Part 13
Am selben Tag gelang es mir, eine der seltsamen Maloccas zu betreten. Die Itogapuks haben an ihren Strohhütten zwei sehr niedrige Eingangsöffnungen, so daß ich fast auf allen vieren kriechen mußte, um hineinzukommen. Im Innern war es fast finster bis auf das trübe Licht, das von den Eingängen herkam. Von schwelenden Feuerstellen war nichts zu sehen wie in den Maloccas der Indianer am Tapajóz und Gy-Paraná. Außer einem Weidenkorb mit Früchten, mehreren Flaschenkürbissen und einer hölzernen Schüssel zum Ausquetschen der Mandioka gab es keinerlei Hausgerät. Mehrere Bogen lehnten an der Strohwand, und eine Anzahl von Pfeilen steckte in der Erde in eigens dafür gemachten Löchern. Auf dem Boden lagen ein oder zwei Felle, die den Raum für jede Familie abgrenzen. Denn die Malocca war recht groß und mochte etwa 10 Meter im Durchmesser halten und 4½ Meter hoch sein. Durch die beiden Öffnungen läßt sich im Fall eines Angriffs schnell das Freie gewinnen. Die eine ging auf den Igarapé hinaus, die andere auf die Lichtung.
Unter dem Ufergebüsch lagen die Kanus verborgen, leichte, aber sehr starkgebaute Fahrzeuge aus Rinde, die durch Spreizen offen gehalten wird. Den ausgehöhlten Stämmen der Caripunas waren sie weit überlegen und glichen mehr den Kanus der Parintintins. In jedem Kanu befand sich ein wasserdichter Flaschenkürbis, der innen an dem gekrümmten Holzstück befestigt war, das als Bug- und Sternpfosten dient. Aus dieser starken Versteifung der Boote ging hervor, daß die Itogapuks geschickte Kanuleute sind, die auch Fahrten über die Stromschnellen nicht scheuen. Doch scheint es sehr unwahrscheinlich, daß sie den Aripuanan befahren, der den Kautschuksammlern mehr oder weniger bekannt ist und von ihnen besucht wird. Die Wilden hassen diese Leute, denn sie haben zu viel unter ihren stets schußbereiten Winchesterbüchsen gelitten. Die Quelle und die Zuflüsse des kleinen Madeira sind noch immer unbekannt, und vielleicht entdeckt man eines Tages, daß er in einen größeren Fluß führt oder einen der Nebenflüsse des Madeira, wodurch eine Kreisverbindung mit dem Aripuanan hergestellt wäre. Wie dem auch sein mag -- die Itogapuks sprachen von dem „großen weißen Wasser“ und dem „See der Piranha“. Dieser Fisch, der auch Menschen angreift, kommt in vielen amazonischen Flüssen vor. Er ist mehr gefürchtet als der „Jacaré“ oder Alligator, den man sehen kann, während die Piranha plötzlich aus der Tiefe auftaucht und über Wasser zuschnappend mit ihren messerscharfen Zähnen einen Finger, eine Hand oder die Zehen abbeißt.
Es wäre irreführend zu behaupten, daß dieser Stamm von Wilden zum Kannibalismus neigt. Solange endgültige Beweise fehlen, sollte das Gegenteil angenommen werden. Denn Kannibalismus im vollsten Sinn des Wortes kann bis jetzt keinem einzigen Stamm der großen amazonischen Waldgebiete zur Last gelegt werden. Allerdings besteht nur wenig Zweifel, daß sie kannibalische Gebräuche ausüben. So pflegen sie eine Schale Blut von gewissen erlegten Tieren zu trinken, im Glauben, dadurch der Stärke, Schlauheit oder Klugheit ihrer Opfer teilhaftig zu werden. In dieser Hinsicht gleichen sie den Kaschibosindianern am Ucayali und den Uaupés am gleichnamigen Fluß, die die Knochen der im Kampf erschlagenen Feinde zerstoßen, das Pulver mit gegorenem Fruchtsaft mischen und es dann trinken, um sich der Stärke oder Klugheit des toten aber bewunderten Gegners zu versichern. War der Überwundene schwach, feig oder leicht zu besiegen, so wird der Kopf als Trophäe abgeschnitten und der Rumpf in den Wald geworfen oder als Lockspeise für Raubtiere verwandt. Anscheinend nehmen die Weiber an derartigen Gebräuchen nicht teil, doch bin ich dessen nicht sicher. Jedenfalls habe ich keinen Beweis, daß Kannibalismus unter jenen Stämmen herrscht, und glaube, daß es sich dabei um eine irrtümliche Anschauungsweise handelt.
