Unterricht in der Beredsamkeit

Part 1

Chapter 13,306 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt, fremdsprachige Passagen in Antiqua. Es gibt außerdem einige griechische Ausdrücke.

Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet: gesperrt: #Raute# Latein: ≈Doppelwelle≈

Einige wenige offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. Uneinheitliche Schreibweisen von Eigennamen wurden wie im Original belassen.

Die Fußnoten des Vorworts wurden als Endnoten an das Ende des Vorworts gesetzt.

Seite 45: der Begriff „hinzunehmen” wurde wie im Original belassen. Vom Zusammenhang her wäre jedoch vermutlich „hinzuzunehmen” zu schreiben (das Urteil des Calvus an manchen Stellen hinzunehmen?)

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Unterricht

in der Beredsamkeit

Von

Marcus Fabius Quintilianus

Übersetzt von W. Nicolai

Neue, verbesserte Ausgabe

von Prof. ≈Dr.≈ #Otto Güthling#

Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig

Holzfreies Papier

Druck von Philipp Reclam jun.

Leipzig

Einleitung

#Marcus Fabius Quintilianus#[A], über dessen Lebensverhältnisse uns nur wenige Zeugnisse erhalten sind, lebte im 1. Jahrhundert n. Chr. Daß Calagurris[B] in Spanien und nicht Rom sein Geburtsort gewesen ist, ist wohl nicht zu bezweifeln. Weniger sicher ist die Angabe seines Geburtsjahres. Früher hat man das Jahr 42 angenommen, es ist indessen besonders aus seinen eigenen Erwähnungen des im Jahre 59 verstorbenen Domitius Afer wahrscheinlich, daß diese Zeit um einige Jahre zu spät ist, und das Jahr 35 wahrscheinlich das Jahr seiner Geburt ist. Seinen Vater, der Rhetor war, erwähnt er IX, 3, 73. Wenn er auch bisweilen seinen Jugendunterricht erwähnt (I, 2, 23; II, 4, 26), so nennt er doch nirgends seine Lehrer; nur die ausgezeichneten Redner führt er an, die zu hören er Gelegenheit gehabt hat, wie Julius Africanus (X, 1, 118; XII, 11, 3), Servilius Novianus (X, 1, 102), Galerius Trachalus, Vibius Crispus, Julius Secundus (XII, 9, 11). Nachdem er um das Jahr 59 in seine Heimat zurückgekehrt war, hielt er sich daselbst als Lehrer der Beredsamkeit acht Jahre (bis 68) auf, in welchem Jahre ihn Galba, der Statthalter im tarrakonensischen Spanien war, mit sich nach Rom zurücknahm.

Seit dieser Zeit begann er in Rom teils als Sachwalter aufzutreten, teils rhetorischen Unterricht zu erteilen.

Daß er auf dem Forum in Prozeßsachen geredet, sagt er IV, 2, 86, und an einer andern Stelle (VII, 2, 24) beklagt er sich über die Nachlässigkeit der Stenographen, welche seine Reden in ganz verfälschter Form unter das Publikum gebracht hatten. Dagegen gelangte er als Lehrer der Beredsamkeit zu großem Ansehen, so daß sein Name sprichwörtlich gebraucht wurde. Und als Vespasian Gehälter für die Lehrer aus dem Fiskus anwies, neben welchen natürlich das Honorar der Schüler bestehen blieb, war Quintilian der erste, der ein solches erhielt; angeblich bezog er ein Gehalt von 18000 Mark. Unter seinen Schülern sind die berühmtesten der jüngere Plinius (Briefe II, 14, 10; VI, 6, 3) und die Enkel der Schwester Domitians, Domitilla, die Söhne des später (95 oder 96) hingerichteten Flavius Clemens, vielleicht auch Cornelius Tacitus. Aus seinem Unterrichte sind die ≈libri duo artis rhetoricae≈ (zwei Bücher über Rhetorik), vielleicht auch die gegen seinen Willen in die Öffentlichkeit gelangten ≈sermones≈ (Gespräche) hervorgegangen; eine Frucht seiner Studien war auch die Schrift ≈de causis corruptae eloquentiae≈ (Über die Ursachen des Verfalls der Beredsamkeit), die man früher irrigerweise in dem Dialoge des Tacitus über die Redner wiederzuerkennen vermeint hat.

