Part 12
Diese Nachricht verursachte ziemliche Aufregung. Denn aus der Beschreibung des Mannes schien mit Sicherheit hervorzugehen, daß wir auf der Schwelle zu einer Entdeckung waren. Diese Art Jagd auf Indianer oder, besser gesagt, Anlockung erfordert nicht nur gute Nerven, sondern auch Geduld. Ein Versuch, gleich auf die erste Begegnung hin die Maloccos der Indianer aufzufinden, hätte den ganzen Erfolg in Frage gestellt und wäre vielleicht für uns alle verhängnisvoll geworden. In den Tiefen der Wälder hätten zwei Weiße mit einigen unzuverlässigen Caboclos gegen einen wilden Indianerstamm nur wenig ausrichten können, der zudem im Dschungelkrieg geschickt und erfahren war.
Während der nächsten acht Tage war von den Indianern nichts zu sehen noch zu hören, und das Warten ging uns gehörig auf die Nerven, da wir nicht wußten, ob sie nicht einen überraschenden Angriff planten. Am Morgen des neunten Tages brachten wiederholte wilde Schreie aus dem halbdunkeln Dickicht das ganze Lager in Bewegung. Wir hielten sie für Freundschaftsrufe und beantworteten sie demgemäß. Denn die meisten amazonischen Indianer pflegen sich nur dem Feind schweigend zu nähern. Aber nichts ereignete sich in der nächsten halben Stunde, obwohl das Geschrei alle paar Minuten von beiden Seiten seinen Fortgang nahm.
Endlich teilten sich die Blätterwände an verschiedenen Stellen zugleich und sechs bronzefarbene Gestalten, mit langen Lanzen bewaffnet, erschienen im Halbkreis auf der winzigen Lichtung. Sofort ward es augenscheinlich, daß sie zu einem neuen Stamm oder einer Unterfamilie gehörten. Keiner der sechs hatte die schiefe Augenstellung oder die mongolischen Gesichtszüge, die sonst bei den amazonischen Wilden auffallen. Ihr Haar war rings um den Kopf in dicke Fransen geschnitten und mit kleinen Rohrsplittern verziert. Um die Lenden, Fuß- und Handgelenke, Arme und Schultern trugen sie Rohr- oder Schilfbänder, von denen am Oberarm Federn wie Epauletten abstanden. Abgesehen von diesem seltsamen Schmuck, Halsketten aus Samenkörnern und einer Unzahl schwarzer, gemalter Ringe um die Beine waren sie völlig nackt.
Der Offizier bedeutete ihnen in der Tupisprache, ihre Lanzen, Bogen und Pfeile abzulegen. Da sie das nicht zu verstehen schienen, legte er ruhig seine Flinte auf den Boden. Nach einigen Minuten des Zauderns folgten sie seinem Beispiel und erhielten darauf zahlreiche Geschenke, die ihre ein wenig grausamen Augen buchstäblich zum Glitzern brachten. Aber Tanzen, Schreien oder andere Freudenbezeigungen unterließen sie, wie ich sie bei den Parintintins beobachtet hatte.
Das Charakteristischste an diesen Indianern waren ihre blutunterlaufenen Augen und durchbohrten Oberlippen, was beides, wie ich später erfuhr, mit kannibalischen Gebräuchen zusammenhängt. Ihre Pfeile waren mit Vogelfedern verziert und hatten breite Holzspitzen, die nicht in Gift getaucht worden waren. Von andern eigenartigen Schmuckgegenständen trugen sie Rohrringe am zweiten Finger und Schlingen aus dünnen Schnüren um Nacken und Lenden, die sich über der Brust kreuzten. Ungleich allen sonstigen Stämmen, die ich bisher gesehen hatte, schlugen sie sich nicht wie Affen auf die Brust, um ihr Vergnügen zum Ausdruck zu bringen, sondern zeigten eine unbefangene und würdige Haltung.
