Unterricht in der Beredsamkeit

Part 4

Chapter 43,450 wordsPublic domain

Aus diesen und anderen lesenswerten Schriftstellern entlehne man den Wortschatz, die Redewendungen und die Kompositionsmethode, sodann muß der Geist nach dem Vorbilde aller ihrer Schönheiten seine Richtung erhalten. Denn daran darf man nicht zweifeln, daß die Kunst zum großen Teil auf Nachahmung beruht. Denn wie das schöpferische Hervorbringen das ursprüngliche gewesen ist und die Hauptsache bleibt, so ist es doch auch nützlich, das so Hervorgebrachte nachzuahmen. Und das ist ein sich durch das ganze Leben hindurchziehendes Prinzip, daß wir das selbst hervorbringen wollen, was uns an anderen gefällt. So bilden die Knaben die Züge der Buchstaben nach, um Übung im Schreiben zu erlangen, so die Musiker die Stimme ihrer Lehrer, so die Maler die Werke ihrer Vorgänger, so betrachten die Landleute eine bereits bewährte Methode der Bodenkultur als Muster: kurz, wir sehen, daß die Anfänge jedes Könnens nur nach den für die einzelnen Disziplinen aufgestellten Vorschriften gelernt werden können. Und in der Tat müssen wir den vorzüglichen Meistern entweder ähnlich oder unähnlich sein: ihnen ähnlich macht uns selten die Natur, häufig die Nachahmung. Der Umstand aber gerade, daß uns die Nachahmung die Beherrschung von allem so bedeutend leichter macht, wie sie denen war, die kein Vorbild hatten, schadet, wenn sie nicht mit Vorsicht und Urteil ausgeübt wird.

Vor allem reicht die bloße Nachahmung nicht aus, schon deshalb, weil nur ein träger Geist mit dem, was von anderen erfunden ist, zufrieden sein kann. Denn wie wäre es in jenen Zeiten gegangen, die ohne Vorbild waren, wenn die Menschen geglaubt hätten, sie dürften nur das tun oder denken, was sie schon kennengelernt hatten? Natürlich wäre nichts erfunden worden. Wie sollte es also unrecht sein, wenn wir etwas erfinden wollten, was vorher noch nicht existiert hat? Oder sind etwa jene noch Ungebildeten durch die bloße Schöpferkraft ihres Geistes dahin geführt worden, daß sie so vieles hervorbrachten, wir aber sollen zum Suchen und Forschen nicht einmal durch die sichere Gewißheit bewegt werden, daß diejenigen, welche gesucht haben, auch gefunden haben? Und während diejenigen, welche in keinem Gegenstande einen Lehrer gehabt haben, reiche Schätze auf die Nachwelt vererbt haben, so soll uns der Besitz dieser Schätze nicht dazu dienen, neue zutage zu fördern, sondern wir sollen nur von fremder Wohltat leben, wie gewisse Maler sich nur das Ziel stecken, daß sie mit Maß und Richtschnur Kopien anfertigen lernen?

Auch das ist eine Schande, dann zufrieden zu sein, wenn man den Gegenstand, den man nachbildet, erreicht hat. Denn wie würde es wiederum ergangen sein, wenn niemand mehr zustande gebracht hätte als der, den er sich zum Vorbild nahm? In der Dichtkunst wären wir dann nicht über Livius Andronikus[1], in der Geschichtschreibung nicht über die Jahrbücher der Priester[2] hinausgekommen, ja wir würden noch mit Flößen Schiffahrt treiben; es würde keine Malerei geben außer der, welche die äußersten Linien des Schattens, den ein in der Sonne befindlicher Körper hervorgebracht hat, umschreibt. Und wenn man alles genau prüft, wird man sich überzeugen, daß keine Kunst so geblieben ist, wie sie bei ihrer Erfindung war, und daß keine bei ihren Anfängen stehengeblieben ist, wenn wir nicht vielleicht gerade unsere Zeit zu einer vollsten Unfruchtbarkeit verurteilen wollen, daß erst jetzt nichts wächst. Nichts wächst aber durch bloße Nachahmung.