Nach zwanzigjährigem öffentlichen Lehramte trat er etwa um 91 von demselben zurück und erhielt bald darauf durch Domitian ≈consularia ornamenta≈ (Rang und Vorteile eines Konsuls). In dieser Zeit begann er, von vielen Seiten aufgefordert, die Abfassung des umfassenden Werkes ≈de institutione oratoria≈ (Unterricht in der Beredsamkeit), das innerhalb zweier Jahre vollendet, dann aber einer wiederholten Feile und Durchsicht unterworfen wurde. Jedenfalls ist es vor dem 96 erfolgten Tode Domitians vollendet worden, denn nur so lassen sich die auffallenden Schmeicheleien gegen diesen abscheulichen Kaiser (IV, 1, 2; X, 1, 91) und das bereitwillige Eingehen auf die Verdächtigung der Philosophie, die gerade unter dieser Regierung den heftigsten Verfolgungen ausgesetzt war, erklären, aber nie und nimmer entschuldigen. Dem Werke geht eine kurze Zuschrift an den berühmten und unserm Schriftsteller befreundeten Buchhändler Trypho voraus, auf welche die Widmung an den Rhetor Marcellus Victorius folgt, dessen Sohn Quintilian unterrichtet hatte.

Von seiner Gattin, die ihm im noch nicht vollendeten 19. Lebensjahre durch den Tod entrissen wurde, hatte er zwei Söhne, von denen der eine im 5., der andere im 10. Lebensjahre starb. In ergreifender Weise gibt er seinem Schmerze über diese Schicksalsschläge im Vorwort zum VI. Buche Ausdruck. Sein Todesjahr läßt sich nicht nachweisen; wahrscheinlich hat er ein Alter von ungefähr 70 Jahren erreicht. Die Annahme, er sei 118 gestorben, ist sicherlich nicht richtig.

Den Inhalt der zwölf Bücher „Unterricht in der Beredsamkeit” gibt Quintilian in dem Vorwort zum I. Buche also an:

„Das erste Buch wird nämlich das enthalten, was dem Berufe des Rhetors vorangeht. Im zweiten werden wir die ersten Anfänge bei dem Rhetor und die Fragen über das Wesen der Rhetorik behandeln. Fünf weitere Bücher sollen der Erfindung (denn daran wird sich auch die Anordnung anschließen) und vier dem rednerischen Ausdruck (wobei das Auswendiglernen und der Vortrag seine Stelle erhält) gewidmet werden. Dazu kommt noch ein Buch, in welchem der Redner selbst von uns herangebildet werden soll, und worin wir, soweit es unsere schwache Kraft vermag, über die Sitten desselben handeln wollen, über die Grundsätze, nach welchen er Prozesse übernehmen, sich davon unterrichten und sie führen soll, welche Gattung der Beredsamkeit er wählen, wann er aufhören soll, Prozesse zu führen, und von seinen nachherigen Studien.” Also ein vollständiges Lehrbuch der Rhetorik, das von dem ersten Jugendunterrichte an bis zu dem Auftreten des ausgebildeten Redners enzyklopädisch alles umfassen sollte, was auch in einer der öffentlichen Beredsamkeit nicht sehr geneigten Zeit erforderlich war. Quintilian stellt an den Redner höhere sittliche Ansprüche und baut auf sittliche Grundsätze sein System des gesamten rhetorischen Wissens. Er hat weniger die zahlreichen Werke griechischer Autoren benutzt, als vielmehr sich seinem großen Meister und Vorbilde Cicero angeschlossen (VII, 3, 8: Ich wage kaum, in meiner Ansicht von Cicero abzuweichen). Daher sind die Beziehungen auf griechische Quellen (Dionysios von Halikarnaß und Cäcilius) im ganzen selten, und selbst da ist nicht immer sicher, ob er auch wirklich aus Originalen geschöpft hat; wenigstens lassen sich so die Ungenauigkeiten erklärten. Dagegen sind überall zahlreiche Belege für ein eindringendes Studium ciceronianischer Schriften vorhanden, das auch auf die Reinheit und Sauberkeit der Darstellung den besten Erfolg geübt hat.