Nach einer langen pantomimisch geführten Unterhaltung, in die wir einige Tupiworte mischten, die sie zu verstehen schienen, zogen sie mit Geschenken beladen wieder ab. Ich dachte bei mir, daß die Hälfte dieser Geschenke für sie völlig nutzlos war, da sie Dinge wie Löffel und Gabeln aus Aluminium doch nicht zu gebrauchen wußten. Wahrscheinlich würden sie mit Steinen zu Speerspitzen verarbeitet werden. Aber schließlich war nun doch ein Anfang gemacht, was keineswegs so einfach ist, als es sich hier gedruckt ausnimmt.
Mehrere Tage verstrichen, ohne daß die Indianer wieder erschienen. Dann drang von neuem Geschrei aus der Tiefe des schweigenden Waldes, aber diesmal in größerer Stärke. Daraus ging hervor, daß freundschaftliche Beziehungen hergestellt und daß weitere Indianer gekommen waren, um Geschenke zu empfangen. Aber auch so mußte sorgsam alles vermieden werden, was sie hätte beleidigen oder erschrecken können. Niemand ist empfindlicher als der Wilde, wenn er zum erstenmal mit Weißen zusammentrifft. Mißtrauen und Argwohn sind in jedem Blick, jeder Gebärde erkennbar. Für den Augenblick mag Staunen oder Furcht an ihre Stelle treten, aber vorherrschend sind jene beiden Gefühle, und was alles an Vorsicht angewendet werden muß, um plötzliche Ausbrüche der Leidenschaft zu verhindern, ist nicht allein drollig, sondern kann nur von einem Psychologen gewürdigt werden.
Kaum waren die Indianer aus dem dunkeln Wald hervorgekommen und fast geheimnisvoll auf der Lichtung erschienen, als auch schon deutlich wurde, daß ihr Besuch diesmal einen feierlicheren Charakter trug. Sie standen in einer Gruppe um drei aus ihrer Mitte, die durch zahlreichere Perlen, Federn und Bänder ausgezeichnet waren. Wie ich später erfuhr, bildeten sie das Häuptlingstriumvirat des Stammes. Neben dem eigentlichen Häuptling scheint ein Medizinmann und ein Jäger im gleichen Rang zu stehen. Sie haben die erste Auswahl unter den Weibern und entscheiden über Krieg und Frieden. Nachdem wir uns durch Zeichen, Zeichnungen auf einem Stück reingefegten harten Erdbodens und einige Tupiworte mühselig genug zu verständigen versucht hatten, stellte sich heraus, daß ihr Stammesname „Itogapuk“ lautete. Damals wußten wir mit diesem Wort durchaus nichts anzufangen, aber später erfuhren wir, daß wir hier einen neuen Stamm oder eine neue Familie der menschlichen Rasse in diesen großen und geheimnisvollen Wäldern entdeckt hatten.
Die Maloccas der Itogapuks befanden sich weniger als eine „Sonne“ weiter flußaufwärts am kleinen, seichten Madeirinha. Roosevelt zufolge wurde er zufällig von einem indianischen Seringuero entdeckt, der im Dienst des Senhor Caripé stand, des Kautschukkönigs am Aripuanan. Der Mann verirrte sich in den Wäldern am Gy-Paraná, und entdeckte den Madeirinha, nachdem er achtundzwanzig Tage im dichten Dschungel umhergeirrt war und von Früchten, Palmschößlingen und Nüssen gelebt hatte.
Als die Unterhaltung unter Aufwand von viel Geduld und Scharfsinn so weit gediehen war, hielten wir es für richtig, Geschenke auszuteilen. Es war bemerkenswert, mit welcher Gier sich sogar die jungen Leute dieses unbekannten Stammes auf die kleinsten Metallgegenstände stürzten. Als Gegengaben erhielten wir bereitwillig von den Indianern Kronen aus Ararafedern, Halsketten aus Samenkörnern und verzierte Jagdspeere.