Wenn wir aber zu dem Früheren nichts hinzufügen dürfen, wie können wir da erwarten, daß es je einen vollendeten Redner geben wird, da doch unter denen, welche wir bis auf den heutigen Tag als die bedeutendsten bezeichnen, sich keiner befindet, an dem man nicht etwas vermissen oder tadeln könnte. Aber auch die, welche das höchste Ziel nicht erstreben, müssen mehr wetteifern als nachfolgen. Denn wer danach strebt, andere zu überholen, wird zwar vielleicht keinen Vorsprung gewinnen, aber doch auf gleicher Höhe bleiben. Keiner kann aber die gleiche Höhe mit dem erreichen, dessen Fußtapfen er unter allen Umständen folgen zu müssen glaubt; denn notwendig muß der Nachfolgende auch der Zurückbleibende sein. Ferner bedenke man, daß es meist leichter ist, mehr zu leisten, als das Gleiche. Denn die Ähnlichkeit ist so schwer herzustellen, daß nicht einmal die Natur in diesem Punkte so viel geleistet hat, daß die anscheinend ganz ähnlichen oder gleichen Dinge sich nicht durch irgendwelches Merkmal unterscheiden.

Dazu kommt, daß jedes Objekt, welches einem andern ähnlich ist, notwendig geringwertiger als dieses ist, und sich zu ihm verhält wie der Schatten zum Körper, das Bild zu einem Antlitz, die Darstellung des Schauspiels zu den wirklichen Leidenschaften. Dies ist nun auch der Fall bei den Reden. Denn in denen, welche uns zum Vorbild dienen, ist Natur und wirkliche Kraft, hingegen hatte alle Nachahmung etwas Gemachtes und fremder Vorschrift Angepaßtes. Daher kommt es auch, daß Deklamationen weniger Saft und Kraft haben als wirkliche Reden, weil der behandelte Gegenstand dort ein wirklicher, hier ein erfundener ist. Dazu kommt, daß dasjenige, was bei einem Redner das bedeutendste ist, sich nicht nachahmen läßt: Geist, Erfindungsgabe, Kraft und Leichtigkeit, kurz alles, was kunstmäßig nicht gelernt werden kann. Daher glauben die meisten das, was sie gelesen haben, ganz wunderbar schön nachzubilden, wenn sie einzelne Ausdrücke oder ein bestimmtes Satzgefüge aus einer Rede herausnehmen, während die Worte doch im Laufe der Zeit aus Gebrauch und neu in Gebrauch kommen, da der Sprachgebrauch ihnen zur sichersten Regel dient und sie nicht von Natur gut oder schlecht sind (denn an und für sich sind sie nur Klänge), sondern je nachdem sie glücklich und treffend verbunden oder nicht sind, und ihre Fügung sowohl dem Inhalt angemessen, wie durch ihre Abwechslung dem Ohr angenehm ist.

Deshalb ist in diesem Zweige des Studiums alles mit der peinlichsten Genauigkeit zu prüfen. Zuerst, welche Schriftsteller wir nachahmen sollen; denn es gibt sehr viele, welche ihren Ehrgeiz darein setzen, gerade die schlechtesten und fehlerhaftesten nachzubilden; ferner, was wir bei den von uns erwählten nachzuahmen lernen sollen. Denn auch bei bedeutenden Schriftstellern finden sich viele Fehler, wegen deren sich auch die Gelehrten gegenseitig zur Rechenschaft gezogen haben; freilich wäre zu wünschen, daß die, welche das Gute nachbilden, in demselben Grade ihr Vorbild überträfen, wie die das Schlechte Nachbildenden es tun. Auch möge es denen, welche Urteil genug hatten, die Fehler zu vermeiden, wenigstens nicht genug sein, ein bloßes Bild der Vorzüge wiederzugeben, gleichsam nur die oben befindliche Kruste oder vielmehr jene Figuren des Epikur[3], welche der Oberfläche des Körpers entströmen sollen. Das pflegt aber denen zu begegnen, welche ohne tiefere Kenntnis der Vorzüge eines Schriftstellers sich an das rein Äußerliche der Rede anlehnen; wenn diesen dann die Nachahmung gut vonstatten gegangen ist, dann unterscheiden sie sich in Wortlaut und Rhythmus nicht sehr von ihrem Vorbilde, reichen aber an dasselbe in Kraft und Erfindungsgabe nicht hinan. Meist geraten diese aber auf Abwege und entlehnen die den Vorzügen am nächsten liegenden Fehler; dann werden sie schwülstig, wo sie erhaben sein sollen, dürftig, wo sie knapp zu sein gedachten, tollkühn, wo tapfer, liederlich, wo vergnügt, maßlos, wo blumenreich, nachlässig, wo einfach. So kommt es, daß die, welche irgend etwas Geist– und Inhaltsloses rauh und schmucklos zum Ausdruck gebracht haben, sich den Alten gleichdünken; die, welche Schmuck und Sentenzen entbehren, sind natürlich Attiker, die, welche durch verkürzte Perioden dunkel sind, übertreffen den Sallust und Thukydides, die Traurigen und Nüchternen treten in die Fußtapfen des Pollio, die Faulen und Nachlässigen schwören – falls sie nur irgendwelche Umschreibungen gebraucht haben –, so würde sich Cicero ausgedrückt haben. Ich habe Schüler gekannt, die dann die Art jenes göttlichen Meisters der Rede nachgebildet zu haben glaubten, wenn sie an den Schluß ein ≈esse videatur≈ („zu sein schien”) gesetzt hatten. Daher ist es die Hauptsache, daß jeder das, was er sich zum Vorbild nehmen will, versteht und weiß, warum es gut ist.