So ist es denn nicht zu verwundern, daß dies reichhaltige Lehrbuch zu allen Zeiten großes Ansehen genossen hat und selbst im Mittelalter vielfach benutzt worden ist. Auch #Friedrich der Große# hat den Quintilian sehr hoch geschätzt; das beweist das Kabinettsschreiben des Königs an den Staatsminister von Zedlitz vom 6. September 1779:

„Da ich gewahr geworden, daß bei den Schul–Anstalten noch viele Fehler sind, und daß besonders in kleinen Schulen, die Rhetoric und Logic, nur sehr schlecht oder nicht gelehrt wird, dieses aber eine vorzügliche und höchst nothwendige Sache ist, die ein jeder Mensch, in jedem Stande, wissen muß, und das erste Fundament, bei Erziehung der jungen Leute sein soll, denn wer zum besten raisoniret, wird immer weiter kommen, als einer, der falsche consequences zieht, so habe euch hierdurch Meine eigentliche Willens–Meinung dahin bekannt machen wollen: wegen der Rhetoric, ist der Quintilien, der muß verdeutschet, und darnach in allen Schulen informirt werden, sie müssen die jungen Leute ≈traductions≈ und ≈discourse≈ selbst machen lassen, daß sie die Sache recht begreifen, nach der Methode des Quintilien, man kann auch ≈Abrégé≈ daraus machen, daß die jungen Leute, in den Schulen, alles desto leichter lernen, denn wenn sie nachher auf Universitäten sind, so lernen sie davon nichts, wenn sie es nicht aus den Schulen schon mit dahin bringen.”

#Friedrich August Wolf# nennt Quintilian „einen trefflichen Autor, teils der Sache, teils der herrlichen Sentiments wegen, besonders das zehnte Buch, welches eine Repetition der griechischen und römischen Literatur sei”. Das zehnte Buch bildet ein in sich abgeschlossenes Ganzes, das auch ohne speziellere Kenntnis der übrigen Bücher verständlich und von allgemeinerem Interesse ist. Vgl. #Karl Eduard Güthling# in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen 1869, S. 881 ff., und #Eckstein#, Lateinischer und griechischer Unterricht 1887, S. 268 f.

Der Neubearbeitung der Nicolaischen Übersetzung von Quintilians Unterricht in der Beredsamkeit, Buch X, habe ich eine #Einleitung# und #erläuternde Anmerkungen# hinzugefügt; beides hielt ich zur Förderung des Verständnisses der Schrift für nötig. Zugrunde gelegt habe ich, von einigen Änderungen abgesehen, die Ausgabe von #E. Bonnell#, 6. Auflage von #H. Röhl#, die, wie auch die Ausgabe von #G. T. A. Krüger#, 3. Auflage von #G. Krüger#, mir bei der Übersetzung und Erklärung gute Dienste geleistet hat.

Goldschmieden bei Breslau, den 1. Juni 1926.

#O. Güthling#.

[A] Dies ist die richtige Schreibung des Namens, nicht Quinctilianus, eine durchaus nicht genügend beglaubigte Form.

[B] Heute Calahorra, Stadt der Vaskones im tarrakonensischen Spanien.

≈ERSTES KAPITEL≈

Vom Wörtervorrat

Die bisher angegebenen stilistischen Regeln[1] sind zwar für die Theorie unentbehrlich, tragen aber zur wirklichen Beredsamkeit wenig bei, wenn nicht jene sichere Gewandtheit hinzukommt, welche bei den Griechen ἕξιϛ heißt; ob wir diese nun in höherem Grade durch Schreiben, durch Lektüre oder durch Übung im Reden erreichen, ist, wie ich weiß, noch eine offene Frage, mit welcher wir uns eingehender zu beschäftigen hätten, wenn wir uns mit einem von diesen drei Dingen begnügen könnten. Allein sie sind alle so unzertrennlich miteinander verwachsen, daß man sich vergeblich in einem bemüht, wenn man die anderen unberücksichtigt läßt. Denn die Beredsamkeit wird weder Festigkeit noch Kraft besitzen, wenn sie nicht durch Übung im Schreiben erstarkt ist, und ohne das Vorbild der Lektüre wird wiederum jene Arbeit der rechten Ausbildung entbehren[2]. Wer aber Stoff und Form der Beredsamkeit beherrscht, die Worte jedoch nicht für alle Fälle in Bereitschaft hat, macht sich zum Wächter toter Schätze[3]. Nun wird jedoch manches – trotz seiner Notwendigkeit – für den Redner nicht gleich von vornherein große Bedeutung haben. Denn da des Redners[4] Beschäftigung im Sprechen besteht, so ist Gewandtheit hierin offenbar durchaus erforderlich und hiermit zu beginnen, darauf folgt dann die Nachahmung und endlich fleißige Beschäftigung mit Schreiben. Wie man aber einerseits die höchste Vollendung nur durch Anfangen von unten erreichen kann, so erscheint andererseits dem schon weiter Fortgeschrittenen der Anfang bereits recht unbedeutend. Wir aber führen hier nicht aus, wie der künftige Redner zu bilden ist – worüber wir schon hinlänglich oder doch so gut, wie es uns möglich war, geschrieben haben[5] –, wir haben es vielmehr mit der Frage zu tun, wie der Athlet, welcher von dem Lehrer schon durch alle Stufen hindurchgeführt ist, zum Kampfe vorbereitet werden muß. Wir wollen also einen Schüler unterrichten, welcher mit der Auffindung und Disposition des Stoffes bereits vertraut ist und sich mit der Wahl des Ausdrucks, sowie mit der Wortstellung hinreichend beschäftigt hat; dieser soll jetzt erfahren, wie das von ihm Gelernte auf die leichteste Art anzuwenden ist.

Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß sich der Schüler gleichsam Schätze sammeln muß, die er nach Belieben verwenden kann; diese bestehen aber in dem gehörigen Vorrat von Worten und Gedanken. Die Gedanken sind aber in jedem einzelnen Falle verschieden oder doch nur in wenigen Fällen gleich, die Worte muß er für alle in Bereitschaft haben. Wenn nun nur ganz bestimmte Worte zur Bezeichnung der einzelnen Gegenstände verwendet würden, so würde hierdurch die Arbeit sehr vereinfacht, denn die Worte würden sich dann zugleich mit den Gegenständen aufdrängen. Da aber bei verschiedener Gruppierung des Inhalts bald diese, bald jene Ausdrücke treffender oder glänzender oder wirkungsvoller oder wohlklingender erscheinen, so müssen dieselben nicht allein in vollem Umfang bekannt, sondern auch stets in Bereitschaft sein und dem Redner gleichsam vor Augen stehen, so daß er sie urteilend mustern und ihrem Werte entsprechend auswählen kann. Ich kenne Leute, welche alle gleichbedeutenden Redewendungen auswendig zu lernen pflegten, damit ihnen sofort von der ganzen Fülle eine zur Hand sei, und welche dann, sobald sie eine davon angewendet hatten, um die Wiederholung zu vermeiden, eine andere gleichbedeutende Wendung wählten, wenn kurz darauf ein ähnlicher Ausdruck notwendig war. Das ist knabenhaft und erfordert unfruchtbaren Kraftaufwand, ja es ist nicht einmal von Nutzen: man häuft so eine Menge auf, von der man dann ohne Urteil das erste beste wählt. Wir aber müssen uns einen Vorrat mit Urteil anschaffen, indem wir künftige rednerische Tüchtigkeit, nicht marktschreierische Gewandtheit im Auge haben. Dies werden wir dadurch erreichen, daß wir die besten Schriftsteller lesen und hören. Durch ein derartiges Studium lernen wir nicht nur, die Gegenstände zu bezeichnen, wir erfahren auch, welche Bezeichnung in jedem einzelnen Falle die beste ist. Denn fast alle Worte – einige wenige, welche das Schamgefühl verletzen, ausgenommen – lassen sich in der Rede anwenden. Denn wenn die Jambendichter[6] und die Dichter der alten Komödie[7] auch bei Anwendung solcher Ausdrücke sich Ruhm erworben haben, so genügt es uns, uns auf unser Fach zu beschränken. Alle Worte, mit Ausnahme der genannten, sind irgendwo ganz besonders gut verwendbar. Denn oft muß man auch gewöhnliche und volkstümliche gebrauchen; was nämlich an glänzenden Stellen durch seinen unreinen Klang verletzen würde, erscheint, wo es am Platze ist, als treffend. Um darüber ein Urteil zu gewinnen und nicht allein die Bedeutung der Worte kennenzulernen, sondern auch ihre Flexionen und Quantität der Silben, so daß wir sie überall nur an passenden Stellen anwenden, dazu müssen wir viel lesen und viel hören, wie wir ja durch das Hören von Anfang an die Sprache gelernt haben. Daher haben auch Kinder, welche auf Befehl irgendeines Königs von stummen Ammen in der Einsamkeit erzogen wurden[8], zwar einzelne Laute ausgestoßen, zusammenhängend aber nicht gesprochen.

