwohl dürfen wir bei Abschweifungen auch diesen der Geschichtschreibung eigenen Glanz anwenden, nur müssen wir wohl im Gedächtnis haben, daß wir für unsere Gerichtsreden nicht Athletenmuskeln, sondern Soldatenarme brauchen, und wir dürfen nicht meinen, daß das bunte Gewand, dessen Demetrius aus Phaleron sich, wie man sagt, bediente, in dem Staub des Forums wohl angebracht sei. Noch in anderer Beziehung kann man Nutzen, der gar nicht unbedeutend ist, aus der Lektüre der Historiker ziehen – das gehört allerdings nicht hierher –, nämlich indem man Kenntnis der Tatsachen und Beispiele erhält, mit denen der Redner hauptsächlich ausgestattet sein muß, damit er in seinen Zeugnissen nicht auf den Prozeßführenden angewiesen ist, sondern die Hauptmenge derselben mit sorgfältiger Auswahl dem Altertum entnehmen kann; diese eignen sich um so besser dazu, als sie von dem Vorwurf der Parteilichkeit frei sind.
Wenn aber die Redner von der Lektüre der Philosophen vielfach abhängig waren, so geschah das zu ihrem Schaden, da sie jenen doch selbst in den besten Teilen ihrer Reden nachstanden. Denn über das Rechte, Gute und Nützliche und die entgegengesetzten Begriffe reden sie hauptsächlich, auch sind ihre Beweisführungen scharf, und in Rede und Gegenrede können die Sokratiker[27] den künftigen Redner vorzüglich bilden; aber auch für sie gilt das gleiche Urteil. Wir müssen uns nämlich darüber klar sein, daß selbst, wenn wir über die gleichen Gegenstände sprechen, ein großer Unterschied zwischen Gerichtsrede und wissenschaftlicher Untersuchung, zwischen Forum und Hörsaal, Prozeß und gelehrter Vorschrift besteht.
Da wir nun der Meinung sind, daß ein so großer Nutzen in der Lektüre liege, so werden, glaube ich, die meisten fordern, daß wir auch das in unser Werk aufnehmen, welche Schriftsteller gelesen werden sollen, und worin der besondere Vorzug der einzelnen Autoren besteht. Aber jeden für sich zu behandeln, würde eine Arbeit von endloser Ausdehnung sein. Wenn nämlich M. Tullius im Brutus in so viel tausend Zeilen nur über die römischen Redner spricht und dennoch über alle seiner Zeit angehörige, mit denen zusammen er lebte, mit Ausnahme des Cäsar und Marcellus[28] Stillschweigen beobachtet, wo wird da ein Ende zu finden sein, wenn ich jene und die, welche später gelebt haben, und sämtliche Griechen durchgehe? Daher war jene kurze Anweisung, welche sich in dem Briefe des Livius an seinen Sohn findet[29], die kürzeste und sicherste: nämlich man solle Demosthenes und Cicero lesen und die anderen, je nachdem sie Demosthenes oder Cicero ähnlich wären. Das ist zweifellos die Quintessenz auch unseres Urteils. Denn nur wenige oder vielmehr kaum einer von denen, welche aus dem Altertum zu uns herübergerettet sind, wird sich finden, der mit richtigem Urteil gelesen nicht einigen Nutzen bringen wird; wie denn auch Cicero bekennt, von jenen Schriftstellern des Altertums, die bei all ihrem Geist der Kunst entbehren, sehr viel gelernt zu haben. Und nicht viel anders urteile ich über die neueren. Denn wer hofft nicht, wenn auch nur für den kleinsten Teil seines Werkes, ein Gedenken der Nachwelt? Sollte es wirklich einen solchen geben, so werden wir ihn gleich bei der Lektüre der ersten Zeilen erkennen und ihn dann so rasch aus der Hand legen, daß uns das Experiment keinen großen Zeitverlust kostet. Aber nicht das, was für einen beliebigen Teil unserer Wissenschaft Bedeutung hat, ist in gleicher Weise auch zur Bildung des rednerischen Ausdrucks, wovon wir hier sprechen, geeignet.