Dann ziehe er bei der Übernahme einer solchen Arbeit seine Kräfte in Betracht. Denn es gibt Nachahmenswertes, dem entweder die Schwäche seiner Natur nicht gewachsen ist, oder dem die Verschiedenheit derselben widerstrebt. So soll der, dessen Gemütsart für das Zarte empfänglich ist, nicht das Kräftige und Bestimmte allein bevorzugen, und so soll umgekehrt der, dessen Talent zwar kräftig aber ungebändigt ist, nicht durch Neigung für das Zarte seine Kraft vergeuden, ohne die beabsichtigte Eleganz erreichen zu können; denn nichts widerstreitet dem Geschmack in so hohem Grade, wie wenn ein weicher Stoff hart bearbeitet wird. Allerdings habe ich auch geglaubt, daß der Lehrer der Beredsamkeit, den ich im zweiten Buche[4] ausgerüstet hatte, den Schülern nicht allein offenbaren solle, wozu seiner Meinung nach ein jeder von Natur geeignet sei; vielmehr muß er auch das Gute, was er in ihnen findet, fördern und, soweit es möglich ist, das Fehlende hinzufügen und Verbesserungen und Änderungen mit ihnen vornehmen: dann ist er ein Lenker und Bildner fremder Gemüter. Schwerer ist es, die eigene Natur zu bilden. Aber auch jener Lehrer wird in den Punkten, wo ihm die Natur hindernd im Wege steht, sich nicht überflüssig bemühen, wie sehr ihm auch am Herzen liegt, daß das Richtige im vollsten Maße bei seinen Zuhörern vorhanden ist.

Auch das ist ein Fehler, welcher häufig gemacht wird, daß wir in unseren Reden die Dichter und die Geschichtschreiber, in den Werken jener Künste Redner und Deklamatoren nachahmen zu müssen glauben; jedes Gebiet hat da seine eigenen Gesetze, seine eigenen Kunstcharakter. Die Komödie liebt nicht den Schritt auf dem erhabenen Kothurn, und umgekehrt schreitet die Tragödie nicht auf der Sandale einher. Gleichwohl hat die ganze Kunst der Rede etwas Gemeinsames; und dieses Gemeinsame müssen wir nachahmen. Häufig begegnet es auch denen, welche sich einer einzelnen Gattung zugeneigt haben, daß sie auch bei Behandlung von ruhigen und die Leidenschaft nicht erregenden Fällen die Schneidigkeit nicht ablegen, wenn ihnen diese bei irgend jemandem gefallen hat, oder daß sie in strengen und ernsten Rechtsfällen der Wichtigkeit des Gegenstandes nicht entsprechen, wenn ihnen das Zarte und Anmutige gefallen hatte. In der Tat ist aber nicht allein zwischen den einzelnen Rechtsfällen ein großer Unterschied, sondern auch zwischen den einzelnen Teilen einer Rede, und man muß bald milde, bald schneidig, bald erregt, bald ruhig, bald um zu belehren, bald um zu bewegen, sprechen, was alles durchaus ungleiche und verschiedene Anforderungen an den Redner stellt. Deshalb würde ich auch nicht dazu raten, sich einem einzigen, dem man in allen Stücken folgt, zu eigen zu geben. Der weitaus vollendetste Redner der Griechen ist Demosthenes, in mancher Beziehung verdienen jedoch an einzelnen Stellen andere den Vorzug, an den meisten er. Aber der, welcher hauptsächlich nachgeahmt zu werden verdient, verdient deshalb nicht allein nachgeahmt zu werden.