Während dieser Austausch von Geschenken und Freundschaftsbezeigungen langsam vor sich ging, gelang es mir, von einem jungen Krieger, der nicht älter als 15 Jahre sein konnte, die Einwilligung dazu zu bekommen, seinen Schmuck genau besichtigen zu dürfen. Außer der Oberlippe war seine Nasenscheidewand durchbohrt; durch das Loch hatte er ein kurzes Stück Stroh gesteckt. Der Lendengürtel bestand aus einer Art Baumrinde und verbarg eine dünne Schnur, die zum Schutz eines gewissen Körperteils diente. Die Fußringe aus Bambus klapperten nur beim Tanzen, und dann wurden die Bänder um den Arm herabgeschoben, um zusammen mit den Gelenkbändern ein Geräusch hervorzubringen. Am merkwürdigsten war ein Holzring am Mittelfinger, der offenbar als Amulett gegen böse Einflüsse getragen wird. Später ist mir eingefallen, daß die hölzernen Beinringe auch dazu dienen könnten, die untern Teile der Beine vor den Bissen und Stichen größerer Insekten und Reptilien zu schützen. Denn man darf nicht vergessen, daß der Mangel an Großwild im Vergleich mit Afrika durch die Verschiedenheit und den Blutdurst kleinerer Tiere, Insekten und Reptilien wieder ausgeglichen wird. Es ist für den Weißen gleichwie für den Eingeborenen unmöglich, einige Kilometer in den Wäldern umherzuwandern, ohne an mehreren Stellen zerbissen und zerstochen zu werden von Ameisen, Piums, Sandflöhen, Moskitos, Sandfliegen, Spinnen oder andern Insekten oder Reptilien. Der junge Itogapuk hatte an den Oberschenkeln und am Rücken Geschwüre, verursacht von der widerwärtigen Bernefliege, die ihre Eier in die Stichwunden absetzt.
Gegen Sonnenuntergang zogen die Indianer wieder ab, ohne die genaue Lage ihres Dorfes anzugeben. Das bedeutete für mich eine große Enttäuschung, da ich dadurch vor der Entscheidung stand, entweder nach sechs Tagen mit dem Batalõe den Aripuanan hinab zurückzufahren oder in dieser abgelegenen Gegend für unbestimmte Zeit zu bleiben, bis ein neues Vorratsboot die 360 Kilometer des gefährlichen Flusses heraufkommen würde. Das konnte Monate dauern, und die Umstände erlaubten mir keine so lange Abwesenheit, wenn ich noch weitere Reisen in diesem wunderreichen, aber ungeheuer ausgedehnten Gebieten vor der Rückkehr nach Europa unternehmen wollte.
Ich sollte jedoch nicht lange enttäuscht bleiben, denn zwei Tage darauf erschienen sechs Indianer und zwei kleine Jungen im Lager, nachdem sie sich mit den üblichen Rufen angekündigt und ihre Waffen am Rand der Lichtung niedergelegt hatten. Bisher hatten sie ihre Weiber im Hintergrund gehalten, aber jetzt merkten wir bald, daß irgendwo im Wald ganz in der Nähe die Weiber auf ein Zeichen ihrer Herrn warteten, ob sie ohne Gefahr ins Lager der Weißen kommen könnten. Augenscheinlich konnten die Itogapuks ebensowenig wie die Parintintins verstehen, warum wir unsere Weiber und Töchter nicht in den Wald mitgenommen hatten. Nach einer befriedigenden Erklärung unsererseits verschwanden die Wilden für eine halbe Stunde. Dann wiederholte sich der Austausch von Ankündigungs- und Willkommrufen, und etwa ein Dutzend Gestalten zog auf die Lichtung. Endlich hatten sie ihr Weibervolk mitgebracht, womit sie anzeigten, daß nun ein Zustand des Vertrauens herrschte, und daß wir bald die Maloccas dieses bisher gänzlich unbekannten Stammes zu Gesicht bekommen sollten.