Am Abend des zweiten Tages führten uns die Itogapuks einen Kriegstanz vor. In ihrem Schmuck von Vogelfedern und Fußringen boten sie einen barbarischen Anblick auf dem charakteristisch tropischen Hintergrund von Palmwedeln und breiten Paicovablättern. Aus der Darstellung eines Angriffs scheint hervorzugehen, daß die 2 Meter langen Kriegsbogen erst über den Kopf gehalten werden, während die Sehne bis zur Schußlage gespannt wird. Dann senkt sich der Bogen mit dem langen gefiederten, mit vergifteten Widerhaken versehenen Pfeil bis zur Augenhöhe, ehe der Pfeil abfliegt. Nach den Leistungen dieses Indianerstamms zu urteilen, ist die Treffsicherheit weit übertrieben worden. Auf ganz kurze Entfernung vermag der Schuß tödlich zu wirken, muß aber die Flugbahn in Betracht gezogen werden, so ist die Treffsicherheit sehr gering. Der Tanz besteht aus einem langsamen Hin- und Herschieben der Füße, Schwenken der nackten Körper, Vorgehen und Zurückweichen unter wildem Geschrei und noch wilderer Musik von Flöten und hohlen Kalabassen. Nur am Schluß unterschied er sich von ähnlichen vorher und nachher beobachteten Tänzen, als die Gefangennahme der Weiber und Mädchen durch die Sieger dargestellt wurde. Jeder der Leute suchte sich ein Mädchen aus, warf sie in die Luft und rannte mit der kreischenden Beute in seine Malocca zurück.
Am nächsten Morgen verließen wir das Dorf der Itogapuks und fuhren den kleinen Igarapé hinab zu unserm Lager am Aripuanan. Auf seinem Oberlauf wird er von den wenigen Caboclos „Castanho“ genannt, die in diese entlegenen Gegenden kommen, um Kautschuk zu sammeln.
Zwanzig Tage später erfreute ich mich einer guten europäischen Mahlzeit in dem wohlbekannten Café der „Avenida“ in Manáos.
Auf dieser Reise, in Manicoré, hörte ich zum erstenmal von Major Tito Neves, der damals einen Besitz am Marmellosfluß hatte, dem ungesundesten unter allen Nebenflüssen des großen Madeira. Als ich auf einem Vergnügungsausflug viele Monate später nach Manáos kam, war die Geschichte der Taten dieses Mannes in den Tiefen der Wälder im Druck erschienen und verbreitet worden. Für die Wahrheit der Darstellung kann ich persönlich nicht stehen, aber meine Quellen scheinen zuverlässig zu sein, und außerdem liegen die Berichte auf Portugiesisch im Druck vor. Ich will hier nur einen kurzen Abriß geben als Illustration der Behandlung der Indianer seitens gewissenloser Leute und des merkwürdigen Abenteurerlebens im Amazonengebiet.