Wie denn? Kann man nicht zufrieden sein, wenn man alles so sagt, wie es M. Tullius gesagt hat? Ich für meine Person würde es sein, wenn ich es in jedem Punkte erreichen könnte. Was würde es jedoch schaden, die Gewalt Cäsars, die Schneidigkeit des Cälius, die Sorgfalt des Pollio, das Urteil des Calvus an manchen Stellen hinzunehmen? Denn abgesehen davon, daß es ein Gebot der Klugheit ist, das, was bei einem jeden Redner das beste ist, zu seinem Eigentum zu machen, so muß man andererseits auch bedenken, daß bei der ungeheuren Schwierigkeit der Sache das Vorbild nur zum geringsten Teile diejenigen, welche ihr Augenmerk nur auf einen Schriftsteller lenken, dauernd begleitet. Da es also dem Menschen so gut wie versagt ist, das gewählte Vorbild vollständig wiederzugeben, müssen wir die Vorzüge einer größeren Anzahl vor Augen haben, damit von diesem das eine, von jenem das andere haften bleibt, und wir dann ein jedes am passenden Orte anbringen können.

Die Nachahmung aber, um das hier nochmals zu wiederholen, bestehe nicht nur in einer Wiedergabe von Worten. Darauf ist vielmehr das Auge zu richten, wieviel edles Maß jene Männer in Darstellung von Ereignissen und Personen beobachtet haben, wie sie ihren Plan, ihre Disposition gestaltet haben, wie endlich alles, was nur auf unser Vergnügen abzuzielen scheint, Überwindung des Gegners bezweckt; es ist darauf zu achten, welcher Inhalt für den Eingang der Rede gewählt ist, auf welche Weise und mit wieviel Abwechslung die Erzählung geboten wird, mit welcher Kraft Beweis und Widerlegung durchgeführt ist, mit welchem Geschick Affekte jeder Art erregt werden, und zum Vorteil der Sache der Beifall des Volkes gewonnen wird, welcher dann am vollkommensten ist, wenn er willig folgt und nicht mit Mühe herbeigezogen wird. Erst, wenn wir dies völlig erkannt haben, ist unsere Nachahmung die richtige. Wer hierzu nun eigene Vorzüge hinzufügt, so daß er das Fehlende ergänzt, das Überflüssige abschneidet, der wird der vollendete Redner sein, welchen wir suchen; und ein solcher müßte gerade jetzt in vollkommener Gestalt auftreten, wo uns weit mehr Beispiele einer trefflichen Beredsamkeit vorliegen, wie denen zu Gebote standen, die bisher die größten Redner waren. Denn diese werden sich auch den Ruhm erwerben, daß sie ihre Vorgänger übertroffen, ihre Nachfolger aber belehrt haben.

≈DRITTES KAPITEL≈

Art und Weise der schriftlichen Übungen

Das sind nun die Hilfsmittel, welche uns von außen geboten werden; unter denen aber, welche wir uns selbst verschaffen müssen, ist das mühevollste, aber auch das wirksamste der Griffel[1]. Ihn nennt nicht mit Unrecht M. Tullius[2] den besten Bildner und Lehrmeister der Rede, ein Ausspruch, welchem er dadurch besonderen Nachdruck verleiht, daß er ihn dem Lucius Crassus[3] in seinem Buche „Über den Redner” in den Mund legt, und so sein eigenes Urteil mit dem Ansehen dieses Redners verbindet. Man muß demnach so eifrig und soviel wie möglich schreiben. Denn wie der tief aufgegrabene Boden für Erzeugung und Ernährung der Saat geeigneter wird, so wird ein Wachstum, welches nicht nur auf oberflächlicher Bemühung beruht, die Früchte der Studien zu reicherer Entfaltung und zu festerem Bestehen bringen. Ohne daß wir hiervon fest überzeugt sind, wird jene für den Augenblick erworbene Beredsamkeit nur eine nutzlose Geschwätzigkeit verleihen und Worte, welche die Lippen sprechen.

Hier sind die Wurzeln, hier die Grundlagen, hier die Schätze, welche gleichsam in geheimer Schatzkammer[4] verborgen sind, um daraus hervorgeholt zu werden, wenn es bei plötzlich eintretendem Bedürfnis die Verhältnisse fordern. Kräfte sollen wir uns hauptsächlich erwerben, welche für einen mühevollen Kampf ausreichen und durch den Gebrauch nicht erschöpft werden. Denn die Natur selbst wollte nicht, daß irgend etwas Großes schnell zustande komme, und stellte gerade dem schönsten Gelingen schweres Mühen voran[5], wie sie auch für die natürliche Geburt das Gesetz gab, daß die größeren Tiere länger in dem Mutterleib verbleiben sollen.