Die Itogapukmädchen sehen entschieden besser aus als die Männer. Mehrere hatten eine ein wenig hellere Hautfarbe. Sie waren völlig nackt bis auf einen Rindengürtel und ähnliche Verzierungen, wie sie die Männer trugen. Wie es scheint, wird bei den Weibern dieses Stammes nur die Oberlippe durchbohrt, aber nicht die Nasenscheidewand. Sie entfernen, ungleich den Männern, alle Haare vom ganzen Körper, was bei den Weibern aller amazonischen Stämme allgemein üblich zu sein scheint. Zuerst hielten sie sich hinter ihren Männern und Vätern und zeigten sich sehr scheu. Aber Geschenke nahmen sie bereitwillig aus den Händen der Weißen entgegen, was die Parintintins nie getan hatten.
Nachdem sie uns eine Zeitlang neugierig beschaut und untereinander Meinungen ausgetauscht hatten, fragten sie, warum unsere Haut weiß wäre und ob wir Kleider trügen, weil es in unserer Heimat heißer sei als in „Emelene“? Wir vermuteten, daß dies die Eingeborenenbezeichnung für den Madeirinha oder kleinen Madeira sei, aber was der Name bedeutete, konnten wir nicht herausbringen. Etwa eine halbe Stunde hielten sie sich im Lager auf und waren schon im Begriff, mit ihren Geschenken wieder abzuziehen, als wir ihnen begreiflich machten, daß wir nun auch ihre Maloccas sehen wollten, nachdem sie unsere besucht hatten. Ihnen diesen Wunsch auseinanderzusetzen, bedurfte trotz seiner Einfachheit geraumer Zeit und verursachte viel Hin- und Herreden unter ihnen, als sie ihn endlich verstanden hatten. Doch schließlich willigten sie ein, am nächsten Tag zurückzukehren und uns zu ihren Maloccas zu führen.
Nachdem wir nun den Stammesnamen der Wilden kannten, saßen wir noch lange in der Nacht um das Lagerfeuer, das zur Beleuchtung und zum Kochen diente, und besprachen, ob die Itogapuks ein eigenes Volk bildeten oder eine Unterfamilie einer der großen ursprünglichen Gruppen wären. Obwohl eine Entscheidung bei dem Fehlen endgültiger Beweismittel nicht getroffen werden konnte, schien doch die Wahrscheinlichkeit dafür zu sprechen, daß dieser merkwürdige Stamm in Wirklichkeit die Unterabteilung einer oder der andern der beiden großen amazonischen Rassen bildet: der kriegerischen Parintintins und der ebenso wilden Nambiquaras, zwischen deren Wohngebieten die Itogapuks in düstern Urwäldern hausen. Ihre Sprache war uns damals noch fremd, obwohl gewisse Worte in Tupi, das dem Guarani ähnlich ist, verstanden worden zu sein schienen. Nach Gestalt, Farbe und Haar ähnelten die Itogapuks den Parintintins, aber ihr Körperschmuck glich weit mehr dem der Nambiquaras. Spätere Untersuchungen verstärkten die Annahme zugunsten der Nambiquaras, aber nebenher gibt es auch schwerwiegende Gründe für die Annahme, daß sie einen Zweig des wilden Nomadenstammes der Arara bilden. Das Indianeramt in Manáos führt sie gleichwohl amtlich als besonderen Stamm unter dem Namen der Itogapuks.
12. Der Fluß der Itogapukindianer.
Spät am Nachmittag des folgenden Tags erschienen die Indianer wieder auf der Lichtung. Der Stationskommandant, der den verräterischen Charakter aller Wilden kannte, hielt es für unklug, noch am gleichen Tag nach den Maloccas aufzubrechen. Den drei Führern wurde Unterkunft im Lager angeboten, aber schließlich machten sie ein Feuer auf der Lichtung und legten sich auf den Boden, mit den Füßen gegen die Glut. Am nächsten Morgen zogen wir los, noch ehe der dichte Wald von den Fiebernebeln frei war, so daß mich nur eine starke Dosis Chinin vor einem Anfall der Malaria rettete, die im Juni und Juli in diesen Waldgebieten besonders heftig auftritt.