Bevor wir uns jedoch auf das einzelne einlassen, müssen wir erst einiges Allgemeine über die verschiedenen Ansichten vorausschicken. Einige nämlich meinen, daß man nur die Alten lesen müsse, und urteilen, daß in allen anderen nicht die natürliche Beredsamkeit und männliche Kraft sei; andere entzückt das Pikante und Üppige des Modernen und die Kunst, mit der sie die Lust der unerfahrenen Menge zu erregen wissen. Auch von denen, welche den rechten Weg zur Beredsamkeit verfolgen wollen, halten die einen nur das Knappe und Dürftige und der Verkehrssprache Nahestehende für das Gesunde und in Wahrheit Attische, während andere für einen höheren Geistesflug und für eine erregtere, geistvollere Schreibweise eingenommen sind; auch gibt es nicht wenige Liebhaber des milden, glänzenden und blühenden Stils. Über diesen Unterschied will ich ausführlicher reden, wenn ich die Schreibweise untersuchen werde; unterdessen will ich in großen Zügen andeuten, welche Lektüre diejenigen wählen müssen, welche sich eine sichere Fähigkeit in der Redekunst erwerben wollen; einige nämlich – und gerade die hervorragendsten – will ich herausgreifen. Es ist dann für die aufmerksamen Leser leicht zu beurteilen, welche den von mir genannten am nächsten stehen; es möge sich daher keiner beklagen, daß ich vielleicht einige übergangen habe, die seinen besonderen Beifall finden; denn das gebe ich zu, daß eine größere Anzahl gelesen werden muß, wie ich nennen werde. Jetzt will ich aber die verschiedenen Arten der Lektüre durchgehen, die ich für die, welche sich dem Rednerberuf widmen wollen, für nützlich halte.
Wie also Aratus[30] mit Jupiter anfangen zu müssen glaubt, so werden wir geziemend mit Homer beginnen. Denn wie dieser selbst sagt, daß dem Ozean aller Flüsse und Quellen Lauf entspringe[31], so ist er Muster und Ursprung für alle Arten der Beredsamkeit. Ihn dürfte niemand in Behandlung eines bedeutenden Stoffes durch Erhabenheit, der Schilderung alltäglicher Vorgänge durch Schlichtheit des Ausdrucks übertreffen. Er ist zugleich blühend und kurz, lieblich und ernst, bald durch seine Fülle, bald durch seine Kürze bewundernswert und nicht nur als Dichter, sondern auch als Redner hervorragend. Denn um hier über diejenigen seiner Reden, welche Worte des Lobes, der Ermahnung, des Trostes enthalten, zu schweigen: entwickelt nicht das neunte Buch, welches die Gesandtschaft an Achilles enthält, oder der in dem ersten Buche erzählte Streit der Führer oder die im Rate gehaltenen Reden des zweiten Buches alle Kunstregeln, die in Prozessen und Ratsversammlungen angewendet werden? Daß dieser Dichter milde und erregte Leidenschaften in seiner Hand gehabt habe, wird auch der Ungebildetste nicht leugnen. Weiter, hat er nicht in dem Eingang seiner beiden Werke in wenigen Versen das für Anfänge gültige Gesetz, ich sage nicht beobachtet, sondern auch aufgestellt? Denn er macht sich den Hörer geneigt durch die Anrufung der Göttinnen, welche, wie man glaubt, die Beschützerinnen der Sänger sind, er erweckt die Aufmerksamkeit desselben, indem er die Größe des Gegenstandes vor Augen stellt, und er führt ihn in das Verständnis ein, indem er die Hauptsachen kurz zusammenfaßt. Wer aber könnte kürzer erzählen, als der Bote, welcher den Tod des Patroklus meldet[32], wer anschaulicher als der, welcher