Es gibt aber auch andersgeartete Ausdrücke, welche trotz der Verschiedenheit der Laute ein und dasselbe bezeichnen, ohne daß im Gebrauch ein Unterschied der Bedeutung fühlbar wäre, wie die beiden Ausdrücke für Schwert (≈ensis≈ und ≈gladius≈), andere wieder bezeichnen im eigentlichen Sinne allerdings etwas Verschiedenes, übertragen haben sie jedoch die gleiche Bedeutung, so die beiden Ausdrücke ≈ferrum≈ und ≈mucro≈ (Eisen und Spitze). Nennen wir doch mißbräuchlicherweise „Erdolcher” (≈sicarii≈) auch alle diejenigen, welche mit einer beliebigen andern Waffe einen Mord vollbracht haben. Andere Bezeichnungen gewinnen wir durch Umschreibung mit mehreren Worten. Hierher gehört ≈pressi copia lactis≈, eine „Menge gepreßter Milch” (für „Butter”)[9]. Eine große Mannigfaltigkeit des Ausdrucks erhalten wir jedoch hauptsächlich durch Umgestaltungen wie ≈scio≈ „ich weiß”, ≈non ignoro≈ „ich weiß wohl”, ≈non me fugit≈ oder ≈non me practerit≈ „es entgeht mir nicht”, ≈quis nescit?≈ „wer weiß nicht?”, ≈nemini dubium est≈ „es ist keinem zweifelhaft”. Aber auch von dem Nächstliegenden kann man entlehnen. Denn ≈intellego≈, ≈sentio≈, ≈video≈ („ich verstehe, erkenne, sehe ein”) sagen oft dasselbe wie ≈scio≈ („ich weiß”). Reiche Fülle an solchen Ausdrücken wird uns die Lektüre geben, so daß wir dieselben nicht, wie sie uns einfallen, sondern wie es der Sinn erfordert, anwenden. Denn nicht immer haben diese Wendungen dieselbe Bedeutung, und wie ich von einer Wahrnehmung des Geistes nicht richtig sage: ≈video≈ „ich sehe”, so von einer sinnlichen Wahrnehmung nicht richtig: ≈intellego≈ „ich sehe ein”, und wie einerseits ≈mucro≈ „die Spitze” zu dem Begriffe ≈gladius≈ „das Schwert” gehört, so nicht auch andererseits „Schwert” zu dem Begriffe „Spitze”. --

Aber macht man sich auch auf diese Weise eine Menge von Ausdrücken zu eigen, so muß man doch nicht nur, um seine Wortkenntnis zu erweitern, lesen oder Zuhörer sein. Denn in allen Fächern, welche wir lehren, sind Beispiele weit wirksamer als die aufgestellten Kunstregeln, sobald der Schüler so weit gekommen ist, daß er die Beispiele ohne ein Fingerzeichen auffassen und aus eigenen Kräften befolgen kann: denn worauf der Lehrer der Beredsamkeit nur hinweisen kann, das offenbart der Redner.

Bald fühlen wir uns beim Lesen, bald beim Hören mehr angeregt. Der Redner wirkt auf unser Gemüt schon durch den lebendigen Hauch[10], durch seinen Geist, er reißt uns hin, nicht durch das Bild von einem Gegenstand, sondern durch den Gegenstand selbst. Alles hat Leben und Bewegung; das gleichsam erst Entstehende hören wir mit wachsender Teilnahme. Nicht nur der Ausgang eines Prozesses, auch die Person des Redners flößt uns Interesse ein. Dazu kommt die Aussprache, die angemessenen Bewegungen, ein den Anforderungen jeder Stelle entsprechender Vortrag – wohl das Wichtigste, alles dies ist zum Lehren in gleicher Weise geeignet.