Der Maicyfluß teilt sich in zwei Abschnitte. Am Unterlauf, nahe seiner Mündung, sitzen die Pirahanindianer, während der Oberlauf und die Gebiete um den Maicy-Mirimé und Gy-Paraná die Domäne der kriegerischen Parintintins bilden, von denen in früheren Kapiteln die Rede war. Zwischen diesen zwei Stämmen herrschte eine Blutfehde bis zum Erscheinen der Offiziere des Indianeramts in den allerletzten Jahren. Der Maicyfluß war der Schauplatz beständiger Stammeskriege, und um Frieden zu stiften wurden Stationen des Indianeramts an der Mündung und zwischen den düstern, von den Pirahans und Parintintins bewohnten Waldgebieten errichtet. Später kam noch die schon erwähnte Station am Maicy-Mirimé dazu, die die Aufgabe hatte, mit den Parintintins in freundschaftliche Beziehungen zu treten. Diese drei Stationen verwandeln allmählich den Fluß aus einem Schauplatz blutiger Kämpfe in eine Gegend des Friedens.
Gegenüber der Station am mittleren Maicy befinden sich die Dörfer der Pirahans. Hier spielte sich das Folgende ab. Wie man erzählt, überfiel Major Tito Neves die Dörfer mit bewaffneter Macht, vertrieb die Indianer aus ihren Maloccas und Tapirys, nahm ihre kleinen Pflanzungen in Besitz und machte viele von ihnen zu Sklaven, um die umliegenden Wälder von brasilianischen Nußbäumen auszubeuten.
Nach der Ernte verbrannte Neves die Dörfer mit der Absicht, die Indianer an der Rückkehr zu hindern und zog sich selbst mit dem Gewinn nach Manicoré zurück. Später baute er eine Barraca nächst dem zerstörten Dorf, aber ein ungeheurer Baum fiel auf das Gebäude und zertrümmerte es. Und so abergläubisch sind die Caboclos oder Mischlinge, daß ihn fast alle seine Arbeiter verließen, weil sie den Unfall für eine Schickung der Vorsehung hielten.
Diese kleine Geschichte, die „Neves’ Schatten“ heißt, bietet an sich nichts Besonderes. Doch braucht man nur ein wenig Einbildungskraft, um sie mit schauerlichen Einzelheiten auszufüllen. Aber freilich hat alles zwei Seiten, und neben dieser Geschichte erzählt man eine andere in Porto Velho von dem Überfall einer Plantage durch die Indianer mit Mord, Brandstiftung und Zerstörung, ohne daß die Regierung den betreffenden Stamm zur Rechenschaft zog. Die beiden Geschichten sollen nur als Illustration dienen für Typen und Zustände in den verschlungenen Wäldern und ungesunden Flußgebieten dieser Grenzen zwischen Zivilisation und Barbarei.
13. Ein geheimnisvoller Felsentempel.
Im mittleren Amazonengebiet ist Manáos der gegebene Knotenpunkt des Stromsystems, ebenso wie Pará für den Unterlauf der Flüsse. Erst jenseits der Grenze Perus verlegt er sich von Manáos nach Iquitos, und da hat auch der Amazonenstrom einen andern Namen angenommen. Zuerst heißt er Solimões und dann, nach Überschreiten der brasilianisch-peruanischen Grenze, Marañon. Iquitos liegt jedoch über 1600 Kilometer von Manáos entfernt, und von ihm ist vorläufig noch nicht die Rede. Wir befinden uns im Land der Riesenentfernungen, wo jeder Ortswechsel nur mit Hilfe der Karte anschaulich gemacht werden kann.
Nach wenigen Rasttagen in Manáos entschloß ich mich, einen weitern Vorstoß in das Herz der brasilianischen Wildnis zu unternehmen, und zwar diesmal nach Norden in das wenig bekannte Gebiet an der Grenze Venezuelas, ehe ich zu längerer Ruhe nach Europa zurückkehrte. Mein Entschluß, den Rio Negro und Rio Branco hinaufzufahren, entsprang verschiedenen verführerischen Aussichten. Zuerst einmal war mir Förderung meiner Absichten versprochen worden, wenn ich zur Staatsdomäne von S. Marcos am wenig bekannten Rio Uraricoera gelangen würde; zweitens hatte ich genug von den düsteren Wäldern und sehnte mich nach den ungeheuern, unbekannten Flächen, die nördlich des dritten Breitengrades vorhanden sein sollten. Dort gab es Indianer eines völlig von jenem der dichten Dschungeln verschiedenen Typs, den kürzlich entdeckten „Felsen der Inschriften“, die Kristallberge und die unerforschten Steppen des Amazonenstroms.