die Schlacht zwischen den Kureten und Ätolern berichtet[33]? Auch die Gleichnisse, Steigerungen, Beispiele, Abschweifungen, Bezeichnungen der Gegenstände und Beweise, sowie die übrigen Arten von Beweisführung und Widerlegung sind so mannigfaltig, daß auch die, welche über die „Künste” geschrieben haben, die meisten Beispiele diesem Dichter entnehmen. Endlich welcher Epilog ließe sich wohl vergleichen mit den Bitten des den Achill anflehenden Priamus[34]? Geht Homer nicht überhaupt in Worten, Sentenzen, Figuren und in der Anlage des ganzen Werkes über das dem menschlichen Geiste gesteckte Maß hinaus? So ist es schon etwas Großes, nicht: seine Vorzüge nachzuahmen – denn das ist unmöglich, aber sie mit Verständnis zu erfassen. Er aber läßt zweifellos alle in jeder Art der Beredsamkeit weit hinter sich, besonders die Epiker, eben weil eine Vergleichung in einem ähnlichen Gegenstand am deutlichsten wird. Ganz selten reicht an ihn heran Hesiod[35], dessen Gedicht zum großen Teil mit Namen angefüllt ist. Gleichwohl sind seine Sentenzen wegen der in ihnen enthaltenen Vorschriften von Wert. Ebenso verdient die Leichtigkeit der Wortfügung und Komposition Billigung, und ihm muß der Preis in der mittleren Stilgattung[36] zuerkannt werden. Bei Antimachus[37] dagegen wirbt die Kraft und Würde und das über das Gewöhnliche Erhabene des Ausdrucks um Beifall. Aber obwohl ihm die Gelehrten fast übereinstimmend den zweiten Rang zuerkennen, so fehlt es ihm doch so sehr an Schwung, Lieblichkeit, guter Anordnung und überhaupt an Kunst, daß es ein deutliches Beispiel dafür ist, daß „an zweiter Stelle stehen” und „ebenbürtig” sein etwas sehr Verschiedenes ist. Panyasis[38], der von beiden etwas hat, erreicht, wie man meint, in der Rede die Vorzüge beider nicht, den einen übertrifft er jedoch in der Wahl des Stoffes, den andern in der Anordnung. Apollonius[39] ist in den von den Grammatikern aufgestellten Kanon nicht gekommen, weil Aristophanes und Aristarch[40] keinen ihrer Zeitgenossen darin aufgenommen haben, er hat jedoch ein nicht zu verachtendes Werk verfaßt von einem gewissen gleichmäßigen Fluß. Dem Stoff des Aratus[41] fehlt das bewegende Moment, da keine Abwechslung, keine Leidenschaft, keine Person, keine Rede von irgend jemand darin vorkommt. Seine Kräfte reichen jedoch für das Werk aus, dem er sich gewachsen gefühlt hat. Bewundernswert ist in seiner Art Theokrit[42]; aber jene ländliche Hirtenmuse meidet nicht nur scheu das Forum, sondern selbst auch die Stadt. Doch ich glaube von allen Seiten mir Namen verschiedener Dichter zurufen zu hören. Wie? Hat Pisander[43] nicht die Taten des Herakles schön besungen? Und sind dem Nikander[44], Macer[45] und Vergil[46] umsonst gefolgt? Wie? Sollen wir den Euphorion[47] übergehen? Hätte derselbe nicht den Beifall des Vergil gefunden, so würde dieser es gewiß nicht in den Eklogen des mit chalkidischem Verse geschmückten Gedichtes gedacht haben[48]. Wie? Stellt Horaz[49] ohne Grund den Tyrtäus[50] dem Homer an die Seite? Und doch steht gewiß keiner der Kenntnis dieser Dichter so fern, daß er nicht leicht ein Verzeichnis derselben aus einer Bibliothek entlehnen und seiner Bibliothek einverleiben könnte. Ich weiß daher recht wohl, welche ich übergehe, und verwerfe sie keineswegs, da ich gesagt habe, sie wären