Ich möchte hier erwähnen, daß alte Reisende im Amazonengebiet nicht für den fortgesetzten Gebrauch von Chinin sind. Nach ihrer Behauptung begünstigt es eine Erkrankung am gefürchteten Schwarzwasserfieber. Ich selbst habe Wochen auf dem Amazonenstrom und seinen Nebenflüssen zugebracht, ohne eine einzige Dosis zu nehmen, obwohl ich im Fall starker Erschöpfung oder Durchnässung bei Regenwetter unweigerlich Chinin in genügender Menge schlucke, um die Folgen solch gefährlicher Zustände abzuwehren. Augenscheinlich ist es kein Vorbeugungsmittel gegen Malaria, aber das bequemste und wirksamste Mittel, die Symptome zu unterdrücken.
Wir paddelten etwa zwei Stunden im Batalõe flußaufwärts. Auf dem Igarapé, in den wir dann einbogen, sah ich ganze Felder der riesigen, unter dem Namen Victoria regia bekannten Wasserrosen. Ihre schalenförmigen, weißlich grünen Blätter auf dem schwarzen Wasser boten einen wundervollen Anblick gegen den Hintergrund der Assaipalmen und des dicht verwachsenen Waldes. Bei der Weiterfahrt trafen wir auf zahlreiche Alligatoren, die geschäftig ihrer Frühstücksjagd nachgingen. Es war kaum acht Uhr und die Sonne hatte noch nicht genügend Kraft gewonnen, um das Leben in den Wäldern auszulöschen. Alles war feucht und von einem frischen, üppigen Grün. Das von den Alligatoren aufgewühlte Wasser glänzte wie Gold, wenn sie mit schwerfälligen Bewegungen dem Batalõe auswichen. In den Bäumen schnatterten Araras und Affen.
Trotz dieser Morgenfrische hatte man das Gefühl des Ungesunden. Ob es an dem faden Geruch der faulenden Vegetation lag, an dem Düster des Blättergewölbes, dem Fehlen auch des leisesten Lüftchens oder daran, daß man die Einsamkeit, die Ferne und eine Unermeßlichkeit, in der der Mensch für nichts zählt, empfand, kann ich nicht sagen. Dieser Igarapé der Itogapuks machte jedenfalls auf mich den Eindruck eines tropischen Paradieses mit der Atmosphäre eines Grabes.
Eine viertelstündige Wanderung auf einem Dschungelpfad brachte uns endlich wieder auf eine Lichtung, die der Sonne Zugang verstattete. Sie war ziemlich groß, und auf der einen Seite befanden sich zehn merkwürdiger aussehende Maloccas, als ich sie bisher in den Riesenwäldern dieses geheimnisvollen Landes gefunden hatte. Sie waren aus teilweise geflochtenem Stroh gebaut und ähnelten Bienenkörben mit spitzigen Dächern. Hielt man ihre Größe mit der Anzahl der herumstehenden nackten Gestalten zusammen, so wurde es augenscheinlich, daß jede Hütte für mehrere Familien berechnet war und daß sich das häusliche Leben der Itogapuks mehr oder minder in Gemeinschaft abspielte.
Feindselige Absichten wurden nicht offenbar, obwohl eine Mischung von Scheu und Mißtrauen wohl zu unterscheiden war. Zuerst näherten sich nur die alten Weiber und Kinder. Als wir aber begannen, Geschenke auszuteilen, nahm das Gedränge um die Häuptlinge herum allmählich zu. Die Neugierde der Wilden war stärker als ihre natürliche Furchtsamkeit und ihr Argwohn, aber ein unrichtiges Benehmen hätte bei der elektrisch geladenen Atmosphäre der ersten Stunden recht gefährlich werden können. Nach einem Mahl, das wir von der Station mitgebracht hatten und an dem der ganze Stamm von fast hundert Leuten teilnahm, ließ die Spannung langsam nach. Später vertilgten die Itogapuks noch große Mengen von Affenfleisch und eines berauschenden Getränks.