Der Flußdampfer, auf dem ich mich am 12. September einschiffte, war sehr klein und hatte nur wenig Tiefgang. So langsam war seine Fahrt gegen die Strömung, daß Stunden auf dem offenen, sonnenhellen, blauschwarzen Rio Negro verflossen, ohne daß unser Fortschritt recht bemerkbar wurde. Die weißen Häuser und Türme von Manáos, die ihm einen östlichen Anstrich verleihen, schimmerten im Licht der sinkenden Sonne, überragt von der grüngoldenen Kuppel des nutzlosen Theaters und eingefaßt von der frischen tropischen Vegetation und den Klippen aus rotem Sandstein. Dahinter wogte es wie Feuer um den untergehenden Sonnenball über den unbekannten Wäldern des brasilianischen Guayana. Träge kämpften wir uns gegen die schnelle Strömung an S. Raymundo vorüber, der hübschen, kleinen und durch seine Wäscherinnen berühmten Vorstadt von Manáos, an der drahtlosen Station und endlich an dem Igarapé vorbei, der durch überschwemmte Wälder zu den Fällen von Tarumá führt. Und dann ging’s hinaus in die nachtverhüllte Wildnis auf dem sternenhellen Fluß.
Nirgends im Amazonengebiet spiegeln sich die zahllosen Lichtpunkte des indigoblauen Himmelsgewölbes in gleicher Pracht auf der ruhigen Oberfläche der Flüsse wie auf den schwarzen Wassern des Rio Negro. Zuzeiten ist die Wirkung geradezu zauberhaft. In stillen, mondlosen Nächten ist man von Sternen wie umgeben. Solange noch der Widerschein der Schiffslichter auf dem Wasser liegt, ist der Eindruck schwächer; zu später Stunde aber, wenn sie abgeblendet sind, ist’s, als schwebte man langsam durch einen sternenerfüllten Raum.
Auf diesen Flußdampfern speist man unter einem Schutzdach auf dem Hinterdeck, und wäre die Verpflegung nur einigermaßen gut, so könnten solche Reisen auf den stärker befahrenen amazonischen Flüssen von und bis zu der Endstation ganz gemütlich und außerordentlich unterhaltend sein. Die Speisekarte besteht mit wenigen Unterschieden aus in Baumwollsamenöl gebratenen Eiern, schwarzem Kaffee und Farinha, einem wie Sägemehl schmeckenden, aus Mandioka bereiteten Brei, Konservenfleisch, Goyabagelee und getrockneten Süßwasserfischen. So geht es, je nachdem, tage- oder wochenlang fort in der beständigen Hitze der Wälder und Flüsse und nimmt der sonst landschaftlich wundervollen Fahrt jeden Reiz. Die Reise wird so zu einer Frage der Ausdauer, einer Vorprüfung für die unendlich größern Entbehrungen, wenn das „Mutum-Mutum“, wie die halbzivilisierten Indianer das Dampfboot nennen, erst Hunderte von Meilen hinter uns liegt und die Wildnis uns aufgenommen hat mit ihren Ansprüchen an Kraft, Zähigkeit und Unverdrossenheit, mag auch alles noch so sorgfältig vorbereitet und organisiert worden sein.