alle von Nutzen. Aber zu jenen werden wir erst zurückkehren, wenn die Kraft schon ausgebildet und gefestigt ist, sowie wir uns bei großen Gastmählern oft der Abwechslung wegen zu den geringen Speisen wenden, nachdem wir uns an den besten gesättigt haben. Dann werden wir auch Zeit finden, die Elegie zur Hand zu nehmen, für deren bedeutendsten Vertreter Kallimachus[51] gilt. Den zweiten Platz nimmt auf diesem Gebiete nach der Meinung der meisten Philetas[52] ein. Aber bis wir diese mit Leichtigkeit verbundene Festigkeit, von der ich gesprochen habe, erreicht haben, müssen wir uns an die besten Schriftsteller gewöhnen und den Geist mehr durch vieles Lesen als durch das Lesen vieler bilden und Kolorit gewinnen lassen. So wird von den drei[53] durch das Urteil des Aristarch aufgenommenen Jambendichtern zur Erlangung der ἕξις (Fertigkeit des Stils) hauptsächlich Archilochus nur beitragen. Dieser besitzt die größte Kraft des Ausdrucks, kurze, kräftige und blitzende Gedanken, viel Blut und Nerven, so daß einige meinen, wenn er manchmal weniger bedeutend erscheine, so sei das eine Folge des Stoffes, nicht seines Talentes. Von den neun lyrischen Dichtern[54] ist bei weitem der hervorragendste Pindar durch den prachtvollen Schwung seines Geistes, seine Sentenzen und Figuren und durch einen äußerst glücklichen Reichtum an Gedanken und Figuren, den man mit der Fülle eines Stromes vergleichen könnte; daher glaubt Horaz[55] mit Recht, es könne ihn keiner nachahmen. Wie geistesgewaltig Stesichorus[56] ist, zeigen schon seine Stoffe, wenn er große Kriege und berühmte Führer besingt und die Last epischer Stoffe mit der Lyra bewegt. Er verleiht nämlich den Personen im Handeln und Reden die nötige Würde, und würde, wenn er nur Maß gehalten hätte, am nächsten an Homer heranreichen, aber er leidet an übertriebener Breite und fließt über, was zwar zu tadeln ist, jedoch als ein Fehler, der aus innerem Reichtum entsprungen ist. Alcäus[57] wird für einen Teil seines Werkes[58] nicht mit Recht mit dem goldenen Plektron beschenkt, da nämlich, wo er bei Verfolgung der Tyrannen[59] auch zur Stärkung des sittlichen Gefühls beiträgt, und wo er in der Rede kurz, großartig und an Gewalt der Worte hauptsächlich einem Redner ähnlich ist; aber er versteht auch zu scherzen und sich zu Liebesgetändel herbeizulassen; für erhabenere Stoffe ist er jedoch geeigneter. Der sonst schlichte und einfache Simonides[60] kann doch wegen des Treffenden seines Ausdrucks und einer gewissen Anmut empfohlen werden; besonders besteht sein Vorzug in Erregung des Mitleids, so daß einige in dieser Beziehung ihn allen Schriftstellern, welche derartige Gegenstände behandelt haben, vorziehen.
Die alte Komödie bewahrt die echte Grazie der attischen Sprache fast allein, besonders aber besitzt sie auch eine redselige Freimütigkeit und ist in Verfolgung des Lasters von vorzüglicher Schärfe; jedoch auch in den anderen Beziehungen besitzt sie sehr viel Kraft. Denn sie ist erhaben, gewählt und anmutig, und es steht vielleicht kein poetisches Erzeugnis – abgesehen von Homer, den man wie Achill immer ausnehmen muß – der Redekunst näher oder ist mehr geeignet, Redner heranzubilden. Es gibt eine größere Anzahl von Dichtern dieser Gattung; Aristophanes jedoch, Eupolis und Kratinus sind die bedeutendsten[61].