Zwei junge Itogapukmädchen von etwa 14 Jahren trieben sich neugierig in meiner Nähe umher und faßten endlich Mut, mich genau in Augenschein zu nehmen. Zuerst betrachteten sie verwundert meine Kleider, hierauf meine Hände unter völligem Stillschweigen. Dadurch nicht befriedigt, rollten sie meine Ärmel auf, spuckten auf meine Arme und rieben sie dann aus aller Kraft mit den Händen! Offenbar erwarteten sie, daß das Weiß abgehen und ich in meiner wahren Farbe dastehen würde. Als aber nichts von dem geschah, dehnten sie ihre Nachforschungen auf meinen Hals unter dem offenen Hemd aus. Doch da ich von dem einmaligen Anspucken mehr als befriedigt war, lehnte ich höflich aber bestimmt weitere wissenschaftliche Untersuchungen ab und suchte ihre Aufmerksamkeit in andere Bahnen zu lenken, indem ich sie dem Ticken meiner Taschenuhr lauschen ließ.
Es ist wohl nicht angängig, die jungen Itogapukmädchen hübsch zu nennen im europäischen Sinn des Wortes, aber für Wilde waren sie keineswegs häßlich. Die blutunterlaufenen Augen verdarben etwas den Eindruck, und ihre Nacktheit machte sich infolge der Gewohnheit, alle überflüssigen Haare vom Körper zu entfernen, noch stärker fühlbar. Mehrere kamen den sagenhaften weißen Indianern näher, als ich es bisher gesehen hatte. Später aber traf ich auf zwei Wilde, ein Kind bei den Ocainas und ein Mädchen eines unbekannten Stammes an der Grenze Ecuadors, deren Haut so weiß war, daß man sie aus der Entfernung von Europäern nicht hätte unterscheiden können. Selbst in der Nähe sahen sie nicht dunkler aus als etwa Italiener.
Die Itogapukweiber haben das Haar kurz geschnitten und mit einem Strohband eingebunden. Um den Hals tragen sie Halsketten aus braunen und weißen Samenkörnern, oft in mehreren Reihen. Einige hatten sich Bänder aus gefärbtem Stroh um jede Schulter gewunden und auch um die Lenden, Arme, Hand- und Fußgelenke. Säuglinge wurden auf dem Hüftbein der Mutter umhergetragen. Die Kinder hatten Lieblingsaffen, die auf ihren Händen oder Schultern saßen. Eines der Weiber trug schwere Ohrringe aus schwarzem Stein, aber der Gebrauch, das Ohrläppchen zu verlängern, scheint bei ihnen nicht zu bestehen.
Mehrere Weiber hatten durchbohrte Oberlippen, so daß an einen allgemeinen Brauch ohne Rücksicht auf das Geschlecht gedacht werden müßte. Da aber weder Kinder noch junge Leute in solcher Weise entstellt waren, mag es sich um Heirats-, Alters- oder Standesabzeichen handeln. Obwohl Männer und Weiber Tag und Nacht nackt unter einem gemeinsamen Dach leben, war nichts Unschickliches zu bemerken, auch nichts von jenen schrecklichen Krankheiten, die in den Ansiedlungen nur zu sichtbar hervortreten.
Die Kriegsbogen waren aus dunkelm, mahagonifarbigem Holz verfertigt und über zwei Meter hoch. Solch einen Bogen ganz zu spannen erforderte beträchtliche Kraft. Dazu gab es drei verschiedene Pfeilarten: die einen mit abgestumpfter Spitze für die Vogeljagd; die zweiten mit breiten, scharfen Holzschneiden für die Jagd auf den Tapir, den Jaguar und Wildschweine; ferner Kriegspfeile mit häßlich vergifteten Widerhaken, die von einer Scheide geschützt waren. Als Speer wurde nur eine lange Lanze gebraucht mit Vogelfederverzierungen am Griff. Sie dient hauptsächlich zum Anspießen bei der Jagd auf Schildkröten, Fische, Alligatoren, Schlangen und Leguane (Eidechsen).