Da die vorliegende Frage aber eine zweifache ist, wie man nämlich und was man schreiben muß, so will ich auch bei der Behandlung diese Reihenfolge innehalten. Anfangs geschehe das Schreiben langsam, aber natürlich nicht träge; man suche den besten Ausdruck und begnüge sich nicht mit dem ersten Einfall; glaubt man etwas gefunden zu haben, so prüfe man es; hat man es geprüft, so disponiere man; denn Inhalt und Worte bedürfen der Auswahl, und alles ist einzeln auf seinen Wert hin zu untersuchen. Dann erst richte man sein Auge auf die Wortstellung und suche auf alle Weise Wohlklang zu erzielen; nicht aber erhalte jedes Wort die Stellung, welche der Zufall anbietet. Um dies mit aller Sorgfalt auszuführen, müssen wir häufiger das zuletzt Geschriebene wieder durchlesen. Denn abgesehen davon, daß wir so das Folgende besser mit dem Vorhergehenden verbinden, gewinnt auch die Wärme des Gedankens, welche durch langes Schreiben abgekühlt ist, von neuem an Kräften und nimmt gleichsam einen Anlauf, als ob die Strecke frisch zurückgelegt würde; wie wir es bei einem Wettspringen wohl sehen, daß die Beteiligten weiter ausholen und bis zu dem Hindernis, um welches es sich im Wettstreit handelt, eine Strecke Anlauf nehmen, und wie wir beim Werfen den Arm nach rückwärts führen und im Begriff, Wurfgeschosse zu schleudern, die Bogensehne rückwärts spannen. Immerhin soll man die Segel dem Winde überlassen, solange er weht, vorausgesetzt, daß nur dieses Sichgehenlassen nicht zur Täuschung verführt: denn alles gefällt uns, während es geschrieben wird, sonst würden wir es nicht schreiben. Wir wollen aber dann uns zu einer Prüfung zurückwenden und das mit bedenkenerregender Leichtigkeit Geschriebene von neuem behandeln. So soll Sallust geschrieben haben; und in der Tat verrät auch sein Werk selbst die Arbeit. Daß auch Vergil nur sehr wenige Verse an einem Tage verfaßt habe, bezeugt uns Varius. Nun ist die Lage eines Redners allerdings eine andere. Daher empfehle ich diese Langsamkeit und Sorgfalt für den Anfang. Denn zunächst muß man das erreichen und festhalten, daß man so gut wie möglich schreibt; Schnelligkeit wird schon die Übung verleihen. Allmählich werden die Gedanken sich leichter einstellen, die entsprechenden Ausdrücke werden sich finden, die Verteilung des Stoffes wird sich anschließen, kurz, alles wird wie bei einer wohlorganisierten Dienerschaft am angewiesenen Platze tätig sein. Alles in allem gilt dies: Durch Schnellschreiben erreichen wir nicht, daß wir gut schreiben, wohl aber durch Gutschreiben, daß wir schnell schreiben lernen. Aber gerade dann, wenn wir jene Fähigkeit erlangt haben, müssen wir dagegen arbeiten und gleichsam die durchgehenden Pferde mit Zügeln festhalten, was uns nicht sowohl aufhalten, als uns neuen Antrieb verleihen wird. Ich glaube nämlich nicht, daß man die, welche im Schreiben eine gewisse Übung erlangt haben, zu der unglückseligen Strafe, sich mit beständiger Selbstkritik zu quälen, zwingen soll. Denn wie sollten die ihren Berufsgeschäften als Sachwalter nachkommen, die über dem Studium einzelner Teile eines Prozesses alt werden? Es gibt aber Leute, denen nichts genügt, die alles ändern und alles anders ausdrücken wollen, wie es ihnen der Augenblick eingibt, solche Zweifler und Selbstquäler, welche es für Fleiß halten, wenn sie sich das Schreiben möglichst schwer machen. Ich kann nicht einmal sagen, welche wohl den größten Fehler begehen, ob die, denen alles von ihrer Hand Herrührende gefällt, oder diejenigen, welchen nichts davon gefällt. Denn es passiert auch talentvollen Jünglingen häufig, daß sie in Bemühung völlig aufgehen und in beständigem Stillschweigen verharren nur aus dem allzu heftigen Wunsch, gut zu reden. Ich