Die Landschaft am Rio Negro ist gänzlich verschieden von der an den meisten amazonischen Flüssen. Im Osten begleiten seinen Lauf Hügelketten, im Westen viele überschwemmte Wälder. Die Hügel erheben sich über die in den breiten Fluß vorspringenden Sandsteinklippen und kleiden sich in das Grün der tropischen Vegetation, das beständig andere Töne annimmt. Nach Süden und Westen schaut man meilenweit über den wilden, unerforschten Dschungel, die Heimat unbekannter Stämme, deren Jagdgründe und Maloccas sich meistens in weiter Ferne in den düstern Wäldern befinden, die wie dunkle Wellen den dunstigen, blaugrauen Horizont umsäumen. In diese Richtung erstrecken sich viele lange Igarapés, und weit draußen trifft das Auge auf glänzende Flecken, die verraten, daß sich dort namenlose Waldseen befinden. Erklimmt man einen der Hügel, so fliegt der Blick über unendliche Strecken tropischer Wälder, was in diesem unermeßlichen Gebiet von fünf Millionen Geviertkilometer sonst nur selten in Flußnähe der Fall ist.
Vorübergehend halten wir an einigen Caboclohütten und Lehmziegelhäusern namens Tauapersassu und Ayrao und endlich an dem trübseligen und verwahrlosten Städtchen Moura, 274 Kilometer von Manáos. Fast gerade gegenüber der verfallenen Niederlassung mischen die Gewässer des Rio Branco ihre weißen Streifen und Flecken in die schwarze Flut des Rio Negro. Er ist noch weitere 400 Kilometer bis Santa Isabel schiffbar, aber während der Niederwasserzeit von Dezember bis März nur für Dampfboote mit sehr kleinem Tiefgang. Jenseits Santa Isabel beginnen dann zahlreiche Stromschnellen und gefährliche Felsriffe.
In Moura heißt es entweder den Dampfer mit der staatlichen Barkasse „Amazonia“ vertauschen oder sich ein Batalõe verschaffen für die lange Fahrt den Rio Branco flußaufwärts, dessen starke Strömung der Schiffahrt erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Nur langsam geht es vorwärts. Im Unterlauf des Flusses gibt es allerlei Hindernisse wie bewaldete Inseln, gewundene „Furos“ (Flußarme) und Brackwasserseen. Zu beiden Seiten hat man den tropischen Wald, dessen Bäume ihre mächtigen Äste über den Fluß breiten. Selbst mit Hilfe der Karte und des Kompasses ist es nicht leicht, sich im richtigen Fahrwasser zu halten. Oft gehen Stunden verloren, wenn man einen der verschlungenen Wasserwege verfolgt, der schließlich nur wenige Kilometer oberhalb wieder in den Hauptfluß einmündet.
Das Ästuar, einige Kilometer oberhalb Moura, bildet eine prächtige, mit bewaldeten Inseln bedeckte Wasserfläche. Jenseits begleiten den Fluß 350 Kilometer lang die Mauern der immergrünen Wälder, die nur einmal am rechten Ufer, 250 Kilometer von Moura, einen Ausblick auf die Serras do Barauana gewähren. Bis oben hinauf dicht bewachsen unterbrechen sie die Eintönigkeit der Landschaft. Dann kommt die kleine Niederlassung von Vista Alegre, wo die von Manáos durch die Wälder geplante Straße einmal ihr Ende am Rio Branco finden soll. Der Bau geht jedoch nur langsam vorwärts und ist, obwohl er vor vielen Jahren begonnen wurde, erst bis Campos Salles gediehen, einige dreißig Kilometer über Manáos hinaus.
Am Nordufer beugten sich hier zwei große Bäume über den Fluß, die über und über mit den merkwürdigen Nestern von Stärlingen besetzt waren. Fast von jedem Zweig hingen sie herab. Der Eingang zu den Nestern dieser eigenartigen Tiere befindet sich am Boden, von wo ein Gang nach oben zu dem Brutplatz des Weibchens führt. Diese Stärlinge sind fröhliche kleine Geschöpfe, die den ganzen Tag singen und zwitschern. In der Nähe war ein Baum, von dem nicht weniger als drei große, bienenkorbähnliche Wespennester herabhingen.