Hingegen ist beim Lesen das Urteil weit sicherer, da es beim Hören öfter von der persönlichen Zuneigung und dem Geschrei der Menge beeinflußt wird. Eine geheime Scheu warnt uns vor zu großem Selbstvertrauen, wenn gleichzeitig selbst Fehlerhaftes der großen Menge gefällt, und die Zuhörer auch das, was ihnen mißfällt, loben. Freilich kann auch das Gegenteil eintreten, daß nämlich ein verkehrtes Urteil auch den besten Reden nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt. Von solchen Einflüssen ist das Lesen frei und nicht, wie die Gerichtsrede, rasch vorüberrauschend, im Gegenteil läßt dasselbe eine häufigere Wiederholung zu, sei es, daß man über den Inhalt eines Werkes noch zweifelhaft ist, oder es dem Gedächtnis fester einprägen will. Ich gebe aber den Rat, das Gelesene immer und immer wieder gründlich zu behandeln; denn wie wir Speisen erst kauen und mit Speichel anfeuchten, bevor wir sie hinunterschlucken, damit sie besser verdaut werden, so soll das Gelesene nicht im rohen Zustande, sondern erst, nachdem es durch häufiges Wiederholen seine Sprödigkeit vollständig verloren hat, dem Gedächtnis zur Nachahmung eingeprägt werden.

Lange Zeit nun dürfen nur die besten Schriftsteller, welche das ihnen geschenkte Vertrauen am wenigsten täuschen, gelesen werden, und zwar muß dies mit Genauigkeit und einer sich bis auf den Buchstaben erstreckenden Sorgfalt geschehen: mit einem Durchstöbern einzelner Teile ist nichts getan, sondern das von uns gelesene Buch ist wieder ganz von vorn anzufangen, besonders wenn es sich um eine Rede handelt, deren Vorzüge häufig mit Absicht verborgen gelassen werden. Denn oft bereitet der Redner vor, verbirgt seine Ansicht, lauert auf und, was erst in der Mitte seine Wirkung tun soll, bringt er im ersten Teile vor. So gefällt es uns an seinem Platze nicht sonderlich, solange wir noch nicht wissen, warum es gesagt ist. Wir müssen es daher wiederholen, nachdem wir von allem Kenntnis genommen haben. Es ist aber von größtem Nutzen, die Prozesse zu kennen, wenn wir die zugehörigen Reden in der Hand haben, und womöglich die Gerichtsreden von beiden Parteien zu lesen: so die gegnerischen Reden von Demosthenes und Äschines[11], so die Reden des Servius Sulpicius und des Messalla[12], von denen der eine für die Aufidia, der andere gegen sie gesprochen hat, so die des Pollio und des Cassius bei Gelegenheit der Anklage des Asprenas[13] und sonst viele. Ja, wenn beide auch keineswegs von gleichem Werte sind, so wird man doch von ihnen Kenntnis nehmen müssen, um den Prozeß kennenzulernen: so ist gegen Ciceros Reden[14] die des Tubero gegen Ligarius und die des Hortensius für Verres zu halten. Auch wird man mit Nutzen untersuchen, wie verschiedene Leute den gleichen Prozeß geführt haben. So hat über das Haus Ciceros Calidius[15] gesprochen, und Brutus für Milo eine Rede zur Übung verfaßt, wenn auch Cornelius Celsus[16] irrigerweise annimmt, er habe sie auch gehalten. Pollio und Messalla haben dieselben Personen verteidigt, und in meiner Jugend waren glänzende Reden von Domitius Afer[17], Crispus Passienus[18] und Decimus Lälius[19] für Volusenus Catulus[20] im Umlauf.

Auch soll man beim Lesen nicht von vornherein der Überzeugung sein, daß alles, was die hervorragendsten Schriftsteller gesagt haben, unter allen Umständen vollkommen sei. Auch sie straucheln ab und zu, sie erliegen der Last, sie zeigen sich nachgiebig gegen die Willkür ihres Genies, auch sie sind nicht immer in voller Anspannung und werden müde; scheint doch dem Cicero[21] ein Demosthenes und dem Horaz selbst sogar Homer manchmal zu schlafen. Denn, wie hoch sie auch stehen, sie sind doch Menschen, und denjenigen, welche in jedem ihrer Worte das Gesetz der Beredsamkeit ausgedrückt finden, passiert es gar oft, daß sie die schwächeren Partien nachahmen (das ist nämlich leichter) und die höchste Stufe der Ähnlichkeit erreicht zu haben glauben, wenn sie den Großen ihre Fehler abgesehen haben. Gleichwohl muß man ein Urteil über so große Männer in bescheidener und besonnener Weise aussprechen, um nicht – was so häufig geschieht – das zu tadeln, was man nicht versteht. Und wenn man einmal nach einer Seite hin irren muß, dann möchte ich noch lieber, daß ihren Lesern alles gefalle, als daß ihnen vieles mißfalle.