Tragödien hat zuerst geschaffen Äschylus[62], der erhaben und ernst und gewichtig, häufig bis zur Fehlerhaftigkeit, aber meist auch ungeschliffen und ungeordnet ist. Daher haben die Athener den späteren Dichtern erlaubt, seine Dramen in verbesserter Gestalt[63] in den Wettkampf zu bringen, und auf diese Weise sind viele mit dem Preis gekrönt worden. Aber viel glänzender sind die Leistungen des Sophokles und Euripides[64] auf diesem Gebiete: wer von diesen beiden – bei dem eigentümlichen Wege, den ein jeder von ihnen eingeschlagen hat – der bessere Dichter sei, ist eine vielbesprochene Streitfrage. Ich nun beantworte diese Frage, welche mit dem gegenwärtig behandelten Stoffe nichts zu tun hat, nicht. Das jedoch muß jeder zugeben, daß für die, welche sich auf eine rednerische Tätigkeit vorbereiten, Euripides von viel größerem Nutzen sein wird. Denn er nähert sich in seiner Ausdrucksweise (welche natürlich von den Leuten getadelt wird, denen der Ernst, die Erfahrenheit und der Klang der Sophokleischen Verse erhabener erscheint) mehr der Manier des Redners, reich an Sentenzen, wie er ist, und den Weisen verwandt in den Aussprüchen, welche von jenen überliefert sind, und in Rede und Gegenrede jedem von denen vergleichbar, welche auf dem Forum für beredt gegolten haben, bewundernswert aber besonders in der Darstellung aller Affekte, und wohl unübertroffen in der Zeichnung der Mitleid erregenden. Ihn hat nach seinem eigenen Zeugnis in hohem Grade bewundert und – allerdings auf einem andern Gebiete – nachgeahmt Menander[65], welcher schon allein, meiner Ansicht nach wenigstens, fleißig gelesen, zur Ausbildung alles dessen, was wir vorschreiben, hinreichen würde; eine so glückliche Erfindungsgabe und Redegewalt besitzt er, so beherrscht er alle Verhältnisse, Personen, Affekte. Etwas Richtiges haben daher gewiß die gesehen, welche glauben, daß die dem Charisius[66] zugeschriebenen Reden von Menander verfaßt seien. Aber mir scheint Menander als Redner weit mehr Billigung als in seinen dichterischen Werken zu verdienen, was mir jeder zugeben wird, wenn er nicht etwa die Gerichtsreden, welche „Epitrepontes”, „Epikleros” oder „Locroe” enthalten, für schlecht erklären, oder behaupten will, die außergerichtlichen Reden in „Psophodee”, „Nomothetes”, „Hypobolimäus” seien nicht in jeder Beziehung vollendete rednerische Meisterwerke. Ich glaube jedoch, daß er von um so größerem Vorteil für die Kunstredner sein wird, weil diese jeder Lage der Streitfrage entsprechend mehrere Rollen übernehmen müssen, von Vätern und Söhnen, von Soldaten und Bauern, von Reichen und Armen, von Zornigen und Abbittenden, von Sanftmütigen und Rauhherzigen. In allen diesen Rollen wird von unserem Dichter ein bewundernswerter Takt beobachtet. Er hat allen Dichtern dieser Gattung den Ruhm vorweggenommen und sie alle durch den Glanz seiner Berühmtheit verdunkelt. Gleichwohl bieten auch andere Komiker, wenn sie mit Nachsicht gelesen werden, manches Nachahmenswerte, besonders Philemon[67], welcher zwar verkehrterweise in dem Urteil seiner Zeitgenossen oft dem Menander vorgezogen wurde, immerhin aber dem allgemeinen Urteil zufolge für den zweiten zu gelten verdient.