Etwa 30 Kilometer über Vista Alegre hinaus ist das Fahrwasser durch die gefährliche Cachoeira (Stromschnelle) Bemqueror unterbrochen, doch kann man sie sowohl durch den Furo do Cuyubim umfahren als auf dem Landweg über die Serra Caracarahy umgehen. Hat man erst diesen schwierigen Abschnitt hinter sich, so liegt der Weg frei bis Boa Vista, ungefähr 100 Kilometer jenseits der Stromschnellen. Der Wald wird nun lichter, bis endlich in weiter Ferne unendliche Ebenen wie ein wogendes Meer erscheinen. Kommt man aus dem feuchten Zwielicht der tropischen Wälder und hat nun vom hohen Ufer aus plötzlich die durch kleine Palmeninseln durchbrochenen Flächen bis zum Horizont vor sich, so ist’s, als träte man aus dem Düster eines Treibhauses auf ein frischgrünes Feld hinaus.
Mit Wonne atmete ich die Luft der amazonischen Steppen ein, die wie eine Seebrise nach einem Londoner Nebel auf mich wirkte. Obwohl Gruppen von Bäumen und selbst kleine Dschungelstreifen erst verschwanden, als die Ultima Thule des Amazonengebiets erreicht war, weit oben an den Flüssen Parimé und Surumú, hatte ich doch endlich die dunstigen Wälder, ungesunden Flüsse und moskitoverseuchten Sümpfe hinter mir, und ungehemmt von den grünen Gefängnismauern durfte der Blick in die Weite schweifen.
Die kleine Niederlassung Boa Vista, etwa 700 Kilometer von Manáos entfernt, besteht aus vielleicht 130 Gebäuden, die eine ungepflasterte und unbeleuchtete Straße bilden. Es ist eine hinterwäldlerische Ansiedlung. Die meisten Häuser sind aus Luftziegeln und „Taipa“ gebaut und haben Zink- oder Strohdächer. Ich hielt mich hier nur so lange auf, als erforderlich war, mein Gepäck in die Barkasse umzuladen, die schon wartete und mich nach S. Marcos und den Uraricoera flußaufwärts bringen sollte bis zu seiner Vereinigung mit dem Parimé auf 3° 20′ nördlicher Breite.
Auf der Staatsdomäne von S. Marcos, die vom Indianeramt verwaltet wird, traf ich mehrere Offiziere. Nach Ergänzung der Vorräte fuhren wir westwärts in den Uraricoera ein. Den Ufern des schmalen Flusses entlang befinden sich zahlreiche Farmen, auf denen hauptsächlich Viehzucht auf den Steppen ringsum getrieben wird. Außer den ausgedehnten Staatsdomänen, wo man Macuxyindianer als Viehhirten beschäftigt, wären hier zu nennen die Facendas des Oberst Bento Brazil und des Commendadore Araujo am Pariméfluß. Dorthin ging meine Reise, um den geheimnisvollen Felsen der Inschriften zu untersuchen. Dann wollte ich über die offenen „Campos“ den obern Surumú erreichen.
Über die Reise den Uraricoera und Parimé flußaufwärts brauche ich nur wenig zu sagen, um zu schildern, wie ich die Tage hinbrachte. Der Uraricoera ist auf beiden Ufern umsäumt von kleinen Gruppen von Palmen und andern Bäumen, zwischen denen sich weite Ausblicke auf die wellenförmige Steppe und auf namenlose Serras bieten. Der Parimé ist ein schnell dahinströmender kleiner Fluß, dessen Quelle in einer Kette hoher unerforschter Berge fern am Horizont liegt. Da er damals mit Barkassen nicht befahren werden konnte, mußte dieses Beförderungsmittel gegen Pferde vertauscht werden. Beamte der benachbarten Fazenda stellten sie mir liebenswürdigerweise zur Verfügung zusammen mit einigen wenig anmutig aussehenden indianischen Vaqueros, die zugleich als Führer dienen sollten.