erinnere mich recht wohl, daß mir in bezug hierauf Julius Secundus, mein Altersgenosse und, wie bekannt, mein lieber Freund, ein Mann von außerordentlicher Beredsamkeit, aber von sehr großer Bedenklichkeit, eine Bemerkung seines Oheims erzählt hat. Dieser war nämlich Julius Florus[6], der hervorragendste Redner in Gallien[7] – denn dort befaßte er sich erst mit Beredsamkeit – und auch sonst wie wenige beredt und eines solchen Verwandten würdig. Als dieser den Secundus, welcher zu jener Zeit noch die Rednerschule besuchte, traurig sah, fragte er nach der Ursache seines kummervollen Gesichtes. Da gestand ihm der Jüngling, es sei schon der dritte Tag, daß er trotz aller Anstrengung keinen Anfang für ein ihm zur schriftlichen Ausarbeitung gestelltes Thema finden könne, was ihm nicht nur für den Augenblick Kummer bereite, sondern auch für alle Zukunft verzweifeln lasse. Da antwortete ihm Florus lächelnd: „Hast du denn vor, besser zu reden, wie du kannst?” So ist es in der Tat: wir müssen uns Mühe geben, so gut wie möglich zu reden, jedoch entsprechend unseren Fähigkeiten; denn zum Vorwärtskommen hilft uns der Eifer, nicht der Unmut. Die Fähigkeit aber, auch eine größere Arbeit mit einer gewissen Schnelligkeit schreiben zu können, wird uns nicht allein die Übung verleihen, welche zweifelsohne viel dazu beiträgt, sondern auch das vernünftige Nachdenken. Wenn wir nicht auf dem Rücken liegend die Decke ansehen, einen Gedanken hinmurmeln und abwarten, was uns einfalle, sondern wenn wir uns klarmachen, was der Gegenstand erfordert, was der Person entspricht, welcher Art die Zeitumstände und die Gemütsart des Richters ist, und so auf menschenwürdige Weise ans Schreiben gehen, dann gibt uns die Natur selbst Anfang und Fortführung des Themas an die Hand. Denn das meiste ist greifbar und springt in die Augen, wenn wir sie nicht schließen; deshalb suchen auch die Ungebildeten und Bauern nicht lange nach einem Anfang, und wir müssen uns um so mehr schämen, wenn die Bildung uns Schwierigkeit bereitet. Wir dürfen daher nicht immer das Entlegenste für das Vortrefflichste halten und dann verstummen, wenn sich uns nicht etwas bietet, nachdem wir erst haben suchen müssen. In den entgegengesetzten Fehler verfallen diejenigen, welche das Thema zunächst mit eilendem Griffel durchlaufen und der Begeisterung und dem Schwung des Augenblickes folgend aus dem Stegreif niederschreiben; dafür haben sie den Namen ≈silva≈ (Wald, hier „ungeordnete Masse, unverarbeiteter Stoff”) erfunden; sie gehen dann wieder durch und verbessern, was sie nur so hingeworfen haben, aber Worte und Rhythmus lassen sich verbessern, in dem hastig zusammengeschriebenen Inhalt bleibt die alte Oberflächlichkeit. Es wird also richtiger sein, von vornherein Sorgfalt anzuwenden und den Gegenstand gleich so zu behandeln, daß unser rednerisches Kunstwerk nur noch ziseliert, nicht aber völlig neu gearbeitet werden muß. Bisweilen jedoch sollen wir uns den Affekten überlassen, in welchen der Schwung mehr wie die Sorgfalt wirksam wird.

Daraus, daß ich diese Nachlässigkeit beim Schreiben verurteile, wird zur Genüge klar, wie ich über die bekannte Liebhaberei des Diktierens denke. Denn bei dem noch so schnellen Schreiben bewirkt die Hand, welche der Schnelligkeit des Gedankens nicht folgen kann, eine gewisse Verzögerung; der hingegen, dem wir diktieren, drängt uns, und wir schämen uns wohl auch zu zögern oder stehenzubleiben oder zu ändern, indem wir gleichsam den Mitwisser unserer Schwäche fürchten. So kommt es, daß uns nicht nur Undurchgearbeitetes und Zufälliges, sondern indem wir nur den Zusammenhang mehren wollen, zuweilen auch Unpassendes entschlüpft, was weder beim Schreiben noch beim Freisprechen passiert.