Geschichte haben viele vortrefflich geschrieben; zwei jedoch scheinen zweifellos vor allen übrigen durchaus den Vorrang zu verdienen, deren Vorzüge trotz ihrer Verschiedenheit fast in gleicher Weise Lob geerntet haben. Gedrängt, kurz und sich selber in Zucht haltend ist Thukydides[68]; angenehm, durchsichtig und von einer gewissen Breite Herodot[69], jener ist in Darstellung von heftigen Affekten, dieser in der Schilderung milder Regungen vorzüglicher, jener ist für die öffentliche Rede, dieser für das Privatgespräch vorbildlich, Thukydides wegen seiner Gewalt, Herodot wegen seiner Liebenswürdigkeit bewundernswert. Theopomp[70] steht diesen am nächsten, in der Geschichtschreibung zwar weniger bedeutend, wie die genannten, einem Redner aber näher verwandt, da er lange Redner war, bevor er zu diesem Werk sich entschloß. Auch Philistus[71] verdient nach diesen der Schar der guten Schriftsteller beigezählt zu werden als Nachahmer des Thukydides, der zwar bedeutend weniger kraftvoll, aber auch viel klarer als sein Vorbild ist. Ephorus[72] bedarf nach Ansicht des Isokrates der Sporen. Bei Clitarch[73] lobt man das Talent, zieht aber seine Glaubwürdigkeit in Frage. Der lange Zeit nachher lebende Timagenes[74] verdient schon deshalb Beachtung, weil er die unterbrochene Tätigkeit auf dem Gebiete der Geschichtschreibung mit neuem Ruhme wieder aufgenommen hat. Xenophon habe ich nicht zu erwähnen vergessen; er muß aber unter den Philosophen aufgeführt werden[75].
Es folgt nun die große Schar der Redner, da ja bekanntlich zu Athen in einem Zeitalter zehn gelebt haben[76]. Unter diesen war bei weitem der hervorragendste und beinahe der Maßstab für jede rednerische Tätigkeit Demosthenes[77]: eine solche Gewalt besitzt er, so gedrängt ist bei ihm alles, so gleichsam mit Muskeln umkleidet und frei von überflüssigen Zutaten und so maßvoll, daß man kein fehlendes und kein überflüssiges Wort bei ihm entdecken kann. Von größerer Fülle und Breite und erhabenerer Ausdrucksweise ist Äschines[78] in demselben Maße, wie er Demosthenes nachsteht an Kraft und Knappheit; er hat mehr Fleisch und weniger Muskeln. Besonders anmutig und geistreich ist Hyperides[79], aber er ist einem weniger bedeutenden Vorwurf mehr gewachsen, um nicht zu sagen, für einen solchen mehr begabt. Der Zeit nach geht ihm Lysias[80] voraus, welcher scharfsinnig und geschmackvoll ist und überaus vortrefflich, wenn es für einen Redner genug ist, zu belehren; denn bei ihm ist nichts Phrase, nichts Gesuchtes – doch ist er einer reinen Quelle ähnlicher wie einem mächtigen Strome. Isokrates[81], der in den verschiedenen Gattungen der Rede glänzend und geschmückt und der für die Ringschule besser als für den Kampf geeignet ist, erstrebt jeden nur möglichen Reiz des Ausdrucks, und das mit Recht. Für Hörsäle ist er gerüstet, nicht aber für Gerichtsverhandlungen. In der Erfindung voll Leichtigkeit, voll Eifer für das Wohlanständige, in dem Ausbau so sorgfältig, daß seine Sorgfalt Tadler gefunden hat. Ich glaube nun nicht, daß die von mir besprochenen Redner nur gerade diese Vorzüge besessen haben, wohl aber, daß diese ihre hervorragendsten gewesen sind; ferner bestreite ich nicht, daß auch andere bedeutend gewesen sind. Ja, ich gebe zu, daß Demetrius von Phaleron[82], obwohl er zuerst die Beredsamkeit heruntergebracht hat, viel Talent und Redegewandtheit besessen hat, wie er auch deswegen der Erwähnung wert ist, weil er von den Attikern ungefähr der letzte ist, welcher den Namen eines Redners verdient, und da ihn Cicero in der mittleren Art der Beredsamkeit allen anderen vorzieht.
Ich komme zu den Philosophen, aus welchen M. Tullius für die Beredsamkeit sehr viel gewonnen zu haben behauptet; wer zweifelt, daß unter ihnen besonders Plato[83] durch die Schärfe seiner Schlußfolgerungen sowie durch eine Art göttlicher und homerischer Beredsamkeit den Vorrang verdient? Denn vieles geht hinaus über die Prosa, welche die Griechen als eine „Rede zu Fuße” bezeichnen, so daß er mir nicht von einem menschlichen Geiste beseelt, sondern gleichsam durch das Delphische Orakel beseelt erscheint.