Der wenig bekannte Felsblock, den zu sehen ich so weit gereist war, befindet sich in einiger Entfernung vom Alto Parimé und steigt wie ein gigantischer Ballon aus der ebenen Steppe. Er ist so abgelegen, daß die Annahme wohl richtig ist, daß er der heilige Felsentempel der großen Indianerstämme war, deren Jagdgründe sich hier vor 600 Jahren ringsum ausbreiteten.
Es ist kaum möglich, ein Gefühl scheuer Ehrfurcht zu unterdrücken, wenn man von der Steppe her in den Schatten dieses ungeheuren Blocks reitet. In mancher Hinsicht ähnelt er den merkwürdigen Matoppos in Rhodesia, nur ist er viel größer. In seiner Riesenhaftigkeit gibt er das überwältigende Gefühl einer Allmacht, die allein fähig war, diesen kolossalen abgerundeten Felsbrocken hierher auf eine sich nach jeder Richtung auf Meilen und Meilen eben ausdehnende Fläche zu versetzen.
Ein schmales Felsband führt spiralenförmig um die Basis der überhängenden Masse. Auf einer Seite befindet sich eine Höhle, die einer Kavallerieschwadron Unterkunft bieten würde. Offenbar war hier der Tempel der alten indianischen Götter, und auf dem Steinaltar sind zweifellos viele blutige Opfer dargebracht worden. Hoch oben an der Außenwand ist eine augenscheinlich künstliche, schmale, merkwürdige Plattform, von der ein Abstieg jetzt jedoch nicht mehr durchführbar zu sein scheint. Über dreißig Meter unter ihr erhebt sich eine natürliche ebene Steinterrasse. Unwahrscheinlich ist es nicht, daß von dem luftigen Altar auf unbekannte Weise die Menschenopfer auf die Steinterrasse im Angesicht der unten versammelten Indianerstämme herabgestürzt wurden.
Die Seiten dieses sicherlich größten Felsblocks der Erde sind ausgewittert und verfärbt von der tropischen Sonne und den Regenfluten der Jahrhunderte. Aber außer den tief in den Felsen eingegrabenen Inschriften, von denen ich auf Seite 179 einige wiedergebe, weiß man wenig Sicheres über seine Geschichte und seinen Zweck. Daß er einst ein großer Tempel war, ist zweifellos und wird von den Macuxy-, Uapirkanas- und Jarikunasindianern bestätigt, den mächtigsten Stämmen, die jetzt die Umgebung bewohnen.
Diese Nacht lagerte ich im Schatten des großen Felsentempels. Alle Stunden der Finsternis waren erhellt von den lautlosen tropischen Blitzen. Zuweilen war das Stampfen der Hufe flüchtender Rinderherden weit draußen in der Steppe zu hören, sonst nicht einmal das leise Flüstern des Windes im Grase. Eine Stille wie nicht von dieser Welt. Im Zucken der blauen Blitze am unerforschten Horizont enthüllte sich jedesmal die ungeheure schwarze Felsmasse. Nur schwer ließ sich die Phantasie zügeln, die nachtverhüllten Flächen ringsum mit nackten Gestalten in geisterhaften Zeremonien zu bevölkern. Der Schlaf floh mich, trotzdem der mühselige Ritt in der großen Hitze des Tags mich erschöpft hatte. Als die ersten roten Streifen der Dämmerung über die gebrochenen Linien der Steppe hinzitterten, war ich froh zu essen, aufzupacken und von dem unheimlichen Felsblock wegzukommen, dessen eigentümlich farbgesprenkelten Flächen im rosigen Licht des Morgens wie von Blut trieften.