Die Itogapuks glauben an gute und böse Geister, unter denen sie gleichsam die belohnenden und rächenden Engel eines höchsten und unsichtbaren Gottes zu verstehen scheinen, den man sich auf der Sonne oder auf dem Mond wohnend vorstellt. Sie müssen durch Festmähler und die Martern junger Mädchen versöhnt werden, aus denen man dadurch das Böse austreibt und die man damit gehorsam und fügsam macht. Kinder scheinen nicht viel zu gelten, obgleich sie anscheinend gut behandelt werden. Im Alter von zehn Jahren werden die Mädchen dem Mann verlobt, der am meisten für sie zahlt. Von da an leben sie am Gemeinschaftsfeuer ihres Herrn und Gebieters. Waisenkinder werden weggegeben, und auf diese Weise gelangten ein kleines Mädchen und ein Junge des Stammes zur Erziehung nach Manáos.
Die Kinder sind ein vergnügtes, lachendes Völkchen. Den ganzen Tag treiben sie sich mit ihren zahmen Affen spielend umher. Eins oder zwei trugen Halsketten und Amulette aus dem geglätteten Holz der Tucunapalme oder Schnüre von braunen und weißen Samenkörnern. Ein etwa zwölfjähriger Junge war unendlich stolz auf seinen Kopfschmuck aus dem Fell eines schwarzen Jaguars, der in dieser Gegend sehr selten vorkommt.
Unser Nachtlager wurde am Rand des Igarapés aufgeschlagen, an der Seite des Indianerdorfes. Die Frösche vollführten ein schreckliches Gequake die ganze Nacht hindurch, die durch Schwärme von Insekten aller Gattungen noch unerquicklicher gemacht wurde. Merkwürdigerweise geschah es in der ersten Nacht, die ich bei diesen Wilden zubrachte, daß ich Bekanntschaft mit dem Vampir machte. Die Luft war ganz still und furchtbar heiß. Unter dem Moskitonetz konnte ich kaum atmen, und schon nach ein paar Minuten war ich im Schweiß wie gebadet. Stundenlang lag ich so wach und hörte dem Froschkonzert im nahen Sumpf und dem Gesumm der zahllosen Insekten zu.
Dann war ich doch wohl ein wenig eingenickt und mußte das Moskitonetz während meines unruhigen Schlafes von den Füßen weggeschoben haben. Als ich gerade vor Tagesanbruch erwachte, hatte ich ein seltsam kühles, kitzelndes Gefühl in den Füßen. Ich knipste die kleine elektrische Taschenlampe an, die ich für Notfälle immer bei mir trage, und erblickte in ihren Lichtstrahlen einen großen Vampir, der seine häutigen Flügel auf- und zuklappte, während er das Blut aus einer Wunde in meinem linken Fuß sog. Durch das Licht geblendet, flog das ekelhafte Geschöpf in das Moskitonetz und flatterte dann davon in die noch sternenhelle Dämmerung.
Ich brachte das Netz wieder in Ordnung und untersuchte den Fuß, an dessem Rist ein kleiner tiefer Einschnitt zu sehen war, aus dem Blut träufelte. Am nächsten Morgen fühlte ich mich recht schwach, ob durch den Blutverlust oder den Mangel an Schlaf, vermag ich nicht zu bestimmen. Meine Fußgelenke waren von den Bissen der Moskitos so verschwollen, daß ich in die Tourenstiefel nicht hineinkam und mich mit den weichen Moskitoschuhen behelfen mußte, die ich bisher nur am Abend im Lager oder im Kanu der Bequemlichkeit wegen getragen hatte.